Alle Beiträge von moserschreibt

Der Wiener Journalist Gerry Weichselbaum ist das Mastermind hinter den vergnüglichen Abenteuern des Herrn Moser und seiner Adelheid. In unregelmäßigen Abständen werden auf diesem Blog auch diverse Kurzgeschichten publiziert.

Wurstsemmel 2.0

1987: Wenn der junge Herr Moser seinerzeit, als er noch keine fürsorgende Adelheid an seiner Seite wusste, Appetit auf eine kleine Zwischenmahlzeit in Form einer Wurstsemmel verspürte, betrat er meist den kleinen Greißlerladen Feinkost Ottendorfer, unweit seiner Studentenbude. „Guten Morgen, Herr Moser!“ grüßte der immer freundliche und untadelig gekleidete Peter Ottendorfer. Er trug unter seinem weißen Arbeitsmantel stets ein weißes Hemd mit dunkelroter Krawatte. „Was darf es heute sein?“ „Grüß Sie Herr Ottendorfer! Ein Extrawurstsemmerl mit Gurkerl bitte.“ Für meine Leser nördlich des Weißwurst-Äquators: Mir stand der Sinn nach einem Brötchen mit Fleischwurst und sauer eingelegtem Delikatess-Gürkchen. Der brave Feinkost-Mann schnappte sich eine frische Semmel, schnitt sie elegant auf, und säbelte auf seiner blitzsauberen Aufschnittmaschine fünf bis sechs Scheibchen Extrawurst runter. Mit einer Holzzange fischte er ein Gurkerl aus dem Glas und bastelte daraus mit wenigen Handgriffen einen bildschönen Gurkenfächer. Dann wickelte er diesen typischen Wiener Snack aus der Prä-Döner-Zeit in fettabweisendes Papier und überreichte ihn mir mit den Worten: „Das macht dann 7 Schilling, Herr Moser. Wünsche guten Appetit und einen schönen Tag!“ Die Wurstsemmel war herrlich saftig und üppig belegt und gut gelaunt startete ich in den Tag.

2017: Auch heute verspürte ich wieder mal Heißhunger auf eine „Wurschtsemmel mit Gurkerl“. Leider sind in Wien die Greißlereien längst ausgestorben, da sie den allmächtigen Konzernen auf Dauer keinen Widerstand bieten konnten. Auch Herr Ottendorfer musste irgendwann das Handtuch werfen. In Ermangelung einer Alternative betrat ich also einen Supermarkt, wo ich statt einer freundlichen Begrüßung via Lautsprecher informiert wurde, dass es für Stammkunden heute 25% auf Eis und Beeren gibt. An der Kühltheke schnappte ich mir zwei Wienerwurstsemmeln mit Essiggurkerln 105 Gramm zu je 1,50 Euro. Der Imbiss war in reichlich Plastik verpackt, darauf klebte ein Etikett folgenden Inhalts:

Zutaten: 50% Semmel (Weizenmehl, Hefe, Emulgator, Lecithin.E472eE471Salz) 33%Wiener (Rind- u. Schweinef) Kochsalz, Konservierungsstoff E250, Gewuerze, Zucker, Geschmacksverstärker E450.E451.Stabilisator E450.E451. Antioxidationmittel E300. 17% Essiggurkerl (Gurken, Trinkwasser, Speisesalz, Weingeistessig, Gewürze, Säuerungsmittel: Milchsäure, Konservierungsstoff: Natriumbenzoat. Süßungsmittel Saccharin). Gekühlt lagern bei 3 – 6° Grad.

Es folgte eine Nährwerttabelle, welche die enthaltenen Brennwerte in Kalorien, Joule, Gramm und Prozenten für Fett, Kohlenhydrate und anteiligen Zucker, sowie Eiweiß und Salz aufschlüsselte.  Dazu noch Mindesthaltbarkeitsdatum, Stückzahl 1, Preis pro Stück und den Barcode.

An der Kasse wurden die zwei Plastikpäckchen piepsend über den Scanner gezogen. Die Kassiererin fragte automatisch: „Kundenkarte?“ „Nein“, gab ich genervt zurück. Als ich die Semmeln mit Wienerwurst schließlich auspackte, musste ich feststellen, dass sich darin gerade mal drei jämmerliche Scheiben Wurst, sowie ein (in Worten: 1) Gurkenscheibchen so dünn wie ein Blatt Papier, befanden. Ich würgte das trockene, altbackene Ding mit Mühe runter und startete schlecht gelaunt in den Tag.

Herr Ottendorfer, falls Sie dies zufällig lesen sollten: Eröffnen Sie doch bitte wieder Ihren Feinkostladen! Nahe der Fischkonservenfabrik wäre ein hervorragender Standort – ich kaufe jeden Tagen mindestens zwei Wurstsemmeln mit Gurkerl bei Ihnen. Versprochen!

Sommer, Sonne, Schlaganfall

Der gestrige Freitag war im Raum Wien ein Bilderbuch-Sommertag. Also brach ich bereits zu Mittag meine Bürozelte in der Fischkonservenfabrik ab und eilte nach Hause, wo Heidi mit einer ihrer Spezialitäten wartete – Wurstsalat mit Frühlingszwiebeln, Radieschen, Tomaten aus eigener Aufzucht und knackige Gürkchen in einer Marinade aus weißem Balsamico, Honigsenf und Olivenöl. Ein Gedicht, ein kulinarischer Erlkönig, ein lukullisches Vaterunser, ein Hohelied auf die Spezies „Wurstsalat“.

Satt und zufrieden lehnte ich mich nach zwei Portionen der wurstgewordenen Offenbarung zurück. Lächelnd lud Heidi ihr Haupt an meiner starken Schulter ab und streichelte mein kleines Bäuchlein: „Na, hat´s geschmeckt mein Liebling?“ „Ach Heidi, wundervoll!“ „Hast du noch einen Wunsch?“ flüsterte die tüchtige Gemahlin in mein sonnendurchflutetes Ohr und zupfte neckisch an einem Haar, das sich den Weg aus dem dunklen Gehörgang ins helle Sonnenlicht erkämpft hatte. Ich, hoffnungsvoll: „Ja, haben wir noch Vanilleeis im Tiefkühler? Und frische Erdbeeren?“ Langsam wanderte Heidis Händchen Richtung Süden: „Das ist alles?“ Hörte ich da etwa Enttäuschung in ihrer Stimme? „Nein mein Täubchen, vielleicht sind ja noch etwas Schlagobers und Schokosauce vorrätig!“ „Moser!“ rief sie entrüstet und zog so stark an meinem sensiblen Ohrhaar, dass es mir Tränen in die Augen trieb.

