An Tagen wie diesen

Göttergattin Heidi hatte gestern ihren Mädelsabend mit Uschimaus & CoInnen, und überließ mich der Obhut von Netflix und einer tiefgekühlten Dr. Oetker Pizza Salami Extra with filled crust. Der Rand des belegten Industriefladens war mir trotz undefinierbarer Fülle zu trocken, das eingekühlte Bier zu alkoholfrei, das richtige Bier hatte zwar die swingenden Volumensprozente, war aber nicht eingekühlt und daher zu warm. Das Abendessen konnte man durchaus als durchwachsen bezeichnen, die begleitenden Abendnachrichten vermochten meine Stimmung nicht wirklich aufzuhellen. Kurz – Strache – Kickl – FPÖVP – Spalten -Kürzen – Streichen – Stoppen – Schließen – Migration – Einwanderer – Ausländer – Flüchtlinge – Regierung – Kotzen – Würgen. Ich wechselte vom linearen Staatsfunker ORF zum internetten Streamingdienstleister Netflix, um im New York des Jahres 1896 einem perfiden Kindermörder auf die Spur zu kommen („The Alienist – Die Einkreisung“). Zur Aufmunterung holte ich mir noch ein großzügig dimensioniertes Stück der schwedischen Mandeltorte, die wir von unserem letzten Ikea-Ausflug nebst einem Sack TK-Kötbular und einem Sack Teelichter mitgebracht hatten. Just als ich es mir auf der Couch gemütlich eingerichtet hatte, Mandelsplitter und Schokostückchen aus dem linken Backenzahn fischte und furzend mein Strohwitwer-Dasein genoss, quittierte Netflix den Dienst. Daniel Brühl als ermittelnder Seelendoktor ruckelte und zuckelte roboterhaft über den Bildschirm, auch der Ton kam nur noch bruchstückhaft und zerbröselt im Reihenhauswohnzimmer an. Entnervt schleuderte ich die Fernbedienung in die nächstbeste Ecke, und zerquetschte kaltblütig die aufgescheuchte Spinne, die vor dem Angriff der Remote Control ihr Heil in der Flucht suchte. Ich schaltete den sündteuren Smart-TV ab und den Laptop ein, um unserem Bundespräsidenten eine Mail zu schreiben und die sofortige Entlassung unserer geistesgestörten Bundesregierung zu fordern. „Auch ein offenbar wahnsinnig gewordener Kapitän darf zum Wohle des Schiffes und seiner Mannschaft im Rahmen einer Meuterei seines Amtes enthoben werden. Lieber Präsi VdB, entheben Sie zum Wohle des Schiffes Österreich und seiner Passagiere den emotional unterbelichteten und machtgeilen Kapitän Kurz und seinen 1. Offizier Strache umgehend ihres Amtes, ehe das Schiff in internationalen und nationalen Gewässern mit Mann und Maus versinkt!!!!!!!!!!!“ schrieb ich, wie man anhand der Rufzeichen sehen kann, ziemlich echauffiert. Zur Beruhigung holte ich mir noch ein Stück schwedische Mandeltorte, ehe ich zu Bett ging.

