Archiv der Kategorie: Kurzgeschichten

Der General, Teil 3

Was bisher geschah: Eines Abends klingelt es an der Tür und als Lisa öffnet, beginnt ein Alptraum. Der ekelhafte, gefährliche Psychopath Ronny, der ihr schon in der Schule nachgestellt hatte, dringt in ihr Haus ein und erschießt kaltblütigen ihren Mann. Sie wird vergewaltigt und entführt. Seit Wochen ist sie bereits in Ronnys Keller gefangen und angekettet, muss seine grausamen Übergriffe erdulden. Ihr einziger Freund und Tröster in dieser Hölle ist der „General“ – eine hochintelligente Ratte mit telepathischen Fähigkeiten, die aus der Zukunft kommt. Kann der General Lisa retten?

(Der General)

Wir übernahmen die Weltherrschaft langsam, unmerklich, schleichend. Es gab keine Revolution, keinen Krieg. Die Menschen selbst bereiteten uns den fruchtbaren Boden. Irgendwann waren die Städte nahezu unbewohnbar – Müll, Abfälle und Kloake beherrschten das Straßenbild. Ein wahres Rattenparadies. Von Generation zu Generation wurden wir stärker und größer, gegen die diversen Menschengifte waren wir längst immun. Meine Art vermehrte sich in irrwitziger Geschwindigkeit. Aber wir wurden nicht nur mehr, wir wurden auch klüger. -Zig Milliarden Ratten stellten zwar eine Macht dar, doch wir waren nicht organisiert. Also schlossen sich die intelligentesten unter uns zusammen, zeugten Nachwuchs, der wiederum selbst noch klügere Ratten in die Welt setzte, und so weiter. Sie wissen, was ich meine. Eines Tages hatten wir eine Elite-Generation, welche die menschliche Sprache verstehen konnte, und die mit dem Aufbau sozialer Strukturen begann. Ich selbst entstamme dieser elitären Schicht. Mein Vater ist der Commodore, ich selbst werde General genannt. Es gibt nur wenige unter uns, denen die Ehre eines Namens zuteil wird.

Eines Abends kam mein Vater nach Hause – wir wohnten sehr komfortabel im Heizungskeller einer verlassenen und geplünderten Herrschaftsvilla – und rief mich zu sich. „Sohn“, sagte er. „Wie uns zu Ohren gekommen ist, haben die letzten verbliebenen klugen Köpfe unter den Menschen in den letzten Jahren an einer Zeitmaschine gearbeitet, die nun vor ihrer Fertigstellung steht. Offenbar will man rund 250 Jahre zurückreisen, um das Schicksal zu korrigieren… um Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu treffen, um die Mega-Konzerne zu zerschlagen. Einzelheiten sind uns nicht bekannt. Ich habe aber beschlossen, dass du dich als blinder Passagier an Bord dieser Zeitmaschine schleichen wirst. Du gehörst ja zu den wenigen unter uns, der nicht nur die Sprache der Menschen versteht, sondern auch mittels Telepathie mit ihnen kommunizieren kann. Sobald die Zeitreisenden etwas unternehmen, was das Emporkommen unserer Rasse gefährdet, wird es dein Auftrag sein, ihre Pläne mittels telepathischer Suggestion zu manipulieren und zu verhindern.“

Wir landeten auf einem verrotteten, längst unfruchtbaren Maisfeld eines scheinbar verlassenen Bauernhauses. Ich wollte mich im Schutz der Dunkelheit an die Fersen der Crew heften, doch dann kam der Mond hinter den Wolken hervor und Dr. Fred Martens, der Politik- und Sozialwissenschaftler im Menschen-Team, entdeckte mich. „Verdammte Mistviecher!“ fluchte er und warf einen Stein nach mir. Ich flüchtete in das baufällige Gehöft… und landete im Keller, wo ich eine junge Frau namens Lisa kennenlernte.

(Lisa und Ronny)

„Zeit fürn bisschen Spaß“, grinste Ronny sie an und begann an seinem Gürtel zu fummeln.

„Ronny, bitte lass mich gehen!! Ich werde niemandem etwas verraten und auch nicht zur Polizei gehen! Das schwöre ich!!“ flehte Lisa.

Er lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. „Du hast mich in der Schule schon für nen Idioten gehalten, daran hat sich scheinbar nix geändert.“

Ängstlich kauerte sie am kalten Steinboden, die angezogenen Beine fest umschlungen. Ich kann es nicht tun, dachte sie, ich bringe es nicht fertig. Unauffällig schaute sie nach dem losen Stein in der Wand, ihrem Versteck.

„Nein, ich halte dich doch nicht für einen Idioten… damals in der Schule… du musst verstehen, ich wollte einfach noch nichts von Jungs. Meine Mutter hätte mich umgebracht. Aber das hatte nichts mit dir zu tun…“ versuchte Lisa Zeit zu gewinnen.

„Du bist ein eingebildetes, kleines Dreckstück. Hältst dich für was besseres oder so.“ Ronny schälte sich umständlich aus seinen fleckigen Jeans, dann zog er mit einem Ruck auch den Slip runter. Wie ein weißer, dicker Blutegel baumelte sein Glied in einem wuchernden Wald aus Schamhaaren. Sofort begann er, daran herumzukneten. Er machte ein paar Schritte auf sie zu, bis er knapp vor ihrem Gesicht stand.

„Los, jetzt kannste mal was anderes als Trübsal blasen…“ lachte er und packte sie an den Haaren. „Und komm nicht auf irgendwelche Dummheiten, Schlampe. Sonst siehste deinen Buchhalter schneller wieder als dir lieb ist.“

Lisa schloss die Augen und kämpfte mit der aufsteigenden Übelkeit. „Wenn ich jetzt kotze, bringt er mich um“, dachte sie.

Plötzlich meldete sich der General. Laut und deutlich hörte sie ihn sagen: „Tu es! Wenn du weiterleben willst, weißt du, was du zu tun hast. Denn eines Tages, wenn er genug von dir hat, wird er dich töten.“

Sie nickte und flüsterte: „Okay.“

Ronny grinste: „Na also.“

Sie versuchte, alle Gedanken und Gefühle abzuschalten. Sie war nur noch ein Organismus, der funktionieren musste, der überleben wollte. Um jeden Preis. Der kleine Ronny war hart geworden und vergnügte sich in ihrem Mund. Lisa bemerkte, wie sein Atem schwerer wurde. Vorsichtig schielte sie nach oben. Der besoffene Fettsack hatte die Augen geschlossen und lächelte, als wäre er soeben ins Himmelreich aufgestiegen.

„JETZT!“ Wie ein heller Blitz schoss das Wort durch ihren Kopf.

Langsam tastete sie mit der Rechten nach hinten, wo hinter dem lockeren Ziegelstein das Geschenk des Generals wartete – eine etwa 20 Zentimeter, spitz zulaufende und scharfkantige Glasscherbe. Dann ging alles sehr schnell. Mit voller Kraft biss Lisa zu, sofort spürte sie den salzig-eisigen Geschmack seines Blutes im Mund. Ronny schrie auf, laut, ungläubig, unmenschlich. In dieser Sekunde schnappte sich Lisa die Scherbe und stieß sie mit aller Kraft in die Brust ihres Peinigers – dorthin, wo sie sein Herz vermutete.

(Der General)

Das war vor etwa zwei Wochen. Das Arschloch ist binnen weniger Minuten gestorben, hatte noch ein bisschen geröchelt und gezuckt, während das Mädchen hysterisch schluchzte. „Es war richtig, Lisa. Gut gemacht“, sprach ich ihr Trost zu.

Nachdem sie ein paar Mal zögerlich auf den leblosen Körper hingetreten hatte, um sicherzugehen, dass Ronny wirklich tot war, begann sie seine auf dem Boden liegenden Jeans zu durchsuchen.

„Wo ist dieser verdammten Schlüssel??!!!“

Zitternd und fluchend griff sie in alle Taschen, förderte aber nur ein Feuerzeug, einen Flaschenöffner, 35 Cent und ein benutztes Papiertaschentuch zutage. Dann tastete sie den Boden ab, vielleicht war er ja rausgefallen. Nichts. „Er hat den Scheiß-Schlüssel nicht bei sich!!“ schrie Lisa und rüttelte wie eine Irre an ihrer Fußfessel. Wieder und immer wieder.

Die junge Frau balancierte in den nächsten Tagen am Rande des Wahnsinns. Die meiste Zeit hockte sie wimmernd am Boden oder starrte schweigend vor sich hin. Auch für meine Worte war sie nicht mehr empfänglich. Ich sendete ohne Unterlass, aber ihr Empfänger war abgeschaltet. Ihr Durst muss höllisch gewesen sein. Neben ihr verweste der aufgedunsene Körper von Ronny Paulsen und verströmte einen bestialischen Gestank. Es war heiß.

Gestern ist Lisa gestorben, sie hat sich mit der Glasscherbe die Pulsadern aufgeschnitten. Ich konnte es nicht verhindern. Die Zukunft ist offenbar Schicksal und lässt sich nicht verändern. Diese Lektion habe ich gelernt. Ich werde meine Zeitreise-Mission abbrechen und hier bei euch bleiben. Wahrscheinlich werde ich mir ein hübsches, kluges Weibchen suchen und eine Familie gründen.

 

Der General, Teil 2

(Der General)

Selbst auf die Gefahr hin, dass Sie mich für verrückt halten: Ich wurde im Jahr 2258 geboren. Und soviel kann ich Ihnen verraten – das Leben auf der Erde hat nicht mehr viel mit dem zu tun, wie ihr es hier, irgendwann Anfang der 2000er, kennt. Ich will Sie auch gar nicht mit Details langweilen, außerdem sind meine Geschichtskenntnisse nicht soooo prächtig. Das übliche halt, was über Generationen überliefert wird, was dir Eltern und Großeltern an einem heißen Winterabend erzählen. Jedenfalls begannen die Dinge ungefähr zu eurer Zeit aus dem Ruder zu laufen. Vielleicht 50 oder 100 Jahre später, nageln Sie mich bitte nicht fest. Die Welt war in der Hand einiger weniger Konzerne. Die Märkte für Lebensmittel, Energie, Elektronik, Banken und was die Menschheit noch so glaubte, zu brauchen, teilten sich ein paar Mega-Unternehmen. Undurchschaubare Firmen-Geflechte, Holdings, Joint Ventures. Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde immer größer, und zwar in atemberaubendem Tempo. Anfangs versuchten die Politiker noch gegenzusteuern, doch ihre Förderprogramme und Finanzspritzen waren nicht mehr als kurzfristige Kosmetik. Längst hing man am Gängelband der mächtigen Wirtschaftsbosse und der Unmut im Volk wuchs. Irgendwann brachen dann die Revolutionen aus, die Ausgebeuteten stiegen auf die Barrikaden. Weltweit brannten die Städte, wurde Gewalt mit noch mehr Gewalt beantwortet, es regierten Hunger und Chaos.

