Archiv der Kategorie: Der tägliche Wahnsinn

Wiener Charme

Dass ich über eine Vielzahl an Gaben und Talenten verfüge, wird für den regelmäßigen Leser dieses Blogs keine Überraschung sein. Heute darf ich Sie in ein kleines Geheimnis einweihen, das ich bisher nicht an die große Glocke gehängt habe: Ich bin ein Touristenmagnet. Nicht, dass die kulturinteressierte Masse der Pauschalurlauber nach Wien pilgert, um Herrn Moser zu bestaunen und abzulichten wie den Stephansdom oder das Riesenrad. Nein, ich ziehe Touristen wie durch ein Wunder an, wenn sie verloren und verwirrt umherirren auf der Suche nach dem nächsten MacDonalds, der U-Bahn oder dem Schloss Schönbrunn. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass die Fremden in unserer Stadt ausgerechnet mich aus der Masse der Einheimischen herauspicken, um auf den rechten Weg zu finden. Ich vermute, es liegt an meinem weltmännisch-einheimischen Blick oder an meinem mürrischen Lächeln, das Offenheit und Wiener Charme ausstrahlt. Natürlich rutscht mir an einem schlechtgelaunten Tag auch mal ein kläffendes „Schleich di!“ raus, wenn ich nach dem Stephansdom gefragt werde. Doch im Großen und Ganzen bin ich die Hilfsbereitschaft in Person, quasi das fleischgewordene Goldene Wienerherz.

Nun musste ich dem Bericht einer großen österreichischen Tageszeitung entnehmen,  dass mein geliebtes Wien laut einer aktuellen Umfrage knapp hinter Paris die zweitunfreundlichste Stadt der Welt ist. Fast 40% der Befragten bezeichneten die Wiener als unfreundlich gegenüber Besuchern aus dem Ausland, der Durchschnitt der anderen Städte läge bei 17%. Ich war in den Grundfesten meiner Fremdenfreundlichkeit erschüttert. Sind meine Landsleute tatsächlich solch unwirsche, grantige Zeitgenossen? Ich fasste den Entschluss, meine Heimatstadt in diesem unseligen Negativ-Ranking nach hinten zu pushen. Ich würde alles geben, damit wir bei dem Umfrage 2018 höchstens noch im Mittelfeld der unfreundlichsten Städte zu finden sind. Denn wer wenn nicht ich, der Touristenmagnet, könnte diesen Trend umkehren! Ohne meine Hilfe und professionelle Freundlichkeit würde Wien in wenigen Jahren in der touristischen Bedeutungslosigkeit versinken; Kaiserin Sisi und die Lipizzaner würden keine Touristen mehr hinter dem Ofen hervorlocken, wenn wir sie mit ablehnender Mieselsüchtelei vergraulen. Ich sah mich bereits, mit der Silbernen Ehrennadel des Österreichischen Tourismusverbandes ausgezeichnet, in den Abendnachrichten als Retter des Abendlandes gefällige Interviews geben.

Am Freitagmorgen war die erste Gelegenheit gekommen, die desaströse Umfrage Lüge zu strafen. Da meine brave Gemahlin unseren tomatenroten Spanier in die Werkstatt brachte, um ihn winterfest machen zu lassen, war ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Mit eingezogenen Schultern und aufgestelltem Kragen gegen den bitterkalten Wind huschte ich über den Vorplatz des Bahnhofes, um die Schnellbahn Richtung Fischkonservenfabrik rechtzeitig zu erreichen. Plötzlich bemerkte ich, wie auf zwei Uhr eine resolute Dame mit blonder Dauerwelle zielstrebig auf mich zusteuerte, ausgerechnet mich aus der wogenden Menschenmasse herauspickte und mich mit den Worten „Verzeihnse ma, welche Bahn fährt denn hier zum Krist Kindel Markt am Rathausplatz?“ ansprach. „Guten Tag, verehrte gnädige Frau, herzlich Willkommen in der schönen Wienerstadt!“ lächelte ich mein sympathisches Freitagmorgen-Lächeln, ergriff ihre wollbehandschuhte Hand und deutete einen Handkuss an. Erschrocken zuckte sie zurück. „Keine Angst Gnädigste!“ beruhigte ich die Fremde. „Ich gehöre zu den freundlichen Wienern. Möge sich Ihr Aufenthalt in unserer reizenden, kleinen Millionenstadt so angenehm wie möglich gestalten. Sie kommen aus Deutschland, wie ich ihrem entzückenden Dialekt entnehme? Ich vermute mal vom Niederrhein.“ „Kai-Uweeee!“ rief die verdutzte Touristin in das gesichtslose Menschenmeer, und kurz darauf  eilte ein untersetzter Glatzkopf herbei und baute sich neben der blonden Dauerwelle auf: „Watn los, Hedwich? Will dir der Kumpel da an die Wäsche?“ deutete er auf mich. „Nein, nein! Häschdäg Notme!“ parierte ich den Vorwurf elegant und zeitgemäß. „Ihre liebe Gattin frug nach der schnellsten Verbindung zum Christkindlmarkt am Rathausplatz. Und wir kamen ein wenig ins Plaudern. Mein Name ist übrigens Moser.“ Ich reichte dem Herrn vom Niederrhein die Hand, der sie wohl automatisch ergriff und so etwas wie „Krawutke“ murmelte. Der Wind pfiff uns eisig um die Ohren und sanft bugsierte ich das deutsche Ehepaar in das gleich neben dem Bahnhofseingang gelegene Cafe Moni. Im Halbdunkel blinkte ein Spielautomat und versprach Sofortgewinne, an der Bar saßen ein paar verlorene Seelen bei Rotwein und Cognac. „Das ist eines ihrer berühmten Wiener Kaffeehäuser?“ frug Hedwig erstaunt und betonte den Kaffee norddeutsch auf der ersten Silbe: KAFFe. Ich korrigierte bereitwillig ihre falsche Aussprache („Kaffeeeee“)  und bestellte bei der verschlafen wirkenden Kellnerin drei Melange. „Nun, hier handelt es sich eher um eine Bahnhofspelunke. Die namhaften Etablissements finden Sie in der Innenstadt, beispielsweise das Cafe Landtmann, gleich gegenüber vom Christkindlmarkt neben dem Burgtheater“, erläuterte ich hilfsbereit. „Was führt Sie in unsere schöne Stadt?“

Es entwickelte sich ein völkerverbindendes Gespräch, in dem ich sehr viel über Düsseldorf und den Dackel der Krawutkes erfuhr, und meinerseits über die Geschichte des Christkindlmarktes und die Vorzüge der fischlosen Fischkonserven referierte. Zum Abschied geleitete ich die deutschen Besucher noch zur U-Bahn, die sie sicher zum Rathaus bringen sollte. Ich herzte Kai-Uwe und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter, Hedwig drückte ich ein Küsschen auf die Dauerwelle, die daraufhin ein Tränchen zerdrückte. „Beehren Sie uns bald wieder!“ rief ich ihnen zu als sie die U-Bahn bestiegen, und winkte dem Zug hinterher, der langsam im Tunnel verschwand.

