Archiv der Kategorie: Der tägliche Wahnsinn

Sei Poet!

„Phantasie ist wichtiger als Wissen,

denn Wissen ist begrenzt.“

(Albert Einstein)

Ihr werter Herr Moser, obzwar im Brotberuf nur ein simpler Abteilungsleiter in der Konservenbranche, ist seit jeher ein Bewunderer des Wortarchitekten und Poeten André Heller. Bei seinen Liedern, Gedichten und Texten vermag ich abzutauchen in eine Welt, die mich zutiefst berührt, die mich gefangen nimmt, die mich entführt in Zauberschlösser der Fantasie, gebaut auf dem Fundament der brutalen Realität. So wahr, so echt, so ausdrucksstark. Ich selbst fühle mich ja auch der Gilde der sensiblen Wortkünstler zugehörig, freilich ohne jemals auch nur annähernd die berührende Qualität der Meister wie Heller oder des jungen Günter Grass zu erreichen. Während André Heller und Grass mit ihren Worten imposante Kathedralen errichten, zimmere ich bloß kleine Reihenhäuschen. Schon als junger Mann liebte ich den Sohn der Süßwaren-Dynastie Heller, der 1947 als Francis Charles Georges Jean André Heller-Huart das Licht der Welt erblickte, als 20-Jähriger den ersten deutschsprachigen Pop-Sender Ö3 mitbegründete, und sich in den 70er Jahren einen grandiosen Ruf als Chansonnier und Liedermacher erspielte. In meinem ersten Auto, einem himmelblauen VW Käfer mit „Atomkraft nein danke!“-Aufkleber, lief im klobigen Kassettengerät sein Live-Album „Bitter und Süß“ in Dauerschleife, bis ich jedes Wort mitsprechen und –singen konnte. Meine Verehrung für den Poeten ging sogar so weit, dass ich ihm Ende der 70er gemeinsam mit einem Häufchen Gleichgesinnter einen Brief schrieb, in dem wir unserer Bewunderung Ausdruck verliehen und um Audienz baten. Das Wunder geschah: André lud uns in seine Jugendstil-Villa im noblen Vorstadtbezirk Hietzing. Worüber wir in diesen berührenden, intensiven zwei Stunden im Detail sprachen, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass Heller keine Sekunde überheblich war und sich herab begab auf das Maturaniveau der pickeligen Jünglinge, um auf Augenhöhe mit uns zu diskutieren und zu philosophieren.

Als Heidi unlängst das Internet auf der Suche nach einem interessanten Theater- oder Kabarettabend durchforstete, stieß sie auf „Holodrio – Lass mich Dein Dreckstück sein“ im Rabenhof-Theater, ein Programm, das ausschließlich auf Texten von André Heller beruht. Da gab es nicht viel zu überlegen, und ein paar Klicks später waren wir im Besitz von drei Tickets, da Schwiegermama Inge ebenfalls ein ausgewiesener Heller-Fan ist und uns begleiten sollte. Gestern Abend fanden wir uns, geschnäuzt, frisiert und parfümiert, im Rabenhof ein. Erwartungsfroh und neugierig, doch ohne recht zu wissen, was auf uns zukommen würde. 100 Minuten und eine Zugabe später waren wir uns einig: Die wahren Abenteuer sind im Kopf… und auf der Bühne des Rabenhof-Theaters. André Hellers poetische Expeditionen wurden hier als literarisch-musikalische Revue dargeboten, die ihresgleichen sucht. Schräg, schrill, anders, bezaubernd, verzaubernd, fantastisch. Das kleine 4-köpfige Ensemble interpretierte Hellers Lieder, Texte und Jugenderinnerungen mit viel Herzblut und Schweiß. Da ich nur der kleine Moser bin und nicht der große Heller, fehlen mir hier die Worte, um das Spektakel adäquat zu beschreiben. Einen kleinen Ausschnitt gibt es hier.

Sollte „Holodrio“ demnächst in einem Theater in Ihrer Nähe gastieren, lassen Sie sich diese Hommage an André Heller nicht entgehen. Es ist nicht nur beste Unterhaltung, es sind zeitlose Preziosen des selbsternannten Eulenspiegels aus Wien, dessen Narrenkappe auch immer Gelehrtenhut war. Ganz im Sinne des Wiener Schmähtandlers Heller wird hier nicht Kabarett, sondern Cabaret geboten, ein Flic Flac der Fantasie.  Wir brauchen solch gnadenlose Poeten wie Heller, wir brauchen seine Fantasie und Träumereien auch als Bollwerk gegen die Menschenverachtung und soziale Kälte der rechten Parteien.

Sei Poet
Benütz die Sprache als ein Federbrett
Spring einen Salto in die Alphabete
Zieh jeden Satz wie eine Flagge hoch!

Sei Poet
Nicht Schaf im Wolfspelz für ein Schattenspiel
Nicht Winterkleid für all‘ die dünnen Phrasen
Die Jedermann zu Jedermann an jeden Tag erzählt!
Dann kannst du Gärtner der Träume sein
Und kannst Kalif von Bagdad sein –
Mehr will ich nicht von dir!

Sei Poet
Den inn’ren Erdteil sollst du projizieren
Mit magischen Laternen und mit Spiegeln
Die man für zwei Kometen überall erhält!

Sei Poet
Nicht Schaf im Wolfspelz für ein Schattenspiel
Nicht Winterkleid für all‘ die dünnen Phrasen
Die Jedermann zu Jedermann an jeden Tag erzählt!
Dann kannst du Gärtner der Träume sein
Und kannst Kalif von Bagdad sein –
Mehr will ich nicht von dir!
Mehr will ich nicht von dir!

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Morgenstund hat Gold im Mund

Heute klingelte der Handywecker meiner fleißigen Heidi um 5:45 morgens. Bemüht leise krabbelte sie aus der Bettstatt und schlich aus dem Schlafzimmer, um in der Küche ihren berühmten Kaffee zu brauen. Stark, heiß, mit ein wenig Milchschaum und zwei Stück Süßstoff – so wie ich ihn mag und brauche, um für einen harten Arbeitstag gerüstet zu sein. Ich fühlte mich wie erschlagen und total erschöpft. Gähnend rieb ich mir etwas Schlafsand aus den Augen und taumelte ins Badezimmer. „Verdammt!“, dachte ich, „Ist schon wieder Montag? Das Wochenende ist ja wie im Flug vorbei gerauscht… was habe ich eigentlich die ganze Zeit gemacht?“ Mir fiel nichts Nennenswertes ein und ich stellte mich unter die Dusche, drehte das heiße Wasser auf, schloss die Augen und machte noch ein kurzes Nickerchen. Anschließend tapste ich zum Spiegel, rasierte mir die Zähne und bürstete meinen Bart. Mit Wattestäbchen reinigte ich meine Achselhöhlen und sprühte mir etwas Deo (Limettenfrische!) in die Ohren. Scheiß-Montag! Eine neue Woche Cernypfotenhauerfabrikswahnsinn. Während ich in mein frisch gebügeltes weißes Abteilungsleiterhemd schlüpfte und mir statt einer Krawatte den Stoffgürtel von Heidis mintfarbenem Lieblingskleid um den Hals band, warf ich einen Blick aus dem Fenster: In der Nacht hatte uns Mr. Snow einen seiner seltenen Besuche abgestattet und die Dächer und Gärten unserer Reihenhaussiedlung angezuckert. Prima! Montagmorgen und Schnee, Chaos und Stau auf den Straßen waren vorprogrammiert.

