Sommergespräche

Heute gab es für die Schüler in Wien, Niederösterreich und im Burgenland ihre jährliche Leistungsbeurteilung, früher auch Zeugnis genannt, und die meisten der Kollegen mit schulpflichtigem Nachwuchs haben sich gleich in die Ferien verabschiedet. In unserer sonst so emsigen Konservenmanufaktur ist es urlaubsbedingt sehr ruhig geworden. Auch Cerny, obwohl meines Wissens  kinderlos, ist bereits ausgeflogen. Er trainiert seine Lungen und Beine auf Teneriffa, möchte womöglich auf den Vulkan Teide rennen, um im nächsten Jahr beim Vienna City Marathon zu brillieren. Nur noch wenige Damen und Herren der Belegschaft dünsten und dösen in ihren Büros vor sich hin, darunter auch ihr Herr Moser. Ich liebe diese entschleunigte Zeit, ohne lästige Meetings, ohne nervtötendes Gequatsche von Cerny. Auch das Direktorenpaar Svetlana und Mag. Erwin Pfotenhauer hat sich auf seine Segelyacht in Kroatien zurückgezogen. Ein lebhaft auffrischender Nordwestwind hat die brütende Schwüle aus der Stadt vertrieben, ab und an schiebt sich sogar ein Wölkchen vor die Sonne. Es lässt sich also aushalten und gut gelaunt flanierte ich heute Vormittag über die Gänge.

Auf der Herrentoilette traf ich unsere liebenswerte Putzperle Editha. Sie war ausnahmsweise nicht mit einem Joint beschäftigt, sondern streute kleine, weiße Kugeln in die Urinale. „Challo Moser!“ rief sie erfreut. „Challo Editha! Wie geht´s? Gut dass ich Sie treffe. Ich wollte Sie etwas fragen: Was erzählt man sich in der Belegschaft über meinen Vortrag in Guatemala? Haben Sie etwas gehört?“ Die fleißige Frau aus der Ukraine rieb Daumen und Zeigefinger aneinander und meinte: „Morgen ist 1. von Monat…“ Ich drückte ihr den  monatlichen Obulus in die Hand, den sie für ihre kleinen Spionage- und Informationsdienste von mir erhält. „Also, was sagen die Leute? Vortrag war gut??“ frug ich gespannt. Editha ließ den Schein in ihrer Kittelschürze verschwinden, rollte mit den Augen und kicherte: „Leite sprechen, Moser macht er super Referat, isser aber bissi verrickt! Kommt in buntes Indianergwandl…“ „Mein Koffer war vermisst!“ warf ich entrüstet ein. „Und Moser vielleicht war krank, schreit er viel, schwitzt, reißt Augen auf, schüttelt Faust wie friher Klaus Kinski. Kennst du Fitzcarraldo?“ „Ja, nein! Was? So reden die Kollegen? Ich hätte mich aufgeführt wie Kinski???“ „Ich nur sagen, was Leite sprechen in Biro iber Moser in Guatemala. Sehr viel Emotion in Vortrag. Spricht er iber Heringdosen wie von Ibernahme von Weltherrschaft oder Heilung von Krebs. Isser verrickt, Moser? Einer fliegt iber Kuckucksnest?“ Editha sah mich unschuldig an.

Hatte ich mich in meinen Guatemala-Vortrag tatsächlich derart reingesteigert, dass man heute über mich sprach wie über Kinski und Jack Nicholson, diese Verrückten? Das musste ich erst verdauen und wechselte das Thema. „Danke, Editha. Schon gut. Wann fahren Sie auf Urlaub? Und wohin?“ Sie zog eine traurige Grimasse und schluchzte: „Kein Urlaub, nix Radio Holiday. Ohne Moos nix los. Bleib ich in Balkonien, hab aber auch kan Balkon. Bin staatenlos.“ Die herzensgute Frau tat mir plötzlich sehr leid und spontan kam mir eine Idee: „Wollen Sie kommen zu uns putzen? Einmal in der Woche? In Reihenhaus? Fenster putzen, Rasen mähen und so Sachen?“  Schlagartig hellte sich die Miene der Ukrainerin auf: „Frauentausch? Ja, komme ich. Jeden Freitag nachmittag, 25 Juro in Stunde. Einverstanden?“ Rasch überschlug ich im Kopf die monatlichen Ausgaben für Edithas Putz- und Geheimdienste und riss die Augen auf: „Waaas? Wollen Sie auf meine Kosten in die Karibik fliegen? Da muss ich erst mit Frau Moser reden…“ rief ich vielleicht eine Tonlage zu laut und zu hoch. „Gut, du sprechen. Schenes Wochenende, Herr Kinski!“ Editha schlurfte davon.

Ein Sommernachtstraum

Bei den derzeit herrschenden Wiener Tropennächten findet Familie Moser nur schwerlich in den Schlaf. Vergangene Nacht war wieder besonders schlimm. Ich konnte einfach nicht und nicht in meinen Lieblingszustand übergehen, und wälzte mich ächzend von einer Seite auf die andere. Die Bettdecke fungiert eigentlich nur als Abstandhalter, damit die schweißnassen Oberschenkel nicht zusammenkleben. Auch die seit Generationen überlieferten Hausmittelchen zur Beschleunigung des Einschlafprozesses blieben wirkungslos. Die warme Milch mit Honig beschleunigte höchstens die Transpiration, und ich begann Schäfchen zu zählen. Vor meinen geschlossenen Augen sprangen die possierlichen Wollknäuel über einen verwitterten Weidezaun. Mäh! Mäh! Mäh! Bei Nummer 24 und 25 begann eine kleine Drängelei, ich verzählte mich und musste von vorne anfangen. Im zweiten Durchgang kam ich bis Nummer 59, dann fand ich mich in der Küche wieder und briet zwei zarte Lammkoteletts, die Heidi in Vorbereitung auf das heutige Abendessen mit Knoblauch, Rosmarin und Olivenöl mariniert im Kühlschrank aufbewahrte.