Als ich mit 90-minütiger Verspätung im Büro erschien, feixte Kollege Cerny: „Ah, der korrekte Herr Moser hat wohl verschlafen! Direktor Pfotenhauer hat schon nach Ihnen gefragt. Hähä.“ „Ich habe unsere schöne Stadt vor dem wirtschaftlichen Niedergang gerettet, Sie Schnösel“, gab ich stolz zurück. „Familie Krawutke aus Düsseldorf wird nächstes Jahr wiederkehren, und ich werde Wien vom Siegertreppchen der unfreundlichsten Städte stoßen!“ Kämpferisch reckte ich die Faust. Cerny nieste, schnäuzte sich und murmelte in sein Taschentuch: „Sie ham an Vogel!“ Ein typischer Wiener eben. Ich hoffe inständig, die Krawutkes treffen bei ihrem nächsten Wien-Besuch nicht auf Cerny.

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Schicksalsmelodie

Heute um 8:10 morgens, also in aller Herrgottsfrüh, standen drei junge Rumänen in unserem Wohnzimmer und zupften auf Heidis Uralt-Klampfe sentimentale Volksweisen aus ihrer Heimat. Der jüngste unter ihnen, der mit dem zerschlissenen himmelblauen Wollpullover, begleitete das schwermütige Gitarrenspiel mit rauem Bass (Mmmhhmmm Uuuaah Hmmmm), der dritte Rumäne tippte etwas in sein Smartphone. Als der Gitarrist zwischendurch immer wieder die Stirn runzelte, erläuterte Heidi freundlich: „Sie ist halt ein bisserl verstimmt. Ich hab sie schon mindestens zehn Jahre nicht mehr in der Hand gehabt. Wollen´S an Kaffee?“ Der Musikant hielt inne, klopfte ein wenig auf dem Corpus herum, schlug einen Akkord an und versuchte dann zum dritten Mal, das Ding zu stimmen. Zu dem jungen Kollegen nuschelte er etwas in rumänischem Dialekt, wie ich vermute. Dieser beherrschte als einziger ein paar Brocken Deutsch und übersetzte: „Sagt, Gitarr nix so gut. Hat Spring hinten und scheppat a bissl.“

Nun will ich den geduldigen Leser nicht länger auf die Folter spannen und die bizarre Situation aufklären. Nachdem Heidi vor wenigen Wochen in der Abstellkammer einen heftigen Kampf gegen Staubsauger-Würgeschlauch, Bügelbrett und Billard-Queue verloren hat, entrümpelte sie unseren praktischen Stauraum und bot das „ganze unnötige Klumpert“ (O-Ton Heidi) über diverse Verhökerplattformen zum Verkauf an. So nicht nur meinen alten Snooker-Queue, der seltsamerweise noch immer keinen Käufer gefunden hat, sondern auch ihre alte Konzertgitarre. Auf dem guten Stück hat sie in ihren pickeligen Teenagertagen all die As, Cs, Gs und Es in Moll und Dur gelernt, um ihre treuesten Freundinnen im Kinderzimmer mit den Hits von Smokie und Suzie Quattro zu erfreuen. Die Zeiten sind längst vorbei, und die Gitarre verstaubt seit Jahrzehnten zwischen meiner alten Reiseschreibmaschine und dem Winterdomizil von Hausspinne Günther. Auch auf willhaben.at und Shpock herrschte kein Interesse an Heidis lädiertem Saiteninstrument, obwohl der Preis mit 30,- Euro durchaus moderat war.  Bis heute früh.

Ich genoss meinen ersten Cappuccino und die Strahlen der aufgehenden Sonne, als Heidi auf die Terrasse stürmte und aufgeregt rief: „Die Rumänen kommen!“ „Ein Überfall?“ „Wegen der Gitarre! In einer halben Stunde.“ Und schon war meine liebe Gattin im Bad verschwunden, um ihr schwarzes Indianerhaar zu bändigen und etwas Rouge aufzulegen. Wie ich erfuhr, mussten die Rumänen heute früh um 10:00 zu einer Hochzeit nach Bukarest reisen, um für Brautpaar und Gäste aufzugeigen. Doch leider war ihnen von einem heimtückischen Polen die Gitarre gestohlen worden, und nun waren sie auf der Suche nach günstigem Ersatz. Leider war Heidis Gitarr nix so gut und hatte außerdem einen Spring. Wir wollten die Klampfe aber unbedingt loswerden, schließlich stand die Kundschaft schon in unserem Wohnzimmer. Heidi versuchte es mit einem aggressiven Schleuderpreis, Geiz ist immer noch geil: „Na gut, weil es eine Hochzeit ist, gebe ich Ihnen 50% Rabatt. Um 15,- Euro gehört sie Ihnen!“ „Na, scheppat a bissl“, schüttelte der junge Typ traurig den Kopf und bohrte mit dem Mittelfinger verlegen ein zweites Loch in den Ärmel seines Strickpullovers. Es war ihm sichtlich peinlich, unser sensationelles Angebot ablehnen zu müssen. „Ich lege noch drei Stück Marmorgugelhupf drauf, und einen Snooker-Queue!“ warf Adelheid ihr letztes Gebot in die Schlacht. Die drei Rumänen schnatterten aufgeregt in ihrer Muttersprache und traten den geordneten Rückzug an. „9 Euro 90!“ rief ich ihnen hinterher. „Und ein funktionierendes Dampfbügeleisen!“ Doch die Musikanten schienen es eilig zu haben, ihr Zug nach Bukarest ging um 10 Uhr.

Bei Einbruch der Dunkelheit brauten wir uns den ersten Glühwein des Jahres, dazu gab es flaumigen Marmorgugelhupf. Heidi schnappte sich ihre alte Gitarre, die seit dem Besuch der Rumänen traurig in der Ecke stand, und stimmte Needles and Pins von Smokie an. Als der letzte verstimmte Ton verklungen war, nahm ich einen tiefen Schluck und meinte: „Scheppat a bissl!“

Der anatomisch korrekte Verzehr eines Grillhuhns

Reinen Gewissens und ohne Übertreibung darf ich behaupten, dass mein geliebtes Heidilein zu den größten Fans des Moser-Blogs gehört. Sobald ein neuer Beitrag das Licht des Internets erblickt, und sich die treue Gattin in meine geschliffenen Formulierungen und ausgefuchsten Pointen vertieft, erschallt ihr glucksendes, ansteckendes Lachen im ganzen Reihenhaus. Nicht so gestern, als ich die geschätzte Leserschaft augenzwinkernd über Heidis Bacterio- und Bazillophobie beim Essen informierte. Keine Reaktion. Kein Lob, kein Tadel. Nur Schweigen.