Jetzt brauchte ich dringend meinen Kaffee. Ich betrat das Wohnzimmer und rief: „Neue Woche, neues Glück! Es hat geschneit! Das Deo im Ohr juckt höllisch! Wie gefällt dir meine neue Krawatte? Sie lässt sich nicht richtig binden.“ Adelheid vollführte einen abgefahrenen Freudentanz rund um den Esstisch, schenkte mir einen entrückten Blick und rief inbrünstig: „Bravo! Bravo! Bravissimo!!“ „Danke. Ich weiß, dass mir Mint steht. Aber kein Grund auszuflippen. Der Knoten sitzt miserabel.“ „Marcel!“ rief mein treues Weib und fiel mir um den Hals. Heidi war eindeutig übergeschnappt und ich klärte sie behutsam auf, dass mein Name Moser und nicht Marcel sei. Sie flüsterte mit tränenerstickter Stimme: „Gold!“ und zeigte auf den Fernseher. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Glotze lief – sehr ungewöhnlich für Heidi und einen Montagmorgen. Dann realisierte ich, dass auf dem Bildschirm Marcel Hirscher, der weltbeste Skifahrer aus Österreich, mit Heidi über die Goldmedaille im Riesentorlauf jubelte. Meine wintersportbegeisterte Frau leidet derzeit am südkoreanischen Olympiafieber und war am Sonntagmorgen extra um 5:45 aufgestanden, um den rotweißroten Superathleten siegen zu sehen. „Es ist also gar nicht Montag??!!“ starrte ich Heidi entgeistert an. „Ich muss nicht ins Büro??“ „Montag?“ lachte sie. „Dummerchen! Wie kommst du darauf? Sonntag, Riesentorlauf! Hirscher hat Gold!“ Ich war entsetzt und erleichtert: „Ich kann wieder ins Bett?“ „Na klar, aber warum hast du meinen Blümchengürtel um den Hals?“ „Das ist eine lange Geschichte. Gute Nacht Heidi.“ Ich drückte ihr ein Küsschen auf die Wange und schleppte mich nach oben ins Schlafzimmer. „Aus deinem Ohr riecht es nach Limetten!“ rief sie mir hinterher.

Ich fiel ins Bett und in einen traumlosen Schlaf. Heidi und Marcel hatten mir einen Sonntag geschenkt. Cerny und Pfotenhauer müssen warten.

Foto: laola1

Valenfischtag

Faschingszeit ist auch Fischzeit, und speziell am Aschermittwoch werden hierzulande beim traditionellen „Heringschmaus“ mehrere Tonnen der köstlichen Meeresbewohner verschlungen. In unserer Fischmanufaktur herrscht also seit Wochen Hochbetrieb, um die Nachfrage zu befriedigen. Kein hungriger Kunde soll dieser Tage vor einem leeren Konservenregal stehen, unsere Produktionsanlagen laufen auf Hochtouren. Dies bedeutet natürlich jede Menge Stress, da auch in unserer Branche kleinere und größere Pannen vorkommen und kurzfristig für Bluthochdruck sorgen. Etwa wenn eine heiß ersehnte und dringend benötigte Heringslieferung nicht zeitgerecht eintrifft, weil der LKW vom Wintereinbruch überrascht wurde und mit umgestürztem Anhänger irgendwo am Brenner im Schnee herumkugelt.

Bei einem dampfenden Berg Spaghetti Bolognese erzählte ich meiner lieben Heidi am Freitagabend von den Sorgen und Nöten ihres Abteilungsleiters. Geduldig hörte sie meinem Vortrag zu, und nickte bei den Stichworten Aschermittwoch, Heringschmaus, Produktionsfehler, Abfüllanlage, technisches Gebrechen, Cerny, Pfotenhauer, Makrelen, Fasching und Schnauze voll mitleidig. Ich rieb gerade noch eine großzügige Portion Parmesan über die tomatige Fleischsauce, als Heidi einwarf: „Du weißt aber hoffentlich, dass am Mittwoch nicht nur Aschermittwoch, sondern auch Valentinstag ist. 14. Februar.“  Rasch ergriff ich die Hand meiner geliebten Gattin und drückte ihr ein Küsschen auf den nach Nivea duftenden Handrücken, was einen orange-roten Lippenabdruck Marke Bolognese hinterließ. „Natürlich, mein Täubchen. Der Tag der Liebenden, wie könnte ich ihn vergessen!“ Um den Valentinstag NICHT wahrzunehmen oder zu vergessen, müsste man schon auf einer einsamen Alm ohne Internet und Fernsehen leben. Auf Schritt und Tritt verfolgt mich die Werbemaschinerie, um mich mit mehr oder weniger dezenten Kaufanregungen an den 14. Februar zu erinnern. Und längst sind es nicht nur Blumen-, Süßwaren- und Schmuckhändler, die ihre Aktionen und Valentinsangebote herausposaunen, drucken, verteilen, posten und plakatieren. Es gibt ja fast kein Produkt mehr, dem nicht das Mäntelchen des Hl. Valentin umgehängt wird: Kaffee, Katzenfutter, Sekt, Schuhe, Polstermöbel, Handys und Modehäuser, um nur einen Bruchteil zu nennen, buhlen um die Gunst des liebenden Käufers.

Während Heidi die Spaghetti-Teller im Geschirrspüler verstaute, blätterte ich ein wenig in den bunten Postwurfsendungen der letzten Tage. Wie erwartet  fand ich Dutzende Angebote für verlockende Valentinsgeschenke, darunter auch eine herzförmige, schwarze Hartplastikschale prall gefüllt mit… nein, keine Pralinen oder Rosenblüten, sondern Sushi! (siehe Foto oben). Inkl. Lachs Nigiri, California Maki, Soja und Wasabi um knapp 10,- Euro. Ich liebäugelte bereits heftig mit diesem Präsent, das Aschermittwoch und Valentinstag auf so originelle Weise verband, als Adelheid aus der Küche rief: „Aber gib nicht zu viel Geld aus!“ Passt. „Hauptsache es ist romantisch!“ Verdammt. Als Frauenversteher und intimer Heidi-Kenner wusste ich natürlich, dass ein Sushi-Valentinsherz aus dem Supermarkt wenig Aussicht auf Freude und Dankbarkeit hatte. Im Gegenteil: Wenn ich nicht einen Diamantring unter dem Lachs versteckte, würde es ein Abend des eisigen Schweigens werden. Ich schlich ins Arbeitszimmer und reservierte via Internet in einem unserer besten Fischrestaurants einen Tisch für zwei für das Valentins-Heringsschmaus-Buffet. Bloß die roten Rosen darf ich nicht vergessen.

Schutt und Asche

Die abgelaufene Arbeitswoche war der blanke Horror – unsere geliebte Fischkonservenfabrik versank im Chaos, es regierten Schutt und Kälte. Was war geschehen? Bereits im Januar, kurz nach dem weihnachtlichen Betriebsurlaub, war die Heizung im Verwaltungstrakt immer wieder mal stundenweise ausgefallen. Einige Mitarbeiter mit besonders feinem Näschen wollten sogar Gasgeruch wahrgenommen haben. Gerüchte von einem Gasleck machten die Runde und Controllerin Kathrin K. meinte besorgt: „Ich bin bereit, wenn mein letztes Stündlein geschlagen haben sollte und ich von einer Gasexplosion zerfetzt werde – aber bitte nicht hier. Ich will nicht in der Fischfabrik meinen letzten Atemzug tun, das wäre ein unwürdiger Schlusspunkt meines Lebens!“ Offenbar sah dies unser großer Vorsitzender, der allmächtige Generaldirektor Mag. Erwin Pfotenhauer, ähnlich und veranlasste eine mess- und rohrtechnische Untersuchung der Heizung. Das Ergebnis war zwar nicht unmittelbar lebensbedrohend, aber doch niederschmetternd. Die Gas- und Heizungsrohre unserer in die Jahre gekommenen Manufaktur mussten umgehend getauscht und erneuert werden. Und letzten Montag nahmen die braven Handwerker ihre Arbeit auf.

