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Der Wiener Journalist Gerry Weichselbaum ist das Mastermind hinter den vergnüglichen Abenteuern des Herrn Moser und seiner Adelheid. In unregelmäßigen Abständen werden auf diesem Blog auch diverse Kurzgeschichten publiziert.

Die Leiden des jungen C.

Wie der aufmerksame Leser sicherlich gemerkt hat, ist es in den letzten Wochen sehr still um den sonst so umtriebigen Abteilungsleiter einer namhaften Fischkonservenmanufaktur geworden. Je nach Mentalität munkelte man hinter vorgehaltener Hand beunruhigt, besorgt oder nervös aufgescheucht von diversen Schicksalsschlägen, die mich heimgesucht haben könnten. Die Gerüchteküche brodelte, wie es so schön heißt. Ich hätte mir im eiskalten Hamburg eine todbringende Lungenentzündung zugezogen und läge hustend im letalen Endstadium in der Intesivstation einer weltbekannten Lungenheilanstalt, wollten die Hardcore-Verschwörungstheoretiker wissen. Andere sahen mich in einer tiefen Sinneskrise, geschieden von Weib und Reihenhaus, der Trunksucht anheimgefallen und verlottert am Bahnhof lungernd, eilige Passanten um ein paar Cent für das nächste Bier anbettelnd. Auch kam mir zu Ohren, ich hätte mich im Zorn von Pfotenhauer, Cerny & Co getrennt, und mich in der Schmach der Arbeitslosigkeit von der Reichsbrücke in die kalten Fluten der schönen blauen Donau gestürzt.

Fake News, liebe Leute, nichts als Fake News. Ich erfreue mich bester Gesundheit, soweit man das als 60jähriger Tattergreis von sich behaupten darf; Midlife Crisis und Alkoholsucht kenne ich nur vom Hörensagen, und ich stehe in Pfotenhauers Fischfabrik weiterhin in Lohn und Brot. Also kein Grund zur Panik. Es ist nur so, dass mich das alltägliche Leben derzeit fest im Griff hat und ich zuletzt wenig Lust verspürte, mich nach getaner Arbeit und rechtschaffen müde, den Lesern und Abonnenten dieses Blogs in gewohnt eloquenter und humoriger Weise mitzuteilen. Vielleicht war ich auch ein wenig ausgebrannt, gleichwohl ich das Krankheitsbild des Burn Outs skeptisch betrachte. Doch heute, nach einer scharfen Portion Chili con carne entspannt unter dem grünen Sonnenschirmmonster sitzend, leise rülpsend und gefällig die üppige Blütenpracht unseres feinen Gärtchens betrachtend, überkam mich wieder die Lust, den Blog mit frischer Buchstabensuppe zu füttern. Und so erzähle ich Ihnen brühwarm von den tragischen Liebesleiden meines Kollegen Dr. Jonas Cerny.

Normalerweise erinnern seine großen, farblosen Augen hinter den dicken Brillengläsern an die Scheinwerfer eines VW-Busses. Doch gestern, als ich angesichts des nahenden Wochenendes heiter das Büro stürmte, blickten mich die traurigen, rotgeränderten und wässrigen Augen eines uralten Bluthundes an. „Was ist mit Ihnen, Cerny?!“, posaunte ich frech. „Pollenallergie?“ Müde schüttelte er den Kopf und ließ dabei ein beeindruckendes Schuppengeschwader auf seine Schultern regnen. Ich dachte an die weißen Kirschblüten, die derzeit zu tausenden auf unseren Reihenhausrasen hernieder rieseln, während Cerny mit erstickter Stimme „Jasmin“ murmelte. „Ach, Sie sind auf das Klettergehölz Jasminum officinale allergisch?“ Abermals ließ es der Bluthund Schuppen schneien: „Nein. Jasmin hat mich verlassen!“ „Wer ist Jasmin?“ „Meine Freundin. Jasmin! Ich habe Ihnen hunderte Male von ihr erzählt, Herr Moser!“ „Ach so. Was ist passiert?“

Ich erfuhr von einem bösen Streit zwischen Jasmin und Jonas, der sich an einer Nichtigkeit entzündet hatte und schließlich zu einem Flächenbrand heranwuchs. Und im Eifer des Gefechtes hatte Cerny seine Liebste mit Ausrücken bedacht, welche die gescholtene Frau auf Nimmerwiedersehen in die Flucht schlugen. „Es tut mir so furchtbar leid“, jammerte das Häufchen Cerny. „Ich hab ihr WhatsApp geschrieben, ihr gemailt und gesimst, mich entschuldigt, ihr meine Liebe beteuert, sie 100 mal angerufen – aber sie reagiert nicht. Es ist vorbei.“ Der studierte Herr Wirtschaftsdoktor bot ein Bild des Elends. Mit Sprüchen wie „Andere Mütter haben auch schöne Töchter“ versuchte ich, ihn zu trösten und aufzuheitern, was mir aber nicht gelang. Ich fühle mich in solchen Situationen hilflos und weiß nicht, was ich sagen soll. Also sagte ich: „Kommen Sie Herr Cerny! Gehen wir in die Kantine, heute gibt es gebackenen Fisch mit Kartoffelsalat. Ich lade Sie ein!“ Der uralte Bluthund salzte seinen Erdäpfelsalat noch mit einer kräftigen Dosis Tränen nach, während ich eine tragische Liebeskummergeschichte aus meiner späten Jugend ausgrub.

Sie hieß Doris, war angehende Volksschullehrerin, hatte ausladende Hüften und ein einladendes Lächeln. Sie war die erste Frau, mit der ich nicht nur das Bett, sondern auch eine kleine Wohnung teilte. Das prägt, und ich war ihr hoffnungslos verfallen. Bis sie mir nach etwa einem Jahr der Gemeinsamkeit eröffnete, sie habe sich in einen Gunther verliebt und werde ausziehen. Die Welt ging mit Pauken und Trompeten unter, und ich muss so ausgesehen haben wie heute Cerny, der mir gegenüber lustlos in seinem panierten Fisch stocherte. In einem Anfall von Selbstmitleid beschloss ich damals, meinem jungen Leben ein Ende zu setzen. Sollte sie nur sehen, was sie davon hatte, mich einfach wegen irgendeines Gunthers zu verlassen, diese Doris! Wenn ich erst tot war, würde sie händeringend zu mir zurückkommen wollen – aber zu spät. Ich inszenierte meinen Selbstmord wie eine Shakespeare-Tragödie, entzündete 22 Teelichter (wir waren damals beide 22 Jahre alt), legte eine Schallplatte mit Wolfgang Ambros´ Suizidballade „Heite drah i mi ham“ (Wienerisch für „Heute bring ich mich um“) auf den Plattenteller und schrieb auf ein tischplattengroßes Stück weiße Raufasertapete ein wortgewaltiges, zu Tränen rührendes Liebesdramulett, welches mit meinem Tod endete. Im Schein der flackernden Kerzen begann ich, meine zarten Handgelenke zaghaft mit einer Rasierklinge zu ritzen, bis erste kleine Blutströpfchen hervorquollen. Ambros sang „Heite draaah i mi ham, und es tuat gar net weh, ma wird nur ganz langsam miad, bis ma nix mehr gspiat…“  Eben wollte ich zum finalen Schnitt ansetzen, um der grausamen Welt Adé zu sagen, als es an der Tür läutete. Ha! Doris! Sie kam wohl, um in meine Arme zurückzukehren, aber zu spät! Blut- und tränenüberströmt würde ich mit tropfenden Handgelenken in der Tür stehen und ihr mit letzter Kraft zuraunen: Du hast mich verlassen. Geh zurück zu Gunther, lass mich alleine. Ich liebe dich! Dann würde ich wirkungsvoll zusammenbrechen und auf dem grünen Vorzimmerlinoleum mein Leben aushauchen. Aber es war nur meine Nachbarin, Frau Lintschi Hauser, die um zwei Stück Würfelzucker für ihren Kaffee bat.

Die alte Frau Hauser, deren weißes Haar stets so zerdrückt und verlegt war, als wäre sie eben aufgestanden, trug wie immer ihren rosafarbenen Frottee-Schlafrock, dessen Gürtel sie über dem kugelrunden Bäuchlein zu einer ordentlichen Masche gebunden hatte. „Feiern Sie eine Party, Herr Moser?“ frug sie ungeniert und steckte ihre zerknitterte Frisur neugierig in meine Wohnung. „Kerzen und laute Musik?“ Die Situation hatte etwas derart pittoreskes, dass ich die freundlich lächelnde Lintschi hereinbat, um ihren Kaffee gemeinsam mit mir zu trinken. Sie erzählte mir aus ihrem ereignisreichen Leben, vom zweiten Weltkrieg, und von ihrem Mann Edi, den ein Schlaganfall vor zwei Jahren hinweg gerafft hatte. „Und wo ist das junge Fräulein Marlis?“ frug sie irgendwann. „Doris ist fort, bei einem Gunther. Sie kommt wohl nicht wieder“, antwortete ich ohne Groll und froh, am Leben zu sein. Als Frau Hauser in ihre Wohnung zurückgekehrt war, verbrannte ich die Raufasertapete mit dem Liebes-Epos im Waschbecken, löschte die Teelichter und ging schlafen. Ich habe Doris nie wieder gesehen.