Der Wink mit dem Zaunpfahl wirkte und mir fiel ein Artikel ein, den ich unlängst in einem wissenschaftlichen Journal gelesen hatte: Sonne macht Lust auf Sex! Darin ging es um Vitamin D, vermehrte Ausschüttung des Glückshormons Serotonin und gesteigerte Libido. Ah, daher wehte der Wind! Frau Moser hatte am Vormittag wohl ein Sonnenbad genommen. Ich reagierte blitzschnell und setzte meinen unwiderstehlichen Sexy-Blick auf, kniff ein Auge zu, lüpfte die gegenüberliegende Augenbraue und schürzte meine ölverschmierten Lippen zum berühmten Duckface. Das habe ich mir auf Facebook abgeschaut. Offenbar verfehlte meine Casanova-Mimik ihre erotisierende Wirkung, denn Heidi erlitt einen Lachkrampf.  Dabei verirrte sich ein Stück Frühlingslauch in ihrem komplizierten Luft- und Speiseröhrensystem, sie begann zu würgen und zu röcheln. Ihre Augen tränten, quollen hervor und unter bedrohlichem Husten drehte mir Adelheid den Rücken zu und bat: „Schlag mich mal!“ Ich aber verstand in dem ganzen Gewürge „Schlaganfall!!“ und war erschüttert. Mein geliebtes Weib, noch so jung, ein Schlaganfall, oh weh!! Nun kam es auf jede Minute, jede Sekunde an, und ich griff sogleich zum lebensrettenden Smartphone. Sie schlug mir das Telefon aus der Hand, das in der Salatschüssel landete. Sie deutete auf ihren Hals und hustete gurgelnd: „Das muss raus!“ „Krankenhaus??!!“ rief ich, „Sofort, mein Schatz!“ und fischte das Handy aus der öligen Marinade. Noch während ich versuchte, das glitschige Ding zwischen meinen Fingern zu bändigen und den Notruf einzutippen, entließ Heidi mit einem ambitionierten Huster das grüne Lauchröllchen in hohem Bogen in die Freiheit.

Nach diesem Zwischenfall war die knisternde erotische Stimmung natürlich beim Teufel. Aber das Vanilleeis mit Erdbeeren und Schokosauce war köstlich.

Der General, Teil 3

Was bisher geschah: Eines Abends klingelt es an der Tür und als Lisa öffnet, beginnt ein Alptraum. Der ekelhafte, gefährliche Psychopath Ronny, der ihr schon in der Schule nachgestellt hatte, dringt in ihr Haus ein und erschießt kaltblütigen ihren Mann. Sie wird vergewaltigt und entführt. Seit Wochen ist sie bereits in Ronnys Keller gefangen und angekettet, muss seine grausamen Übergriffe erdulden. Ihr einziger Freund und Tröster in dieser Hölle ist der „General“ – eine hochintelligente Ratte mit telepathischen Fähigkeiten, die aus der Zukunft kommt. Kann der General Lisa retten?

(Der General)

Wir übernahmen die Weltherrschaft langsam, unmerklich, schleichend. Es gab keine Revolution, keinen Krieg. Die Menschen selbst bereiteten uns den fruchtbaren Boden. Irgendwann waren die Städte nahezu unbewohnbar – Müll, Abfälle und Kloake beherrschten das Straßenbild. Ein wahres Rattenparadies. Von Generation zu Generation wurden wir stärker und größer, gegen die diversen Menschengifte waren wir längst immun. Meine Art vermehrte sich in irrwitziger Geschwindigkeit. Aber wir wurden nicht nur mehr, wir wurden auch klüger. -Zig Milliarden Ratten stellten zwar eine Macht dar, doch wir waren nicht organisiert. Also schlossen sich die intelligentesten unter uns zusammen, zeugten Nachwuchs, der wiederum selbst noch klügere Ratten in die Welt setzte, und so weiter. Sie wissen, was ich meine. Eines Tages hatten wir eine Elite-Generation, welche die menschliche Sprache verstehen konnte, und die mit dem Aufbau sozialer Strukturen begann. Ich selbst entstamme dieser elitären Schicht. Mein Vater ist der Commodore, ich selbst werde General genannt. Es gibt nur wenige unter uns, denen die Ehre eines Namens zuteil wird.

Eines Abends kam mein Vater nach Hause – wir wohnten sehr komfortabel im Heizungskeller einer verlassenen und geplünderten Herrschaftsvilla – und rief mich zu sich. „Sohn“, sagte er. „Wie uns zu Ohren gekommen ist, haben die letzten verbliebenen klugen Köpfe unter den Menschen in den letzten Jahren an einer Zeitmaschine gearbeitet, die nun vor ihrer Fertigstellung steht. Offenbar will man rund 250 Jahre zurückreisen, um das Schicksal zu korrigieren… um Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu treffen, um die Mega-Konzerne zu zerschlagen. Einzelheiten sind uns nicht bekannt. Ich habe aber beschlossen, dass du dich als blinder Passagier an Bord dieser Zeitmaschine schleichen wirst. Du gehörst ja zu den wenigen unter uns, der nicht nur die Sprache der Menschen versteht, sondern auch mittels Telepathie mit ihnen kommunizieren kann. Sobald die Zeitreisenden etwas unternehmen, was das Emporkommen unserer Rasse gefährdet, wird es dein Auftrag sein, ihre Pläne mittels telepathischer Suggestion zu manipulieren und zu verhindern.“

Wir landeten auf einem verrotteten, längst unfruchtbaren Maisfeld eines scheinbar verlassenen Bauernhauses. Ich wollte mich im Schutz der Dunkelheit an die Fersen der Crew heften, doch dann kam der Mond hinter den Wolken hervor und Dr. Fred Martens, der Politik- und Sozialwissenschaftler im Menschen-Team, entdeckte mich. „Verdammte Mistviecher!“ fluchte er und warf einen Stein nach mir. Ich flüchtete in das baufällige Gehöft… und landete im Keller, wo ich eine junge Frau namens Lisa kennenlernte.

(Lisa und Ronny)

„Zeit fürn bisschen Spaß“, grinste Ronny sie an und begann an seinem Gürtel zu fummeln.

„Ronny, bitte lass mich gehen!! Ich werde niemandem etwas verraten und auch nicht zur Polizei gehen! Das schwöre ich!!“ flehte Lisa.

Er lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. „Du hast mich in der Schule schon für nen Idioten gehalten, daran hat sich scheinbar nix geändert.“

Ängstlich kauerte sie am kalten Steinboden, die angezogenen Beine fest umschlungen. Ich kann es nicht tun, dachte sie, ich bringe es nicht fertig. Unauffällig schaute sie nach dem losen Stein in der Wand, ihrem Versteck.

„Nein, ich halte dich doch nicht für einen Idioten… damals in der Schule… du musst verstehen, ich wollte einfach noch nichts von Jungs. Meine Mutter hätte mich umgebracht. Aber das hatte nichts mit dir zu tun…“ versuchte Lisa Zeit zu gewinnen.

„Du bist ein eingebildetes, kleines Dreckstück. Hältst dich für was besseres oder so.“ Ronny schälte sich umständlich aus seinen fleckigen Jeans, dann zog er mit einem Ruck auch den Slip runter. Wie ein weißer, dicker Blutegel baumelte sein Glied in einem wuchernden Wald aus Schamhaaren. Sofort begann er, daran herumzukneten. Er machte ein paar Schritte auf sie zu, bis er knapp vor ihrem Gesicht stand.