Doch damit nicht genug: die Folgen des Klimawandels zogen ihre verheerende Spur über die Erde. Jahre der tödlichen Dürre mit Hitzewellen unvorstellbaren Ausmaßes wechselten mit nie gekannten Überflutungen, zerstörerischen Tornados und Hurrikans. Die Polkappen und Gletscher schmolzen dahin wie eine Kugel Vanilleeis in der Sommersonne. Und die Menschen waren machtlos, paralysiert, gefangen im täglichen Überlebenskampf.

Schließlich war unsere Zeit gekommen. Ach ja, habe ich schon erwähnt, dass ich eine Ratte bin?

(Lisa)

Zitternd hörte sie die schweren Schritte auf der Holztreppe näher kommen. Plötzlich ein dumpfer Knall und Gepolter, dem ein lallender Fluch folgte. Lisa wusste, was das zu bedeuten hatte. Ronny war besoffen. Und wenn er genügend getankt hatte, kam er meist in den Keller, um es der „Drecksau mal so richtig zu besorgen“.

Sie hatte ihn gar nicht gleich erkannt, als er vor ein paar Wochen (oder Monaten?) an ihrer Tür geklingelt hatte. Da stand ein etwas ungepflegter, dicklicher Mann mit aufgedunsenem Gesicht, unter seiner roten Baseball-Mütze quollen zu lange, fettige Haare hervor. „N´Abend, Lisa“ hatte er gegrinst und dabei eine Batterie gelblich-brauner Zähne freigelegt. Sie war instinktiv einen Schritt zurückgewichen, als sie seinen Bier-Atem roch. „Na, kennst mich wohl nich mehr?“ Sein Grinsen wurde noch breiter und er streckte ihr feixend seinen Kopf entgegen. Ein eiskalter Schauer überrollte ihren Körper.

„Ronny? Ronny Paulsen?“

„Bingooooooo!!!“ Sein Grinsen ging in lautes Lachen über.

Schon damals in der Schule war Ronny Paulsen der verspottete Außenseiter gewesen; ein unangenehmer Kerl, mit dem keiner was zu tun haben wollte. Schmuddelige Kleidung, Schweißgeruch, verschlagen, hinterhältig, verlogen. Und ausgerechnet dieser Typ hatte sich in sie, die hübsche blonde Lisa aus gutem Hause, verknallt. Im Unterricht steckte er ihr kleine Zettelchen zu auf denen Dinge wie „Treffn wir uns nach der Schule beim altn Brunen?“ oder „Du bist das schönste Medchen“ standen. Ständig trieb er sich in ihrer Nähe herum, lächelte und blinzelte ihr auf dem Pausenhof zu, als ob sie ein Liebespärchen wären. Meist ignorierte Lisa ihn, nur wenn er es mit seinen plumpen Annäherungsversuchen gar zu weit trieb, schnauzte sie ihn an: „Hau ab, Ronny! Lass mich einfach in Ruhe!“ Eines Nachmittags, auf dem Heimweg von der Schule, sprang er hinter einem Gebüsch hervor, stürzte sich auf sie und versuchte sie zu küssen. Dabei geiferte er wie ein notgeiler Straßenköter. Noch heute konnte sie den unangenehmen Zwiebelgeruch seines Atems riechen. Mit einer reflexartigen Bewegung hatte sie ausgeholt und ihm mit voller Wucht auf die Nase geboxt, und ihn wütend angeschrien: „Du Schwein!!!“ Seine Augen füllten sich mit Tränen, in seinem Blick lag Hass – abgrundtiefer, stahlgrauer Hass. Er hatte sich umgedreht und war schweigend davon getrabt. Das war das letzte Mal, dass sie Ronny gesehen hatte. Er kam zwei Wochen nicht zur Schule, dann machte das Gerücht die Runde, seine Eltern seien in eine andere Stadt gezogen. Langsam war die Erinnerung an dieses Ekel verblasst, doch nun stand er hier an ihrer Haustür und grölte wie ein Verrückter „Bingoooooo!!!“

Lisa wollte die Tür zuknallen, doch Ronny war schneller. Wie eine Qualle glitschte er an ihr vorbei und stand nun vor ihr auf dem Flur.

„Lisa, wer ist da?!“ rief ihr Mann aus der Küche, wo er brav Karotten für das Abendessen schnippelte.

Ronny fischte seine 38er aus dem Hosenbund und legte den linken Zeigefinger an den Mund. „Halt die Fresse, sonst bist du tot, Schlampe!“ zischte er. Dann schnappte er sich Lisa, drückte ihr den Revolver an die Schläfe und schob sie vor sich her in Richtung Küche. In Richtung Norman. Ihr Herz raste. Was sollte sie tun? Konnte sie es riskieren, Norman mit einem Schrei zu warnen? Würde er sie verstehen? Würde Ronny sie sofort erschießen? Noch während ihr tausend Gedanken durch den Kopf jagten, hatten sie die Küche erreicht.

„Wie…wer… wwwwer sind Sie?“ stammelte Norman, der eine Küchenschürze mit dem Aufdruck „Vorsicht! Mann kocht!“ trug.

„Lass das Messer fallen, Buchhalter!“

„Lassen Sie sofort meine Frau los!“ keuchte Norman und machte einen Schritt auf Ronny zu. Ein dummer Fehler. Zwei Sekunden später klebte sein Buchhalter-Hirn auf den Küchenfliesen.

Ronny hatte sie ins Schlafzimmer geschleppt, ihre Hände gefesselt und sie an einen Bettpfosten gebunden. Dann hatte er ihr – fast zärtlich und behutsam – Jeans und Höschen ausgezogen, sich eine halbvolle Flasche Whisky aus der Hausbar geholt, und vor dem Bett auf einen Stuhl gesetzt. Dort starrte er nun auf ihre Scham, nahm tiefe Schlucke aus der Schnapsflasche und leckte sich die Lippen. Als Ronny ein paar Minuten später in sie eindrang, verlor sie das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, war sie in diesem stinkenden Verlies angekettet.

Mit einem unangehmen Knarzen drehte sich der Schlüssel im Schloss der alten Kellertür.

„Hallo Miststück! Lust auf einen kleinen Fick?“

Morgen Grande Finale: Was hat es mit der intelligenten Ratte auf sich, wird sich Lisa gegen ihren Peiniger wehren können, gelingt ihr die Flucht aus dem Verlies? Seien Sie gespannt…

Bild: News.at

Der General, Teil 1

Sommer, Sonne, Urlaubszeit. Viele von euch sind unterwegs in aller Herren Länder oder fotografieren im heimischen Garten Blumen, Hummeln und Amseln. Auch in unserer sonst so betriebsamen Konservenmanufaktur herrscht „Saure-Gurken-Zeit“, und im Moser´schen Reihenhäuschen herrscht schwüle Trägheit. Auch für mich ein guter Zeitpunkt, ein wenig innezuhalten und mir ein kurzes Päuschen zu gönnen. Um euch auf meinem Blog dennoch ein wenig Unterhaltung zu bieten, präsentiere ich in den nächsten Tagen wieder mal eine kleine Kurzgeschichte aus meiner Feder, mundgerecht aufgeteilt in ein paar Lesehappen. Mit „Der General“ habe ich erstmals schriftstellerisches Neuland betreten und eine Short Story aus dem Bereich „Thriller-Fiction“ geschrieben. Also ich nenne diesen Mix aus knallhartem Entführungsthriller und Science Fiction jetzt einfach mal so. Keine Ahnung, ob das was Lesbares dabei rausgekommen ist oder nicht. Ich hoffe auf euer zahlreiches Feedback. Nur soviel: Heidi mag die Geschichte üüüüberhaupt nicht! Zu grausam, zu abgefahren, zu brutal. In den nächsten Tagen gibt es am Moser-Blog also nichts zu lachen. 

Der General

(Lisa)

Die dunklen Knopfaugen des Generals blitzen im Halbdunkel kurz auf, als er den Kopf ein wenig zur Seite neigte und sie durchdringend ansah. Mein Gott, wie sie diesen Blick hasste. So streng, so vorwurfsvoll. Als wollte er sagen: „Du hast dich in diese Situation hineinmanövriert, also sieh zu, dass du auch wieder rauskommst, Mädchen!“

Auch dieses „Mädchen“-Gelaber ging ihr gehörig auf den Keks. Sie war 27 Jahre, eine erwachsene Frau, berufstätig und seit 14 Monaten verheiratet. Falsch. Sie war nicht mehr verheiratet. Sie war jetzt Witwe, ihr Mann war tot. Und sie hatte sich ganz sicher nicht in diese Situation „hinein manövriert“. Ihre Pobacken schmerzten vom ewigen Sitzen auf dem kalten Steinboden. Vorsichtig hob sie ihren Hintern ein wenig und verlagerte das Gewicht. Die rostige Kette ihrer Fußfessel mit dem Vorhängeschloss gab ein schepperndes Geräusch von sich. Der General trippelte ein paar Schritte nach links, dann setzte er sich wieder hin und sah sie an. Schweigend. Nur seine langen Barthaare zitterten.

„Ach komm schon, General“, seufzte Lisa und massierte behutsam den aufgescheuerten Fußknöchel. „Schau mich nicht immer so ernst an, hilf mir lieber aus diesem beschissenen Drecksloch rauszukommen.“ Der General antwortete nicht. Stattdessen huschte er in die dunkle Ecke, wo der Eimer für ihre Notdurft stand. Sie konnte ihn nicht mehr sehen und rief halblaut in seine Richtung: „Hey, bleib hier! Lass mich nicht alleine…“

Wie lange war sie schon diesem … Keller? Verlies? Was immer es auch sein mochte, ihr Zeitgefühl in diesem finsteren Loch war ihr langsam aber sicher abhanden gekommen. Es mochten drei Wochen sein, vielleicht auch drei Monate. Egal. Wieder spürte Lisa diese Gleichgültigkeit in sich hochkriechen. Hatte sie sich tatsächlich mit ihrem Schicksal abgefunden? Würde sie hier langsam wahnsinnig werden und irgendwann verrecken wie ein nutzloses Stück Scheiße? Und der General würde ihr dabei zusehen. Mit seinen hässlichen, braunen Augen würde er sie ansehen, mit diesem vorwurfsvollen Blick und sagen: „Mädchen, tu was! Gib dich nicht auf!“ Doch der hatte leicht reden. Was konnte sie schon tun? Erschöpft schloss sie die Augen, den Geruch von Moder, Urin und Verwesung nahm sie längst nicht mehr wahr. Es war heiß.

Lisa dachte zurück an ihre erste Begegnung mit der Ratte. Normalerweise hatte sie eine Heidenangst vor den Viechern. Nicht so beim General. Vor ein paar Tagen war er einfach dagesessen auf seinen Hinterbeinen, der lange rosa Schwanz wirkte als würde er auf einem Regenwurm sitzen. Er hatte sie gemustert – eben wie ein General bei der Truppeninspektion. Sie hatte sich ein wenig aufgerichtet, quasi Haltung angenommen, und geflüstert: „General?“ Sie hatte keine Ahnung, warum dieser Name, dieser Titel plötzlich in ihrem Kopf war. Der Nager hatte fast unmerklich genickt, doch das war sicher nur Einbildung.

