Archiv der Kategorie: Der tägliche Wahnsinn

Wurstsemmel 2.0

1987: Wenn der junge Herr Moser seinerzeit, als er noch keine fürsorgende Adelheid an seiner Seite wusste, Appetit auf eine kleine Zwischenmahlzeit in Form einer Wurstsemmel verspürte, betrat er meist den kleinen Greißlerladen Feinkost Ottendorfer, unweit seiner Studentenbude. „Guten Morgen, Herr Moser!“ grüßte der immer freundliche und untadelig gekleidete Peter Ottendorfer. Er trug unter seinem weißen Arbeitsmantel stets ein weißes Hemd mit dunkelroter Krawatte. „Was darf es heute sein?“ „Grüß Sie Herr Ottendorfer! Ein Extrawurstsemmerl mit Gurkerl bitte.“ Für meine Leser nördlich des Weißwurst-Äquators: Mir stand der Sinn nach einem Brötchen mit Fleischwurst und sauer eingelegtem Delikatess-Gürkchen. Der brave Feinkost-Mann schnappte sich eine frische Semmel, schnitt sie elegant auf, und säbelte auf seiner blitzsauberen Aufschnittmaschine fünf bis sechs Scheibchen Extrawurst runter. Mit einer Holzzange fischte er ein Gurkerl aus dem Glas und bastelte daraus mit wenigen Handgriffen einen bildschönen Gurkenfächer. Dann wickelte er diesen typischen Wiener Snack aus der Prä-Döner-Zeit in fettabweisendes Papier und überreichte ihn mir mit den Worten: „Das macht dann 7 Schilling, Herr Moser. Wünsche guten Appetit und einen schönen Tag!“ Die Wurstsemmel war herrlich saftig und üppig belegt und gut gelaunt startete ich in den Tag.

2017: Auch heute verspürte ich wieder mal Heißhunger auf eine „Wurschtsemmel mit Gurkerl“. Leider sind in Wien die Greißlereien längst ausgestorben, da sie den allmächtigen Konzernen auf Dauer keinen Widerstand bieten konnten. Auch Herr Ottendorfer musste irgendwann das Handtuch werfen. In Ermangelung einer Alternative betrat ich also einen Supermarkt, wo ich statt einer freundlichen Begrüßung via Lautsprecher informiert wurde, dass es für Stammkunden heute 25% auf Eis und Beeren gibt. An der Kühltheke schnappte ich mir zwei Wienerwurstsemmeln mit Essiggurkerln 105 Gramm zu je 1,50 Euro. Der Imbiss war in reichlich Plastik verpackt, darauf klebte ein Etikett folgenden Inhalts:

Zutaten: 50% Semmel (Weizenmehl, Hefe, Emulgator, Lecithin.E472eE471Salz) 33%Wiener (Rind- u. Schweinef) Kochsalz, Konservierungsstoff E250, Gewuerze, Zucker, Geschmacksverstärker E450.E451.Stabilisator E450.E451. Antioxidationmittel E300. 17% Essiggurkerl (Gurken, Trinkwasser, Speisesalz, Weingeistessig, Gewürze, Säuerungsmittel: Milchsäure, Konservierungsstoff: Natriumbenzoat. Süßungsmittel Saccharin). Gekühlt lagern bei 3 – 6° Grad.

Es folgte eine Nährwerttabelle, welche die enthaltenen Brennwerte in Kalorien, Joule, Gramm und Prozenten für Fett, Kohlenhydrate und anteiligen Zucker, sowie Eiweiß und Salz aufschlüsselte.  Dazu noch Mindesthaltbarkeitsdatum, Stückzahl 1, Preis pro Stück und den Barcode.

An der Kasse wurden die zwei Plastikpäckchen piepsend über den Scanner gezogen. Die Kassiererin fragte automatisch: „Kundenkarte?“ „Nein“, gab ich genervt zurück. Als ich die Semmeln mit Wienerwurst schließlich auspackte, musste ich feststellen, dass sich darin gerade mal drei jämmerliche Scheiben Wurst, sowie ein (in Worten: 1) Gurkenscheibchen so dünn wie ein Blatt Papier, befanden. Ich würgte das trockene, altbackene Ding mit Mühe runter und startete schlecht gelaunt in den Tag.

Herr Ottendorfer, falls Sie dies zufällig lesen sollten: Eröffnen Sie doch bitte wieder Ihren Feinkostladen! Nahe der Fischkonservenfabrik wäre ein hervorragender Standort – ich kaufe jeden Tagen mindestens zwei Wurstsemmeln mit Gurkerl bei Ihnen. Versprochen!

Sommer, Sonne, Schlaganfall

Der gestrige Freitag war im Raum Wien ein Bilderbuch-Sommertag. Also brach ich bereits zu Mittag meine Bürozelte in der Fischkonservenfabrik ab und eilte nach Hause, wo Heidi mit einer ihrer Spezialitäten wartete – Wurstsalat mit Frühlingszwiebeln, Radieschen, Tomaten aus eigener Aufzucht und knackige Gürkchen in einer Marinade aus weißem Balsamico, Honigsenf und Olivenöl. Ein Gedicht, ein kulinarischer Erlkönig, ein lukullisches Vaterunser, ein Hohelied auf die Spezies „Wurstsalat“.