„Sehen Sie Cerny“, beschloss ich meine Erzählung und wischte mir den fettigen Mund ab, „es gibt immer einen Grund, sich für das Leben zu entscheiden. Hätte ich mein Vorhaben damals wahr gemacht, wäre meine Heidi schon Witwe gewesen, ehe wir noch geheiratet haben.“ „Und der Welt wären Ihre fischlosen Fischkonserven erspart geblieben“, lachte Cerny und langsam mutierten seine Augen vom uralten Bluthund wieder zu VW-Bus-Scheinwerfern. „Also, Kopf hoch!“ ermunterte ich meinen Kollegen, „und machen Sie keinen Blödsinn!“ „Mach ich nicht! Und Herr Moser…“ Fragend drehte ich mich noch einmal um. „Danke!“ „Ach, wofür?“ „Für die Einladung zum Backfisch“, zwinkerte mir Cerny zu.

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Hamburger in Hamburg

Wie der treue Leser weiß, wurde ich von Heidi zu meinem 1. Seniorengeburtstag mit einem kulinarischen Städtetrip nach Hamburg überrascht. Der Feinspitz Moser sollte nicht nur die touristischen Highlights der Hansestadt erkunden, sondern auch zum ersten Mal live und in Farbe die Restaurants der famosen Fernsehköche Steffen Henssler, Tim Mälzer und Cornelia Poletto besuchen. Mein treues Weib und Organisationswunder Adelheid hatte alles perfekt vorbereitet, am Mittwoch vor Ostern starteten wir in das Abenteuer. Hier nun ein kleiner Rückblick auf die Tour in den hohen Norden.

Es war 05:40, es war noch stockdunkel und es pfiff uns ein eisiger Wind um die Ohren. Ehe wir noch den heiligen Reihenhausboden verlassen hatten, war ich Heidi zutiefst dankbar, dass sie mich in meine wärmste Winterjacke samt Schal und Handschuhen genötigt hatte. Das im Internet vorbestellte Taxi hätte uns pünktlich um 05:30 vor dem Eingang zu unserer Wohnsiedlung abholen und zum Flughafen bringen sollen. Doch auch um 05:45 standen wir noch einsam und verlassen mit unserem Trolley am vereinbarten Treffpunkt, vom billigen Airport-Taxi (supergünstig – rasch – zuverlässig!) keine Spur. Heidi kramte die ausgedruckte Reservierungsbestätigung aus der praktischen Reiseumhängetasche, und rief bei der angegeben Servicetelefonnummer an. Anrufbeantworter. Sie hinterließ eine nicht druckreife Beschwerde, und ein paar Telefonate später hatte das Organisationswunder ein alternatives Fuhrunternehmen aufgetan, dass sich freundlicherweise bereit erklärte, uns in 8 Minuten abzuholen und uns um einen deutlich erhöhten Preis zum Flughafen zu bringen. Es war 05:58, es war immer noch stockdunkel, aber wir erreichten unseren Lufthansa-Flug (operated by Austrian Airlines) gerade noch rechtzeitig.

Wir landeten ohne Verspätung in Hamburch (wie der Hamburcher Hamburg nennt) und erfreut stellten wir fest, dass es eine direkte S-Bahn-Anbindung zu unserem Ziel Wandsbeker Chaussee gab. Aber vorher noch rasch eine Zigarette in der Open-Air Smoking-Area vor dem Abgang zur Bahn. Wir bliesen unsere Tabakwölkchen in den Hamburger Nieselnebel und ich war zum zweiten Mal froh, den Ratschlag meiner umsichtigen Gattin, die dick gefütterte Winterjacke anzulegen, befolgt zu haben. „Jetzt sind wir also hier. In Hamburg. Freust du dich?“ plauderte Adelheid zwanglos vor sich hin. „Ich würde jetzt gerne gründlich meine Ohren spülen“, gab ich zu Protokoll. Dazu sollte man wissen, dass – abgesehen von der Absturzangst – auch der Landevorgang nach überstandenem Flug meinen sensiblen Körper auf eine harte Probe stellt. Hammer, Amboss, Sichel, Schnecke und all das andere Gedöns in meinem Innenohr geraten durch die wechselnden Luftdruckverhältnisse außer Kontrolle. Wie immer hatte es während der Landung in meinem Ohr geknackt und geknistert, als würden die Ohrwürmer ein loderndes Lagerfeuer entzünden. Alle Versuche, der Lage durch Gähnen, Nasezuhalten oder lautes Muuuaah! Muuuaah! Rufen Herr zu werden, waren fehlgeschlagen. Nun juckte es tief innen zwischen linkem und rechtem Ohr, und ich war so gut wie taub. Ich bekam vom beachtlichen Lärmpegel unserer Umgebung fast nichts mit, ich hörte alles wie durch dicke Watteschichten unter Wasser.

Eingepackt in einen Zuckerwatte-Kokon und meine warme Jacke dämmerte ich in der grünen S1 leise vor mich hin, als mich Heidi am Ärmel zupfte. „Westinghouse!“ las ich von ihren Lippen. Erst auf Nachfrage verstand ich ein gedämpftes „Wir steigen aus!“ Mein umsichtiges Adelheidchen hatte das kleine, kuschelige Gästehaus Marco Polo – nur zwei Steinwürfe von der Bahnstation entfernt, um mir lange Fußwege zu ersparen – als Herberge auserkoren. Wir klingelten etwa zehn Minuten an der Tür des orange getünchten Hotels, ehe ein kleiner, schwarzhaariger Inder öffnete und vorsichtig in den stärker werdenden Regen spähte. Wir stellten uns als Familie Moser aus Wien vor und begehrten Einlass. „Zimmer erst ab 14 Uhr!“ beschied uns der zimtfarbene Concierge. „Ja, können wir vielleicht unseren Koffer solange hier abstellen?“ „Zimmer zwei Uhr!“ „Gut, aber Koffer bis 14 Uhr in Hotel lassen?! Bitte?“ Der Inder wurde ungeduldig: „Zimmer nich fäärtich!“ „Nur Koffer!“ deutete Heidi auf den Trolley und dann auf die Tür. „Aaah, Koffer! Ja. Rezeption. Aber Zimmer nix fäärtich!“ Wir drängten aus dem eisigen Regen ins warme Hotelinnere und platzierten das Gepäck neben dem Check-In-Counter. „Wir kommen am Abend, danke!“ „Schlüssel erst ab 14 Uhr!“ „Ja, danke!“ bewies Heidi innere Ruhe und Engelsgeduld. „Komm Moser, wir gehen.“ Ich wandte mich noch kurz an den indischen Marco Polo: „Könnte ich mir eventuell hier irgendwo die Ohren spülen??“

Ungespült zerrte mich Heidi aus dem Hotel. Sie hatte um 18:30 einen Tisch bei Cornelia Poletto reserviert, bis dahin wollten wir ein wenig die Stadt erkunden und mittags ne Currywurst essen. Meine liebe Gattin hatte selbst für diesen Imbiss ausgiebig im Internet recherchiert und herausgefunden, dass ein Lokal namens „Edelcurry“ die beste Wurst der Stadt anbietet. Höchste Bewertungen, sogar das Wissenschaftsmagazin Galileo hatte wohlwollend darüber berichtet. „Wir werden wohl die letzten Wiener Gäste sein, da das Edelcurry am Freitag schließt und an einen anderen Standort übersiedelt“, berichtete Heidi. Danke liebes Internet für diese Information – nicht auszudenken, wir wären vor verschlossenen Türen gestanden! Aber zunächst fuhren wir mit der S-Bahn zum Jungfernstieg, um uns ein paar berühmte Bauwerke wie das Rathaus anzusehen und bei den Landungsbrücken einen ersten Blick auf die raue Nordsee zu werfen. Nach einigen Selfies vor prächtiger Städtekulisse flüchteten wir vor der feuchten, schneidenden Kälte in die Wärme eines Luxuskaufhauses. Mehrmals fuhren wir von den edlen Parfums und Handtaschen im EG mit der Rolltreppe ins 2. OG zur Herrenoberbekleidung und wieder zurück, bis unsere durchgefrorenen Finger wieder Betriebstemperatur hatten. Dann plagte uns ohnehin schon der Hunger, da wir an Bord des Düsenfliegers nur eine plastikverpackte Nussschnecke bekommen hatten, und wir machten uns auf die Suche nach der Bushaltestellte Richtung Edelcurry. Der Regen war inzwischen in dichtes Schneetreiben übergegangen.

