Archiv der Kategorie: Der tägliche Wahnsinn

Literatur am Samstag

Heute wurde ich früh am Morgen von Regentropfen geweckt, die auf das Blechdach trommelten wie der gute, alte Stones-Drummer Charlie Watts zu seinen besten Zeiten. Fasziniert lauschte ich dem herbstlichen Rhythmus, der begleitet vom Chor des Blätterrauschens und einer Prise kühler Morgenluft durch das gekippte Schlafzimmerfenster drang. Ich kuschelte mich ganz tief in mein warmes Deckengebirge und kostete das Samstagmorgengefühl aus. Kein Büro, kein Cerny, kein Pfotenhauer, nur grenzenlose Freiheit. Ursprünglich hatte ich meiner braven Heidi zwar versprochen, heute die anstehenden Gartenarbeiten in Angriff zu nehmen, die Apfelernte einzufahren, die Hecken zu stutzen, und eine letzte Rasenmähung vorzunehmen, ehe unser kleines Gärtchen in den Winterschlaf fällt. Doch das fiel ja nun im wahrsten Sinn des Wortes ins Wasser.

Zufrieden lächelnd startete ich mein Kopfkino. Im Vorprogramm lief Singing in the Rain mit Gene Kelly und Debbie Reynolds, und meine Füße steppten unter der Steppdecke elegant mit. Heidi grunzte verschlafen. Nach dieser beschwingten Einstimmung auf den heutigen Tag spulte ich ein wenig vor zum Nachmittag. Ich sah Herrn Moser, der in seiner Freizeit die schuppige Haut des Abteilungsleiters einer Fischkonservenfabrik abstreift und den gediegenen, bordeauxroten Hausmantel anlegt, ein silbrig-seidenes Halstuch umbindet und zum Autor mutiert. Der Schriftsteller Moser würde den verregneten Tag nützen, um der bibliophilen Welt ein einzigartiges Stück Literatur zu schenken, das berührt und verzaubert. Ganz der introvertierte Künstler würde ich sehr ernst und wissend an meinem Schreibtisch sitzen, und wohlfeil gedrechselte Worte zu Papier bringen. Und würde ich Zigarre rauchen, würde ich eine Zigarre rauchen, meinen Kopf mit Rauch einnebeln als sichtbares Zeichen meiner geistigen Anstrengung. Da ich aber stinkenden Zigarren nichts abgewinnen kann, wird mein Meisterwerk eben rauchfrei entstehen und  Leserschaft und Feuilleton gleichermaßen zu Stürmen der Begeisterung hinreißen. Nach dem Überraschungserfolg meines Essays würde ich mich vor Interview-Anfragen kaum retten können, und im Geiste ging ich bereits mögliche Fragen und Antworten durch. Als Heidi erwachte und mich frug: „Was magst du zum Frühstück?“ antwortete ich als erfolgsverwöhnter Bestseller-Autor: „Wissen Sie, eigentlich frühstücke ich nicht. Mir reicht eine Tasse schwarzer Kaffee, dazu mache ich mir einige Notizen für mein neues Manuskript und lese vielleicht noch ein paar Kapitel von Thomas Mann oder Franz Kafka. Für uns Schriftsteller ist geistige Nahrung wichtiger als Müsli und Vollkorntoast.“ Heidis Replik „Träumst du noch, Moser?“ ignorierte ich geflissentlich.

Beim Frühstück, das natürlich nicht aus Kaffee und Kafka, sondern aus Kaffee und Krapfen bestand, holte mich Heidi beinhart auf den Boden der Tatsachen zurück: „Die Gartenarbeiten fallen heute ja aufgrund des Regens aus, das macht aber nichts. Es gibt genug zu tun. Für die Feier zur Diamantenen Hochzeit deiner Eltern müssen wir die Blumenarrangements organisieren und die Einladungen gestalten. Die Bücherregale müssen ausgeräumt, abgestaubt, fotografiert und online zum Verkauf angeboten werden, die neuen Regale kommen schon nächste Woche. Der Wochenendeinkauf muss erledigt, das Badezimmer geputzt und die Wäsche gewaschen werden. Der Gartenschuppen muss auch dringend aufgeräumt und neu organisiert werden. Das kannst du machen, während ich den Zwetschgenkuchen backe. Am Abend fahren wir dann bei meiner Mutter vorbei und bringen ihr ein Stück.“

Liebe Leser, jetzt wissen Sie, warum Ihnen am heutigen Samstag ein einzigartiges Stück Literatur entgeht. Aber ich wasche meine Hände in Unschuld.

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Essen to go

Ich sage es gleich: Herr Moser ist kein Freund des Essens auf offener Straße, beim Spaziergang, im Supermarkt oder beim Warten auf den Bus. In unseren Zeiten der immer und überall verfügbaren Imbisse, in Zeiten von fast food und coffee to go bin ich hier die rühmliche Ausnahme, denn die großstädtische Menschheit bewegt sich kauend und schlingend durchs Leben. Täglich sehe ich Döner Sandwich, Hot Dog, Pizza-Schnitte, Donut, Wurstsemmel, Burger, Pommes & Co in gierigen, verschmierten Mündern verschwinden, Senf und Ketchup auf saubere Jacken tropfen. Das ist meine Sache nicht, denn ich empfinde Essen als höchst private Angelegenheit, die gesittet und in aller Ruhe in einem Restaurant, bei Freunden oder in den eigenen vier Wänden stattzufinden hat. Für mich ist Essen ein sinnliches Erlebnis und viel mehr, als ein bloßes Volltanken eines Körpers, der Treibstoff braucht. Sie werden in den Straßen von Wien vergeblich nach einem Herrn Moser suchen, der sich mit einem Kebap mit alles den Wanst vollschlägt. Ich trage meinen Kebap stets gut in Alufolie verpackt nach Hause (oder gegebenenfalls ins Büro), wo ich mich in Ruhe hinsetzen und die türkische Spezialität genießen kann. Außerdem kann ich mir vorher und wenn nötig auch nachher die Hände waschen, mir eine zusätzliche Serviette aus dem Schrank oder eine Dose Cola aus dem Kühlschrank holen. Möglicherweise habe ich eine Macke, denn schon als Kind verabscheute ich es, während des Gehens etwas runter zu schlingen. Schon damals aß ich am liebsten daheim, in Mama Mosers heimeliger Küche, wo es nach heißem Schmalz und kaltem Kaffee roch.