Sie stemmten unsere hübschen, alten Ziegelwände erbarmungslos auf, errichteten im Treppenhaus metallene Gerüste, riefen sich in babylonischer Sprachverwirrung unverständliche Befehle zu, tranken bereits am Vormittag Bier und blockierten mit ihren LKWs meinen Parkplatz. Über allem lag eine dicke Schicht Ziegelstaub, und natürlich war es bitterkalt, weil die Heizung während der Instandsetzungsarbeiten abgeschaltet war. Wir schlichen wie verängstigte Tiere über die staubigen Gänge, dick eingemummt in Daunenparkas und Wollschals, und besuchten uns gegenseitig in den Büros: „Ist es bei euch auch so kalt?“ Am meisten litt unsere putzige Reinigungskraft aus der Ukraine. Editha raufte sich angesichts von Bauschutt und Staublawine die Dauerwelle und jammerte: „Kann ich nix putzen, kommt immer neie Dreck!“ Zum Beweis strich sie mit ihrem klobigen Zeigefinger über ein Fensterbrett und hielt mir ein Häufchen hellroten Ziegelstaub unter die Nase: „Cherr Moser, da guck! Hab ich geputzt vor einer Stunde! Ist Katastrophe. Jetzt Frihstickspause.“ Damit entschwand sie in der Herrentoilette.

Am Dienstag ließ Direktor Pfotenhauer zur Linderung der ärgsten Not elektrische Heizstrahler verteilen. Die Plusgrade stiegen dadurch zwar leicht in den zweistelligen Bereich (13°), doch fraßen die Radiatoren auch ungewohnt viel Strom. Um 10:45 brach das überlastete Stromnetz zusammen und wir saßen im Dunkeln. Kein Licht, keine Heizstrahler, keine Computer, kein Kaffeeautomat. An geregelte Arbeit war nicht zu denken. Am Mittwoch brachte ich meinen privaten, akkubetriebenen Laptop mit ins Büro und spielte mir klammen Fingern ein paar Runden Tetris. Kollege Cerny legte seine dicke Brille und das schwarze Schuppensakko ab, und übte sich in Leibesertüchtigung. Zwischen Kniebeuge 39 und 40 meinte er: „Das hält warm, ist gesund und vertreibt die Zeit.“ Ich weiß aber, dass er bereits für den Vienna City Marathon trainiert und jede freie Minute in körperliche Fitness investiert, da er die 42 Kilometer im Vorjahr nicht bewältigt hat. Zwischendurch hatten wir zwar kurzfristig wieder Strom, aber spätestens nach 30 Minuten war es wieder vorbei mit der Elektrizität. Die Kantine wurde geschlossen.

Am Mittwoch herrschten im Trümmerschutt weiterhin Kälte, Dunkelheit, Verzweiflung, Hunger und Arbeitslosigkeit. „So muss es meinen Eltern im Zweiten Weltkrieg ergangen sein“, sagte ich zu Editha, die gerade Mauerreste, abgeschlagenen Verputz und Ziegelbrocken in eine Schubkarre schaufelte. „Ja, haben wir cheute in Ukraine immer noch. Schlimm!“ Zum Troste drückte ich der gepeinigten Putzfrau meinen Plastikbecher mit Heidis Kaffee aus der Thermoskanne in die Hand: „Hier, machen Sie Pause. Das ist ohnehin eine undankbare Sisyphusarbeit.“ Aus dem zweiten Stock ertönte das ohrenbetäubende Dröhnen eines Presslufthammers, das Licht der Leuchtstoffröhren begann zu flackern. Editha ging hinter ihrem Putzwägelchen in Deckung.

Am Donnerstag hatte ich eine grandiose Eingebung: Ich würde bei Direktor Pfotenhauer vorsprechen und aufgrund der unzumutbaren Arbeitsbedingungen für die komplette Belegschaft der Verwaltung arbeitsfrei fordern! Bezahlt natürlich. Vor meinem geistigen Auge sah ich bereits, wie mich die Kollegen und Kolleginnen auf die Schultern hoben, mich jubelnd durch die Abteilung trugen und als Helden feierten: „Herr Moser, er lebe hoch! Dreimal hoch! Unser Retter, unser Messias! Herr befiehl, wir folgen dir!“ Und wenn Pfotenhauer meine Forderung ablehnen sollte, würde ich einen Aufstand anzetteln. Viva la revolution! Ein Platz in den Geschichtsbüchern der Fischkonservenfabrik war mir sicher.

Um 13:15 hatte der Direktor endlich Zeit und empfing mich zu einer kurzfristig angesetzten Audienz. Ich hatte mich inzwischen in die Rolle des Widerständlers, des Aufrührers und Retters der Geknechteten eingelebt und trug mein Anliegen mit roten Backen und geschüttelter Faust vor. „Und darum fordere ich im Namen der Belegschaft für die Dauer der Instandsetzungsarbeiten bezahlten Urlaub!! Diese Zustände sind nicht länger tragbar, Sie gefährden die Gesundheit unschuldiger Menschen! Auf die Barrikaden, Genossen! Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit!“ Mit diesen geschichtsträchtigen Worten – hinausgeschrien in den Ziegelstaub, der auch vor dem kalten Büro des Generaldirektors nicht Halt machte – beendete ich meinen eindrucksvollen Vortrag. Bebend stand ich vor dem Big Boss, bereit für meine Leute zu sterben. Pfotenhauer sah mich gelangweilt an. „Herr Moser“, sagte er fast mitleidig, machte eine kleine Kunstpause und sah demonstrativ auf seine protzige Rolex. „Wie mir der Baustellenleiter eben mitgeteilt hat, sind die Arbeiten abgeschlossen und ab 14 Uhr wird die runderneuerte Heizung wieder laufen. Aber für die verbleibende halbe Stunde gebe ich Ihnen und Ihren Kollegen gerne frei.“ Zwar nur ein Pyrrhussieg, aber immerhin ein Sieg. Ich bedankte mich bei Mag. Pfotenhauer, salutierte kurz und kehrte zurück in meine Abteilung, um den Kollegen die frohe Botschaft zu überbringen.

Am Freitag fegte eine professionelle Putztruppe durch das Gebäude, und stellte zur Unterstützung unserer überforderten Editha mit acht Fachkräften, bewaffnet mit Hochdruckgebläsereinigern, den ursprünglichen Sauberkeitszustand wieder her. Die Heizkörper strahlten wohlig warm vor sich hin, Editha machte eine ausgiebige Frihstickspause mit Hasch Brownies auf der Herrentoilette. Meine Karriere als Revolutionär und Arbeiterführer war zwar vorzeitig geplatzt, aber ich bin froh, dass nächste Woche wieder Ruhe und Routine einkehren. Schönes Wochenende!

