Lauter Fremde!

Wie der intime Kenner der Familie Moser längst weiß, sind meine Frau Adelheid und ich ein Herz und eine Seele. Wir verstehen uns quasi blind. Und taub. Und stumm. Über 20 Jahre Ehe unter einem Reihenhausdach haben uns zusammengeschweißt, unsere Herzen schlagen im verständnisvollen Gleichklang. Gut, bei der Wahl des abendlichen Fernsehprogramms (Actionthriller versus Quastenflosser-Doku) und bei Heidis Hang zur Überaktivität (Couch-Surfen versus Spaziergänge & Abstellraum entrümpeln) scheiden sich unsere sonst so verliebten Geister, doch keine Regel ohne Ausnahme. Bei der diesjährigen Bescherung unter der festlich in Rot und Gold geschmückten Nordmanntanne bestätigte sich die Moser´sche Verbundenheit auf eindrucksvolle Weise. Nachdem wir uns vielerlei Praktisches, Witziges, Wärmendes, Elektronisches und Unterhaltendes – mehr oder weniger liebevoll in buntes Geschenkpapier eingewickelt – begleitet von Küsschen und glänzenden Augen geschenkt hatten, waren noch zwei kleine Päckchen übrig. Eins für Heidi, eins für mich. Wie Form, Gewicht und Konsistenz vermuten ließen, ein Buch. Tja, dass man sich im Hause Moser gegenseitig ein Buch schenkt, mag noch nicht als das große Weihnachtswunder durchgehen. Dieses offenbarte sich erst, nachdem wir es ausgepackt hatten: Ohne es zu ahnen, ohne es vorher auch nur in einem winzigen Nebensatz angedeutet zu haben, beschenkten sich Herr und Frau Moser mit dem gleichen Buch. Ungläubig lachend hielten wir je ein Exemplar von „Lauter Fremde!“ in Händen. Und als wäre dies nicht Gag genug, hatten wir es beide nicht im Buchhandel gekauft, sondern bei der Autorin direkt erworben und mit persönlicher Widmung versehen lassen. Für Heidi – herzlichst Livia Klingl stand in ihrem Exemplar, Für Herrn Moser – herzlichst Livia Klingl in meinem. Bei dem Werk handelt es sich auch nicht um schnöde Belletristik, sondern um ein politisches Buch zur brisanten Flüchtlingsfrage und der vermeintlichen Überfremdung unseres Landes. Die mehrfach ausgezeichnete Journalistin und Buchautorin greift darin Vorurteile auf und analysiert in einfühlsamen Portraits, wie unterschiedlich Fremdheit wahrgenommen werden kann. Müßig zu erwähnen, dass meine Gattin und ich einen ähnlich humanistischen Standpunkt einnehmen wie Frau Klingl, der dem unserer rechten, fremdenfeindlichen Regierung diametral entgegengesetzt ist. Heidi und ich sind also nicht nur politisch auf einer Wellenlänge, wir haben auch ein treffsicheres Gespür für passende, literarische Geschenke.

Nachdem alle weihnachtlichen Besuche abgestattet und empfangen waren, ereilte Adelheid eine veritable Erkältung. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, der in Österreich zum Gedenken des ersten Märtyrers Stephanus gemeinhin Stefanitag genannt wird, lag sie röchelnd, mit gerötetem Rachen und tropfendem Nasenhahn darnieder. Ich verordnete dem armen Weib strenge Bettruhe, presste für sie ein gutes Dutzend Orangen aus und schlüpfte aus Solidarität zu ihr unter die Decke. So verbrachten wir den Vormittag des 26. Dezember gemeinsam im Bett und lasen gleichzeitig „Lauter Fremde!“, jeder in seinem eigenen, persönlich gewidmeten Exemplar. Nach dem Trubel der vergangenen Tage genossen wir die wahren Worte von Livia Klingl in trauter Stille, nur unterbrochen von herzzerreißenden Niesattacken meiner maroden Gattin. Als sich die Mittagsstunde näherte, mischte sich noch mein Magenknurren zum Husten und Schnäuzen der Bettnachbarin, und ich frug: „Was möchtest du essen, mein Liebling?“ „Ach, ich hab keinen großen Hunger. Wärme mir bitte nur eine Kleinigkeit auf, es ist von Weihnachten ja noch eine Menge übrig!“