Satt und zufrieden lehnte ich mich nach zwei Portionen der wurstgewordenen Offenbarung zurück. Lächelnd lud Heidi ihr Haupt an meiner starken Schulter ab und streichelte mein kleines Bäuchlein: „Na, hat´s geschmeckt mein Liebling?“ „Ach Heidi, wundervoll!“ „Hast du noch einen Wunsch?“ flüsterte die tüchtige Gemahlin in mein sonnendurchflutetes Ohr und zupfte neckisch an einem Haar, das sich den Weg aus dem dunklen Gehörgang ins helle Sonnenlicht erkämpft hatte. Ich, hoffnungsvoll: „Ja, haben wir noch Vanilleeis im Tiefkühler? Und frische Erdbeeren?“ Langsam wanderte Heidis Händchen Richtung Süden: „Das ist alles?“ Hörte ich da etwa Enttäuschung in ihrer Stimme? „Nein mein Täubchen, vielleicht sind ja noch etwas Schlagobers und Schokosauce vorrätig!“ „Moser!“ rief sie entrüstet und zog so stark an meinem sensiblen Ohrhaar, dass es mir Tränen in die Augen trieb.

Der Wink mit dem Zaunpfahl wirkte und mir fiel ein Artikel ein, den ich unlängst in einem wissenschaftlichen Journal gelesen hatte: Sonne macht Lust auf Sex! Darin ging es um Vitamin D, vermehrte Ausschüttung des Glückshormons Serotonin und gesteigerte Libido. Ah, daher wehte der Wind! Frau Moser hatte am Vormittag wohl ein Sonnenbad genommen. Ich reagierte blitzschnell und setzte meinen unwiderstehlichen Sexy-Blick auf, kniff ein Auge zu, lüpfte die gegenüberliegende Augenbraue und schürzte meine ölverschmierten Lippen zum berühmten Duckface. Das habe ich mir auf Facebook abgeschaut. Offenbar verfehlte meine Casanova-Mimik ihre erotisierende Wirkung, denn Heidi erlitt einen Lachkrampf.  Dabei verirrte sich ein Stück Frühlingslauch in ihrem komplizierten Luft- und Speiseröhrensystem, sie begann zu würgen und zu röcheln. Ihre Augen tränten, quollen hervor und unter bedrohlichem Husten drehte mir Adelheid den Rücken zu und bat: „Schlag mich mal!“ Ich aber verstand in dem ganzen Gewürge „Schlaganfall!!“ und war erschüttert. Mein geliebtes Weib, noch so jung, ein Schlaganfall, oh weh!! Nun kam es auf jede Minute, jede Sekunde an, und ich griff sogleich zum lebensrettenden Smartphone. Sie schlug mir das Telefon aus der Hand, das in der Salatschüssel landete. Sie deutete auf ihren Hals und hustete gurgelnd: „Das muss raus!“ „Krankenhaus??!!“ rief ich, „Sofort, mein Schatz!“ und fischte das Handy aus der öligen Marinade. Noch während ich versuchte, das glitschige Ding zwischen meinen Fingern zu bändigen und den Notruf einzutippen, entließ Heidi mit einem ambitionierten Huster das grüne Lauchröllchen in hohem Bogen in die Freiheit.

Nach diesem Zwischenfall war die knisternde erotische Stimmung natürlich beim Teufel. Aber das Vanilleeis mit Erdbeeren und Schokosauce war köstlich.

Schiffbruch mit Stromausfall

Es war vor wenigen Tagen, als ich mich nach einem tropisch-schwülen Arbeitstag mit meiner lieben Gattin Adelheid bei Sonnenuntergang auf der Terrasse niederließ, um bei einem Gläschen Gumpoldskirchner und einem heiter-belanglosen Gespräch den Abend zu genießen. Wir hatten promilletechnisch gesehen noch nicht einmal die Fahruntüchtigkeitsgrenze erreicht, als uns blitzartig ein Sommergewitter überfiel und zurück ins Reihenhaus trieb. „Wenn dir das Leben Zitronen schenkt, mach Limonade draus“, zitierte meine weise Heidi und schaltete den Fernseher ein. Ich besorgte noch rasch ein Schälchen mit Knabbereien, die im Hause Moser bedingt durch meinen beruflichen Background stilsicher aus Goldfischli bestehen. Und so landeten wir ungeplant beim wunderbaren Spielfilm Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger. Ein großartiges Werk, das Frau und Herrn Moser gleichermaßen gefangen nahm. Wir bissen den kleinen Goldfischen Kopf und Schwanz ab, bröselten aufgeregt die Couch voll, und verfolgten gespannt das in atemberaubenden Bildern verfilmte Schicksal des jungen Inders Pi, der nach einem Schiffsuntergang in einem Rettungsboot auf dem Meer trieb. Da sich an Bord des gekenterten Schiffes auch der halbe Zoo seines Vaters befunden hatte, musste sich Pi sein kleines Boot nun mit einer bösartigen Hyäne, einer Orang-Utan-Dame, einem verwundeten Zebra und dem ausgewachsenen Tiger „Richard Parker“ teilen. Wir waren hingerissen und Heidi, die an Filmschicksalen so regen Anteil nimmt als wäre es das wahre Leben, kuschelte sich eng an den vollgebröselten Moser.