Hansi und Burli

Nachdem gestern unser außerirdischer Marcel Hirscher im 1. Durchgang des Riesentorlaufs von Garmisch die mitwedelnde Konkurrenz weit hinter sich gelassen hatte, meinte meine stets aktive und nimmermüde Heidi allen Ernstes: „Ein bisschen Bewegung würde deinem eingerosteten Bürohintern auch nicht schaden, Moser! Machen wir einen kleinen Spaziergang.“ Ich eilte in den Garten, um Wind- und Wetterlage zu prüfen und beschied meiner agilen Gattin: „Windstärke 10! Ein Schneesturm zieht auf. Lass uns den Spaziergang auf März verschieben.“ Leider kennt Heidi ihren bewegungsresistenten Mann nur zu gut, hielt ihr misstrauisches Näschen in das warme Frühlingslüftchen und beschied mir: „Abmarsch in 15 Minuten!“

Wir stapften gerade über eine leicht morastige Wiese Richtung Weinberge, als sich im Osten der Himmel verdunkelte und kurz darauf ein gewaltiges Geschwader schwarzer Krähen (es mögen auch Raben gewesen sein) im Formationsflug wie eine Kunstflugstaffel des Bundesheeres über unsere Köpfe brauste und höhnisch krähte. Nun weiß der treue Stammleser, dass Herr Moser unter ausgeprägter Ornithophobie, also der Angst vor Vögel, leidet. Ich erinnere an den Sommer 2016, an meinen beruflichen Aufenthalt in Schweden, wo eine verirrte Straßentaube durch das offene Fenster in unser Büro segelte und ich in meiner Panik den Feueralarm samt Sprinkleranlage auslöste, was in der Stockholmer Niederlassung zu Chaos und Verderben führte. Ich erwähne dies nur, um Ihnen meine Vogelpanik deutlich vor Augen zu führen.

Beim Anflug der Killerkrähen, die schwarzen spitzen Schnäbel glänzten gefährlich in der tief stehenden Wintersonne, warf ich mich sofort bäuchlings in den Morast, hielt meine Arme schützend über den Kopf und rief Heidi warnend zu: „Deckung!! Rabengeschwader auf drei Uhr!!“ Bewundernd blickte mein Weib der gefiederten Fliegerstaffel hinterher, Alarm zu geben wenn´s so wär, dabei war dort am Horizont, nur eine schwarze Rabenfront.  „Woher rührt deine tiefe Abneigung und Vogelangst eigentlich?“ frug Heidi, als sie mir mit einem Taschentuch und Spucke den Schlamm aus den Augen rieb. Ich erzählte.

Meine Großmutter selig, die alte Moser, hielt sich wie die meisten trauernden Witwen in den 60er Jahren zwei Wellensittiche zwecks Vertreibung der Einsamkeit. Der blaue Sittich wurde Hansi gerufen, der grüne Burli. Wann immer der kleine Mosi-Knirps die Oma besuchte, saßen die beiden gesittet und sicher in ihrem Käfig, wetzten ihre Schnäbel an einer Tintenfisch-Schale, pickten Körner und zwitscherten gesellig. Eines Tages wollte ich von der Großmutter wissen, warum die beiden Wellensittiche keine Eier legen. „Weil´s Manderl san“, gab sie ein klein wenig aus ihrem Erfahrungsschatz preis, und beizte dabei den Krautsalat nach böhmischer Art mit reichlich Kristallzucker, Salz und Kümmel. „Sind der Hansi und der Burli zwei Warme?“ bohrte ich mit kindlicher Neugier weiter. Die Worte „schwul“ oder „homosexuell“ existierten im Wienerischen Sprachschatz der 60er und 70er nicht. Wenn sich zwei Männer liebten, wurden sie politisch völlig unkorrekt als „Warme“ bezeichnet. „Bist a Woama?“ war selbst bei mir in der Volksschule schon ein geflügeltes Wort bei unmännlichem, mädchenhaftem Verhalten. Für meine Oma, um die Jahrhundertwende geboren, war ein solch unmoralischer Ausdruck aus dem Mund eines Kindes ein Skandal, und sie forderte mich auf, mir sofort den Mund mit Essig auszuspülen. O tempora, o mores. Später, als die alte Moser den Krautsalat mit ihren knorrigen Fingern ordentlich durchwalkte, erklärte sie mir, dass Hansi und Burli nur gute Freunde seien, die sich eben zufällig einen Käfig teilen. „Aha, also nur Zellengenossen“, gab ich mich verständnisvoll. „Genau“, nickte das Großmütterchen, „und jetzt machen sie ihren täglichen Ausflug!“ Sie öffnete das kleine Türchen aus metallenen Gitterstäben, und rief: „Haaansi! Buuurli! Raus mit euch!“ Dabei spitzte sie ihre runzeligen Lippen und imitierte täuschend echt das Wellensittich-Gezwitscher. Ich hatte Hansi und Burli noch nie in freier Wildbahn erlebt und sah staunend zu, wie die Sittiche quer durch die Küche ins Wohnzimmer segelten, und es sich auf der Gardinenstange gemütlich machten. Dort saßen sie für den Rest des Nachmittags brav und still, legten das blaue und grüne Köpfchen aufmerksam zur Seite und beobachteten das Geschehen, obwohl eigentlich nichts geschah. Oma röstete in einer großen, schwarzen Bratpfanne Speckwürfel für den Krautsalat, ich sortierte in Ermangelung eines Fernsehers ein Paket Spielkarten nach Farben aufsteigend in ihrer Wertigkeit, und trank Kakao. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keinerlei Berührungsängste mit Vögeln.

Schließlich war der Hofgang der beiden Zellengenossen beendet, und meine Großmutter klopfte mit dem Kochlöffel auf die Metallstäbe des Käfigs und rief wieder „Haaansi! Buuurli!“ Der grüne Burli hatte es eilig nach Hause zu kommen und flog auf direktem Weg in seine Behausung, der blaue Hansi drehte noch eine Ehrenrunde über dem Tisch, streifte dabei mein linkes Ohr (was mich zu Tode erschreckte!) und ließ eine weiße Kotbombe in meinen Kakao fallen. Dort schwamm die Hinterlassenschaft zunächst wie ein kleines Schlagobershäubchen, ehe es gurgelnd in den Tiefen der braunen Köstlichkeit verschwand. „Oooooma! Der Hansi hat in meinen Kakao gekackt!“

„Ich nehme an, meine Abneigung gegen die gefiederten Gesellen rührt aus dieser Zeit. Ein kindliches Trauma“, schloss ich meine Erzählung. Heidi und ich brachen den kurzen Spaziergang vorzeitig ab und kehrten bei unserem Lieblingschinesen ein. Ich entschied mich für Knusprige Ente, Heidi wählte Hühnchen Gan Bao mit Reis. Wenn sie still und gewürzt am Teller liegen, habe ich mit Vögeln überhaupt kein Problem.

Al is back!

Das vergangene Wochenende stand für die patriotische Ski-Nation Österreich ganz im Zeichen der Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel. Auch Heidi und ich verfolgten nägelbeissend die spannende Abfahrt auf der Streif, bei der unser rot-weiß-roter Hannes Reichelt in Führung lag, ehe der deutsche Nobody Thomas Dressen eine unschlagbare Bestzeit auf die Piste nagelte. Uns blieb das Wiener Schnitzel im Halse stecken: „Neeiiiin!“ röchelten wir entsetzt, als der Piefke im Ziel jubelte und seine siegreichen Bretter triumphierend in die Luft reckte. Im Fußball sind wir Ösis ja katastrophale Niederlagen gegen Germany gewohnt, bisher konnten wir jedoch mit „Aber dafür sind wir im Skifahren besser!“ kontern. Jetzt ist es auch damit vorbei, die frühere Siegernation Österreich ist geschlagen. Am Sonntag wurde dann auch noch unser unschlagbarer Marcel Hirscher, der davor fünf Slaloms en suite gewonnen hatte, beim traditionellen Torlauf am Ganslernhang vom Norweger Henrik Kristofferson auf Platz zwei verbannt. Kein gutes Kitz-Wochenende, Heidi und ich mussten uns anschließend mit selbstgebackenen Schoko-Muffins trösten.