Seither war die Ratte ihr Freund, ihr Verbündeter. Der General sprach ihr manchmal Mut zu, dann wieder stachelte er sie an, sich nicht gehen zu lassen, die Hoffnung nicht zu verlieren, zu kämpfen. Und das Verrückte war: Lisa konnte ihn tatsächlich hören. Natürlich nicht wie eine richtige Stimme – Ratten können nicht sprechen! – aber sie wusste meist ganz genau, was er ihr sagen wollte.

Ein vibrierendes „Plong!“, als würde jemand gegen den Blecheimer in der Ecke klopfen, ließ sie hochschrecken. Sie kniff die Augen zusammen, um in der Dunkelheit besser sehen zu können. Jetzt erkannte sie die Silhouette des Generals, der mit scharrenden Geräuschen etwas vor sich herzuschieben schien. „General, was treibst du da?“ fragte sie leise. „Ich rette dich“, sagte die Stimme in ihrem Kopf. Ungläubig runzelte Lisa die Stirn. Aber dann erkannte sie, was ihr pelziger Freund da anschleppte. Lisa lächelte.

(Ronny)

Mit langen, gierigen Zügen trank er die eiskalte Dose Bier bis zur Hälfte leer. Aaaaahhhh! Wer immer dieses göttliche Gesöff erfunden hat, wahrscheinlich irgendein Johnny Budweiser, würde den Nobelpreis verdienen. Sein Blick verlor sich abwesend in der Ferne, ähnlich einem Baby kurz vor dem Bäuerchen, dann drang ein lang anhaltender, rollender Donner-Rülpser aus seinem fetten, aufgeschwemmten Körper. Zufrieden seufzte er und wischte sich mit seinen Wurstfingern, die aussahen wie ein schmutziger, aufgeblasener Gummihandschuh, über die tropfenden Lippen.

Heute würde er es dem Dreckstück wieder mal ordentlich besorgen. Ihre verzweifelten Schreie, ihr Gewinsel und das Zucken ihres begnadeten Körpers turnten ihn so richtig an. Er wusste natürlich, dass alles nur Show war. In Wahrheit brauchte sie einen richtig harten Fick, dieses geile Dreckstück. Von ihrem Mann Norman, diesem Buchhalter-Weichei, war sie sicher nie nach allen Regeln der Kunst rangenommen worden. Der zündete wahrscheinlich noch eine Kerze vorher an und massierte ihr ne halbe Stunde die Muschi. Ronny grinste. Er hatte der Schlampe doch einen Gefallen getan, als er Norman mit seiner 38er aus nächster Nähe das Gehirn auf die blau gemusterten Küchenfliesen pustete, wo es nutzlos und glibberig wie ungekochter Tintenfisch langsam auf den Boden tropfte. Lisas wundervolle grüne Augen waren fast unnatürlich weit aus den Höhlen getreten, doch kein einziger Schrei kam über ihre Lippen. Stumm hatte sie nach Luft geschnappt, wie eine Forelle am Haken. Ronny spürte, wie sein Schwanz hart wurde. Ja, heute würde er das Dreckstück vögeln, dass ihr mal so richtig die Luft weg blieb. Er setzte die Bierdose an und leerte sie bis auf den letzten Tropfen. Es war heiß.

Sternschnuppen, Teil III

Pünktlich um 6:13 trat die gute, alte Sonne ihren Dienst an, kämpfte sich tapfer aus den Dünen hoch und schickte ihre ersten, wärmenden Strahlen übers Land. Ein gewisser Ludwig Lanzengruber, der tief und traumlos im Sand geschlafen hatte, streckte seine verspannten Glieder und gähnte. Sein Mund fühlte sich so ausgedörrt an wie die Sahara selbst, und in seinem Kopf spielte eine ganze Armada von Hummeln verrückt. Er brauchte ein paar Momente, um zu realisieren, wo er war und was gestern geschehen war. Ein Lächeln, nein ein breites Grinsen überzog sein Gesicht. Er leerte die Wasserflasche mit gierigen Schlucken, dann ließ er seinen Blick über die endlosen Sandhügel schweifen und erneut durchzog dieses einzigartige Glücksgefühl seinen Körper. Ludwig packte den Rucksack und lief mit großen Schritten die Düne hinab, wo am Rande einer buckeligen Piste sein Land Rover wartete.

In der Oase befüllte er seine Wasser- und Benzinkanister, kaufte Fladenbrot und Datteln, blickte noch einmal hinüber zu den Dünen, wo ihm vielleicht so etwas wie „Gott“ begegnet war. Dann gab er Gas, Kurs Nordosten, Richtung Tunesien. Es war ein gänzlich anderer Mensch, der nun am Steuer saß. Fröhlich, fast ausgelassen, und voller Tatendrang. Die großartige Landschaft der algerischen Sahara zog am Fenster vorbei, hin und wieder kreuzte eine kleine Herde wilder Kamele seinen Weg. Kurz vor Ghudamis, der Grenzstadt zu Tunesien, standen drei Jungs mitten auf der Straße und winkten. Ludwig blieb stehen und schon standen die Burschen, vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt, französisch schnatternd am Wagenfenster. „Monsieur, Monsieur!“ riefen sie und hielten dabei wunderschön geformte, dunkelrote Steine – sogenannte Wüstenrosen – ins Innere. Er suchte sich ein besonders schönes Exemplar aus, das künftig auf seinem Schreibtisch Platz finden sollte. Den Jungs drückte er 500 Dinar in die schmutzigen braunen Finger, umgerechnet fünf Euro. Wahrscheinlich ein kleines Vermögen für sie, und sofort begannen sie lautstark gestikulierend die Scheine unter sich aufzuteilen. Lanzengruber drückte zwei Mal kurz auf die Hupe, winkte und setzte seinen Weg fort. Er fuhr entlang der tunesischen Küste über Gabes und Sfax, wo er sich ein paar Stunden am Strand und ein Bad im Mittelmeer gönnte. Dann ging es weiter Richtung Tunis, wo er mit der Fähre nach Sizilien übersetzen würde.

Und während dieser unbeschwerten Fahrt wälzte er Pläne. Zukunftspläne. Die Ideen sprudelten nur so aus ihm heraus. Eines war sicher: Das Reisebüro „Flamingo“ in seiner bisherigen Form war Schnee von gestern. Keine Pauschalreisen in irgendwelche All-inklusive-Clubs mehr, wo die Menschen mit Essen und Alkohol abgefüllt wurden, aber nichts von Land und Leuten mitbekamen. Kein Ballermann mehr mit „Deutshe Kuche“, keine Bettenburgen, keine überfüllten Strände. Lanzengruber wollte das Geschäft ganz neu aufziehen und sich auf exklusive und individuelle Reisen zu den schönsten Plätzen dieser Erde spezialisieren. Chichén Itza, die Mayaruinen auf der Halbinsel Yucatán, die Chinesische Mauer, die Felsenstadt Petra in Jordanien, der Grand Canyon, die Inka-Ruinenstadt Machu Picchu in den Anden…. und die Sahara. Die Welt war voll mit Reise-Juwelen. Er würde einen Kredit aufnehmen und das alte Geschäftslokal mit dem spröden Charme der 70er renovieren und modernisieren lassen. Auch der Internet-Auftritt musste künftig up-to-date sein, am Puls der Zeit, mit allen Schikanen. Und natürlich musste ein neuer Name her.

Während er im Hafen von Tunis auf die Fähre wartete, hatte er den entscheidenden Geistesblitz: „TRAVEL & SOUL – Reisen ist Leben“ würde der neue Laden heißen. Er würde tolle Anzeigen in Zeitungen und Reisemagazinen schalten und schon tauchten erste Ideen vor seinem geistigen Auge auf: Der Ayers Rock in Australien, bei Sonnenuntergang in orange-rotes Licht getaucht. Darüber der Slogan „Magic Moments – be part of it“, rechts unten sein neues Firmenlogo samt Internetadresse. Wie blind bin ich doch gewesen, dachte Ludwig und konnte es inzwischen nicht mehr erwarten, seine Pläne in die Tat umzusetzen.

Er fuhr den italienischen Stiefel hoch, ließ Kilometer um Kilometer auf der Autobahn hinter sich. Er war kurz vor Bologna, nur noch 550 km von zu Hause entfernt. Ein Blick auf die Armbanduhr: 23:34. In fünf oder sechs Stunden konnte er in München sein. Im Radio spielte der Oldie-Sender „Blowin´ in the wind“ von Bob Dylan, einer seiner absoluten Lieblingssongs, und Ludwig sang aus vollem Hals mit: „How many roads must a man walk down, before you can call him a man….“ Ein grünes Schild kündigte eine Raststätte in 3 km Entfernung an. Der künftige Geschäftsführer von „TRAVEL & SOUL“ überlegte, ob er sich vor der letzten Etappe noch einen Espresso und ein Sandwich gönnen sollte. „The answer my friend is blowin´ in the wind….“

Christoph Lanzengruber warf eine rote Rose auf den Sarg. „Servus Papa“, flüsterte er. „Mach´s gut.“ Dicke Tränen liefen über seine Wangen und er schämte sich nicht dafür. Als Mama damals starb, hatte er natürlich gemerkt, wie sehr der Tod seiner Frau dem Vater zusetzte. Wie jedes Leben aus ihm wich, wie er innerlich versteinerte. Doch er hatte ihn nie in den Arm genommen und getröstet, sondern sich in seinem Zimmer verschanzt und für die Schule gebüffelt – das war eben seine Art, mit dem schmerzlichen Verlust umzugehen. Und das tat ihm jetzt unendlich leid. Papa hätte ihn gebraucht, sie hätten einander gebraucht. Aber zu spät. Ein türkisfarbener LKW aus Rumänien, voll beladen mit Bauholz, durchbrach auf der Autobahn bei Bologna die Mittelleitschiene und zerquetschte kurz nach halb zwölf Uhr nachts den olivgrünen Land Rover wie eine leere Coladose. „Der LKW-Fahrer ist wahrscheinlich eingeschlafen, Sekundenschlaf“, hatte ihm die Polizei später mitgeteilt.

„Wenigstens hat er sich seinen Traum von der Sahara noch erfüllt“, dachte er. Es begann leicht zu nieseln und Christoph schlug den Kragen seines schwarzen Regenmantels hoch. Frau Wagner, ein zitterndes Häufchen Elend, hakte sich bei ihm unter und gemeinsam gingen sie langsam Richtung Ausgang.

Auf Sternschnuppen ist eben kein Verlass.

