Das digitale Kreuz

Wahlsonntag. Ich genoss im Garten mit Heidi den Morgenkaffee in der noch kühlen Luft des frühen Vormittags, und sah einem Schwarm Krähen beim intelligenten, wie von Zauberhand gesteuerten Formationsflug Richtung Osten zu. Die schwarzen Vögel malten faszinierende Muster in den blauen Himmel und ich dachte eben darüber nach, ob dies ein böses Zeichen für eine drohende, rechte schwarz-blaue Koalition sei, die sich da über unseren Köpfen zusammenbraut, als meine liebe Gattin meinte: „Auf Facebook steht, dass heute ein Pizza-Festival im MuseumsQuartier stattfindet! Wollen wir hingehen?“ Beim Wort Pizza reagiere ich wie der Pawlow´sche Hund: Ich beginne zu sabbern. „Einverstanden, und anschließend gehen wir wählen!“

Um die Mittagszeit steuerten wir unseren tomatenroten Spanier zur nächstbesten Tankstelle. Ich schob die Bankomatkarte in den vorgesehenen Schlitz, gab meinen PIN-Code ein und befüllte den Wagen mit Super ROZ 95. Danach programmierte Adelheid den Bordcomputer auf Auto Drive mit Ziel Museumsquartier, wir lehnten uns zurück und ließen uns bequem zum Pizza-Event chauffieren. Wir genossen den herrlichen Ausblick der Stadtautobahn auf die bunte Vielfalt der Wahlplakate, die schon morgen Geschichte sein würden. Angeregt diskutierte ich mit Heidi, welch schmackhafte Variationen sich die ausstellenden Pizzabäcker wohl ausgedacht haben werden. Nachdem unser superintelligenter Bordcomputer via GPS den nächstgelegenen freien Parkplatz ausgespäht hatte, bezahlte ich mittels entsprechender Handy-App die Parkgebühr für zwei Stunden, und schon spazierten wir in der strahlenden Herbstsonne Richtung MQ. Dort erwarteten wir im großzügig dimensionierten Innenhof Dutzende Pizzastände mit herrlich duftenden Kreationen des italienischen Teigfladens. Aber da war nichts. Anstatt nach Prosciutto, Salami, Knoblauch und schmelzendem Mozzarella roch es nur nach Tauben und billigem Touristenparfum. „Das gibt´s doch nicht!“ flüsterte ich mit erstickter Stimme, und hastig begannen wir jeden Winkel des Geländes zu erkunden. Kein Pizza-Festival weit und breit. Mein Magen knurrte bereits bösartig, als ich die zentrale Info-Säule ansteuerte. Ich berührte kurz den Touch-Screen und auf dem Bildschirm erschien ein hübsches, blondes Fräulein: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Grüß Sie, Moser mein Name, Abteilungsleiter“, säuselte ich in den Lautsprecher. „Würden Sie uns wohl verraten, wo das Pizza-Festival genau stattfindet? Wir sind am Verhungern, und ich möchte endlich meinen Satz „Aber bitte ohne Kapern und Spiegelei!“ loswerden.“ Die digitale Assistentin erläuterte ohne Umschweife, dass das letzte Pizza-Festival von 13. bis 15. Oktober 2016 stattgefunden habe und für dieses Jahr keine Veranstaltung geplant sei. Ich blickte Heidi strafend an: „Kann es sein, dass du auf eine Ankündigung aus dem Vorjahr reingefallen bist?!“ „Uuups.“ Die Dame aus der Infosäule wünschte uns einen angenehmen Aufenthalt und blendete sich aus.

Nachdem der knusprige, italienische Traum geplatzt war, holte ich mittels Bankomatkarte etwas Bares aus dem nächstgelegenen Geldautomaten, fütterte einen Kaffeeautomaten mit einem 5er für zwei Cappuccino und einen Sandwichautomaten mit einem 10er für zwei plastikverpackte belegte Brote. Tomate-Mozzarella für Heidi, Thunfisch mit Ei für mich. Wir setzten uns mit unserem Automatenessen in die strahlend helle Herbstsonne. Geblendet schloss ich die Augen und fluchte. Ich hatte meine Sonnenbrille zu Hause vergessen. „Hol dir doch eine Sonnenbrille aus dem Automaten da drüben“, riet mir Heidi und schon stopfte ich einen 20er in den Sonnenbrillen-Selbstbedienungsautomaten. Ich fühlte mich wie Ray Charles.

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Die Sandwiche waren trocken, der Kaffee lauwarm, und wir beschlossen, unserer staatsbürgerlichen Pflicht nachzukommen und wählen zu gehen. Der Auto Drive unseres tomatenroten Flitzers brachte uns rasch und sicher zu unserem Wahllokal. Im Turnsaal einer Volksschule unweit der Reihenhaussiedlung sollten wir unsere Stimme abgeben. Wir betraten einen riesigen lichtdurchfluteten Raum, an dessen Wänden ein rundes Dutzend Wahlautomaten aufgestellt waren. Ich zog meinen Ausweis über den piepsenden Scanner und der Wähl-Ö-Mat begrüßte mich auf dem Bildschirm mit: „Guten Tag Herr Moser! Schön, dass Sie von Ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Bitte wählen Sie aus den angeführten Parteien, Listen und Bewegungen. Möge der Beste gewinnen. Good Luck!“ Ich scrollte die lange Liste auf dem Touchscreen rauf und runter. Dabei war ich wohl etwas zu schwungvoll und machte mein digitales Kreuz unabsichtlich bei einer Partei, die ich nicht mal im Zustand der Volltrunkenheit und im fortgeschrittenen Stadium der Altersdemenz wählen würde. „Ihre Stimme wurde erfolgreich gezählt!“ teilte mir der Automat mit. „Neeeiiin!“ schrie ich entsetzt. „Stopp! Rückgängig! Back! Restart! Error! Faaaalsch!“ Schweißgebadet und mit rasendem Herzklopfen erwachte ich aus dem vollautomatischen Alptraum.

Frisch geduscht und dem Anlass entsprechend ein wenig festlich gekleidet, spazierte ich mit Heidi wenig später zur Wahl im Turnsaal der Volksschule. Erleichtert stellte ich fest, dass es keine Wähl-Ö-Maten gab – im Gegenteil, die freiwillige Wahlkommission war durch und durch menschlich, saß in einer langen Reihe und war personell sogar überdurchschnittlich breit aufgestellt. Bei Dame Nummer 1 gab ich meinen Ausweis ab, sie kontrollierte und verkündete halblaut meinen Namen. Eine weitere Dame einige Plätze weiter links platziert, ich nenne sie mal Nummer 5, nickte und sagte „Sprengel 154“. Ein Herr auf Position 2 nickte und machte auf seiner Liste einen Haken. Daraufhin gab mir Dame Nr. 3 meinen Wahlzettel und ich verschwand in einem grob gezimmerten Verschlag mit Vorhang, wo ich ganz analog und mit Kugelschreiber mein Kreuz machte. Ich schob meinen Stimmzettel ins Kuvert und warf ihn in die große, graue Plastiktonne, die als Urne fungierte. Herr Nummer 4 gab mir meinen Ausweis zurück, ich bedankte mich bei Dame Nr. 6, weil diese bisher noch gar nichts gesagt hatte. Dem Wahlhelfer Nummer 7 klopfte ich noch auf die Schulter und dankte für seine tatkräftige Unterstützung. Ehe ich mich der Dame auf Position 8 anfreunden konnte, zog mich Heidi aus dem miefigen Turnsaal. Als wir wieder draußen in der hellen Herbstsonne standen, setzte ich meine dunkle Ray-Charles-Automatenbrille auf und frug Heidi: „Was machen wir mit angebrochenen Tag? Die erste Hochrechnung gibt es erst um 17 Uhr…“ „Ich hab auf Facebook gelesen, dass heute im MuseumsQuartier ein Pizza-Festival stattfindet. Wollen wir hingehen?“ schlug meine Gattin vor.