Mittels des digitalen Assistenten Google Maps und einer Hamburg-App lotste uns das tapfere Heidilein durch den Großstadtdschungel. Geduckt folgte ich ihr im Windschatten und plötzlich begann es intensiv nach Curry zu duften. Mit der Aussicht auf einen warmen Sitzplatz und eine heiße Wurst lugte ich hinter Heidis Schulter hervor und blickte auf … zwei Handwerker, die eine riesige Dunstabzugshaube demontierten. Am Schaufenster schabte ein Kollege an den Klebebuchstaben von Edelcu, im Inneren schlug man Fliesen von den Wänden. „Häää?“ frug ich meine Gattin bestürzt. „Tja, da haben sie die Übersiedlung wohl etwas vorverlegt“, analysierte sie messerscharf. Ich klopfte mir eine zentimeterdicke Schneeschicht von den Schultern und schlug vor, sie möge ihr kluges Smartphone nach einer Geheimtipp-Alternative durchforsten. Keine zwei Minuten später hatte sie einen Laden namens Otto´s Burger auf dem digitalen Serviertablett. Mir war alles recht, warum nicht auch Hamburger in Hamburg. Hauptsache nicht zu weit weg. „Ein paar Stationen mit dem 5er Bus, und dann 6 Minuten zu Fuß“, stellte Adelheid die baldige Labung in Aussicht.

Nach gut zehn Minuten, wo wir durch winkeliges Gassenwerk geirrt waren, standen wir in einer Sackgasse. Entweder hatte auch unser Freund Google Maps keine Ahnung, wo sich Otto mit seinen Burgern versteckte, oder Heidi hatte irgendwann links und rechts verwechselt. Mit ein wenig Verspätung, meine tauben und juckenden Ohren waren inzwischen angenehm gefühllos, landeten wir in dem angesagten Burger-Laden. Sehr hip, sehr stylish. Graffiti an den zerklüfteten Backsteinwänden, die Kellner trugen allesamt rauschende Holzfällerbärte und ausrasierte Nacken. Alles cool, alles nice, alle per du. Wir wurden über die zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten der Saucen, Beilagen und Toppings instruiert, verstanden kein Wort und bestellten einfach Ottos T-Burger mit Süßkartoffel-Pommes und hausgemachte Ingwer-Zitronengras-Limonade. Ich muss zugeben: die Strapazen, die wir dafür auf uns genommen hatten, haben sich gelohnt. Es waren die besten Burger unseres Lebens, und langsam kehrten die Lebensgeister, das Knistern und Jucken in meine Ohren zurück.

Die verbleibenden Stunden bis zu unserer nächsten kulinarischen Station Cornelia Poletto nutzten wir mit einem Besuch der jüngsten Hamburger Sensation, der Elbphilharmonie. Der Schneefall hatte inzwischen nachgelassen, der Wind jedoch an Fahrt aufgenommen. Bei Windstärke 9 genossen wir auf der Aussichtsplattform der Elphi einen grandiosen Ausblick auf Hamburg und den Hafen. In einem unbemerkten Augenblick hielt ich mir die Nase zu und schrie ein lautes, mehrfaches Muuuahh Muuuahh! in den Sturm, um endlich meine verschlagenen Ohren freizubekommen. Und das Wunder geschah. Mit einem dezenten Plopp! lösten sich die angespannten Druckverhältnisse im Innenohr in Wohlgefallen auf. Überglücklich küsste ich den nächstbesten japanischen Touristen und rief: „Ich bin geheilt! Hallelujah! Ich kann wieder hören! Ich danke dir, oh Herr!“ Sollten Sie also demnächst in der Zeitung lesen, dass die Besucherplattform der Elbphilharmonie der neue Wallfahrtsort für hörgeschädigte Gläubige ist, wissen Sie, wer dahinter steckt.

Ich will Ihre Geduld nicht überstrapazieren und Sie nicht mit allen Einzelheiten unseres Hamburg-Aufenthaltes langweilen. Nur so viel: Das Wetter klarte am Freitag soweit auf, dass wir bei Sonnenschein und angenehmen 7° sogar eine Hafenrundfahrt unternehmen konnten, wir absolvierten in einem roten Doppeldeckerbus eine Stadtrundfahrt, und besuchten den Prater-ähnlichen Frühjahrs-Dom. Die kulinarischen Köstlichkeiten bei Henssler, Tim Mälzer und Poletto hielten, was wir uns versprochen hatten und rechtzeitig zum Osterfest kehrten wir am Samstag Mittag erschöpft, aber glücklich in unser Reihenhausparadies zurück. Während Heidi die Schmutzwäsche in die Waschmaschine stopfte, stand ich im Garten und rief den ersten Bienen ein lautes Muuuaah Muuuaah! zu.

Ostern am 1. April

Am heutigen Ostersonntag befindet sich die Welt im Hasenrausch – Traditionshasen, bemalte Eier, Osternester, Schokolade in allen Ausformungen, Palmkätzchen, grünes Papiergras, Glocken fliegen nach Rom, urbi et orbi. Hosanna in der Höhe! Über diesem ganzen Osterzirkus vergessen viele leichtsinnige Menschen, dass wir in diesem Jahr zeitgleich auch den Tag der Scherzbolde feiern und der 1. April am Kalender steht. Ihr Herr Moser gilt als großer Freund des „in den Aprilschickens“ und pflegt sich stets ein übles Scherzchen auszudenken. Meine heutige Verarsche habe ich von langer Hand vorbereitet und bereits vor Antritt unserer kulinarischen Hamburgreise heimlich einen neuen Klobesen besorgt – in Größe, Farbe und Form identisch mit unserem aktuellen, in Gebrauch befindlichen Modell. Das sanitäre Reinigungsgerät holte ich gestern Abend, als Heidi ein schaumiges Pfirsich-Schaumbad genoss, aus dem Versteck und platzierte es im Geschirrspüler neben den schmutzigen Pfannen, Tellern und Besteck. Programm 5, Start. Harmlos pfeifend schrubbte ich dann Heidi den Rücken, ehe wir erschöpft von den Strapazen unseres Städtetrips ins Bett fielen.

Heute Morgen – Heidi war schon ein wenig nervös, weil sie der Eiersuche entgegenfieberte – richteten wir in der Küche gemeinsam ein österliches Sonntagsfrühstück. Unschuldig bat ich mein nichtsahnendes Weib, mir aus dem Geschirrspüler den großen Dekorteller zu reichen, damit ich den Osterschinken standesgemäß anrichten könne. Adelheid öffnete die Klappe des treuen Haushaltshelfers… und erstarrte beim Anblick des Klobesens. Ich schnappte mir das WC-Utensil, hielt den weißen Stiel mit schwarzen Borsten prüfend gegen das Licht, schnupperte ein wenig daran und rief hocherfreut: „Super!! Ist wieder wie neu!“ Ehe mir die Gefoppte mit dem Klobesen eine Abreibung verpassen konnte, rief ich laut das Codewort April, April!

Liebe Leute, für den Rest des Tages muss ich auf der Hut sein. Denn ich erwarte Heidis grausame Rache. Ein rohes Ei im Eierbecher wird das Mindeste sein, das ich zu erwarten habe. Und sobald ich den Jetlag des Hamburgfluges überwunden habe, werde ich Ihnen ein wenig von unserem Ausflug in die Hansestadt an der Elbe erzählen. Bis dahin: Frohe Ostern! Und seien Sie wachsam, Scherzbolde lauern überall.

Moin, moin!

Verwundert werden sich nun meine Stammleser fragen, warum der Wiener Abteilungsleiter den norddeutschen Gruß als Headline dieses Beitrags auserkoren hat. Dazu muss ich ein klein wenig ausholen und heute noch ein letztes Mal (!)  auf meinen runden Geburtstag zu sprechen kommen. Am verwichenen Samstag stand das historische Wiegenfest auf der Agenda, und meine liebevolle und fürsorgliche Heidi hatte in unserem Reihenhäuschen tatsächlich eine Party für den alten Moser organisiert. Ich hatte mich zwar bereits im Vorfeld gegen alle übertriebenen Festivitäten und Überraschungen gewehrt, da ich im Grunde meines Herzens ein überaus bescheidener und zurückhaltender Mensch bin, der nur ungern im Mittelpunkt steht. Da man aber „nur einmal 60 wird“, sah sich die gute Adelheid jedoch ermächtigt, eine Ausnahme zu machen und lud eine illustre Gästeschar zum großen Rambazamba. Das Wohnzimmer war in rot-weiß-silbrige Girlanden gehüllt, an denen Dutzende Schildchen mit der magischen 60 prangten, sogar Luftballons mit aufgedrucktem 60er hatte das brave Weib aufgetrieben, damit nur ja niemand vergisst, welchen Geburtstag es zu bejubeln gibt. In emsiger Fleißarbeit hatte Heidi auch ein Buffet im Retro-Style gerichtet. Als kleine Reminiszenz an meine Jugend gab es Käseigel, Schinkenröllchen gefüllt mit Gemüsemayo und Dosenspargel, kleine Fliegenpilze aus hartgekochten Eiern mit Tomatenhäubchen und Mayonnaise-Tupfen, sowie belegte Brötchen, Gulaschsuppe und eine Pfirsich-Erdbeer-Bowle.