Mit zwei Beispielen möchte ich Ihnen mein Problem verdeutlichen: Im abgelaufenen Sommer unternahm ich mit Heidi einen kleinen Ausflug an die Gestade des Neusiedlersees. Wir spazierten entlang der Uferpromenade, beobachteten die halsbrecherischen Manöver der Windsurfer und ließen unsere Näschen von der Sonne kitzeln. Nach etwa 20 Minuten erreichten wir ein kleines Strandcafé, das mit hausgemachtem Eis lockte. „Lass uns ein Eis essen!“ schlug meine liebe Gattin vor, und da ich von unserer Wanderung bereits ein wenig erschöpft war, steuerte ich umgehend ein freies Tischchen im Halbschatten an. „Nein!“ rief Adelheid. „Nehmen wir zwei, drei Kugeln in einem Stanizel (Österr. für eine Waffeltüte) mit und spazieren vor zum Leuchtturm!“ – „Ach Heidi. Nach so vielen Jahren musst du doch wissen, dass ich unterwegs nicht essen will und kann…“ – „Moser, das ist doch kein richtiges Essen, das ist nur Eis!“ – „Du hast selbst gesagt: Essen wir ein Eis. Also.“ Mein getreues Weib trat an die gekühlte Eistheke und besorgte uns zwei Tüten mit Nougat und Erdbeer. Ich wollte den friedlichen Nachmittag nicht mit Zwist beeinträchtigen und nahm mein Stanizel seufzend entgegen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich der landschaftlichen Schönheit nichts mehr abgewinnen, denn ich war unablässig damit beschäftigt, das braune und rote Schmelzeis von meinen Fingern zu lecken und darauf zu achten, nicht mein T-Shirt zu bekleckern. „Ich hasse klebrige Finger!“ rief ich schließlich wütend. Die Nougatkugel geriet in gefährliche Schieflage, das Erdbeereis tropfte durch die durchgesuppte Waffel auf meine frisch geputzten Schuhe. „Hast du mal eine Serviette?“ frug ich Heidi. Sie reichte mir ein Papiertaschentuch, und ich ließ bei der Transaktion mein jämmerliches Eisgebilde bewusst tollpatschig fallen, um dem Drama ein Ende zu setzen. „Unterm Sonnenschirm im Lokal wäre uns das nicht passiert“, rieb ich Heidi trotzig unter die Nase. „Wie ich immer sage: Essen und gehen sind zwei Dinge, die sich nicht vertragen!“

Ich lehne das unkultivierte Zwischendurch-Essen to go aber nicht nur für mich ab, ich verabscheue es auch bei meinen Mitmenschen, wie das zweite brandaktuelle Beispiel beweist:

Samstagvormittag, Supermarkt, innen. Eine ungepflegte, etwas füllige Dame in mittleren Jahren, in deren Haushaltsbudget offensichtlich kein Platz für Hygiene- und Kosmetikprodukte ist, räumt an der Kasse ihre Waren auf das Förderband. Zwischen Schulter und linkem Ohr hat sie ein Smartphone eingeklemmt, dabei beißt sie höchst unappetitlich und hastig immer wieder von einer Leberkäs-Semmel ab. Dabei muss sie noch ein etwa dreijähriges, quengelndes Mädchen bändigen, das nach den Kaugummis und kleinen Schokoriegeln am Kassenregal schnappt. Echt Multitasking. Waren ausräumen, essen, telefonieren, Kind in Zaum halten. Die Semmel genießt jedoch absolute Priorität. Der Leberkäs-Geruch umwabert die Warteschlange, als die tapfere Hausfrau plötzlich die Nerven verliert und ihre kleine Tochter anschreit: „Jennifa!!! Heast jetzt auf?! Gib a Ruah! Mama telefoniert!!“ Beim Schreien fällt ihr ein halbzerkautes Stück Leberkäse aus dem Mund auf das Förderband. Sie schnappt es und stopft es dem Kleinkind in den Mund. Jennifer reißt die Augen auf und ist still. Ihre Mama leckt sich die fettigen Finger ab, und Herr Moser wechselt in die rechte, wesentlich längere Schlange. Keine weiteren Fragen? Dann lassen wir gnädig den Vorhang über die Szenerie fallen.  

Melancholie

Der Sonntagshimmel hielt sich grau in grau bedeckt und verbreitete trübe Stimmung. Ich verfolgte mit Heidi auf CNN die tosende Ankunft der wütenden Windsbraut Irma im sonst so sonnigen Florida, und unsere Stimmung wurde noch ein wenig düsterer. Tapfere Reporter in froschgrünem Regenzeug stemmten sich bis auf die Haut durchnässt gegen den Sturm und schrien ins Mikrofon, was offensichtlich war: „Örma chrrrkin Mmmichia itsssssssss unbelievable!!“ Palmen flogen durch die Luft, Verkehrsschilder bogen sich wie Gummi, und in den Straßen, wo sonst rüstige Pensionistinnen mit blau getönten Haaren ihre Pudel spazieren führen, wälzten sich braune, aufgewühlte Wassermassen. „Die armen Menschen!“ zeigte Heidi Mitgefühl – und mir ihre aus Empathie kerzengerade aufgerichteten Unterarm-Härchen. „Ja, wir leben wahrlich in einem gelobten Land…“ pflichtete ich ihr mit einem Blick auf unsere harmlosen Regenwolken bei.

Da die Live-Übertragung einer Naturkatastrophe nur begrenzt auszuhalten ist, schalteten wir die Flimmerkiste bald wieder ab und unsere Smartphones ein. Mal sehen, was es auf facebook so Neues gibt. Wir erfuhren 7 krasse Tatsachen über „Dirty Dancing“, dass der durchschnittliche Haushalt dank IKEA 73 Sechskant-Inbus-Schlüssel besitzt, dass in China ein Sack Reis umgefallen ist und die neue Frisur von Renate Z. unglaubliche 123 Likes bekommen hat. Der weitaus größte Teil der Postings jedoch war politischer Natur, schließlich herrscht Wahlkampf, der in Österreich fast schon zum Wahlkrieg ausartet. Die Parteien und Listen schwärzen sich gegenseitig an, lügen, täuschen, fälschen, versprechen. Und liest man sich die ausländerfeindlichen Hasskommentare vieler User durch, schwebt das Gespenst einer rechtspopulistischen türkis-blauen Regierung über Österreich. Heidi und ich schütteln ungläubig und unisono die Köpfe: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Die trübe Stimmung hat sich nach Studium von facebook keineswegs gebessert, eher im Gegenteil. Der Sonntagsbraten mit Kraut und Knödel wollte uns diesmal nicht so recht schmecken. Die Nachrichten im Radio servieren als Zugabe Meldungen über das schreckliche Erdbeben in Mexiko und die Massenmorde in Myanmar. Nach dem nachdenklichen Essen machte ich den Vorschlag, den Eisdieler unseres Vertrauens aufzusuchen. Ein Kügelchen Nougateis als Stimmungsaufheller konnte nicht schaden. Heidi nickte.

