Alle Beiträge von moserschreibt

Der Wiener Journalist Gerry Weichselbaum ist das Mastermind hinter den vergnüglichen Abenteuern des Herrn Moser und seiner Adelheid. In unregelmäßigen Abständen werden auf diesem Blog auch diverse Kurzgeschichten publiziert.

Urlaubssperre

Die Fischkonservenfabrik und das Moser´sche Reihenhaus bleiben urlaubsbedingt in den nächsten Wochen geschlossen! Herr Moser und seine liebe Gattin Heidi legen sich auf die faule Haut und verbringen ihre Sommerfrische in der grünen St. Eiermarkt. Üppig frühstücken, im Wald Schwammerl pflücken, lesen, die Seele baumeln lassen, ab und an eine Prise Kultur. Leben.

Ich wünsche allen Lesern und Freunden eine erholsame Sommerzeit! Bis irgendwann im Herbst. Herzlichst, Ihr Herr Moser.

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Wassermelone, Kirschkerne & Serienkiller

Jim konnte seine Wut nicht mehr bezwingen. Keinen Augenblick länger wollte er sich die Gedanken dieses wahnsinnigen Schlächters anhören. Er stemmte sich gegen die Fesseln und brüllte aus vollem Halse, schrie seinen Hass und seine Qual heraus. Er konnte die Empfindungen, die in ihm brannten wie das Feuer der Hölle, nicht in Worte fassen. Sein Schrei war älter als alle Wörter, primitiver, urtümlicher. Jim rannen Tränen über die Wangen. Es brach ihm schier das Herz, seine Frau und seine kleine Tochter so hilflos und verängstigt zu sehen. Während er vor Wut zitterte, suchte Emily seine Aufmerksamkeit und bedeutete ihm mit einer Bewegung ihrer Augen, nach rechts zu schauen. Jim folgte ihrem Blick. Und schaute in die kalten grauen Augen eines Monstrums…

Atemlos vor Spannung blätterte ich um, meine Nerven waren zum Zerfetzen gespannt. Welche Grausamkeit hatte sich der irre Serienkiller Frank Ackerman jr. diesmal ausgedacht? Würde Police Officer Jim Morgan einen Ausweg aus der hoffnungslosen Situation finden und seine Familie vor den Fängen der Bestie retten können? Ich kauerte seit Stunden auf der Couch, hatte Zeit und Raum rings um mich vergessen und nicht bemerkt, dass inzwischen längst die Dämmerung hereingebrochen war. Just in diesem Augenblick betätigte meine brave Heidi den Lichtschalter und riss mich mit einer 5er-Schiene 65W-LED-Spots aus dem wohligen Lesegrusel schlagartig zurück in die Reihenhaus-Realität: „Moser, lies doch nicht im Dunkeln! Du verdirbst dir die Augen!“ Ein Satz, den ich von meiner lieben Mama Fritzi wohl tausend Mal gehört habe und sofort fühlte ich mich in meine Kindheit versetzt. Der kleine Moser ist ja in einer Welt der Mythen, der Halb- und Unwahrheiten herangewachsen. Ich wurde mit mütterlichen Warnungen geimpft wie gegen Pocken, Zecken und Kinderlähmung. Zog ich beispielsweise eine lustige Grimasse und schielte dabei, kam Mamas „Hör auf damit, sonst bleiben dir die Augen stecken!“ so zuverlässig wie das Amen in der Kirche. Sobald ich mir eine Handvoll Kirschen schnappte, predigte sie mit erhobenem Zeigefinger: „Pass auf Bub, wenn du einen Kirschkern verschluckst, wächst daraus ein Baum in deinem Bauch und die Äste kommen dir aus Mund, Nase und Ohren heraus!“ Auch das Verschlucken eines Kaugummis bedeutete Lebensgefahr, denn er verklebt den Magen, ich würde nie wieder AA machen können und eines qualvollen Todes sterben. (Liebe Mutti! Jetzt kann ich es dir ja verraten: die Verdauungsflüssigkeit im menschlichen Magen besteht zu einem Großteil aus Salzsäure und die zersetzt sogar einen läppischen Kaugummi).

Ebenso todbringend wie Kirschkerne und Kaugummi waren in meiner Kindheit der weiße Rand von Wassermelonen, sowie die weiße Haut zwischen Schale und Frucht bei Orangen und Mandarinen. Laut Mama Moser, der Königin der Angstmacher, strotzten die nur so vor Blausäure. Überhaupt barg das sonst so gesunde und vitaminreiche Obst eine Fülle heimtückischer Gefahren. Ich liebte süße, reife Zwetschken, durfte sie aber nur vernaschen, wenn ich zuvor einen Eid ablegte und schwor, mindestens eine Stunde danach kein Wasser zu trinken. „Sonst bekommst du üble Bauchschmerzen und Durchfall“, warnte die besorgte Mutter. Die 1-Stunden-Regel fand übrigens auch im Schwimmbad Anwendung und ich musste mich für eine Stunde nach Verzehr der mitgebrachten Schnitzel mit Gurkensalat im Schatten aufhalten und durfte mich dem Schwimmbassin nicht mal nähern. Wie ich inzwischen weiß, hat keine Studie je nachgewiesen, dass ein voller Bauch im Wasser negative gesundheitliche Folgen hat. Auch der Mythos von Rückenmarkschwund und Blindheit durch die lustvolle Sportart des Onanierens ist wissenschaftlich nicht haltbar. Ginge es also nach den Weisheiten meiner sonst so geschätzten Frau Mama, wäre ich heute längst tot oder säße zumindest als blinder Krüppel im Rollstuhl, zu nichts anderem fähig als jene Kirschen zu pflücken, die auf dem Baum aus meinem Bauch wachsen.

„Liest du schon wieder diesen Serienmörder-Schmarrn?“ frug Heidi vorwurfsvoll. Ich nickte und brummte unwillig unter dem gleißenden Licht der Wohnzimmer-Spots. „Dieser Irrsinn ist nicht gut für die Psyche, das bleibt alles in deinem Unterbewusstsein“, schüttelte Heidi einen neuen Mythos aus dem Ärmel. Was glaubt mein geliebtes Weib von mir? Dass ich nach der Thriller-Lektüre den biederen Abteilungsleiter abstreife und im Gartenschuppen junge Mädchen erwürge und abhäute? Lächerlich. Ich schnappte mir ein Stück Wassermelone und schnitt den weißen Rand sorgfältig weg. Man weiß ja nie.

Tanz auf dem Vulkan

Wie die interessierten Vulkanologen unter Ihnen sicherlich aus den Schreckensnachrichten mitbekommen haben, macht derzeit in Guatemala der Volcan de Fuego (Feuervulkan) seinem Namen alle Ehre und speit Feuer, Tod und Verderben. 1,7 Millionen Menschen sind von dem Ausbruch betroffen, Tausende mussten evakuiert werden, rund 100 Verzweifelte fanden einen grauenvollen Tod, ebenso viele gelten noch als vermisst. Jetzt mögen Sie gelangweilt abwinken und einwenden: „Warum erzählt uns der alte Fischkonservenmoser von dieser Naturkatastrophe? Es gibt so viel Leid auf dieser Welt und Guatemala ist weit weg! Wir wollen lieber ein paar humorige Schenkelklopfer über Heidi, die ukrainische Reinigungsfachkraft Editha und den wunderlichen Cerny lesen, ein paar aberwitzige Anekdoten aus dem Reihenhaus-Leben des Abteilungsleiters!“