Heidi war offenbar erst spätnachts von ihrem Mädelsabend zurückgekehrt und schlummerte noch selig, als ich mich heute Morgen bürofertig machte. Ich war frühstückstechnisch auf mich allein gestellt, und versuchte mich erstmals an der künstlichen Intelligenz unseres nagelneuen App-gesteuerten Super-Hightech-Kaffeeautomaten, den uns Kaffeeliebhaberin Heidi im Zuge eines sensationellen Angebotes zum „Tag des Kaffees“ geleistet hatte. Schüchtern drückte ich die On-Taste, worauf der weinrot-metallisch glänzende Würfel (The Cube) blinkend zum Leben erwachte. Kurz darauf teilte mir das beruhigend blau leuchtende Display mit: Auslauf wird gespült und schon spritzte heißes Schmutzwasser auf die chromglänzende Abtropftasse. Nervös suchte ich nach einem leeren Häferl, um es im Auslauf zu platzieren und das Spülwasser aufzufangen. Nachdem ich diese Hürde mit nur 1 kleinen Verbrennung und 1 zerbrochenen Cappuccino-Glas gemeistert hatte, stöberte ich mehrere Minuten im Menü und wählte schließlich aus etwa 25 Optionen den doppelten Espresso mit extra Milchschaum. Voller Vorfreude drückte ich auf Start, die intelligente Maschine forderte: Fülle den Wassertank! Für mich bedeutete dies zunächst: Finde den Wassertank! Dank meiner überdurchschnittlichen Intelligenz und einer gehörigen Portion Glück fand ich den gut im roten Würfel getarnten Tank und befüllte ihn. Und immer, wenn ich mich schon nahe am Genuss einer köstlich duftenden Tasse Kaffees glaubte, hatte das Display eine neue Aufgabe für mich: Leere den Kapselbehälter, Leere die Abtropftasse und setze sie ein, Schließe den Milk-Master an, Spüle den Milk-Master, Lege eine Kaffeekapsel ein, Fortsetzen? Abbrechen? Wähle. Ich wählte den Schreikrampf, stürmte ins Schlafzimmer und schrie: „Willst du einen Scheiß Kaffee? Dann spüle den Milcheimer und schieß dir eine Kapsel in die Abtropftasse! Leere den Behälter und genieß dein Getränk!!“ „Moser, was ist los??!!“ schreckte mein liebes Heidilein aus dem Schlaf. „Was los ist, willst du wissen?? Leere den Wassertank und fülle den Milk-Master, das ist los!! Kapitän Kurz spielt Schiffe versenken und Präsident Netflix sieht tatenlos zu! Systemabsturz, das ist los! Strache ahoi! Ich fahre jetzt ins Büro, schönen Tag! Mann über Bord, guten Tag!“ Und weg war ich.

In der Fischkonservenfabrik angekommen, eilte ich umgehend in die Kantine, um mir ein ausgiebiges Abteilungsleiterfrühstück zu gönnen. Der dünne Filterkaffee schmeckte nach eingeschlafenen Füßen und ich ermahnte Kantinenchefin Hilde, sich endlich einen modernen Kaffeeautomaten zuzulegen: „Euer Abwaschwasser ist ja ungenießbar! The Cube ist ein heißes Teil, der kann alles!“ raunte ich ihr zu und bestellte bei der Gelegenheit eine Leberkässemmel. Ich beobachtete das Lehrmädchen, wie sie an der Aufschnittmaschine ein erbärmlich dünnes Scheibchen Leberkäse absäbelte, und rief empört: „Was machst du da, Mädel? Des is a Leberkas und ka Salami, schneid mir ein ordentliches Stück runter – aber dalli! Die Arbeit ruft.“

Spätestens wenn ich berichte, dass ich meinem Kollegen Cerny eine gewaltige Watschn androhte, wenn er nicht sofort aufhört, seine Schnupfennase hochzuziehen, wird es dem geübten Leser dämmern: Der sonst so ruhige und besonnene Herr Moser ist ein wenig aus dem Gleichgewicht. Und ich verrate Ihnen auch, warum. Ich habe nach über 40 Jahren leidenschaftlichen Zigarettenkonsums auf ärztlichen Rat hin dem Rauchen abgeschworen. Am Samstag, den 21. Oktober 2018 um 23:58 habe ich auf der Terrasse unseres Reihenhauses meine unwiderruflich letzte Zigarette geraucht. Nach knapp 18 rauchfreien Tagen wird man also doch ein wenig übellaunig und launisch sein dürfen! Und jetzt hören Sie gefälligst auf zu grinsen, Sie Leser Sie!

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46 Kommentare zu „An Tagen wie diesen“

  1. Lieber Herr Moser!
    Großartig!
    Halten Sie durch! In solch einer Phase dürfen Sie meinetwegen so übellaunig sein, wie Sie wollen. Wenn Sie das überstanden haben, wird es Ihnen umso besser gehen. Sie werden mit Heidi den Mädelsabend besuchen, Kanzler Kurz vom Throne stürzen und das Steuer übernehmen, während Ihnen die Kaffeeindustrie täglich den best gebrühten Kaffee vor die Füße äh in die Tasse schütten wird.
    Ich wünsche viel Erfolg und schätze Ihr Ansinnen sehr!