Im Eissalon „da Peppino“ herrschte tote Hose, was natürlich dem kühlen, windigen Wetter geschuldet war. Der namensgebende Patron fabriziert nämlich ein hervorragendes Gelato. An diesem frühen Sonntagnachmittag saß aber nur ein junges Liebespärchen in der Ecke und stocherte gemeinsam mit langstieligen Löffeln in einem Becher „Heiße Liebe“. Peppino zeigte sich von unserem Besuch höchst erfreut, unterbrach die Säuberung der überdimensionalen Espresso-Maschine und rief: „Aaahh! Signor Moser e la bella Signorina! Wie gehta? Tutti va bene?!“ Wir bestellten Nougat, Erdbeer und Pistazie, ich noch eine kleine Portion Schlagobers dazu. Eisdieler Peppino brachte das Gefrorene, und ich lud ihn ein, sich zu uns an den Tisch zu setzen. „Wie war das Geschäft in diesem Sommer?“ wollte ich wissen, und er jammerte wortreich und lebhaft gestikulierend über Höhen und Tiefen der Saison 2017. Der kommende Winter könnte hart und schwierig werden für ihn. Außerdem müsse er bereits Ende September schließen, da seine Mutter krank sei und er nach Hause in ein kleines Dorf bei Neapel müsse. „La Mama! Sie verstehen Signor Moser, la familia!“ seufzte er betrübt. Wir erfuhren, dass la Mama kaum noch gehen kann und dringend operiert werden müsse, und dass Papa Federico letzte Weihnachten verstorben war. „Und jetzt Anfang September ist schon Herbst, ist kalt und Menschen essen keine Eis mehr…“ Als ich mit Heidi ein paar hundert Kalorien später heimwärts fuhr, war unsere Stimmung noch ein wenig betrübter als zuvor.

Daheim versuchte ich es mit dem Oldie-Sender im Radio, der Hits der 50er und 60er Jahre ohne Werbeunterbrechungen und Nachrichten bringt. Normalerweise ein Garant für gute Laune und nostalgische Jugenderinnerungen. Es ertönte Peppino di Capri mit „Melancholie im September“. Zufall? Nein, manche Tage wollen einfach nicht heiter und unbeschwert sein. Sie wehren sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Heidi kochte uns eine Tasse Kaffee. Irma walzt inzwischen über ganz Florida, Millionen Menschen zittern um Haus und Leben.

Moserlatein

Wie ich Ihnen im letzten Beitrag erzählte, habe ich unlängst das Tagebuch des Schülers Moser aus den frühen 70er Jahren hervorgeholt. An einem frühherbstlichen Abend rollte ich mich nun mit Kuscheldecke auf der Couch ein und las in meinen Erinnerungen. Neben den ersten Verliebtheiten und den damit einhergehenden Liebeskummern, über die möglicherweise ein anderes Mal zu berichten sein wird, nimmt naturgemäß das schulische Leben breiten Raum in diesen Memoiren ein. Und heute muss ich entsetzt gestehen, dass es der junge Herr Moser faustdick hinter den Schülerohren hatte. Ich war sozusagen ein schlimmer Finger, wie die nachfolgenden Begebenheiten deutlich machen.

Mein großes Angstfach in der Unterstufe des Gymnasiums war, neben Mathematik und Physik, die Sprache der alten Römer: Latein. Die tote Sprache der Juristen und Mediziner mit ihren 5 Fällen (Ablativ!) und anderen Ungereimtheiten wollte mir nicht in den Schädel. Und unser Lateinlehrer Professor Lesowsky, der von allen aus mir heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen nur Bonzo genannt wurde, war zudem noch ein Sadist. Genüsslich lächelnd rief er mich, der stets unvorbereitet war, unangekündigt zur Tafel und ließ mich mit hochrotem Kopf deklinieren und übersetzen. Bei jedem Fehler schlug er mit seinem Kugelschreiber, der sich teleskopartig zu einem Zeigestab ausziehen ließ, auf das Lehrerpult und rief: „Falsch! Moser, du lernst es wohl nie!“ Es nimmt daher nicht Wunder, dass ich in Latein zu den gefährdeten Schülern zählte, immer hart an der Grenze zwischen genügend und nicht genügend taumelnd.

Am Ende des Schuljahres 1972/73 war es wieder soweit: Nur ein 3er (Befriedigend) auf die letzte Schularbeit konnte mich vor der Katastrophe retten – sonst Latein-Nachprüfung im Herbst. Ich hatte jedoch keineswegs die Absicht, mir die Sommerferien mit Lernen zu verderben, anstatt im Freibad den knospenden jungen Fräuleins hinterher zu schauen. Also schmiedete ich Plan A, und für den Ernstfall gleich noch Plan B, was sich im Tagebucheintrag wie folgt liest: Heute Samstag in der letzten Stunde die entscheidende Lateinschularbeit. Wie geplant habe ich in der Pause davor neben dem Papierkorb an der Tafel unbemerkt eine Stinkbombe fallen gelassen und die Kapsel zertreten. Danach sofort auf meinen Platz gesetzt und so getan, als studiere ich noch rasch ein Kapitel im Liber Latinus. Kurz darauf rief der Berger Ernstl: „Hüfe! Do fäults! Wer von eich hot an Schaas lossn?“ („Hilfe! Hier stinkt´s! Wer von euch ließ einen Darmwind fliegen?“ – Anm.) Meine Stinkbombe zeigte Wirkung, im ganzen Klassenzimmer stank es erbärmlich nach faulen Eiern. Unter diesen Bedingungen kann man unmöglich eine wichtige Schularbeit schreiben, so mein Plan. Bonzo wird die Klassenarbeit absagen und verschieben müssen. Hat er aber nicht. Bonzo ließ die Fenster öffnen und verfrachtete uns – unter Androhung, den Übeltäter zu enttarnen und schwer zu bestrafen – ein Stockwerk tiefer, ins leer stehende Klassenzimmer der 3A. Jetzt musste mein Plan B her…

An dieser Stelle folgt im Tagebuch eine detaillierte Schilderung (offenbar war ich sehr stolz auf meine Raffinesse), die ich hier der Einfachheit halber kurz zusammenfasse: Am Ende der Schularbeit, die wie erwartet desaströs für mich lief, war es Usus, die Hefte pro Reihe am Platz des Schülers zu sammeln, der am Mittelgang saß. Dann marschierte der Klassensprecher durch den Gang, sammelte die kleinen Stapel ein und legte den Heftehaufen dann auf den Lehrertisch. Raten Sie mal, wer zufällig am Mittelgang saß? Richtig. In einem unbemerkten Augenblick nahm ich mein Heft, das obenauf lag, vom Stapel und ließ es, verdeckt vom Erdkunde-Atlas in der Schultasche verschwinden. Bonzo nahm die Hefte unter den Arm und wünschte uns ein schönes Wochenende: „Ora et labora!“ (Bete und Arbeite! – Anm.)