Just in dem Moment, als die Situation für Pi überaus prekär wurde und der hungrige Richard Parker sein eindrucksvolles Gebiss fletschte, wurde der Bildschirm dunkel. Nur ein greller Blitz, gefolgt von einem bebenden Donnerschlag, erhellte kurz das Wohnzimmer. Heidis Nerven lagen blank, was sie mit einem spitzen Kreischen zum Ausdruck brachte. Dazu quetschte sie mit erstaunlicher Kraft meinen Oberarm. Nun musste ich die mir als Mann von der Natur zugedachte Rolle des Beschützers und Retters übernehmen. Ich ließ kurz das Adrenalin, das auch meinen Körper durchströmte, wirken und tätschelte Heidis schwarze Mähne: „Ruhig, mein Mädchen, ganz ruhig. Nur ein Stromausfall, alles in Ordnung.“ „Richard… Richard Parker?“ stammelte meine Gattin. „Nein mein Schatz, ich bin´s. Moser.“ Zielsicher aktivierte ich die Taschenlampen-App meines Smartphones. „Keine Panik. Würdest du ein paar Teelichter entzünden, ich sehe mal nach dem Sicherungskasten. Wahrscheinlich hat es den FI gefetzt“, verkündete ich fachmännisch. Vorsichtig tastete sich Heidi zur Schublade unter dem Fernseher, wo schätzungsweise 600 Ikea-Teelichter lagerten. Ich untersuchte im Abstellraum die Sicherungen, konnte aber keine Auffälligkeiten feststellen. Alle Schalter in ordnungsgemäßer Position. Selbst unsere Hausspinne Günther, die zwischen einer alten Reisetasche und der Schachtel mit Christbaumschmuck wohnt, schlief tief und fest.

Als ich zurückkehrte, war das Wohnzimmer in warmes, goldenes Teelicht getaucht. Ich nahm Heidis süßes Köpfchen in meine Hände, drückte ihr einen beruhigenden Kuss auf die Stirn und fummelte ein paar Goldfischli aus ihren schwarzen Locken. „Möglicherweise sind nicht nur wir vom Stromausfall betroffen, sondern die ganze Siedlung“, erklärte ich. „Geh bitte mal raus in den Garten und schau, ob in den anderen Häusern irgendwo Licht brennt.“ Frau Moser, der sehr am besonderen Schicksal des jungen Pi und dem Tiger Richard Parker, und somit auch an der Behebung des Stromschadens gelegen war, eilte widerspruchslos barfuß und im fliederfarbenen Nachthemd nach draußen. Kurz darauf der nächste, markerschütternde Schrei! Was zur Hölle? Immer diese überängstlichen Frauen. Rasch folgte ich ihr auf die Terrasse und leuchtete mit meiner Handy-Taschenlampe in ihr schreckensbleiches Gesicht. „Was ist passiert??!!“ rief ich. Heidi blickte wie hypnotisiert in mein grelles Licht und deutete mit bebenden Lippen nach unten. Der Lichtkegel meiner kleinen Lampe brachte das ganze Unglück ans Licht – auf den nassen Steinplatten wand sich eine halb zerquetschte Nacktschnecke, zwei weitere fette, glitschige Exemplare waren auf einer aussichtslos erscheinenden Flucht. Heidi schluchzte. Sie empfand abgrundtiefen Ekel vor diesen Biestern, die beim ersten Anzeichen von Feuchtigkeit unseren unschuldigen Reihenhausgarten überfielen. Ein weiterer Blitz, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner verlieh der Szene etwas Gespenstisches. Ich nahm mein durchnässtes Weib in den Arm und führte sie zurück ins sichere Dunkel, wo ich ihre schleimigen Sohlen bud und mit flauschigem Frottee trocknete.

Nach etwa einer Stunde lag das Schicksal von Pi noch immer im Dunklen, und ich trat zwecks Erforschung der näheren Umstände vor die Haustüre. Ich blickte in ein gleißendes Licht und jemand schrie: „Halt! Wer da?!“ Ich riss die Hände in die Höhe und rief: „Moser! Bitte nicht schießen!“ „Ahh, der Herr Nachbar“, vernahm ich die militärisch ausgebildete Stimme des Ex-Polizisten und selbsternannten Siedlungswächters Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm. Er stand in voller Kampfmontur unter der dunklen Straßenlaterne vor unserem Haus und richtete den blendenden Strahl einer etwa 5 Kilo schwere Stablampe auf mich. Ein Highway to hell, um ein kleines Wortspiel zwischen Helligkeit und Hölle zu bemühen.  „Haben Sie auch keinen Strom?“ frug ich schüchtern. „Nein, kein Strom! Möglicherweise ist das Umspannwerk in die Hände von Terroristen gefallen und sie planen einen Überfall auf unsere friedliche Siedlung!“ bellte Rotkäppchen wie ein böser Wolf. „Oder es hat ein Blitz eingeschlagen…“ bot ich einen alternativen Lösungsvorschlag an. „Wir werden sehen. Ich bin gerüstet!“ deutete der alte Weinwurm auf ein monströses Jagdmesser an seinem Gürtel. „Gehen Sie zurück ins Haus, Moser. Hier draußen könnte es gefährlich werden.“ Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Bloß weg von diesem Verrückten.

Als geschätzte 45 Minuten später das Licht und der Fernseher wieder angingen, lief gerade der Abspann von Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger über den Bildschirm. Heidi ging enttäuscht zu Bett, und ich besorgte über ein bekanntes Versandhaus im Internet noch rasch den Film auf DVD. Doch vor diesem Filmabend werde ich die Wettervorhersage genauestens studieren, ob sich ja kein Gewitter anbahnt.

Gefällt mir!