(ENDE)

Sternschnuppen, Teil II

Der große Allah führte geschickt Regie und so war es inzwischen dunkel geworden. Nur Ain Salah gab sich mit einigen Lichtern in der Ferne zu erkennen. Erneut setzte Ludwig die Flasche an. Operation, Chemotherapie, Krankenhausaufenthalte. Er lernte eine Menge über den bösartigen Killer, der die Eingeweide seiner Frau zerfraß. Er lernte, dass Darmkrebs die zweithäufigste Krebsform in Deutschland ist und jährlich 60.000 Menschen daran erkranken. Sie hörten viele tröstende Worte von verständnisvollen Ärzten und Professoren, die ihnen rieten, die Hoffnung nicht aufzugeben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, dachte Ludwig. „Aber sie stirbt.“ Maria war zu Hause gestorben. Als sie merkte, dass man im Spital nichts mehr für sie tun konnte, hatte sie zu ihm gesagt: „Wickerl, i wü net do sterbn. Bring mi bitte ham.“ Vollgepumpt mit Schmerzmitteln war sie zwei Wochen später in der Nacht von ihm gegangen.

Nachdem man das Beste, was ihm je passiert war, mit einigen Kubikmetern Erde zugeschüttet hatte, glich sein Leben dem eines Roboters. Er hatte das Denken weitgehend eingestellt, seine Tage liefen mehr oder weniger automatisch ab. Aufstehen, duschen, rasieren, eine Tasse Kaffee und ein halbes Brötchen mit Erdbeermarmelade, die Fahrt ins Büro, wo er mit Frau Wagner kurz die tagesaktuellen Dinge besprach. Die Wagner war zu dieser Zeit ohnehin die Seele der Firma, die sich aufopfernd um fast alles kümmerte, während Ludwig in seinem Büro mit leerem Blick auf den Computermonitor oder das Sahara-Plakat stierte. Sein einziger Trost und Lichtblick war Christoph, der den Tod der Mutter scheinbar gut verkraftete. Im Gegensatz zu ihm stürzte er sich auf die Arbeit, schrieb weiter gute Noten und verlor sein Ziel, Direktor eines Luxushotels irgendwo im Ausland zu werden, niemals aus den Augen.

Mit der Dunkelheit war es auch kühl geworden und Ludwig zog eine verwaschene Jeansjacke über, die er vorsichtshalber noch in den Rucksack gestopft hatte. In der Flasche befanden sich noch etwa drei Fingerbreit Wodka. „Bald bin ich bei dir, Maria“ murmelte Lanzengruber und tastete nach den Tabletten in seiner Hosentasche. Schwere Schmerz- und Schlafmittel, die seiner Frau das letzte bisschen Leben halbwegs erträglich hätten machen sollen. Ohne zu wissen warum, hatte er die beiden Packungen nach ihrem Tod nicht weggeworfen.

Mit dem Reisebüro war es im Lauf der folgenden Jahre steil bergab gegangen. Ein Chef, der nur noch physisch anwesend war; ein Geschäftslokal, das wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche wirkte; die Wirtschaftskrise und nicht zuletzt die immer stärker werdende Konkurrenz durch das Internet. Die Menschen gingen heute nicht mehr ins Reisebüro, um sich fachmännisch beraten zu lassen, sondern googelten die günstigsten Angebote im Netz und buchten online. Die Internetseite des „Flamingo“ war so wie das kleine Straßenlokal – antiquiert, verstaubt, altmodisch, nicht viel mehr als ein elektronischer Werbeprospekt. Die Umsätze gingen bedrohlich zurück, aber Ludwig unternahm nichts, ging scheinbar offenen Auges auf den Abgrund zu. Auch die mahnenden Worte von Frau Wagner bewirkten nichts, meist wimmelte er sie ab und täuschte wichtige Telefonate oder Termine vor.

Am 2. Mai, es war der vierte Todestag von Maria, saß Ludwig Lanzengruber wie immer in seinem Büro und versuchte, nicht zu denken. Er starrte auf die majestätischen Sanddünen und die zwei stolzen Tuareg auf ihren Kamelen. Und plötzlich zuckte ein Gedanke durch sein Hirn, ein Satz stand in brennenden Lettern vor seinem geistigen Auge: „Venedig sehen und sterben“. Ein berühmtes Zitat aus einem Film oder einem Buch. War es aus Thomas Manns „Tod in Venedig“? Egal. Ludwig nahm einen Schluck Kaffee aus der weißen Tasse mit dem Aufdruck „Unser Chef ist der Beste“ (ein Geschenk von Frau Wagner aus besseren Zeiten) und sagte: „Die Sahara wird mein Venedig.“ Die Entscheidung war gefallen. Er würde in die größte Trockenwüste der Erde reisen und seinem Leben, das ohnehin nur noch auf dem Papier existierte, ein Ende setzen. Schlagartig fühlte er grenzenlose Erleichterung und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er wieder ein ehrliches Lächeln auf den Lippen.

Das war vor knapp drei Wochen gewesen. Er hatte sein letztes Sparbuch, den Notgroschen für alle Fälle, geplündert und den alten Land Rover gekauft, dazu ein Navigationsgerät, ein paar Benzinkanister, Landkarten und wüstentaugliche Kleidung. Die Tabletten seiner Frau füllte er in ein leeres Röhrchen, das den Aufdruck „Vitamin C Brausetabletten“ trug, und verstaute sie unauffällig im Erste-Hilfe-Koffer. Seinem Sohn Christoph und Frau Wagner erzählte er, dass er dringend eine Auszeit benötige und er sich den alten Traum von einem Wüsten-Trip erfüllen wollte, um Kraft zu tanken. In zwei, spätestens drei Wochen würde er wieder an seinem Schreibtisch sitzen. Die Lüge kam ihm so leicht über die Lippen, dass niemand Verdacht schöpfte.

Nun saß er also hier. Endlich angekommen. Ludwig stand auf, torkelte ein wenig, und machte ein paar Schritte weg von seinem Sitzplatz. Er starrte in die Schwärze der Nacht, öffnete seine erdfarbene Khakihose und pisste in hohem Bogen in die Wüste. „Meine letzte Amtshandlung“ dachte er. Dann ließ er sich in den Sand fallen und starrte am Rücken liegend in den Nachthimmel.

Es war atemberaubend. Milliarden funkelnder Sterne breiteten sich vor ihm aus. „Oh mein Gott!“ krächzte er und eine nie gekannte Ehrfurcht erfüllte sein Herz. Bewegungslos lag er da und spürte, wie sich das perlenbestickte Firmament über ihn legte wie eine warme, schützende Decke. Man konnte nicht sagen, dass Ludwig Lanzengruber – obwohl katholischer Bayer – ein religiöser Mensch war. Zeitlebens hatte er eine durchaus pragmatische Sicht auf die Dinge des Lebens gehabt. Er zahlte zwar brav seine Kirchensteuer, hatte seine Maria kirchlich geheiratet und Christoph taufen lassen, doch ansonsten hatte er mit der katholischen Kirche nicht viel am Hut. Scheinheiliges Pack und „Kerzlschlucker“ nannte er sie im Stillen. Aber in diesem unbeschreiblichen Augenblick fühlte er sich als Teil eines göttlichen Ganzen. So wie er früher über das Bild in seinem Büro in eine andere Welt eingetreten war, öffnete sich in dieser anderen Welt nun eine weitere, ungleich größere Tür in eine andere Dimension. Ludwig tauchte ein in diese Unwirklichkeit und verschmolz mit der Unendlichkeit des Universums. In tiefen, langsamen Zügen atmete er die klare Nachtluft. Er war nicht mehr trunken vom Alkohol, dessen Wirkung sich ins Nichts aufzulösen schien – er war vielmehr trunken vor purem, reinem Glück. Warme salzige Tränen liefen über das Gesicht des Münchner Reiseunternehmers, der in den letzten Jahren viel zu schnell gealtert war. In der nächsten Sekunde zogen kurz hintereinander zwei Sternschnuppen ihre letzte Bahn über den afrikanischen Himmel – schnell, wünsch dir was! Und Ludwig musste nicht überlegen: „Ich will leben!“ flüsterte er, überwältigt von dieser Erkenntnis. Die Reise in die Sahara war keine Reise in den Tod, sondern ins Leben. Der Neubeginn. Das Ende musste warten, er hatte noch so viel vor in dieser wunderbaren, neuen Welt. Er rappelte sich auf, zog das Tablettenröhrchen aus der Hosentasche und warf es soweit er konnte in den schwarzen Schlund der Wüste. Dabei schrie er aus Leibeskräften: „Ich werde leben!!!“.

Verpassen Sie morgen nicht das große Finale!

Sternschnuppen, Teil I

Das Leben zwischen Fischkonservenfabrik und Reihenhäuschen kann ganz schön aufreibend sein, gönnen wir Herrn Moser und seiner braven Heidi daher ein paar Tage Ruhe. In der Zwischenzeit möchte ich Ihnen, liebe Leser, wieder einmal eine meiner Kurzgeschichten vorstellen. Lesen Sie hier in den nächsten drei Tagen die traurig-romantische Geschichte des Reisebürobesitzers Ludwig Anzengruber, der auszog, um…. aber lesen Sie selbst:

Endlich angekommen.

Mit einem hörbaren, tiefen Seufzer ließ sich Ludwig in den warmen Sand plumpsen. Es war 18:03 und die prügelnde Hitze des Tages trat langsam den Rückzug an. Dennoch zeigte sein weißes T-Shirt unter den Achseln und am Rücken dunkle Schweißflecken – ein Tribut an den beschwerlichen Aufstieg auf diese mächtige, goldgelbe Sanddüne. Der Ausblick entlohnte für diese Mühsal jedoch mehr als reichlich. Ein Ozean aus Sand, aufgeworfen in riesige, sanfte Wellen, breitete sich vor seinen Augen aus. Wenige Kilometer entfernt schmiegte sich Ain Salah in die puristische Landschaft, die letzte Siedlung vor Tamanrasset, der größten Oase im Süden Algeriens. Weiße Häuser aus Stein und Lehm, jetzt klein wie Kiesel, und Hunderte Dattelpalmen mit ihren sattgrünen Wipfeln bildeten einen reizvollen Farbklecks in diesem Panorama aus Bronze.