„Los, jetzt kannste mal was anderes als Trübsal blasen…“ lachte er und packte sie an den Haaren. „Und komm nicht auf irgendwelche Dummheiten, Schlampe. Sonst siehste deinen Buchhalter schneller wieder als dir lieb ist.“

Lisa schloss die Augen und kämpfte mit der aufsteigenden Übelkeit. „Wenn ich jetzt kotze, bringt er mich um“, dachte sie.

Plötzlich meldete sich der General. Laut und deutlich hörte sie ihn sagen: „Tu es! Wenn du weiterleben willst, weißt du, was du zu tun hast. Denn eines Tages, wenn er genug von dir hat, wird er dich töten.“

Sie nickte und flüsterte: „Okay.“

Ronny grinste: „Na also.“

Sie versuchte, alle Gedanken und Gefühle abzuschalten. Sie war nur noch ein Organismus, der funktionieren musste, der überleben wollte. Um jeden Preis. Der kleine Ronny war hart geworden und vergnügte sich in ihrem Mund. Lisa bemerkte, wie sein Atem schwerer wurde. Vorsichtig schielte sie nach oben. Der besoffene Fettsack hatte die Augen geschlossen und lächelte, als wäre er soeben ins Himmelreich aufgestiegen.

„JETZT!“ Wie ein heller Blitz schoss das Wort durch ihren Kopf.

Langsam tastete sie mit der Rechten nach hinten, wo hinter dem lockeren Ziegelstein das Geschenk des Generals wartete – eine etwa 20 Zentimeter, spitz zulaufende und scharfkantige Glasscherbe. Dann ging alles sehr schnell. Mit voller Kraft biss Lisa zu, sofort spürte sie den salzig-eisigen Geschmack seines Blutes im Mund. Ronny schrie auf, laut, ungläubig, unmenschlich. In dieser Sekunde schnappte sich Lisa die Scherbe und stieß sie mit aller Kraft in die Brust ihres Peinigers – dorthin, wo sie sein Herz vermutete.

(Der General)

Das war vor etwa zwei Wochen. Das Arschloch ist binnen weniger Minuten gestorben, hatte noch ein bisschen geröchelt und gezuckt, während das Mädchen hysterisch schluchzte. „Es war richtig, Lisa. Gut gemacht“, sprach ich ihr Trost zu.

Nachdem sie ein paar Mal zögerlich auf den leblosen Körper hingetreten hatte, um sicherzugehen, dass Ronny wirklich tot war, begann sie seine auf dem Boden liegenden Jeans zu durchsuchen.

„Wo ist dieser verdammten Schlüssel??!!!“

Zitternd und fluchend griff sie in alle Taschen, förderte aber nur ein Feuerzeug, einen Flaschenöffner, 35 Cent und ein benutztes Papiertaschentuch zutage. Dann tastete sie den Boden ab, vielleicht war er ja rausgefallen. Nichts. „Er hat den Scheiß-Schlüssel nicht bei sich!!“ schrie Lisa und rüttelte wie eine Irre an ihrer Fußfessel. Wieder und immer wieder.

Die junge Frau balancierte in den nächsten Tagen am Rande des Wahnsinns. Die meiste Zeit hockte sie wimmernd am Boden oder starrte schweigend vor sich hin. Auch für meine Worte war sie nicht mehr empfänglich. Ich sendete ohne Unterlass, aber ihr Empfänger war abgeschaltet. Ihr Durst muss höllisch gewesen sein. Neben ihr verweste der aufgedunsene Körper von Ronny Paulsen und verströmte einen bestialischen Gestank. Es war heiß.

Gestern ist Lisa gestorben, sie hat sich mit der Glasscherbe die Pulsadern aufgeschnitten. Ich konnte es nicht verhindern. Die Zukunft ist offenbar Schicksal und lässt sich nicht verändern. Diese Lektion habe ich gelernt. Ich werde meine Zeitreise-Mission abbrechen und hier bei euch bleiben. Wahrscheinlich werde ich mir ein hübsches, kluges Weibchen suchen und eine Familie gründen.

 

Der General, Teil 2

(Der General)

Selbst auf die Gefahr hin, dass Sie mich für verrückt halten: Ich wurde im Jahr 2258 geboren. Und soviel kann ich Ihnen verraten – das Leben auf der Erde hat nicht mehr viel mit dem zu tun, wie ihr es hier, irgendwann Anfang der 2000er, kennt. Ich will Sie auch gar nicht mit Details langweilen, außerdem sind meine Geschichtskenntnisse nicht soooo prächtig. Das übliche halt, was über Generationen überliefert wird, was dir Eltern und Großeltern an einem heißen Winterabend erzählen. Jedenfalls begannen die Dinge ungefähr zu eurer Zeit aus dem Ruder zu laufen. Vielleicht 50 oder 100 Jahre später, nageln Sie mich bitte nicht fest. Die Welt war in der Hand einiger weniger Konzerne. Die Märkte für Lebensmittel, Energie, Elektronik, Banken und was die Menschheit noch so glaubte, zu brauchen, teilten sich ein paar Mega-Unternehmen. Undurchschaubare Firmen-Geflechte, Holdings, Joint Ventures. Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde immer größer, und zwar in atemberaubendem Tempo. Anfangs versuchten die Politiker noch gegenzusteuern, doch ihre Förderprogramme und Finanzspritzen waren nicht mehr als kurzfristige Kosmetik. Längst hing man am Gängelband der mächtigen Wirtschaftsbosse und der Unmut im Volk wuchs. Irgendwann brachen dann die Revolutionen aus, die Ausgebeuteten stiegen auf die Barrikaden. Weltweit brannten die Städte, wurde Gewalt mit noch mehr Gewalt beantwortet, es regierten Hunger und Chaos.

Doch damit nicht genug: die Folgen des Klimawandels zogen ihre verheerende Spur über die Erde. Jahre der tödlichen Dürre mit Hitzewellen unvorstellbaren Ausmaßes wechselten mit nie gekannten Überflutungen, zerstörerischen Tornados und Hurrikans. Die Polkappen und Gletscher schmolzen dahin wie eine Kugel Vanilleeis in der Sommersonne. Und die Menschen waren machtlos, paralysiert, gefangen im täglichen Überlebenskampf.

Schließlich war unsere Zeit gekommen. Ach ja, habe ich schon erwähnt, dass ich eine Ratte bin?

(Lisa)

Zitternd hörte sie die schweren Schritte auf der Holztreppe näher kommen. Plötzlich ein dumpfer Knall und Gepolter, dem ein lallender Fluch folgte. Lisa wusste, was das zu bedeuten hatte. Ronny war besoffen. Und wenn er genügend getankt hatte, kam er meist in den Keller, um es der „Drecksau mal so richtig zu besorgen“.