Geliebtes Leservolk, geschätzte Freunde: Ich erwähne den verheerenden Vulkanausbruch im fernen Mittelamerika nicht ohne Grund. Denn exakt vor einem Jahr, und ich meine exakt, befand ich mich gemeinsam mit meinen Kollegen auf Einladung meines Arbeitgebers auf Incentive-Reise in Guatemala. Bemühen Sie gerne die Archivfunktion dieses Blogs und blättern Sie zurück zum Juni 2017, um meine Abenteuer nachzulesen. Freilich erscheinen der Verlust meines Reisegepäcks, mein epochaler Vortrag in knallbunter Indio-Kleidung, die Heimsuchung durch Montezumas Rache und andere kleine Vorkommnisse völlig lächerlich und irrelevant im Vergleich zu den aktuell herrschenden Zuständen in Guatemala. Bereits im Vorfeld, als unser geschäftsführendes Ehepaar Mag. Erwin und Svetlana Pfotenhauer stolz verkündete, die werte Belegschaft der Konservenfabrik zu einem teambildenden Belohnungstrip ins wilde Guatemala entführen zu wollen, äußerte ich schwere Bedenken. Nicht nur die endlos lange Flugdauer und die Möglichkeit eines Absturzes über dem unwegsamen Dschungel des ehemaligen Maya-Reiches samt drohendem Kannibalismus unter den Überlebenden malte ich mit eindrucksvollen Worten in die Köpfe der potenziellen Reiseteilnehmer, ich warnte auch vor tödlichen Infektionskrankheiten, mörderischen Insektenangriffen und einem fürchterlichen Tod durch den Ausbruch des Volcan de Fuego. Wie Sie sich vorstellen können, war ich ein einsamer Rufer in der Wüste; wurde als Spinner, Hasenfuß, als ein Teufel-an-die-Wand-Maler hingestellt.

Nun ist den hämisch grinsenden Spöttern das Lachen vergangen. Neben der Tatsache, dass unsere Kantine seit vorgestern nun täglich auch ein veganes Menü anbietet, ist der Vulkanausbruch in Guatemala das beherrschende Thema unter den Bürohengsten und –stuten. Nicht auszudenken, Gott hätte aus Langeweile bereits im Juni 2017 auf das Vulkanausbruch-Knöpfchen gedrückt und damit nicht nur hunderte guatemaltekische Leben ausgelöscht, sondern auch eine komplette Wiener Fischkonservenmanufaktur! Welch Ironie des Schicksals, wäre Herr Moser, ein gebürtiger Wiener vom Scheitel bis zur Sohle, in einem pyroklastischen Fluss (Glutlawine aus Lava, Steinbrocken und Gas) qualvoll ertrunken. Ein wahrlich unrühmliches Ende für einen echten Österreicher, der mit einem stilechten Tod durch Herzverfettung, Schlaganfall oder Lungenkrebs rechnen durfte. Und da ich aufgrund meines verlorengegangenen Koffers in bunte Indio-Landestracht gewandet war, wäre meine Asche womöglich in einem guatemaltekischen Katastrophen-Massengrab bestattet worden. Mich schaudert, auch um Heidis Willen.

Als ich heute für die Dauer von zwei Stockwerken die Aufzugskabine mit Svetlana Pfotenhauer teilte, meinte ich zu ihr: „Sollten Sie wieder eine Incentive-Reise planen, ist Guatemala diesmal hoffentlich vom Tisch!“ „Keine Sorge, Herr Moser“, gab sie zurück, „Die Umsätze Ihrer fischlosen Tofufische lassen derzeit zu wünschen übrig. An eine Belohnungsreise auf Firmenkosten ist wirklich nicht zu denken!“ „Eventuell ein kleines Wellness-Resort in der Toskana? Garantiert keine Vulkanausbrücke!“ rief ich Svetlana nach, die bereits Richtung Marketingabteilung schwebte. Doch sie tat, als würde sie mich nicht hören. Undank ist der Welt Lohn.

Fax mal wieder!

Hätte man mir in den 80er Jahren die Frage gestellt: „Was hat drei Buchstaben, endet mit X und ist saugeil??“ wäre meine Antwort mit Sicherheit wie aus der Pistole geschossen gekommen: das FAX! Viele meiner älteren Leser werden das Gerät, das damals unseren Büroalltag revolutionierte, noch kennen. Voller Wehmut erinnere ich mich zurück, als in unserer traditionsreichen Fischkonservenmanufaktur die Faxgeräte Einzug hielten. Ihr Herr Moser war seinerzeit natürlich noch bei weitem kein Abteilungsleiter, sondern bloß ein junger Bürohengst, doch als die ersten Faxmaschinen bei uns installiert wurden, bekam mein Arbeitstag plötzlich einen Sinn. Alles wurde gefaxt, Sätze wie „Natürlich Herr Direktor, ich fax Ihnen das gleich rüber!“ oder „Ja klar, schick mir einfach ein Fax“ wurden tausend Mal täglich ausgesprochen und gehörten bald zum Standard-Sprachschatz der Bürokultur. Ich erinnere mich weiters, dass der größte Teil meiner Arbeitszeit für die Produktion von Schriftstücken draufging, die nur einen Zweck hatten: gefaxt zu werden. Auf meiner elektrischen Schreibmaschine fabrizierte ich Briefe, Aufstellungen und Kalkulationen als Munition für das Faxgerät. Und am Nachmittag fütterte ich die Wundermaschine mit dem am Vormittag Geschriebenen, lauschte dem Rauschen und Zirpen der Telefonleitung und erfreute mich an der Vorstellung, dass mein Brief in dieser Sekunde 1:1 am anderen Ende der Welt aus einem Fax quillt. Natürlich trieben wir mit dem Gerät auch Schabernack, kopierten das Foto eines Revolvers auf ein Blatt Papier, schrieben darunter: Das ist ein ÜBERFAX! Faxen Sie uns sofort Ihr gesamtes Bargeld – keine Polizei! und faxten es an die Bankfiliale vis-à-vis, die heute schon längst ein Wettcafé ist. Den ersten Faxgeräten wohnte auch ein Zauber namens Thermopapier inne und ich staunte nicht schlecht, als mich Direktor Pfotenhauer eines Tages bat, ihm den Vertrag zu bringen, den ein gewisser Kornheisl im Vormonat gefaxt hatte. Der Vertrag bestand aus einer kaum zu glättenden Papierrolle und die Schrift war wie bei Zaubertinte nahezu unsichtbar geworden. Magic! Ich liebte unser Faxgerät und wähnte mich im Olymp der modernen Telekommunikation, endlich in der Zukunft angekommen. Doch dann kamen wenig später die ersten leistbaren Heimcomputer auf den Markt, irgendwann erfand so ein Klugscheißer das Internet und E-Mail, und mein geliebtes Fax verschwand in der Versenkung, nutzlos geworden wie die Tageszeitung von letzter Woche. Oh, wie vermisse ich dieses schrille Pfeifen im Telefonhörer, wenn man irrtümlich die Fax-Durchwahl gewählt hatte!

Ein ähnliches Schicksal war übrigens auch dem in den 80er und 90er Jahren sehr beliebten Anrufbeantworter beschieden. Ein absolutes Must have – als Heidi und ich unsere erste kleine Wohnung bezogen, kaufte sie ihren Zimmerpflanzen pastellfarbene Übertöpfe und ich unserem Festnetzanschluss einen Anrufbeantworter, kurz und hipp AB genannt. Wer damals auf sich hielt, trug Sakkos mit aufgestelltem Kragen, umgekrempelten Ärmeln und Schulterpolstern, die Dauerwelle als „Frisur“ am Kopf, hörte Falco, Nena und Opus und war telefonisch nur über den AB erreichbar. So demonstrierte man damals, wie wichtig und gestresst man war. Wer in den späten Achtzigern bei Familie Moser anrief, bekam bloß Max Raabe ans Telefon, der „Kein Schwein ruft mich an, keine Sau intressiert sich für mich“ näselte und danach Heidi mit wohlklingendem Timbre: „Hallo, hier sind die Mosers. Wir sind derzeit leider nicht erreichbar, bitte hinterlassen Sie uns eine Nachricht nach dem Biep-Ton! Wir rufen sobald als möglich zurück.“ Eine feine Sache. Nach außen demonstrierte man Unabkömmlichkeit, gleichzeitig konnte man in Ruhe entscheiden, ob man überhaupt zurückrufen will. Doch dann kamen die ersten leistbaren Handys und irgendwann erfand so ein Klugscheißer das Smartphone, und mein geliebter AB verschwand in der Versenkung.