In unserem Kühlschrank sah es aus wie nach einer Tupperware-Party. Heidi hatte alles, was noch irgendwie genieß- und verwertbar erschien, in hübsche Plastikdöschen mit bunten Deckeln oder in Alufolie gepackt. Die Stapel reichten vom unteren Gemüsefach bis nach oben zu Käse und Joghurt, und ich fühlte mich überfordert. Was zur Hölle verbarg sich in welcher Dose, konnte ich der kranken Frau eine fette Gänsekeule mit Tafelspitz und Reis zumuten? Oder doch lieber etwas Leichtes? Ein Tiramisu von Heilig Abend? Zaghaft lüpfte ich den grünen Deckel einer Plastikbox und erblickte einen laschen, panierten Kabeljau, der es gestern nicht mehr in unsere überfüllten Mägen geschafft hatte. Nein! Eine erkältete Adelheid verdiente wahrlich besseres und frischeres, und so nahm ich den Stapel mit Flyern der umliegenden Lieferdienste zur Hand. Nachdem ich mit zahlreichen Anrufbeantwortern heimischer Gasthäuser telefoniert hatte, die mich über ihre weihnachtliche Betriebssperre informierten, landete ich bei La Enzo. Enzo heißt eigentlich Akyüz und ist ein junger Türke, der seinem Imbiss aus marketingtechnischen Gründen einen italienischen Anstrich verpasst hat. Neben Döner Kebap zählen asiatische Nudelgerichte zu seinen Spezialitäten.

„Halüü megü san halal Enzo hier! Bon giorno“, klingt es nuschelnd aus dem Telefonhörer. „Frohe Weihnachten! Moser hier. Meine Frau ist krank und wir haben Hunger. Was empfehlen Sie?“ „Ohh, krass krank. Bleibt in Bett und trinkt Tee. Is besser.“ „Waaas?“ „Pfeffermünz. Is gut.“ „Ja, ich möchte Essen bestellen!“ „Holst du ab oder Liefer?“ Akyüz-Enzo schien nebenbei noch Pommes zu frittieren, denn in der Leitung zischte und prasselte es beängstigend. „Liefer! Heidi ist krank und kann nicht kommen.“ „Ohh, Scheiße.“ „Ja, eine Nudelbox mit Hühnerfleisch für Frau und ein Döner mit alles und scharf für mich!“ „Döner auch Hühner oder Lamm?“ „Huhn. Nudeln und Döner mit Hühner. Bitte.“ „Magst du kein Lamm? Isch gut! Früsch.“ „Ist das Huhn nicht früsch, ist alt?“ „Naaa Kollega! Bei Enzo immer ollas früsch. Adresse?“ „Hier spricht Herr Moser! Sie haben meine Adresse, Reihenhaussiedlung, Haus 39. Wie immer. Wie lange dauert es?“ „Aaaah, Herr Moser! Wie geht´s? Alles gut?“ „Nein, meine Frau ist krank. Wir haben Hunger. Wann kommt Essen?“ „Oh, arme Frau Moser! Kommt in halbe Stunde. Ollas früsch, gell?! Bon giorno!“ Tüüüt. Tüüüt. Tüüüt.

30 Minuten später klingelte Akyüz´ Bruder Ali, der sich eigentlich Federico nennt, an der Tür. Neben einer Riesenportion Asia-Nudeln und dem prall gefüllten Dönerbrot überreichte er mir noch eine eiskalte 0,5 l Flasche Coca Cola. „Gratis! Von Enzo. Mit schöne Gruß für kranke Frau Moser.“ Ich gab Ali-Federico ein großzügiges Trinkgeld und wünschte ihm und seiner Familie frohe Weihnachten. Lauter Fremde! Und was für welche.

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Das letzte Gefecht

Samstag Morgen, the Day before Christmas. Die liebe Heidi drückte mir eine dicht beschriebene A4-Seite in die Hand und meinte: „Beeil dich, es ist schon spät!“ Die Uhr zeigte 9:21. „Was ist das?“ „Der Einkaufszettel! Vergiss nichts und trödel nicht!“ Aha. Ich war also dazu bestimmt, die Nahrung für die kommenden Feiertage herbeizuschaffen. Aber gut, so ist das Leben. Der Mann geht auf die Jagd, die Frau hütet das Feuer. In unserem Fall bedeutete dies, Heidi reinigt die Dunstabzugshaube und das Backrohr, ich arbeite im Supermarkt die elendslange Liste ab. An einem Samstag vor Heilig Abend.