Wir saßen beim abendlichen Grillhuhn mit Potatoe Wedges und Gurkensalat, und plauderten über die Nichtigkeiten des Alltags. Allerdings schien mir Heidi dabei ein wenig einsilbig, sie war kurz angebunden und ihre Antworten kamen mit diesem gewissen schnippischen Unterton, der normalerweise nichts Gutes verheißt. Während ich den säuberlich abgenagten Knochen des Flügels an den Tellerrand legte, keimte in mir der Verdacht, dass sie mein „Leberwurst des Todes“-Beitrag innerlich verletzt haben könnte. Mit chirurgischem Feingefühl trennte ich Ober- von Unterschenkel, und schnitt dabei auch das heikle Thema an: „Hast du meinen neuen Beitrag gelesen?“ „Hmmmm?“ Mit gespieltem Desinteresse sah mich das gekränkte Heidiweib an. „Mein Beitrag, du weißt schon. Über die Leberwurstbrötchen und deine Angst vor Bakterien.“ In ihren Augen blinkte ein Tränchen, als es empört aus ihr herausbrach: „Moser, wie konntest du nur??!! Du stellst mich öffentlich als hysterische, verschrobene Alte hin! Das geht nicht, ich dachte du liebst mich?!“ Ich platzierte den Unterschenkelknochen neben dem Hühnerflügel und nahm mir die Oberkeule vor. Die Haut war sensationell knusprig. „Ach Heidi“, versuchte ich mich kauend in Demut. „Das war doch überhaupt nicht böse oder beleidigend gemeint! Ich habe doch auch meine Macken in der Geschichte erwähnt. Jeder hat sein Kreuz zu tragen…“ „Außerdem stimmt es gar nicht, dass du auf der Couch schlafen musstest! Eine glatte Lüge!“ empörte sich Adelheid. „Nach dem Joghurt-Experiment schon“, konterte ich. „Und das zweite Mal habe ich aus dramaturgischen Gründen dazu erfunden. Das nennt man künstlerische Freiheit.“ „Aber nicht auf meine Kosten! Wie steh ich jetzt da?“ Heidi redete sich immer mehr in Rage. Das zarte Fleisch von Chicken Wing und Keule hatte in meinem Hühnerfriedhof seine letzte Ruhe gefunden, und ich widmete mich dem Bruststück. „Wie DU dastehst, liebe Heidi?“ rief ich unverständlich hustend, weil die Brust wie gewöhnlich ziemlich trocken und faserig war. „DU bist die Heldin nicht nur in dieser Geschichte – nein, im ganzen Blog! Die Leser lieben und verehren dich! Sie identifizieren sich mit dir, du bist neben dem Moser-Monster ein Mensch geblieben. Ehrlich, freundlich, verständnis- und liebevoll. Erst kürzlich sagte unsere Putzfrau Editha zu mir: Ich liebe Heidi!“ Dass wir in diesem Zusammenhang über Heidi Klum und Germanys next Top-Model gesprochen habe, verschwieg ich Frau Moser. Aus dramaturgischen Gründen, versteht sich. Doch Heidi blieb störrisch. Ihr Grillhendl war nahzu unberührt, lustlos stocherte sie im Gurkensalat. „Ich will, dass du den Leberwurst-Beitrag löscht“ meinte sie schließlich gefährlich ruhig. „Löschen??“ Klappernd fiel mir das Besteck aus der Hand. „Unmöglich. Das kann ich meinen Lesern nicht antun. In unserem Land gilt die Pressefreiheit. Noch. Ich mache keinen Rückzieher. Sei ein Mann und stehe zu deiner Bakterienangst!“ „Okay“, lenkte Adelheid ein. „Dann sei auch du ein Mann und kläre deine geliebte Leserschaft über deine Macken auf!“ „Was meinst du?“ „Zum Beispiel, dass du dein Grillhuhn immer in einer bestimmten Reihenfolge isst. Und dass dir ein Abweichen von dieser Routine Übelkeit verursacht, du Spinner!“

Erklärung

Seit es halbe Grillhendln gibt, verzehre ich diese stets in einer genau festgelegten Reihenfolge, weil es die einzig logische und richtige ist.

  • Das Flügerl, auch Chicken Wing genannt. Es hat nur wenig Fleisch und ist knusprig, ist daher ein idealer Appetizer. Der Flügel verleiht Flügel und macht Lust auf mehr.
  • Die Keule a) die Unterkeule: Ist der perfekte Übergang vom Flügerl zur saftigen Keule. Quasi das Missing Link. b) die Oberkeule: Alle Geschmacksknospen und Magensäfte sind nun auf den Höhepunkt eingestimmt. Der richtige Zeitpunkt für das zarte Fleisch der Oberkeule.
  • Die Brust Der gröbste Hunger ist nun gestillt, Zeit für das etwas trockenere Bruststück. Es soll das letzte verbliebene Hungergefühl stillen, bietet aber keinen besonderen kulinarischen Hochgenuss mehr.

Ich kann diese Reihenfolge allen hungrigen Hühnerliebhabern uneingeschränkt empfehlen. Am besten natürlich BIO!

Liebste Heidi! War das in deinem Sinne, bist du wieder gut? Darf ich heute Nacht wieder in unserem Bettchen schlafen? In Liebe, Dein schrulliger Moser.

Leberwurst des Todes

Als Teilnehmer des Moser´schen Reihenhaus- und Fischkonservenfabriklebens wissen Sie eventuell, dass Ihr geschätzter Abteilungsleiter mit einer Reihe von Phobien zu kämpfen hat. Dazu gehören die Angst vor Vögeln (insbesondere Tauben), die Flugangst, Höhenangst, die Klaustrophobie, die Phobophobie (die Angst vor der Angst), und die Angst vor Injektionen, um nur die wichtigsten zu nennen. Alle anderen Ängste sind nur latent vorhanden bzw. nicht extrem ausgeprägt (Maulwürfe, ungewolltes Urinieren, Clowns, hohe Geschwindigkeit etc.) oder wissenschaftlich nicht belegt. Meine liebende Gattin Adelheid hat im Lauf der Jahrzehnte gelernt, mit diesen kleinen Handicaps umzugehen. Denn auch wenn sie es nie zugeben würde, ist sie selbst mit einer nicht unerheblichen Angst gestraft: der Bacterio- und Bazillophobie, also der Angst vor Bakterien, Bazillen und Mikroben.

Sie müssen sich das folgendermaßen vorstellen: Sobald ein Lebensmittel auch nur in die Nähe des aufgedruckten Mindesthaltbarkeitsdatums kommt, rümpft Heidi bereits die Nase. Offene oder bereits angebrochene Köstlichkeiten stehen bei ihr unter Generalverdacht der Ungenießbarkeit, überall wittert Heidi einen heimtückischen Angriff von Killerbakterien. Öffne ich freitags eine Packung Pfirsicheistee, und stelle sie gut verschlossen wieder zurück in den Kühlschrank, lugt sie samstags bereits argwöhnisch mit der Taschenlampe hinein, ob sich über Nacht nicht ein Schimmelteppich gebildet hat. Wurst, Käse, Marmelade und Brot haben bei Bacteriophobikerin Heidi grundsätzlich keine lange Lebensdauer, sobald sie geöffnet oder angeschnitten sind.

In Dutzenden wissenschaftlich fundierten Vorträgen habe ich bereits versucht, ihr die Unsinnigkeit ihres Ticks klarzumachen, und gegen die Verschwendung gewettert: „Butterkäse ist per se nicht böse und verwandelt sich über Nacht auch nicht in ein pelziges, verdorbenes Schimmelpilzmonster! Die Lebensmittelkonzerne sind böse, weil sie das Mindesthaltbarkeitsdatum viel zu früh ansetzen, um leichtgläubige Menschen wie dich in Angst und Schrecken zu versetzen und zum Kauf neuer Produkte zu bewegen. Alles nur Geschäftemacherei! Vertraue deinem Geschmacks- und Geruchssinn!“ Doch wer glaubt schon einem ängstlichen Abteilungsleiter, der im Glashaus sitzt und mit Tauben und Maulwürfen wirft. Heidi nicht.