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Harndrang

In den letzten Tagen und Wochen war die karge Freizeit des Herrn Moser ausgefüllt mit der Planung und Organisation einer bombastischen Familienfeier. Mit der tatkräftigen Unterstützung meines Bruders Bertl und meiner lieben Frau Adelheid stellten wir ein Fest zu Ehren der Diamantenen Hochzeit meiner Eltern Fritzi und Poldi auf die Beine, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellten sollte. Es galt, knapp 30 Gratulanten terminlich unter einen Hut zu bringen; eine dem Anlass entsprechende Location zu finden; einen kleinen Film zu produzieren, der in bester Tränendrücker-Manier das Leben der Jubilare darstellt; ein Buch mit persönlichen Glückwünschen all ihrer Lebensbegleiter binden zu lassen; ein Musikprogramm für drei Stimmen, Gitarre und Cajon (so eine Art Trommelkiste) zusammenzustellen und zu proben.

Zum Einstieg in den denkwürdigen Abend hatten wir uns eine besondere Überraschung ausgedacht: Wir machten die Festgäste zunächst zu Fahrgästen und mieteten eine historische Straßenbahn aus den 50er Jahren, die uns als Linie 60 über die Wiener Ringstraße in den 8. Bezirk führte. Zur Erläuterung: In den 50er Jahren lernten sich meine Eltern kennen, sie feierten ihren 60. Hochzeitstag, und die alte, quietschende Bim mit Holzbänken und offenen Plattformen fuhr durch den Bezirk Josefstadt – vorbei am Rathauspark, wo sie zum ersten Mal innig knutschten; vorbei am Albertkino, wo sie aus Geldmangel bei Billy Wilders Gerichtsdrama „Zeugin der Anklage“ ihre Hochzeitsreise in der ersten Reihe verbrachten; vorbei am Mietshaus ihrer ersten Wohnung und vielen anderen erinnerungswürdigen Plätzen. Dazu reichten wir mitgebrachten Prosecco aus der Kühltasche, und spielten ein Medley aus alten Schlagern der Roaring Fifties: Bruder Bertl (guit., voc.), der alte Freund der Familie Johnny (cajon, voc.) und Herr Moser (tamb., voc.). Ich darf Ihnen verraten, dass nicht nur der Prosecco reichlich floss, sondern auch die Tränen der Rührung.

Auf dem Rückweg der rund 100 minütigen Zeitreise begannen die ersten Damen unserer illustren Runde nervös auf den Sitzen hin und her zu rutschen, und in x-beiniger Haltung abwechselnd das rechte und linke Bein zu lüpfen. Alsbald stimmte die holde Weiblichkeit, von den Enkelinnen bis zu den Großmüttern, den Chor „Wann sind wir da?! Wir müssen Lulu!“ an. Der bundesdeutschen Leserschaft sei gesagt, dass „Lulu“ das rot-weiß-rote Pendant zum schwarz-rot-goldenen „Pipi“ ist. Es ist ja ein Phänomen der Natur, dass Frauen ungleich häufiger zur Toilette müssen als Männer. Während wir so ein paar winzige Gläschen Prosecco locker und trocken wegstecken, beginnt bei den Damen sogleich das große Zappeln. Gehen Sie mal in der Pause eines Theaterstückes zu den WCs: Bei den Herren verwaiste Pissoirs und freie Bahn, vor dem Damenklo eine endlos lange Schlange wartender Frauen, die sogleich ihr Pausen-Sektchen retournieren müssen.

Zudem gestaltete sich unsere Rückfahrt in die Remise aufgrund einiger Verkehrsbehinderungen etwas langwierig, sodass die Rufe der Verzweiflung immer lauter wurden und auch Heidi jammernd mit einstimmte. Ist man entspannt und frei von Druck, hat man auch gut lachen und das männliche Gejohle war groß, als unsere Ladies endlich am Ziel feststellen mussten, dass die Besucher-Toilette des Straßenbahn-Museums versperrt war. Angesichts der Tatsache, dass uns jetzt noch eine rund 50-minütige Fahrt in das lauschige Restaurant am Rande der Stadt bevorstand, besonders ärgerlich. Wir Männer beobachteten vergnügt die Damenschaft, die unseren freundlichen Fahrer winselnd beknieten, ihnen doch die Benutzung der Personaltoilette zu gestatten. Der Straßenbahner zeigte Herz, öffnete das firmeninterne Örtchen und die Frauen endlich ihre Blasen.

Erleichtert landeten wir schließlich im festlich geschmückten Extraraum des Purkersdorfer Promi-Lokals, und das unbeschwerte Feiern, Schmausen und Trinken konnte beginnen. Besonders unbeschwert zeigte sich die Weiblichkeit, wusste sie doch das WC keine 20 Gehsekunden entfernt. In aller Kürze darf ich zusammenfassend festhalten, dass der Abend zum vollen Erfolg geriet. Die zahlreichen Reden und unser liebevoll gestalteter Film zur Musik der Righteous Brothers („Unchained Melody“) ließ die Tränen der Rührung nur so fließen. Die von meiner Nichte Sandra selbst gebackene zweistöckige Hochzeitstorte löste stürmischen Applaus aus, das Glückwunsch-Buch machte die Jubilare Fritzi und Poldi sprachlos vor Staunen und Ergriffenheit. Dazu flossen natürlich auch reichlich Champagner, Wein, Bier, Kaffee und Mineralwasser.

Heidi hatte sich dankenswerterweise bereit erklärt, die Feier alkoholfrei zu absolvieren, und steuerte unseren tomatenroten Spanier zu später Stunde Richtung Reihenhäuschen. Auf der Rückbank sondierte Schwiegermama Inge auf dem Handy ihre unzähligen Fotos, und gemeinsam ließen wir den Abend noch einmal Revue passieren. Plötzlich schlug auch mein inneres Harndruckventil Alarm, die reichlich genossenen Getränke wollten in die Freiheit entlassen werden. Während sich unsere Scheinwerfer durch das Dunkel der Bundesstraße pflügten, bat ich Heidi um einen kurzen Zwischenstopp. „Lulu! Jetzt gleich, sofort, es ist dringend!!“ zappelte ich auf dem Beifahrersitz. Nun war die Gelegenheit zur Rache für mein schadenfrohes Gelächter in der Straßenbahn gekommen, und sie ließ mich noch eine Weile zappeln, ehe sie rechts ran fuhr. Wie von der Tarantel gestochen stürzte ich hinter den nächstbesten Plakatständer und ließ der Natur ihren Lauf. Mitten im schönsten Geplätscher bemerkte ich, dass ich ein Wahlplakat der fremdenfeindlichen, rechtspopulistischen FPÖ von HC Strache nässte. Auf seiner hetzerischen Werbebotschaft gab er den Ausländern und dem Islam im Besonderen die Schuld an allem Übel dieser Welt. Und dabei forderte er höhnisch auch noch FAIRNESS. Genüsslich lenkte ich meinen Mittelstrahl über sein verschlagenes Plakatgrinsen.

