Wassermelone, Kirschkerne & Serienkiller

Jim konnte seine Wut nicht mehr bezwingen. Keinen Augenblick länger wollte er sich die Gedanken dieses wahnsinnigen Schlächters anhören. Er stemmte sich gegen die Fesseln und brüllte aus vollem Halse, schrie seinen Hass und seine Qual heraus. Er konnte die Empfindungen, die in ihm brannten wie das Feuer der Hölle, nicht in Worte fassen. Sein Schrei war älter als alle Wörter, primitiver, urtümlicher. Jim rannen Tränen über die Wangen. Es brach ihm schier das Herz, seine Frau und seine kleine Tochter so hilflos und verängstigt zu sehen. Während er vor Wut zitterte, suchte Emily seine Aufmerksamkeit und bedeutete ihm mit einer Bewegung ihrer Augen, nach rechts zu schauen. Jim folgte ihrem Blick. Und schaute in die kalten grauen Augen eines Monstrums…

Atemlos vor Spannung blätterte ich um, meine Nerven waren zum Zerfetzen gespannt. Welche Grausamkeit hatte sich der irre Serienkiller Frank Ackerman jr. diesmal ausgedacht? Würde Police Officer Jim Morgan einen Ausweg aus der hoffnungslosen Situation finden und seine Familie vor den Fängen der Bestie retten können? Ich kauerte seit Stunden auf der Couch, hatte Zeit und Raum rings um mich vergessen und nicht bemerkt, dass inzwischen längst die Dämmerung hereingebrochen war. Just in diesem Augenblick betätigte meine brave Heidi den Lichtschalter und riss mich mit einer 5er-Schiene 65W-LED-Spots aus dem wohligen Lesegrusel schlagartig zurück in die Reihenhaus-Realität: „Moser, lies doch nicht im Dunkeln! Du verdirbst dir die Augen!“ Ein Satz, den ich von meiner lieben Mama Fritzi wohl tausend Mal gehört habe und sofort fühlte ich mich in meine Kindheit versetzt. Der kleine Moser ist ja in einer Welt der Mythen, der Halb- und Unwahrheiten herangewachsen. Ich wurde mit mütterlichen Warnungen geimpft wie gegen Pocken, Zecken und Kinderlähmung. Zog ich beispielsweise eine lustige Grimasse und schielte dabei, kam Mamas „Hör auf damit, sonst bleiben dir die Augen stecken!“ so zuverlässig wie das Amen in der Kirche. Sobald ich mir eine Handvoll Kirschen schnappte, predigte sie mit erhobenem Zeigefinger: „Pass auf Bub, wenn du einen Kirschkern verschluckst, wächst daraus ein Baum in deinem Bauch und die Äste kommen dir aus Mund, Nase und Ohren heraus!“ Auch das Verschlucken eines Kaugummis bedeutete Lebensgefahr, denn er verklebt den Magen, ich würde nie wieder AA machen können und eines qualvollen Todes sterben. (Liebe Mutti! Jetzt kann ich es dir ja verraten: die Verdauungsflüssigkeit im menschlichen Magen besteht zu einem Großteil aus Salzsäure und die zersetzt sogar einen läppischen Kaugummi).

Ebenso todbringend wie Kirschkerne und Kaugummi waren in meiner Kindheit der weiße Rand von Wassermelonen, sowie die weiße Haut zwischen Schale und Frucht bei Orangen und Mandarinen. Laut Mama Moser, der Königin der Angstmacher, strotzten die nur so vor Blausäure. Überhaupt barg das sonst so gesunde und vitaminreiche Obst eine Fülle heimtückischer Gefahren. Ich liebte süße, reife Zwetschken, durfte sie aber nur vernaschen, wenn ich zuvor einen Eid ablegte und schwor, mindestens eine Stunde danach kein Wasser zu trinken. „Sonst bekommst du üble Bauchschmerzen und Durchfall“, warnte die besorgte Mutter. Die 1-Stunden-Regel fand übrigens auch im Schwimmbad Anwendung und ich musste mich für eine Stunde nach Verzehr der mitgebrachten Schnitzel mit Gurkensalat im Schatten aufhalten und durfte mich dem Schwimmbassin nicht mal nähern. Wie ich inzwischen weiß, hat keine Studie je nachgewiesen, dass ein voller Bauch im Wasser negative gesundheitliche Folgen hat. Auch der Mythos von Rückenmarkschwund und Blindheit durch die lustvolle Sportart des Onanierens ist wissenschaftlich nicht haltbar. Ginge es also nach den Weisheiten meiner sonst so geschätzten Frau Mama, wäre ich heute längst tot oder säße zumindest als blinder Krüppel im Rollstuhl, zu nichts anderem fähig als jene Kirschen zu pflücken, die auf dem Baum aus meinem Bauch wachsen.

