Die Übersiedlung

Während in Australien aufgrund des Nord-Südhalbkugelphänomens gerade der Frühling seinen lauen Einzug hält, die Eukalyptusbäume erblühen, die ersten Kängurus schlüpfen und leise Didgeridooklänge durch das Outback wabern, trommelt in lovely Austria pünktlich zum meteorologischen Herbstbeginn der Regen an die Schlafzimmerfenster. Verschlafen lüpfe ich ein Augenlid und nehme auf dem Radiowecker die Ziffern 07:21 wahr. Mich schaudert. Nicht nur des Regens wegen, auch der anstehende Umzug des Kollegen Cerny, bei dem ich leichtsinnigerweise meine Hilfe zugesagt habe, liegt mir schwer im Magen. Das nasskalte, ungemütliche Wetter kommt strafverschärfend hinzu und ich beginne, die Liste der glaubwürdigsten Ausreden durchzugehen. Gerade als ich bei Punkt 19 angekommen bin (19a: „meine alte Ellbogenfraktur von 1998 schmerzt  aufgrund des Wetterumschwungs so stark, dass ich unmöglich schwer heben kann“), befördert mich Heidi mit zärtlichen Tritten aus der warmen Bettstatt: „Aufstehen Moser! Und denk nicht mal daran, dir irgendwelche Ausreden einfallen zu lassen! Du hast es Cerny versprochen, sei ein Mann!“ Ach Heidi, wie sehr ich dich liebe!!

 

Pünktlich um 9:00 stand ich wie vereinbart vor Cernys dunkel gebeizter Wohnungstür im zweiten Stock ohne Lift. Dr. Jonas Cerny  prangte in verschnörkelten Lettern auf dem Messingschild. Angeber. Um mir Einlass zu verschaffen, hatte ich die Wahl zwischen einem mit billiger Goldfarbe bepinselten Löwenkopf, der einen Ring im Maul hielt, und einem unscheinbaren weißen Klingelknöpfchen. Ich atmete noch einmal tief durch und entschied mich dann für den kitschigen Türklopfer. Poch, poch, poch! Nichts geschah. Ich seufzte, verdrehte die Augen und betätigte die Klingel. Es erklang eine nicht enden wollende Xylophon-Version der Marseillaise. Wahrscheinlich ein Überbleibsel seiner frankophilen Freundin, die alles Französische vergötterte, wie mir Cerny mal in einer tränenreichen Mittagspause nach seiner Trennung gestanden hatte: „Sie liebte Paris, die Seine, Charles Aznavour, Froschschenkel, Schnecken, Jacques Brel, Baguette und Beaujolais…“ Nachdem die letzte Strophe der Marseillaise verklungen war, hörte ich ein müdes Schlurfen hinter der schweren Holztür. „Wer ist da?“ rief Dr. Jonas Cerny. Dieser Depp!! Wer wird um 9 Uhr läuten, wenn meine starken, helfenden Hände für 9 Uhr angekündigt waren? Die Zeugen Jehovas?? Ich ließ mich vom Teufel reiten und rief: „Die Zeugen Jehovas, die Soldaten des Himmels! Wir möchten gerne mit Ihnen über Gott sprechen.“ Stille. Dann Cerny: „Gehen Sie weg, ich habe zu tun! Ich ziehe um. Dieses Haus wurde von Gott verlassen!“ Du lieber Himmel. Mein Kollege steckte offenbar in einer schweren Abschiedsdepression. Möglicherweise haben ihn beim Packen der Umzugskisten die vielen Erinnerungen an seine Verflossene (wie hieß sie gleich nochmal?) übermannt, und nun ergab er sich weinerlich seinen Sentimentalitäten. „Cerny, Sie gottverdammter Idiot! Ich bin´s, Herr Moser! Machen Sie endlich auf.“ „Und wenn das ein Trick ist und Sie doch ein Soldat Gottes sind?! Nein, nein. Verschwinden Sie.“ „Wenn Sie nicht sofort die Türe öffnen, verschwinde ich wirklich und Sie können Ihren Krempel alleine schleppen! Schauen Sie doch durch den Spion, wenn Sie mir nicht glauben… unfassbar!“ „Ich habe keinen Türspion“, entgegnete Cerny. Ich: „Dann legen Sie sich einen zu!“ Er: „Zu spät. Das steht für die paar Stunden nicht dafür. Aber in der neuen Wohnung gibt es einen Spion! Vielleicht könnten wir uns dort treffen?“ „Ceeeerrrnyyy!“ Vorsichtig öffnete sich die Tür.

Der Kollege bot ein Bild des Jammers. Die überdimensionalen Augen hinter den dicken Brillengläsern schwammen trübselig über dunklen Augenringen, das schuppige Haar stand wirr in alle Richtungen. „Schlecht geschlafen?“ frug ich rhetorisch, Cerny nickte geistesabwesend. Mit Blick auf sein zerknittertes Hawaiihemd mit floralen Mustern und kleinen, hüpfenden Kängurus sagte ich möglichst unbekümmert: „Wussten Sie, dass in Australien gerade der Frühling beginnt?“ „Klar, Südhalbkugel“, antwortete der Wirtschaftsdoktor müde. Im nun folgenden peinlichen Schweigen ließ ich meinen Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich hier gepackte und fein säuberlich beschriftete Umzugskartons (Bücher, Geschirr, Diverses, Wäsche, usw.) stapeln und auf ihren Abtransport warten. Doch nichts dergleichen. In einer Ecke standen fünf oder sechs leere Bananenschachteln, sonst deutete nichts auf den bevorstehenden Umzug hin. In den Regalen verstaubten Bildbände über Frankreich, Kunstbände über Monet, Manet und Toulouse Lautrec und Romane von Satre, Francois Villon oder Simone de Beauvoir, Kochbücher von Paul Bocuse. In einer Glasvitrine Nippes, natürlich aus Fronkreisch – Glaskugeln mit Eiffelturm und Triumphbogen, hässliche Püppchen, Fähnchen und Klimbim. An den Wänden hingen sogar noch Urlaubsfotos des Ex-Liebespärchens und Drucke von Picasso. Ein paar vertrocknete Zimmerpflanzen ließen traurig ihre braunen Blätter hängen, es roch nach alter Knoblauchpizza und Angstschweiß. Das würde ein hartes Stück Arbeit werden.