Sie hatte ihn gar nicht gleich erkannt, als er vor ein paar Wochen (oder Monaten?) an ihrer Tür geklingelt hatte. Da stand ein etwas ungepflegter, dicklicher Mann mit aufgedunsenem Gesicht, unter seiner roten Baseball-Mütze quollen zu lange, fettige Haare hervor. „N´Abend, Lisa“ hatte er gegrinst und dabei eine Batterie gelblich-brauner Zähne freigelegt. Sie war instinktiv einen Schritt zurückgewichen, als sie seinen Bier-Atem roch. „Na, kennst mich wohl nich mehr?“ Sein Grinsen wurde noch breiter und er streckte ihr feixend seinen Kopf entgegen. Ein eiskalter Schauer überrollte ihren Körper.

„Ronny? Ronny Paulsen?“

„Bingooooooo!!!“ Sein Grinsen ging in lautes Lachen über.

Schon damals in der Schule war Ronny Paulsen der verspottete Außenseiter gewesen; ein unangenehmer Kerl, mit dem keiner was zu tun haben wollte. Schmuddelige Kleidung, Schweißgeruch, verschlagen, hinterhältig, verlogen. Und ausgerechnet dieser Typ hatte sich in sie, die hübsche blonde Lisa aus gutem Hause, verknallt. Im Unterricht steckte er ihr kleine Zettelchen zu auf denen Dinge wie „Treffn wir uns nach der Schule beim altn Brunen?“ oder „Du bist das schönste Medchen“ standen. Ständig trieb er sich in ihrer Nähe herum, lächelte und blinzelte ihr auf dem Pausenhof zu, als ob sie ein Liebespärchen wären. Meist ignorierte Lisa ihn, nur wenn er es mit seinen plumpen Annäherungsversuchen gar zu weit trieb, schnauzte sie ihn an: „Hau ab, Ronny! Lass mich einfach in Ruhe!“ Eines Nachmittags, auf dem Heimweg von der Schule, sprang er hinter einem Gebüsch hervor, stürzte sich auf sie und versuchte sie zu küssen. Dabei geiferte er wie ein notgeiler Straßenköter. Noch heute konnte sie den unangenehmen Zwiebelgeruch seines Atems riechen. Mit einer reflexartigen Bewegung hatte sie ausgeholt und ihm mit voller Wucht auf die Nase geboxt, und ihn wütend angeschrien: „Du Schwein!!!“ Seine Augen füllten sich mit Tränen, in seinem Blick lag Hass – abgrundtiefer, stahlgrauer Hass. Er hatte sich umgedreht und war schweigend davon getrabt. Das war das letzte Mal, dass sie Ronny gesehen hatte. Er kam zwei Wochen nicht zur Schule, dann machte das Gerücht die Runde, seine Eltern seien in eine andere Stadt gezogen. Langsam war die Erinnerung an dieses Ekel verblasst, doch nun stand er hier an ihrer Haustür und grölte wie ein Verrückter „Bingoooooo!!!“

Lisa wollte die Tür zuknallen, doch Ronny war schneller. Wie eine Qualle glitschte er an ihr vorbei und stand nun vor ihr auf dem Flur.

„Lisa, wer ist da?!“ rief ihr Mann aus der Küche, wo er brav Karotten für das Abendessen schnippelte.

Ronny fischte seine 38er aus dem Hosenbund und legte den linken Zeigefinger an den Mund. „Halt die Fresse, sonst bist du tot, Schlampe!“ zischte er. Dann schnappte er sich Lisa, drückte ihr den Revolver an die Schläfe und schob sie vor sich her in Richtung Küche. In Richtung Norman. Ihr Herz raste. Was sollte sie tun? Konnte sie es riskieren, Norman mit einem Schrei zu warnen? Würde er sie verstehen? Würde Ronny sie sofort erschießen? Noch während ihr tausend Gedanken durch den Kopf jagten, hatten sie die Küche erreicht.

„Wie…wer… wwwwer sind Sie?“ stammelte Norman, der eine Küchenschürze mit dem Aufdruck „Vorsicht! Mann kocht!“ trug.

„Lass das Messer fallen, Buchhalter!“

„Lassen Sie sofort meine Frau los!“ keuchte Norman und machte einen Schritt auf Ronny zu. Ein dummer Fehler. Zwei Sekunden später klebte sein Buchhalter-Hirn auf den Küchenfliesen.

Ronny hatte sie ins Schlafzimmer geschleppt, ihre Hände gefesselt und sie an einen Bettpfosten gebunden. Dann hatte er ihr – fast zärtlich und behutsam – Jeans und Höschen ausgezogen, sich eine halbvolle Flasche Whisky aus der Hausbar geholt, und vor dem Bett auf einen Stuhl gesetzt. Dort starrte er nun auf ihre Scham, nahm tiefe Schlucke aus der Schnapsflasche und leckte sich die Lippen. Als Ronny ein paar Minuten später in sie eindrang, verlor sie das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, war sie in diesem stinkenden Verlies angekettet.

Mit einem unangehmen Knarzen drehte sich der Schlüssel im Schloss der alten Kellertür.

„Hallo Miststück! Lust auf einen kleinen Fick?“

Morgen Grande Finale: Was hat es mit der intelligenten Ratte auf sich, wird sich Lisa gegen ihren Peiniger wehren können, gelingt ihr die Flucht aus dem Verlies? Seien Sie gespannt…

Bild: News.at

Der General, Teil 1

Sommer, Sonne, Urlaubszeit. Viele von euch sind unterwegs in aller Herren Länder oder fotografieren im heimischen Garten Blumen, Hummeln und Amseln. Auch in unserer sonst so betriebsamen Konservenmanufaktur herrscht „Saure-Gurken-Zeit“, und im Moser´schen Reihenhäuschen herrscht schwüle Trägheit. Auch für mich ein guter Zeitpunkt, ein wenig innezuhalten und mir ein kurzes Päuschen zu gönnen. Um euch auf meinem Blog dennoch ein wenig Unterhaltung zu bieten, präsentiere ich in den nächsten Tagen wieder mal eine kleine Kurzgeschichte aus meiner Feder, mundgerecht aufgeteilt in ein paar Lesehappen. Mit „Der General“ habe ich erstmals schriftstellerisches Neuland betreten und eine Short Story aus dem Bereich „Thriller-Fiction“ geschrieben. Also ich nenne diesen Mix aus knallhartem Entführungsthriller und Science Fiction jetzt einfach mal so. Keine Ahnung, ob das was Lesbares dabei rausgekommen ist oder nicht. Ich hoffe auf euer zahlreiches Feedback. Nur soviel: Heidi mag die Geschichte üüüüberhaupt nicht! Zu grausam, zu abgefahren, zu brutal. In den nächsten Tagen gibt es am Moser-Blog also nichts zu lachen. 