Ein kleiner Regenguss am Abend hatte für ein wenig Abkühlung gesorgt, und so hatte ich letzte Nacht ausnahmsweise wieder mal sehr gut und tief geschlafen. Gähnend und mich wohlig räkelnd taumelte ich die Treppe abwärts, dem verlockenden Duft frischen Kaffees folgend. Und als ich vor dem Frühstückstisch stand, musste ich mir den Schlafsand staunend aus den Augen reiben – Heidi hatte die Tafel nicht nur mit den üblichen Leckereien (Toast, Butter, Weichselmarmelade, Wurst und Käse) gedeckt, sondern überdies noch ein buntes Sträußchen Tulpen sowie einen Schokoriegel mit 1 Geburtstagskerze hinzugefügt. Obwohl noch im Schlummermodus fuhr ich meine Festplatte hoch, um alle relevanten Feier- und Geburtstage aufzurufen und mit dem 12. Juli abzugleichen. No Match found. Hmmm.

„Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen!“ lächelte Heidi und hielt mir das kleine Yes-Törtchen hin, auf dass ich das brennende Kerzlein ausblasen möge. Ich blies und frug: „Wir haben einen Sohn? Einjährig schon? Das ist aber eine Überraschung!“ „DU hast sozusagen ein Kind und es wird genau heute ein Jahr alt“, erwiderte meine aufmerksame Gattin und wackelte bedeutsam mit den Augenbrauen. „Sein Name ist Herr Moser – Alltägliches und Skurriles aus dem Leben des Abteilungsleiters einer Fischkonservenfabrik!“ Da fiel es mir wie Schuppen aus Cernys Haaren: Heute vor einem Jahr erblickte mein erster Beitrag das Licht der Bloggerwelt! Gerührt dankte ich Heidi, die mich damals in einer lauen Sommernacht bei einem Glas Gumpoldskirchner dazu animiert hatte, meine und unsere Erlebnisse für die Nachwelt festzuhalten. Somit gilt sie auch irgendwie als Mama des Moser-Blogs. Um ihre Überraschung entsprechend zu würdigen, biss ich rasch und herzhaft in den braunen Schoko-Balken. Dabei verbrannte ich mir das rechte Nasenloch am heißen Kerzendocht, doch wo gefeiert wird, fallen Späne.

Natürlich ist der heutige Tag wie kein anderer dazu geeignet, mich in Demut  und Dankbarkeit vor Ihnen, treue Leserinnen und Leser, zu verneigen. Ich bemühe meine hauseigenen Statistiken so gut wie nie, aber aus gegebenem Anlass darf ich mich bei 225 getreuen Moser-Followern bedanken. Ich habe auch keine Ahnung, ob das viel oder wenig, gut oder schlecht ist. Es ist mir auch relativ „blunzn“, wie wir in Wien sagen. Jedenfalls habe ich den Großteil der Gefolgschaft durch meine Schreiberei überzeugt, ganz ohne Rücksicht auf Beitragslängen oder Schlagworte, um über Google besser gefunden zu werden, ohne Gewinnspiele, Re-Blogs oder andere Aktionen. Ich erzähle aus meinem Leben, suche ein passendes Foto aus und veröffentliche. Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. Ganz blauäugig.

Ich freue mich über meine Dauer-Abonnenten der ersten Stunde, über die vielen neu Hinzugekommenen der letzten Monate und Wochen, über jedes Gefällt mir und über jeden eurer originellen Kommentare. Wenn ihr über meine Geschichten schmunzeln oder gar laut lachen könnt, ist das mein schönster Lohn. Meine lieben Leute, heute ist es an der Zeit für mich, euch dafür Danke! zu sagen. Bleibt mir gewogen, ich zähl auf euch.

Erntezeit

Wie der aufmerksame Leser weiß, hat sich der Moser´sche Reihenhausgarten unter den aktuell herrschenden Klimabedingungen zu einem üppig wuchernden Garten Eden entwickelt. Nachdem nun endlich die Weichselernte zur Gänze eingebracht und die Vorratskammer mit Dutzenden Gläsern voll mit Konfitüre und Kompotten ist, bat mich mein liebes Adelheidchen heute früh, die erstmals im Hochbeet gepflanzten Zucchini zu pflücken. Wir wollen mittags Hühnerbrüstchen grillen und ein paar Scheiben des Zucchino, der bekanntlich aus der Familie der Kürbisse stammt, würden hervorragend dazu passen.

Mit Skalpell und Latex-Handschuhen näherte ich mich dem Wochenbeet, um die Mutterpflanze von ihrem Junggemüse per Kaiserschnitt zu entbinden. Doch was mich da erwartete, sprengte meine kühnsten Vorstellungen. Mama Zucchino war mit einem gelben Riesenbaby schwanger, offenbar hatte Heidi in einem Anfall von Jux und Tollerei eine gelbe Sorte anstatt des grünen Klassikers gepflanzt. Und der Goliath hatte noch eine ganze Reihe Geschwisterchen bekommen, zwar nicht ganz so überdimensional, aber noch immer sehr stattliche Apparate. Zuerst kümmerte ich mich um den schon ziemlich erwachsen wirkenden Riesen. Zärtlich trennte ich die Nabelschnur durch und hob das geschätzt 4 Kilo schwere Baby vorsichtig in die warme Sommerluft. Mit einem sanften Klaps auf den gelben Po hieß ich den neuen Erdenbürger in unserem Reihenhaus willkommen.

Ich nahm Zuki, wie ich das Gemüse bereits insgeheim nannte, mit väterlichen Gefühlen liebevoll auf den Arm, und drehte mit ihm eine kleine Runde durch den Garten, um ihm die wundervolle Welt der Mosers zu zeigen. Plötzlich lugte unser Nachbar Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm bei seinem morgendlichen Patrouillengang über den Zaun und rief: „Hallo Herr Nachbar! Was ist das? Haben Sie ein Baby aus China adoptiert?“ „Psssst, leise! Es schläft“, gab ich zurück. „Und heute Mittag legen wir es auf den Grill.“ Kopfschüttelnd setzte unser Siedlungsblockwart seine Runde fort.