Ich habe es auch schon mit einer Konfrontationstherapie versucht: Im Sommer versteckte ich im Kühlschrank hinter einem großen Gurkenglas ein Vanille-Joghurt, und zwar zwei Wochen über das aufgedruckte Haltbarkeitsdatum hinaus. An einem heißen Nachmittag richtete ich meiner arglosen Frau ein Schälchen Heidelbeeren, und übergoss es mit dem abgelaufenen Joghurt (natürlich habe ich es zuvor auf seine Unbedenklichkeit überprüft, davon genascht und es für einwandfrei befunden). „Seit wann haben wir Vanille-Joghurt im Kühlschrank?“ frug Heidi misstrauisch und schnupperte am Schälchen. „Hab ich vorhin gekauft. Ich wollte dir mit einer kühlen, gesunden Erfrischung eine Freude bereiten“, log ich ungeniert und sie machte sich freudig über die Beeren her. Es kam keine Reklamation, und ich ließ ein paar Stunden verstreichen ehe ich ihr gestand: „Das war ein kleines Experiment, um dir zu beweisen, dass abgelaufene Lebensmittel nicht automatisch giftig und ungenießbar sind. Das Joghurt ist vor zwei Wochen abgelaufen.“ Schlagartig wurde Heidi von heftigem, psychosomatischem Bauchgrummeln überfallen und sie verbannte mich in dieser Nacht auf die Wohnzimmercouch.

Gestern Abend sahen wir im Fernsehen Ausnahmekönnern der Kochkunst beim großen Wettbewerb „The Taste“ zu. Die begnadeten Damen und Herren zauberten so grandiose Gerichte auf die Löffel, dass sich unser Appetit direkt proportional zur Dauer der Sendung steigerte. In einer der zahlreichen Werbepausen eilte ich in die Küche, um Heidi mit kleinen Häppchen zu überraschen. Ich schnitt luftig-knuspriges Weißbrot und bestrich die Scheiben mit Leberpastete, welche ich ganz frisch aus ihrer luftdichten Verschweißung geholt hatte. Ablaufdatum: 18. 12. 2017. Stolz reichte ich Heidi den mit Rosmarin verziertenTeller mit den Broten und wünschte guten Appetit. „Ist die noch gut? Von wann ist die?“ frug mein Weib und meinte die Leberwurst. „Nein!“ rief ich. „Ich habe sie schon vor zwei Minuten (!!) geöffnet, jetzt ist sie total verdorben und ungenießbar! Auf dem Weg von der Küche ins Wohnzimmer wurde die Leberpastete von winzigen, unsichtbaren Todesbakterien und Schimmelsporen attackiert. Das ist ein heimtückischer Anschlag auf dein Leben!“ Zur Bekräftigung nahm ich einen riesigen Bissen vom nächstliegenden Brot und mampfte dämonisch lachend.

Adelheid fand das allerdings nicht lustig. Als ich heute Morgen auf der Couch wach wurde, musste ich mir mein Frühstück selbst richten. Heidi rumorte oben im Bad. Ich schaltete die Kaffeemaschine ein, und schob eine Aufbacksemmel in den Ofen. Ich hatte Lust auf Leberpastete und öffnete den Eiskasten (in der deutschen Synchronfassung dieses erschütternden Berichts würde an dieser Stelle Kühlschrank stehen). Der gestern geöffnete Brotaufstrich lag in einer doppelten Schicht Alufolie verpackt in einem kleinen Tupperware-Döschen. Darauf prangte ein Aufkleber mit der roten Aufschrift: Zu verbrauchen bis spätestens 10. November 2017!!!

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass meine Konfrontationstherapie mit dem Joghurt nicht viel gebracht hat.

Der Rohrzauberer

Stolz darf ich Ihnen berichten, dass unser schmuckes Reihenhaus von Kopf bis Fuß, also vom Dach bis zum Keller, ein durch und durch gesundes Kerlchen ist. Da gibt es keine Macken, kein knirschendes Gebälk, keine verzogenen Fußböden oder undichten Fenster – sogar der böse Sturm „Herwart“ letzte Woche konnte ihm nichts anhaben. Lediglich ein kleiner Ausschlag im Küchenbereich, also etwas Schimmel an der Wand, musste Anfang des Jahres  professionell behandelt werden. Die traumatischen Erlebnisse mit den Handwerkern können Sie hier nachlesen. Aber seither herrschte Ruhe im Karton, bis zu jenem Dienstag Ende Oktober.

Schon am Vorabend war mir beim Zähneputzen aufgefallen, dass unser Waschbecken das Mundspülwasser nur widerwillig und zögerlich schluckte. Dramatisch wurde es aber erst, als tags darauf das abgepumpte Abwasser der Waschmaschine nicht mehr ablief, schwallartig immer wieder hochkam und schließlich für eine mittlere Überschwemmung des Badezimmers sorgte. In den Gedärmen unseres Reihenhäuschens herrschte ganz offensichtlich Verstopfung. Während Heidi mit Wischmopp und Tüchern das Bad trockenlegte, stülpte ich mir Einweghandschuhe und Mundschutz über, plünderte die HAUS-Apotheke und rückte mit Gummipömpel „Hector“, einer Drahtbürste, einer leeren Plastikflasche, der chemischen Keule „Rorax“, einer Rohrzange, einer Flasche Essig, 3 Tütchen Backpulver, Natron, zwei Zitronen, einer Handvoll Mentos und Cola Zero an. „Das haben wir gleich, keine Angst mein Junge!“ beruhigte Notfallsanitäter Moser den Patienten und machte sich an die Arbeit, die getan werden musste.

Nachdem ich eine gute Stunde mit allen zur Verfügung stehenden (Haus)mitteln gegen die Verstopfung im Verdauungssystem unseres Häuschens gekämpft hatte, war das Ergebnis nur ein müdes Röcheln und Gurgeln im Waschbecken. Ich nahm meine rote Super-Mario-Mütze ab, wischte mir den Schweiß von der Stirn und übermittelte Heidi die traurige Nachricht: „Da muss ein Profi ran! Ein Internist, ein Universitätsprofessor der Rohrologie, ein Verstopfungskapazunder ersten Ranges.“ Wir zogen Alleswisser Google zu Rate, fütterten ihn mit „Rohr verstopft“ „Abflussreinigung“ „Installateur Notdienste Wien“ und wurden in 0,63 Sekunden mit 282.000 Ergebnissen überfordert. Die ersten 20 Top-Ergebnisse unterzogen wir einer näheren Prüfung, verglichen Preise und Leistung, Anfahrtswege und Kundenbewertungen. Schließlich entschieden wir uns für den Notdienst mit dem wunderschönen, vielversprechenden Namen ROHR ZAUBER.

Der geübte Leser von Herrn Mosers skurrilen Alltagsgeschichten wird nun womöglich einen Bericht erwarten, der die Zunft der Klempner in schiefem Licht erscheinen lässt: Handwerker, die nicht nur drei Stunden, sondern drei Tage zu spät kommen; er wird von rüpelhaften Blaumännern erzählen, die das Haus unter Wasser setzen, mehr Schaden als Nutzen anrichten und dafür eine Summe in Rechnung stellen, für die man auch ein paar Tage an der italienischen Adria urlauben könnte. Am Ende würde Herr Moser in den rauchenden Trümmern seines Reihenhäuschens sitzen und weinend die Stunde verfluchen, in der er den Notdienst rief. Ich muss euch, liebe schadenfrohe Leute, gründlich enttäuschen. Denn es kam alles ganz anders.