For Sale

Es war Sonntagvormittag gegen 11 Uhr, ich befand mich noch im zeitungslesenden Gähn- und Kaffeeschlürf-Modus, als aus unserer Abstellkammer ein gewaltiges Rumpeln und Poltern ertönte, gefolgt von einem spitzen Schrei und einem ganz und gar nicht heidihaften Fluch. Als Held des Hauses legte ich einen interessanten Artikel über Dirty Campaining im Wahlkampf sofort beiseite und begab mich zum Ort des Geschehens. Im Halbdunkel des Abstellraums (der Glühbirnenwechsel steht auf meiner To-Do-Liste auf einem aussichtsreichen Spitzenplatz!) erkannte ich mein geliebtes Weib, das sich mit einer gewaltigen, schwarz gerippten Boa Constrictor einen wehrhaften Kampf lieferte. Die Würgeschlange gehorchte ihrer Natur und würgte den weißen Hals von Heidi, deren linkes Bein in einem leeren Putzeimer steckte. Dabei schlug sie mit einem schmalen, länglichen Köfferchen um sich… und in ihrer Panik hätte sie mich mit Sicherheit getroffen, hätte ihr nicht das umgestürzte Bügelbrett den Weg versperrt. Sie fegte aber die große Wasserwaage mit Schwung vom Werkzeugkasten, wo ich sie erst vor wenigen Tagen geschickt ausbalanciert  hingelegt hatte. „Moser, tu was!“ rief Adelheid und tapfer befreite ich sie aus den Fängen des Staubsaugerschlauches.

Der schwarze Schlauch atmete nicht mehr, lag ermordet im Chaos des Abstellraumes. „Das geht so nicht weiter“, keuchte Heidi. „Wir entrümpeln diese Rumpelkammer, das ganze unnütze Zeug kommt weg, wird alles verkauft!“ Ich öffnete das kleine, längliche Köfferchen, mit dem meine tapfere Frau gegen die Boa gekämpft hatte, und zum Vorschein kam mein guter alter Snooker-Queue, gebettet auf roten Samt. Vor ungefähr 20 Jahren hatte ich meine Liebe zur Königsklasse des Billard-Sports entdeckt, als ich auf Eurosport den Profis zusah, wie sie elegant die roten und bunten Bälle mit Leichtigkeit in den seitlichen Taschen versenkten. Das Ganze bedarf nicht nur ausgereifter Technik, sondern auch Übersicht und Taktik. Ich war damals fasziniert, verglich Pool Billard mit „Mensch ärgere dich nicht“ und Snooker mit Schach, und besorgte mir einen sündteuren Queue, um mir ein zweites Standbein als Profi aufzubauen. Wie sich herausstellen sollte, fehlt mir jegliches Talent, um die zickigen Bälle über den riesigen Tisch in die gewünschte Richtung zu befördern. Im Fernsehen sah das wesentlich einfacher aus, sodass es bei ein paar dilettantischen, biergeschwängerten Versuchen mit meinem Bruder Bertl blieb, ehe der Queue im Abstellraum verschwand. Heidi warf einen Blick auf das fein gedrechselte Werkzeug der Snooker-Künstler und meinte: „Und den Stock da verkaufen wir auch!“ „STOCK??“ rief ich entsetzt. „Das ist ein Qualitätsqueue der Luxusmarke Adams, Modell Buckingham!“

Meiner Frau war das egal und sie kündigte an, den Staubfänger auf der Internet-Verhökerplattform Will haben anzubieten. „Du willst mein wertvollstes Stück auf einer Seite anbieten, die klingt wie ein plärrendes Kind vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt??!!“ „Von mir aus auch auf der Flohmarkt-App Shpock“, konterte Heidi meinen empörten Einspruch. „Du willst mein wertvollstes Stück auf einer App anbieten, die sich nach dem Gummiohren-Offizier eines 60er-Jahre-Raumschiffs benennt?“ „Ja, sagen wir 55 Euro?“ „Bist du des Wahnsinns? Der Queue hat fast einen Tausender gekostet!“ „Ja, aber Schilling.“ Fünf Minuten später war das Ding fotografiert und online. Auf Will haben UND Shpock.

Am Abend klingelte das Handy, am Display eine mir unbekannte Nummer. „Hallo, ich rufe an wegen Snooker-Queue. Ist er noch zu haben?“ „Ja.“ „55 Euro, guter Zustand?“ „Perfekter Zustand, wie neu aus der Fabrik. Aber Ihr Angebot über 55 Euro ist eine Frechheit! Es handelt sich schließlich um ein historisches Stück, mit dem ich im April 1997 meinen Bruder Bertl, den Snooker-King vom Goethehof mit 1,2 Promille zu Null besiegt habe! 1,2:0 – ich hatte fünf Bier und er nur einen Almdudler. Trotzdem gewonnen! Es ist eine Reliquie, unbezahlbar eigentlich. Machen wir 800,- Euro, ein Freundschaftspreis.“ Die Leitung war tot. Heidi setzte sich an den Computer und tauschte bei der Anzeige meine Handynummer gegen ihre.

Genesung

Nachdem ich 182 Papiertaschentücher verbraucht, 500 ml rezeptpflichtigen Hustensaft und 4 Liter von Heidis heilender Hühnersuppe, sowie unzählige Tassen Ingwertee mit Honig konsumiert habe, fühlte ich mich am Wochenende erstmals etwas besser. Bei drei alten Staffeln von Dr. House habe ich während meiner Männergrippe ein Fernstudium in Medizin absolviert, bei Dutzenden Wiederholungen von Bares für Rares auf ZDF neo bildete ich mich zum Kunstexperten weiter, dank mindestens einer täglichen TV-Talkrunde der Spitzenkandidaten zur kommenden Nationalratswahl in Österreich dürfen Sie mich getrost Doktor der Politologie ehrenhalber nennen. Mir macht keiner mehr was vor. Auch das facebook habe ich von der ersten bis zur letzten Seite ausgelesen. Heidi fand es daher an der Zeit, mich wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern: „Dir geht es schon ganz gut, Moser. Am Montag gehst du mir wieder arbeiten!“ „Hast du bei Dr. House Medizin studiert, oder ich?!!“ protestierte ich und bemühte mich um einen realistisch wirkenden Hustenanfall. „Ich bin noch nicht soweit!“ Doch meine kluge Heidi duldete keinen Widerspruch, schob mir ein zuckerfreies Ingwer & Zitrone Hustenzuckerl in den Mund und schrieb mich gesund. Wahrscheinlich konnte sie meine leidende Miene und den Gestank meiner mentholbalsamierten Brust nicht mehr ertragen. Heute Morgen quälten mich schreckliche Gliederschmerzen und ich forderte von meiner Gattin prophylaktisch eine objektive Fiebermessung ein. Meine Temperatur war von 36,9° auf 36,6° gesunken und Heidi warf mich aus dem Bett. An dieser Stelle auch ein herzliches Dankeschön! an meine treuen Leser und ihre vielen Wünsche einer baldigen Besserung. Wie Sie sehen, hat es gewirkt. Vielleicht etwas zu bald.