Doch zurück zum Fax. Aus welcher Zeit stammt diese wundervolle Erfindung, was würden Sie spontan schätzen? Wahrscheinlich werden viele von Ihnen auf Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre tippen, oder? Falsch. Das Faxgerät geht zurück auf die 40er Jahre, allerdings nicht 1940 – sondern bereits 1840!! Am 27. Mai 1843 bekam nämlich der schottische Mechaniker und Erfinder Alexander Bain das britische Patent für seine „Verbesserungen in der Herstellung und Regulierung von elektrischen Strömen und Verbesserungen in Uhren und in elektrischen Druck- und Signaltelegrafen“, genauer für einen Kopiertelegrafen. Das war das erste Faxgerät, mit dem man Handschriften oder Zeichnungen elektrisch übertragen konnte. Wir feiern also morgen das unglaubliche Jubiläum „175 Jahre Fax“. Dieses sensationelle Wissen teile ich gerne mit Ihnen und Sie können die kleine Anekdote über die Entstehung des Faxgerätes gerne unentgeltlich als Kracher beim nächsten Party-Smalltalk zünden. Ich verlange dafür kein Honorar, keine Gage, keine Urheberrechtsentgelte, da ich mit diesem kleinen Internet-Tagebuch keine Gewinnabsichten hege und kein Geld verdiene.

Dies führt mich zur Datenschutz-Grundverordnung DSGVO, die in den letzten Wochen für so viel Aufregung unter meinen werten Blogger-Kollegen gesorgt hat und die nun gestern endgültig in allen 28 EU-Staaten in Kraft getreten ist. Zeter & Mordio wurde gerufen, ich schließe meinen Blog, ein Wahnsinn, was muss ich tun, wie soll ich mir 20-Millionen-Abmahnungen leisten, ich hab die Schnauze voll und dergleichen mehr. Es wurde recherchiert, Anwälte und Spezialisten konsultiert, mehrteilige Serien über den richtigen Umgang mit der Verordnung wurden publiziert und die Verwirrung war groß. Wie der treue Leser sicher noch nicht bemerkt hat, gibt es seit dem gestrigen Freitag keinerlei Änderungen auf dem Blog von Herrn Moser. Nada, nix, niente. Ich stelle ein paar kleine Geschichten ins Netz und hoffe, dass sie euch gut unterhalten. Ich verdiene damit aber kein Geld, ich verarbeite keine personenbezogenen Daten und hege auch sonst keine unlauteren Absichten. Wer zur Sicherheit aber trotzdem gerne eine Datenschutzerklärung von mir hätte, kann mir nach dem Biep! gerne eine Nachricht hinterlassen. Ich faxe sie Ihnen dann zu. Biep!

Abbildung: SWR.de

Sport ist Mord

Wie der geneigte Leser weiß, habe ich meinen kürzlich 60 gewordenen Körper auf Anraten von Heidi einer Generaluntersuchung unterzogen. Es wurde gespiegelt (Magen, Darm, Blutzucker), gemessen (Größe, Gewicht, Blutdruck), gehorcht, geklopft, gestochen, gestöhnt, gehustet, röntgenisiert. Das Ergebnis war zwar nicht berauschend, gab aber auch keinen Anlass zum Jubeln und mein Hausarzt Dr. Wolfi gab mir neben diversen Medikamenten noch einen guten Rat mit auf den Weg: „Mein lieber Herr Moser, das eine oder andere Schnitzel und Glas Wein weniger, hören Sie zu rauchen auf und… (dramaturgische Pause) betreiben Sie ein wenig Sport! Ein paar Kilo abnehmen, ein bisserl regelmäßige Bewegung und Sie werden 100 Jahre alt.“ Die Aussicht auf 40 Jahre Genussverzicht und schweißtreibenden Sport stimmte mich verdrießlich.

Woher kommt eigentlich das Wort „Sport“? Im Englischen gibt es das Wort disport, was so viel bedeutet wie Zerstreuung, Vergnügen (lateinisch deportare: sich vergnügen). Der Sport früherer Jahrhunderte war höheren Gesellschaftsschichten vorbehalten, da sie die Einzigen waren, die die entsprechende Muße dafür hatten. Ich persönlich halte es mit dem britischen Staatsmann Sir Winston Churchill, dem das berühmte Zitat „No sports“ (Sport ist Mord) zugeschrieben wird – seine Antwort auf die Frage, was das Rezept des leidenschaftlichen Zigarrenrauchers und Whiskyliebhabers für ein langes Leben sei. Churchill wurde 91 Jahre alt. Ich würde zwar nicht behaupten, dass Sport gleich Mord ist, aber mindestens so etwas wie fahrlässige Tötung oder Totschlag. Erst gestern berichtete mir Heidi von einem Fußballspiel ihres Neffen Luki, der in der U15 Mannschaft eines niederösterreichischen Vereins kickt. Ergebnis: 1:3 und ebenso viele Verletzte wie Tore: Schlüsselbeinbruch, angeknackster Knöchel, blaues Auge, ausgekegelte Schulter.

Mir wurde der Sport schon in der Schule im Turnunterricht verleidet. Ich hasste den strengen Geruch des Turnsaals nach Schweiß und Leder, die schrille Pfeife des Lehrers, das zackige Antreten in Reih und Glied. Beim Fußball wurde ich regelmäßig als Letzter ins Team „gewählt“, beim Völkerball regelmäßig als Erster mit dem Basketball abgeschossen. Beim Erklimmen der hellgrün lackierten Metallstange, die unüberwindlich und kilometerhoch in den Turnhimmel ragte, scheiterte ich bereits nach 80 cm und musste mich dem spöttischen Gejohle meiner Klassenkollegen aussetzen. Leibesübungen: genügend stand regelmäßig im Zeugnis. Schon das Wort Leibesübungen empfand ich als Hohn, für mich als Schön- und Freigeist ein sintflutliches Relikt aus den Tagen von Turnvater Jahn. Ich hasste Turnen aus tiefstem Herzen.

Dann kam jener schicksalsschwangere Tag, als Susi Möltner vom Turnunterricht befreit war und in ein Buch vertieft gemütlich auf einer Holzpritsche saß (ich besuchte in der Unterstufe des Gymnasiums noch eine sogenannte gemischte Klasse, also mit Mädchen und Buben). „Warum ist Susi vom Turnen befreit?“ frug ich unbedarfter, unaufgeklärter 12- oder 13-jähriger Bengel meinen Freund und Banknachbarn Stefan. „Sie hat ihre Tage“, raunte er mir wissend zu. Darunter konnte ich mir nichts vorstellen. Ihre Tage? Stefan erkannte meine Verwirrung und erklärte: „Sie hat ihre Monatsblutung, ihre Regel halt. Capito?!“ Ich kapierte zwar nichts, sah aber in dieser ominösen Regel einen genialen Entschuldigungsgrund für eine Turnbefreiung. Daheim übte ich stundenlang die ohnehin etwas kindliche Handschrift meiner nichtsahnenden Mama Fritzi. Vor den nächsten Leibesübungen präsentierte ich dem gestrengen Turnprofessor Richter eine handgeschriebene Entschuldigung meiner Mutter:

Mein lieber Sohn Herr Moser kann heute leider nicht am Turnunterricht teilnehmen, weil er seine monatliche Blutung hat. Ich bitte Sie, seine Tage zu entschuldigen, aber so ist die Regel. Hochachtungsvoll Fritzi Moser.