Alle waren sie gekommen, mein gesamtes Stammpersonal, das zu einem Großteil bereits seinen Auftritt in meinem heiteren Blog hatte – von meiner geschätzten Schwiegermama Inge über Teenager Luki bis zur Familienfreundin Uschimaus, die alten Moser-Eltern Fritzi und Poldi, und dazu noch jede Menge Freunde, die mir allesamt sehr ans Herzen gewachsen sind, die ich aber aus Platzgründen unmöglich alle hier anführen kann. Sogar mein musikalisches und kreatives Bruderherz Bertl grüßte via WhatsApp-Videotelefonie aus dem fernen Thailandurlaub. Apropos Platzgründe: Heidi hatte bei unserem Haus & Hof Zuckerbäcker eine höchst schmackhafte Nusstorte mit Cointreau-Crème fabrizieren lassen, wobei sie aber aus Platzgründen auf 59 Kerzen verzichtet hatte und mir das kalorienträchtige Kunstwerk unter lauten Jubelgesängen (Happy Birthday to you, happy birthday lieber Moser, happy birthday to youuuu!) mit nur 1 brennenden Kerze überreichte. Der Applaus, als ich das Lichtermeer mit einem einzigen Luftstoß erlöschen ließ, war durchaus gerechtfertigt.

Nun kommen wir zum Wichtigsten bei solchen Geburtstagsfeiern – den Geschenken *zwinker*. Und damit auch zur eingangs erwähnten Auflösung für den norddeutschen Gruß in meinem Titel. Zunächst lassen Sie mich erwähnen, dass ich über den Ideenreichtum der zahlreichen großen und kleinen Gaben durchaus gerührt war. Kein achtlos im Vorbeisurfen im Onlineshop gekaufter Kram, sondern liebevolle und witzige Präsente, die in Bezug zu meiner Person stehen. Und so spannte sich der bunte Reigen von toll gerahmten Lieblingsfotos und Fotocollagen über Anti-Müde-Füße-Lotion bis hin zu einem wunderschönen, sehr persönlichen und selbstverfassten Gedicht. Man möge mir verzeihen, dass ich aus Platzgründen hier nicht all die tollen Geschenke einzeln anführen kann.

Ich war schon platt vor Rührung und Staunen, als meine wunderbare Gattin Heidi ihren großen Auftritt hatte und noch einen drauf setzte: „Mein liebster Moser! Ich wünsche dir zu deinem 60er von Herzen alles erdenklich Gute. Und da ich tagtäglich miterlebe, wie leidenschaftlich gerne du das Treiben der diversen Fernsehköche am Schirm verfolgst, lade ich dich in der Osterwoche zu einem kulinarischen Trip nach Hamburg ein, wo wir nicht nur den Hafen, die Elbphilharmonie, den Fischmarkt und die Reeperbahn besuchen werden, sondern auch die berühmten Restaurants deiner Kochhelden Steffen Henssler, Tim Mälzer und Cornelia Poletto!!“ Unter dem Jubel der Festgäste fiel ich meiner Traumfrau um den Hals und brachte statt einem Dankeschön nur ein gerührtes „Mahlzeit!“ über die Lippen.

Wir fliegen also am Mittwoch in aller Herrgottsfrühe nach Hamburg und kehren erst zur Auferstehung zurück. Allen meinen Lesern und Freunden wünschen wir ein frohes und schönes Osterfest! Moin moin!

Taktgefühl

Als mich heute Morgen unsere ukrainische Putzperle Editha erblickte, wie ich würdevoll über die Gänge der Büroetage schritt, riss sie sich die unvermeidlichen Kopfhörer aus den Ohren und die Hände in die Höhe. Dazu rief sie völlig zu Recht: „Here comes the Man in Black… Uuuhh uuhhh!!“ „Ihr Deutsch wird ja immer besser, liebe Editha“, bedankte ich mich für schwungvolle Begrüßung. Wie der geneigte Leser weiß, trete ich am Wochenende anlässlich meines kugelrunden Geburtstages in den wohlverdienten Seniorenstand. Um Herrn Moser jun. gebührend zu verabschieden und zu Grabe zu tragen, hatte ich meinen feinsten schwarzen Anzug, ein weißes, gestärktes Hemd und meine kohlrabenschwärzeste Krawatte angelegt. Heidi fand das zwar ein wenig theatralisch, aber ich ließ mich von dieser großen Geste nicht abbringen.

„Es lebe der Zentralfriedhof?“ vermutete Editha ein Begräbnis als Anlass für mein dunkles Outfit. Mit sorgenvoller Miene schnippte sie mir ein schwarz getöntes Haar vom Ärmel. „Viel schlimmer. Geburtstag. Moser Junior ist tot, es lebe der Senior!“, klärte ich die brave Russin über die tragischen Umstände auf. „Wie alt wirst du, Cherr Moser? Fimzig? Fimundfimzig?“ „Tja, schön wär´s. 60.“ „Genial daneben! Knallerkerl!“ lobte Editha meine rüstige Erscheinung. „Eher Der Alte“, konterte ich bescheiden. „Musst du nix traurig sein, Cherr Moser! 60 ist scheene Alter, musst du feiern, lachen, tanzen!“ „Ich tanze nicht, mir fehlt jegliches Taktgefühl“, klärte ich die Reinigungsfachkraft, deren Äuglein trotz der frühen Stunde bereits verdächtig rot schimmerten, auf. „Ich tanze so schlecht, dass in der Waldorfschule alle dachten, ich heiße Mpzut und nicht Moser.“ „In Kiew wir feiern Geburtstag drei Tage mit fettes Schweinefleisch, Borschtsch und viiieeel Wodka!“, ließ Editha nicht locker. „Und wir tanzen ganze Nacht Kasatschok zu Balalaika. Komm Cherr Moser, bist du Dancing Star – Let´s Dance!“ Damit schnappte sich die übermütige Putzfrau meinen schwarzen Anzug – ohne Rücksicht darauf, dass ich noch darin stecke – und wirbelte mich im Kreis. Sie verströmte das zarte Zitrusaroma von Cif Power & Shine, und sang mir mit heißem russischen Atem Helene Fischer ins Ohr: „Atemlos durch die Nacht, bis a neier Tag erwacht…“ Wir drehten uns am Kaffeeautomaten vorbei an den Büros der Lohnbuchhalterinnen und mir wurde dunkelrot vor Augen: „Stopp Editha, Gnade! Ich habe Blutdruck, ich bin schwerer Hypertoniker…“ „Was bist du? Wiener Philharmoniker?!“ rief Editha, als sie mich mit einer schwungvollen Drehung aus ihren rauen Putzfingern entließ. Ich taumelte gegen einen Feuerlöscher und rutschte mit dem Rücken zur Wand erschöpft zu Boden. Editha lachte ihr tiefstes russisches Lachen „Chuachua chuahua!“ und tanzte Richtung Herrentoilette. „Jetzt Werbung, dann Fristickspause! Happy Birthday, Cherr Moser!“

Schweißüberstömt schleppte ich mich auf allen Vieren an meinen Schreibtisch. Ich legte die Manschette meines mobilen Blutdruckmessgerätes an und warf wie ärztlich verordnet 10 mg Amlodipin ein. „In Ihrem Alter sollte man eben nicht mehr wie verrückt über die Gänge tanzen“, meinte Kollege Cerny süffisant  in Anspielung auf meinen erbärmlichen Zustand. Das Seniorenleben wird kein Ponyhof, soviel ist sicher.

Bittere Pillen

Ihr geschätzter Herr Moser erweckt in diesem kleinen, heiteren Blog möglicherweise den Eindruck, als sei er noch ein fideler, kraftstrotzender Abteilungsleiter in den besten Jahren. Heute muss ich jedoch die Hosen runterlassen, die Befunde auf den Tisch legen und die p.t. Leserschaft informieren, dass in wenigen Tagen ein runder Geburtstag ansteht, der mich in die Zielgruppe der Senioren katapultiert. Das nahende Wiegenfest liegt bereits spürbar in der Luft, meine Gemahlin Adelheid übt sich in tuschelnder Geheimniskrämerei, unterbricht Telefongespräche sobald ich das Zimmer betrete und gibt die Harmlose, Unschuldige. Auch das Betreten der Abstellkammer wurde mir verboten. Ich mache das Spielchen natürlich mit und gaukle vor, nichts von alldem mitzubekommen, um am Tag X stilgerecht aus allen Wolken fallen zu können.