Überraschenderweise ging in der Fischkonservenfabrik trotz meiner krankheitsbedingten Absenz alles seinen gewohnten Gang. Die Produktionsmaschinen schnurrten wie am Schnürchen, und in den Büros herrschte friedliche Betriebsamkeit. Ich war etwas enttäuscht, dass mein Fehlen das Unternehmen nicht in heilloses Chaos gestürzt hatte, aber als aufgeklärter Bürger weiß man ohnehin, dass niemand unersetzlich ist. Alles war wie immer. Cernys Schuppenflechte produzierte weiterhin einen dichten weißen Teppich auf den Schultern seines schwarzen Sakkos, Svetlana Pfotenhauer geizte nicht mit ihren Reizen, und unsere ukrainische Raumpflegerin Editha zog mit geröteten Äuglein summend und pfeifend durch die Gänge. „Cherr Moser!“ rief sie bei meinem maroden Anblick. „Was los? Rhinitis akuta? Vielleicht reflexdystrophisches Syndrom oder Morbus Sudeck! Nehmen Sie Chemotherapeutika, ist Blutkörperchen-Senkungsgeschwindigkeit in Ordnung?“ Ich vermute, Editha hat so wie ich in letzter Zeit zu viel Dr. House gesehen. „Nein nein, alles in Ordnung. Nur eine Erkältung“, beruhigte ich sie und hustete theatralisch. „Pneumokokken!“ rief die brave Ukrainerin und legte umgehend eine weiße Atemschutzmaske an. „Genießen Sie Ihre Maske, ab 1. Oktober herrscht Vermummungsverbot!“ entgegnete ich und zog mich an meinen Schreibtisch zurück, um die angelaufene E-Mail-Flut zu bändigen. Business as usual. Ich blickte auf die Uhr – 10:08. Normalerweise würde ich jetzt bei der Trödelshow Bares für Rares meine Expertise für eine Porzellanelefantenfamilie aus Meißen abgeben und heißen Tee schlürfen. Aber was tut man nicht alles für seinen Arbeitgeber. Und in 90 Minuten öffnet ohnehin die Kantine, heute gibt es Hühnersuppe. Das wird mir dabei helfen, mich noch ein wenig krank zu fühlen.

Foto: Moviepilot

Lucky Man

In den letzten Tagen war es verdächtig ruhig um Herrn Moser. Das hat auch seinen guten Grund, denn eine heftig-herbstliche „Männergrippe“ hat mich ans Krankenbett gefesselt. Nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssten – Schnupfen, Husten, Heiserkeit, nicht mal für Fieber hat es gereicht. Dennoch litt ich ganz furchtbar, ließ mir von meiner fürsorglichen Heidi heilenden Ingwertee und heiße Hühnersuppe an mein Lager bringen und meldete mich in der Fischkonservenfabrik für ein paar Tage krank. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, um die fleißigen Kollegen nicht mit meinem Erkältungsvirus zu infizieren. Ich wollte mit vorgetäuschtem Arbeitseifer nicht schuld sein an einer Epidemie, welche möglicherweise unsere Manufaktur lahmlegt. Also blieb ich brav im Bett, ließ mir die Kissen aufschütteln, las ein paar alte Kurzgeschichten von Stephen King und hustete zwischendurch erbärmlich. Es gibt Schlimmeres. Bereits am zweiten Tag begann ich mich zu langweilen und kramte wieder mein altes Schülertagebuch hervor, aus dem ich Ihnen bereits die eine oder andere Begebenheit vorgetragen habe. Beim Blättern fiel mir ein loses SW-Foto in die Hände. Es zeigte ein lächelndes, dunkelhaariges Mädchen mit adretter Pony-Frisur, auf die Rückseite hatte sie in runder Mädchen-Schönschrift geschrieben: „Zur Erinnerung für meinen Mosi, In Liebe Deine Elfi.“  Elfi. Wäre dies ein kitschiger Hollywood-Schinken, würde nun die Kamera auf meine verträumt blickenden Augen zoomen, das Bild würde unscharf wabern und zurückblenden ins Jahr 1975.

Herr Moser war damals ein heißer Teenager, im Vollbesitz von Achsel- und Schamhaar, der spärlich sprießende Flaum auf der Oberlippe wurde mit einem eigens gekauften Augenbrauenstift nachgedunkelt. Zu meinen schwarzen Stiefletten mit 5cm-Absatz trug ich vorzugsweise enge Jeans, ein dunkelblaues Sweatshirt mit goldenem Tigerkopf-Aufdruck und dem Schriftzug „Wild Thing“, sowie ein keckes, rotes Halstuch. Ich war zwar noch ein halbes Kind, fühlte mich aber trotzdem schon wie ein ganzer Mann. Zu dieser Zeit schrieb ich in mein Tagebuch:

Sind auf Schulskikurs in Bad Gastein. Bin in Leistungsgruppe 3, das Essen ist wie immer miserabel. Heute gab es gatschige Marillenknödel mit verbrannten Bröseln. Aber nach dem Abendessen wartete eine tolle Überraschung: Die Lehrer haben einen Tanzabend im Gemeinschaftssaal organisiert, und eine Mädchenklasse aus dem Schülerheim gegenüber eingeladen! (Unsere Klassen waren damals streng nach Mädchen und Jungs getrennt – Anm.) Professor Richter hat Discjockey gespielt und Platten aufgelegt. T. Rex, Slade, Waterloo & Robinson, Albert West und so. Eine wilde Mischung. Um das Eis zu brechen, mussten die Mädels jede einen Schuh ausziehen und auf einen Haufen werfen. Wir mussten dann mit geschlossenen Augen einen Schuh ziehen und mit dem dazugehörigen Mädchen tanzen. Ich hatte Riesenglück, weil meine „Auserwählte“ war echt süß, sie hat ein kleines Grübchen am Kinn und sehr weiße schöne Zähne. Professor Richter hat dann „Lucky Man“ von Emerson, Lake & Palmer aufgelegt und wir haben eng getanzt. Ich hab das Lied ja schon 100 Mal gehört und es leise an ihrem Ohr mitgesungen. Ich glaube, das hat ihr gefallen. Sie hat nach Zimt gerochen und ihre Haare sind ganz seidig weich. Ihr Name ist Elfi und sie geht im Burgenland auf das Realgymnasium Oberwart. Als der Tanzabend vorbei war, haben wir noch Adressen ausgetauscht und sie hat mich sooo lieb angelächelt. Ich glaub, ich bin verliebt.

Wir haben uns nach dem Skikurs sehr sehnsüchtige, analoge Liebesbriefe geschrieben, und ein paar Wochen später saß ich in einem Regionalbus nach Oberwart. Elfi hatte mich eingeladen, sie daheim zu besuchen. Nach ein oder zwei Stunden, ich weiß es nicht mehr genau, war ich am Ziel und Elfi erwartete mich mit rotem Näschen an der Bushaltestelle. Es muss Januar oder Februar gewesen sein, denn es war bitter kalt. Sie wohnte mit ihrer Mutter in einem kleinen, würfeligen Haus, das aus allen Ritzen Kleinbürgertum verströmte. Die venezianische Gondel am alten Fernseher, das Häkeldeckchen mit schnörkeliger Blumenvase am Tisch, die Landschaft mit See und röhrendem Hirsch an der Wand, das lauten Ticken einer Pendeluhr, der selbstgemachte Gugelhupf mit Rosinen. Als angehender, Grass-lesender Revoluzzer fühlte ich mich in diesem biederen Mief nicht unbedingt wohl. Nach Kaffee und Kuchen wollte ich so schnell wie möglich mit Elfi allein sein, und mit den Worten „Wir gehen ein wenig spazieren!“ eiste ich sie von der mütterlichen Kittelschürze los.

Ich erinnere mich, dass die in der Dämmerung liegende Provinzortschaft nichts zu bieten hatte, außer Schneeverwehungen in den Hauseingängen, in die wir uns für ein paar warme, feuchte Küsse zurückzogen. Schließlich kamen wir am einzigen Kino des burgenländischen Dorfes vorbei, und ich witterte meine Chance auf Körperkontakt ohne Wintermäntel. Man gab „Der weiße Hai“ von Spielberg, den angesagtesten Film der Saison, und wir ergatterten noch zwei Plätze in der letzten Reihe. Ein Schocker, der wie gerufen kam, um ängstliche Mädchen beschützend in den Arm zu nehmen. Langsam baute der Meister-Regisseur die Spannung auf, und mir ging es wie dem blutrünstigen Raubfisch: Ich bekam Appetit auf Menschenfleisch, auf Elfifleisch. Zu den bedrohlichen Klängen der Filmmusik, inzwischen längst ein Klassiker des Thrillergenres, ließ ich meine kühlen Fingerchen erst unter ihren Pulli und dann unter ihre weiße Bluse wandern. Während die Kamera in der Hai-Perspektive auf der Suche nach Beute durch das Wasser glitt, näherte auch ich mich dem verheißungsvollen Ziel – der BH war nur noch wenige Millimeter entfernt.