Nach dem kleinen Mitternachtssnack schlich ich zurück ins Schlafzimmer, wo meine liebe Gattin inzwischen scheinbar friedlich schlief. Zumindest atmete sie tief und regelmäßig. Ich krabbelte vorsichtig ins Bett, legte mich auf die Decke und unternahm den nächsten Versuch, ein wenig Schlaf zu finden. Nach wenigen Minuten, die REM-Phase war noch meilenweit entfernt, hörte ich an meinem rechten Ohr das nervenzerfetzende Sirren einer Gelse (so nennt man in Österreich die Stechmücken), die im Schutze der Dunkelheit wohl auf der Jagd nach Menschenblut war. Fest entschlossen, mich bis zum letzten Blutstropfen gegen den Insektenangriff zu wehren, holte ich zum vermeintlich tödlichen Schlag aus. Unglücklicherweise verpasste ich dabei meiner Adelheid eine schallende Ohrfeige, die daraufhin laut schreiend aus ihrem leichten Schlaf schreckte. In der Nachbarschaft gingen die Lichter an, panisch hielt ich Heidi den Mund zu. Als wir uns wieder etwas beruhigt hatten, holte ich aus dem Badezimmer das Gelsenspray, das Schutz vor den Blutsaugern versprach. Wir rieben uns gegenseitig von Kopf bis Fuß damit ein. Der unangenehme Geruch des Mückenschutzes hielt zwar die Biester fern, aber uns wach. Mittlerweile zeigte die Uhr auf dem digitalen Radiowecker 03:47.

Um 04:57 ging die Sonne über meiner geliebten Heimatstadt auf, die frühen Vögel fingen ihren Frühstückswurm und wünschten sich zwitschernd „Guten Morgen!“ Eine Stunde später nahmen die ersten Sprinkleranlagen in den umliegenden Gärten tssss! tssss! Ihren Dienst auf. Ich lag mit Heidi noch immer wach im Bett und fühlte mich wie gerädert. Völlig erledigt torkelte ich unter die kalte Dusche. Kurz vor halb sieben saß ich mit meiner Frau im Garten und nippte am Morgenkaffee. Der Himmel war wolkenlos und strahlend blau, das Thermometer zeigte bereits 24 Grad. Es versprach ein heißer Sommertag zu werden. Ich war todmüde und hätte auf der Stelle einschlafen können.

Strohwitwer

Im Gegensatz zu ihrem Gatten liebt Frau Moser Hochzeiten. Heute ist es wieder einmal so weit: Heidi wohnt der burgenländischen Dorfhochzeit ihrer Freundin J. (Name der Red. bekannt) bei. Und ich darf zu Hause bleiben, da mich mit dem Brautpaar keine nähere Bekanntschaft verbindet. Darüber bin ich sehr glücklich, da ich mich auf derartigen Festivitäten per se nicht besonders wohl fühle und mir das ständige Geherze und Geküsse auf den Zeiger geht. Zum anderen liegt das Burgenland in der Steppe, also einer Art Wüste, und die Wetterprognosen für den heutigen Tag tendieren stark Richtung Handicap 35 (also 35° im Schatten). Wie der eine oder andere Leser vielleicht schon mitbekommen hat, ist dies nicht gerade meine Wohlfühlzone. Ich darf also unser idyllisches Reihenhäuschen hüten, während meine Gattin Adelheid heute Vormittag unseren tomatenroten Spanier bestieg und ins glühende Burgenland düste. Ich war vor knapp 20 Jahren bei der Eheschließung meines Bruders Bertl zu Gast und daran habe ich keine guten Erinnerungen. Es war ein ähnlich brütend heißer Tag wie heute, und die Hochzeitsfeier fand auf einem netten Ausflugsdampfer mitten auf dem Traunsee statt. Ich saß in einem wollenen Trachtenjanker, der mir der ländlichen Umgebung angemessen schien, in der prallen Mittagssonne auf Deck inmitten der andächtigen Gäste und betete. Nicht um Glück und Segen für das Brautpaar, sondern dass die Zeremonie möglichst rasch vorübergehen möge oder Gott ein Einsehen habe und ein paar dunkle Wolken vor die Sonne schiebt. Ich wurde nicht erhört. Ein Hitzeschlag der höchsten Kategorie fällte mich wie einen Baum, der vom Blitz getroffen wurde: Herzrasen, kalter Schweiß, Schwindel, Halluzinationen. Das Schiffchen musste meinetwegen den Kurs ändern und mich an Land bringen, wo mich ein eilig herbeigerufener Notarzt mit Infusionen und kalten Wickeln dem Tod von der Schippe riss. Aber dies nur am Rande.