Interessiert fragte ich den derangierten Cerny: „Und wann kommen die anderen?“ Er runzelte kurz die Stirn: „Die anderen? Ach so, nun die Sache ist so – Elmar hat angerufen, den hat über Nacht eine Darmgrippe erwischt. Lara muss zu ihrer senilen Großmutter ins Seniorenheim, da gibt es irgendein Problem mit dem Diebstahl von Wertsachen. Und Fred hat mir eine WhatsApp geschrieben, dem macht seiner rechter Arm zu schaffen. Der Wetterumschwung, kann nicht schwer heben.“ Verdammte Axt. „Das heißt, wir beide sollen das Ding ganz alleine rocken? Einpacken, runterschleppen, hinfahren, raufschleppen?? Im Regen??!!“ Ich war geschockt. „Haben Sie wenigstens einen großen Lieferwagen?“ „Ach ja“, seufzte der Kollege schicksalsergeben, „Jürgen lässt sich entschuldigen. Irgendwas mit dem Vergaser. Springt nicht an, die Kiste!“

Bis Mittag hatten wir den größten Teil von Cernys Kram in Kartons verpackt, seine Hawaiihemden und schwarzen Sakkos in einem grauen Hartschalenkoffer verstaut, den Flachbilderfernseher gegen den Regen in Alufolie gewickelt und ein Bücherregal demontiert. Dann stopften wir das Zeug in seinen alten VW Golf und in meinen tomatenroten Spanier, fuhren zu seiner neuen Bleibe (ein stilloser Neubau mit seelenlosen, quadratischen Fenstern) und schleppten es in den dritten Stock. Es gab zwar einen Lift, der sich aber nach der ersten, überladenen Fahrt kampflos ergab und irgendwo zwischen zweitem und drittem Stockwerk steckenblieb. Danach war ich körperlich und seelisch am Ende, trotz der herrschenden Herbstkühle total verschwitzt, müde und hungrig. Und die großen Brocken warteten noch auf uns – ein riesiger Schreibtisch, diverse Stühle, Lampen, ein Ikea-Bett, vier Schachteln mit Geschirr, Töpfen und seine Plattensammlung. „Gehen wir etwas essen? Ich kann nicht mehr!“ schlug ich vor. „Sie zahlen!“ „Klar, schräg gegenüber ist eine Pizzeria. Da können wir uns mit einer Kleinigkeit stärken.“

Ich bestellte eine Familienpizza Don Corleone mit allem – Schinken, Salami, Sardellen, Spinat, Ananas, Artischocken, Spiegelei. Cerny stocherte lustlos in seinen Ravioli, ich schloss mit Tiramisu und einer kleinen Käseplatte den Magen. Nach einem einfachen Espresso und einem doppelten Fernet sehnte ich mich wie noch nie zuvor in meinem Leben nach unserer Couch, nach einem behaglichen Mittagsschläfchen unter dem beruhigenden Motorengedröhne der DTM Tourenwagenmeisterschaft aus dem Fernseher. Während Cerny die üppige Rechnung beglich und ich mit einer Verdauungszigarette gegen säuerliches Aufstoßen kämpfte, frug ich beiläufig: „Wann müssen Sie aus der Wohnung raus sein?“ „Am 1. Oktober“, murmelte der Kollege und gab verstohlen nur 1,20 Trinkgeld. „Waaaas? Dann haben Sie ja noch gut eine Woche Zeit für die Übersiedlung!!“ „Ja, aber je früher ich dort raus bin, desto besser.“

Pünktlich zum Start der Tourenwagen DTM lag ich auf der Couch im Wohnzimmer. Leider mussten wir das Unternehmen Umzug vorzeitig abbrechen, da ich mir auf der Treppe etwas unglücklich „den Knöchel verstaucht“ habe und nicht mehr richtig auftreten konnte. So ein Pech! Sollen doch Elmar, Lara, Fred und Jürgen in den nächsten Tagen mit anpacken. Diese faulen Hunde hatten sich ohnehin mit müden Ausreden vor der Arbeit gedrückt. Heidi untersuchte den verstauchten Fuß, konnte aber weder eine Schwellung noch sonst etwas Beunruhigendes finden. „Das ist ja noch mal gut gegangen“, meinte sie. Ich nickte… sanft ein.

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22 Kommentare zu „Die Übersiedlung“

  1. Ist schon Schiet, wenn man so geizig ist, um ein Umzugsunternehmen zu beauftragen und so unbeliebt, dass allen eine faule Ausrede einfällt – ich hätte an Ihrer Stelle bei diesem mageren Eigenengagement auch nicht länger durchgehalten.
    Zu edel zu sein, bringt im Ernstfall den Titel „Gutmensch“ ein.

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