Die Hahnenkamm-Rennen sind aber nicht nur ein sportlicher Höhepunkt des Wintersportjahres, sondern auch ein Society-Event mit gewaltigem Promi-Auftrieb. Bei den umrahmenden Weißwurscht-Parties und sonstigen Feiern finden die Kameras der Gesellschaftsreporter ein üppiges Buffet an prominenten Gesichtern vor, die für ein paar Sekunden Scheinwerferlicht leere Worthülsen absondern. Der bunte Reigen spannt sich von Andreas Gabalier über DJ Ötzi bis zu Niki Lauda. Auch unsere „Steirische Eiche“ Arnold Schwarzenegger ist alle Jahre wieder ein gern gesehener Aufputz für Kitz. Mit irgendeinem blonden Model an seiner Seite sitzt er im dunkelgrünen Lodenmantel mit Steirerhut selbst bei dichtem Schneetreiben lächelnd auf der Promitribüne im Zielraum und sagt mit seinem unvergleichlichen Dialekt Dinge wie „Die Streif is Action pur, i druck unseren Burschn die Daumen! Es is a perfektes Race!“

Nun gibt es im heimischen Radiosender Ö3 die humoristische Institution des sogenannten „Mikromann“, bei der Comedy-Reporter Tom Walek arglose Passanten mit harmlosen Fragen löchert, und deren Antworten nicht nur eine ganze Nation zum Lachen bringen, sondern auch viel über den Bildungsstand der Österreicher vermuten lässt. Beispiel: „Wenn Sie draufkommen, dass Ihr Ehemann heterosexuell ist – wie würden Sie reagieren?“ Interessanterweise wäre dies für meisten Damen ein sofortiger Scheidungsgrund. Soweit, so gut. Am Hahnenkamm-Wochenende stand passenderweise Arnold Schwarzenegger im Fokus des Mikromannes. Dass die meisten der Befragten auf die Frage „Wie hieß Arnold Schwarzenegger bevor er nach Amerika gegangen ist?“ mit Conan, Terminator, Arnie und keine Ahnung antworteten, mag man ja noch schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, aber dann hatte Reporter Walek einen jungen Mann vor dem Mikro, dessen erhellende Antworten ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Mikromann: Was ist mit dem berühmtesten Schwarzenegger-Zitat „I´ll be back“ gemeint? Was heißt das?

Mann: Keine Ahnung, dass er zurück ist halt…

Mikromann: Woher ist er zurück?

Mann: Das weiß ich wirklich nicht. Aus Vorarlberg vielleicht?

Mikromann: I´ll be back – welche Sprache ist das?

Mann: Na Englisch halt.

Mikromann: Und was heißt das?

Mann: I´ll (er spricht es wie Al aus)… Al heißt wahrscheinlich Vorarlberg oder so.

Mikromann: Dann heißt I´ll be back also…

Mann: Vorarlberg ist zurück!

Mikromann: Wie heißt Schwarzenegger mit Vornamen?

Mann: Ah ja, Arnold. Deswegen Al.

Mikromann: Schwarzenegger heißt also Al?

Mann: Ja, das ist die Abkürzung oder der Spitzname. Keine Ahnung.

Mikromann: I´ll be back heißt dann…

Mann: Arnold ist zurück.

Heidi und ich lagen uns lachend in den Armen, der Schmerz über die Niederlagen im Schnee war vergessen. Wenn Sie sich mit eigenen Ohren überzeugen wollen, bitte klicken Sie hier: http://oe3.orf.at/m/comedy/stories/mikromann/

Als ich heute am Vormittag in der Fischkonservenfabrik zu einer Besprechung mit unserer Marketingdirektorin Svetlana Pfotenhauer enteilte, rief ich meinem Kollegen Cerny zu: „I´ll be back!!“  Cerny ist wohl Ö3-Hörer, denn er antwortete: „Hasta la vista, Al!“

Editha ist ein Star!

Der Stammkundschaft meines kleinen Blogs ist Editha wahrscheinlich bekannt. Der liebenswerte Sonnenschein aus der Ukraine zieht mit ihrem Putzwägelchen seit Jahr und Tag summend und singend durch die Gänge und Büros unserer Fischkonservenmanufaktur und sorgt für staubfreie Regale und durchsichtige Fenster. Die gut integrierte Mittfünfzigerin hat sich ihre Deutschkenntnisse zu großen Teilen über Funk und Fernsehen angeeignet, und genehmigt sich in der Herrentoilette auf unserer Etage gerne mal einen Joint, um ein wenig Schwung und Farbe in ihren grauen Putzalltag zu bringen und der Tristesse des Putzfrauendaseins zu entfliehen. Außer, dass sie mir mal ohne mein Wissen zwei Haschkekse untergejubelt hat, sodass ich an diesem Tag mit Lach- und Heißhungerattacken frühzeitig den Dienst quittieren musste, kann ich nichts Schlechtes über Editha sagen.

Gestern suchte ich nach einer großen Portion von Heidis Thermoskannen-Kaffee das Herrenklo auf. Kaum hatte ich das schwarz-weiß geflieste Stoffwechselörtchen betreten, gellte ein herzzerreißender Schrei aus einer der Kabinen: „Chiiilfeee! Ich bin Star, cholt mich hier raaauuusss!“  Anhand der Stimmlage und des ukrainischen Akzents identifizierte ich die Urheberin als Editha. „Editha??!!“ rief ich besorgt. „Cherr Moser?? Bitte chilfst du, bin versperrt und Tire kapuuttt! Komm ich nix raus!“ „Nur die Ruhe Editha, das haben wir gleich!“ sprach ich der hysterischen Raumpflegerin Mut zu. „Drehen Sie den Riegel an der Tür gegen den Uhrzeigersinn!“ „Uhrzeigersinn???“ rief Editha verwirrt und begann lauthals „Wer chat an die Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?“ zu singen. Die arme Frau stand offenbar wirklich unter Schock. „Nach links, Editha, nach links drehen!“ „Links, rechts, geht nix. Schloss kaputt! Kein Uhrzeigersinn. Chilfe, Cherr Moser!“ Glücklicherweise hatte ich gestern Abend eine Folge von Criminal Minds gesehen und wusste, wie coole FBI-Agenten in einer solchen Situation agieren. Mit Schwung ließ ich meinen frisch geputzten, schwarzen Herrenhalbschuh gegen die alte Holztür krachen.

Splitternd sprang die Tür auf… und ich blickte in das vor Anstrengung gerötete Gesicht von Dr. Jonas Cerny, der mit heruntergelassener Hose auf der Muschel saß. Seine sonst so riesigen Augen waren hinter den dicken Brillengläsern zu schmalen Schlitzen zusammengepresst.