Kaum hatte sich Heidi, höchst attraktiv in einem fliederfarbenen Sommerkleid und vollgepackt mit Geschenken, Blumen und Reserveschuhen, auf den Weg gemacht, marschierte ich in den Supermarkt, um mich mit Verpflegung und Getränken einzudecken. Heidi bleibt ja über Nacht, ich rechne mit ihrer Rückkehr erst morgen Nachmittag, mit dem Eintreffen der ersten Gewitter. Ich kann Ihnen sagen: Der schönste und angenehmste Ort an einem solchen Hitzetag ist nicht die zitronengelbe Liege im Schatten des grünen Sonnenschirmmonsters, nicht das Freibad, nicht der Beichtstuhl – sondern der Supermarkt! Ich liebe das wohltemperierte Klima in der Fleisch- und Milchabteilung. Heute ließ ich mir besonders viel Zeit und verbrachte eine gute Stunde zwischen Spareribs und marinierten Hühnerspießen, studierte die wenig appetitlichen Inhaltsstoffe der angebotenen Grillwürste, stellte einige interessante Preisvergleiche an und genoss die Kühle der leise brummenden Aggregate. Danach wechselte ich zu Frau Heinisch an die Wursttheke und hielt unter dem Motto „Ausländisch für FachverkäuferInnen“ einen kleinen Grundkurs über die richtige Aussprache von Lebensmitteln mit Migrationshintergrund ab (Sie erinnern sich an meine geliebte spanische Paprikawurst Chorizo, welche von der Mehrheit der Bürger deutscher Zunge falsch ausgesprochen wird, nämlich Schorizo anstatt korrekterweise Tschoriso). Frau Heinisch bestand meine Abschlussprüfung mit einer 2 minus, und ich konnte mich Herrn Tügür zuwenden, der seit April die Obst- und Gemüseabteilung leitet. Ich verwickelte ihn in einen Diskurs, wie weit sich die herrschende Dürreperiode auf die Gurken- und Salatpreise auswirken werde, was mir auch wieder zusätzliche 35 Minuten im erfrischenden Supermarkt-Klima bescherte. Erst nachdem ich noch das Regal mit Fischkonserven ein wenig umsortiert und unsere schmackhaften Produkte besser im Rampenlicht und auf Augenhöhe platziert hatte, machte ich mich gut abgekühlt auf den Heimweg.

Der Kühlschrank ist gut bestückt, und ich werde mich nun ein wenig dem Sport widmen. Das Qualifying für den Formel-1-GP in Aserbeidschan steht am Programm. Heidi vermeldete eben per WhatsApp, dass der Umzug mit der Braut durch das Dorf eine große Herausforderung an den 24-Stunden-Schutz ihres Deodorants war. Es sei glühend heiß. Ich nahm einen Schluck von meiner eisgekühlten Cola und schaltete den Fernseher ein.

Intoleranzen

Dieser Sommer meint es besonders gut mit uns. Nicht nur hinsichtlich der rekordverdächtigen Temperaturen, auch die Vegetation in unserem idyllischen Reihenhausgarten entfaltet eine nie gekannte Üppigkeit. Äpfel, Weintrauben, Erdbeeren, Ribisel, Zucchini und Tomaten reifen in einem Tempo vor sich hin, als befänden wir uns bereits tief im August. Besonders unser Weichselbaum (Weichsel = Sauerkirsche) legt sich ins Zeug und beschenkt uns mit unzähligen Kilos seiner rotleuchtenden Früchte. Seit Wochen erntet meine brave Heidi fast täglich eine große Schüssel voll. Wir ernähren uns praktisch nur noch von Weichselkuchen, Weichselkompott, Semmeln mit Weichselmarmelade und zum süßen Abschluss gibt es meist noch eine Kugel selbstgemachtes Weichsel-Eis. Schwiegermama Inge, Heidis Schwester Babsi, alle umliegenden Nachbarn und selbst den Briefträger haben wir bereits mit einem kleinen Vorrat beschenkt. Und noch immer hängt der Baum halbvoll mit den säuerlichen Kirschfrüchten. „Moser“, sprach Heidi gestern Abend während sie im Sonnenuntergang stand und Weichseln brockte, „bring doch morgen deinen Kollegen in der Fischkonservenfabrik einen Korb mit Weichseln mit. Die freuen sich, und wir sind sie los. Ich kann die Dinger nicht mehr sehen.“

Nun muss der geneigte Leser wissen, dass ich an einer ausgeprägten Weichsel-Allergie leide. Sobald ich auch nur in die Nähe der rohen, frischen Früchte komme, verfärben sich meine sonst blütenweißen Augäpfel weichselrot. Die Augen jucken und tränen, im Rachenraum macht sich ein unangenehmes pelzig-stechendes Gefühl breit und ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Sobald die Früchte gekocht, gebacken oder sonstwie bearbeitet wurden, kann ich sie ohne Bedenken verzehren. Als mir Heidi heute Morgen den prall gefüllten Weidenkorb, bedeckt mit einem rot-karierten Geschirrtuch, überreichte, bestand ich darauf, prophylaktisch dünne Latex-Einweghandschuhe und eine hellgrüne OP-Chirurgenmaske (ein Überbleibsel aus Zeiten der drohenden Vogelgrippe) überzuziehen. Vorsicht ist die Mutter des Weichselkorbes, und ein Autounfall aufgrund eines allergischen Anfalls hätte mir an diesem heißen Tag nicht in den Kram gepasst.

So düste ich in medizinischer Schutzkleidung Richtung Konservenfabrik. Leider übersah ich dabei eine Geschwindigkeitsbegrenzung, die aufgrund einer Sommerbaustelle frisch installiert worden war. Kurz darauf winkte mich eine zivile Autobahnstreife an den rechten Fahrbahnrand. „Guten Tag, Fahrzeugkontrolle. Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte.“ Mit meinen latexgeschützten Fingern kramte ich im Handschuhfach, und murmelte einen leisen Fluch durch die Gesichtsmaske. „Wie bitte?“ wollte der schnauzbärtige Inspektor wissen. „Mein Name ist Doktor Moser. Unfallchirurg. Ich bin auf dem Weg in die Fischkonservenfabrik am Rande der Stadt. Ein Notfall. Atemstillstand. Der Patient braucht dringend Medikamente.“ Ich deutete mit dem Kopf auf das Weidenkörbchen. „Antihystamine, Antibiotika, Antidepressiva, Anti-Baby-Pillen. Alles anti, gegen das Entsetzliche.“ Der Polizist wirkte misstrauisch und frug: „Haben Sie getrunken?“ „Erlauben Sie mal!“ empörte ich mich. „Ich bin Arzt, ich trinke niemals im Dienst. Lassen Sie mich fahren, der Patient stirbt!“ Nachdem ich brav ins Röhrchen gepustet hatte, durfte ich mit einem Bußgeldbescheid über 75,- Euro weiterfahren.