Ich habe an diesem Wochenende beides getan: Gebetet, dass mein Schwindel nicht auffliegen möge, sowie mit Tintenkiller und Grammatikbuch solange an meiner Klassenarbeit gearbeitet, bis sie nach meinem Dafürhalten ein glattes, rettendes Befriedigend ergeben würde. Am darauffolgenden Montag schlich ich in aller Herrgottsfrühe, lange vor Unterrichtsbeginn in die Klasse und deponierte mein Schularbeitsheft am Boden neben dem Lehrertisch – ganz so, als sei es unabsichtlich runtergefallen. Anschließend verschwand ich in einem kleinen Park hinter der Schule und versteckte mich hinter einer dichten Hecke. Kurz vor 8 kam ich ins Klassenzimmer, wo mir die ganze Streberbande bereits entgegen brüllte: „Moser! Wir haben dein Schularbeitsheft gefunden!!“ „Waaas?!! Wo??“ tat ich unschuldig und machte große Augen. „Da vorn am Pult… am Boden! Wir haben es gleich zum Bonzo ins Lehrerzimmer gebracht.“ Die Dinge nahmen ihren geplanten Verlauf und ich atmete innerlich auf.

Als Prof. Lesowsky die korrigierten und benoteten Arbeiten verteilte, knallte er mir das Heft mit den Worten: „Zwei minus. Ich weiß zwar nicht, wie du es gemacht hast, aber nächstes Jahr krieg ich dich, Moser!“ auf den Tisch. „Das glaube ich nicht!“ gab ich zur Antwort und durfte für diese Frechheit eine Seite aus dem Liber Latinus auswendig lernen, die ich heute noch im Schlaf fehlerfrei aufsagen kann: Ab his hostibus qui in bellum plurimum possunt, limes romanus cis, danuvium situs vobis defendent erunt… usw. Oder so ähnlich. Denn nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Non scholae sed vitae discimus. Quod erat demonstrandum.

PS: Bonzo hat mich im nächsten Jahr tatsächlich nicht erwischt. Ich habe das Gymnasium verlassen und bin auf eine berufsbildende, kaufmännische Schule gegangen. Dort wurde die Kunst der Buchhaltung mein neues Latein.

Topfen & Tagebuch

Die in höchstem Maße kreative und von mir überaus geschätzte Kollegin Mallybeau Mauswohn, Hüterin der Bloghüttenalm, präsentiert ebendort derzeit die alten, aber entstaubten Tagebücher ihres Hausmeisters Egon Schrödinger. Ich kann Ihnen diese filmischen Kleinode unbedenklich ans Herz legen, denn als Leser meines Moser-Blogs verfügen Sie über die humoristische Grundausstattung, um auch der schrägen Welt der Frau Mauswohn etliche herzhafte Lacher abzugewinnen. Als ich mir heute beim sonntäglichen Frühstückskaffee kichernd und prustend Schrödingers diary #02 zu Gemüte führte, erinnerte ich mich daran, dass ich selbst als junger Spund Tagebuch führte. Allerdings ganz ohne filmische Unterstützung, sondern zeitgemäß noch sehr analog in einem alten Schulheft mit Kugelschreiber. Ich habe diese pubertären Aufzeichnungen schon seit Jahrzehnten nicht mehr zur Hand genommen und plötzlich befiel mich eine gefräßige Neugier. Was bewegte den jungen Moser in den poppigen, bunten 70er Jahren, welche Gedanken hielt ich damals für aufschreibenswert? Ich stürmte in mein Arbeitszimmer und machte mich in den Tiefen meines Schreibtisches auf die Suche nach den ersten literarischen Gehversuchen, den Urahn meins Logs noch ganz ohne Web. Und während der Ausgrabungsarbeiten entwarf ich ein gewagtes Experiment: Ich würde das Tagebuchheft an einer beliebigen Stelle aufschlagen und den entsprechenden Eintrag meiner Leserschaft ungeschminkt und ungekürzt hier darbieten. Emsig suchte ich weiter, innerlich hoffend, dass ich keine abstrusen erotischen Fantasien zutage fördere.

„Heidiiiii!“ rief ich eine Viertelstunde später mein liebe Gemahlin zu Hilfe. „Wo sind meine Tagebücher??!!“ „Waaas?“ „Meine Tagebücher!! Wo??“ Kurz darauf betrat Adelheid das Arbeitszimmer. Sie trug ihr dichtes, schwarzes Haar offen und in der Mitte gescheitelt, auf dem linken, noch sommerlich bronzefarbenen Oberarm hatte sie eine weiße, etwas unappetitlich wirkende Masse aufgetragen. Sie wirkte wie eine reife Squaw, die sich auf ein schamanisches Ritual vorbereitete. „Was ist das?“ deutete ich auf das weiße Geschmiere. „Meine Schulter schmerzt und ich hab Topfen draufgetan.“ Anmerkung: Dieses Milchprodukt wird auf preussisch auch Quark genannt, was ich viel witziger finde als Topfen. Daraus lassen sich nicht nur sehr schmackhafte Süßspeisen herstellen, sondern auch heilende „Topfenwickel“. Als Heidi mit ihrem wilden, wallenden Haar und dem topfenbemalten Arm so vor mir stand, überfiel mich schlagartig eine hemmungslose Lust… auf Topfenstrudel mit Rosinen. Ich packte meine Moser-Squaw am Arm und begann, die weiße Kriegsbemalung, die an den Rändern bereits bröselig wurde, vom Arm zu lecken. Heidi stieß einen Schmerzensschrei aus, stieß mich beiseite und verließ das Zimmer, ohne meine Tagebuchsuche auch nur im Mindesten zu unterstützen. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ rief ich ihr hinterher und grub weiter in meinen Unterlagen. Zwischen einem alten Fotoalbum und meinen Schulzeugnissen fand ich schließlich mein Logbuch der Jugend mit der Aufschrift Moser Privat! 1974. Streng geheim! Ich schloss die Augen, ließ die Seiten durch meine Finger rauschen und stoppte intuitiv irgendwo mittendrin. Da stand:

  1. April 1973. Heute früh stand meine Angebetete wieder an der Straßenbahnhaltestelle. Ihre Haut hat einen braunen Teint, sie wirkt irgendwie indisch, wenn nicht schon indianisch. Dazu ihre langen schwarzen Haare, ein Traum! Aber heute hatte mein Schwarm den linken Arm im Gips. Das wäre wahrscheinlich eine gute Gelegenheit gewesen, sie endlich anzusprechen. Aber ich war wieder mal zu feig. Ich ließ die Gelegenheit, über ein charmantes „Hallo, wie geht´s? Hübsche Gipshand!“ mit meiner heimlichen Traumfrau ins Gespräch zu kommen, ungenützt verstreichen. Sie ist einfach in die Tramway gestiegen ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ich Vollidiot. Aber wenn sie morgen wieder an der Haltestelle steht, sprech ich sie an. Großes Indianerehrenwort! Auf die Lateinschularbeit hab ich wie erwartet einen Fetzn (Wienerisch für „Nicht genügend“ – Anm.) bekommen…

Ich ließ das Heftchen sinken und dachte zurück an meinen heimlichen Schwarm, der für ein paar Monate ein Stück des Schulweges mit mir geteilt hatte, und eines Tages nicht mehr auftauchte. Ich habe sie nie angesprochen und weder ihren Namen noch den Grund für ihren Gips erfahren. Rasch eilte ich in die Küche, wo Heidi ihren schmerzenden Topfenarm inzwischen schonend in einem ruhigstellenden Dreieckstuch verstaut hatte und ein leidendes Gesicht machte. Ich strich ihr übers feste Indianerhaar, warf einen prüfenden Blick auf den Topfenwickel und sagte: „Wir fahren ins Krankenhaus. Vielleicht brauchst du einen Gips, wer weiß!“ Heidi wollte etwas erwidern, doch ich brachte sie mit einem „Keine Widerrede!“ zum Schweigen.