Herrn Professor Richter fiel das silberne Trillerpfeifchen aus dem Mund und er schickte mich schreiend zum Rapport beim Direktor. Er war so aufgebracht, dass ich einige kleine Speicheltröpfchen am linken Auge und auf der Wange abbekam. Am schlimmsten aber war die Aufklärungsstunde bei meinem Vater Poldi, der mich abends in sein Arbeitszimmer zitierte und mir einen Vortrag über Eierstöcke, Eisprung, Samen, Befruchtung und Menstruation hielt. Obwohl ich wiederum kaum etwas verstand, war mir die ganze Sache fürchterlich peinlich und ich schlich nach der biologischen Standpauke mit tiefroten Ohren aus dem Zimmer.

Sie werden verstehen, dass man mein Verhältnis zur körperlichen Ertüchtigung als durchaus gestört bezeichnen kann. Die guten Ratschläge von Dr. Wolfi in allen Ehren, ich mache es mir halt lieber im zitronengelben Liegestuhl bequem und sehe dem Gras beim Wachsen zu, lausche dem Tirili der Vögel und himmle den blauen Himmel an, anstatt joggend oder Gewichte stemmend mein irdisches Ablaufdatum künstlich zu verlängern. So ist die Regel. Hochachtungsvoll, Ihr Herr Moser.

Zeitvertreib

Während in den Produktionshallen unserer kleinen Fischkonservenmanufaktur ungebrochen Hochbetrieb herrscht, in riesigen Kesseln Tomaten- und Currysaucen für die beliebten Heringsfilets gerührt werden und hochtechnisierte Apparaturen die silbrigen Fischlein köpfen und entgräten, stampfende und zischende Maschinen die Konservendosen versiegeln und etikettieren, herrscht im Verwaltungstrakt unheimliche Ruhe. Pfingsten wirft seine Schatten voraus. Die meisten meiner Kollegen und Innen haben sich heute und morgen frei genommen, um in Verknüpfung mit dem kommenden langen Wochenende in den Genuss eines Kurzurlaubes zu kommen. Nicht so Ihr bekannt emsiger Herr Moser, dem Fleiß und Arbeitswut aus allen Poren quillen.

Himmlische Stille in den Büros, keine gackernden und schnatternden Buchhaltungshühner, die aufgescheucht um den Kaffeeautomaten flattern; keine ukrainische Putzfrau Editha, die pfeifend und besenschwingend über die Gänge schlendert, ihre Deutschkenntnisse mit Hitradio Ö3 im Ohr aufpoliert, und mit den Worten Jetzt Werbung! Dann Frihstickspause! in der Herrentoilette verschwindet, um sich einen kleinen Pausenjoint zu gönnen. Keine störenden Mails und Anrufe von Svetlana und Mag. Erwin Pfotenhauer, und vor allem: Auch die traurigen, wässrigen und überdimensionalen Riesenglubscher des Kollegen Cerny bleiben mir heute erspart. Er wurde ja kürzlich von seiner Freundin Jasmin in die Wüste geschickt, hat diesen Schicksalsschlag noch immer nicht verarbeitet und leckt wahrscheinlich über Pfingsten daheim seine Wunden. Soll mir recht sein. Ich werde diesen Tag ohne störende Nebengeräusche nutzen, um effizient und produktiv ein paar Altlasten aufzuarbeiten und mit einem Konzept zum Thema „Marketing & Vertrieb – neue Wege im digitalen Zeitalter“ meinen Status als innovativer Abteilungsleiter zu untermauern.

Ich beginne den Arbeitstag mit einem kurzen Rundgang durch die diversen Büros, um zu sehen, wer außer mir noch ein Mitarbeits-Plus verdient hat, treffe aber nur Irene Schwingenschlögel in Zimmer 2003 – Controlling an. Sie brütet verbissen über irgendeiner Excel-Tabelle, hebt kurz den Blick und eine Augenbraue, frägt rhetorisch „Na Moser, auch da?“ und versinkt augenblicklich wieder im Zahlenmeer. Ich will nicht weiter stören, spaziere zum Kaffeeautomaten und werfe 80 Cent ein, um mir einen Cappuccino zu gönnen. Die störrische Heißgetränkemaschine rückt einen Kakao extra cremig raus. Ich lasse mir die Laune nicht verderben, koste ein Schlückchen, verbrenne mir die Zunge und suche die Toilette auf. Beim Händewaschen werfe ich einen Blick in den Spiegel und stelle fest, dass ich für meine 60 Jahre zwar noch verdammt gut aussehe, aber meine Nasenhaare unkontrolliert zu wuchern beginnen. Ich eile zurück an den Computer, surfe zu Amazon und bestelle einen elektrischen Nasenhaarschneider. Und weil mir daheim der Lesestoff ausgegangen ist, wühle ich mich auch gleich durch das nahezu endlose Angebot der Serienkiller-Thriller und entscheide mich nach Durchsicht Dutzender Inhaltsangaben und Leserkritiken für den Kruzifix Killer von Chris Carter. 470 Seiten Hochspannung für 11,- Euro, das kann man machen. Es ist 9:20, Zeit für richtigen Kaffee und ich gieße mir eine Tasse aus Heidis Thermoskanne ein. Ich öffne das Fenster und gönne mir dazu eine Morgenzigarette. Die Packung ist fast leer und das lange Wochenende naht. Ich schreibe Heidi eine WhatsApp: „Schatz, mein Täubchen, besorgst du bitte für das Pfingstwochenende noch Zigaretten? Danke!“  Ich garniere die Botschaft mit einem Zwinkersmiley, setze nach kurzem Überlegen noch ein Küsschen und ein Herz dazu, und drücke auf Senden. Erledigt. Vor dem Bürofenster weht ein frischer Wind, der Himmel ist bewölkt und ich checke auf der Wetter-App die meteorologischen Aussichten für die Feiertage. Schaut ganz gut aus.

Weil ich gerade das Handy in Händen (sic!!) halte, könnte ich eigentlich auch rasch eine Runde Quizduell spielen, und mein Punktekonto ein wenig aufpolieren. Ich fordere meinen Erzfeind jackwolfskin57 zum Duell und gewinne sechs von sieben Runden, davon vier haushoch. Ich bin ein Teufelskerl und belege unter mehreren Millionen Mitquizzern inzwischen Rang 9.877. Wahnsinn. Eigentlich sollte ich aus meinem enormen Allgemeinwissen Kapital schlagen und ich melde mich online als Kandidat für die Millionenshow an (die österreichische Ausgabe von Wer wird Millionär). „Vielen Dank für Ihre Anmeldung! Wir werden Sie kontaktieren, wenn Sie zum Casting für die Millionenshow ausgewählt werden.“  Na also. Denen werd ich es zeigen. Bei meinem Wissen sollte ein sechsstelliger Gewinn locker drin sein. Was würden wir mit 125.000 oder gar 500.000 Euro anstellen? Wir lieben unseren tomatenroten Spanier zwar sehr, aber ein etwas größeres, flotteres Auto wäre nicht schlecht. Ich klicke mich durch das aktuelle Sortiment von Mercedes, BMW & Co, vergleiche Preise und Ausstattung der diversen Modelle, kann mich aber nicht entscheiden. Na gut, es eilt ja noch nicht und ich checke die geilsten Angebote für einen Island-Urlaub, da es Heidi und mich eher in den Norden zieht anstatt in schwüle, feuchte Länder. Ernüchtert stelle ich fest, dass so ein Island-Urlaub ein teurer Spaß ist und so eine halbe Quiz-Mille doch ein beruhigendes Polster wäre, speziell wenn wir uns für den BMW 225xe iPerformance Active Tourer entscheiden und noch etwas für die Altersvorsorge anlegen wollen. Da muss ich noch ein wenig an meinen Schwachstellen Geographie, griechische Mythologie und Vereinsfußball arbeiten.