Wortreich und in blumigen Bildern schilderte ich der freundlichen Dame am Rohrzauber-Telefon die üblen Verdauungs- und Vestopfungsprobleme unseres tapferen und treuen Reihenhauses. „Helfen Sie ihm! Bitte! Es ist dringend!!“ bettelte ich mit Nachdruck. „Wie ist die Adresse?“ frug das immer noch freundliche Fräulein. Ich buchstabierte ihr die Anschrift und blätterte im Kalender vorsorglich zum Dezember, um den Termin einzutragen. „Gut Herr Moser“, meldete sich die Rohrzauberin kurz darauf, „Wir könnten in einer Stunde bei Ihnen sein. Ist Ihnen das recht?“ Ich war verzückt, ja regelrecht verzaubert. Und gestoppte 61 Minuten später klingelte es tatsächlich an der Tür. Ein Hüne mit Bürstenhaarschnitt und orangem Overall, auf dem das pfiffige Rohr Zauber-Logo prangte, meldete sich lächelnd und mit ausgeprägtem ungarischen Akzent zur Stelle. Mit dabei hatte er jede Menge gefährlich aussehender Maschinen, Apparaturen, Schläuche, biegsame Stahlfedern und eine dicke schwarze Werkzeugtasche. Ich geleitete den Zauberer ins Badezimmer im ersten Stock, schilderte ihm nochmals meine laienhafte Diagnose und legte das Schicksal unseres Waschbeckens vertrauensvoll in seine Hände. Ich darf Ihnen verraten, dass es sich um einen Meister seines Fachs handelte. Bewundernd sah ich ihm zu, wie er mit wenigen Handgriffen den Siphon demontierte und zunächst das kranke Gedärm mittels Schlauch-Videokamera endoskopierte. Es war kein schöner Anblick und ich wandte mich mit Grauen ab. „Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?“ bot ich dem Profi an, doch der schüttelte nur den Bürstenschnitt und murmelte in ärgerlichem Ton etwas auf Ungarisch. „Oder lieber Tee, Wasser, Holunderblütensaft? Etwas zu knabbern?“ Wieder erntete ich nur Kopfschütteln und ein paar besorgte, ungarische Brocken. „Alles okay? Wird das wieder? Oder Krebs? Unheilbar?“ Ich war nervös. Der orange Hüne kniete auf allen vieren, sah zu mir hoch und sagte: „Brauche ich Hochdruckreiniger. Hole ich von Auto. Gleich wieder da.“ Zehn Minuten später schleppte er einen Mords-Oschi in den ersten Stock und setzte sein Werk fort. Nach einer knappen halben Stunde war das Waschbecken wieder montiert, der Boden aufgewischt und desinfisziert, und das Wasser rauschte durch den Abfluss wie die Niagarafälle. Ich war fasziniert und begeistert, doch nun stand die alles entscheidende Frage im Raum: Würde uns der flotte und kompetente Einsatz des Rohrzauberers an den Rand des finanziellen Ruins bringen, unsere Zweitwagen-Pläne zerstören? Während der Meister stoisch wie ein oranger Baum seinen Arbeitsbericht ausfüllte, frug ich vorsichtig: „Und wie viel wird Reparatur ausmachen? Kann ich mit Visa zahlen? Gibt es einen Abteilungsleiter-Rabatt?“ „Haben Sie Hausverwaltung hier in Siedlung?“ antwortete der Handwerker. „Ja, natürlich. Warum?“ „Schreiben hier Name Hausverwaltung und Adresse, wir verrechnen direkt. Haben Versicherung, Sie nix zahlen. Gut?“ Er lächelte und legte links oben einen goldenen Zahn frei. „Waaas? Sie meinen, das kostet uns nichts?“ jubilierte ich. „Igen. Hausverwaltung. Versicherung zahlt. Sie nix. Gut?“ „Sogar sehr gut!“ Ich drückte dem Rohrzauberer ein dickes Trinkgeld in die Hand, küsste ihn auf die stoppelige Wange und flüsterte: „Ich danke Ihnen. Sie sind ein Held und ich mache Sie berühmt! Ich habe nämlich einen Blog und werde dort über Ihre Zauberkünste schreiben. Kostenlose Werbung, Sie werden sich vor Aufträgen nicht retten können!“ „Nix schreiben auf Block, bitte hier unterschreiben“, hielt mir mein Held sein Formular hin. Ich gab ihm das gewünschte Autogramm, geleitete ihn zur Tür und wünschte ihm noch ein langes Leben.

Abteilungsleiter Moser empfiehlt: „Sollten Sie ein Abflussproblem haben und in Wien, St. Pölten, Graz oder Linz wohnen – wenden Sie sich getrost an die Rohrzauberer! Pünktlich, flott und kompetent!“ (Unentgeltliche Werbeeinschaltung).

Sumsi, Luther & Golfkrieg

Sieht man von den Namenstagen von Angelo und Dieter ab, gab es am gestrigen 30. Oktober nahezu nichts zu feiern. Es war ein ereignisloser, nichtssagender Tag. Heute hingegen sieht die Sache ganz anders aus, denn am 31. Oktober kann man sich gar nicht entscheiden, was man zuerst feiern soll. Es ist der Freudentag für alle Sparer, Grusel-Fans und Freunde der kirchlichen Reformation durch Martin Luther. Auch die glühenden Verehrer von Carlo Pedersoli dürfen heute getrost ein Pfännchen Bohnen mit Speck im Gedenken an ihr Prügelknaben-Idol Bud Spencer verdrücken, der vor 88 Jahren in Neapel das Licht der Welt erblickte und sie im letzten Sommer wieder verließ.

Bleiben wir zunächst beim Weltspartag, an den ich persönlich keine guten Erinnerungen habe. Als 7-jähriger Knirps trug ich mein mit sauer ersparten 68,- Schilling gefüttertes Sparschwein zur Bank, wo mir ein blasser Beamtenjüngling mit fettigem Scheitel als Dank für meine volkswirtschaftlichen Bemühungen einen Taschenkalender oder einen Schlüsselanhänger mit Sumsi-Biene aushändigen wollte. Das erschien selbst mir unbedarftem Jüngling ein schlechter Tausch, ich lehnte ab und deckte mich im Bonbongeschäft „Zum süßen Eck“ von meinem Ersparten mit kiloweise Naschwerk ein, dazu leistete ich mir ein paar Micky Maus- und Fix&Foxi-Hefte. Sumsi-Schlüsselanhänger, paah! Nicht mit mir. Nach diesem einschneidenden Erlebnis erwog ich kurz eine Karriere als Bankräuber, erkannte aber beizeiten, dass es einträglicher wäre, eine Bank zu gründen anstatt sie auszurauben. Wie Sie wissen, verschlug mich das Schicksal dann aber in die Fischkonservenbranche, wo ich mein Geld auf ehrliche Weise verdiene.