Jaja, ich bin bereits im Spätherbst des Lebens – böse Zungen behaupten angesichts meiner immer fürwitziger sprießenden weißen und grauen Haare, dass bereits Schnee am Dach liegt und ich mich im Frühwinter befinde. Natürlich bin ich kein Springinsfeld mehr und werde auch von dem einen oder anderen Zipperlein geplagt, die ich aber bisher allesamt gekonnt ignoriert habe. Ganz im Gegensatz zu meiner lieben Mutter, die jede freie Minute ihrer üppigen Pensionistenfreizeit in den Wartezimmern der Ärzte aller Fachrichtungen verbringt, ist Herr Moser nicht so der Arzttyp. Typisch Mann vertrete ich die Ansicht, dass der Doktor sicher irgendetwas Schlimmes finden wird, das ich gar nicht wissen will. Mit Husten in die Praxis, mit dem Todesurteil Lungenkrebs nach Hause geschickt. Nicht mit mir. Darum war ich in den letzten 20 Jahren nur ein höchst seltener Gast der medizinischen Versorgung. Dies wird sich nun radikal ändern, denn meine fürsorgliche Heidi liegt mir anlässlich meines bevorstehenden, bedenklich runden Geburtstages seit Wochen in den Ohren, dass ich mich endlich gesundheitlich ganzheitlich durchchecken lassen möge. Sie meint es ja gut und ich verstehe, dass sie keine Lust hat, mir in ein paar Jahren meinen Schlaganfall-Hintern auszuwaschen und mir die Nudelsuppe über eine Schnabeltasse einzuflößen. Widerwillig habe ich mich bereit erklärt, den Marathon einer Vorsorgeuntersuchung anzutreten.

Schon mein erster Termin Anfang der Woche bei meinem Leibarzt Dr. Wolfi zeitigte kein erfreuliches Ergebnis. Nach dem mühsamen Ausfüllen eines ganzen Stapels von Formularen (Ist in Ihrer Familie jemand an Krebs erkrankt oder gestorben?), wurde mir zunächst der Blutdruck gemessen. Dr. Wolfi legte seine Medizinerstirn in Sorgenfalten und ich konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, mich in eine Klinik einzuweisen. Er verordnete mir ein hübsches Sortiment an blutdrucksenkenden Beta-Blockern, drückte mir einen sogenannten Blutdruckpass in die Hand und wies mich an, mir ein Messgerät zu besorgen und meine Werte drei Mal täglich einzutragen. Gestern früh musste ich dann nüchtern zur Blutabnahme erscheinen. Nachdem mir Dr. Wolfi auf der Suche nach einer spendablen Vene ergebnislos den linken Arm zerstochen hatte, setzte er sein Werk rechts  fort. Um das peinliche Schweigen zu überbrücken, frug er: „Sind Sie auch nüchtern, Herr Moser?“ „Stocknüchtern!“ entgegnete ich. „Oder wirke ich auf Sie etwa besoffen? Mein letztes Glas Gumpoldskirchner liegt Wochen zurück.“ Dr. Wolfi stocherte noch immer in meiner Armbeuge herum und nun wollte ich meinerseits wissen: „Sind Sie auch nüchtern, Herr Doktor?“ Meine Worte schienen ihn zu beflügeln, ich verspürte einen heftigen Pieks und schon sprudelte mein Lebenssaft in das Glasröhrchen.

Wieder im Wartezimmer, wo ich mich kurz erholen sollte, drückte mir die Sprechstundenhilfe unaufgefordert einen Plastikbecher mit rotem Schraubverschluss in die Hand und wies vielsagend auf eine weiße Tür mit der Aufschrift WC. „Nein, mir ist jetzt wirklich nicht danach“, lehnte ich ab und gab ihr das 100 ml Gefäß zurück. „Die Atmosphäre ist etwas ähhh… nüchtern.“ Nüchtern war mein neues Lieblingswort. „Außerdem schaffe ich keine 100 ml, in einer Woche bin ich bin Senior.“ Nach einem kurzen Blick auf den wogenden Ausschnitt der Arzthelferin meinte ich: „Aber vielleicht haben Sie ein anregendes Heftchen? Zur Unterstützung, Sie verstehen?!“ „Ich glaube, SIE verstehen nicht, Herr Moser! Wir brauchen keine Samenspende, sondern eine Harnprobe!“ Da ich Blutdruckpatient bin, wurde ich pflichtgemäß rot: „Weiß ich doch, was denken Sie von mir?! Ich kann aber trotzdem nicht, nichts zu machen. Hätten Sie mich mal vorher informiert, dann hätte ich gespart. Aber jetzt bin ich leer.“ Ich durfte den Plastikbecher einpacken und soll ihn beim nächsten Mal zur Blutbefundbesprechung gefüllt mitbringen. „Mit Urin!“ stellte die Sprechstundenhilfe nochmals klar. „Mittelstrahl!“ „Psssst!“ bedeutete ich der unsensiblen Assistentin mit einer dezenten Kopfbewegung Richtung wartender Patienten. Sie überreichte mir noch ein kleines Briefchen und erklärte weithin hörbar: „Und das ist für die Stuhlprobe, Spachtel liegt bei. Bitte die beigelegten Anweisungen befolgen und auch mitbringen.“ Mit hochrotem Kopf stürzte ich aus der Praxis.

Das Ergebnis der Untersuchungen werde ich mir erst nach meinem Geburtstag abholen. Zu viele Überraschungen auf einmal sind nicht gut für meinen Blutdruck.

Buridans Esel

Gestern Abend stand die österreichische Filmkomödie „Hotel Rock´n Roll“ am ORF-Programm, und da wir nichts Besseres vor hatten, planten Heidi und ich ausnahmsweise mal wieder einen entspannten Fernsehabend. Gemütlich auf der Couch lümmeln und sich von einem angeblich heiteren Austro-Movie  berieseln lassen, laut Fernsehprogramm war auch die Besetzung hochkarätig. „Bring doch auf dem Heimweg ein paar Chips zum Knabbern mit“, bat meine vorausschauende Gemahlin und ich versprach, es nicht zu vergessen.

Kurz nach Feierabend stand ich also vor dem Chips-Regal und wurde von der Vielfalt der Sorten, Geschmäcker und Anbieter regelrecht erschlagen. Auf mehreren Laufmetern (und es ist ein höchstens mittelgroßer Supermarkt) offenbarte sich der Wahnsinn unserer Konsumgesellschaft. Ich erinnerte mich dunkel an meine Kindheit, als die Chips in Wien noch Rohscheiben hießen und aus dünn gehobelten, frittierten und gesalzenen Erdäpfelscheiben bestanden. Und das war es dann auch schon. Aber heute? Wenn du keinen konkreten Plan oder eine bestimmte Vorstellung hast, stehst du auf verlorenem Posten. Die berühmte Qual der Wahl überforderte mich regelrecht. Ziellos schritt ich vor dem Knabberregal auf und ab und las mir laut die Verpackungsaufschriften vor: Paprika, Thymian, Knoblauch, Tomate-Basilikum, Zwiebel, Chili, Schinken, Bacon & Cranberry, Hamburger, Döner Kebab Geschmack, Sour Creme, Argentinian Grilled Steak, Spanish Chicken Paella, Japanese Teriyaki Chicken, Chicken süß-sauer, South African Sweet Chutney, Irish Stew, French Garlic Baguette, Currywurst, Dutch Edam Cheese, American Cheeseburger, Honey Roasted, Honig & Senf, Blauschimmelkäse, weißer Trüffel, Pilzsuppe, Balsamico Essig, Wasabi, Seetang, Guarana Thai Chili…

Eine kleine Seniorin stand etwas abseits und beobachtete mich misstrauisch. Ich war der Verzweiflung nahe und brüllte für jeden, der es hören wollte, die Marken in Gang 8 rauf und runter: Kelly´s, Pringles, Crunchips, Walkers, funny frisch, Chio, Chipita, Lay´s, Alnatura, Crush Croc, Clever, Ja Natürlich!!! Protein Chips, Light Chips, Low Carb Chips, Biologisch, mit Meersalz oder Himalayasalz, Herz was willst du mehr?? Familievorteilspackung, Limited Edition, 3 zum Preis von 2!! Greifen Sie zu!! Die ältere Dame wich zurück, krallte sich rasch eine Packung gesalzene Erdnüsse und flüchtete zum Katzenfutter. Ich nehme an, sie hat mich beim Personal verpfiffen, denn kurz darauf eilte die Filialleiterin herbei und wollte wissen, was ich hier mache. „Ich führe Selbstgespräche, weil ich kompetente Beratung brauche!! Ihr Überangebot an Chips überfordert mich! Wer soll das alles essen? Und ich rede jetzt nur von Kartoffelchips, von den Dutzenden Apfel-, Birnen-, Rote-Bete-, Pastinaken- und Süßkartoffel-Chips will ich erst gar nicht anfangen! Wo leben wir denn? In Afrika verhungern Kinder, weil sie nicht mal eine Handvoll Reis haben!“ Die Filialleiterin bat mich höflich aber bestimmt, den Laden zu verlassen. „Kennen Sie das philosophische Gleichnis von Buridans Esel?“ entgegnete ich und als die Supermarkt-Leiterin verneinte und mich sanft Richtung Ausgang schob, schnappte ich mir noch rasch eine Packung Chips, mit dem Geschmack von über kanadischem Hickory-Holz geräucherten Büffelzungen: „Ein Esel steht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert schließlich, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll“, rief ich, „Das ist das Buridansche Paradoxon! Aber nicht mit mir!“ Triumphierend hielt ich meine Hickory-Büffelzungen-Chips in die Luft, als mich Frau Heldwein (so das Namensschild auf ihrem rot-gelben Kittel) vorbei an geschätzten 50 Biersorten und mehreren Laufmetern Tiefkühlpizza zur Kassa geleitete.