Im Büro stellte ich den Korb mit Weichseln dekorativ auf die Anrichte unserer kleinen Kaffeeküche, und schrieb eine Rund-Mail an meine Kollegen im ersten Stock: „Liebe Freunde des animierten Stuhlgangs! In der Küche befindet sich ein Korb mit frisch gepflückten Weichseln aus unserem Garten. Alles ungespritzt und bio. Bitte bedienen Sie sich. Freiwillige Spenden sind willkommen und kommen der Polizei zugute, die auch bei dieser Hitze aufopferungsvoll und pflichtbewusst ihren Dienst auf den Straßen tut. Ziel wäre es, dass ich am Abend keine wieder mitnehmen muss. Freundliche Grüße, Hr. Moser“

Das war vor zwei Stunden und der Erfolg der Aktion ist  fraglich. Lediglich Cerny hat sich spendenfrei eine Handvoll Sauerkirschen geschnappt, und ein Weichselkern-Zielspucken in den Papierkorb veranstaltet. Aber der Tag ist noch jung…

Schneckentempo

Ihr überaus liebenswerter Herr Moser hat viele, zum Teil noch unentdeckte Talente, Geschwindigkeit ist leider keines davon. Ich kann mit dieser sinnlosen Hetzerei nichts anfangen, ich lebe in einer Welt der getragenen Gelassenheit und genussvollen Langsamkeit. Schon beim Anblick des Wortes Fast Food bekomme ich Herzrasen. Mein aus dem Wienerischen stammendes Credo lautet „Nur net hudeln!“ (frei übersetzt bedeutet es „Nur nicht hetzen“ oder „Nur keine falsche Hektik aufkommen lassen“). Dies geht sogar so weit, dass ich das Haus 10 Minuten vor Heidi verlasse, um zeitgleich mit ihr am Parkplatz anzukommen. Tage wie diese, wo die Hitze in jede Pore der Großstadt dringt und sich jeder Atemzug anfühlt, als würde man flüssiges Blei trinken, wirken sich auch deutlich auf mein Tempo aus.

Gestern Nachmittag hatte es 34° im Schatten (ich nenne es Handicap 34), und ich verließ das unklimatisierte Büro eine Stunde früher, da mein T-Shirt mit dem Aufdruck I survived Guatemala bereits völlig durchgeschwitzt war und das Beinkleid wie ein nasser Lappen an mir klebte. Zu Hause empfing mich mein geliebtes Adelheidchen mit den Worten: „Moser, die Milch ist ausgegangen! Sei so gut, und hol rasch einen Liter aus der Bäckerei.“ Im Vertrauen gesagt: Heidi ist kaffeesüchtig und trinkt selbst bei diesen unmenschlichen Temperaturen gut und gerne vier bis fünf Tassen des heißen Gebräues. Pro Tag. Allerdings findet sie ihn ohne Milch ungenießbar und ohne Kaffee wird Heidi ungenießbar. Als treusorgender Ehemann seufzte ich vernehmlich leidend, schlüpfte in ein frisches Shirt und in meine kurze Hose, und rüstete mich mit festen Sandalen für den 120-Meter-Fußmarsch zur Bäckerei Fallnbügl. Kurz vor Verlassen des Hauses wickelte ich mir aus einem nassen Handtuch noch rasch einen Turban.

Jeder noch so lange Weg beginnt mit dem ersten Schritt, wusste ich von Konfuzius oder einem anderen asiatischen Schriftgelehrten, und quälte mich wie ein geprügelter Hund durch die flirrende Siedlungsluft Richtung Bäckerei. Aus wahrer Liebe erwachsen dem Menschen oft ungeahnte Fähigkeiten. Nach gefühlten 20 Minuten wähnte ich mich bereits am Ziel, und jubelte. Doch das in der Hitze flimmernde Portal der Bäckerei erwies sich bei näherer Betrachtung als Fata Morgana. Durch den Flüssigkeitsverlust war meine Hose ein Stück nach unten gerutscht, und ich stellte den Gürtel ein Loch enger. Und irgendwann torkelte ich völlig dehydriert in die Bäckerei, und ließ mich an dem kleinen Tischchen nieder, das Frau Fallnbügel für ihre Kaffeekundschaft bereit hält. „Jessas, Herr Moser!“ rief die Ladenbesitzerin und deutete auf meinen Handtuchturban. „Wos is passiert?!! Kopfschuss?!!!“ Ich krächzte nur „Verdunstungskälte“ und „1 Liter Kärntner Milch bitte.“ Die gute Frau brachte mir nicht nur den begehrten Kuhtrunk, sondern noch ein Glas kühles Wasser, das ich mir sofort ins Gesicht schüttete. Den Durst löschte ich mit ein paar tiefen Schlucken aus der Milchpackung. Nach einer Viertelstunde Rast machte ich mich gestärkt auf den Heimweg.