Inzwischen ist es 11:36 und ich verspüre Hunger. Ich spaziere zum Schwarzen Brett, um mich über das heutige Menüangebot der Kantine zu informieren. Ich hoffe auf Gefüllte Paprika, bekomme aber Do 17. 5. bis Di 22. 5. wegen Pfingstferien geschlossen! Faules Pack! Zurück am Schreibtisch studiere ich den Flyer der Pizzeria Giovanni, und entscheide mich für die vegetarische Pizza Primavera, bestelle aber im Sinne der ausgewogenen Ernährung um 1,50 Schinken als Extra-Auflage dazu. Ich überlege kurz, ob ich während der 30 Minuten Wartezeit mein Konzept zu Marketing & Vertrieb in Angriff nehmen sollte, entscheide mich dann aber dafür, die Aktenmappen auf meinem Schreibtisch nach Größe und Farbe zu sortieren.

Um 12:30 steht die duftende Pappschachtel endlich vor mir und ich stürze mich heißhungrig auf den italienischen Teigfladen mit Gemüse und Schinken. Der Pizzabäcker hat es mit dem Knoblauch sehr gut gemeint, und mit Magendrücken und Aufstoßen beschließe ich, heute etwas früher Schluss zu machen. Man soll es schließlich nicht übertreiben. Ich melde mich noch rasch bei einem firmeninternen Seminar über den richtigen Umgang mit Stress an, und fahre pünktlich um 13:00 meinen PC runter.

Schöne Pfingsten allerseits!

Manifest für die Küchenrolle

Die Küchenrolle (auch Küchenpapier, Küchenkrepp oder Haushaltspapier) bezeichnet ein spezielles saugfähiges Papier, das vorperforiert ist und auf Papprollen aufgerollt verkauft wird. (Zitat „Wikipedia“)

Nachdem im kinderlosen Haushalt der Familie Moser aus verständlichen Gründen weder Vater- noch Muttertag zelebriert werden, ernannte ich den heutigen Feiertag ebenso kurzfristig wie selbstlos und liebevoll zum Heidi-Tag. Mein braver und fleißiger Schatz sollte im Garten die vormittägliche Frühsommersonne genießen, während ich mich um die Zubereitung der Wiener Schnitzel samt Pommes Frites und Gurken-Dill-Salat kümmerte. Garniert mit ein paar frischen Limettenscheiben und ein paar Klecksen Ketchup wollte ich die österreichische Köstlichkeit in Begleitung eines bunten Blumenstraußes auf den Mittagstisch bringen, und mit den erhofften Pluspunkten meine eheliche Bilanz, die zuletzt deutlich ins Minus gerutscht war (der Russenluster im Schuppen harrt noch immer der Demontage, der Rasen muss gemäht und die Hecke gestutzt werden usw.) ein wenig aufpeppen.

Von der Kochmuse geküsst, werkte ich in der Küche fast weltmeisterlich – schälte und hobelte Gurken, baute eine imposante Panierstraße (Mehl, Ei, Semmelbrösel) auf, und ließ die tiefgefrorenen Pommes im Backofen kalorienschonend und dennoch goldgelb auf den Punkt garen. Wo jedoch gehobelt wird fallen auch Späne, wie der kochaffine Leser weiß. Im Klartext: Während die Schnitzel im heißen Öl brutzelten und den Herd mit Fettspritzern versauten, blickte ich auf das Schlachtfeld Arbeitsplatte, wo Gurkenschalen, verklumpte Semmelbrösel und eine weiße Mehlschicht eine unappetitliche Kulisse abgaben. Doch davon ließ sich Herr Moser nicht abschrecken – vertraue ich doch seit vielen Jahren auf die praktische, rasche und zuverlässige Hilfe der Küchenrolle. Je nach Bedarfsfall feucht oder trocken angewendet, verschwindet selbst die größte Schweinerei in Sekundenschnelle. Quasi „Wisch und weg!“ Schlafwandlerisch griff ich zum Platz, wo unsere Küchenrolle seit jeher auf ihren Einsatz wartet… und bekam eine graue Papprolle mit einem einzigen, letzten Blatt des wertvollen Küchentuches zu fassen. Auf die vorbildliche Vorratshaltung meiner Adelheid vertrauend, eilte ich zur Abstellkammer. Doch ich wurde grausam enttäuscht. Es gab keinen Küchenrollenvorrat, höhnisch grinste mich das leere Regalfach an. Oh Gott! Auf welcher Zellstoffunterlage sollte ich die triefenden Schnitzelchen vom überflüssigen Fett befreien, mit welchem saugfähigen Tuch meine schweißnasse Stirn tupfen?? Panik machte sich breit. War ich küchenrollensüchtig? Abhängig von meinem nützlichen Helfer? Schnell das Gemüse abtrocknen, den verschütteten Kaffee aufwischen oder den Mülleimer reinigen – die Küchenrolle hatte sich so klammheimlich in unseren Alltag geschlichen und unentbehrlich gemacht, dass ein Leben ohne sie zwar möglich, aber sinnlos ist. Ich wollte in den Garten stürmen, um Heidi im zitronengelben Liegestuhl mit ihrer verfehlten Einkaufspolitik zu konfrontieren, besann mich aber rechtzeitig eines besseren. Schließlich bin ich der Chefeinkäufer der Familie. Außerdem entwickelten die Schnitzel im siedenden Sonnenblumenöl bereits verdächtige Röstaromen. Ich rettete unser Mittagessen kurz vor dem Verbrennungstod und fluchte. Über die fettigen, dunklen Schnitzel, den fettigen Herd, die fettige Arbeitsplatte, meine fettigen Finger, die fehlende Küchenrolle.

Nun kann man über den intensiven Gebrauch von Küchenrollen durchaus geteilter Meinung sein und empört rufen: „Jedes Tuch war mal ein Baum!“ So nützlich die kleinen Tücher sind, nach einmaligem Gebrauch werden sie über die Kanalisation oder als Abfall entsorgt und können dem Wertstoffkreislauf nicht mehr zugeführt werden. So entsteht Papiertuch für Papiertuch ein riesiger Müllberg, mit dem man abgerollt inzwischen die Erde ganze 2.100 Mal umwickeln könnte. Die traurige Folge: Immer mehr Bäume fallen der Produktion neuer Tücher zum Opfer. Hinzu kommt, dass zur Papierherstellung sehr viel Energie benötigt wird. Der hohe Wasserverbrauch und der Einsatz von Chemikalien fallen zusätzlich der Natur zu Lasten.

Eigentlich sollte ich für jedes Wegwischen eines Fettspritzers, für jedes Schnäuzen mit einem Stück Küchenrolle mit 30 Stockhieben auf die nackten Fußsohlen bestraft werden. Aber, liebe Leute, sie ist halt so verdammt praktisch!!! Und vergesst nicht: ich wurde in den 70er Jahren unter dem Motto Sex, Drugs & Rock’n Roll domestiziert, und muss heute mit Nachhaltigkeit, Veganismus & Helene Fischer zurechtkommen. Das ist auch nicht einfach.

Als ich mit Heidi beim Schnitzelessen über das Thema diskutierte, hatte sie prompt die richtige Lösung zur Hand: „Wir werden künftig eben nur noch Recycling-Küchenrollen kaufen!“ Kein Problem für Chefeinkäufer Moser. Ich darf bereits keine (!!) Produkte vom Umweltsünder- und Ausbeuterkonzern Nestlé mehr kaufen, keine Thunfischdosen ohne MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei, nur Eier aus Freilandhaltung, auch Teigwaren dürfen keine Eier aus Bodenhaltung enthalten, nur Bio-Bauernbrot ohne Zusatzstoffe, keine Wurst aus Massentierhaltung, nur Obst aus Österreich oder von Fairtrade-Partnern, und keine Baby-Tiere wie Kalb o.ä. Ganz einfach, da kommt es auf Recycling-Küchenrollen wirklich nicht mehr an.