Vorhin sind wir aus dem Spital zurückgekommen. Diagnose: Dist. m. bizeps brachii caput langum sin. Für die Laien unter Ihnen: eingeklemmter Oberarmmuskel. Therapiert wird mit Diclobene, Sirdalud, Mobialtsalbe und lokaler Kältetherapie. Kein Gips. Und ich dachte schon, mein Tagebucheintrag und der weiße Topfen seien ein Omen gewesen. Das war natürlich Unsinn. Mit dem restlichen Quark habe ich Blätterteigtaschen gefüllt und diese mit Pistazien bestreut und im Ofen gebacken. Damit werde ich Heidi zur Jause überraschen, sie muss ja ihren Arm ruhig halten.

Die Herbstzeit ist los!

Die Blätter der Moser´schen Kleingartenhecken zeigen erste braune Altersflecken. Dort, wo die Natur noch vor wenigen Tagen mit sattem, strotzendem Grün gemalt hatte, trägt Gevatter Herbst nun ein zartes Rostbraun auf. Die meisten bunten Blüten, im Mai gesät von Heidis grüner Gärtnerhand, sind verglüht unter der Sonne des drittwärmsten Sommers seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Der Apfelbaum wirft seine wurmstichigen Früchte ab, der Lavendelstrauch hat ausgedient als Fast-Food Fly-In für Bienen und Hummeln. Für die gelehrten Meteorologen markiert der 1. September ja den Herbstbeginn, und das ist auch für uns kleinen Leute durchaus spürbar.

Der gestrige Tag war zwar durchwegs warm und sonnig, doch als ich abends mit Adelheid auf der Terrasse saß, um bei einem Tröpfchen Gumpoldskirchner Vergangenes und Künftiges zu besprechen, musste sich mein frierender Liebling mit einer kürbisfarbenen Strickjacke gegen die aufkeimende Kühle wappnen. „Vorbei die Zeit der lauen Sommernächte“, seufzte Heidi und blickte wehmütig auf das Anti-Mücken-Spray „Brumm Brumm“, das uns in den letzten Monaten so wertvolle Dienste geleistet hat, aber nun wieder kurz vor dem Umzug in sein Winterquartier Im Medizinschränkchen steht. Um sie ein wenig über den nahenden Herbst hinwegzutrösten, sang ich die erste Strophe von „In the Summertime“ von Mungo Jerry. A capella. Ein Windstoß löschte die Flamme unserer romantischen Gartenkerze und Heidi streifte ein Paar schwarz-weiß gestreifte Wollsocken über ihre hübsch lackierten, aber ausgekühlten Zehen. Der kalte Weißwein schien fehl am Platz und schmeckte nicht mehr so richtig.

Auch in der Fischkonservenfabrik hat der Herbst Einzug gehalten. Sicheres Anzeichen dafür: Mein Kollege Dr. Jonas Cerny hat sein florales Hawaii-Hemd gegen sein altbekanntes schwarzes Sakko getauscht, das den Schuppenteppich auf seinen Schultern wieder so richtig zur Geltung bringt. Am Montag beginnt im Osten Österreichs die Schule, und die Büros sind nahezu vollzählig besetzt. Und unsere Putzfrau Editha zog heute Morgen ihren Wagen mit Putzutensilien schwermütig durch die Gänge, dabei sang sie mit traurigem Timbre über die kalifornischen Träume von „The Mamas and the Papas“, eine Art ukrainisches „Mondegreen“:

Autumn liefs arrr braun

And se skei is gree,

Eif bin forrr a wok

Ona winters day

Ei em safe and warm

If ei wos in El E,

Chalifornia trimms

On satch a winter day…

Passenderweise beginnt es in diesem Augenblick zu regnen.

Tag der Fische

Während man heute in den USA den „Iss einen Pfirsich Tag“ (National Eat a Peach Day) und den „Tag der Zahnfee“ (National Tooth Fairy Day) begeht, feiern wir im deutschsprachigen Raum am 22. August den „Tag der Fische“. Es gibt viele Gründe, der Gruppe der wechselwarmen, meist im Wasser lebenden Wirbeltiere zu gedenken. Als Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik darf ich Ihnen versichern, dass Fisch in seinen zahlreichen Variationen nicht nur ausgezeichnet schmeckt, sondern sich durch seinen hohen Anteil an Eiweiß, Aminosäuren und ungesättigten Fettsäuren (Omega 3) auch positiv auf die Gesundheit auswirkt. Darüber hinaus sollten wir uns aber auch der Überfischung der Meere besinnen. 100 Milionen Tonnen Fisch werden jährlich aus den Meeren gezogen. Doch schon lange reicht dieses Pensum nicht mehr aus, den weltweiten Bedarf zu decken. Etwa 55 Millionen Tonnen der glitschigen Freunde werden zusätzlich in sogenannten Aqua-Farmen herangezogen. Und Tierschutzorganisationen wie PETA und der WWF rufen am heutigen Tage dazu auf, den Fischkonsum zu überdenken und weisen auf einige grausame Fangmethoden hin. Ich selbst habe ja diesem Umstand Rechnung getragen, und die Entwicklung einer vegetarischen, fischlosen Produktlinie initiiert.

Um den heutigen Feiertag unserer kontroversiell diskutierten Erwerbsgrundlage gebührend zu begehen, band ich mir meine originellste Fisch-Krawatte um (siehe Foto oben) und scheitelte meine untadelige Frisur besonders sorgfältig. Als ich in der Fabrik den Aufzug bestieg, schlüpfte die herbeieilende Direktorengattin und Marketingleiterin Svetlana Pfotenhauer noch rasch in die Kabine. „Guten Morgen Herr Moser!“ Sofort fiel ihr Blick auf mein ungewöhnliches Accessoir: „Interessante Krawatte…“ lächelte sie. Ich klärte die perfekt gestylte Blondine slowakischen Ursprungs über den Tag der Fische auf und trug auf dem Weg in den ersten Stock mein angelesenes Wikipedia-Wissen in Kurzfassung vor, nicht ohne nochmals besonders auf meine Veggie-Innovation hinzuweisen. Svetlana zeigte sich beeindruckt, drückte mir die Hand und wünschte mir noch einen schönen Tag. Unsere ukrainische Reinigungsfachkraft, die vor meinem Büro den Boden wischte, rief mir begeistert entgegen: „Käptn Iglo!“