„Liest du schon wieder diesen Serienmörder-Schmarrn?“ frug Heidi vorwurfsvoll. Ich nickte und brummte unwillig unter dem gleißenden Licht der Wohnzimmer-Spots. „Dieser Irrsinn ist nicht gut für die Psyche, das bleibt alles in deinem Unterbewusstsein“, schüttelte Heidi einen neuen Mythos aus dem Ärmel. Was glaubt mein geliebtes Weib von mir? Dass ich nach der Thriller-Lektüre den biederen Abteilungsleiter abstreife und im Gartenschuppen junge Mädchen erwürge und abhäute? Lächerlich. Ich schnappte mir ein Stück Wassermelone und schnitt den weißen Rand sorgfältig weg. Man weiß ja nie.

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21 Kommentare zu „Wassermelone, Kirschkerne & Serienkiller“

  1. Lieber Herr Moser!

    Waren die Gefahren im Essen früher wirklich nur blanker Unsinn, stellen sie sich in heutiger Zeit immer mehr als richtig heraus. Von Unkrautvertilgungsmitteln und anderen chemischen Substanzen durchtränkt, kann man wirklich kaum noch etwas zu sich nehmen. Hoffentlich war bei Ihrer Wassermelone nicht der abgeschnittene Rand noch das einzig Gesunde 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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  2. Lieber Herr Moser, der fantastische Mythos Ihrer Mama Fritzi erinnert mich an den Mythos meines großen Bruders, den er mir erzählte, als ich bei einem ebenso spannenden Knight Rider Hörspiel als kleiner Junge eine Murmel verschluckte: Wenn diese nämlich nicht wieder rauspflutschte, würde sie sich festsetzen und ich würde irgendwann aufquirlen, platzen und eine riesen Sauerei hinterlassen. Es ist zum Glück nicht passiert, aber solche Mythen können kleine Jungs wahrlich traumatisieren. Daher verstehe ich Sie voll und ganz. Beste Grüße!

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  3. Wie auch immer … es war sehr unterhaltsam zu lesen. Ich konnte garnicht aufhören. Einige Dinge kamen mir sehr bekannt vor … jetzt weiß ich auch endlich wo mein Rückenmark geblieben ist und warum ich zum Brillenträger wurde. Grins …

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  4. Ja, lieber Herr Moser, viele Ratschläge von früher waren tatsächlich zum AA machen, denken wir nur an den Mythos vom Eisen im Spinat usw. Dennoch bin ich überzeugt, dass auch eine Menge Ratschläge von heute über kurz oder lang für A und F sein werden … 😉

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  5. Und wenn man kaltes Wasser trinkt, bekommt man Läuse im Bauch..
    Und alles, was mit „Untenrum“ zu tun hatte, war pfui und unanständig.
    Tja, wir wurden schon doll aufs Leben vorbereitet.
    Toll geschrieben! 🙂

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  6. Ich bin kurz mal in meinem begrenzten Gedächtnis meine Kindereziehungszeiten durchgegangen – und ich weiß stolz zu berichten, dass ich nicht eine dieser Viertelweis- und -wahrheiten an meine Kinder weitergegeben habe. Obwohl, das Lesen mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, was meine Tochter immer gemacht hat, fand wohl keinen uneingeschränkten Beifall.

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