Ludwig Lanzengruber, 52 Jahre alt, gebürtiger Münchner, verwitwet, Besitzer eines Reisebüros, war angekommen. Endlich. Knapp 4.000 Kilometer hat er in den letzten vier Tagen runtergespult, und der gebrauchte Land Rover, den er erst wenige Tage vor seiner Abfahrt gekauft hatte, bewältigte die Strecke klag- und pannenlos. Er nahm ein paar lange Züge aus seiner Wasserflasche. Nicht, dass Ain Salah sein Ziel gewesen wäre. Nein, sein Ziel hieß schlicht und ergreifend „die Sahara“. Aber als er von Aoulef und In Ghar kommend in den kleinen, knapp 30.000 Einwohner zählenden Ort einfuhr, nahm ihn der Zauber der Oase sofort gefangen. Auch der Name gefiel ihm, erinnerte er ihn doch an das im Arabischen gebräuchliche „Inschallah“, das soviel wie „so Gott will“ bedeutet. Es hatte etwas Schicksalhaftes. Und während Ludwig in einem schmuddeligen Straßencafé an einer lauwarmen Cola nippte, das lebhafte Treiben auf dem Marktplatz beobachtete, wo Straßenhändler laut und rau Gewürze, Teppiche, lebende Hühner, glänzenden Schmuck und undefinierbare, mit Fliegen übersäte Fleischteile anboten, hatte er den Entschluss gefasst: „Ich bin angekommen.“

Nun saß Lanzengruber auf dieser majestätischen Düne, ein paar Kilometer entfernt von Ain Salah, und sah der Sonne bei ihrem Untergang zu. Seit Abermillionen Jahren versank dieses lebensspendende Gestirn im Dunkel der Nacht, um tags darauf wie Phoenix aus der Asche wieder aufzusteigen. „The circle of life…“ ging ihm durch den Kopf. Und hier sollte sich also sein Kreis schließen. Für immer. Gab es einen besseren, würdevolleren Platz um zu sterben? Ludwig ließ eine Million Sandkörner durch seine Finger rieseln und murmelte: „Staub zu Staub“. Die Sonne stand nur noch eine Handbreit über dem Horizont und das Licht begann sich zu verändern. Er kramte eine Flasche Wodka aus dem militärisch grün-braun gefleckten Reiserucksack. Vor der Überfahrt nach Algier hatte er das hochprozentige Wässerchen in Marseille gekauft und gut im Land Rover versteckt. Sicher ist sicher. Er hatte keine Ahnung, ob man Alkohol in das islamische Algerien einführen darf. Aber selbst wenn, war man in solchen Ländern doch oft der Willkür übellauniger Zöllner ausgeliefert. Es war aber alles gut gegangen und Ludwig nahm einen tiefen Schluck. Das Zeug brannte sich seinen feurigen Weg durch die Blutbahn und er schüttelte sich wie ein nasser Hund.

Fast zwanzig Jahre war ihm dieses eine Bild als Tor in eine andere, geheimnisvolle Welt erschienen. Das Poster hing, fein säuberlich gerahmt, in seinem sonst recht unscheinbaren Büro und zeigte zwei schwarz vermummte Tuareg, die auf ihren Kamelen durch die Dünenlandschaft der Wüste ritten. Darunter stand in geschwungenen Lettern, die wohl an arabische Schriftzeichen erinnern sollten: „Abenteuer Sahara“. Wie oft hatte sich Lanzengruber in dem Anblick verloren, sich hineingewünscht in die Weite und Jungfräulichkeit dieser ursprünglichen Natur. Keine Abgase, kein Autolärm, keine neugierigen Nachbarn, kein Finanzamt, keine Tiefkühlpizza und kein Fernsehen. Nur Stille. Sich selbst spüren. Und trotzdem hatte er, der Besitzer des Reisebüros „Flamingo“, noch nie zuvor einen Fuß auf den schwarzen Kontinent gesetzt. Ludwig nahm wieder einen großzügigen Schluck und schüttelte den Kopf. Lächerlich. Das war ja fast so, als hätte ein Zigarettenfabrikant noch nie einen Glimmstängel zwischen den Lippen gehabt.

Sein Vater Alois hatte das Reisebüro Ende der 60er Jahre in München eröffnet. Er nannte es „Flamingo“, weil es „gut klingt und auch was Exotisches hat“. Der Tourismus war damals eine rasant wachsende Branche. Die Leute hatten Geld, der Urlaub in einem fremden Land gehörte für viele ebenso zum guten Ton, wie ein schönes Auto und der Farbfernseher. Das Geschäft florierte und Ludwig sah seinen Vater nur selten. Später, nach dem Abitur, sah er ihn täglich, denn er absolvierte im „Flamingo“ eine Lehre als Reisebürokaufmann. Es war die naheliegendste Lösung, weil Papa Alois das Geschäft eines Tages ohnehin an ihn weitergeben wollte, und weil er auf der anderen Seite keine anderweitigen beruflichen Ambitionen verspürte.

Am 4. April 1987 stieg Alois Lanzengruber morgens um sieben nach Seife duftend aus der Dusche, riss die Augen auf, griff sich ans Herz und stürzte zu Boden, wobei er unterwegs mit dem Kopf noch den Heizkörper mitnahm. Ganz so, als wollte der Tod auf Nummer Sicher gehen. Ludwigs Mutter Renate, Gott hab sie selig, folgte ihrem Mann nur wenige Monate später. Sie hatte jeden Lebenswillen verloren und ergab sich kampflos einer Lungenentzündung. Und so übernahm Ludwig Lanzengruber, noch keine dreißig Jahre alt, das Reisebüro „Flamingo“ in München.

Die Dünen am Horizont fraßen die blutende Sonne, zogen sie im Minutentakt immer tiefer in ihr sandiges Getriebe. Es herrschte eine unheimliche, rot-violette Lichtstimmung. In einem Hollywood-Blockbuster wäre jetzt wahrscheinlich ein gigantisches Raumschiff am Himmel erschienen, begleitet von der unheilschwangeren Musik eines Streichorchesters. Doch es war still, sehr still, und Ludwig setzte die Wodkaflasche an. „Prost Papa!“ rief er in die lärmlose Wüste und schickte einen dumpf rollenden Rülpser hinterher.

Zwei Jahre nach dem Tod seiner Eltern hatte er Maria kennen gelernt. Sie war Hostess auf einer Ferienmesse in Freiburg und verteilte Werbeflyer eines großen Reiseveranstalters. Sie trug ein blaues Dirndl, das ihre Kurven betonte, und ein Lächeln im Gesicht, das sein Herz sofort schmelzen ließ. Maria. Das Beste, was ihm je passiert war. Sie nahm seine etwas linkische Einladung zum Abendessen nach Messeschluss – zu seiner eigenen Überraschung – an und im Sommer 1990 gaben sie einander das Ja-Wort. Bis dass der Tod euch scheidet. Ludwig kramte, bereits etwas betrunken, in dem abgewetzten Rucksack und förderte schließlich seine Brieftasche zutage. Er klappte sie auf und betrachtete mit verschleiertem Blick ein Foto, das Maria mit ihrem damals 9-jährigen Sohn im Phantasialand zeigte. Heiter und unbeschwert, mit leuchtenden Augen. Glücklich. Der Bub kam am 24. Dezember 1992 zur Welt, am Heiligen Abend. Maria hatte ihm ins Ohr geflüstert: „Unser Christkindl…“ und so tauften sie ihn auf den Namen Christoph. Heute studiert Christoph Tourismus und Hotelmanagement in der Schweiz, und Ludwig war fest überzeugt, dass er sein Ziel, eines Tages Hoteldirektor in Singapur oder New York zu werden, erreichen würde.

Sie waren eine glückliche Familie. Das „Flamingo“ machte sie zwar nicht reich, lief aber recht ordentlich. Wenn Ludwig abends nach dem Büro nach Hause kam, es nach Braten und Geborgenheit duftete, er Maria und den kleinen Sohnemann in die Arme schließen konnte, vergaß er sogar das Sahara-Foto in seinem Büro und seine ungestillte Sehnsucht. Doch der Mensch gewöhnt sich viel zu schnell an Glück und Zufriedenheit, nimmt bald alles als selbstverständlich. Das sollte Ludwig schmerzhaft bewusst werden, als er damals, an einem vernieselten Novemberabend im Jahr 2006, nach Hause kam. Maria saß mit roten Augen auf der Couch und knabberte, nein zerfleischte mit den Zähnen ihre Unterlippe. Kein gutes Zeichen. Er nahm sie in den Arm, küsste sie sanft auf die Stirn und fragte, was denn los sei. Stumm deutete sie auf ein braunes Kuvert, das neben der Schale mit Nüssen auf dem Tisch lag. Hastig fummelte er einige Formulare und Briefe heraus, die verdächtig nach Arzt und Krankenhaus aussahen.   Er versuchte sich einen Überblick zu verschaffen, las allerhand lateinisches Zeugs und sehnte sich das erste Mal seit drei Jahren nach der beruhigenden Wirkung einer Zigarette. Schließlich lag das entscheidende Schreiben vor ihm. Er las die Worte „Befund“ und „Adenokarzinom des Dickdarms“. Ungläubig schaute er seine wunderschöne Frau an. Sie nickte und in diesem Augenblick brach die heile Welt von Ludwig Lanzengruber in sich zusammen wie ein Kartenhaus, begleitet von Marias Heulkrampf, der sich mit tausend Nadeln in seine Brust bohrte.

Fortsetzung folgt morgen! 

 

Engelbert, Teil II

Mit 22 Jahren war ich immer noch unberührt. Gut, ich hatte jetzt eine eigene Wohnung und musste nicht mehr fürchten, dass mich Mama bei meinem Lieblingshobby überrascht. Befriedigend war die Situation jedoch in keiner Weise. Die Großstadt war kein Schlaraffenland, wo hübsche Frauen in Straßencafés saßen und mir aufreizend zulächelten. Im Gegenteil. Jeder und jede schien so mit sich selbst beschäftigt, so verschlossen, dass ich mir bald wie ein Außerirdischer auf einem fremden Planeten vorkam.

An einem Sonntagvormittag las ich wie üblich gelangweilt die Zeitung, überblätterte rasch den Teil mit den Kleinanzeigen, als mein Blick auf die fettgedruckte Überschrift KONTAKTE fiel. Natürlich! Was war ich doch für ein Idiot gewesen. Heutzutage lernt man sich über Zeitungsinserate kennen, dachte ich und mein unschuldiges Herz schlug etwas schneller. Mit Feuereifer machte ich mich über die Kontaktanzeigen her … und musste rasch erkennen, dass die hier inserierenden Damen wohl dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen. „Monika – Hausbesuche ohne Tabu“ hieß es da. Oder: „Reife Rubenslady besorgt es dir“.

Es war ein Sonntag der Erkenntnisse. Neugierig studierte ich jede einzelne Anzeige und merkte, wie der kleine Engelbert an die Hosentür klopfte, um sein Verlangen, endlich Bekanntschaft mit seinem weiblichen Gegenstück schließen zu dürfen, kundzutun. Warum eigentlich nicht? Die Sache würde zwar ein bisschen was kosten, aber Geld war das geringste Problem. Ich hatte ja außer Miete und Lebensmitteln kaum Ausgaben, und so blieb trotz meines bescheidenen Gehalts am Monatsende immer noch etwas übrig. Und das beste daran: Kein wochenlanges Kennenlernen, wo ich ohnehin nicht wusste, was ich sagen sollte. Kein Liebes-Chaos. Ich begann das Projekt „1. GV“, wie ich es im Stillen nannte, strategisch zu planen.

Zunächst musste ein neues Bett her, denn in dem quietschenden Klappergestell, das mein Vormieter zurückgelassen hatte, wollte ich meine Jungfernschaft keinesfalls verlieren. Zum Glück hatte vor wenigen Monaten ein schwedisches Selbstbedienungs-Möbelhaus am Stadtrand eröffnet, wo ganz nette Schlafstätten aus hellem Kiefernholz zu moderaten Preisen angeboten wurden. Mein Chef zeigte sich großzügig und ich durfte mir übers Wochenende einen alten Baumarkt-Lieferwagen leihen. Ganz kostenlos.