Der Russenluster

Der Geräteschuppen des Moser´schen Reihenhauses, der allerlei Nützes (Rasenmäher, Heckenschere, Blumenerde) und Unnützes (undichter Gartenschlauch, solarbetriebene Deko-Schmetterlinge, Werkzeugkasten ohne Werkzeug) beherbergt, wird in dunklen Stunden von einem sogenannten Russenluster beleuchtet. Dieses hübsche Wort bezeichnet im Wienerischen Sprachgebrauch die Raumbeleuchtung mittels einer Glühbirne, die in einer einfachen Fassung ohne Lampenschirm direkt am Stromkabel von der Decke hängt. Die Bezeichnung nimmt den im Hochdeutschen Lüster (österreichisch: Luster) genannten Kronleuchter und wertet ihn dann ab: einerseits bedeutet in der Wiener Mundart „etwas russisch machen“ eine schlampige bzw. nur provisorische Arbeitsausführung.  Allerdings kann mit der erklärenden Beifügung „Russen“ auch die (angenommene) spartanische Ausstattung und Unordnung russischer Haushalte gemeint sein. Schon meine Großmutter, die alte Moser sel., pflegte entsetzt ihre knorrigen Hände vor den Mund zu legen und zu rufen: „Jössasmariaundjosef! Do schauts jo aus wie bei de Russn!“, sobald sie das Lego-Ritterburg-Bücher-Indianer-Chaos in meinem Kinderzimmer erblickte. Das russische Volk hatte also dazumals bei uns kein allzu gutes Image, das von Omas Schauergeschichten aus dem Weltkrieg und der anschließenden Besatzungszeit noch reichlich ausgeschmückt wurde. Ohne in meinem jungen Leben jemals einen leibhaftigen Russen erblickt zu haben, war der Russe für mich kleinen Knirps das personifizierte Böse – schmutzige, schlampige Diebe in Uniform, mit riesiger Pelzmütze, nach Wodka stinkend, „cha cha cha“ und „chua chua chua“ lachend.

Nun wollte meine stets nach Perfektion strebende Heidi den Anblick unseres Russenlusters nicht länger ertragen, und entsandte mich in ein namhaftes Einrichtungshaus, um eine schlichte, eine dem Umfeld des Geräteschuppens adäquate Deckenlampe zu erwerben. Nach eingehender Beratung und bereits fünf Stunden später kehrte ich heim ins Reihenhaus, um meiner stilsicheren Frau stolz meine Einkäufe zu präsentieren. Aus einem bunt bedruckten Türkenkoffer (= Wienerisch für Plastiktüte) zauberte ich eine schmucklose Milchglas-Halbkugel mit schwarzer Einfassung, die sofort Heidis Zustimmung fand. Da ich mich an jenem Vormittag in baldiger Erwartung des Urlaubsgeldes in bester Konsumlaune befunden hatte, brachte ich für unseren Topfpflanzentisch im Vorgarten noch eine graue, abwaschbare Plastiktischdecke mit weißen Fransen (Made in China) mit, die aber kommentarlos im Schuppen gleich neben dem undichten Gartenschlauch landete. Meinen größten Trumpf hatte ich mir jedoch bis zum Schluss aufgehoben: „Nächste Woche wird ein neuer Tschuschen-Fernseher geliefert!“ informierte ich Heidi stolz. Allen, die des Wienerischen nicht mächtig sind, sei gesagt, dass es sich hierbei um eine Waschmaschine handelt. Die ersten Gastarbeiter, die in den 60er und 70er Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Österreich kamen, wurden vom einheimischen Volk bald als „Tschuschen“ bezeichnet. Über die Etymologie des Wortes gibt es mehrere, unbelegte Theorien – da aber auch auf Russisch „tschuschoi“ so viel wie fremd bedeutet, liegt die Vermutung nahe, dass der Wortstamm im Slawischen verbreitet ist. Die Bezeichnung Tschuschen-Fernseher für eine Waschmaschine oder einen Wäschetrockner kreierte das goldene Wienerherz, da sich die schlecht bezahlten Gastarbeiter oft keinen Fernseher leisten konnten.

Heidis helle Freude über die neue Waschmaschine machte den Missgriff mit dem Tischtuch problemlos vergessen, und wir genossen ein herrliches Wochenende bei traumhaftem Wetter. Doch im Schuppen lauert die neue Deckenlampe und will montiert werden, um dem Russenluster endgültig den Garaus zu machen. Elektrizität + Moser = Todesgefahr! Ich überlege bereits, die fachkundige Hilfe eines Funkenschusters (Wienerisch für Elektriker) beizuziehen.

Die kroatische Pfeffermühle

Während wir Ende März witterungs- und temperaturtechnisch noch irgendwo im Januar waren, ging es im April relativ rasant und ansatzlos Richtung August. Innerhalb von zwei Wochen von Alaskafrost zur Saharahitze – das kann die Natur, zu der sich auch Herr Moser zählt, schon ganz schön verwirren. Unser Reihenhausgärtchen reifte binnen weniger Wochen vom graubraunen Gestrüpp zur sattgrünen, üppigen Oase. Ein Erlebnis, als würde sich ein zahnloses, kahles Baby zwischen Sonntag und Freitag unter Auslassung der Pubertät zum fertigen, bärtigen Kerl entwickeln. Ich fiel vom Winterschlaf direkt in die Frühjahrsmüdigkeit und von dort sofort in die sommerlichen Hitzeerschöpfungszustände. Der Moser´sche Geist war noch damit beschäftigt, die letzten heimtückischen Frostattacken zu verarbeiten, während der Körper bereits unter der heißen Aprilsonne schwitzte und erste Röstaromen verströmte. Mitten in dieses Klimakterium, in diesen launischen Wechsel der Jahreszeiten, platzte meine robuste Heidi mit der Ankündigung, dass es an der Zeit wäre, die Grillsaison zu eröffnen. Für das Wochenende wären an die 30° und strahlender Sonnenschein vorhergesagt. Während es mir persönlich völlig ausreichen würde, in trauter Zweisamkeit zwanglos ein paar Koteletts auf den Grill zu schmeißen und ein kaltes Bierchen zu zischen, liebt meine Angetraute die Geselligkeit. „Laden wir doch Gerald und Mona ein“, schlug sie vor. Das befreundete Ehepaar genießt bereits seine wohlverdiente Frühpension, reist mehrmals im Jahr durch die Weltgeschichte und zählt zur aussterbenden Spezies der Ansichtskartenschreiber und Souvenir-Mitbringer. Ich willigte ein.

Am verwichenen Sonntag zur Mittagsstunde blickten wir stolz auf unser Werk: Der Tisch im Garten war mit einer sommerlich-floralen Tischdecke mit dazu passenden Servietten gedeckt, die Weingläser poliert, das rustikale Besteck mit den Holzgriffen ordentlich ausgerichtet, die Grillsaucen in allen Farben und Geschmacksrichtungen waren in kleinen Schälchen dekorativ angerichtet, inmitten der Tafel prangte ein Strauß blühender Pfingstrosen. Bratwürste, köstlich marinierte Hühnerbrüstchen und Filetsteaks warteten auf einem Holzbrett auf ihre Veredelung durch die Maillard-Reaktion (eine nicht-enzymatische Bräunungsreaktion, die beim Frittieren, Braten und Grillen von Lebensmitteln zu beobachten ist). Alles war perfekt, nein: schien perfekt! Denn plötzlich, fünf Minuten vor Ankunft unserer Gäste, durchzuckte mich die Erkenntnis: die kroatische Pfeffermühle fehlt!!! „Die kroatische Pfeffermühle!!!“ rief ich zu Heidi mit schreckensgeweiteten Augen. „Waaas?“ zeigte sich die sonst so perfekte und untadelige Gastgeberin ahnungslos. „Mona und Gerald haben uns doch vor ein paar Jahren diese riesige, furchtbare Pfeffermühle aus dem Kroatienurlaub mitgebracht! Einen halben Meter hoch, aus dunklem Holz geschnitzt, mit kleinen Eselsmotiven!! Du weißt schon, wir haben sie nie verwendet! Wo??“ „Keine Ahnung!“ zuckte Heidi mit ihren hübschen, schulterfreien Schultern im brombeerfarbenen, schulterfreien Sommerkleidchen. „Die Mühle muss auf den Tisch, sonst sind sie wieder beleidigt“, erklärte ich, „Erinnerst du dich, wie Mona mit den Augen gerollt hat, als sie gesehen hat, dass wir ihr Zebrabild aus dem Safariurlaub am Klo aufgehängt haben? Sie haben drei Monate nicht mit uns gesprochen. Wo ist die verdammte Pfeffermühle??“ Die Uhr zeigte 12:24, noch sechs Minuten bis zur Ankunft des reisefreudigen Paares.