„Oh Gott, Cerny???“

„Moser!!!!“

Den Anblick meines Kollegen bei der Verrichtung seines großen Geschäftes würde ich ohne professionelle, psychologische Hilfe nie wieder loswerden. Hastig schlug ich die Türe zu und rief: „Edithaaa?“ „Chier“, tönte es aus der Nebenkabine. Auch wenn im Frühjahr unsere alten, hölzernen Toilettenhäuschen gegen moderne, neue Kunststoffkabinen ausgetauscht werden, wollte ich nicht auch noch für die Zerstörung der zweiten Klotür verantwortlich sein. „Warten Sie kurz Editha, ich hole Hilfe!“ beruhigte ich unsere Perle, die inzwischen hemmungslos weinte. Über mein Handy rief ich Hausmeister Willi: „Kommen Sie bitte schnell in die Herrentoilette im ersten Stock, unsere Putzfrau hat sich versehentlich eingeschlossen!“ Wenig später knallte Willi seinen Werkzeugkasten auf die Fliesen vor der verschlossenen Klokabine, grummelte Grrmmpf! und machte sich mit einem Franzosen am Schloss zu schaffen. Es mag auch ein Engländer oder Holländer gewesen sein, ich bei der Nationalität der Schlosser- und Einbruchswerkzeuge nicht besonders firm. Jedenfalls hatte Willi das Problem mit wenigen Handgriffen gelöst, die Tür sprang auf und Editha warf sich unserem Facility Manager an den Hals: „Chausmeister Krause!!! Danke!! Du mir Leben gerättet!“ Hausmeister Krause, der eigentlich Willi Dobernig heißt, schüttelte die Ukrainerin ab, schnappte seinen Werkzeugkasten und verabschiedete sich mit einem knurrenden Grrmmpf. Nebenan rauschte die Klospülung und Cerny trat ins Freie. Er strich sich seufzend über den Bauch, klopfte sich ein paar Schuppen von den Schultern und meinte zu Editha: „Na, Dschungelprüfung abgebrochen? Nicht mal in Ruhe kacken kann man in diesem Haus!“

Die ukrainische Raumpflegerin lehnte noch ganz aufgelöst ihr dauergewelltes Köpfchen an meine starke Schulter. Ich ließ meinen Dudu-Zeigfinger drohend hin und her wackeln, und ermahnte sie künftig zu mehr Vorsicht. Ich war mir nämlich nicht sicher, ob ihre roten Augen vom Heulen oder von einem kleinen Pausen-Joint herrührten. „Ja, Cherr Moser. Ich jetzt immer vorsichtig, muss aufpassen. Bin ja Oma geworden!“ „Sie sind Großmutter? Ich gratuliere, Glückwunsch!“ Editha fummelte ihr Smartphone aus der Kittelschürze und hielt mir das Display unter die Nase: „Das ist meine kleine Katinka, guckst du!!“ Ich sah einen winzigen knallroten Babykopf – wisch! – mit dunklem Haarkranz – wisch! – offenem Mündchen – wisch! – und vor Anstrengung zusammengekniffenen Augen. Irgendwie erinnerte mich die kleine Katinka an den scheißenden Cerny. Ich brauche psychologische Hilfe, eindeutig.

Das Handtaschen-Mirakel

Am Sonntagabend stand Kulturelles am Plan der Mosers: Die Wiener Comedian Harmonists konzertierten im Vorstadttheater Metropol. Wir lieben die pointierten und geschliffenen Texte der 20er- und 30er-Jahre, verpackt in die wundersamen Kapriolen des perfekten A-Capella-Gesanges. Wir warfen uns also in den feinsten Zwirn und düsten bereits um 17 Uhr Richtung Theater, denn der Vorhang sollte sich zielpublikumgerecht schon um 18 Uhr heben. Offenbar erwartete man nicht mehr ganz taufrische Senioren, die gegen 20 Uhr zum ersten Mal eindösen und mit den Gebissen klappern. Dank Heidis Gabe, in unmittelbarer Nähe des Zielortes stets einen freien Parkplatz vorzufinden, blieb uns stundenlanges, suchendes Herumkurven in den umliegenden Gassen erspart und wir parkten den tomatenroten Spanier um 17:30 sieben Schritte vom Haupteingang entfernt. „Ich rauche noch rasch eine Zigarette“, vermeldete mein aufgeregtes Eheweib, und begann in den Tiefen ihrer Handtasche nach einem Päckchen Nikotinstängel zu graben.

Tja, Heidi und ihre Handtaschen. Ein Mirakel. Nachdem sie bereits aus dem überdimensionierten Vorgängermodell einer modernen Mary Poppins gleich die wundersamsten Gegenstände hervorgezaubert hatte, nur niemals das Gesuchte, hatte ihr meine Schwiegermama Inge zu Weihnachten eine neue Tasche geschenkt, weil die alte „schon zu klein ist“. Ein fataler Denkfehler, denn auch das neue Modell mit den Ausmaßen des Beutels eines Riesenkängurus war binnen Wochenfrist bis zum Rand gefüllt. Fragen Sie mich nicht womit, aber ich bin überzeugt, dass Heidi mit dem Inhalt ihrer Handtasche locker eine Woche in der Wildnis überleben würde. Wir saßen also im Auto, draußen peitschte feuchter Schneeregen auf die beschlagenen Scheiben, und meine liebe Gattin grub in ihrer Riesenbeuteltasche nach Zigaretten wie ein Trüffelhund nach dem begehrten Pilz. Sie förderte zwei Handvoll Kaugummis, vermischt mit Tic Tacs und Ingwer-Hustenpastillen zutage, es folgten eine Schachtel Tampons, ein prall gefülltes Schminktäschchen, einen Schlüsselbund, ihr Handy und eine kleine Flasche stilles Mineralwasser. Keine Zigaretten. „Das gibt es doch nicht“, murmelte Heidi bereits leicht ungehalten, „ich hab doch daheim noch ein neues Päckchen in die Tasche getan!“ „Sicher?“ „Ganz sicher!“ „Dann nimm doch solang dieses!“ Ich reichte meiner Frau das Packerl Zigaretten, dass sie vor Fahrtantritt in der Mittelkonsole verstaut hatte. „Ach daaaa sind sie!“ lachte Heidi. Ich gab ihr Feuer und mahnte zur Eile, die Vorstellung würde in 15 Minuten beginnen und wir mussten noch die reservierten Tickets an der Abendkasse abholen.

Die Wiener Comedian Harmonists, im Brotberuf Mitglieder des Staatsopernchors, spielten und sangen sich die Seele aus dem Leib. Wir hatten tolle Plätze direkt vor der Bühne in der zweiten Reihe, und spürten jeden fliegenden Speichel- und Schweißtropfen auf der Haut. Und derer gab es einige, denn die Sänger verausgabten sich bis zum Letzten bei „Wochenend & Sonnenschein“, „Marie, Marie“, „Schöne Isabella aus Kastilien“, „Ali Baba“ oder „Ein Freund, ein guter Freund“. Das nicht mehr ganz taufrische Publikum war begeistert, schunkelte in den Rollstühlen und klopfte mit Krückstöcken den Takt zu „Der Onkel Bumba aus Kalumba“. Sogar meine sonst etwas schüchterne Heidi riss es nach der besonders hinreißenden Darbietung von „Wenn die Sonja russisch tanzt“ mit einem lauten „Bravissimo!!“ vom hölzernen Gestühl. Wie Sie also zwischen den Zeilen lesen können, waren wir von der Sangeskünsten der ausgebildeten Vokalakrobaten schwer begeistert.