Als bekennender Agnostiker habe ich auch mit dem Reformationstag nichts am Hut. Während Deutschland seinem Volk heute pauschal freigegeben hat, weil der brave Mönch Luther vor exakt 500 Jahren seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, interessiert dieser Umstand im katholischen Österreich so gut wie niemand. Trotzdem kommt der Kabelfernseher nicht an diesem Gedenktag vorbei, denn jeder deutsche Sender mit kulturellem Auftrag spielt dieser Tage Filme und Dokumentationen über den Reformator rauf und runter. Ich weiß inzwischen mehr über das Leben und Wirken von Martin Luther als über jenes meiner geschätzten Schwiegermama Inge.

Bleibt noch das ursprünglich keltische Fest Halloween (all hallows eve – der Abend vor Allerheiligen), das Anfang der 90er Jahre aus den USA über den großen Teich zu uns rüberschwappte. „Wusstest du eigentlich“, frug ich Heidi beim Frühstückskaffee „dass der Golfkrieg daran schuld ist, wenn heute Abend wieder Dutzende Frankensteinkinder, Hexen und Gespenster an unserer Tür läuten und um Süßigkeiten betteln?“ Heidi spülte ihren Ribiselmarmeladentoast mit einem Schluck Kaffee runter und schüttelte verneinend ihr Haupt. Sogleich schaltete ich in den Klugscheißermodus und erläuterte: „Amerikas Präsident Bush senior schickte 1990/91 kriegerische Truppen in den Irak und zettelte einen Krieg an. Den Golfkrieg. Aus Pietätsgründen wurden damals in den meisten deutschen Städten die Karnevalsumzüge abgesagt, und die Kostümfirmen blieben auf ihrer Ware sitzen. Sie suchten nach Ersatz, um ihre Pappmasken und Dracula-Umhänge doch noch loszuwerden – und machten dank geschickter Medienarbeit Halloween populär. Die Süßwarenindustrie schloss sich dankbar an und heute hat sich aus dem Lückenbüßer ein veritables Geschäft mit über 150 Millionen Euro Umsatz jährlich entwickelt.“ Nachdem ich mit meinem Background-Wissen die unglaublichen Zusammenhänge zwischen Golfkrieg und Halloween aufgedeckt hatte,  erwartete ich lobende Worte aus dem marmeladeverschmierten Mund meiner Liebsten. Stattdessen erinnerte sich mich daran, abends aus dem Supermarkt noch einen Sack Süßigkeiten für die Reihenhauskinder der Nachbarschaft mitzubringen.

Auf dem Weg ins Büro blieb ich noch kurz bei unserer Bank stehen und zahlte 50,- Euro auf unser nahezu unverzinstes Sparbuch ein. Ich war bloß neugierig, mit welchen Geschenken die Banken ihre Kunden 2017 locken. Eine freundliche Frau Hofstätter bedankte sich für meine Einzahlung und fragte mich, ob ich einen USB-Stick oder einen Tischkalender für 2018 möchte. „Weder noch“, entgegnete ich. „Haben Sie keinen Sumsi-Schlüsselanhänger?“

Vom Winde verweht

Möglicherweise ist es dem einen oder anderen unter Ihnen schon aufgefallen, aber draußen ist es heute ziemlich windig. Die werten Damen und Herren Nachrichtenvorleser im Radio sprechen gar von Sturm und von Orkanstärke. Es wird über Stromausfälle und tapfere Feuerwehrleute berichtet, die zu hunderten Einsätzen ausrücken müssen, um gestürzte Bäume von den Straßen zu räumen und schwankende Baukräne zu bändigen. Es herrscht kein 3-Wetter-Taft-Wetter und die Bevölkerung, also wir, wird eindringlich aufgefordert, ihre schützenden Häuser und Wohnungen nur im äußersten Notfall zu verlassen. Auch Familie Moser ist von der verheerenden Sturmkatastrophe betroffen, denn unser kleines Plastik-Erdmännchen Toni, das seit dem Frühjahr brav und unbestechlich über unser entzückendes Reihenhausgärtchen wacht, kam unter dem gelben Weinlaub ins Wanken und wurde vom rauen Herbstwind schließlich umgenietet.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Mir kam das Stürmchen an diesem Sonntag gar nicht ungelegen. Ich hatte mich vor ein paar Tagen von Heidi nämlich für heute zum Kürbisschnitzen irgendwo auf einer Himmelswiese mit Lebensbaumkreis überreden lassen. Ein mystischer, magischer Ort, wo man gegen einen kleinen Obulus einen orangen „Plutzer“, wie der Kürbis im Österreichischen genannt wird, und Schnitzwerkzeuge erhält und sich dann mit Gleichgesinnten tiefe Wunden an den Fingern beibringt. Ich hatte diesem Event nur zugestimmt, um Heidi eine Freude zu machen und zu beweisen, dass ich nicht ständig nur auf der Couch hocke. In Wahrheit hatte ich absolut keinen Bock auf kreatives Schnitzen mit alternativen Müttern in selbstgestrickten Pullovern und ihren antiautoritär erzogenen Schreihälsen. „Die staatliche Sturmwarnbehörde hat ein Ausgehverbot verhängt, also wird das heute mit dem Kürbisschnitzen am Lebensbaumkreis wohl nichts“ gab ich Heidi mit tief bekümmerter Miene zu verstehen. „Das wäre bei dieser Witterung auch reiner Selbstmord, zudem herrscht Vermummungsverbot und unsere zarten Näschen wären in Sekundenschnelle vereist. Es droht ein weiterer schwerer grippaler Infekt, wochenlange Bettlägrigkeit, Tuberkulose, schließlich Krankenhaus, Intensivstation, Verlust des Arbeitsplatzes, Obdachlosigkeit, Tod. Von der Verletzungsgefahr bei klammen Fingern ganz zu schweigen. Ich plädiere dafür, den Anweisungen der Wetterpropheten Folge zu leisten und den Schutzbunker aufzusuchen.“  „Du musst dich nicht so anstrengen, mir das Kürbisschnitzen auszureden, Moser“, antwortete Heidi lächelnd. „Bei diesem Sturm bleibe ich auch lieber zu Hause. Im Übrigen haben wir gar keinen Schutzbunker.“ „Sehr richtig, dann schauen wir nach dem Tafelspitz Hans-Moser-Filme und essen Zwetschkenkuchen.“

Zu den Klängen der Feuerwehrsirenen und Deep Purples Stormbringer spielten wir vor dem Mittagessen noch eine Runde „Trivial Pursuit“, während das Rindfleisch in der Gemüsesuppe gemächlich vor sich hin siedete. Aufgrund meiner überdurchschnittlich hohen Allgemeinbildung und meines an Genialität grenzenden IQ bin ich in diesem Wissenspiel nahezu unschlagbar. Daher bot ich Heidi übermütig eine kleine Wette an: Der Verlierer muss im Alleingang die Sturmschäden im Garten beseitigen. Sie schlug ein. Kurz vor Ende des Spiels  lagen wir gleichauf, mir fehlte nur noch das Steinchen für Kunst & Literatur. Quasi mein Spezialgebiet. Heidi stellte die alles entscheidende Frage: „Welches Gedicht beginnt mit den Worten Wer reitet so spät durch Nach und Wind…?“ Siegessicher und wie aus der Pistole geschossen antwortete ich: „Es ist der Vater mit seinem Kind. Der Schimmelreiter von Theodor Storm! Danke und viel Spaß bei der Renovierung des Gartens!“

Heidis Lachkrampf liegt mir noch immer unangenehm im Ohr. Unter Tränen röhrte sie: „Uuuaahhhaaha! Der Eeeeerlkönig! Verlooooren!“ Ich versuchte mich auf die Musik von Stormbringer auszureden, die mir den falschen Floh von Theodor Storm ins Ohr gesetzt hatte. Vergeblich.