Just als ich um die Ecke bog und unser Haus bereits in Rufweite war, vibrierte meine kurze Hose. Heidi schrieb per WhatsApp: „Moser, wo bleibst du??? Der Kaffee wird kalt! Bist du unverletzt?“ „Bin im Landeanflug. In spätestens 10 min bin ich da. Mfg“ Daheim riss ich mir den Turban vom Kopf und warf Heidi die Milch zu. Geschickt fing sie Packung auf und schüttelte sie ungläubig: „Das ist aber nicht dein Ernst! Du brauchst eine Stunde, um Milch aus der Bäckerei zu holen und bringst eine fast leere Tüte mit?!!“ Mein geflüstertes „Wegzehrung!“ ließ sie als Entschuldigung nicht gelten. „Gottseidank bist du nicht Briefträger (Österr. f. Postbote) geworden.“ Undank ist der Welt Lohn.

P.S.: Nun habe ich auch verstanden, warum mir meine vielgereiste Schwiegermutter Inge von ihrem letzten Städtetrip aus Köln ausgerechnet eine Schnecke (Foto siehe oben) mitgebracht hat.

Das Wort zum Sonntag

Um 8:36 durchbrach die Sonne die dichte Wolkendecke und schickte die ersten wärmenden UV-Strahlen in den Moser´schen Kleingarten. Darauf hatte ich nur gewartet. Flugs setzte ich meine Kapitänsmütze auf und hisste unser neues, monströses 4-Meter-Sonnensegel. Sofort wurde die Terrasse in kühles, schattiges Dunkel getaucht. Ich war hingerissen. Entspannt schlürfte ich den Milchschaum vom Cappuccino und genoss die sonntägliche Morgenruhe. Über mir wölbte sich das dunkelgrüne Stoff-Firmament des neuerworbenen Sonnenschirmes.

Plötzlich sprengte das überdimensional laute und schrille Organ von Frau Weinwurm die Stille. Die Gattin unseres Siedlungsblockwartes h.c. hatte in ihrem Vorgarten schräg gegenüber Stellung bezogen und sich auf ein längeres Handy-Telefonat mit einer gewissen „Miriam“ eingerichtet. Offenbar hat Hilde Weinwurm keine Geheimnisse vor der Nachbarschaft, denn ungeniert berichtete sie in voller Lautstärke vom schmerzhaften Fersensporn an ihrem linken Fuß. Ob ich wollte oder nicht, musste ich mir alle peinsamen Details über Injektionen in die Ferse anhören. Selbst die zwitschernden Vögel verstummten und lauschten. Ohne mir dessen bewusst zu sein, begann ich nach dem mir bisher unbekannten „Fersensporn“ zu googeln. Kaum hatte ich mich beim Netdoktor kundig gemacht, wechselte Nachbarin Hilde ansatzlos das Thema. „Wos kochstn heite, Schatzi?“ vernahm ich durch die Hecke, die zwar ausreichend Sicht-, aber keinen Schallschutz bot. „Aaah, guad! I moch Stapüz (Wienerisch für Steinpilze – Anm.). Vielleicht in ana Rahmsooß oder i tuas panieren. I waß no et.“ Ich gab „Steinpilz Rezepte“ in Google ein. Kaum hatte ich mich in das Pilzthema eingearbeitet, ließ die gesprächige Frau Weinwurm mich und die gesamte Siedlung wissen, dass sie noch keinen Plan hätten, wohin die diesjährige Urlaubsreise gehen solle. Auf keinen Fall ein muslimisches Land, wegen „eh scho wissen“. Es geschähe ja so viel heutzutage, und sie habe keine Lust, als zerfetztes Bombenopfer auf einem Marktplatz in Kairo zu enden. Mallorca? Nein, nicht schon wieder. Vor zwei Jahren hat sich ihr Mann Walter auf dem Ballermann derartig mit Sangria niedergebügelt, dass er im Hotelzimmer in die Duschtasse gekotzt habe. Schau schau, der stets ordentliche Herr Ex-Polizist. Sie würde ja lieber mehr in den Norden, wegen der Hitze im Süden. Sie habe eine lästige Sonnenallergie. Und keine Städtereise, wegen des Fersensporns, der mache ihr bei längeren Fußmärschen doch sehr zu schaffen. Als Hilde Weinwurm anschließend ihre Ansichten zu herrschenden politischen Lage in Österreich kundtat, und dabei Sympathien für die ausländerfeindliche, rechtspopulistische FPÖ durchblitzen ließ, ergriff ich die Flucht und verbrachte den Vormittag in der göttlichen Stille unseres Wohnzimmers.

Ehe Heidi die köstlichen Sonntagsschnitzel auftischt, wollten wir noch rasch dem Grab unseres verblichenen Sonnenschirmes einen Besuch abstatten. Auf dem Weg zum Müllcontainer lief uns Hilde Weinwurm über den Weg. „Grüß Sie Frau Nachbarin!“ grüßte ich unsere geschwätzige Nachbarin. „Wie waren die Steinpilze? Rahmsauce oder gebacken?“ Misstrauisch kniff sie ein Auge zu und meinte zögerlich: „Ich hab´s paniert. Aber woher…“ „Ich hätte da einen Super-Urlaubstipp für Sie“, unterbrach ich Frau Weinwurm. „Guatemala! Ein Traum! Nicht zu heiß, fast nicht schwül, ideal für Sonnenallergiker. Wenig Alkohol, Sangria nur vereinzelt. Aber wenn, dann bitte unbedingt mit Eiswürfeln genießen. Und eine Besichtigung der Maya-Pyramiden lässt jeden Fersensporn sofort heilen. Ich wünsche noch einen schönen, ruhigen Sonntag!“

Der grüne Regenturm

Nachdem unser treuer, roter Sonnenschirm inmitten des Fronleichnam-Grillens plötzlich und unerwartet von uns gegangen war (lesen Sie dazu meinen vorigen Beitrag „Sonnleichnam“), musste er zur letzten Ruhe gebettet werden. Endlich ein würdiger Anlass, um meinen nagelneuen schwarzen Business-Anzug einzuweihen, der tragischerweise während meines Fischkonservenvortrages in meinem Koffer in irgendeiner Ecke des Aeropuerto von Guatemala City geschlummert hatte. Ich bat Heidi, sich dem Trauerfall entsprechend angemessen zu kleiden, und ihr großblumig gemustertes Top wenigstens gegen eine dezente schwarze Bluse zu tauschen. Sie fand dies aber maßlos übertrieben. Wir trugen den roten Toten im Altsonnenschirmcontainer des Müllraumes mit allen Ehren zu Grabe, dazu pfiff ich den Trauermarsch von Chopin.