Heidi begann hektisch in diversen Schubladen herumzuwühlen. „Haben wir nicht eine Lade für schreckliche Geschenke und unnütze Küchengeräte oder so etwas?“ versuchte ich Heidi anzufeuern. „Vielleicht im Abstellraum? Hoffentlich nicht im Keller, da finden wir sie nie!“ „Moser, verschwinde und lass mich suchen. Du machst mich nervös!“ Ich schnappte mir den für Musicalbesuche reservierten Operngucker, versteckte mich bäuchlings hinter den Hainbuchen und spähte den Weg nach vorne zum Parkplatz, um Heidi rechtzeitig die nahende Ankunft der Gäste zu verkünden. Ich hörte meine brave Frau bis in den Garten scheppern und rumoren, als pünktlich um 12:30 Geralds Wagen einbog. „Natürlich mit dem Cabrio, diese Angeber!“ murmelte ich verärgert. „Und pünktlich wie die Maurer. Frechheit!“ Ich krabbelte aus dem Gebüsch, lief zurück ins Haus und schrie flüsternd: „Alarm, sie kommen!! Hast du sie?!“ In dieser Sekunde kam ein riesiger Holzbalken in hohem Bogen auf mich zugeflogen, den ich dank meiner immensen Adrenalinausschüttung behende wie ein Kapuzineräffchen auffing. „War hinter den alten Kochbüchern!“ raunte Heidi. In Windeseile platzierte ich den Pfefferprügel auf dem Tisch, drehte mich um… und da spazierten Gerald und Mona auch schon durch das Gartentor, winkten mit einem Blumenstrauß und einer Flasche Wein und riefen: „Mahlzeit! Wir haben gehört, hier wird heute gegrillt?!“

Als ich Mona freundschaftlich umarmte und zwei Küsschen in die warme Sommerluft hauchte, fiel mein Blick auf den kroatischen Volkskunstpfefferturm, der in der Mitte des Tisches alles eindrucksvoll überragte und Lauf der Jahre des unbeachteten Daseins eine unübersehbare Staubschicht angesetzt hatte. Oh Gott, wie peinlich! Ich trat die Flucht nach vorne an, schnappte mir das corpus delicti und meinte kopfschüttelnd: „Dieser verfluchte Saharastaub! Derzeit ist man nirgends sicher vor dem Wüstendreck…“ Heidi schenkte unseren Gästen reinen Weißwein ein, ich befreite in der Küche die geschnitzten Esel mit einem feuchten Tuch vom Staub. Schließlich landete das Grillgut samt Beilagen auf unseren Tellern, Heidi reichte das Körbchen mit frisch aufgebackenem Ciabatta herum und ich nahm demonstrativ das ungeliebte Monstrum zur Hand: „Eure gute, alte Pfeffermühle… wir lieben sie! Ein Steak ohne frisch gemahlenem Pfeffer schmeckt nur halb so gut.“ Ich drehte oben am holzgeschnitzten Eselskopf und die Mühle gab ein verrostetes Quietschen von sich, das tatsächlich so ähnlich wie ein klägliches Iaa Iaa klang. Unten fielen, kaum wahrnehmbar, ein paar Stäubchen zerfranstes Pfefferschrot auf mein Fleisch. Ich reichte das hässliche Teil an Mona weiter, die es stirnrunzelnd musterte und eine entscheidende Frage stellte: „Wieso eigentlich unsere gute, alte Pfeffermühle?“ „Na, ihr habt sie uns doch aus eurem Kroatienurlaub mitgebracht!“ klärte ich Geralds Frau auf und nahm zufrieden einen Schluck vom kalten Weißwein. „Nein“, rollte Mona mit den Augen. „Erstens waren wir noch nie in Kroatien und zweitens würden wir so etwas Geschmackloses niemals verschenken! Wir haben euch aus Griechenland dieses tolle, geschnitzte Salatbesteck mitgebracht!“ Mit unserem kleinen, schmucklosen Alu-Salatbesteck schaufelte sie sich noch etwas Tomatensalat auf den Teller. „Ja natürlich!“ sprang mir Heidi hilfreich zur Seite. „Wir lieben das griechische Salatbesteck. Es ist gerade schmutzig und im Geschirrspüler!“ „Ach, hattet ihr einen Bauernsalat mit Schafkäse und Oliven zum Frühstück?“ lachte Gerald und verschluckte sich zur Strafe für seinen geschmacklosen Scherz an einem Stück Ofenkartoffel. „Wir haben euer tolles Zebrabild aus Namibia jetzt im Vorzimmer zwischen Spiegel und Schuhschrank platziert. Da kommt es so richtig zur Geltung“, lenkte ich das Thema unauffällig in eine andere Richtung. „Kenia, nicht Namibia“, korrigierte Mona.

Nach dem anstrengenden Grillnachmittag, der eher unterkühlt zu Ende ging, was aber keineswegs am Wetter lag, räumte ich mit Heidi den Tisch ab. Ich reichte ihr die Pfeffermühle und frug: „Wenn sie nicht von Gerald und Mona ist, von wem haben wir das verdammte Ding dann bekommen?“ „Haben wir sie nicht bei unserem Urlaub auf Krk selbst gekauft? Auf diesem kleinen Markt? Du hast die kleinen Esel so süß gefunden!“ Dunkel dämmerte mir etwas. „Lenk nicht vom Thema ab!“ winkte ich ab. „Wo ist bloß dieses griechische Salatbesteck hingekommen?“

Die Leiden des jungen C.

Wie der aufmerksame Leser sicherlich gemerkt hat, ist es in den letzten Wochen sehr still um den sonst so umtriebigen Abteilungsleiter einer namhaften Fischkonservenmanufaktur geworden. Je nach Mentalität munkelte man hinter vorgehaltener Hand beunruhigt, besorgt oder nervös aufgescheucht von diversen Schicksalsschlägen, die mich heimgesucht haben könnten. Die Gerüchteküche brodelte, wie es so schön heißt. Ich hätte mir im eiskalten Hamburg eine todbringende Lungenentzündung zugezogen und läge hustend im letalen Endstadium in der Intesivstation einer weltbekannten Lungenheilanstalt, wollten die Hardcore-Verschwörungstheoretiker wissen. Andere sahen mich in einer tiefen Sinneskrise, geschieden von Weib und Reihenhaus, der Trunksucht anheimgefallen und verlottert am Bahnhof lungernd, eilige Passanten um ein paar Cent für das nächste Bier anbettelnd. Auch kam mir zu Ohren, ich hätte mich im Zorn von Pfotenhauer, Cerny & Co getrennt, und mich in der Schmach der Arbeitslosigkeit von der Reichsbrücke in die kalten Fluten der schönen blauen Donau gestürzt.

Fake News, liebe Leute, nichts als Fake News. Ich erfreue mich bester Gesundheit, soweit man das als 60jähriger Tattergreis von sich behaupten darf; Midlife Crisis und Alkoholsucht kenne ich nur vom Hörensagen, und ich stehe in Pfotenhauers Fischfabrik weiterhin in Lohn und Brot. Also kein Grund zur Panik. Es ist nur so, dass mich das alltägliche Leben derzeit fest im Griff hat und ich zuletzt wenig Lust verspürte, mich nach getaner Arbeit und rechtschaffen müde, den Lesern und Abonnenten dieses Blogs in gewohnt eloquenter und humoriger Weise mitzuteilen. Vielleicht war ich auch ein wenig ausgebrannt, gleichwohl ich das Krankheitsbild des Burn Outs skeptisch betrachte. Doch heute, nach einer scharfen Portion Chili con carne entspannt unter dem grünen Sonnenschirmmonster sitzend, leise rülpsend und gefällig die üppige Blütenpracht unseres feinen Gärtchens betrachtend, überkam mich wieder die Lust, den Blog mit frischer Buchstabensuppe zu füttern. Und so erzähle ich Ihnen brühwarm von den tragischen Liebesleiden meines Kollegen Dr. Jonas Cerny.