Der General

(Lisa)

Die dunklen Knopfaugen des Generals blitzen im Halbdunkel kurz auf, als er den Kopf ein wenig zur Seite neigte und sie durchdringend ansah. Mein Gott, wie sie diesen Blick hasste. So streng, so vorwurfsvoll. Als wollte er sagen: „Du hast dich in diese Situation hineinmanövriert, also sieh zu, dass du auch wieder rauskommst, Mädchen!“

Auch dieses „Mädchen“-Gelaber ging ihr gehörig auf den Keks. Sie war 27 Jahre, eine erwachsene Frau, berufstätig und seit 14 Monaten verheiratet. Falsch. Sie war nicht mehr verheiratet. Sie war jetzt Witwe, ihr Mann war tot. Und sie hatte sich ganz sicher nicht in diese Situation „hinein manövriert“. Ihre Pobacken schmerzten vom ewigen Sitzen auf dem kalten Steinboden. Vorsichtig hob sie ihren Hintern ein wenig und verlagerte das Gewicht. Die rostige Kette ihrer Fußfessel mit dem Vorhängeschloss gab ein schepperndes Geräusch von sich. Der General trippelte ein paar Schritte nach links, dann setzte er sich wieder hin und sah sie an. Schweigend. Nur seine langen Barthaare zitterten.

„Ach komm schon, General“, seufzte Lisa und massierte behutsam den aufgescheuerten Fußknöchel. „Schau mich nicht immer so ernst an, hilf mir lieber aus diesem beschissenen Drecksloch rauszukommen.“ Der General antwortete nicht. Stattdessen huschte er in die dunkle Ecke, wo der Eimer für ihre Notdurft stand. Sie konnte ihn nicht mehr sehen und rief halblaut in seine Richtung: „Hey, bleib hier! Lass mich nicht alleine…“

Wie lange war sie schon diesem … Keller? Verlies? Was immer es auch sein mochte, ihr Zeitgefühl in diesem finsteren Loch war ihr langsam aber sicher abhanden gekommen. Es mochten drei Wochen sein, vielleicht auch drei Monate. Egal. Wieder spürte Lisa diese Gleichgültigkeit in sich hochkriechen. Hatte sie sich tatsächlich mit ihrem Schicksal abgefunden? Würde sie hier langsam wahnsinnig werden und irgendwann verrecken wie ein nutzloses Stück Scheiße? Und der General würde ihr dabei zusehen. Mit seinen hässlichen, braunen Augen würde er sie ansehen, mit diesem vorwurfsvollen Blick und sagen: „Mädchen, tu was! Gib dich nicht auf!“ Doch der hatte leicht reden. Was konnte sie schon tun? Erschöpft schloss sie die Augen, den Geruch von Moder, Urin und Verwesung nahm sie längst nicht mehr wahr. Es war heiß.

Lisa dachte zurück an ihre erste Begegnung mit der Ratte. Normalerweise hatte sie eine Heidenangst vor den Viechern. Nicht so beim General. Vor ein paar Tagen war er einfach dagesessen auf seinen Hinterbeinen, der lange rosa Schwanz wirkte als würde er auf einem Regenwurm sitzen. Er hatte sie gemustert – eben wie ein General bei der Truppeninspektion. Sie hatte sich ein wenig aufgerichtet, quasi Haltung angenommen, und geflüstert: „General?“ Sie hatte keine Ahnung, warum dieser Name, dieser Titel plötzlich in ihrem Kopf war. Der Nager hatte fast unmerklich genickt, doch das war sicher nur Einbildung.

Seither war die Ratte ihr Freund, ihr Verbündeter. Der General sprach ihr manchmal Mut zu, dann wieder stachelte er sie an, sich nicht gehen zu lassen, die Hoffnung nicht zu verlieren, zu kämpfen. Und das Verrückte war: Lisa konnte ihn tatsächlich hören. Natürlich nicht wie eine richtige Stimme – Ratten können nicht sprechen! – aber sie wusste meist ganz genau, was er ihr sagen wollte.

Ein vibrierendes „Plong!“, als würde jemand gegen den Blecheimer in der Ecke klopfen, ließ sie hochschrecken. Sie kniff die Augen zusammen, um in der Dunkelheit besser sehen zu können. Jetzt erkannte sie die Silhouette des Generals, der mit scharrenden Geräuschen etwas vor sich herzuschieben schien. „General, was treibst du da?“ fragte sie leise. „Ich rette dich“, sagte die Stimme in ihrem Kopf. Ungläubig runzelte Lisa die Stirn. Aber dann erkannte sie, was ihr pelziger Freund da anschleppte. Lisa lächelte.

(Ronny)

Mit langen, gierigen Zügen trank er die eiskalte Dose Bier bis zur Hälfte leer. Aaaaahhhh! Wer immer dieses göttliche Gesöff erfunden hat, wahrscheinlich irgendein Johnny Budweiser, würde den Nobelpreis verdienen. Sein Blick verlor sich abwesend in der Ferne, ähnlich einem Baby kurz vor dem Bäuerchen, dann drang ein lang anhaltender, rollender Donner-Rülpser aus seinem fetten, aufgeschwemmten Körper. Zufrieden seufzte er und wischte sich mit seinen Wurstfingern, die aussahen wie ein schmutziger, aufgeblasener Gummihandschuh, über die tropfenden Lippen.

Heute würde er es dem Dreckstück wieder mal ordentlich besorgen. Ihre verzweifelten Schreie, ihr Gewinsel und das Zucken ihres begnadeten Körpers turnten ihn so richtig an. Er wusste natürlich, dass alles nur Show war. In Wahrheit brauchte sie einen richtig harten Fick, dieses geile Dreckstück. Von ihrem Mann Norman, diesem Buchhalter-Weichei, war sie sicher nie nach allen Regeln der Kunst rangenommen worden. Der zündete wahrscheinlich noch eine Kerze vorher an und massierte ihr ne halbe Stunde die Muschi. Ronny grinste. Er hatte der Schlampe doch einen Gefallen getan, als er Norman mit seiner 38er aus nächster Nähe das Gehirn auf die blau gemusterten Küchenfliesen pustete, wo es nutzlos und glibberig wie ungekochter Tintenfisch langsam auf den Boden tropfte. Lisas wundervolle grüne Augen waren fast unnatürlich weit aus den Höhlen getreten, doch kein einziger Schrei kam über ihre Lippen. Stumm hatte sie nach Luft geschnappt, wie eine Forelle am Haken. Ronny spürte, wie sein Schwanz hart wurde. Ja, heute würde er das Dreckstück vögeln, dass ihr mal so richtig die Luft weg blieb. Er setzte die Bierdose an und leerte sie bis auf den letzten Tropfen. Es war heiß.