Abends entpuppte sich die österreichische TV-Komödie „Hotel Rock´n Roll“ ebenso als Total-Flop wie die gewählten Chips. Sie schmeckten nach geräucherter Kuhscheiße mit Glutamat. „Einfache gesalzene Rohscheiben wären besser gewesen“, meinte Heidi. „Es war eine Kurzschluss-Entscheidung, aber wenigstens blieb uns das Schicksal von Buridans Esel erspart“, konterte ich und legte eine längst verschollen geglaubte Tüte Popcorn in die Mikrowelle. Plopp, plopp, plopp.

Märchenstunde

Frau Mag. Sabine Krickl ist Apothekerin, Alleinerzieherin und Bewohnerin unserer schnuckeligen Reihenhausanlage. Man kennt sich „vom Sehen“, man grüßt sich und letzten Herbst haben wir uns im Rahmen eines kleinen nachbarschaftlichen Grillabends eine elektrische Heckenschere von ihr ausgeliehen. Vorige Woche begegneten wir einander im Supermarkt zwischen Spargel aus Peru und Blutorangen, und es entspann sich ein kleines Geplauder zwischen Heidi und der Apothekerin. Ich bekam noch mit, dass Frau Krickl auch Mama einer 8jährigen Tochter namens Julia ist, dass ihr Mädchen ihre Volksschullehrerin toll findet… dann waren meine Gedanken bereits in der Fleischabteilung und drehten sich um die Frage, ob wir für die geplanten Cheeseburger besser auf reines Rind oder doch auf die gemischte Variante Rind-Schwein zurückgreifen sollten. Im Geiste sah ich mich bereits die Patties brutzeln, mit goldgelbem Cheddarkäse belegen, sowie Tomaten in Scheiben schneiden.  Mit verklärtem Blick sah ich durch Frau Krickl Richtung Fleischtheke, als mir die liebe Heidi ihren Ellbogen in die Seite rammte: „Das geht doch, oder? Am Freitag? Bist eh zu Hause, Moser! Gell?“ „Was? Jaja, natürlich. Zu Hause!“ antwortete ich reflexartig. „Gut Frau Krickl, dann bis Freitag“, verabschiedete sich Adelheid und drückte der Nachbarin die Hand. Ich schüttelte ahnungslos grinsend ebenfalls ihr Händchen und schob den Einkaufswagen Richtung Fleisch. „Was ist am Freitag? Kommt sie auf einen Kaffeeplausch vorbei?“ „Hast du nicht zugehört“, zeigte sich meine Gattin entrüstet, „Frau Krickl hat am Freitagabend ihr 20-Jahre-Matura-Treffen und keinen Babysitter für ihre Tochter Julia. Ihre Mutter ist krank, ihre Freundinnen haben Theaterkarten, sind auf Urlaub oder sonstwie verhindert. Also hat sie uns gefragt, ob wir auf Julia aufpassen.“ „Aber du triffst dich doch freitags mit Uschimaus zum monatlichen Tratsch – du hast doch nicht zugesagt?“ „Doch, und DU auch. Also spielst du Babysitter, wenn ich mit Uschi weg bin.“ „Aber ich hab doch schon einen Single-Männerabend mit den Transformers, Rocky und Jogginghose eingeplant!“ Heidi bestellte 40 dkg gemischtes Faschiertes.

Ich muss zugeben, dass ich im Umgang mit jungen 8-jährigen weiblichen Menschen nicht sehr versiert bin, aber nun gab es kein Entrinnen. Verwichenen Freitag, pünktlich um 18 Uhr, klingelte es an der Haustür. Mama Sabine und Julia ante portas. Heidi hauchte mir ein Küsschen auf die Wange und entschwand zu ihrer Uschimaus; die Apothekerin wies ihre Tochter an, mir die Hand zu geben und brav zu sein. Dann kehrte sie mir mit den Worten „Spätestens um 22 Uhr hole ich sie ab. Viel Spaß ihr Zwei!“ den Rücken. Ich war allein mit Julia.

Um das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen, trug ich zur grauen Jogginghose mein Spiderman T-Shirt mit dem Aufdruck Amazing Spiderman. Wie aber sollte ich vier Stunden mit einer 8-Jährigen überbrücken? „Was wollen wir zwei jetzt anstellen?“ frug ich Julia freundlich. „Ich habe keine Barbie-Puppen, keine Spiele, und keine Meerjungfrauen- oder Captain-Pokèmon-DVDs. Magst du eine Tiefkühlpizza?“ Die kleine Krickl schüttelte den Kopf. „Hat dir deine Mama keine Spielsachen mitgegeben?“ Die kleine Krickl schüttelte abermals die blonden Locken. Nach einer kurzen Pause meinte sie bestimmt: „Eine Geschichte bitte!“ „Tut mir leid, ich hab auch keine Kinderbücher. Und Stephen King ist noch nichts für dich.“ „Erzähl mir eine Geschichte, Onkel Moser. Bitte!“ ließ Julia nicht locker. „Schön, dass du das Zauberwort kennst! Aber ich bin nicht dein Onkel. Dafür müssten deine Mama und ich Geschwister sein, sind wir aber nicht. Hast du ein Schwesterchen oder Brüderchen?“ Die kleine Krickl schüttelte wieder ihr Köpfchen und beharrte auf einer Geschichte. Ich überlegte kurz, ihr ein paar Abenteuer aus der Fischkonservenfabrik zu erzählen, entschied mich aber dann, mich auf meine Fantasie und mein Improvisationstalent zu verlassen. „Also gut“, verkündete ich, „eine Geschichte.“ Ich holte Julia noch rasch eine Tasse Kakao und legte los:

„Es war einmal ein kleiner Negerjunge namens Helmut. Er lebte mit seinen Eltern in einem Dorf im Urwald Afrikas…“ „NEGER sagt man nicht!“ „Wer sagt das?“ „Meine Mama.“ „Neger kommt vom französischen nègre, spanischen negro und lateinischen niger und heißt nichts anderes als schwarz. Also wurden Menschen mit dunkler Hautfarbe als Neger bezeichnet.“ „Es ist ein Schimpfwort!“ entgegnete die 9x kluge Julia. Ich erklärte ihr, dass es in meiner Jugend noch kein Schimpfwort war und man sogar Schokolade mit Erdnüssen als Negerbrot verkaufte. „Willst du jetzt die Geschichte hören oder mit mir über politische Korrektheit diskutieren?“ Da die Volksschülerin mit dem Begriff political correctness offenbar nichts anfangen konnte, entschied sie sich für die Geschichte und ich fuhr fort: „Helmut lebte also in diesem kleinen Dorf in Afrika. Sein Vater war Ziegenhirte…“ „Wieso heißt das schwarze Kind Helmut?“ unterbrach mich Julia erneut. „Warum soll es denn nicht Helmut heißen? Wie heißen schwarze Jungs sonst?“ Julia nahm einen Schluck Kakao, überlegte kurz und meinte dann: „Densl Washington.“ „Ja, so heißen die schwarzen Jungs in Hollywood, im Kino, in Amerika. In meiner Geschichte heißt er Helmut. Und jetzt Ruhe!“ Ich war bereit etwas gereizt.