Nun musste Ersatz her. Also düsten wir im kleinen, tomatenroten Spanier heute Vormittag zum nächsten Metro-Markt. In der Gartenabteilung, die etwa 50 mal größer ist als unser ganzer Garten, durchquerten wir ein Meer von Grünpflanzen, schlängelten wir uns durch ein Heer von Elektro-, Gas- und Kohlegrillern, machten Rast auf einer bequemen Outdoor-Polstergarnitur, und kämpften uns schließlich zwischen Partyzelten und Ameisenfallen zu den Sonnenschirmen durch. Was soll ich Ihnen sagen? Es war Liebe auf den ersten Blick. Der Schirm trug einen Namen wie ein englisches Landhaus, war in dezent vornehmem britischen Jaguar-Grün gehalten und ragte gut drei Meter in die abgestandene Luft der enormen Lagerhalle. Flügelspannweite: 4 Meter. Und er war in Aktion. Minus 20 Prozent. Alles muss rrraus!!! Nun gut, wir ließen uns nicht zwei Mal bitten. Wir orderten das grüne Monster, erhielten einen Ausfolgeschein und eine Wegbeschreibung zum Warenlager.

Das Lager war in einem undurchsichtigen System aus Nebenfahrbahnen, Kreisverkehren und Einbahnen versteckt, sodass ich nach knapp 25 Minuten des im-Kreis-Fahrens bei einer Imbissbude hielt und laut „Döööööner!“ rief. Nach einer kleinen Stärkung entdeckte ich an einer Gabelung endlich auch das entscheidende Hinweisschild „Metro Warenausgabe“. Dort nahm ein schweigsamer Lagerarbeiter unseren Schein entgegen, und schleppte kurz darauf stöhnend unseren neuen Schattenspender herbei. „Mann, ist der riesig“, staunte Heidi. „Den bekommen wir doch nie ins Auto!“ „Aber ja, kein Problem!“ strahlte ich Zuversicht aus, klappte die Rückbank um und schob die gewaltige Pappschachtel vom Heck aus Richtung Bug. Millimetergenau passte der Parasol in den Wagen. Dass ich dabei auch den Rückspiegel mit einem eleganten Ruck abmontiert hatte, muss als Kollateralschaden verbucht werden.

Zu Hause angekommen, schleppten wir das Monstrum mit vereinten Kräften vom Parkplatz in unseren Garten. Es goss in Strömen und der böige Nordwestwind erreichte Spitzen von 80 km/h (Quelle: Hitradio Ö3, Angabe ohne Gewähr). Ich schlüpfte rasch in mein knallgelbes Ölzeug und in Gummistiefel, dann errichtete ich gemeinsam mit Adelheid das neue Wahrzeichen unseres Gartens. Der Regen peitschte uns ins Gesicht, ich rief wichtige Befehle wie „3 Grad Steuerbord, hoch hoch, ein Schritt zurück, langsam kommen lassen!!“ und dann der große Moment. Ich drehte an der Kurbel und langsam entfaltete das Prachtstück seine mächtigen Schwingen. Da stand er nun, unser neuer Sonnenschirm. Dunkelgrün und mächtig wie eine alte Tanne.

Zitternd und bis auf die Haut durchnässt stand ich mit Heidi unter unserem neuen Schirmherren und nippte an einer Tasse mit heißem Tee. Selig lauschten wir dem Trommeln des Regens. Regentaufe bestanden, und vielleicht zeigt sich morgen ja sogar die Sonne.

Sonnleichnam

Es gibt Dinge auf der Welt, die geschehen zu einem, sagen wir recht ungünstigen Zeitpunkt. Eine Reifenpanne mitten im Niemandsland bei einem Wolkenbruch mit Hagel, die ersten Wehen von Montezumas Rache inmitten eines bedeutsamen Vortrages vor der Chefetage einer Fischkonservenfabrik, ein Stromausfall während des Fußball-WM-Finales Österreich – Deutschland beim Stand von 2:1 für Österreich. Sie kennen das. Unverhofft kommt oft, wie es der Volksmund nennt.

So geschah es auch am gestrigen katholischen Feiertag Fronleichnam. Wir hatten Schwiegermutter Inge und Heidis Schwester Babsi samt 13-jährigem Sohnemann Luki zu einer kleinen „Grillage“ geladen. Die Sonne brannte vom azurblauen Firmament, der Backofen lief vier Stunden bei 200° im Dauerbetrieb (Weichselkuchen, Maiskolben, Süßkartoffeln), und wir waren heilfroh, als wir unsere Köstlichkeiten endlich kredenzen konnten. Im Schatten unseres allumspannenden, altgedienten Sonnenschirms, dessen Rot durch die UV-Dauerbestrahlung schon ein wenig verblichen war, nahmen wir Platz und ließen uns das Beste von Schwein und Rind munden. Inge lobte die Moser´schen  Kochkünste in den wolkenlosen Himmel und fotografierte die Rippchen samt Ofenkartoffel mit hausgemachter Schnittlauchsauce aus allen Perspektiven. Sogar Luki, der Vitamine sonst nur von Salatblatt und Tomatenscheibe aus Hamburgern kennt, war von Heidis Sommersalat mit Wassermelone und Avocado begeistert.