Wir werden Zuki nicht nur als Gemüsebeilage grillen, sondern auch zu Suppe, Kuchen, Auflauf, Eintopf und Salat verarbeiten. Und den Rest mit Piment, Lorbeer und Senfkörnern süß-sauer einlegen. „In zwei bis drei Wochen beginnen wir mit der Tomatenernte“, meinte Heidi und deutete auf die rasant wuchernde Staude neben der Zucchini-Pflanze, die bereits kindskopfgroße, grüne Früchte trug. „Ach, das sind Tomaten?“ frug ich erstaunt. „Ich dachte, du hast Wassermelonen gepflanzt.“

Foto: Adelheid Moser

Der Himmel über Wien

… zeigt sich heute von seiner wechselhaften Seite. Die Sonne wird zwischendurch von ein paar Quellwolken hofiert; es ist zwar recht warm, aber nicht strapaziös schwül. Es liegt eine träge Leichtigkeit in der Luft. Der Schreibtisch meines Kollegen Cerny ist urlaubsbedingt verwaist, das Fenster offen und ich genieße das unbeschwerte Dahinplätschern der Zeit. Ich bin ein ausgesprochener Freund des Sommerlochs, bin mit ihm auf Du und Du, fühle mich direkt angezogen vom wabernden, freundlichen Nichts. Unsere ukrainische Putzfrau Editha gibt sich über Kopfhörer ihrer Musik hin, denn ich höre sie draußen am Gang hingebungsvoll und falsch „Wind of Change“ von den Scorpions pfeifen.

Nachdem ich zwei Stunden genüsslich im Nichts gebadet hatte, fühlte ich Tatendrang in mir hochsteigen. Mit einer Heldentat wollte ich heute noch meine Anwesenheit im Büro rechtfertigen und klemmte mich ans Telefon. Ich weiß nicht woran es gelegen hat, ob an meiner fast schon buddhistischen Gelassenheit oder dem unerschütterlichen Glauben an meine Fähigkeiten – jedenfalls gelang es mir in einem 20-minütigen Gespräch, einen neuen Großkunden für unsere vegetarische Fischkonserven-Linie an Land zu ziehen. Mit Wiener Schmäh und Charme wickelte ich die Geschäftsführerin einer kleinen Bio-Ladenkette um den Finger, die ab August die von mir ersonnene Innovation der fischlosen Fischkonserven in ihre Regale stellen wird. Ich triumphierte, denn Dr. Jonas Cerny hatte sich an diesem Kunden bereits mehrmals vergeblich die Zähne ausgebissen. Und ich möchte in aller Bescheidenheit anmerken: Herr Moser ist eben das iPhone 9 unter den Fischkonserven-Abteilungsleitern. Selbst wenn man mir meine Bescheidenheit als höchste Form der Arroganz auslegt, ließ ich mich von einem kleinen Freudentanz rund um Cernys Schreibtisch nicht abhalten. Rasch klebte ich meinen genialen Fischzug noch in Form eines gelben Post It-Zettels auf seinen Monitor, dann beschloss ich, den Arbeitstag an seinem Höhepunkt zu beschließen und früher Schluss zu machen. Auf dem Heimweg besorgte ich noch einen bunten Strauß Sommerblumen für meine geliebte Heidi.

Es gibt sie also doch, jene Tage ohne kleine oder große Katastrophen. Von einem solchen durfte ich Ihnen heute berichten, ganz entspannt aus dem Schatten unseres grünen Sonnenschirmmonsters. Es lebe das Sommerloch!

Ausflug nach Digitalien

Meine sehr verehrte Schwiegermutter Inge feierte am verwichenen Sonntag Geburtstag. Bei bester Gesundheit und in vergnüglicher Jubellaune holten wir Heidis Mama mit dem tomatenroten Spanier ab, um uns beim Romantik-Heurigen Oleander im burgenländischen Trausdorf bei üppig Speis und Trank verwöhnen zu lassen. Nichts sollte dem Zufall überlassen sein, denn meine technikaffine Adelheid hatte zuvor im weltweiten Netz die schönsten Locations mit ausgezeichneter Küche im Umkreis von einer Autostunde gegoogelt – und war beim Oleander gelandet. Sie hat sich am Computer Lokalfotos angesehen, die Speisekarte studiert, die Bewertungen anderer Gäste durchgelesen und schließlich elektronisch eine Tischreservierung für 13:30 abgeschickt. 20 Minuten später trudelte die überaus freundliche und persönlich verfasste Bestätigung ein. Heidi lobte die Segnungen des digitalen Zeitalters.