Helmut war acht Jahre alt, also so alt wie du Julia, aber er wußte nichts über die Welt außerhalb seines Dorfes. Er befüllte zwei Mal am Tag drei Wasserkanister an der einzigen Dorfwasserleitung und schleppte sie mit einem klapprigen Leiterwagen zu ihrer Hütte. Er half seinem Vater beim Brennholz sammeln und beim Hüten der Ziegen, und einmal in der Woche ging er 5 km zur Schule im nächsten Dorf, wo er mühsam Lesen und Schreiben lernte. Er wußte aber nicht, dass es andere Länder und Kontinente wie Europa oder Amerika gab, wo die Menschen in prächtigen Häusern wohnten, Kühlschränke voller Essen hatten, mit Autos zum Supermarkt fuhren und mit Flugzeugen in den Urlaub flogen. Helmut kannte nur die brütende Sonne, die Fliegen, Hirsebrei und den staubigen Dorfplatz, wo er nachmittags mit den anderen Jungs Fußball spielte. „Kennt Helmut auch keinen McDonalds und keinen Fernseher und kein Handy?“ frug Julia ungläubig. „Nein, aber er war trotzdem glücklich.“ „Echt?“ „Ja, weil er von all dem Luxus, der für uns normal ist, nichts wußte, hat er diese Dinge auch nicht vermisst. Er hatte Eltern, die ihn liebten, er hatte zu essen, ein Dach über dem Kopf und Freunde, die ihn respektierten.“ Julia schwieg.

„Eines Tages brachte sein Vater ein altes Buch über die „Geschichte Österreichs“ vom Markt mit nach Hause. Er hatte eine Ziege zu einem guten Preis verkauft und das zerfledderte Buch bei einem zahnlosen, alten Marktschreier entdeckt. Es war Zeit, dass Helmut etwas über die Welt da draußen erfuhr, und so schenkte er es seinem Buben. Fasziniert blätterte Helmut im ersten Buch seines Lebens, er sah zum ersten Mal Menschen mit weißer Haut, und betrachtete staunend Zeichnungen und Fotos vom alten Kaiser Franz Josef mit dem dicken Backenbart. Er sah prächtige, kunstvoll verzierte Gebäude und Kirchen, eine Stadt namens Wien mit festen Straßen, Autos und Pferdekutschen. Diese Menschen im fernen Austria schienen unsagbar reich, sie mussten sehr glücklich sein.“  Dann hatte Julia Hunger und ich schob doch noch eine Salamipizza in den Backofen. „Der arme Helmut kennt sicher auch keine Salamipizza“, meinte das blonde Nachbarsmädchen. Es war 20:30 und ich hatte keine Ahnung, wie meine Geschichte weitergehen sollte. Noch 90 Minuten bis Frau Krickl ihre Tochter abholen würde.

Nach dem Essen sagte ich zu Julia: „Leg dich ein wenig auf die Couch, es ist schon spät. Du musst schlafen!“ „Wie geht die Geschichte mit Helmut weiter?“ wollte sie wissen. „Leg dich hin, dann erzähle ich dir noch ein bisschen.“ Julia kuschelte sich in das Polstermöbel, ich deckte sie zu und fuhr fort: „Helmut sah sich das Buch, seinen neuen wertvollen Schatz, nun jeden Abend an und seine Sehnsucht, irgendwann in das ferne Österreich zu reisen, wurde immer größer. Eines Tages kam der österreichische Bundeskanzler Kurz auf Staatsbesuch in das kleine Dorf. Helmut hatte noch nie so einen bleichen, dünnen Mann mit Ohren so groß wie ein Elefant gesehen, und zupfte ihn am Ärmel seines dunklen, eng anliegenden Anzugs. „Wer bist du?“ frug er den Kanzler. „Ich bin Basti, der König von Austria, mein Junge. Wie heißt du?“ „Helmut“, antwortete Helmut. „Oh, was für ein schöner Name“, sagte der österreichische Kanzler und strich dem Negerkind über das schwarze Kraushaar. Helmut dachte, dies sei in dem fernen Land ein Begrüßungsritual und strich Basti, der sich zu ihm heruntergebeugt hatte, ebenfalls über die pomadisierten Haare: „König Basti, darf ich mit dir nach Austria kommen? Ich möchte gerne das Riesenrad sehen, und die Ringstraße, den Niki Lauda, Mozart und Falco. Darf ich, ja?“ „Nein“, antwortete der Kanzler, „ich hab die Mittelmeer-Route und die Balkan-Route geschlossen, und auch die Atlantik- und die Pazifik- und die Grönlandroute. Wir wollen in Österreich keine Flüchtlinge und keine Neger. Für euch hab ich nur die Krampus-Rute.“ Ich merkte, wie ich mich in einen Wirbel redete. Vielleicht hätte ich das Glas Rotwein zur Pizza weglassen sollen. Aber die kleine Julia war schon eingeschlafen und als ich sie ihrer Mutter um 22:05 behutsam in die Arme legte, murmelte sie verschlafen: „Helmut…“

„Ach wie süß“, sagte Mama Krickl, „Sie träumt schon von Ihnen, Herr Moser! Sie heißen Helmut?“ „Ach wo, Helmut ist ein kleiner Afrikaner, der Ziegen hütet und mit Kanzler Kurz nach Österreich fliegen will. Kommen Sie gut nach Hause, und wenn sie wieder mal was brauchen…“ „Die elektrische Heckenschere, bei Gelegenheit. Gute Nacht Herr Moser!“ „Gute Nacht Frau Magister!“

Zug nach Nirgendwo

Ich stand auf Bahnsteig 2 und starrte ungläubig auf die Anzeigetafel, die eben noch die Ankunft meiner Schnellbahn in drei Minuten angekündigt hatte. Nun war dort gelb auf schwarz „Zug unbestimmt verspätet“ zu lesen. Auf meiner tropfenden Nasenspitze hatte sich ein dünner Eiszapfen gebildet, den ich nun abbrach und einem dick vermummten, wartenden Schulkind wütend vor die Füße warf. Der etwa 7jährige Knirps (vielleicht war es auch eine Knirpsin, das war zwischen mehreren Schichten Anorak, Schals und Hauben nicht so genau zu erkennen) hob kurz seinen Blick vom Smartphone, wo er/sie mit klobigen Wollhandschuhfingern herum tippte. Die Bahnhofsuhr zeigt 07:04, es herrschten eisige 11° (in Worten: minus elf Grad Celsius). In meiner unendlichen Güte hatte ich Heidi heute unseren beheizbaren, tomatenroten Spanier überlassen, um sich bei Coiffeur Peter die Spitzen schneiden zu lassen und einige wichtige Besorgungen zu erledigen. Ich opferte mich für die Fahrt in die Fischkonservenfabrik auf dem Altar der Öffis.

Was sollte das überhaupt heißen, unbestimmt verspätet? Die Wiener Verkehrsbetriebe und österreichischen Bahnen sind ja bekannt dafür, ihre Fahrgäste gern im Dunkeln tappen zu lassen. Die Gründe für Verspätungen und Ausfälle, neue Abfahrtszeiten und Bahnsteige gehören zu den bestgehüteten Geheimnissen der Republik. Als hätte sie es geahnt, bestand Heidi heute früh darauf, dass ich meinen wertvollen Körper mit langärmeliger und langbeiniger Angora-Skiunterwäsche gegen die Todeskälte schütze. Mich fror trotzdem erbärmlich, ich holte die Thermoskanne aus meiner Aktentasche und goss mir einen kräftigen Schluck heißen Kaffees in den Plastikbecher. Bahnsteig 2 füllte sich mit nervösen, durchgefrorenen Menschen, die Anzeigetafel behauptete weiterhin stoisch „Zug unbestimmt verspätet“. Ich stampfte mit den Beinen auf die Betonfliesen, ruderte mit den Armen, und machte allerlei Dehn- und Streckübungen, um die sibirsche Kälte aus den steifen Muskeln zu vertreiben. Plötzlich kam Bewegung in die Menschenmasse, unwilliges Gemurmel schwebte in Form von dampfenden Atemwölkchen über dem Bahnsteig. „Zug fällt aus“ stand da unübersehbar, der Mob tobte. Ich machte ein Foto mit dem Smartphone und schickte es Heidi per WhatsApp. Dazu schrieb ich „Die letzten Tage der Menschheit. Es regieren Chaos und Desinformation! LG, Moser“. Heidi schwieg. Wahrscheinlich wusch ihr Herr Peter gerade mit seinem biologisch-veganen Shampoo das rabenschwarze Haupthaar. Meine Nase hatte inzwischen die Farbe meiner dunkelroten Daunenjacke angenommen.