Normalerweise erinnern seine großen, farblosen Augen hinter den dicken Brillengläsern an die Scheinwerfer eines VW-Busses. Doch gestern, als ich angesichts des nahenden Wochenendes heiter das Büro stürmte, blickten mich die traurigen, rotgeränderten und wässrigen Augen eines uralten Bluthundes an. „Was ist mit Ihnen, Cerny?!“, posaunte ich frech. „Pollenallergie?“ Müde schüttelte er den Kopf und ließ dabei ein beeindruckendes Schuppengeschwader auf seine Schultern regnen. Ich dachte an die weißen Kirschblüten, die derzeit zu tausenden auf unseren Reihenhausrasen hernieder rieseln, während Cerny mit erstickter Stimme „Jasmin“ murmelte. „Ach, Sie sind auf das Klettergehölz Jasminum officinale allergisch?“ Abermals ließ es der Bluthund Schuppen schneien: „Nein. Jasmin hat mich verlassen!“ „Wer ist Jasmin?“ „Meine Freundin. Jasmin! Ich habe Ihnen hunderte Male von ihr erzählt, Herr Moser!“ „Ach so. Was ist passiert?“

Ich erfuhr von einem bösen Streit zwischen Jasmin und Jonas, der sich an einer Nichtigkeit entzündet hatte und schließlich zu einem Flächenbrand heranwuchs. Und im Eifer des Gefechtes hatte Cerny seine Liebste mit Ausrücken bedacht, welche die gescholtene Frau auf Nimmerwiedersehen in die Flucht schlugen. „Es tut mir so furchtbar leid“, jammerte das Häufchen Cerny. „Ich hab ihr WhatsApp geschrieben, ihr gemailt und gesimst, mich entschuldigt, ihr meine Liebe beteuert, sie 100 mal angerufen – aber sie reagiert nicht. Es ist vorbei.“ Der studierte Herr Wirtschaftsdoktor bot ein Bild des Elends. Mit Sprüchen wie „Andere Mütter haben auch schöne Töchter“ versuchte ich, ihn zu trösten und aufzuheitern, was mir aber nicht gelang. Ich fühle mich in solchen Situationen hilflos und weiß nicht, was ich sagen soll. Also sagte ich: „Kommen Sie Herr Cerny! Gehen wir in die Kantine, heute gibt es gebackenen Fisch mit Kartoffelsalat. Ich lade Sie ein!“ Der uralte Bluthund salzte seinen Erdäpfelsalat noch mit einer kräftigen Dosis Tränen nach, während ich eine tragische Liebeskummergeschichte aus meiner späten Jugend ausgrub.

Sie hieß Doris, war angehende Volksschullehrerin, hatte ausladende Hüften und ein einladendes Lächeln. Sie war die erste Frau, mit der ich nicht nur das Bett, sondern auch eine kleine Wohnung teilte. Das prägt, und ich war ihr hoffnungslos verfallen. Bis sie mir nach etwa einem Jahr der Gemeinsamkeit eröffnete, sie habe sich in einen Gunther verliebt und werde ausziehen. Die Welt ging mit Pauken und Trompeten unter, und ich muss so ausgesehen haben wie heute Cerny, der mir gegenüber lustlos in seinem panierten Fisch stocherte. In einem Anfall von Selbstmitleid beschloss ich damals, meinem jungen Leben ein Ende zu setzen. Sollte sie nur sehen, was sie davon hatte, mich einfach wegen irgendeines Gunthers zu verlassen, diese Doris! Wenn ich erst tot war, würde sie händeringend zu mir zurückkommen wollen – aber zu spät. Ich inszenierte meinen Selbstmord wie eine Shakespeare-Tragödie, entzündete 22 Teelichter (wir waren damals beide 22 Jahre alt), legte eine Schallplatte mit Wolfgang Ambros´ Suizidballade „Heite drah i mi ham“ (Wienerisch für „Heute bring ich mich um“) auf den Plattenteller und schrieb auf ein tischplattengroßes Stück weiße Raufasertapete ein wortgewaltiges, zu Tränen rührendes Liebesdramulett, welches mit meinem Tod endete. Im Schein der flackernden Kerzen begann ich, meine zarten Handgelenke zaghaft mit einer Rasierklinge zu ritzen, bis erste kleine Blutströpfchen hervorquollen. Ambros sang „Heite draaah i mi ham, und es tuat gar net weh, ma wird nur ganz langsam miad, bis ma nix mehr gspiat…“  Eben wollte ich zum finalen Schnitt ansetzen, um der grausamen Welt Adé zu sagen, als es an der Tür läutete. Ha! Doris! Sie kam wohl, um in meine Arme zurückzukehren, aber zu spät! Blut- und tränenüberströmt würde ich mit tropfenden Handgelenken in der Tür stehen und ihr mit letzter Kraft zuraunen: Du hast mich verlassen. Geh zurück zu Gunther, lass mich alleine. Ich liebe dich! Dann würde ich wirkungsvoll zusammenbrechen und auf dem grünen Vorzimmerlinoleum mein Leben aushauchen. Aber es war nur meine Nachbarin, Frau Lintschi Hauser, die um zwei Stück Würfelzucker für ihren Kaffee bat.

Die alte Frau Hauser, deren weißes Haar stets so zerdrückt und verlegt war, als wäre sie eben aufgestanden, trug wie immer ihren rosafarbenen Frottee-Schlafrock, dessen Gürtel sie über dem kugelrunden Bäuchlein zu einer ordentlichen Masche gebunden hatte. „Feiern Sie eine Party, Herr Moser?“ frug sie ungeniert und steckte ihre zerknitterte Frisur neugierig in meine Wohnung. „Kerzen und laute Musik?“ Die Situation hatte etwas derart pittoreskes, dass ich die freundlich lächelnde Lintschi hereinbat, um ihren Kaffee gemeinsam mit mir zu trinken. Sie erzählte mir aus ihrem ereignisreichen Leben, vom zweiten Weltkrieg, und von ihrem Mann Edi, den ein Schlaganfall vor zwei Jahren hinweg gerafft hatte. „Und wo ist das junge Fräulein Marlis?“ frug sie irgendwann. „Doris ist fort, bei einem Gunther. Sie kommt wohl nicht wieder“, antwortete ich ohne Groll und froh, am Leben zu sein. Als Frau Hauser in ihre Wohnung zurückgekehrt war, verbrannte ich die Raufasertapete mit dem Liebes-Epos im Waschbecken, löschte die Teelichter und ging schlafen. Ich habe Doris nie wieder gesehen.

„Sehen Sie Cerny“, beschloss ich meine Erzählung und wischte mir den fettigen Mund ab, „es gibt immer einen Grund, sich für das Leben zu entscheiden. Hätte ich mein Vorhaben damals wahr gemacht, wäre meine Heidi schon Witwe gewesen, ehe wir noch geheiratet haben.“ „Und der Welt wären Ihre fischlosen Fischkonserven erspart geblieben“, lachte Cerny und langsam mutierten seine Augen vom uralten Bluthund wieder zu VW-Bus-Scheinwerfern. „Also, Kopf hoch!“ ermunterte ich meinen Kollegen, „und machen Sie keinen Blödsinn!“ „Mach ich nicht! Und Herr Moser…“ Fragend drehte ich mich noch einmal um. „Danke!“ „Ach, wofür?“ „Für die Einladung zum Backfisch“, zwinkerte mir Cerny zu.