Sonntagmittag gratulierten wir ausgiebig mit einem Strauß gelber Röslein, und verfrachteten das Geburtstagskind auf den Rücksitz. Es konnte losgehen. Ich setzte meine Jacky-Stewart-Rennfahrerbrille auf, zog die hellbeigen, gelöcherten Autofahrerhandschuhe über und startete die Maschine. „Auf nach Trausdorf!“ rief ich frohgemut als mir einfiel, dass ich keine Ahnung hatte, wo sich dieses geheimnisvolle, kleine burgenländische Dorf befindet. Ich überspielte den kleinen Hänger, pfiff auszugsweise die Ouvertüre aus der Cardaszfürstin und bat Heidi, meinen Autoatlas, Ausgabe 1987, aus dem Handschuhfach zu holen und unsere Route in Augenschein zu nehmen. Langsam setzte ich mich Richtung Autobahn in Bewegung, das konnte prinzipiell nicht verkehrt sein. Doch meine Smartphone-begeisterte Adelheid lächelte nur milde über meine Autoatlas-Ansage, und tippte ein wenig auf ihrem Handy herum. Eben reihte ich mich zum Rechtsabbiegen zur Autobahnauffahrt ein, als mich eine Frauenstimme aus Heidis Telefon aufforderte, mich rechts einzuordnen, um auf die A4 Richtung Budapest zu gelangen. „Wen hast du da angerufen?“ frug ich misstrauisch und wurde alsgleich belehrt, dass es auf dem Handy auch eine Navigator-App gibt, die den richtigen Weg weist. Als analoger Typ fällt es mir schwer, mich beim Autofahren irgendwelchen Satelliten anzuvertrauen, die in 20.000 Kilometern Höhe über uns kreisen und mir erklären wollen, wo der Romantik-Heurige Oleander ist. „Nehmen Sie die rechte Fahrspur, um auf Ein-Zingerstraße (die in Wirklichkeit Einzingerstraße heißt) zu gelangen. Folgen Sie dem Straßenverlauf für 800 Meter.“  „Jaaaa“ gab ich zurück, „ich bin ja nicht blöd!“ Inge roch an den Rosen.

So lotste uns die digitale Ansagerin Stück für Stück Richtung Eisenstadt/Budapest, nervte mich entweder mit ihren ständigen Wiederholungen oder zu späten Durchsagen. Ich war gereizt und die Stimmung ein wenig angespannt. „In Zwei… Pause… hundert Metern links abfahren Richtung Neu-Siedlersee.“  „Ach, fahr zur Hölle!“ schrie ich. „Das heißt Neusiedlersee, du hast ja keine Ahnung…“ „Im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt Richtung Neusiedl am See nehmen.“ Inge wollte wissen, wann wir da sind, ich verzählte mich und nahm Ausfahrt Nummer 4. „Route wird neu berechnet.“ Irgendwann blendete ich die Navigator-Kommandos aus, um nicht völlig den Verstand zu verlieren, und ging im Geiste nochmals die Oleander-Speisekarte durch. Ich war am Verhungern. Mitten in meine Träume von Backhendl und Beeren-Tiramisu platzte Heidi mit der Meldung: „Moser, die Hinweisschilder und Aufschriften sind alle ausländisch. Ich vermute ungarisch.“

Statt um 13:30 beim Oleander burgenländische Spezialitäten zu genießen, saßen wir um 14:30 im Restaurant Huszár Etterem-Sörözö im ungarischen Städtchen Szombathely, und speisten das dortige, scharfe Traditionsgulasch Pörkölt. „DU hast zum Navi gesagt, es soll zur Hölle fahren!“ meinte die liebe Schwiegermama Inge. „Also, reg dich nicht auf.“ „Für den Rückweg nehmen wir trotzdem den Autoatlas“, bestimmte ich.

Sommergespräche

Heute gab es für die Schüler in Wien, Niederösterreich und im Burgenland ihre jährliche Leistungsbeurteilung, früher auch Zeugnis genannt, und die meisten der Kollegen mit schulpflichtigem Nachwuchs haben sich gleich in die Ferien verabschiedet. In unserer sonst so emsigen Konservenmanufaktur ist es urlaubsbedingt sehr ruhig geworden. Auch Cerny, obwohl meines Wissens  kinderlos, ist bereits ausgeflogen. Er trainiert seine Lungen und Beine auf Teneriffa, möchte womöglich auf den Vulkan Teide rennen, um im nächsten Jahr beim Vienna City Marathon zu brillieren. Nur noch wenige Damen und Herren der Belegschaft dünsten und dösen in ihren Büros vor sich hin, darunter auch ihr Herr Moser. Ich liebe diese entschleunigte Zeit, ohne lästige Meetings, ohne nervtötendes Gequatsche von Cerny. Auch das Direktorenpaar Svetlana und Mag. Erwin Pfotenhauer hat sich auf seine Segelyacht in Kroatien zurückgezogen. Ein lebhaft auffrischender Nordwestwind hat die brütende Schwüle aus der Stadt vertrieben, ab und an schiebt sich sogar ein Wölkchen vor die Sonne. Es lässt sich also aushalten und gut gelaunt flanierte ich heute Vormittag über die Gänge.

Auf der Herrentoilette traf ich unsere liebenswerte Putzperle Editha. Sie war ausnahmsweise nicht mit einem Joint beschäftigt, sondern streute kleine, weiße Kugeln in die Urinale. „Challo Moser!“ rief sie erfreut. „Challo Editha! Wie geht´s? Gut dass ich Sie treffe. Ich wollte Sie etwas fragen: Was erzählt man sich in der Belegschaft über meinen Vortrag in Guatemala? Haben Sie etwas gehört?“ Die fleißige Frau aus der Ukraine rieb Daumen und Zeigefinger aneinander und meinte: „Morgen ist 1. von Monat…“ Ich drückte ihr den  monatlichen Obulus in die Hand, den sie für ihre kleinen Spionage- und Informationsdienste von mir erhält. „Also, was sagen die Leute? Vortrag war gut??“ frug ich gespannt. Editha ließ den Schein in ihrer Kittelschürze verschwinden, rollte mit den Augen und kicherte: „Leite sprechen, Moser macht er super Referat, isser aber bissi verrickt! Kommt in buntes Indianergwandl…“ „Mein Koffer war vermisst!“ warf ich entrüstet ein. „Und Moser vielleicht war krank, schreit er viel, schwitzt, reißt Augen auf, schüttelt Faust wie friher Klaus Kinski. Kennst du Fitzcarraldo?“ „Ja, nein! Was? So reden die Kollegen? Ich hätte mich aufgeführt wie Kinski???“ „Ich nur sagen, was Leite sprechen in Biro iber Moser in Guatemala. Sehr viel Emotion in Vortrag. Spricht er iber Heringdosen wie von Ibernahme von Weltherrschaft oder Heilung von Krebs. Isser verrickt, Moser? Einer fliegt iber Kuckucksnest?“ Editha sah mich unschuldig an.