Schiffbruch mit Stromausfall

Es war vor wenigen Tagen, als ich mich nach einem tropisch-schwülen Arbeitstag mit meiner lieben Gattin Adelheid bei Sonnenuntergang auf der Terrasse niederließ, um bei einem Gläschen Gumpoldskirchner und einem heiter-belanglosen Gespräch den Abend zu genießen. Wir hatten promilletechnisch gesehen noch nicht einmal die Fahruntüchtigkeitsgrenze erreicht, als uns blitzartig ein Sommergewitter überfiel und zurück ins Reihenhaus trieb. „Wenn dir das Leben Zitronen schenkt, mach Limonade draus“, zitierte meine weise Heidi und schaltete den Fernseher ein. Ich besorgte noch rasch ein Schälchen mit Knabbereien, die im Hause Moser bedingt durch meinen beruflichen Background stilsicher aus Goldfischli bestehen. Und so landeten wir ungeplant beim wunderbaren Spielfilm Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger. Ein großartiges Werk, das Frau und Herrn Moser gleichermaßen gefangen nahm. Wir bissen den kleinen Goldfischen Kopf und Schwanz ab, bröselten aufgeregt die Couch voll, und verfolgten gespannt das in atemberaubenden Bildern verfilmte Schicksal des jungen Inders Pi, der nach einem Schiffsuntergang in einem Rettungsboot auf dem Meer trieb. Da sich an Bord des gekenterten Schiffes auch der halbe Zoo seines Vaters befunden hatte, musste sich Pi sein kleines Boot nun mit einer bösartigen Hyäne, einer Orang-Utan-Dame, einem verwundeten Zebra und dem ausgewachsenen Tiger „Richard Parker“ teilen. Wir waren hingerissen und Heidi, die an Filmschicksalen so regen Anteil nimmt als wäre es das wahre Leben, kuschelte sich eng an den vollgebröselten Moser.

Just in dem Moment, als die Situation für Pi überaus prekär wurde und der hungrige Richard Parker sein eindrucksvolles Gebiss fletschte, wurde der Bildschirm dunkel. Nur ein greller Blitz, gefolgt von einem bebenden Donnerschlag, erhellte kurz das Wohnzimmer. Heidis Nerven lagen blank, was sie mit einem spitzen Kreischen zum Ausdruck brachte. Dazu quetschte sie mit erstaunlicher Kraft meinen Oberarm. Nun musste ich die mir als Mann von der Natur zugedachte Rolle des Beschützers und Retters übernehmen. Ich ließ kurz das Adrenalin, das auch meinen Körper durchströmte, wirken und tätschelte Heidis schwarze Mähne: „Ruhig, mein Mädchen, ganz ruhig. Nur ein Stromausfall, alles in Ordnung.“ „Richard… Richard Parker?“ stammelte meine Gattin. „Nein mein Schatz, ich bin´s. Moser.“ Zielsicher aktivierte ich die Taschenlampen-App meines Smartphones. „Keine Panik. Würdest du ein paar Teelichter entzünden, ich sehe mal nach dem Sicherungskasten. Wahrscheinlich hat es den FI gefetzt“, verkündete ich fachmännisch. Vorsichtig tastete sich Heidi zur Schublade unter dem Fernseher, wo schätzungsweise 600 Ikea-Teelichter lagerten. Ich untersuchte im Abstellraum die Sicherungen, konnte aber keine Auffälligkeiten feststellen. Alle Schalter in ordnungsgemäßer Position. Selbst unsere Hausspinne Günther, die zwischen einer alten Reisetasche und der Schachtel mit Christbaumschmuck wohnt, schlief tief und fest.

Als ich zurückkehrte, war das Wohnzimmer in warmes, goldenes Teelicht getaucht. Ich nahm Heidis süßes Köpfchen in meine Hände, drückte ihr einen beruhigenden Kuss auf die Stirn und fummelte ein paar Goldfischli aus ihren schwarzen Locken. „Möglicherweise sind nicht nur wir vom Stromausfall betroffen, sondern die ganze Siedlung“, erklärte ich. „Geh bitte mal raus in den Garten und schau, ob in den anderen Häusern irgendwo Licht brennt.“ Frau Moser, der sehr am besonderen Schicksal des jungen Pi und dem Tiger Richard Parker, und somit auch an der Behebung des Stromschadens gelegen war, eilte widerspruchslos barfuß und im fliederfarbenen Nachthemd nach draußen. Kurz darauf der nächste, markerschütternde Schrei! Was zur Hölle? Immer diese überängstlichen Frauen. Rasch folgte ich ihr auf die Terrasse und leuchtete mit meiner Handy-Taschenlampe in ihr schreckensbleiches Gesicht. „Was ist passiert??!!“ rief ich. Heidi blickte wie hypnotisiert in mein grelles Licht und deutete mit bebenden Lippen nach unten. Der Lichtkegel meiner kleinen Lampe brachte das ganze Unglück ans Licht – auf den nassen Steinplatten wand sich eine halb zerquetschte Nacktschnecke, zwei weitere fette, glitschige Exemplare waren auf einer aussichtslos erscheinenden Flucht. Heidi schluchzte. Sie empfand abgrundtiefen Ekel vor diesen Biestern, die beim ersten Anzeichen von Feuchtigkeit unseren unschuldigen Reihenhausgarten überfielen. Ein weiterer Blitz, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner verlieh der Szene etwas Gespenstisches. Ich nahm mein durchnässtes Weib in den Arm und führte sie zurück ins sichere Dunkel, wo ich ihre schleimigen Sohlen bud und mit flauschigem Frottee trocknete.

Nach etwa einer Stunde lag das Schicksal von Pi noch immer im Dunklen, und ich trat zwecks Erforschung der näheren Umstände vor die Haustüre. Ich blickte in ein gleißendes Licht und jemand schrie: „Halt! Wer da?!“ Ich riss die Hände in die Höhe und rief: „Moser! Bitte nicht schießen!“ „Ahh, der Herr Nachbar“, vernahm ich die militärisch ausgebildete Stimme des Ex-Polizisten und selbsternannten Siedlungswächters Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm. Er stand in voller Kampfmontur unter der dunklen Straßenlaterne vor unserem Haus und richtete den blendenden Strahl einer etwa 5 Kilo schwere Stablampe auf mich. Ein Highway to hell, um ein kleines Wortspiel zwischen Helligkeit und Hölle zu bemühen.  „Haben Sie auch keinen Strom?“ frug ich schüchtern. „Nein, kein Strom! Möglicherweise ist das Umspannwerk in die Hände von Terroristen gefallen und sie planen einen Überfall auf unsere friedliche Siedlung!“ bellte Rotkäppchen wie ein böser Wolf. „Oder es hat ein Blitz eingeschlagen…“ bot ich einen alternativen Lösungsvorschlag an. „Wir werden sehen. Ich bin gerüstet!“ deutete der alte Weinwurm auf ein monströses Jagdmesser an seinem Gürtel. „Gehen Sie zurück ins Haus, Moser. Hier draußen könnte es gefährlich werden.“ Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Bloß weg von diesem Verrückten.

Als geschätzte 45 Minuten später das Licht und der Fernseher wieder angingen, lief gerade der Abspann von Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger über den Bildschirm. Heidi ging enttäuscht zu Bett, und ich besorgte über ein bekanntes Versandhaus im Internet noch rasch den Film auf DVD. Doch vor diesem Filmabend werde ich die Wettervorhersage genauestens studieren, ob sich ja kein Gewitter anbahnt.

Gefällt mir!