Die Spannung war kaum noch zu ertragen. Ich konnte Elfis kleines Herz bereits wild pochen spüren. Ob in Erwartung meiner intimen Berührung oder wegen der Spielberg´schen Dramaturgie, lässt sich heute nicht mehr mit Gewissheit sagen. Just in dem Moment als ich mich anschickte, die letzte Festung zu erobern, schoss auf der Leinwand der weiße Hai aus dem Meer und bleckte sein furchtbares Gebiss. Das Oberwarter Kinopublikum schrie angstvoll auf. Auch meine kleine Elfi japste und sprang ängstlich von ihrem hölzernen Klappsessel auf, als der Killerfisch zuschnappte und das Wasser rot färbte. Dabei verhakte sich meine Armbanduhr in ihrem BH-Träger…  wie die „Jaws“ in den strampelnden Beinen der Badegäste. Verlegen kichernd befreite Elfi meine Hand und hielt sie für den Rest des Films brav streichelnd fest. Die Sache war gelaufen.

Ich weiß noch, dass mich die hübsche Burgenländerin bald darauf in Wien besuchte. Weltmännisch zeigte ich ihr die Großstadt, wir tranken heiße Schokolade in einem der berühmten Kaffeehäuser, und abends tanzten wir in einer Discothek Wange an Wange zu „Lucky Man“. Ich habe Elfi danach nie wieder gesehen. Ich denke, das Wasser zwischen Wien und Oberwart war zu tief und für eine Fernbeziehung fühlte ich mich noch nicht reif genug.

Literatur am Samstag

Heute wurde ich früh am Morgen von Regentropfen geweckt, die auf das Blechdach trommelten wie der gute, alte Stones-Drummer Charlie Watts zu seinen besten Zeiten. Fasziniert lauschte ich dem herbstlichen Rhythmus, der begleitet vom Chor des Blätterrauschens und einer Prise kühler Morgenluft durch das gekippte Schlafzimmerfenster drang. Ich kuschelte mich ganz tief in mein warmes Deckengebirge und kostete das Samstagmorgengefühl aus. Kein Büro, kein Cerny, kein Pfotenhauer, nur grenzenlose Freiheit. Ursprünglich hatte ich meiner braven Heidi zwar versprochen, heute die anstehenden Gartenarbeiten in Angriff zu nehmen, die Apfelernte einzufahren, die Hecken zu stutzen, und eine letzte Rasenmähung vorzunehmen, ehe unser kleines Gärtchen in den Winterschlaf fällt. Doch das fiel ja nun im wahrsten Sinn des Wortes ins Wasser.

Zufrieden lächelnd startete ich mein Kopfkino. Im Vorprogramm lief Singing in the Rain mit Gene Kelly und Debbie Reynolds, und meine Füße steppten unter der Steppdecke elegant mit. Heidi grunzte verschlafen. Nach dieser beschwingten Einstimmung auf den heutigen Tag spulte ich ein wenig vor zum Nachmittag. Ich sah Herrn Moser, der in seiner Freizeit die schuppige Haut des Abteilungsleiters einer Fischkonservenfabrik abstreift und den gediegenen, bordeauxroten Hausmantel anlegt, ein silbrig-seidenes Halstuch umbindet und zum Autor mutiert. Der Schriftsteller Moser würde den verregneten Tag nützen, um der bibliophilen Welt ein einzigartiges Stück Literatur zu schenken, das berührt und verzaubert. Ganz der introvertierte Künstler würde ich sehr ernst und wissend an meinem Schreibtisch sitzen, und wohlfeil gedrechselte Worte zu Papier bringen. Und würde ich Zigarre rauchen, würde ich eine Zigarre rauchen, meinen Kopf mit Rauch einnebeln als sichtbares Zeichen meiner geistigen Anstrengung. Da ich aber stinkenden Zigarren nichts abgewinnen kann, wird mein Meisterwerk eben rauchfrei entstehen und  Leserschaft und Feuilleton gleichermaßen zu Stürmen der Begeisterung hinreißen. Nach dem Überraschungserfolg meines Essays würde ich mich vor Interview-Anfragen kaum retten können, und im Geiste ging ich bereits mögliche Fragen und Antworten durch. Als Heidi erwachte und mich frug: „Was magst du zum Frühstück?“ antwortete ich als erfolgsverwöhnter Bestseller-Autor: „Wissen Sie, eigentlich frühstücke ich nicht. Mir reicht eine Tasse schwarzer Kaffee, dazu mache ich mir einige Notizen für mein neues Manuskript und lese vielleicht noch ein paar Kapitel von Thomas Mann oder Franz Kafka. Für uns Schriftsteller ist geistige Nahrung wichtiger als Müsli und Vollkorntoast.“ Heidis Replik „Träumst du noch, Moser?“ ignorierte ich geflissentlich.

Beim Frühstück, das natürlich nicht aus Kaffee und Kafka, sondern aus Kaffee und Krapfen bestand, holte mich Heidi beinhart auf den Boden der Tatsachen zurück: „Die Gartenarbeiten fallen heute ja aufgrund des Regens aus, das macht aber nichts. Es gibt genug zu tun. Für die Feier zur Diamantenen Hochzeit deiner Eltern müssen wir die Blumenarrangements organisieren und die Einladungen gestalten. Die Bücherregale müssen ausgeräumt, abgestaubt, fotografiert und online zum Verkauf angeboten werden, die neuen Regale kommen schon nächste Woche. Der Wochenendeinkauf muss erledigt, das Badezimmer geputzt und die Wäsche gewaschen werden. Der Gartenschuppen muss auch dringend aufgeräumt und neu organisiert werden. Das kannst du machen, während ich den Zwetschgenkuchen backe. Am Abend fahren wir dann bei meiner Mutter vorbei und bringen ihr ein Stück.“

Liebe Leser, jetzt wissen Sie, warum Ihnen am heutigen Samstag ein einzigartiges Stück Literatur entgeht. Aber ich wasche meine Hände in Unschuld.

Essen to go

Ich sage es gleich: Herr Moser ist kein Freund des Essens auf offener Straße, beim Spaziergang, im Supermarkt oder beim Warten auf den Bus. In unseren Zeiten der immer und überall verfügbaren Imbisse, in Zeiten von fast food und coffee to go bin ich hier die rühmliche Ausnahme, denn die großstädtische Menschheit bewegt sich kauend und schlingend durchs Leben. Täglich sehe ich Döner Sandwich, Hot Dog, Pizza-Schnitte, Donut, Wurstsemmel, Burger, Pommes & Co in gierigen, verschmierten Mündern verschwinden, Senf und Ketchup auf saubere Jacken tropfen. Das ist meine Sache nicht, denn ich empfinde Essen als höchst private Angelegenheit, die gesittet und in aller Ruhe in einem Restaurant, bei Freunden oder in den eigenen vier Wänden stattzufinden hat. Für mich ist Essen ein sinnliches Erlebnis und viel mehr, als ein bloßes Volltanken eines Körpers, der Treibstoff braucht. Sie werden in den Straßen von Wien vergeblich nach einem Herrn Moser suchen, der sich mit einem Kebap mit alles den Wanst vollschlägt. Ich trage meinen Kebap stets gut in Alufolie verpackt nach Hause (oder gegebenenfalls ins Büro), wo ich mich in Ruhe hinsetzen und die türkische Spezialität genießen kann. Außerdem kann ich mir vorher und wenn nötig auch nachher die Hände waschen, mir eine zusätzliche Serviette aus dem Schrank oder eine Dose Cola aus dem Kühlschrank holen. Möglicherweise habe ich eine Macke, denn schon als Kind verabscheute ich es, während des Gehens etwas runter zu schlingen. Schon damals aß ich am liebsten daheim, in Mama Mosers heimeliger Küche, wo es nach heißem Schmalz und kaltem Kaffee roch.