Schon am nächsten Samstagnachmittag konnte ich mit dem „kinderleichten“ (O-Ton des Verkäufers) Aufbau beginnen. Knapp fünf Stunden und hundert Flüche später stand „Nyvoll“ samt neuer Matratze und frisch bezogener Bettwäsche vor mir. Es sah toll aus und ich war stolz auf mich. Ich legte mich vorsichtig hinein, atmete den frischen Holzduft, und stellte mir vor, wie sich schon bald eine langbeinige Strapslady oder eine versaute Jaqueline um mich kümmern würde. Knapp fünf Minuten später war das Schwedenbett eingeweiht.

In den nächsten Tagen putzte ich die Wohnung auf Hochglanz, kaufte zwei Flaschen Sekt, gesalzene Erdnüsse und ein paar Kerzen. Und natürlich studierte ich aufmerksam und täglich die Seite mit den Kontaktanzeigen, um die richtige Dame für mein Projekt auszuwählen. Alle in die nähere Auswahl kommenden Inserate schnitt ich säuberlich aus und klebte sie auf ein Blatt Papier. Freitag sollte der große Tag sein, und so saß ich am Donnerstagabend vor 15 potenziellen, ganz unterschiedlichen Kandidatinnen. Ein Schlaraffenland, und die Wahl fiel schwer. Schließlich entschied ich mich für „Busenwunder OLGA erfüllt deine geheimsten Wünsche“. Meine Wünsche waren gar nicht so geheim, aber große Brüste konnten nicht schaden.

Freitagabend, kurz nach 20 Uhr, saß ich in meinem nach Putzmittel und Vanillekerzen duftenden Wohnzimmer und qualmte es mit Zigarettenrauch voll. Ich war elendig nervös und mein Darmtrakt spielte mir übel mit. In heißen Wellen überflutete mich der Drang, eine Entleerung vorzunehmen, doch das erschien mir ausgeschlossen. Jeden Augenblick konnte das zuvor telefonisch bestellte Busenwunder seine Aufwartung machen – und ich wollte nicht auf der Toilette sitzen, wenn es klingelnd Einlass begehrte. Von der Geruchsbelästigung ganz abgesehen. Also drehte ich ein paar Runden durch die Wohnung und inhalierte ein Nikotinstäbchen nach dem anderen. Eine Viertelstunde später ging „Projekt 1. GV“ in die finale Phase.

Olga war eine sehr üppige und sehr wasserstoffblonde Erscheinung. „Du bist Ängälberrrrt?“ begrüßte sie mich mit unüberhörbar osteuropäischem Akzent. Sie war etwa einen halben Kopf größer als ich, und soweit ich unter dem großzügig aufgetragenen Make Up erkennen konnte, wohl Mitte 40. Das alles entsprach zwar nicht unbedingt meinen Erwartungen, doch immerhin trug ihr Vorbau das Attribut „Wunder“ durchaus zu recht.

„Ein Glas Sekt?“

„Gärnä.“

Mein nervöser Magen quittierte den Empfang der Alkohol-Kohlensäure-Mischung mit einem laut hörbaren Gurgeln und Glucksen. Nun, in diesem Geschäft ist Zeit tatsächlich Geld. Also wechselte zunächst die vereinbarte Summe den Besitzer, ehe Olga mich aufforderte: „Komm, gähen wir Bätt!“.

Hier lag ich nun, mit offenem Hemd und freiem Unterkörper, während Olga mit professionellen Griffen versuchte, den schlaffen Aggregatzustand von Ängälberrrt junior zu verändern. Leider waren ihre Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt, und das hatte mehrere Ursachen. Zum einen hatte sich die stattliche Russin (oder was immer sie war) inzwischen auch ihrer Kleider entledigt, was ein Paar haarige Waden, und mehr fleischliches Übergepäck als meiner Libido zuträglich war, zutage förderte. Außerdem gab „Nyvoll“ bei jeder Bewegung des Busenwunders ein sorgenvolles Ächzen von sich. Zum anderen waren meine Eingeweide noch immer in Aufruhr, und ich brauchte meine volle Konzentration, um nicht unabsichtlich eine Flatulenz in die Freiheit zu entlassen. All dies wollte beim kleinen Engelbert so gar keine erotische Stimmung aufkommen lassen.

Doch Olga, Profi durch und durch, ließ sich nichts anmerken. Unbeirrt setzte sie ihre Bemühungen fort…. und siehe da: wenige Minuten später gehorchte mein sonst so treuer Gefährte doch noch dem Ruf der Natur. Kaum hatte mein kleiner Soldat Haltung angenommen, wollte meine Besucherin die Gunst der Minute nützen und erklomm schwungvoll den Damensattel. Doch meine frisch zusammengeschraubte schwedische Bettstatt war nun endgültig überfordert. Ob es nun an meinen handwerklichen Fähigkeiten oder am Körpereinsatz der Liebesdienerin lag, sei dahingestellt – jedenfalls brach „Nyvoll“ in diesem Moment mit lautem Getöse splitternd in sich zusammen. Und damit fiel auch der von Olga in mühsamer Handarbeit errichtete Turm wie ein Fabrikschlot bei der Sprengung um.

So endete dieses Liebesabenteuer ebenfalls im Chaos. Beim Zusammenbruch des Bettes rammte sich die Olga einen XL-Holzsplitter in den fleischigen Unterarm, fluchte lautstark in ihrer Muttersprache und sprenkelte mit Blutstropfen mein blütenweißes Laken. Während ich erschrocken aufsprang, um Heftpflaster aus dem Badezimmer zu holen, entfleuchte der lange zurückgehaltene Darmwind mit Pauken und Trompeten. An meine Entjungferung war nicht mehr zu denken. Das Busenwunder flüchtete, notdürftig verarztet, Hals über Kopf aus meiner Wohnung. Ich stand vor den Trümmern von „Nyvoll“ und meines Liebeslebens. Und dachte über die Anschaffung einer aufblasbaren Sexpuppe nach.

Engelbert, Teil I

Herrschaften, gönnen wir dem kohlenhydratreduzierten Herrn Moser ein paar Tage Pause. Die Aussicht auf Svetlana Pfotenhauer als künftige Marketingleiterin und der Verzicht auf Kuchen & Knödel setzen dem armen Kerl arg zu. Um die Leere ein wenig zu überbrücken, präsentiere ich Ihnen zum Wochenende wieder mal eine kleine Kurzgeschichte (in 2 Teilen). Diesmal geht es um das unglückliche Liebesleben des heranwachsenden Engelbert. Die Geschichte spielt in den 70er Jahren, der Humor ist etwas derb und nichts für zarte Gemüter. Ich wünsche Ihnen dennoch unterhaltsames Lesevergnügen.

Engelbert und die Sache mit den Frauen

Mein Liebesleben war immer Chaos pur. Unter „Liebe“ verstehe ich in diesem Fall sowohl die rein körperliche Leidenschaft als auch das große Gefühlsorchester. In meinem Fall kam es bisher weder zu dem einen, noch zum anderen.

Ich wurde unter dem Sternzeichen Unglücksrabe, Aszendent Pechvogel, geboren. Mein Anblick war schon als Kind nicht dazu angetan, Müttern, Omas und Tanten spitze Schreie des Entzückens zu entlocken. Kümmerlicher Haarwuchs, abstehende Ohren, sechs Dioptrien Kurzsichtigkeit, die mit entsprechend dicken Brillengläsern ausgeglichen  wurde. Klassenkleinster und beliebte Zielscheibe beim Völkerball. Vorname: Engelbert. Die einzige physische Zuwendung, die ich in meiner Kindheit erfuhr, war die tröstende Hand von Mama, die mir ab und zu den Hinterkopf tätschelte und dabei gehaltvoll seufzte. Ihrer Anhimmelei des britischen Schnulzensängers Engelbert Humperdinck verdanke ich übrigens auch meinen gehassten Vornamen.

In der Pubertät wurde es nicht besser, im Gegenteil. Mamas zärtliche Klapse blieben irgendwann ganz aus, meine Nase wuchs zu einem gigantischen Zinken heran, und in meinem Gesicht erblühte eine fruchtbare, eitrige Kraterlandschaft. Gleichzeitig schüttete ich seltsame Hormone aus, die meinen Blickwinkel auf das weibliche Geschlecht stark veränderten, und meinem Pipihahn eine Zusatzfunktion überantworteten. Dieser Bonus war das einzig Positive in dieser Zeit des Wandels. Als ich entdeckte, dass ich mir mit einer relativ simplen, stets wiederkehrenden Bewegung einen Haufen wundervoller Gefühle bescheren konnte, gab es kein Halten mehr. Ich hatte in dieser feindlichen, kaltherzigen Welt einen wahren Freund gefunden, der mich – zumindest damals – nie enttäuschte. Natürlich betrieb ich mein neues Hobby streng geheim. Bis zu dem Tag, an dem mich Mama im Kinderzimmer überraschte.

Ich pflegte damals, wie man sich vorstellen kann, nicht sonderlich viele soziale Kontakte. Vielmehr entwickelte ich mich zügig zum Bücherwurm, verschlang alles, was mir zwischen die Finger kam. So war Mama auch nicht überrascht, als ich mich eines sonnigen Nachmittags mit den Worten „Ich geh mal meinen Winnetou weiterlesen“ in mein Zimmer zurückzog. Vor einer ungebetenen Überraschung fühlte ich mich sicher, denn das Mutterschiff bügelte einen ganzen Stapel von Papas weißen Hemden und lauschte dabei der neuesten Langspielplatte ihres geliebten Engelbert. „Please release me let me go…“ durchdrang der Schmusebarde selbst die geschlossene Tür des Kinderzimmers. Aber auch das konnte mich nicht davon abhalten, mir schnurstracks Jeans und Unterhose runterzuziehen und mich hoch erhobenen Mittelstücks auf das Bett zu werfen. Winnetou musste warten, zuerst wollte die Silberbüchse gründlich poliert werden. Eben hatte ich meinen Schuss abgefeuert und tastete mit zittrigen und klebrigen Fingern nach den Papiertaschentüchern unterm Kopfkissen, als Mama mit den Worten „Hast du eigentlich schon ….“ völlig überraschend und ohne anzuklopfen ins Zimmer kam. Der Rest ihrer Frage ging in einem bedrohlichen Gurgeln und Röcheln unter. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den zuckenden kleinen Engelbert ihres zweiten Engelberts. „Mein Gott, Berti!!“ krächzte sie, drehte sich um und eilte zurück zur Bügelwäsche.

Das Thema wurde nie wieder angesprochen. Nur der Stapel BRAVO-Hefte in meinem Schrank war Tags darauf auf wundersame Art verschwunden. Ich schlich in den nächsten Monaten wie ein verurteilter Massenmörder durch die Wohnung und mied die vorwurfsvollen Blicke meiner Mutter. Das Chaos in mir wuchs direkt proportional zu meiner Schweigsamkeit.