Inmitten dieser idyllischen Szenerie ließ sich plötzlich ein unheilvolles Ächzen und Knarzen vernehmen. Wir blickten uns ratlos an, und ehe Inge noch einen Beruhigungsschluck von ihrem Virgin Caipirinha (alkoholfrei mit Ginger Ale) nehmen konnte, knickte unser mächtiger, roter Parasol (ital. für Sonnenschirm) in der Mitte um. Zum Glück wurde bei diesem Mastbruch niemand verletzt, doch nun baumelte das Sonnendach hilflos, nur von einer Schnur im Inneren des Rohres festgehalten, im warmen Juni-Lüftchen. Aufgeregtes Besteckgeklapper, alle sprangen auf, um Erste Hilfe zu leisten. Mit vereinten Kräften gelang es uns, den Schirm zuzuklappen und aus seiner Verankerung zu heben. Vorsichtig bettete ich den treuen Schattenspender mit Luki auf den frisch gemähten Rasen, und brachte ihn vorschriftsmäßig in die stabile Seitenlage. Nach eingehender Untersuchung diagnostizierte ich Exitus durch Genickbruch: „Wahrscheinlich Materialermüdung durch Klimawandel.“ Da war nichts mehr zu machen, selbst nicht mit Mund-zu-Mund-Beatmung. Traurig standen wir im Kreise um den Verblichenen, und ich war dafür, unseren treuen Gefährten an heißen Sommertagen standesgemäß gleich im Garten zu begraben. Da sich aber kein Freiwilliger fand, der ein 2,50 Meter langes Grab in unseren harten Wiesenboden schaufelt, frug ich die Trauergemeinde: „Möchte noch jemand ein paar letzte Worte über den Verstorbenen sagen?“ Luki wollte und sprach andächtig: „Du Opfer!“ Wir murmelten „Amen!“ und kehrten zurück an den Tisch, wo die Nachmittagssonne inzwischen unsere Steaks von Medium Rare zu Well done gegart hatte.

Chorizo

Nach längerem Auslandsaufenthalt dauert es bei Herrn Moser eine Weile, bis er sich punkto Sprache, Kultur und Essgewohnheiten wieder in der alten Heimat einfindet. Ich dachte mir also nicht viel dabei, als ich heute Morgen an die Wursttheke unseres örtlichen Supermarktes trat, und bei Frau Fachverkäuferin Sonja Heinisch meine Wünsche in Spanisch deponierte. In einer Woche Guatemala hatte ich mir doch einige Grundkenntnisse angeeignet, die mir wie selbstverständlich in Fleisch und Wurst übergegangen waren. „Hola, buenas dias Senora Heinisch! Quiero cien grammos de chorizo por favor! Pero muy fino.“ (Hallo, guten Tag Frau Heinisch! Ich hätte gerne 100 Gramm Chorizo bitte! Aber sehr dünn geschnitten.“) Gestatten Sie mir an dieser Stelle den Hinweis, dass man die würzige spanische Rohwurst mit Paprika und Knoblauch Tschoriso ausspricht, und nicht Schorizo – ein Fehler, der selbst gelernten Sterneköchen nicht auszutreiben ist.

„Guten Morgen Herr Moser!“ grüßte Frau Heinisch freundlich. „Warn´S auf Urlaub?“ „Wie kommen Sie darauf?“ „Na, weil´S so gut italienisch sprechen!“ „Es war weniger ein Urlaub, mehr ein Gipfeltreffen geschäftlicher Natur. In Guatemala. Und das war auch nicht italienisch, sondern spanisch.“ „Ui! Aber des Wetter war net schön, oder? Sie sind ja blass wie eh und je.“ „Ich war die meiste Zeit im Hotel. Mein Koffer ging verloren, und dann suchte mich Montezumas Rache heim.“ „Jessasmariaundjosef!“ zeigte die Wurstthekenfrau ehrliche Anteilnahme. „Der Montezuma??! Von dem hab i scho ghört. Für was hat sich der jetzt gerächt? Is der vom IS?“ „Nein, so nennt man eine Verdauungsirritation aufgrund außergewöhnlicher, hygienischer Umstände. 10 Deka Tschoriso bitte!“ deutete ich auf die schmackhafte Wurst, die rötlich und mit großen, weißen Fettstückchen in der Theke ein unbeachtetes Dasein fristete. „Ahh, Sie meinen die Schorizo!“ erkannte Frau Heinisch endlich mein Begehr. Wenn selbst eine gelernte Fleischerei- und Wurstfachverkäuferin die Chorizo nicht richtig auszusprechen vermag, ist wohl Hopfen und Malz verloren. Ich nickte: „Ja, bitte dünn aufschneiden.“

„Wollen´S die Wurscht in ein Gebäck rein?“ frug Frau Heinisch. „A frisches Tschiabatta hätt ma heute.“ Liebe Leute, lasst euch gesagt sein, dass man dieses herrliche Brot aus Italien richtigerweise Tschabatta – ganz ohne i!!! – ausspricht. Man sagt ja auch nicht Dschiovanni für Giovanni, sondern Dschovanni. Oder Tagliatelle, die Taljatelle gesprochen werden. Das i vor einem Vokal entfällt im Italienischen. Da ich mit der rührigen Verkäuferin keinen Lebensmittel-Fremdsprachenkurs anfangen wollte, ließ ich mir die Corizo in zwei Semmeln legen.