Ein kleiner Regenguss am Abend hatte für ein wenig Abkühlung gesorgt, und so hatte ich letzte Nacht ausnahmsweise wieder mal sehr gut und tief geschlafen. Gähnend und mich wohlig räkelnd taumelte ich die Treppe abwärts, dem verlockenden Duft frischen Kaffees folgend. Und als ich vor dem Frühstückstisch stand, musste ich mir den Schlafsand staunend aus den Augen reiben – Heidi hatte die Tafel nicht nur mit den üblichen Leckereien (Toast, Butter, Weichselmarmelade, Wurst und Käse) gedeckt, sondern überdies noch ein buntes Sträußchen Tulpen sowie einen Schokoriegel mit 1 Geburtstagskerze hinzugefügt. Obwohl noch im Schlummermodus fuhr ich meine Festplatte hoch, um alle relevanten Feier- und Geburtstage aufzurufen und mit dem 12. Juli abzugleichen. No Match found. Hmmm.

„Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen!“ lächelte Heidi und hielt mir das kleine Yes-Törtchen hin, auf dass ich das brennende Kerzlein ausblasen möge. Ich blies und frug: „Wir haben einen Sohn? Einjährig schon? Das ist aber eine Überraschung!“ „DU hast sozusagen ein Kind und es wird genau heute ein Jahr alt“, erwiderte meine aufmerksame Gattin und wackelte bedeutsam mit den Augenbrauen. „Sein Name ist Herr Moser – Alltägliches und Skurriles aus dem Leben des Abteilungsleiters einer Fischkonservenfabrik!“ Da fiel es mir wie Schuppen aus Cernys Haaren: Heute vor einem Jahr erblickte mein erster Beitrag das Licht der Bloggerwelt! Gerührt dankte ich Heidi, die mich damals in einer lauen Sommernacht bei einem Glas Gumpoldskirchner dazu animiert hatte, meine und unsere Erlebnisse für die Nachwelt festzuhalten. Somit gilt sie auch irgendwie als Mama des Moser-Blogs. Um ihre Überraschung entsprechend zu würdigen, biss ich rasch und herzhaft in den braunen Schoko-Balken. Dabei verbrannte ich mir das rechte Nasenloch am heißen Kerzendocht, doch wo gefeiert wird, fallen Späne.

Natürlich ist der heutige Tag wie kein anderer dazu geeignet, mich in Demut  und Dankbarkeit vor Ihnen, treue Leserinnen und Leser, zu verneigen. Ich bemühe meine hauseigenen Statistiken so gut wie nie, aber aus gegebenem Anlass darf ich mich bei 225 getreuen Moser-Followern bedanken. Ich habe auch keine Ahnung, ob das viel oder wenig, gut oder schlecht ist. Es ist mir auch relativ „blunzn“, wie wir in Wien sagen. Jedenfalls habe ich den Großteil der Gefolgschaft durch meine Schreiberei überzeugt, ganz ohne Rücksicht auf Beitragslängen oder Schlagworte, um über Google besser gefunden zu werden, ohne Gewinnspiele, Re-Blogs oder andere Aktionen. Ich erzähle aus meinem Leben, suche ein passendes Foto aus und veröffentliche. Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. Ganz blauäugig.

Ich freue mich über meine Dauer-Abonnenten der ersten Stunde, über die vielen neu Hinzugekommenen der letzten Monate und Wochen, über jedes Gefällt mir und über jeden eurer originellen Kommentare. Wenn ihr über meine Geschichten schmunzeln oder gar laut lachen könnt, ist das mein schönster Lohn. Meine lieben Leute, heute ist es an der Zeit für mich, euch dafür Danke! zu sagen. Bleibt mir gewogen, ich zähl auf euch.

Erntezeit

Wie der aufmerksame Leser weiß, hat sich der Moser´sche Reihenhausgarten unter den aktuell herrschenden Klimabedingungen zu einem üppig wuchernden Garten Eden entwickelt. Nachdem nun endlich die Weichselernte zur Gänze eingebracht und die Vorratskammer mit Dutzenden Gläsern voll mit Konfitüre und Kompotten ist, bat mich mein liebes Adelheidchen heute früh, die erstmals im Hochbeet gepflanzten Zucchini zu pflücken. Wir wollen mittags Hühnerbrüstchen grillen und ein paar Scheiben des Zucchino, der bekanntlich aus der Familie der Kürbisse stammt, würden hervorragend dazu passen.

Mit Skalpell und Latex-Handschuhen näherte ich mich dem Wochenbeet, um die Mutterpflanze von ihrem Junggemüse per Kaiserschnitt zu entbinden. Doch was mich da erwartete, sprengte meine kühnsten Vorstellungen. Mama Zucchino war mit einem gelben Riesenbaby schwanger, offenbar hatte Heidi in einem Anfall von Jux und Tollerei eine gelbe Sorte anstatt des grünen Klassikers gepflanzt. Und der Goliath hatte noch eine ganze Reihe Geschwisterchen bekommen, zwar nicht ganz so überdimensional, aber noch immer sehr stattliche Apparate. Zuerst kümmerte ich mich um den schon ziemlich erwachsen wirkenden Riesen. Zärtlich trennte ich die Nabelschnur durch und hob das geschätzt 4 Kilo schwere Baby vorsichtig in die warme Sommerluft. Mit einem sanften Klaps auf den gelben Po hieß ich den neuen Erdenbürger in unserem Reihenhaus willkommen.

Ich nahm Zuki, wie ich das Gemüse bereits insgeheim nannte, mit väterlichen Gefühlen liebevoll auf den Arm, und drehte mit ihm eine kleine Runde durch den Garten, um ihm die wundervolle Welt der Mosers zu zeigen. Plötzlich lugte unser Nachbar Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm bei seinem morgendlichen Patrouillengang über den Zaun und rief: „Hallo Herr Nachbar! Was ist das? Haben Sie ein Baby aus China adoptiert?“ „Psssst, leise! Es schläft“, gab ich zurück. „Und heute Mittag legen wir es auf den Grill.“ Kopfschüttelnd setzte unser Siedlungsblockwart seine Runde fort.

Wir werden Zuki nicht nur als Gemüsebeilage grillen, sondern auch zu Suppe, Kuchen, Auflauf, Eintopf und Salat verarbeiten. Und den Rest mit Piment, Lorbeer und Senfkörnern süß-sauer einlegen. „In zwei bis drei Wochen beginnen wir mit der Tomatenernte“, meinte Heidi und deutete auf die rasant wuchernde Staude neben der Zucchini-Pflanze, die bereits kindskopfgroße, grüne Früchte trug. „Ach, das sind Tomaten?“ frug ich erstaunt. „Ich dachte, du hast Wassermelonen gepflanzt.“

Foto: Adelheid Moser

Der Himmel über Wien

… zeigt sich heute von seiner wechselhaften Seite. Die Sonne wird zwischendurch von ein paar Quellwolken hofiert; es ist zwar recht warm, aber nicht strapaziös schwül. Es liegt eine träge Leichtigkeit in der Luft. Der Schreibtisch meines Kollegen Cerny ist urlaubsbedingt verwaist, das Fenster offen und ich genieße das unbeschwerte Dahinplätschern der Zeit. Ich bin ein ausgesprochener Freund des Sommerlochs, bin mit ihm auf Du und Du, fühle mich direkt angezogen vom wabernden, freundlichen Nichts. Unsere ukrainische Putzfrau Editha gibt sich über Kopfhörer ihrer Musik hin, denn ich höre sie draußen am Gang hingebungsvoll und falsch „Wind of Change“ von den Scorpions pfeifen.