Keine halbe Stunde später rief mich Direktor Pfotenhauer in sein Büro. Auch er bewunderte zunächst meine Krawatte mit Fischgrät-Muster, lobte mein Engagement für unser Gewerbe, ehe er die Überraschungsbombe platzen ließ: „Meine Gattin hat mir von ihrer gemeinsamen Liftfahrt erzählt, und wie Sie auf den heutigen Tag der Fische hingewiesen haben. Aufgrund Ihrer interessanten Anregungen wird sie umgehend auf den Social-Media-Kanälen eine witzige Marketingkampagne starten. Sehr aufmerksam, lieber Herr Moser! Ihr Einsatz gefällt mir und soll mit einer kleinen Gehaltserhöhung belohnt werden.“ Ich war fassungslos. Endlich hatte der knausrige Pfotenhauer meine Leistungen der letzten Zeit erkannt und wird sie nun sogar finanziell würdigen. „Stets zu Diensten Herr Direktor“, legte ich mit einer kurzen Verbeugung meine Hände an die Hosennaht. Die Investition von 39,90 € in das fischige Krawattenmodell hatte sich mehr als bezahlt gemacht. Und Kollege Cerny würde noch größere Augen machen, falls das überhaupt möglich ist.

Zurück an meinem Schreibtisch sandte ich jedoch zuerst eine WhatsApp-Nachricht an meine liebe Frau: „Ach Heidi! Reserviere doch für heute Abend einen Tisch im Fischrestaurant ‚Zum Donauweibchen‘. Es gibt was zu feiern!“

Überraschungskekse

Letzten Freitag, die Fischfabrik lag urlaubsbedingt noch immer im Sommerschlaf, traf ich auf der Herrentoilette unsere allseits beliebte ukrainische Putzperle Editha. Sie lehnte am Heizkörper und biss genüsslich in einen Keks. „Cherr Moser! Wie scheen, dass Sie mich besuchen!“ rief sie mit vollem Mund. „Ja Editha, eigentlich wollte ich mich nur kurz erleichtern“, gab ich zurück und näherte mich vorsichtig einem der Pissoirbecken. Sie wollte meinen Wink mit dem Zaunpfahl offenbar nicht verstehen, denn sie machte keinerlei Anstalten, die Örtlichkeiten zu verlassen. „Machst du Pipi, chab ich ka Problem damit. Is natirlich.“ Da es mir eine gewisse innere Schamsperre und meine Abteilungsleiterehre nicht erlauben, vor oder neben Putzfrauen zu pinkeln, lenkte ich charmant und unauffällig vom Thema ab: „Die Kekse sehen aber gut aus. Selbst gemacht?“ „Ja, ist Editha-Spezialrezept!“ zwinkerte mir die Reinigungsfachkraft grinsend zu. „Willst du probieren, Moser?“ Sie griff in eine unauffällige Papiertüte und streckte mir einen Keks entgegen. „Macht gute Laune!“ Nichtsahnend schnappte ich mir das etwas bröselige, braune Gebäck und schob es mir in den Mund. „Mmmmhh, nicht schlecht. Schmeckt etwas seltsam erdig. Schokolade aus der Ukraine?“ frug ich. „Ja, gute Tschokolada aus Cheimat, chuachuachua!“ lachte Editha und reichte mir noch eine zweite Kostprobe, die ich bereitwillig verschlang. Ich bin ja ein höflicher Mensch. Die gute Frau stöpselte sich die Ohren mit Musik zu und sprach: „Jetzt Werbung, dann Frihstickspause!“ Damit verließ sie das WC pfeifend und grinsend, und ich konnte endlich ungestört meinem Geschäft nachgehen.

Als ich wenig später am Computer saß und Umsatzzahlen in eine Excel-Tabelle eintrug, begann plötzlich mein Gesicht zu zittern. Ein höchst befremdliches Gefühl, das kann ich Ihnen versichern. „Mein Gesicht zittert!“ flüsterte ich zu Cerny, der mich mit seinen brillenverstärkten, riesengroßen Augen verständnislos ansah. Ich wollte etwas antworten, doch mein Mund war trocken wie ein Wasserloch in der Sahara. Ich brachte nur ein erbärmliches Krächzen zustande, das sich wie „sichtzitt mnd oohh trck“ anhörte. Sprach ich plötzlich Suaheli, oder gar finnisch? Ein Wunder? Ich blickte auf die Tabelle vor mir am Bildschirm… und sah nur einen Haufen Zahlen und Striche. Der tiefere Sinn dahinter blieb mir verborgen. Im Zeitlupentempo stand ich auf und schlich zum Waschbecken. Der Weg dorthin beträgt zwar nur zwei Meter, mir erschien er jedoch wie zwei Kilometer. Was hat eine Gewichtsangabe wie Kilo mit einer Längenangabe wie Meter zu tun? Verdammt. Ich war verwirrt, stülpte meine Lippen über den Wasserhahn und drehte auf. Leider verwechselte ich die blaue mit der roten Armatur und ein Strahl heißes Wasser verbrühte mir die Zunge und alle umliegenden Schleimhäute. „Aaaahhhh!“ spuckte ich Cerny, der eben angelaufen kam, in hohem Bogen mitten ins Gesicht. „Moser!“ rief dieser. „Was ist mit Ihnen? Ist Ihnen nicht gut??“ „Mein Gesicht zittert“, was mir in dieser Situation aber so absurd erschien, dass ich lauthals zu lachen begann. Wahrscheinlich durch meinen Lachkrampf angelockt, steckte Editha ihren Kopf durch die Tür. „Kekse gut, Moser? Chuachuachua!!!“ In dieser Sekunde wurde mir alles klar. Editha, die ja auf dem Männerklo gerne mal einen Joint durchzieht, hatte das Hasch diesmal in ihren seltsamen Keksen verbacken. Wie sonst wäre mein zitterndes Gesicht zu erklären? „Editha! Haben Sie mir Haschkekse untergejubelt? Bin ich high?“ „Ist guter Stoff, von Cousin aus Kiew. Magst du noch ein Stick?“ Editha grinste von einem Ohr zum anderen. Cerny brach in tosendes Gelächter aus: „Der brave und stets ordentliche Herr Moser ist zugedröhnt! Ich pack es nicht!!“ Ich packte es auch nicht und stimmte in das Gelächter ein bis mir die Tränen übers zitternde Gesicht liefen. Der Lachkrampf ging ansatzlos in einen heftigen Weinkrampf über und mein Kollege meinte: „Ich rufe Ihnen jetzt ein Taxi. Sie müssen nach Hause.“ Ich vertiefte mich in die Tausend kleinen weißen Schuppen auf Cernys schwarzem Sakko und murmelte: „Hier ist der Große Wagen, da sind Castor und Pollux. Sie tragen die Last des gesamten Universums auf Ihren Schultern, lieber Herr Doktor.“