Der Tafelspitz mit Schnittlauchsauce und Apfelkren lag noch wohlig warm im Magen, als der Sturm abflaute und die Sonne durchkam. „Oh schau mal! Wir können doch noch auf die Himmelswiese zum Kürbisschnitzen fahren“, freute sich meine Gemahlin. Zu Heidis Gunsten nahm ich an, dass es sich dabei um einen üblen Scherz handelte.

Zapfsäulen-Bingo

Da ich es dummerweise verabsäumt hatte, mir für den heutigen „Fenstertag“ frei zu nehmen (gestern war Österreichischer Nationalfeiertag und damit arbeitsfrei), düste ich wie an jedem anderen gewöhnlichen Freitag um 8:00 über die Stadtautobahn Richtung Fischkonservenfabrik und fluchte. Über das regengraue Herbstwetter, über zu viel Verkehr, über diesen verflixten Arbeitstag, der mir ein extralanges Wochenende versaute. Vor mir fuhr ein kaffeebrauner Skoda der Fahrschule Wolfgang, der mit dem Heckscheiben-Aufkleber 1. Gang… 2. Gang… Wolfgang! meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Während ich darüber nachdachte, ob diese Werbebotschaft einfach nur dumm oder doch wahnsinnig originell ist, legte Wolfgang bei 90 km/h plötzlich eine unvorhersehbare Notbremsung hin, sodass ich nur unter Aufbietung all meiner akrobatischen Fahrkünste einen Auffahrunfall verhindern konnte. Dabei würgte ich unseren tomatenroten Spanier ab, der braune Skoda rollte gemütlich weiter als ob nichts geschehen wäre und schaltete vom zweiten Gang in den Wolfgang. „Du Arschloch!!!“ begleitete ich mein Hup- und Blinkkonzert wild gestikulierend. Beim Neustart des Wagens fiel mein Blick auf das Armaturenbrett mit seinen zahlreichen Anzeigen. Da blinkte in schönster Digitalschrift das Wörtchen OELWECHSEL und dazu ein Symbol, das ich – obwohl kein Kfz-Mechaniker – als Schraubenschlüssel identifizierte. Außerdem glühte das rote Lämpchen der Tankanzeige dunkelrot. Reserve! Verdammt viel Information für den frühen Morgen eines Fenstertages. Der Ölwechsel musste warten, die Betankung des durstigen Spaniers hatte Vorrang und 500 Meter weiter setzte ich den rechten Blinker zur Ausfahrt einer Tankstelle.

Ehe ich meinen kleinen Erlebnisbericht fortsetze müssen Sie wissen, dass Herr Moser ein Freund, wenn nicht gar Fan der runden, glatten Zahlen ist. Preise wie € 14,99 oder 39,95 sind mir ein Gräuel, da sie nicht nur mein Auge beleidigen, sondern mit übelster, durchschaubarer Taschenspielerpsychologie mein Kaufverhalten beeinflussen wollen. Auch an der Supermarktkassa runde ich wirre Zahlenabfolgen wie 29,87 stets elegant auf beispielsweise 30,- € auf. Das dient der Übersichtlichkeit und macht sich auf dem Kontoauszug wesentlich besser. Es wird Sie also nicht verwundern, wenn ich bei der Betankung unseres Flitzers um runde Summen bemüht bin. Mit der festen Absicht, heute um exakt 50,- Euro zu tanken, hielt ich also den Benzinrüssel in den Tank und ließ es zunächst laufen. Als die Digitalanzeige bei 49,00 angekommen war, übernahm ich manuell das Kommando und pumpte den Treibstoff nur noch stoßweise und mit kurzem Händedruck ins rote Heck. 49,30. 49,50. 49,70. 49,80. Würde es mir diesmal gelingen? 49,90. Ich zitterte. Noch ein kurzer Druck. 50,02. Es war eindeutig nicht mein Tag.

Gottseidank hatte der angegliederte Shop der Tankstelle kleine Schokoriegel um 1,98 im Angebot, sodass ich die Rechnungssumme auf glatte 52,- Euro hinbiegen konnte. Manchmal sind diese krummen Locksummen doch für etwas gut.

Ode an den Kürbis

Obwohl ich das geladene Smartphone in der Linken hielt, startete ich heute früh nicht die Wetter-App, um mich über die herrschende Wetterlage zu informieren, sondern blickte ganz altmodisch aus dem Fenster. Und das war gut so, denn unser kleiner Garten bot ein herbstliches Schauspiel wie aus dem Bilderbuch. Über die Hänge der Weinberge wogten bauschige Nebelschwaden, und die Blätter der kleinen Laubhügel, die ich gestern mühsam aufgetürmt hatte, tanzten wild im böigen Wind. Rot, braun, gelb, orange und hellgrün. Der feine Sprühregen verlieh der Szenerie noch zusätzlich einen kitschig-aquarelligen Touch. Plötzlich tauchten vor meinem geistigen Auge die Zeichnungen aus dem Lesebuch meiner Volksschulzeit auf: Ein Mädchen mit blonden Zöpfen und ein Bub mit vom Wind zersausten Haaren ließen einen bunten Drachen steigen. Ja, damals verließen die Kinder tatsächlich noch das Haus und ließen kleine, oft selbstgebastelte Papierdrachen in die Lüfte steigen. Die Kinder in meinem Lesebuch hatten rote Pausbacken und schienen überaus glücklich, ganz ohne Drohnen und Handy. Ich seufzte wehmütig und ließ meinen Blick in den nachbarlichen Garten schweifen, wo unser selbsternannter Siedlungswächter Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm in der letzten Nacht wohl sehr einsam gewesen war, denn zwischen Liguster und Farnen thronten nun zwei orange Kürbisse, in die er dem nahenden Halloween angemessen zwei schauerliche Fratzen geschnitzt hatte.

Angetörnt von so viel Herbstklischee verfiel ich in melancholisch-lyrische Stimmung, die sofort und auf der Stelle in wortgewaltige, beeindruckende Poesie verwandelt werden wollte. Nun weiß der geübte Leser der Moser´schen Beiträge, dass Reime und Gedichte nicht mein angestammtes Metier sind. Das können einige andere BloggerInnen wahrlich besser, aber das war mir in dieser Sekunde wurscht. Der Herbst rauschte durch jede Faser meines Abteilungsleiterkörpers und ich fühlte dichterische Power durch meine Adern jagen, als wäre ich der alte Herr Geheimrat Johann Wolfgang persönlich.  Sogleich schnappte ich meinen Laptop, funktionierte die Fernsehcouch zur Dichtercouch um und versank in die Welt der Lyrik.