    Herzliche Grüße von einer überzeugten Nichtraucherin
    Mallybeau 🙂

    Gefällt 11 Personen

      1. Leiden empfindsame Fischkonservenleitermenschen so viel länger als einfache Weiber? Ich habe über Jahre eine Schachtel pro Tag geraucht und habe schlagartig aufgehört. Nach spätestens 10 Tagen war alles Leiden vorbei – und das seit 14 Jahren. Ich finde es rauchfrei immer noch besser – aber eben auch etwas gewichtiger. Aber das kann ich ab.

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  2. Meine Hochachtung und meinen Respekt zum Rauchverzicht!

    Ich gebe zu, dass ich angesichts des Moserschen Systemabsturzes tatsächlich grinsen musste. 😉

    Schade übrigens, dass die Mail an Herrn Van der Bellen aller Voraussicht nach schon im präsidialen Posteingang angekommen ist, ich hätte sonst gerne mitunterschrieben. Aus reiner Solidarität zum nachbarlichen Land der Berge, Land am Strome.

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  3. Lieber, geschätzter Moser, ich bedaure zutiefst den Verlust Ihrer Räucherware (nein, nicht den Fisch), dem auch meine Gattin anheim gefallen ist. So ergeht es mir, wenn ich nicht mindestens zweimal täglich ein kleines Eimerchen Kaffee zu mir nehme. Dazu dann kein braunes Lebenswässerchen zu bekommen und trotzdem nicht dem Morde zu verfallen, zeigt, was Sie für eine außergewöhnliche innere Stärke besitzen. Würden mir TK Pizza, laues Bier und Kaffeeverlust am Stück passieren, es gäbe wohl unselige Nachrichten aus einem flachen Land nordwestlich von Ihnen. Nun denn, ich wünsche Ihnen viele rauchfreie Momente, ob mit Furz oder ohne. Ihr alter Rosen …

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        1. Der Trick war, das es zwei „Bitte folgen“ Buttons gibt, warum auch immer. Vielleicht ist einer selbst erstellt, dann hat dieser natürlich priorität vor dem von WP 😉 Aber ich freue mich jetzt, mit dem lieben Moser in kleine Wortgefechte zu geraten 🙂

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  4. 😂😂😂 Entschuldigen Sie, aber das Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Halten Sie durch! Denken Sie daran, wie viele Tassen feinsten Kaffees Sie sich jetzt zusätzlich leisten können, wenn Sie denn den roten Würfel in den Griff bekommen. Nur Mut! Liebe Gutenachtgrüße, Susanne

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  5. Oh, ich bin ganz bei Ihnen und drücke Ihnen die Daumen, dass Sie’s schaffen. Auch ich kann bestätigen: es fühlt sich rauchfrei wirklich besser an.
    Meine Gedanken sind allerdings auch bei Heidi und allen anderen (außer Cerny, der kann das ab), Ihre Gereiztheit ist verständlich und wird vorübergehen.
    Herzliche Grüße
    Agnes

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  6. Oh, Herr Moser, Sie sind wirklich bemitleidenswert. Ich kann es mir bildlich vorstellen, die Gattin nicht im Hause und der Kaffeeautomat nicht vorprogrammiert und das Ganze dann alles ohne Qualm. Das ist wirklich nicht auszuhalten. Vielleicht bitten Sie Frau Heidi einmal, wenn sie wieder das Haus verläßt, eine Thermos Kanne mit Kaffee vor zu bereiten. Herzliche Grüsse

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  7. Ach lieber Moser, es schaut schlecht aus, in einem Satz kommt die ganze Regierungsmisere vor „Kurz darauf teilte mir das beruhigend blau leuchtende Display ….“ *kicher* es müsste natürlich „beunruhigend blau“ heißen 🙂 🙂

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