An die Taxifahrt kann ich mich nur noch dunkel erinnern. Ich weiß aber, dass ich dem Fahrer 20 Euro Trinkgeld gegeben habe, weil er mich an die türkische Version meines schwerhörigen Onkel Albert erinnerte. Heidi erschrak, als ich unangemeldet und unerwartet kurz vor Mittag ins Wohnzimmer schwebte. Dazu sang ich mit krächzender und wie ich meine überaus überzeugender Louis-Armstrong-Stimme „And I think to myself… what a wonderful woooorld!“  Mein besorgtes Weib musterte mich argwöhnisch und stellte die alles entscheidende Frage: „Moser, was ist mit dir? Bist du betrunken, am helllichten Tag? Deine Augen sind ganz rot!?“ „Bindehautentzündung!“ war mein geistesgegenwärtiger Konter. „Und jetzt Essen!“ Ich verspürte nämlich ein noch nie gekanntes Hungergefühl. „Aber ich hab doch nichts vorbereitet, ich habe erst um 16 Uhr mit dir gerechnet!“ jammerte Adelheid. „Macht nix, Baby!“ grinste ich meiner Liebsten verschwörerisch zu, trippelte in die Küche, schnappte mir eine Packung Kartoffelchips, ein Bounty, eine Tafel dunkle Orangen-Schokolade, den letzten Rest der ungarischen Salami aus dem Kühlschrank und eine Flasche Apfelsaft.“Na du hast ja wirklich Hunger!“ staunte Heidi. „Ja, ich habe heute erst zwei Kekse gegessen!“ Ein lautes Chuachuachua! lachend entschwand ich ins Schlafzimmer.

Hereinspaziert!

Dieser Tage publizierte der werte Kollege kroetor auf seinem Blog einen Beitrag zum Thema Gefahr. Darin erwähnte er, dass er sich selbst gerne dann und wann einen Adrenalinrausch genehmigt, indem er in einer Achterbahn mörderische Loopings dreht, mit einem Bungee-Seil an den Füßen in die Tiefe springt, mit einem Affenzahn auf einem Fahrrad den Berg herunter brettert oder in einem Hochseilgarten herumklettert. Er mag den Nervenkitzel, den kleinen Kick, denn er weiß tief im Inneren, dass an sich nichts passieren kann. Jedenfalls fühle er sich dank Adrenalin und Glückshormonen nach dem Erlebnis ungleich besser.

Kroetors Worte fielen mir ein, als ich unlängst mit meiner Heidi durch den Wiener Prater flanierte. Der berühmte Vergnügungspark mit den umliegenden Wald- und Wiesenflächen blickt auf eine lange und abwechslungsreiche Geschichte zurück. Im Jahr 1766 schenkte Kaiser Josef II. das Areal, welches bis dahin als Jagdrevier nur dem Adel zugänglich war, als Erholungsgebiet seinem Volk. Außerdem genehmigte der gütige Herrscher auch die Errichtung von Gastonomie-Ständen, sodass am Rande des einstigen Jagdreviers schon bald der Vorläufer des heutigen Wurstelpraters entstand. Erste Gasthäuser und Weinschenken eröffneten, Kaffeesieder, Drehorgler und Lebzelter siedelten sich an, Schaukeln und Kegelbahnen folgten. 1895 wurde das Vergnügungsareal „Venedig in Wien“ errichtet, 1897 in dessen Mitte das allseits bekannte Riesenrad. Die feine Gesellschaft fuhr hier mit dem Fiaker aus, Kadetten und Wäschermädel hatten ihr Rendezvous, „Hutschenschleuderer“ und Kuriositätenkabinette wetteiferten um die Gunst des Publikums. Im ausklingenden 19. Jahrhundert, als der Schwarze Kontinent noch in vielen Bereichen eine Terra incognita war und sich zahlreiche Schauergeschichten um dessen Einwohner rankten, wurden im Wiener Prater auch Der Negerkönig von Aschanti und sein Dorf zur Schau gestellt. Wie wilde exotische Tiere, nicht wie Menschen wurden die rund 70 Afrikaner in Baströcken ausgestellt und begafft. Für die Betreiber war das entwürdigende Schauspiel ein gutes Geschäft, denn Zigtausende Wiener wollten die „Menschenfresser“  aus Afrika sehen.

Als Spiegel der Gesellschaft wandelten sich im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte auch die Attraktionen und Vergnügungen im Prater. Als Herr Moser noch ein kleiner Moserbub war und an besonderen Feiertagen mit den Eltern in die Welt der Schausteller eintauchen durfte, saß ich jauchzend in einem hölzernen Schwan, der auf Schienen in einem mit Wasser gefüllten Betonbassin seine Runden zog. Oder ich fuhr offenen Mundes mit der Märchengrottenbahn durch ein dunkles Bergwerk, wo Zwerge aus Pappmache mechanisch und unermüdlich ihre kleinen Pappmache-Hämmer schwangen, während im Hintergrund ein schlafendes Pappmache-Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg auf den Prinzen wartete. Und wenn mich hungerte, kaufte mir Mama Fritzi bei einem zerfurchten alten Mann, der mit einer grünen Schürze und einem Holzfass am Wegrand stand, eine Salzgurke.

All das fiel mir ein, als ich mit Heidi nun durch den Wurschtelprater lustwandelte. Den Namen hat der Freizeitpark übrigens vom Hanswurst, der in kleinen Puppentheatern seine Späße trieb, und nicht von den Wiener Würsteln. Vom Prater meiner Kindheit ist nicht viel übrig geblieben. Die alten Salzgurkenmänner wurden durch kleine McDonalds-Läden ersetzt, die friedlichen, kinderfreundlichen Fahrgeschäfte durch monströse, bunt blinkende Schleuderapparaturen. Der Prater 2017 ist zu einem lauten High-Tech-Unternehmen geworden, wo sich Menschen unter Gebrüll und bei penetranter Musik uffta uffta uffta  waghalsigen und halsbrecherischen Geräten ausliefern. Als sich der Wagen einer Achterbahn, die in Wien übrigens Hochschaubahn genannt wird, donnernd und unter wildem Gekreische der Passagiere in eine Steilwandkurve legte, musste ich an den Kollegen kroetor denken. Er weiß ja tief im Inneren, dass ihm nichts passieren kann. Ich teile diese optimistische Gelassenheit nicht, und würde um kein Geld der Welt jemals irgendeine dieser Höllenmaschinen besteigen.

Mein gefährlichstes Praterabenteuer bestand ich übrigens im zarten Alter von etwa 10 Jahren. Im schützenden Arm meines Papas Poldi, der mich wohl zum Mann machen wollte, fuhr ich in das unheimliche Dunkel einer Geisterbahn. Schluchzend ließ ich mich von fluoreszierenden Skeletten und tiefrot-schwarz bemalten Teufelsmasken erschrecken, erhielt dann aber zum Trost von Mama wenigstens rosafarbige, picksüße Zuckerwatte.