Mit zwei Beispielen möchte ich Ihnen mein Problem verdeutlichen: Im abgelaufenen Sommer unternahm ich mit Heidi einen kleinen Ausflug an die Gestade des Neusiedlersees. Wir spazierten entlang der Uferpromenade, beobachteten die halsbrecherischen Manöver der Windsurfer und ließen unsere Näschen von der Sonne kitzeln. Nach etwa 20 Minuten erreichten wir ein kleines Strandcafé, das mit hausgemachtem Eis lockte. „Lass uns ein Eis essen!“ schlug meine liebe Gattin vor, und da ich von unserer Wanderung bereits ein wenig erschöpft war, steuerte ich umgehend ein freies Tischchen im Halbschatten an. „Nein!“ rief Adelheid. „Nehmen wir zwei, drei Kugeln in einem Stanizel (Österr. für eine Waffeltüte) mit und spazieren vor zum Leuchtturm!“ – „Ach Heidi. Nach so vielen Jahren musst du doch wissen, dass ich unterwegs nicht essen will und kann…“ – „Moser, das ist doch kein richtiges Essen, das ist nur Eis!“ – „Du hast selbst gesagt: Essen wir ein Eis. Also.“ Mein getreues Weib trat an die gekühlte Eistheke und besorgte uns zwei Tüten mit Nougat und Erdbeer. Ich wollte den friedlichen Nachmittag nicht mit Zwist beeinträchtigen und nahm mein Stanizel seufzend entgegen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich der landschaftlichen Schönheit nichts mehr abgewinnen, denn ich war unablässig damit beschäftigt, das braune und rote Schmelzeis von meinen Fingern zu lecken und darauf zu achten, nicht mein T-Shirt zu bekleckern. „Ich hasse klebrige Finger!“ rief ich schließlich wütend. Die Nougatkugel geriet in gefährliche Schieflage, das Erdbeereis tropfte durch die durchgesuppte Waffel auf meine frisch geputzten Schuhe. „Hast du mal eine Serviette?“ frug ich Heidi. Sie reichte mir ein Papiertaschentuch, und ich ließ bei der Transaktion mein jämmerliches Eisgebilde bewusst tollpatschig fallen, um dem Drama ein Ende zu setzen. „Unterm Sonnenschirm im Lokal wäre uns das nicht passiert“, rieb ich Heidi trotzig unter die Nase. „Wie ich immer sage: Essen und gehen sind zwei Dinge, die sich nicht vertragen!“

Ich lehne das unkultivierte Zwischendurch-Essen to go aber nicht nur für mich ab, ich verabscheue es auch bei meinen Mitmenschen, wie das zweite brandaktuelle Beispiel beweist:

Samstagvormittag, Supermarkt, innen. Eine ungepflegte, etwas füllige Dame in mittleren Jahren, in deren Haushaltsbudget offensichtlich kein Platz für Hygiene- und Kosmetikprodukte ist, räumt an der Kasse ihre Waren auf das Förderband. Zwischen Schulter und linkem Ohr hat sie ein Smartphone eingeklemmt, dabei beißt sie höchst unappetitlich und hastig immer wieder von einer Leberkäs-Semmel ab. Dabei muss sie noch ein etwa dreijähriges, quengelndes Mädchen bändigen, das nach den Kaugummis und kleinen Schokoriegeln am Kassenregal schnappt. Echt Multitasking. Waren ausräumen, essen, telefonieren, Kind in Zaum halten. Die Semmel genießt jedoch absolute Priorität. Der Leberkäs-Geruch umwabert die Warteschlange, als die tapfere Hausfrau plötzlich die Nerven verliert und ihre kleine Tochter anschreit: „Jennifa!!! Heast jetzt auf?! Gib a Ruah! Mama telefoniert!!“ Beim Schreien fällt ihr ein halbzerkautes Stück Leberkäse aus dem Mund auf das Förderband. Sie schnappt es und stopft es dem Kleinkind in den Mund. Jennifer reißt die Augen auf und ist still. Ihre Mama leckt sich die fettigen Finger ab, und Herr Moser wechselt in die rechte, wesentlich längere Schlange. Keine weiteren Fragen? Dann lassen wir gnädig den Vorhang über die Szenerie fallen.  

Melancholie

Der Sonntagshimmel hielt sich grau in grau bedeckt und verbreitete trübe Stimmung. Ich verfolgte mit Heidi auf CNN die tosende Ankunft der wütenden Windsbraut Irma im sonst so sonnigen Florida, und unsere Stimmung wurde noch ein wenig düsterer. Tapfere Reporter in froschgrünem Regenzeug stemmten sich bis auf die Haut durchnässt gegen den Sturm und schrien ins Mikrofon, was offensichtlich war: „Örma chrrrkin Mmmichia itsssssssss unbelievable!!“ Palmen flogen durch die Luft, Verkehrsschilder bogen sich wie Gummi, und in den Straßen, wo sonst rüstige Pensionistinnen mit blau getönten Haaren ihre Pudel spazieren führen, wälzten sich braune, aufgewühlte Wassermassen. „Die armen Menschen!“ zeigte Heidi Mitgefühl – und mir ihre aus Empathie kerzengerade aufgerichteten Unterarm-Härchen. „Ja, wir leben wahrlich in einem gelobten Land…“ pflichtete ich ihr mit einem Blick auf unsere harmlosen Regenwolken bei.

Da die Live-Übertragung einer Naturkatastrophe nur begrenzt auszuhalten ist, schalteten wir die Flimmerkiste bald wieder ab und unsere Smartphones ein. Mal sehen, was es auf facebook so Neues gibt. Wir erfuhren 7 krasse Tatsachen über „Dirty Dancing“, dass der durchschnittliche Haushalt dank IKEA 73 Sechskant-Inbus-Schlüssel besitzt, dass in China ein Sack Reis umgefallen ist und die neue Frisur von Renate Z. unglaubliche 123 Likes bekommen hat. Der weitaus größte Teil der Postings jedoch war politischer Natur, schließlich herrscht Wahlkampf, der in Österreich fast schon zum Wahlkrieg ausartet. Die Parteien und Listen schwärzen sich gegenseitig an, lügen, täuschen, fälschen, versprechen. Und liest man sich die ausländerfeindlichen Hasskommentare vieler User durch, schwebt das Gespenst einer rechtspopulistischen türkis-blauen Regierung über Österreich. Heidi und ich schütteln ungläubig und unisono die Köpfe: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Die trübe Stimmung hat sich nach Studium von facebook keineswegs gebessert, eher im Gegenteil. Der Sonntagsbraten mit Kraut und Knödel wollte uns diesmal nicht so recht schmecken. Die Nachrichten im Radio servieren als Zugabe Meldungen über das schreckliche Erdbeben in Mexiko und die Massenmorde in Myanmar. Nach dem nachdenklichen Essen machte ich den Vorschlag, den Eisdieler unseres Vertrauens aufzusuchen. Ein Kügelchen Nougateis als Stimmungsaufheller konnte nicht schaden. Heidi nickte.