In ähnlich rasanter Tonart ging es nach der Pause weiter. Ich hatte Heidi ein überteuertes 0,2-Gläschen Sekt spendiert, das ihre Bäckchen nicht nur vor Begeisterung zart rötlich aufglühen ließ. Schließlich intonierten die komödiantischen Harmonisten den größten Hit der wohl ersten Boygroup der Welt: „Mein kleiner grüner Kaktus“. Der Saal tobte. Die Ausnahmekönner boten das musikalische Kleinod des stacheligen Gewächses am Balkon derart mitreißend und realistisch dar (…und wenn ein Bösewicht was ungezog’nes spricht, dann hol‘ ich meinen Kaktus und der sticht, sticht, sticht…), dass meine Abteilungsleiternase umgehend zu stechen, jucken und prickeln begann. „Gibst du mir mal ein Papiertaschentuch?“ flehte ich in Heidis Ohr. Sie hievte den Riesenkängurubeutel am Henkel unauffällig vom Boden auf ihren Schoß, öffnete den Reißverschluss und begann zu kramen. Zwei Strophen später war sie immer noch nicht fündig geworden, meine Nase stand kurz vor einer gewaltigen Niesexplosion und Heidi schaufelte leise fluchend und kopfschüttelnd in ihrer Handtasche herum. In meiner Verzweiflung knipste ich die Taschenlampe meines Smartphones an, und leuchtete in den schwarzen, unergründlichen Schlund der Tasche. Schließlich heißt es ja Taschenlampe. „Beeil dich!“ zischelte ich. Der Bariton und der 1. Tenor warfen stechende Blicke in unsere Richtung, der Pianist verspielte sich um einen Halbton. „Mach schon, mich zerreißt es gleich!“ gab ich meiner Gattin zu verstehen. Heidi griff noch einmal tief in ihren eleganten Beutel… und holte eine 6er-Packung originalverschweißter Dartspfeile hervor. „Ach, hiiiieer sind die Pfeile!“ entfuhr es ihr. Sie hatte ihrem Neffen Luki zu Weihnachten eine Dartscheibe gekauft, die zugehörigen Wurfpfeile aber irgendwo verschludert. Nun wissen wir, wo. Die ältere Dame hinter mir bohrte mir ihren Stock zwischen die Schulterblätter und forderte mit einem lauten „Psssst!“ Stille ein. Ich drehte mich um und leuchtete der Störenfriedin mit meinem Handy in die trüben Augen. Als sich der Lichtstrahl in ihren dicken Brillengläsern spiegelte, konnte ich mein kitzelndes, stechendes Näschen nicht länger bändigen und ich entließ einen feuchten, lauten Nieser in die staubige Theaterluft. Auf der Bühne flocht der Bass ein knurrendes „Zum Wohl“ in seine Darbietung, und endlich drückte mir Heidi das Päckchen Tempo in die Hand. Die Comedian Harmonists kamen zum Finale:

Sie hab’n doch einen Kaktus auf ihrem klein‘ Balkon,
hollari, hollari, hollaro!
Der fiel soeben runter, was halten Sie davon?
Hollari, hollari, hollaro!
Er fiel mir auf’s Gesicht obs‘ glauben oder nicht
jetzt weiß ich, dass Ihr kleiner grüner Kaktus sticht.
Bewahr’n Sie Ihren Kaktus gefälligst anderswo,
hollari, hollari, hollaro!“

Ich schneuzte mich, das Publikum applaudiert lebhaft.

Abgeschminkt!

Wie es Brauch von Alters her ist, wird am Dreikönigstag das weihnachtliche Antlitz des Moser´schen Reihenhauses abgeschminkt. Weihnachten, die große alte Diva der Familienfeste, hat uns viele glitzernde, leuchtende Tage voller Zimt- und Kerzenduft geschenkt, doch nun ist ihre Zeit abgelaufen. Die Christbaumkugeln wanderten, säuberlich nach den Farben Rot, Gold und Bunt sortiert, zurück in ihre Originalverpackung. Die letzten Schokoschirmchen, welche die zahllosen Süßigkeitsattacken wie durch ein Wunder überlebt hatten, fanden sich auf einem müden Häufchen zusammen. Mit einem leisen Anflug von Melancholie summte ich mit Heidi zum letzten Mal die alte traurige Volksweise von „Last Christmas“, während wir versuchten, die heillos ineinander verstrickten Lichterkerzenketten zu entwirren. „Erinnerst du dich an unsere Kindheit, als wir noch echte, warme Kerzen aus Wachs hatten? Und nicht diesen Irrsinn aus dunkelgrünem LED-Drahtgeflecht?“ frug ich Heidi. Wie jedes Jahr warfen wir das grüne Knäuel aus Lämpchen und Draht mitsamt dem monströs schweren Akku entnervt in die Kiste. Um die Entwirrung kümmern wir uns dann im Dezember.

Schicht für Schicht trugen wir das Christmas-MakeUp ab, sogar der Esstisch bot wieder Platz für seine ursprüngliche Bestimmung, nachdem die zahllosen kleinen Figürchen, Sternchen und Zweige verschwunden waren. „Endlich wieder essen ohne Tannennadeln zwischen den Zähnen“, freute ich mich. „Das war Rosmarin auf den Kartoffeln!“ klärte mich Heidi auf. Ich kümmerte mich um unsere kleine Krippe und mistete den Stall zu Betlehem aus. Ich schnappte mir den rauschebärtigen Josef und sprach zur Maria mit blauem Kopftuch: „Jetzt kimm Mama! Pack zamm dein kloan Messias, es pressiert.“ Mit keifender Stimme ließ ich Maria antworten: „Da kloane Brian schloft do no, Herrschaftseiten no amoi!“ Josef: „Mama, da vurn geht’s zur Kreuzigung. Links anstellen, jeder nur ein Kreuz!“ Maria: „Benno!!!“ Heidi machte meinem kleinen Crossover aus Der Bulle von Tölz und Das Leben des Brian ein vorzeitiges Ende und wischte die Darsteller mit einem Schwung vom Tisch in die alte Krippenschachtel. „Schlaf wohl, kleiner Brian! Erlöse uns von dem Übel und führe uns nicht in Versuchung, wir sehen uns im Dezember!“ rief ich ihm hinterher.

Der weihnachtliche Kehraus ist abgeschlossen. Die Diva ruht in Würde und abgeschminkt, fein säuberlich in Kartons und Schachteln verpackt, im Gartenschuppen neben dem Osterhasen. Auf der Terrasse steht die nordmannshohe Tanne nackt wie Gott sie schuf, und wirft verzweifelt ihre Nadeln ab. Das Begräbnis auf der Christbaumsammelstelle war für 14 Uhr angesetzt, gleich nach dem Mittagessen. Meinem Wunsch nach einer Feuerbestattung wurde aufgrund abstrus hoher behördlicher Auflagen nicht stattgegeben.

Bei unserer Rückkehr vom Friedhof der toten Weihnachtsbäume standen die Heiligen Drei Könige vor unserer verschlossenen Haustür und sangen inbrünstig. Rasch drückte ich ihnen einen 10er in die Hand und wünschte ihnen schulterklopfend weiterhin viel Erfolg. Irgendwann muss mal Schluss sein mit diesem ganzen Brauchtumswahnsinn. Das ganz normale Leben kann wieder beginnen.