Sollten Sie, liebe norddeutsche Leser, demnächst einen Städtetrip in die wundervolle Wienerstadt und einen Besuch des Praters planen, gebe ich Ihnen noch einen Gratistipp auf den Weg: Wenn Sie von den Einheimischen nicht als „Piefke“ enttarnt werden wollen, nennen Sie ein Karussell in der Öffentlichkeit niemals Karussell. In Wien heißt das Ringelspiel (korrekte Aussprache: Ringlgspü).  Und im Gastgarten bestellen Sie bitte kein Pils, sondern einfach a Krügerl (ein 0,5 l Krug helles Bier), und auf keinen Fall eine Weißwein-Schorle (Todsünde!), sondern an weißen Spritzer. Und falls Sie wie der Kollege kroetor zur Gattung der Adrenalin-Junkies gehören, wissen Sie ja tief im Inneren, dass Ihnen eigentlich nichts passieren kann.

Nachwuchsförderung

Ich habe Ihnen doch letztens von meinen Ahnen berichtet, von meinem Vorfahr Moses van Moses, der als eingewanderter Auswanderer der Neuen Welt und dem Bibergeschäft den Rücken kehrte und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände als Hilfsarbeiter in einem fischverarbeitenden Hamburger Betrieb landete. Wie der aufmerksame Leser weiß, waren die Mosers seither und damit seit vielen Generationen in irgendeiner Weise beruflich dem Fisch verbunden. Eine Tradition, die ich gerne fortgeführt sähe. Leider haben Heidi und ich aber  keinen Nachwuchs gezeugt, sodass die Linie der Mosers im Fischgewerbe vom Aussterben bedroht ist. Nur Heidis knapp 14-jähriger Neffe Luki ist beruflich noch unentschlossen und könnte die Familientradition retten.

Also köderte ich den ahnungslosen Teenager am Freitag mit einem nicht näher definierten Ausflug. Ich wollte ihn mit einer ganz persönlichen Führung durch unsere Fischkonservenfabrik überraschen, ihn in die Geheimnisse  der Heringsfilets in Tomaten-Basilikum-Sauce und der durch und durch vegetarischen Tofu-Fischkonserven einweihen. Ich wollte ihn Fischblut lecken lassen, ihm eine Karriere in der Fischbranche schmackhaft machen. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Ich holte Luki pünktlich um 8:30 morgens ab, und als er 20 Minuten später tatsächlich aus der Haustüre trat, war er noch reichlich verschlafen und recht einsilbig. „Wo fahren wir hin?“ frug der junge Mann einigermaßen desinteressiert. „Magst du Fisch?“ gab ich unbekümmert und fröhlich zurück. Plötzlich war Luki hellwach: „Fahren wir ans Meer?? Ja, Onkel Moser, ans Meer nach Sardinien?“ „Sardinien ist ein bisschen weit, aber Sardinen gibt es da auch…“ machte ich auf geheimnisvoll. Und schon roch der vife Bursche den Braten: „Nein, sag nicht, ich muss mit dir in die Fischfabrik!!? Eeeyy, booaaah. Was soll ich da? Ich hasse Fisch.“ „Luki, niemand hasst Fisch“, gab ich zu bedenken. „Das Meer ist der Ursprung allen Lebens, auch wir Menschen sind vor vielen Millionen Jahren dem Meer entstiegen, haben die Kiemen abgeworfen und uns über den aufrechten Gang zum Homo sapiens entwickelt. Die Welt der Fische ist einzigartig und unglaublich vielfältig. Sie bieten uns Nahrung, Wohlstand und Sicherheit. Man kann sie grillen, kochen, konservieren, räuchern, pochieren!“ Ich merkte, dass mein Vortrag etwas unkoordiniert ablief und blickte kurz zu Luki auf dem Beifahrersitz. Doch der war längst in sein Smartphone vertieft.

Am Fabriksparkplatz angekommen, folgte mir der Teenager höchst widerwillig und nur unter Protest in die Heiligen Hallen. In der Empfangshalle kam uns Editha, die ukrainische Putzfrau, entgegen. Sie schwang Eimer und Wischmopp, und rief lauthals: „Cherr Moooser! Sie chaben Sohn?? Ist aber großes Iberraschung!“ Editha schnappte sich Luki, umarmte ihn in ihrer herzlich-deftigen Art und drückte ihm einen feuchten, ukrainischen Schmatz auf die Wange. „Wie heisst du, Junge?!“ Der arme Junge blickte mich angewidert und hilfesuchend an. Editha tätschelte ihm die Wange und meinte: „Bist du schichtern, mein Kleiner?“ Das kommt bei einem 14-Jährigen gar nicht gut, er riss sich los und zischte ein „Hey, chill!“. Ich packte Luki bei der Hand und zog ihn davon: „Wir müssen weiter, nasdarowje Editha! Und er ist nicht mein Sohn!“ Der Neffe schüttelte meine Hand ab und folgte mir ins Büro.

Mein Kollege Cerny machte gerade Dehnungsübungen am Schreibtisch, als ich Luki an meinen Arbeitsplatz führte. „Gott zum Gruße!“ keuchte Cerny und klopfte sich eine Handvoll Schuppen von den Schultern. „Wen haben wir denn da?“ musterte der Wirtschaftsdoktor meinen Schützling durch seine zentimeterdicke Brille, wobei die unnatürlich vergrößerten Augen auf und ab schwammen. „Ein neuer Lehrling?“ „Das ist mein Neffe Luki, ich zeige ihm ein wenig die Fabrik“, erläuterte ich. „Früh übt sich, was ein Meister werden will! Möchtest du in Fischbranche einsteigen?“ frug Cerny an Lukis Adresse. Der musterte gerade meinen Computer und konterte trocken: „Damit ich an solchen Steinzeitrechnern arbeiten muss? Nein danke. Von wann ist der? 2010???“ Er lachte, als ob 2010 schon hundert Jahre her ist. Cerny legte sich auf den Boden und begann mit seiner Sit-up-Einheit, als Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer das Büro enterte: „Moser! Diese russische Putzfrau hat mir erzählt, dass Sie Ihren Sohn mitgebracht haben! Ich dachte immer, Sie sind kinderlos. Hallo junger Mann!“ Er streckte Luki seine riesige Pranke entgegen. Der ließ vor Schreck sein Handy fallen und täuschte einen Hustenanfall vor. „Tschuldigung, aber ich warte im Auto….“ röchelte er und flitzte wie vom wilden Affen gebissen durch die Tür. „Tja, Kinder“, murmelte ich bedauernd und schulterzuckend.

Meine Predigt über unerlaubtes Entfernen vom Arbeitsplatz ließ Luki ungerührt über sich ergehen. „Arbeiten in deiner Fabrik nur Spackos?“ war sein einziger Kommentar. Ich denke, für die Fischkonservenbranche ist Lukas Moser verloren. Aber ich gebe nicht auf. Zum 14. Geburtstag bekommt er ein Aquarium mit bunten Fischen. Vielleicht kann ich ihn über die Aquaristik ins Fischlager holen.