Hatte ich mich in meinen Guatemala-Vortrag tatsächlich derart reingesteigert, dass man heute über mich sprach wie über Kinski und Jack Nicholson, diese Verrückten? Das musste ich erst verdauen und wechselte das Thema. „Danke, Editha. Schon gut. Wann fahren Sie auf Urlaub? Und wohin?“ Sie zog eine traurige Grimasse und schluchzte: „Kein Urlaub, nix Radio Holiday. Ohne Moos nix los. Bleib ich in Balkonien, hab aber auch kan Balkon. Bin staatenlos.“ Die herzensgute Frau tat mir plötzlich sehr leid und spontan kam mir eine Idee: „Wollen Sie kommen zu uns putzen? Einmal in der Woche? In Reihenhaus? Fenster putzen, Rasen mähen und so Sachen?“  Schlagartig hellte sich die Miene der Ukrainerin auf: „Frauentausch? Ja, komme ich. Jeden Freitag nachmittag, 25 Juro in Stunde. Einverstanden?“ Rasch überschlug ich im Kopf die monatlichen Ausgaben für Edithas Putz- und Geheimdienste und riss die Augen auf: „Waaas? Wollen Sie auf meine Kosten in die Karibik fliegen? Da muss ich erst mit Frau Moser reden…“ rief ich vielleicht eine Tonlage zu laut und zu hoch. „Gut, du sprechen. Schenes Wochenende, Herr Kinski!“ Editha schlurfte davon.

Ein Sommernachtstraum

Bei den derzeit herrschenden Wiener Tropennächten findet Familie Moser nur schwerlich in den Schlaf. Vergangene Nacht war wieder besonders schlimm. Ich konnte einfach nicht und nicht in meinen Lieblingszustand übergehen, und wälzte mich ächzend von einer Seite auf die andere. Die Bettdecke fungiert eigentlich nur als Abstandhalter, damit die schweißnassen Oberschenkel nicht zusammenkleben. Auch die seit Generationen überlieferten Hausmittelchen zur Beschleunigung des Einschlafprozesses blieben wirkungslos. Die warme Milch mit Honig beschleunigte höchstens die Transpiration, und ich begann Schäfchen zu zählen. Vor meinen geschlossenen Augen sprangen die possierlichen Wollknäuel über einen verwitterten Weidezaun. Mäh! Mäh! Mäh! Bei Nummer 24 und 25 begann eine kleine Drängelei, ich verzählte mich und musste von vorne anfangen. Im zweiten Durchgang kam ich bis Nummer 59, dann fand ich mich in der Küche wieder und briet zwei zarte Lammkoteletts, die Heidi in Vorbereitung auf das heutige Abendessen mit Knoblauch, Rosmarin und Olivenöl mariniert im Kühlschrank aufbewahrte.

Nach dem kleinen Mitternachtssnack schlich ich zurück ins Schlafzimmer, wo meine liebe Gattin inzwischen scheinbar friedlich schlief. Zumindest atmete sie tief und regelmäßig. Ich krabbelte vorsichtig ins Bett, legte mich auf die Decke und unternahm den nächsten Versuch, ein wenig Schlaf zu finden. Nach wenigen Minuten, die REM-Phase war noch meilenweit entfernt, hörte ich an meinem rechten Ohr das nervenzerfetzende Sirren einer Gelse (so nennt man in Österreich die Stechmücken), die im Schutze der Dunkelheit wohl auf der Jagd nach Menschenblut war. Fest entschlossen, mich bis zum letzten Blutstropfen gegen den Insektenangriff zu wehren, holte ich zum vermeintlich tödlichen Schlag aus. Unglücklicherweise verpasste ich dabei meiner Adelheid eine schallende Ohrfeige, die daraufhin laut schreiend aus ihrem leichten Schlaf schreckte. In der Nachbarschaft gingen die Lichter an, panisch hielt ich Heidi den Mund zu. Als wir uns wieder etwas beruhigt hatten, holte ich aus dem Badezimmer das Gelsenspray, das Schutz vor den Blutsaugern versprach. Wir rieben uns gegenseitig von Kopf bis Fuß damit ein. Der unangenehme Geruch des Mückenschutzes hielt zwar die Biester fern, aber uns wach. Mittlerweile zeigte die Uhr auf dem digitalen Radiowecker 03:47.

Um 04:57 ging die Sonne über meiner geliebten Heimatstadt auf, die frühen Vögel fingen ihren Frühstückswurm und wünschten sich zwitschernd „Guten Morgen!“ Eine Stunde später nahmen die ersten Sprinkleranlagen in den umliegenden Gärten tssss! tssss! Ihren Dienst auf. Ich lag mit Heidi noch immer wach im Bett und fühlte mich wie gerädert. Völlig erledigt torkelte ich unter die kalte Dusche. Kurz vor halb sieben saß ich mit meiner Frau im Garten und nippte am Morgenkaffee. Der Himmel war wolkenlos und strahlend blau, das Thermometer zeigte bereits 24 Grad. Es versprach ein heißer Sommertag zu werden. Ich war todmüde und hätte auf der Stelle einschlafen können.