Auch in den folgenden Jahren gab es keine Erfolgserlebnisse an der Liebesfront. Während meine Klassenkollegen nach dem Wochenende mit ausschweifenden Partys, Geschmuse, Petting und „Vollzug“ prahlten, hatten meine 18-jährigen Lippen noch niemals die Haut eines Mädchens berührt. Selbst übereifrige Masturbation konnte die triebhaften Gedanken nicht aus meinem Kopf verbannen, und sobald im Bus nur ein halbwegs ansehnliches Mädchen neben mir vor sich hin duftete, bekam ich schon eine Erektion. Es musste etwas geschehen.

Und es geschah, wenn auch anders als geplant. Ich war inzwischen 19 geworden, die eitrigen Krater in meinem Gesicht hatten sich auf ein überschminkbares Maß zurückgebildet und die damals modische Langhaarfrisur der 70er Jahre überdeckte vorteilhaft meine Segelohren. Von meinem ersten Gehalt als Verkäufer in einem Elektronik-Laden leistete ich mir Kontaktlinsen und ein paar schicke Klamotten. Ich wappnete mich für den ersten Discobesuch meines Lebens, in der Hoffnung, zumindest für die wenigen Minuten eines langsamen Tanzes einem dieser herrlichen Geschöpfe nahe zu sein.

Die „Tenne“ war keine Disco im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr der Tanzsaal des größten Hotels in unserer langweiligen Kleinstadt. Holztische mit Kerzen und Aschenbechern, Holzstühle mit einem ausgeschnittenen Herz in der Rückenlehne, eine holzgetäfelte Bar mit einer Batterie Schnapsflaschen vor einer Spiegelwand. An der Decke drehte sich die obligatorische Discokugel, ein Discjockey nuschelte zwischen den einzelnen Songs gelangweilt und lustig gemeinte Kommentare ins Mikrofon. Als ich gegen 21 Uhr ankam, war die Tanzfläche noch fast leer. Zwei mollige Landpomeranzen und ein Paar in den 30ern zuckte zu „Ballroom Blitz“ von Sweet vor sich hin. Obwohl ich zuvor heimlich noch zwei tiefe Schlucke aus der Wermuth-Flasche in der elterlichen Hausbar genommen hatte, war ich aufgeregt. Ich setzte mich auf einen Hocker an der Theke, um einen guten Blick auf das Geschehen zu haben, und orderte mein erstes Barcadi-Cola. Nach dem zweiten Drink wippte ich mit dem Fuß zu Boney M. und „Ma Baker“, langsam begann sich die Tenne zu füllen. Ich fühlte mich den Umständen entsprechend gut, und hatte auch schon zwei, drei Mädels im Visier.

Nach dem dritten Barcadi-Cola auf leeren Magen war ich bereit für das große Abenteuer. Und als der DJ „Samba Pa Ti“ von Santana auf den Plattenteller legte, erhob ich mich etwas wackelig von meinem Hocker und steuerte auf einen Ecktisch zu, wo eine hübsche Dunkelhaarige kettenrauchend Kringel in die Luft blies. Ihre unscheinbare, bebrillte Freundin war wohl gerade auf der Toilette, der Wind stand also günstig.

„Hallo, willst du tanzen?“ fragte ich durch die Wand aus Rauchschwaden. Sie musterte mich von oben bis unten, dann drückte sie die Zigarette im Aschenbecher aus und stand auf. Ich lächelte. Na also, geht doch.

Auf der Tanzfläche legte sie beide Arme um meinen Hals, ich meine um ihre Hüften – und so wiegten wir uns unbeholfen zu Carlos Santanas magischer Gitarre. Ich sog den Duft von Apfelshampoo in mir auf, wir sprachen kein Wort. Den Gedanken, dass hier und heute möglicherweise der erste Kuss meines Lebens in der Luft schwebte, unterbrach der Discjockey mit Deep Purple und „Smoke on the Water“. Ich brüllte meiner Tanzpartnerin „Möchtest du etwas trinken?!“ ins Ohr, sie nickte und kurz darauf saßen wir an der Bar. Sie nippte an einer Cola mit Zitronenscheibe, ich an einer mit Barcadi.

„Wie heißt du?“ schrie ich.

„Angelika! Und du?“ schrie sie zurück.

„Engelbert!“

Sie zuckte mit den Achseln und zündete sich eine Zigarette an. Beide beobachteten wir die Tanzfläche, wo nun Baccara den Takt vorgaben. Sie gelangweilt, ich verlegen. Bei der nächsten langsamen Nummer würde ich sie wieder zum Tanzen auffordern. Der DJ ließ mich nicht lange warten und als die ersten Takte von „Ginny Come Lately“ erklangen, ergriff ich einfach ihre Hand und entführte sie zu den Tänzern. Es war kein Widerstand zu spüren, und wie vorhin schmiegten wir uns aneinander. Nach der ersten Strophe des Albert-West-Songs sahen wir uns kurz in die Augen und ich spürte, dass der Augenblick gekommen war. Jetzt oder nie. Ich näherte mich mit meinem Mund ihren Lippen und sie … kam mir entgegen.

Millionen Male hatte ich mir den ersten Zungenkuss in allen Einzelheiten ausgemalt. Wie sich unsere Lippen sanft berühren würden, sich langsam öffnen und unsere weichen Zungenspitzen zärtlich auf Erkundungsfahrt gehen würden. Doch Angelika hatte scheinbar andere Vorstellungen. Kaum hatten unsere Lippen Kontakt hergestellt, bohrte sie mir keuchend ihre Zunge in den Mund, wo sie herumzappelte wie ein sterbender Fisch. Ich war zutiefst erschrocken und wollte sie in einer ersten Reaktion von mir drücken – doch die dunkelhaarige Schönheit schien meine Ambition misszuverstehen, packte mein Gesicht mit beiden Händen und schob mir den glitschigen Lappen noch tiefer in den Hals. Ich war versucht, dem zuckenden Goldfisch – der übrigens bestialisch nach Aschenbecher schmeckte – einfach den Kopf abzubeissen, als mein sensibler Magen mit dumpfem Grollen SOS signalisierte. Ich war ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch, und ehe ich in angemessener Weise reagieren konnte, wechselten vier Barcadi-Cola per Direktabfüllung den Besitzer. Angelika zeigte sich über die kostenlosen, inzwischen warm gewordenen Longdrinks wenig erfreut, und zuckte mit einem Todesangst-Schrei, der jedem Splatterfilm zur Ehre gereicht hätte, zurück. Mit ungläubig aufgerissenen Augen stand sie vor mir, meine Kotze tropfte ihr vom Kinn und sie verpasste mir zuerst eine schallende Ohrfeige, dann einen kräftigen Boxhieb in den Bauch, worauf ich auch noch den elterlichen Wermuth in die Freiheit entließ. Wut, Scham, das Reihern und nicht zuletzt der Magenhaken trieben mir Tränen in die Augen … und spülten so meine rechte Kontaktlinse hinfort.

Meine Eroberung lief laut schluchzend Richtung Damen-WC, und ich nutzte die allgemeine Aufregung, um mich unauffällig und halb blind aus der „Tenne“ zu verdrücken. Dazu besangen Sailor „Girls, Girls, Girls“.

Das war in den 70ern, aber auch ohne Facebook, Handy und SMS verbreitete sich die Nachricht von Engelbert, der einem Mädchen in den Mund gekotzt hatte, wie ein Lauffeuer. Die Chancen, in absehbarer Zeit meine Jungfernschaft zu verlieren, waren von Null auf minus 100 gesunken. Acht Monate später übersiedelte ich in die anonyme Großstadt, nahm einen Verkäuferjob in einem Baumarkt an und hoffte, das Chaos endgültig hinter mir gelassen zu haben. Mein neues Leben konnte beginnen.

Fortsetzung folgt morgen…

Tunga Bunga, Teil III

Nach zwanzig Minuten Fußmarsch erreichten sie das Dorf. Männer, Frauen und Kinder umringten die seltsamen Gestalten neugierig und zupften vorsichtig an deren Federn. Onkel Dagobert versuchte, sich die Wilden mit seinem Gehstock vom Hals zu halten und rief: „Wo ist Kabunga? Ich will mit Kabunga sprechen! Häuptling, du verstehen?“

Plötzlich ertönten Buschtrommeln – Bong! Bong! – und aus der größten, mit bunt bemalten Totenköpfen geschmückten Hütte trat ein Mann, der seinen dicken Bauch wie ein dunkelbraunes Bierfass vor sich hertrug. Der Umhang aus prächtigen Papageienfedern war wohl seine Häuptlingsuniform, und – Dagobert traute seinen Augen kaum – in der Nase steckte kein Knochen, sondern ein alter Bleistift. Er war am Ziel. Endlich! Der Heilige Stift. „Düsentrieb, sagen Sie ihm, dass ich ihm ein ausgezeichnetes Tauschgeschäft vorzuschlagen habe – wir verhandeln in seiner Hütte. Sie kommen mit dem Übersetzungsapparat mit. Donald, gib mir den Rucksack mit dem Proviant und den Glasperlen“, ordnete der Krösus an.

Keine halbe Stunde später trat das Trio wieder auf den Dorfplatz. Die Nase des Kabunga war nun schmucklos, dafür kaute er selig lächelnd an einem Schokoriegel und rieb sich den braunen Ranzen. „Hier seht ihr den neuen Besitzer des Heiligen Stiftes!“ triumphierte Dagobert. „Wie ich dich kenne, war der Preis dafür nicht allzu hoch“, feixte Gustav. „In der Tat, ich denke zehn Schokoriegel, drei Tüten Gummientchen und ein Säckchen bunter Glasmurmeln sind nicht überbezahlt“, schmunzelte der Alte. Und plötzlich! Drei maskierte Gauner mit blauen Käppis und roten Shirts stürmten aus dem Dschungel, schnappten sich die überraschten Kids und setzten ihnen dicke Revolver an den Kopf. „Hi Berti“, grinste der unrasierte Typ mit der Nummer 123-4 auf der Brust. „Überraschung! Guckst du, ne? Und jetzt rück den verdammten Stift raus, sonst machen wir aus deinen Neffen ein paar niedliche Bleienten!“ „Die Panzerknacker!“ Donald schlotterte am ganzen Körper. Zitter! „Lasst bitte meine Jungs frei.“ „Die Operation war streng geheim – wie habt ihr uns gefunden?“ wollte Dagobert wissen. „Tja, vielleicht solltest du alter Geizkragen deine Leute anständig bezahlen. Dein Pilot hatte jedenfalls nichts gegen eine kleine Bonuszahlung“, antwortete Nr. 456-7. „Dafür hat er uns per Funk über euren Ausflug informiert.“ Und Nr. 789-0 ergänzte: „Wir ham ein Speedboot gechartert, das hat uns hierher gebracht. Mr. Swan wird uns zurück nach Entenhausen fliegen, und ihr werdet auf der Insel verrotten, ihr Asis.“ „Und jetzt her mit dem Stift“, knurrte 123-4. „Sonst knallt´s.“

„Diesmal habt ihr wohl gewonnen“, seufzte Onkel Dagobert und fischte ein schwarzes, mit Ornamenten reich verziertes Etui aus der Innentasche seiner abgewetzten Jacke. Er klappte den Deckel auf, zum Vorschein kam ein ockerfarbener Bleistift auf rotem Samt. 456-7 krallte sich die Schachtel und stimmte mit seinen Kollegen in ein dreckiges Lachen ein. „Los Brüder, lasst uns verduften!“ rief Nr. 123-4. „Das Flugzeug wartet.“ „Und ein Leben in Saus und Braus!“ ergänzte 789-0. Kurz darauf waren die Panzerknacker im Busch verschwunden.