Plötzlich sah ich keine zwei Meter vor mir einen glatzköpfigen Hünen in Uniform, der gelassen das Treiben beobachtete. Gott sei es gepriesen, eines der seltenen, fast ausgestorbenen Individuen der Spezies Bahnmitarbeiter! Nun hieß es rasch handeln, ehe ihn die frierende und wartende Meute entdeckte und die Verspätungsinformationen aus ihm heraus prügelte. Ich pirschte mich von hinten an die Uniform heran, zupfte sie am Ärmel, senkte unterwürfig das Haupt und sagte: „Verzeihen Sie gnädigst die Störung, Herr Obereisenbahnsektionschef! Hätten Sie wohl die Güte, uns über die verzwickte Situation aufzuklären? Was ist passiert, wann fährt der nächste Zug ein? Ich müsste nämlich dringend in die Fischkonservenfabrik. Ich bin in leitender Position und unabkömmlich!“ Es ist immer klüger, sich mit Behördenvertretern und Uniformträgern gut zu stellen, anstatt sie anzupöbeln. Vorsichtig blickte ich auf. Der kahle Riese sah mich mitleidig an und zeigte auf ein kleines Metallschild, das auf seiner imposanten, dunkelblauen Uniformbrust prangte: Herr M. Drasovic, Fa. Mooslechner & Söhne, WERKSCHUTZ stand da zu lesen. „Ich Security Firma Mooslechner“, grunzte er. „Sie wissen nichts über die Störung der Schnellbahn?“ frug ich verzweifelt. Er antwortete „Geh scheißn!“ und schob sich einen Kaugummi in den Mund. „Danke, aber auf Bahnhofstoiletten kann ich aus ästhetischen und hygienischen Gründen nicht. Schönen Tag!“

Meine Zehen waren inzwischen abgestorben.  Unter meiner dicken Wollmütze vernahm ich dumpf und unverständlich eine Durchsage der Fahrdienstleitung: „Aufgrumpf einrrr vereisten Oberleitung kommt es bei der Scheißbahn S3 drzeit zu unregelm… …verbindungen und Ausfällen. Wirbeiten an dr Behebung des Schadens. Bidde steignsie auf unseren Schienen..satzverkehr um.“ Wie Lemminge setzte sich die Masse der Wartenden auf der Suche nach dem Schienenersatzverkehr in Bewegung. Ich war mittendrin statt nur dabei, und wurde trotz heftiger Gegenwehr in einen bereitstehenden, klapprigen Bus der Wiener Verkehrsbetriebe geschubst. Verzweifelt umklammerte ich meine Aktentasche, und ließ mich eingekeilt zwischen stinkenden Wintermänteln 40 Minuten durch die halbe Stadt karren. Schließlich spie mich der Bus in einer Gegend aus, die mir völlig fremd war. Langgestreckte Lagerhallen, in der Ferne ein Sozialbau mit winzigen, rechteckigen Fenstern, keine Spur von meiner Fischkonservenfabrik. Wo war ich?

Dank Google Maps ortete ich meine Lage und stellte fest, dass sie beschissen war und ich mich 4,5 km Luftlinie entfernt von meinem Arbeitsplatz befand. Es war 09:13 und hatte -9,8° (in Worten: minus neunkommaacht Grad Celsius). Der Kaffee in meiner Thermoskanne ging zur Neige. Ich schrieb an Heidi: „Aufgrund einer vereisten Oberleitung bin ich in der Wildnis gestrandet. Bin arbeitsunfähig. Würdest du mich nach dem Friseur abholen?“ „Sicher“, antwortete Heidi aus dem Frisiersalon. „Kann aber noch 1 – 2 Stunden dauern, Peter rührt gerade die Farbe an.“ Ausgerechnet heute wollte mein treues Weib von rabenschwarz auf kastanienbraun wechseln. Ich verkroch mich vor dem eisigen Wind in einer leeren Bauhütte und erkundete mittels Nachrichten-App die Welt. Für das Wochenende prophezeite die Wetterredaktion frühlingshafte + 15° (in Worten: plus fünfzehn Grad Celsius).

Sei Poet!

„Phantasie ist wichtiger als Wissen,

denn Wissen ist begrenzt.“

(Albert Einstein)

Ihr werter Herr Moser, obzwar im Brotberuf nur ein simpler Abteilungsleiter in der Konservenbranche, ist seit jeher ein Bewunderer des Wortarchitekten und Poeten André Heller. Bei seinen Liedern, Gedichten und Texten vermag ich abzutauchen in eine Welt, die mich zutiefst berührt, die mich gefangen nimmt, die mich entführt in Zauberschlösser der Fantasie, gebaut auf dem Fundament der brutalen Realität. So wahr, so echt, so ausdrucksstark. Ich selbst fühle mich ja auch der Gilde der sensiblen Wortkünstler zugehörig, freilich ohne jemals auch nur annähernd die berührende Qualität der Meister wie Heller oder des jungen Günter Grass zu erreichen. Während André Heller und Grass mit ihren Worten imposante Kathedralen errichten, zimmere ich bloß kleine Reihenhäuschen. Schon als junger Mann liebte ich den Sohn der Süßwaren-Dynastie Heller, der 1947 als Francis Charles Georges Jean André Heller-Huart das Licht der Welt erblickte, als 20-Jähriger den ersten deutschsprachigen Pop-Sender Ö3 mitbegründete, und sich in den 70er Jahren einen grandiosen Ruf als Chansonnier und Liedermacher erspielte. In meinem ersten Auto, einem himmelblauen VW Käfer mit „Atomkraft nein danke!“-Aufkleber, lief im klobigen Kassettengerät sein Live-Album „Bitter und Süß“ in Dauerschleife, bis ich jedes Wort mitsprechen und –singen konnte. Meine Verehrung für den Poeten ging sogar so weit, dass ich ihm Ende der 70er gemeinsam mit einem Häufchen Gleichgesinnter einen Brief schrieb, in dem wir unserer Bewunderung Ausdruck verliehen und um Audienz baten. Das Wunder geschah: André lud uns in seine Jugendstil-Villa im noblen Vorstadtbezirk Hietzing. Worüber wir in diesen berührenden, intensiven zwei Stunden im Detail sprachen, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass Heller keine Sekunde überheblich war und sich herab begab auf das Maturaniveau der pickeligen Jünglinge, um auf Augenhöhe mit uns zu diskutieren und zu philosophieren.

Als Heidi unlängst das Internet auf der Suche nach einem interessanten Theater- oder Kabarettabend durchforstete, stieß sie auf „Holodrio – Lass mich Dein Dreckstück sein“ im Rabenhof-Theater, ein Programm, das ausschließlich auf Texten von André Heller beruht. Da gab es nicht viel zu überlegen, und ein paar Klicks später waren wir im Besitz von drei Tickets, da Schwiegermama Inge ebenfalls ein ausgewiesener Heller-Fan ist und uns begleiten sollte. Gestern Abend fanden wir uns, geschnäuzt, frisiert und parfümiert, im Rabenhof ein. Erwartungsfroh und neugierig, doch ohne recht zu wissen, was auf uns zukommen würde. 100 Minuten und eine Zugabe später waren wir uns einig: Die wahren Abenteuer sind im Kopf… und auf der Bühne des Rabenhof-Theaters. André Hellers poetische Expeditionen wurden hier als literarisch-musikalische Revue dargeboten, die ihresgleichen sucht. Schräg, schrill, anders, bezaubernd, verzaubernd, fantastisch. Das kleine 4-köpfige Ensemble interpretierte Hellers Lieder, Texte und Jugenderinnerungen mit viel Herzblut und Schweiß. Da ich nur der kleine Moser bin und nicht der große Heller, fehlen mir hier die Worte, um das Spektakel adäquat zu beschreiben. Einen kleinen Ausschnitt gibt es hier.

Sollte „Holodrio“ demnächst in einem Theater in Ihrer Nähe gastieren, lassen Sie sich diese Hommage an André Heller nicht entgehen. Es ist nicht nur beste Unterhaltung, es sind zeitlose Preziosen des selbsternannten Eulenspiegels aus Wien, dessen Narrenkappe auch immer Gelehrtenhut war. Ganz im Sinne des Wiener Schmähtandlers Heller wird hier nicht Kabarett, sondern Cabaret geboten, ein Flic Flac der Fantasie.  Wir brauchen solch gnadenlose Poeten wie Heller, wir brauchen seine Fantasie und Träumereien auch als Bollwerk gegen die Menschenverachtung und soziale Kälte der rechten Parteien.

Sei Poet
Benütz die Sprache als ein Federbrett
Spring einen Salto in die Alphabete
Zieh jeden Satz wie eine Flagge hoch!

Sei Poet
Nicht Schaf im Wolfspelz für ein Schattenspiel
Nicht Winterkleid für all‘ die dünnen Phrasen
Die Jedermann zu Jedermann an jeden Tag erzählt!
Dann kannst du Gärtner der Träume sein
Und kannst Kalif von Bagdad sein –
Mehr will ich nicht von dir!

Sei Poet
Den inn’ren Erdteil sollst du projizieren
Mit magischen Laternen und mit Spiegeln
Die man für zwei Kometen überall erhält!

Sei Poet
Nicht Schaf im Wolfspelz für ein Schattenspiel
Nicht Winterkleid für all‘ die dünnen Phrasen
Die Jedermann zu Jedermann an jeden Tag erzählt!
Dann kannst du Gärtner der Träume sein
Und kannst Kalif von Bagdad sein –
Mehr will ich nicht von dir!
Mehr will ich nicht von dir!