Nachdem ich zwei Stunden genüsslich im Nichts gebadet hatte, fühlte ich Tatendrang in mir hochsteigen. Mit einer Heldentat wollte ich heute noch meine Anwesenheit im Büro rechtfertigen und klemmte mich ans Telefon. Ich weiß nicht woran es gelegen hat, ob an meiner fast schon buddhistischen Gelassenheit oder dem unerschütterlichen Glauben an meine Fähigkeiten – jedenfalls gelang es mir in einem 20-minütigen Gespräch, einen neuen Großkunden für unsere vegetarische Fischkonserven-Linie an Land zu ziehen. Mit Wiener Schmäh und Charme wickelte ich die Geschäftsführerin einer kleinen Bio-Ladenkette um den Finger, die ab August die von mir ersonnene Innovation der fischlosen Fischkonserven in ihre Regale stellen wird. Ich triumphierte, denn Dr. Jonas Cerny hatte sich an diesem Kunden bereits mehrmals vergeblich die Zähne ausgebissen. Und ich möchte in aller Bescheidenheit anmerken: Herr Moser ist eben das iPhone 9 unter den Fischkonserven-Abteilungsleitern. Selbst wenn man mir meine Bescheidenheit als höchste Form der Arroganz auslegt, ließ ich mich von einem kleinen Freudentanz rund um Cernys Schreibtisch nicht abhalten. Rasch klebte ich meinen genialen Fischzug noch in Form eines gelben Post It-Zettels auf seinen Monitor, dann beschloss ich, den Arbeitstag an seinem Höhepunkt zu beschließen und früher Schluss zu machen. Auf dem Heimweg besorgte ich noch einen bunten Strauß Sommerblumen für meine geliebte Heidi.

Es gibt sie also doch, jene Tage ohne kleine oder große Katastrophen. Von einem solchen durfte ich Ihnen heute berichten, ganz entspannt aus dem Schatten unseres grünen Sonnenschirmmonsters. Es lebe das Sommerloch!

Ausflug nach Digitalien

Meine sehr verehrte Schwiegermutter Inge feierte am verwichenen Sonntag Geburtstag. Bei bester Gesundheit und in vergnüglicher Jubellaune holten wir Heidis Mama mit dem tomatenroten Spanier ab, um uns beim Romantik-Heurigen Oleander im burgenländischen Trausdorf bei üppig Speis und Trank verwöhnen zu lassen. Nichts sollte dem Zufall überlassen sein, denn meine technikaffine Adelheid hatte zuvor im weltweiten Netz die schönsten Locations mit ausgezeichneter Küche im Umkreis von einer Autostunde gegoogelt – und war beim Oleander gelandet. Sie hat sich am Computer Lokalfotos angesehen, die Speisekarte studiert, die Bewertungen anderer Gäste durchgelesen und schließlich elektronisch eine Tischreservierung für 13:30 abgeschickt. 20 Minuten später trudelte die überaus freundliche und persönlich verfasste Bestätigung ein. Heidi lobte die Segnungen des digitalen Zeitalters.

Sonntagmittag gratulierten wir ausgiebig mit einem Strauß gelber Röslein, und verfrachteten das Geburtstagskind auf den Rücksitz. Es konnte losgehen. Ich setzte meine Jacky-Stewart-Rennfahrerbrille auf, zog die hellbeigen, gelöcherten Autofahrerhandschuhe über und startete die Maschine. „Auf nach Trausdorf!“ rief ich frohgemut als mir einfiel, dass ich keine Ahnung hatte, wo sich dieses geheimnisvolle, kleine burgenländische Dorf befindet. Ich überspielte den kleinen Hänger, pfiff auszugsweise die Ouvertüre aus der Cardaszfürstin und bat Heidi, meinen Autoatlas, Ausgabe 1987, aus dem Handschuhfach zu holen und unsere Route in Augenschein zu nehmen. Langsam setzte ich mich Richtung Autobahn in Bewegung, das konnte prinzipiell nicht verkehrt sein. Doch meine Smartphone-begeisterte Adelheid lächelte nur milde über meine Autoatlas-Ansage, und tippte ein wenig auf ihrem Handy herum. Eben reihte ich mich zum Rechtsabbiegen zur Autobahnauffahrt ein, als mich eine Frauenstimme aus Heidis Telefon aufforderte, mich rechts einzuordnen, um auf die A4 Richtung Budapest zu gelangen. „Wen hast du da angerufen?“ frug ich misstrauisch und wurde alsgleich belehrt, dass es auf dem Handy auch eine Navigator-App gibt, die den richtigen Weg weist. Als analoger Typ fällt es mir schwer, mich beim Autofahren irgendwelchen Satelliten anzuvertrauen, die in 20.000 Kilometern Höhe über uns kreisen und mir erklären wollen, wo der Romantik-Heurige Oleander ist. „Nehmen Sie die rechte Fahrspur, um auf Ein-Zingerstraße (die in Wirklichkeit Einzingerstraße heißt) zu gelangen. Folgen Sie dem Straßenverlauf für 800 Meter.“  „Jaaaa“ gab ich zurück, „ich bin ja nicht blöd!“ Inge roch an den Rosen.

So lotste uns die digitale Ansagerin Stück für Stück Richtung Eisenstadt/Budapest, nervte mich entweder mit ihren ständigen Wiederholungen oder zu späten Durchsagen. Ich war gereizt und die Stimmung ein wenig angespannt. „In Zwei… Pause… hundert Metern links abfahren Richtung Neu-Siedlersee.“  „Ach, fahr zur Hölle!“ schrie ich. „Das heißt Neusiedlersee, du hast ja keine Ahnung…“ „Im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt Richtung Neusiedl am See nehmen.“ Inge wollte wissen, wann wir da sind, ich verzählte mich und nahm Ausfahrt Nummer 4. „Route wird neu berechnet.“ Irgendwann blendete ich die Navigator-Kommandos aus, um nicht völlig den Verstand zu verlieren, und ging im Geiste nochmals die Oleander-Speisekarte durch. Ich war am Verhungern. Mitten in meine Träume von Backhendl und Beeren-Tiramisu platzte Heidi mit der Meldung: „Moser, die Hinweisschilder und Aufschriften sind alle ausländisch. Ich vermute ungarisch.“

Statt um 13:30 beim Oleander burgenländische Spezialitäten zu genießen, saßen wir um 14:30 im Restaurant Huszár Etterem-Sörözö im ungarischen Städtchen Szombathely, und speisten das dortige, scharfe Traditionsgulasch Pörkölt. „DU hast zum Navi gesagt, es soll zur Hölle fahren!“ meinte die liebe Schwiegermama Inge. „Also, reg dich nicht auf.“ „Für den Rückweg nehmen wir trotzdem den Autoatlas“, bestimmte ich.