Dagobert wälzte sich vor Lachen im Staub. „Der Schmerz über den Verlust hat ihm den Verstand geraubt“, erklärte Gustav. „Mir geht es bestens“, gluckste der alte Mann und wischte sich die Lachtränen aus dem Gefieder. „Ab… aber ddder Stift“, stotterte Donald bestürzt. „Ich bin nicht auf den Kopf gefallen – wie hätte ich es sonst zu unermesslichem Reichtum bringen können?“ erklärte Onkel Dagobert. „Ich habe natürlich damit gerechnet, dass dieses Schurkenpack irgendwann auftauchen wird. Also legte ich den Bleistift von Herrn Düsentrieb in eine Schatulle, den echten Heiligen Stift hab ich – ganz unauffällig – in seiner Brusttasche platziert. Darf ich bitten?“ Lächelnd reichte Daniel das Objekt der Begierde an Dagobert, den alten Fuchs. „Mission erfüllt!“ Tick, Trick und Track warfen ihre Baseball-Mützen in die Luft und jubelten: „Jippiiiieh!“

Zurück am Strand galt es ein nicht unerhebliches Problem zu lösen: Wie zum Teufel sollten sie ohne Flugzeug zurück nach Entenhausen kommen? „Es sind 900 Seemeilen bis nach Hause, das ist mit dem Schlauchboot und zwei Paddeln nicht zu schaffen“, schien auch Düsentrieb ausnahmsweise ratlos. Gustav Gans, ganz auf sein Glück vertrauend, meinte: „Ich hab erst mal Hunger. Gott sei Dank haben wir ja noch einen Rucksack mit Vorräten im Unterholz versteckt.“

Kreisch!

Schnaubend vor Wut kam Gustav angerannt. „Dieser hirnlose Idiot Don hat statt des Fressbeutels einen Fallschirm in das Boot gepackt! Ich fall vom Glauben ab…“ Die Mitteilung versetzte die Truppe in aufgeregtes Geschnatter. Nur die drei Jungs steckten die Köpfe zusammen und flüsterten aufgeregt. „Leute! Ruhe, hört mal zu!“ riefen die Neffen schließlich. „Onkel Donald hat uns durch sein Missgeschick das Leben gerettet – wir haben zwar nichts zu futtern, dafür eine Möglichkeit nach Hause zu kommen.“ Staun! „Wir entfalten den Fallschirm, knüpfen die Seile an die Ruder-Halterungen des Schlauchbootes… und schon haben wir ein perfektes Segel!“ erläuterten sie ihren Plan. Drei Jahre bei den Pfadfindern von „Fähnlein Fieselschweif“ mussten sich ja irgendwann bezahlt machen. „Der Wind kommt aus Nordwest, das könnte hinkommen“, murmelte Daniel, der auf seinem Helferlein bereits ein Navigationsprogramm geladen hatte und den Kurs berechnete.

Bald darauf stach das knallgelbe Gummiboot in See, gezogen von einem aufgeblähten Fallschirm. Es herrschte eine steife NW-Brise und sie kamen gut voran. Düsentrieb überwachte den Kurs, Gustav hielt eine alte Schnur mit einer verbogenen Büroklammer in die Wellen und zog wenig später einen dicken Fisch raus, Donald gab sich nach all den Strapazen einem wohlverdienten Nickerchen hin, und Onkel Dagobert streichelte selig den Heiligen Stift. Tick, Trick und Track tönten:

„Geil!“

„Krass!“

„Swag!“

 

ENDE

Tunga Bunga, Teil II

Die Flugzeugmotoren brummten tief und monoton. Donald hatte es sich in der letzten Reihe gemütlich gemacht und veranstaltete ein mehrstimmiges Schnarchkonzert. Chrrrrrr. Düüüüüü. Chrrrrrr. Düüüüüü. Daniel hatte den Laptop am Schoß und programmierte Apps für das Ei-Phone, nebenbei kritzelte er mit seinem Bleistift rätselhafte Formeln in ein Notizheft. Gustav spielte mit Trick und Track Poker um Erdnüsse, während Tick seinen Onkel besuchte, der neben Mr. Swan, dem Piloten, im Cockpit saß.

„Sag, was genau ist eigentlich der Heilige Stift, Onkel Dagobert?“ „Das weißt du nicht?!“ fragte der alte Mann entsetzt. „Was lernt ihr jungen Spunde heute eigentlich in der Schule? Nun gut, hör zu: In den späten 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts schuf Mr. Walter Elias Disney mit Mickey Mouse den Urahn und Stammvater unserer Sippschaft. Disney gilt als Schöpfer unseres einzigartigen Universums und wird verehrt wie ein Gott. Sein Zeichenstift, mit dem er den Grundstein für unser aller Leben legte, gilt als wertvollste Reliquie der gesamten Disneyworld.“ „Was ist mit dem Stift geschehen?“ fragte Tick. „Der Heilige Stift ist nach dem Tod von Mr. Disney verschwunden. Die Legende besagt, dass er vom Orden der Erpelritter an einen geheimen Ort gebracht wurde. Und ich hoffe, dass Tunga Bunga dieser geheime Ort ist.“ „Wow!“ flüsterte der Junge und eilte nach hinten, um seinen Brüder die sagenhafte Geschichte zu erzählen. Ein paar Stunden später setzte das silberfarbene Flugzeug sicher und sanft in einer Bucht vor Tunga Bunga auf. Mr. Swan war ein guter und erfahrener Pilot, das zeigte schon sein weißer Backenbart.

„Donald, pack die Rucksäcke mit der Ausrüstung in eines der Schlauchboote und bring sie an Land“, befahl Dagobert. „Wir rudern mit dem zweiten Boot an den Strand.“ „Immer ich, verdammte Entengrütze“, maulte der Neffe leise. Grummel. Stöhn. Wenig später stand die gesamte Truppe am wunderschönen Sandstrand von Tunga Bunga. Dagobert ordnete an, dass sie nur das Notwendigste mitnehmen würden – Wasser, ein wenig Proviant, eine Machete, den Kompass und einen Sack Glasperlen zum Tauschen. Die Kinder sollten die Schlauchboote und die übrigen Rucksäcke im Unterholz verstecken. Mr. Swan würde beim Flugzeug Wache halten. „Falls wir in zwei Tagen nicht zurück sind, holen Sie Hilfe!“ gab Dagobert dem Piloten zu verstehen. Dann setzte sich die Expedition im Gänse- und Entenmarsch in Bewegung.

Seit Stunden kämpften sie sich nun durch das Gehölz des Urwaldes. Es war brütend heiß. „Ich bin gleich knusprig“, ätzte Donald, der natürlich den schweren Rucksack mit den Vorräten tragen musste. Gustav ging voran, mit seinem Glück würde er den richtigen Weg schon finden, war Onkel Dagobert sicher. Immer wieder scheuchten sie riesige Schwärme exotischer knallbunter Vögel hoch, die mit ihrem Gekreische einen Höllenlärm veranstalteten. „Ich muss mal für kleine Gänseriche“, verkündete Gustav und verschwand seitlich in den Büschen. „Geht ruhig weiter, ich komme gleich nach!“

„Dann übernimm du inzwischen die Führung“, quakte Dagobert in Richtung Donald. Der hielt diesmal den Schnabel, dachte an sein Erbe und ging voran. An einer Gabelung entschied er sich für links, weil dort der Weg etwas weniger beschwerlich wirkte. Zwei Minuten später – Rumpel! Polter! – stürzte der ganze Haufen unter wildem Geschnatter in ein tiefes Erdloch, das mit losen Ästen und Palmblättern gut getarnt war. „Das hast du ja wieder mal prima gemacht!“ keifte der Alte seinen Neffen an. Düsentrieb checkte, ob sein Helferlein etwas abbekommen hatte, aber es schien alles in Ordnung. „Wie kommen wir hier je wieder raus?!“ ängstigen sich Tick, Trick und Track. Da erschien der gegelte Schopf von Gustav Gans am Rand der Grube. „Na, meine Lieben? Hat euch Don wieder mal gezeigt, wo es lang geht?“ grinste er. „Halt bloß den Schnabel und hol uns lieber hier raus!“ entgegnete Donald wütend. Kurz darauf ließ Gustav zwei Lianen herab und befreite die Truppe aus der misslichen Lage.

Wenig später – Donald reklamierte eben eine dringend notwendige Rast während Dagobert weiter zur Eile antrieb – blieben die drei Jungs stehen und schnatterten aufgeregt: „Ruhe! Seid mal still! Hört ihr das?“ Alle hielten inne und lauschten. Ein Vogelschrei, knackende Zweige. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, standen fünf Wilde vor der Entenhausener Expedition. Schwarze, finster dreinblickende Gesellen, nur mit einem Bastrock bekleidet und mit einem Speer bewaffnet. Quer durch die Nase trugen sie als Schmuck einen kleinen Knochen.

„Katunga Sambala Kabunga!“

Huch!

Onkel Dagobert fasste sich als Erster ein Herz: „Wir kommen in Frieden!“

„Katunga Sambala Kabunga!“ wiederholte einer der Eingeborenen nun lauter und stampfte mit seinem Speer auf den Boden.

„Was quasseln die bloß für ein Kauderwelsch?“

Da meldete sich Düsentrieb zu Wort: „Herr Duck, ich habe da eine kleine Translator-App für unerforschte Dialekte programmiert…“

„Eine was??!!“

„Ein Übersetzungsprogramm…“

„Worauf warten Sie noch, mein lieber Düsentrieb!? Übersetzen Sie!“

Daniel drückte ein paar Mal auf das Display seines Ei-Phones, dann sprach er ins eingebaute Mikrofon: „Katunga Sambala Kabunga“ und schon tönte es aus dem Lautsprecher: „Fremde kommen mit zu Häuptling“.

„Coooool“ staunten die drei Jungs.

„Zeigen Sie den Wilden Ihren Bleistift und fragen Sie, ob sie wissen, wo wir den Heiligen Stift finden.“

„Okay.“ Düsentrieb holte seinen Stift aus seiner Brusttasche, hielt ihn hoch und fragte: „Kennt ihr Heiligen Stift?“

„Otanga Morit Erpato Salango?“ schnarrte das Handy.

Die Augen der fünf Schwarzen wurden riesengroß. „Kabunga Kabunga….“ stammelten sie. „Häuptling, Häuptling…“.

Fortsetzung folgt…

Bild: Disney