Der gestiefelte Kater

Aus gegebenem Anlass nehme ich Sie, liebe Leser, wieder mal mit auf eine kleine Zeitreise zurück in die 70er Jahre, als Herr Moser noch lange kein Herr, aber auf halbem Weg dahin war. Ich habe im Tagebuch meiner Jugend geblättert und stieß dabei auf ein Kapitel, das vor dem historischen Hintergrund der Silvesternacht 1974/75 spielt. Die Nacht meines ersten Vollrausches mit Filmriss. Und das kam so:

Mein musikalischer Bruder Bertl, der noch heute fallweise bei Konzerten auf seine Stromgitarre eindrischt und dazu rockig röhrt, lud zu einer großangelegten Silvesterparty in den Proberaum seiner damaligen Band „Lazy“. Und wir sollten alle verkleidet kommen, weil es lustiger ist. Das brachte mich kurzfristig in Verlegenheit, weil ich nicht so der Faschingstyp bin und kein passendes Kostüm vorrätig hatte. Einer inneren Eingebung folgend, stöberte ich im Kleiderschrank meiner Mutter, kramte knapp geschnittene Hot Pants (kurze Hosen für Damen) hervor, fand dazu eine luftig weite Bluse mit Flatterärmeln und Mamas blonde Langhaarperücke. Ein mit Wattebauschen ausgestopfter BH, ein bisschen Schminke und eine Kunstperlenkette würden mein Kostüm als Frau perfekt machen. Nur die Schuhe waren ein Problem, denn Muttis hochhackige Pumps waren mir drei Nummern zu klein und stellten außerdem ein nicht unerhebliches Verletzungsrisiko dar. Also entschied ich mich für eine dunkelblaue Strumpfhose unter den heißen Höschen und meine geliebten Cowboystiefel. Fertig war das sexy Cowgirl. Vor dem Spiegel im elterlichen Schlafzimmer legte ich eine dicke Schicht MakeUp, darüber dezentes Wangenrouge, Lidschatten und Lippenstift auf. Stolz betrachtete ich mein Werk, warf das blonde Kunsthaar in den Nacken und mir über den Spiegel eine neckisch zwinkernde Kusshand zu, als Mama Fritzi ins Zimmer kam. Bei meinem femininen Anblick brach sie sogleich in Tränen aus. Sie rief: „Bub!!!“ und nahm mich schluchzend in die mütterlichen Arme. Wahrscheinlich vermutete sie chronische Perversität in ihrem Sohn, womöglich trüge ich im Schulunterricht heimlich ihre Unterwäsche! Ich versuchte sie zu beruhigen, streichelte ihre geblümte Kittelschürze über dem bebenden Rücken: „Mama, hör auf! Ich geh auf eine Silvesterparty, als Frau verkleidet! Das ist mein Kostüm!“ Es kostete mich eine Menge Überzeugungsarbeit und ein 15-minütiges feinfühliges, tiefenpsychologisches Gespräch, bis Mama endlich nicht mehr „Ach Bub! Moser!“ murmelte.

Auf der Party war ich mit meiner Aufmachung natürlich der Hingucker, das Kostüm des Abends. Band-Keyboarder Franz Winkelmaier, genannt Wingo, bat mich sogleich um den nächsten Tanz und drückte mir mit seinem schwarzen Schnurrbart einen stacheligen Kuss auf meine glatte, geschminkte Bubenwange, die noch kaum einer Rasur bedurfte. Ich spielte das Spielchen natürlich lachend mit, und freute mich über die zahlreichen Komplimente. Auf dem Plattenteller der Stereoanlage drehten sich die Stones, Deep Purple, Slade & Co in voller Lautstärke; eines der Mädchen hatte selbstgemachten Nudelsalat, Aufstriche mit Schnittlauch & und Paprika und Schnittbrot mitgebracht. Der leicht modrige Kellergeruch störte uns nicht, im Gegenteil, er hatte etwas Verruchtes. Im Vorraum standen jene zwei Kisten Bier, eine Batterie Weinflaschen, sowie Cola und Rum, die im Kühlschrank keinen Platz mehr gefunden hatten. Wir waren jung und das Leben schön. Unbekümmert und unbeschwert. Bis Sabine H. (Name geändert – Anm.) den Proberaum betrat.

Das goldblonde Busenwunder war bereits 18, und die Freundin des Schlagzeugers Herbert „Bärli“ Eder. In mein Tagebuch schrieb ich damals: „Sie roch nach Kokos-Hautlotion und hat mir ein Hundert-Watt-Lächeln geschenkt, das meine Sicherungen durchbrennen ließ. Kurz vor Mitternacht, ich wollte gerade eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank in der kleinen Küche nebenan holen, als plötzlich Sabine neben mir stand, die Arme um meinen Hals schlang und mir die Zunge in den Mund schob. Sie schmeckte nach Kirschrum-Cola. Meine aufkeimende Erregung wurde aber jäh unterbrochen, als mir von hinten jemand die Perücke vom Kopf riss und schrie: Bist deppat, heast? Des is mei Oide!“ – Bärli.“ Der Drummer mit der massigen Statur trug seinen Spitznamen nicht zu Unrecht. Zu diesem Zeitpunkt waren wir alle schon ziemlich besoffen und ich fürchtete um meine Gesundheit. Mit blutunterlaufenen Augen musterte der bärige Schlagzeuger mein Outfit und spuckte noch ein geringschätziges „Du Schwuchtel!“ aus. Ich warf ein, dass ein Schwuler wohl kaum ein Mädchen küssen würde, was ihn aber noch mehr in Rage versetzte. Mit Gebrüll stürzte er sich auf mich, ich rief „Hilfe! Bitte keine wehrlose Frau schlagen! Polizei! Hilfe!“ und mein Bruder Bertl eilte samt Bandkollegen herbei, um den Bären niederzuringen. Es gab ein Riesen-Tohuwabohu, die Mädels kreischten, aber irgendwann beruhigte sich die Szenerie. Wir waren eben jung, unbekümmert und unbeschwert.

An den Rest dieser denkwürdigen Silvesternacht fehlt mir jede Erinnerung, auch das Tagebuch gibt darüber keinerlei Auskunft. Offenbar habe ich mir nach dem Gerangel mit Bärli ordentlich die Kante gegeben. Filmriss. Ich weiß noch, dass ich am späten Vormittag des nächsten Tages auf einer fleckigen Matratze in einer Ecke des Proberaums erwachte. Der modrige Kellergeruch durchsetzt mit Alkoholschwaden und abgestandenem Rauch war ekelhaft, mein Kopf war kurz vor dem Zerplatzen, mein Mund trocken wie die Wüste Gobi. Unendlich langsam rappelte ich mich auf und stellte fest, dass ich nur eine dunkelblaue Strumpfhose und Cowboy-Stiefel trug. Ich hatte einen mordsmäßigen gestiefelten Kater. Aber wir waren jung, und das Leben war schön. Mit Bärli habe ich mich bei einem Reparaturbier ausgesöhnt, seine Freundin Sabine habe ich nie wieder gesehen. Ein paar Monate später erzählte mir mein Bruder, dass sie jetzt mit Keyboarder Wingo zusammen ist.

Morgen steht wieder eine Silvesternacht an. Ich werde mit meiner lieben Heidi nicht in einem feuchten Keller feiern, sondern im liebevoll dekorierten Wohnzimmer unseres Reihenhäuschens, ein Fläschchen Sekt köpfen und bei „Dinner for one“ Fleischstücke in heißes Öl tauchen. Wir lieben Fondue. Um Mitternacht werden wir zu den Klängen des Donauwalzers ein paar unbeholfene Runden aufs Parkett legen, anschließend Blei gießen und uns im Garten das Feuerwerk über Wien ansehen. Wahrscheinlich werden wir um 1:30 schon im Bett liegen und am Neujahrstag ganz ohne gestiefelten Kater erwachen. Wir sind zwar nicht mehr jung und unbeschwert, das Leben ist trotzdem schön.