Im Eissalon „da Peppino“ herrschte tote Hose, was natürlich dem kühlen, windigen Wetter geschuldet war. Der namensgebende Patron fabriziert nämlich ein hervorragendes Gelato. An diesem frühen Sonntagnachmittag saß aber nur ein junges Liebespärchen in der Ecke und stocherte gemeinsam mit langstieligen Löffeln in einem Becher „Heiße Liebe“. Peppino zeigte sich von unserem Besuch höchst erfreut, unterbrach die Säuberung der überdimensionalen Espresso-Maschine und rief: „Aaahh! Signor Moser e la bella Signorina! Wie gehta? Tutti va bene?!“ Wir bestellten Nougat, Erdbeer und Pistazie, ich noch eine kleine Portion Schlagobers dazu. Eisdieler Peppino brachte das Gefrorene, und ich lud ihn ein, sich zu uns an den Tisch zu setzen. „Wie war das Geschäft in diesem Sommer?“ wollte ich wissen, und er jammerte wortreich und lebhaft gestikulierend über Höhen und Tiefen der Saison 2017. Der kommende Winter könnte hart und schwierig werden für ihn. Außerdem müsse er bereits Ende September schließen, da seine Mutter krank sei und er nach Hause in ein kleines Dorf bei Neapel müsse. „La Mama! Sie verstehen Signor Moser, la familia!“ seufzte er betrübt. Wir erfuhren, dass la Mama kaum noch gehen kann und dringend operiert werden müsse, und dass Papa Federico letzte Weihnachten verstorben war. „Und jetzt Anfang September ist schon Herbst, ist kalt und Menschen essen keine Eis mehr…“ Als ich mit Heidi ein paar hundert Kalorien später heimwärts fuhr, war unsere Stimmung noch ein wenig betrübter als zuvor.

Daheim versuchte ich es mit dem Oldie-Sender im Radio, der Hits der 50er und 60er Jahre ohne Werbeunterbrechungen und Nachrichten bringt. Normalerweise ein Garant für gute Laune und nostalgische Jugenderinnerungen. Es ertönte Peppino di Capri mit „Melancholie im September“. Zufall? Nein, manche Tage wollen einfach nicht heiter und unbeschwert sein. Sie wehren sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Heidi kochte uns eine Tasse Kaffee. Irma walzt inzwischen über ganz Florida, Millionen Menschen zittern um Haus und Leben.

Moserlatein

Wie ich Ihnen im letzten Beitrag erzählte, habe ich unlängst das Tagebuch des Schülers Moser aus den frühen 70er Jahren hervorgeholt. An einem frühherbstlichen Abend rollte ich mich nun mit Kuscheldecke auf der Couch ein und las in meinen Erinnerungen. Neben den ersten Verliebtheiten und den damit einhergehenden Liebeskummern, über die möglicherweise ein anderes Mal zu berichten sein wird, nimmt naturgemäß das schulische Leben breiten Raum in diesen Memoiren ein. Und heute muss ich entsetzt gestehen, dass es der junge Herr Moser faustdick hinter den Schülerohren hatte. Ich war sozusagen ein schlimmer Finger, wie die nachfolgenden Begebenheiten deutlich machen.

Mein großes Angstfach in der Unterstufe des Gymnasiums war, neben Mathematik und Physik, die Sprache der alten Römer: Latein. Die tote Sprache der Juristen und Mediziner mit ihren 5 Fällen (Ablativ!) und anderen Ungereimtheiten wollte mir nicht in den Schädel. Und unser Lateinlehrer Professor Lesowsky, der von allen aus mir heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen nur Bonzo genannt wurde, war zudem noch ein Sadist. Genüsslich lächelnd rief er mich, der stets unvorbereitet war, unangekündigt zur Tafel und ließ mich mit hochrotem Kopf deklinieren und übersetzen. Bei jedem Fehler schlug er mit seinem Kugelschreiber, der sich teleskopartig zu einem Zeigestab ausziehen ließ, auf das Lehrerpult und rief: „Falsch! Moser, du lernst es wohl nie!“ Es nimmt daher nicht Wunder, dass ich in Latein zu den gefährdeten Schülern zählte, immer hart an der Grenze zwischen genügend und nicht genügend taumelnd.

Am Ende des Schuljahres 1972/73 war es wieder soweit: Nur ein 3er (Befriedigend) auf die letzte Schularbeit konnte mich vor der Katastrophe retten – sonst Latein-Nachprüfung im Herbst. Ich hatte jedoch keineswegs die Absicht, mir die Sommerferien mit Lernen zu verderben, anstatt im Freibad den knospenden jungen Fräuleins hinterher zu schauen. Also schmiedete ich Plan A, und für den Ernstfall gleich noch Plan B, was sich im Tagebucheintrag wie folgt liest: Heute Samstag in der letzten Stunde die entscheidende Lateinschularbeit. Wie geplant habe ich in der Pause davor neben dem Papierkorb an der Tafel unbemerkt eine Stinkbombe fallen gelassen und die Kapsel zertreten. Danach sofort auf meinen Platz gesetzt und so getan, als studiere ich noch rasch ein Kapitel im Liber Latinus. Kurz darauf rief der Berger Ernstl: „Hüfe! Do fäults! Wer von eich hot an Schaas lossn?“ („Hilfe! Hier stinkt´s! Wer von euch ließ einen Darmwind fliegen?“ – Anm.) Meine Stinkbombe zeigte Wirkung, im ganzen Klassenzimmer stank es erbärmlich nach faulen Eiern. Unter diesen Bedingungen kann man unmöglich eine wichtige Schularbeit schreiben, so mein Plan. Bonzo wird die Klassenarbeit absagen und verschieben müssen. Hat er aber nicht. Bonzo ließ die Fenster öffnen und verfrachtete uns – unter Androhung, den Übeltäter zu enttarnen und schwer zu bestrafen – ein Stockwerk tiefer, ins leer stehende Klassenzimmer der 3A. Jetzt musste mein Plan B her…

An dieser Stelle folgt im Tagebuch eine detaillierte Schilderung (offenbar war ich sehr stolz auf meine Raffinesse), die ich hier der Einfachheit halber kurz zusammenfasse: Am Ende der Schularbeit, die wie erwartet desaströs für mich lief, war es Usus, die Hefte pro Reihe am Platz des Schülers zu sammeln, der am Mittelgang saß. Dann marschierte der Klassensprecher durch den Gang, sammelte die kleinen Stapel ein und legte den Heftehaufen dann auf den Lehrertisch. Raten Sie mal, wer zufällig am Mittelgang saß? Richtig. In einem unbemerkten Augenblick nahm ich mein Heft, das obenauf lag, vom Stapel und ließ es, verdeckt vom Erdkunde-Atlas in der Schultasche verschwinden. Bonzo nahm die Hefte unter den Arm und wünschte uns ein schönes Wochenende: „Ora et labora!“ (Bete und Arbeite! – Anm.)

Ich habe an diesem Wochenende beides getan: Gebetet, dass mein Schwindel nicht auffliegen möge, sowie mit Tintenkiller und Grammatikbuch solange an meiner Klassenarbeit gearbeitet, bis sie nach meinem Dafürhalten ein glattes, rettendes Befriedigend ergeben würde. Am darauffolgenden Montag schlich ich in aller Herrgottsfrühe, lange vor Unterrichtsbeginn in die Klasse und deponierte mein Schularbeitsheft am Boden neben dem Lehrertisch – ganz so, als sei es unabsichtlich runtergefallen. Anschließend verschwand ich in einem kleinen Park hinter der Schule und versteckte mich hinter einer dichten Hecke. Kurz vor 8 kam ich ins Klassenzimmer, wo mir die ganze Streberbande bereits entgegen brüllte: „Moser! Wir haben dein Schularbeitsheft gefunden!!“ „Waaas?!! Wo??“ tat ich unschuldig und machte große Augen. „Da vorn am Pult… am Boden! Wir haben es gleich zum Bonzo ins Lehrerzimmer gebracht.“ Die Dinge nahmen ihren geplanten Verlauf und ich atmete innerlich auf.