„Moser, in zwei Stunden kommt Caro zum Essen und du hast versprochen, deine berühmte Kürbiscremesuppe zu kochen! Da steht noch nix am Herd, also löse dich vom Computer und beginne dein Hexenwerk“, säuselte meine fleißige Gemahlin, als sie staubwedelnd durch das Wohnzimmer schwebte. Seit mir vor vielen Dekaden mal zufällig eine halbwegs passable Kürbissuppe gelungen ist, bin ich in unserem Haushalt der amtliche, offizielle Kürbissuppenzubereiter. Im Vorjahr habe ich sogar mal ein Süppchen absichtlich versalzen, um diesen lästigen Job loszuwerden, aber Heidi meinte bloß: „Wie liiiieb, mein Schatz ist noch immer verliebt in mich!“ und hielt an der Tradition fest. „Ach Heidi“, jammerte ich. „Das passt jetzt aber gar nicht. Die Muse hat mich geküsst und ich arbeite an einem lyrischen Herbstepos, das noch heute seinen Weg in den Blog finden soll! Ich befinde mich in einem kreativen Taumel, ich stehe kurz vor dem Durchbruch…“ Heidi setzte die kleine Gießkanne ab, mit der sie eben unserem kleinen Zimmerefeu Kraft und Leben geschenkt hatte, trat zu mir an den Computer und las laut vor:

Ode an den Kürbis

Auf dem ganzen Globus wohl bekannt

ist das Geschenk des Sommers an den Herbst,

wohlschmeckender Kürbis genannt.

Deine Kerne frisch geröstet,

haben mich in mieser Laune oft getröstet.

Dein kalt gepresstes Öl, das schwarze Gold,

war meinem Gaumen oft schon hold.

Ob im fernen Hokkaido

oder in der grünen Steierma

 

Heidi legte die Stirn in Falten und blickte mich scharf an: „Der Kürbis liegt dir in der Praxis eindeutig mehr als in der Theorie. Ab in die Küche!“

Meine Kürbiscremesuppe mit gerösteten Knoblauch-Schwarzbrotcroutons und ein paar Tröpfchen Kernöl hat unserer Gästin Caro so gut geschmeckt, dass sie heißhungrig einen zweiten Teller nachlegte. Meine Ode an den Kürbis kommt gekocht scheinbar doch besser an als geschrieben.

Qual der Wahl

Die richtungsentscheidende Nationalratswahl und deren Ausgang war am Montag natürlich auch im Büro unserer beschaulichen Fischkonservenfabrik ein heiß diskutiertes Thema. Während ich aufgrund meiner sozialen und menschenfreundlichen Gesinnung mit der gewählten rechtskonservativen Richtung gar keine Freude hatte, feierte mein Kollege Dr. Cerny das Ergebnis wie einen persönlichen Sieg: „Kurz wird der Zuwanderung in unser Sozialsystem endlich einen Riegel vorschieben! Weg mit diesen ganzen Negern, Kameltreibern und Terroristen, die sich an unseren Sozialtöpfen vollfressen ohne etwas geleistet zu haben! Wir brauchen hier keinen Islam, keine Moscheen und Hammelfresser!“ plapperte er die Hass-Parolen des türkisen Jünglings und seines braunen Kollegen HC nach. Ich wandte mich kopfschüttelnd und mit Grauen ab. All meine Gegenargumente verhallten ungehört – Gehirne, die von rechten, hetzenden Boulevardmedien im Vollwaschgang durch die Mangel gedreht wurden, sind der Vernunft nicht zugänglich. Nachdem ich über eine Stunde mit Cerny  gestritten und wütend debattiert hatte, gelangte ich zur Einsicht, dass eine solche Diskussion Null bringt. Keiner würde von seinem Standpunkt auch nur einen Millimeter abweichen. Also wechselte ich das Thema.

„Herr Cerny, was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Erfindung der Menschheit?“ Die ohnehin schon enorm vergrößerten Augen des Wirtschaftsdoktors wurden hinter den zentimeterdicken Brillengläsern noch größer. Eben hatte er sich so schön in politische Rage geredet, und nun kam ich mit Erfindungen? „Ist das eine Fangfrage?“ witterte Cerny eine Falle. „Nein, ganz und gar nicht. Welche Erfindung halten Sie für die bedeutsamste in der Menschheitsgeschichte? Einfache Frage, einfache Antwort.“ Der Kollege wischte sich grübelnd 100 Gramm feinster Kopfschuppen von den Schultern seines schwarzen Wollsakkos, und meinte schließlich: „Das Auto?“ „Sie kurzsichtiger Wicht!“, konterte ich angriffslustig. „Wenn schon Mobilität, dann wäre wohl das Rad an erster Stelle zu nennen.“ „Moser, Sie Klugscheißer! Was ist denn für Sie die wichtigste Erfindung?“ Auf diese Frage war ich vorbereitet und verkündete ohne Zögern: „Der elektrische Strom! Ohne Strom keine Computer, kein Internet, kein Fernseher, kein Toaster, kein Kühlschrank.“ „Papperlapapp!“ machte Jonas Cerny eine verächtliche, wegwerfende Handbewegung. „Wenn schon Energie, dann wohl das Feuer! Ohne Feuer müssten Sie Ihren Leberkäs roh und kalt essen.“ „Nein,  ich habe Strom und einen Elektroherd mit Backrohr. Mein Garant für warmen, fettige Leberkäse!“ „Wie wäre es mit dem Buchdruck?“ rief mein Kollege. „Gar nicht schlecht, hat sicher das Zeug für die Top 10. Auch wenn ich Ihnen eher Brille, Schuppenshampoo und Tiefkühlpizza zugetraut hätte!“ So wogte unser kleiner Diskurs noch eine Weile hin und her, die Dampfmaschine mit industrieller Revolution, das Fließband und das Flugzeug wurden noch ins Rennen geschickt, als Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer unangekündigt störte: „Herr Moser, wo bleibt die verdammte Tofu-Lieferung? Die Produktion steht seit Freitag, wir brauchen Nachschub!“ Nicht ohne Stolz darf ich Ihnen verraten, dass sich meine Erfindung der fischlosen Fischkonserve mit Tofu und Seitan zum echten Verkaufsschlager entwickelt hat. „Was halten Sie für die wichtigste Erfindung der Menschheit, Herr Direktor? Ich diskutiere gerade mit Dr. Cerny über dieses heikle Thema“ wollte ich vom Big Boss wissen. „Fischen Sie nicht nach Komplimenten, Moser! Ihre veganen Fischkonserven waren zwar eine gute Idee, aber deswegen sind Sie noch kein Edison oder Gutenberg. Außerdem wünsche ich keine privaten Diskussionen während der Arbeit!“ Pfotenhauer rauschte aus dem Büro. „Keine Angst, Herr Direktor! Wir arbeiten nicht.“ rief ich ihm hinterher.

Wie schon unsere politische Auseinandersetzung verlief auch das Erfindungsthema ergebnislos im Sand. Schließlich betrat unsere ukrainische Putzperle das Büro, um die Aktenschränke vom Staub zu befreien. „Was ist für Sie, liebe Editha, die wichtigste Erfindung, die jemals gemacht wurde?“ wagte ich noch einen letzten Versuch. „Kommunismus, Glasreiniger aus der Sprühflasche, das Radio?“ Editha schüttelte den Kopf, drehte pantomimisch einen Joint und zog daran. Dazu lachte sie Chuachuahua! und verschwand Richtung Herrentoilette. Manchmal kann es so einfach sein.