„An guadn Appetit und hasta la vista, Senjor Moser!“ verabschiedete mich die Thekenkraft und sprach das H bei hasta la vista tatsächlich hörbar aus, obwohl es ein stummes h ist. „Wiederschaun Frau Heinisch!“ Langsam fühle ich mich wieder zu Hause.

Alles zu viel!

Am Sonntag trat unsere Fischkonserven-Crew den Rückflug nach Wien an. Ach, was ich mich freute, diesem drückend-schwülen Guatemala endlich den Rücken kehren zu können und heimzukommen in unseren blühenden Reihenhausgarten zu Heidi. Meine Engelsgeduld wurde wieder mal auf eine harte Probe gestellt, denn Departure to Vienna: Delayed 2 hrs. stand da auf der Anzeigentafel. Weiß der Kuckuck, warum sich der Abflug um zwei Stunden verzögerte, aber es ist keine leichte Aufgabe, diese Zeitspanne auf einem zentralamerikanischen Flughafen totzuschlagen. Ich drehte ein paar Runden in der Abflughalle, dann glotzte ich in ein Schaufenster mit Ponchos und Strohhüten, und zündete mir eine Zigarette an. Schließlich lagen 16 rauchfreie Flugstunden vor mir, und meine Nikotinzellen wollten noch einmal tüchtig aufgeladen werden. Nach ein paar tiefen Inhalationen brummte es hinter mir: „Excuse me Sir! Senor?“ Als ich mich umdrehte, blickte ich auf den größten, fettesten Schnurrbart, der mir je unter die Augen gekommen war. Das schwarze Langhaar-Prachtstück verdeckte den halben Mund eines korpulenten Wachorgans: „No fumar! No smoking here, please!“ deutete er auf ein entsprechendes Verbotsschild. Ich stellte mich dumm, drehte mich um und verkündete: „No understand. Ich speake deutsch.“ Plötzlich stand Cerny neben mir und frug: „Probleme?“ „Ja, Sie haben doch Spanisch gelernt, Cerny. Bitte übersetzen Sie diesem Sicherheitskorporal folgendes: Ich, Herr Moser, lege hiermit im Namen der Genfer Menschenrechtskonvention Beschwerde wegen Verstoßes gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz ein. Alle Menschen sind gleich zu behandeln, unabhängig von Geschlecht, Religion, Haarfarbe und Sucht! Hier gibt es Geschäfte mir Handtaschen und Schuhen für die Kaufsüchtigen, Pubs mit Vino und Cerveza für die Trunksüchtigen, einen einarmigen Banditen für die Spielsüchtigen, und sogar großzügige, saubere WC-Anlagen für die Fixer und Schnupfer. Nur wir armen nikotinsüchtigen Raucher werden wieder mal diskriminiert und müssen unserer Sucht hochoffiziell entsagen. Das ist ungerecht und menschenunwürdig. Mir ist das alles zu viel! Übersetzen Sie!“ Der Schnauzer sah mich an wie einen Außerirdischen und Cerny übersetzte recht frei: „Este hombre es un poquito loco!“ („Dieser Mann ist ein wenig verrückt!“). Er zog mich sanft weg von dem Aufsichtsorgan: „Moser, in 90 Minuten sehen wir uns am Gate A15. Verhalte Sie sich ruhig. Hasta lluego!“

Ich flüchtete in den nächsten klimatisierten Duty Free Shop, um für meine Adelheid ein beschwingtes, zitroniges Sommerparfum zu erwerben. Etwas überfordert von dem riesigen Angebot verließ ich das Geschäft 20 Minuten später mit einer Flasche Limoncello und einer Kiste südamerikanischer Cigarillos. An Heidi schrieb ich: „Halte den Braten warm, sitze noch am Flughafen fest. 2 Stunden Verspätung. 32 Grad. Langsam wird mir das alles zu viel!“

Als wir nach einer endlosen Reise über den Atlantik endlich am Vienna International Airport landeten, war ich ein nervliches Wrack. Aber immerhin war mein Koffer diesmal mitgekommen. Ich wollte nur noch raus, in Heidis Arme. Doch ein Zollinspektor hatte etwas dagegen und pickte natürlich mich aus der Menge. Ob ich etwas zu verzollen hätte, was ich denn mitgebracht hätte aus Guatemala. „Zitronenlikör, Zigarren, einen bemalten Totenschädel und eine Vogelmaske aus Holz!“ schrie ich ihn wahrheitsgemäß an und zündete mir eine Zigarette an. Der Mann vom Zoll blieb ruhig und meinte: „Koffer auf, Zigarette aus. Bitte, danke!“ „Was wollen Sie?!! Sehe ich auch wie ein Drogenschmuggler? Ich bin in der Fischkonservenbranche!“ Nach zweimaliger Ermahnung hörte ich auf zu randalieren und murmelte erschöpft: „Mir wird das alles irgendwie zu viel…“

Zwei Stunden später saß ich mit Heidi auf der Terrasse unseres Reihenhäuschens, genoss einen Schweinsbraten mit Semmelknödel, und bewunderte die üppige Vegetation, die sich in nur einer Woche meiner Abwesenheit im Garten entfaltet hatte. Die Zucchini hatten Blätter so groß wie Sonnenschirme, die Tomaten rankten sich bereits bis auf Augenhöhe, und der Weichselbaum trug so viele Früchte, dass man davon Kuchen für drei SOS Kinderdörfer backen konnte. Es hatte 31° und war drückend schwül. „Magst du noch ein Stück?“ frug Heidi. „Nein, mir ist das alles zu viel…“