Als Prof. Lesowsky die korrigierten und benoteten Arbeiten verteilte, knallte er mir das Heft mit den Worten: „Zwei minus. Ich weiß zwar nicht, wie du es gemacht hast, aber nächstes Jahr krieg ich dich, Moser!“ auf den Tisch. „Das glaube ich nicht!“ gab ich zur Antwort und durfte für diese Frechheit eine Seite aus dem Liber Latinus auswendig lernen, die ich heute noch im Schlaf fehlerfrei aufsagen kann: Ab his hostibus qui in bellum plurimum possunt, limes romanus cis, danuvium situs vobis defendent erunt… usw. Oder so ähnlich. Denn nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Non scholae sed vitae discimus. Quod erat demonstrandum.

PS: Bonzo hat mich im nächsten Jahr tatsächlich nicht erwischt. Ich habe das Gymnasium verlassen und bin auf eine berufsbildende, kaufmännische Schule gegangen. Dort wurde die Kunst der Buchhaltung mein neues Latein.

Topfen & Tagebuch

Die in höchstem Maße kreative und von mir überaus geschätzte Kollegin Mallybeau Mauswohn, Hüterin der Bloghüttenalm, präsentiert ebendort derzeit die alten, aber entstaubten Tagebücher ihres Hausmeisters Egon Schrödinger. Ich kann Ihnen diese filmischen Kleinode unbedenklich ans Herz legen, denn als Leser meines Moser-Blogs verfügen Sie über die humoristische Grundausstattung, um auch der schrägen Welt der Frau Mauswohn etliche herzhafte Lacher abzugewinnen. Als ich mir heute beim sonntäglichen Frühstückskaffee kichernd und prustend Schrödingers diary #02 zu Gemüte führte, erinnerte ich mich daran, dass ich selbst als junger Spund Tagebuch führte. Allerdings ganz ohne filmische Unterstützung, sondern zeitgemäß noch sehr analog in einem alten Schulheft mit Kugelschreiber. Ich habe diese pubertären Aufzeichnungen schon seit Jahrzehnten nicht mehr zur Hand genommen und plötzlich befiel mich eine gefräßige Neugier. Was bewegte den jungen Moser in den poppigen, bunten 70er Jahren, welche Gedanken hielt ich damals für aufschreibenswert? Ich stürmte in mein Arbeitszimmer und machte mich in den Tiefen meines Schreibtisches auf die Suche nach den ersten literarischen Gehversuchen, den Urahn meins Logs noch ganz ohne Web. Und während der Ausgrabungsarbeiten entwarf ich ein gewagtes Experiment: Ich würde das Tagebuchheft an einer beliebigen Stelle aufschlagen und den entsprechenden Eintrag meiner Leserschaft ungeschminkt und ungekürzt hier darbieten. Emsig suchte ich weiter, innerlich hoffend, dass ich keine abstrusen erotischen Fantasien zutage fördere.

„Heidiiiii!“ rief ich eine Viertelstunde später mein liebe Gemahlin zu Hilfe. „Wo sind meine Tagebücher??!!“ „Waaas?“ „Meine Tagebücher!! Wo??“ Kurz darauf betrat Adelheid das Arbeitszimmer. Sie trug ihr dichtes, schwarzes Haar offen und in der Mitte gescheitelt, auf dem linken, noch sommerlich bronzefarbenen Oberarm hatte sie eine weiße, etwas unappetitlich wirkende Masse aufgetragen. Sie wirkte wie eine reife Squaw, die sich auf ein schamanisches Ritual vorbereitete. „Was ist das?“ deutete ich auf das weiße Geschmiere. „Meine Schulter schmerzt und ich hab Topfen draufgetan.“ Anmerkung: Dieses Milchprodukt wird auf preussisch auch Quark genannt, was ich viel witziger finde als Topfen. Daraus lassen sich nicht nur sehr schmackhafte Süßspeisen herstellen, sondern auch heilende „Topfenwickel“. Als Heidi mit ihrem wilden, wallenden Haar und dem topfenbemalten Arm so vor mir stand, überfiel mich schlagartig eine hemmungslose Lust… auf Topfenstrudel mit Rosinen. Ich packte meine Moser-Squaw am Arm und begann, die weiße Kriegsbemalung, die an den Rändern bereits bröselig wurde, vom Arm zu lecken. Heidi stieß einen Schmerzensschrei aus, stieß mich beiseite und verließ das Zimmer, ohne meine Tagebuchsuche auch nur im Mindesten zu unterstützen. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ rief ich ihr hinterher und grub weiter in meinen Unterlagen. Zwischen einem alten Fotoalbum und meinen Schulzeugnissen fand ich schließlich mein Logbuch der Jugend mit der Aufschrift Moser Privat! 1974. Streng geheim! Ich schloss die Augen, ließ die Seiten durch meine Finger rauschen und stoppte intuitiv irgendwo mittendrin. Da stand:

  1. April 1973. Heute früh stand meine Angebetete wieder an der Straßenbahnhaltestelle. Ihre Haut hat einen braunen Teint, sie wirkt irgendwie indisch, wenn nicht schon indianisch. Dazu ihre langen schwarzen Haare, ein Traum! Aber heute hatte mein Schwarm den linken Arm im Gips. Das wäre wahrscheinlich eine gute Gelegenheit gewesen, sie endlich anzusprechen. Aber ich war wieder mal zu feig. Ich ließ die Gelegenheit, über ein charmantes „Hallo, wie geht´s? Hübsche Gipshand!“ mit meiner heimlichen Traumfrau ins Gespräch zu kommen, ungenützt verstreichen. Sie ist einfach in die Tramway gestiegen ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ich Vollidiot. Aber wenn sie morgen wieder an der Haltestelle steht, sprech ich sie an. Großes Indianerehrenwort! Auf die Lateinschularbeit hab ich wie erwartet einen Fetzn (Wienerisch für „Nicht genügend“ – Anm.) bekommen…

Ich ließ das Heftchen sinken und dachte zurück an meinen heimlichen Schwarm, der für ein paar Monate ein Stück des Schulweges mit mir geteilt hatte, und eines Tages nicht mehr auftauchte. Ich habe sie nie angesprochen und weder ihren Namen noch den Grund für ihren Gips erfahren. Rasch eilte ich in die Küche, wo Heidi ihren schmerzenden Topfenarm inzwischen schonend in einem ruhigstellenden Dreieckstuch verstaut hatte und ein leidendes Gesicht machte. Ich strich ihr übers feste Indianerhaar, warf einen prüfenden Blick auf den Topfenwickel und sagte: „Wir fahren ins Krankenhaus. Vielleicht brauchst du einen Gips, wer weiß!“ Heidi wollte etwas erwidern, doch ich brachte sie mit einem „Keine Widerrede!“ zum Schweigen.

Vorhin sind wir aus dem Spital zurückgekommen. Diagnose: Dist. m. bizeps brachii caput langum sin. Für die Laien unter Ihnen: eingeklemmter Oberarmmuskel. Therapiert wird mit Diclobene, Sirdalud, Mobialtsalbe und lokaler Kältetherapie. Kein Gips. Und ich dachte schon, mein Tagebucheintrag und der weiße Topfen seien ein Omen gewesen. Das war natürlich Unsinn. Mit dem restlichen Quark habe ich Blätterteigtaschen gefüllt und diese mit Pistazien bestreut und im Ofen gebacken. Damit werde ich Heidi zur Jause überraschen, sie muss ja ihren Arm ruhig halten.