Der Russenluster

Der Geräteschuppen des Moser´schen Reihenhauses, der allerlei Nützes (Rasenmäher, Heckenschere, Blumenerde) und Unnützes (undichter Gartenschlauch, solarbetriebene Deko-Schmetterlinge, Werkzeugkasten ohne Werkzeug) beherbergt, wird in dunklen Stunden von einem sogenannten Russenluster beleuchtet. Dieses hübsche Wort bezeichnet im Wienerischen Sprachgebrauch die Raumbeleuchtung mittels einer Glühbirne, die in einer einfachen Fassung ohne Lampenschirm direkt am Stromkabel von der Decke hängt. Die Bezeichnung nimmt den im Hochdeutschen Lüster (österreichisch: Luster) genannten Kronleuchter und wertet ihn dann ab: einerseits bedeutet in der Wiener Mundart „etwas russisch machen“ eine schlampige bzw. nur provisorische Arbeitsausführung.  Allerdings kann mit der erklärenden Beifügung „Russen“ auch die (angenommene) spartanische Ausstattung und Unordnung russischer Haushalte gemeint sein. Schon meine Großmutter, die alte Moser sel., pflegte entsetzt ihre knorrigen Hände vor den Mund zu legen und zu rufen: „Jössasmariaundjosef! Do schauts jo aus wie bei de Russn!“, sobald sie das Lego-Ritterburg-Bücher-Indianer-Chaos in meinem Kinderzimmer erblickte. Das russische Volk hatte also dazumals bei uns kein allzu gutes Image, das von Omas Schauergeschichten aus dem Weltkrieg und der anschließenden Besatzungszeit noch reichlich ausgeschmückt wurde. Ohne in meinem jungen Leben jemals einen leibhaftigen Russen erblickt zu haben, war der Russe für mich kleinen Knirps das personifizierte Böse – schmutzige, schlampige Diebe in Uniform, mit riesiger Pelzmütze, nach Wodka stinkend, „cha cha cha“ und „chua chua chua“ lachend.

Nun wollte meine stets nach Perfektion strebende Heidi den Anblick unseres Russenlusters nicht länger ertragen, und entsandte mich in ein namhaftes Einrichtungshaus, um eine schlichte, eine dem Umfeld des Geräteschuppens adäquate Deckenlampe zu erwerben. Nach eingehender Beratung und bereits fünf Stunden später kehrte ich heim ins Reihenhaus, um meiner stilsicheren Frau stolz meine Einkäufe zu präsentieren. Aus einem bunt bedruckten Türkenkoffer (= Wienerisch für Plastiktüte) zauberte ich eine schmucklose Milchglas-Halbkugel mit schwarzer Einfassung, die sofort Heidis Zustimmung fand. Da ich mich an jenem Vormittag in baldiger Erwartung des Urlaubsgeldes in bester Konsumlaune befunden hatte, brachte ich für unseren Topfpflanzentisch im Vorgarten noch eine graue, abwaschbare Plastiktischdecke mit weißen Fransen (Made in China) mit, die aber kommentarlos im Schuppen gleich neben dem undichten Gartenschlauch landete. Meinen größten Trumpf hatte ich mir jedoch bis zum Schluss aufgehoben: „Nächste Woche wird ein neuer Tschuschen-Fernseher geliefert!“ informierte ich Heidi stolz. Allen, die des Wienerischen nicht mächtig sind, sei gesagt, dass es sich hierbei um eine Waschmaschine handelt. Die ersten Gastarbeiter, die in den 60er und 70er Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Österreich kamen, wurden vom einheimischen Volk bald als „Tschuschen“ bezeichnet. Über die Etymologie des Wortes gibt es mehrere, unbelegte Theorien – da aber auch auf Russisch „tschuschoi“ so viel wie fremd bedeutet, liegt die Vermutung nahe, dass der Wortstamm im Slawischen verbreitet ist. Die Bezeichnung Tschuschen-Fernseher für eine Waschmaschine oder einen Wäschetrockner kreierte das goldene Wienerherz, da sich die schlecht bezahlten Gastarbeiter oft keinen Fernseher leisten konnten.

Heidis helle Freude über die neue Waschmaschine machte den Missgriff mit dem Tischtuch problemlos vergessen, und wir genossen ein herrliches Wochenende bei traumhaftem Wetter. Doch im Schuppen lauert die neue Deckenlampe und will montiert werden, um dem Russenluster endgültig den Garaus zu machen. Elektrizität + Moser = Todesgefahr! Ich überlege bereits, die fachkundige Hilfe eines Funkenschusters (Wienerisch für Elektriker) beizuziehen.

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13 Kommentare zu „Der Russenluster“

  1. Lieber Herr Moser!

    Ich würde einfach einen ungeliebten Kollegen zum Grillabend einladen und ihn dann ganz unverfänglich bitten, beim Abbau des Russenlusters zu helfen. Nach Ihrer Anleitung versteht sich. Da schlagen Sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

    Gefällt 5 Personen

  2. Russenluster, Türkenkoffer, Tschuschen-Fernseher – tja, manch umgangssprachliche Wortschöpfungen lassen tief blicken in die Vorurteilsseele unserer Vorfahren und Mitmenschen gegenüber anderen Völkern. Mir fällt dazu noch ein, dass man etwas „türkt“, wenn man etwas fälscht und es gibt bestimmt noch viele andere Beispiele, die mir aber gerade nicht in den Kopf wollen.
    Lassen Sie bitte lieber die Finger vom Russenluster, damit Sie Heidi und uns erhalten bleiben.
    Herzliche Grüße
    Agnes

    Gefällt 4 Personen

      1. Ostschluse – das kannte ich noch nicht, klingt ziemlich fies. Dagegen ist Besserwessi fast eine Schmeichelei. Manchmal, mit Augenzwinkern und gegenüber Freunden, verwende ich den Begriff auch noch, wenn mir jemand meint erklären zu müssen, wie die Welt funktioniert …

        Gefällt 3 Personen

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