Strohwitwer

Im Gegensatz zu ihrem Gatten liebt Frau Moser Hochzeiten. Heute ist es wieder einmal so weit: Heidi wohnt der burgenländischen Dorfhochzeit ihrer Freundin J. (Name der Red. bekannt) bei. Und ich darf zu Hause bleiben, da mich mit dem Brautpaar keine nähere Bekanntschaft verbindet. Darüber bin ich sehr glücklich, da ich mich auf derartigen Festivitäten per se nicht besonders wohl fühle und mir das ständige Geherze und Geküsse auf den Zeiger geht. Zum anderen liegt das Burgenland in der Steppe, also einer Art Wüste, und die Wetterprognosen für den heutigen Tag tendieren stark Richtung Handicap 35 (also 35° im Schatten). Wie der eine oder andere Leser vielleicht schon mitbekommen hat, ist dies nicht gerade meine Wohlfühlzone. Ich darf also unser idyllisches Reihenhäuschen hüten, während meine Gattin Adelheid heute Vormittag unseren tomatenroten Spanier bestieg und ins glühende Burgenland düste. Ich war vor knapp 20 Jahren bei der Eheschließung meines Bruders Bertl zu Gast und daran habe ich keine guten Erinnerungen. Es war ein ähnlich brütend heißer Tag wie heute, und die Hochzeitsfeier fand auf einem netten Ausflugsdampfer mitten auf dem Traunsee statt. Ich saß in einem wollenen Trachtenjanker, der mir der ländlichen Umgebung angemessen schien, in der prallen Mittagssonne auf Deck inmitten der andächtigen Gäste und betete. Nicht um Glück und Segen für das Brautpaar, sondern dass die Zeremonie möglichst rasch vorübergehen möge oder Gott ein Einsehen habe und ein paar dunkle Wolken vor die Sonne schiebt. Ich wurde nicht erhört. Ein Hitzeschlag der höchsten Kategorie fällte mich wie einen Baum, der vom Blitz getroffen wurde: Herzrasen, kalter Schweiß, Schwindel, Halluzinationen. Das Schiffchen musste meinetwegen den Kurs ändern und mich an Land bringen, wo mich ein eilig herbeigerufener Notarzt mit Infusionen und kalten Wickeln dem Tod von der Schippe riss. Aber dies nur am Rande.

Kaum hatte sich Heidi, höchst attraktiv in einem fliederfarbenen Sommerkleid und vollgepackt mit Geschenken, Blumen und Reserveschuhen, auf den Weg gemacht, marschierte ich in den Supermarkt, um mich mit Verpflegung und Getränken einzudecken. Heidi bleibt ja über Nacht, ich rechne mit ihrer Rückkehr erst morgen Nachmittag, mit dem Eintreffen der ersten Gewitter. Ich kann Ihnen sagen: Der schönste und angenehmste Ort an einem solchen Hitzetag ist nicht die zitronengelbe Liege im Schatten des grünen Sonnenschirmmonsters, nicht das Freibad, nicht der Beichtstuhl – sondern der Supermarkt! Ich liebe das wohltemperierte Klima in der Fleisch- und Milchabteilung. Heute ließ ich mir besonders viel Zeit und verbrachte eine gute Stunde zwischen Spareribs und marinierten Hühnerspießen, studierte die wenig appetitlichen Inhaltsstoffe der angebotenen Grillwürste, stellte einige interessante Preisvergleiche an und genoss die Kühle der leise brummenden Aggregate. Danach wechselte ich zu Frau Heinisch an die Wursttheke und hielt unter dem Motto „Ausländisch für FachverkäuferInnen“ einen kleinen Grundkurs über die richtige Aussprache von Lebensmitteln mit Migrationshintergrund ab (Sie erinnern sich an meine geliebte spanische Paprikawurst Chorizo, welche von der Mehrheit der Bürger deutscher Zunge falsch ausgesprochen wird, nämlich Schorizo anstatt korrekterweise Tschoriso). Frau Heinisch bestand meine Abschlussprüfung mit einer 2 minus, und ich konnte mich Herrn Tügür zuwenden, der seit April die Obst- und Gemüseabteilung leitet. Ich verwickelte ihn in einen Diskurs, wie weit sich die herrschende Dürreperiode auf die Gurken- und Salatpreise auswirken werde, was mir auch wieder zusätzliche 35 Minuten im erfrischenden Supermarkt-Klima bescherte. Erst nachdem ich noch das Regal mit Fischkonserven ein wenig umsortiert und unsere schmackhaften Produkte besser im Rampenlicht und auf Augenhöhe platziert hatte, machte ich mich gut abgekühlt auf den Heimweg.

Der Kühlschrank ist gut bestückt, und ich werde mich nun ein wenig dem Sport widmen. Das Qualifying für den Formel-1-GP in Aserbeidschan steht am Programm. Heidi vermeldete eben per WhatsApp, dass der Umzug mit der Braut durch das Dorf eine große Herausforderung an den 24-Stunden-Schutz ihres Deodorants war. Es sei glühend heiß. Ich nahm einen Schluck von meiner eisgekühlten Cola und schaltete den Fernseher ein.