Im Lebensmittelmarkt unseres Vertrauens herrschte wie erwartet Krieg. Die Reihen der drahtigen Einkaufswagen waren bereits stark gelichtet, als ich kurz vor 10 beim Einkaufstempel eintraf. Beherzt schnappte ich mir gegen 1,- Euro Pfand einen der letzten verbliebenen, klapprigen Streitwagen und stürzte mich in die Schlacht. Vorsorglich hatte ich mir meine spitzesten Stiefel und jene nietenbesetzte Lederjacke angezogen, die ich normalerweise nur bei den seltenen Rockkonzerten meines Bruders Bertl anlege. Ich klappte das Visier  meines imaginären Kampfhelmes herunter und begab mich ohne Rücksicht auf Verluste in die Brotabteilung. Auf Position 1 des Einkaufszettels stand Baguette. Verbissen kämpfte ich mich vor bis zum Korbständer mit den französischen Stangenbroten, schnappte mir eines, rief „Touché!“ und galoppierte weiter zum Obst & Gemüse. Dass es ein Zwiebelbrot war, bemerkte ich erst als ein etwa dreijähriger Junge davon abbiss, während ich nach kernlosen Weintrauben suchte. Der Bub spuckte das Brot auf den Boden, rief „Bäääh, Zwiebel!“ und boxte seine Mama in den Wintermantel. Eine Rückkehr in die Brotabteilung erschien mir zu gefährlich, dort tobte inzwischen ein Krieg um die letzten Semmeln. Eine mutige Verkäuferin warf sich auf einen alten Fettwanst, der drauf und dran war, eine junge Frau mit einem Salzstangerl zu erstechen. Ich ignorierte die Hilfeschreie und schlug mich zur Milchabteilung durch. Mascarpone, Schlagobers, Kakao, Milch, Naturjoghurt, Sauerrahm, Eier, Schnittkäse lautete mein Marschbefehl und ich war zutiefst entschlossen, meinen Auftrag erfolgreich auszuführen. Zentimeter für Zentimeter kämpfte ich mich Richtung Kühlregal, als eine resolute Dame mit Wollhaube den Rechtsvorrang missachtete und mir mit Karacho in den Streitwagen preschte. Sie entschuldigte sich mit Hoppala! und wollte wissen, wo das Backpulver steht. Ich schickte sie ohne schlechtes Gewissen in den Gang mit Gewürzgurken, und schnappte mir triumphierend die letzte Packung Mascarpone, räumte 5 oder 6 Liter Milch und alles, was irgendwie nach Joghurt, Rahm und Schlagobers aussah, in den Wagen. Ich war gut unterwegs, der Wagen bereits dreiviertel gefüllt und ich hatte nur noch Weißwein, Sekt, Cola Zero und Tiefkühl-Pommes auf der Liste.

Vor dem Alkohol-Regal stritt ein Ehepaar darum, ob man sich an Heiligabend lieber mit Gin oder mit Wodka die Kante geben sollte; eine ältere gehbehinderte Dame räumte mit ihrem Krückstock die Aktions-Rotweine ab, ein robust wirkender Mann mit Vollbart im Gesicht und einer Palette Vollbier auf der Schulter hatte es offenbar eilig und kommentierte das Missgeschick mit „Geh schleich di!“. Die Supermarktradiosprecherin verkündete mit gefällig weicher Stimme, dass heute Damenbinden im Angebot seien und  sie uns weiterhin viel Spaß beim Einkaufen wünsche. Ich schnappte mir zwei Packungen Binden (2+1 gratis! Ein kleines Bonus-Weihnachtsgeschenk für Heidi konnte nicht schaden) und steuerte zur Kassa. Ein letzter Blick auf Heidis A4-Liste, nur so zur Sicherheit. Alles da. Mehr beiläufig als gewollt drehte ich den Zettel um und bemerkte, dass auch noch die halbe Rückseite beschrieben ist. Ich verspüre unweihnachtliche Gefühle und kämpfe mich gegen den Strom zurück in die Gemüseabteilung. Salatgurke, speckige Kartoffel, rote Zwiebeln. Na gut, ich bin der Mann und beschaffe die Nahrung.

Zu Hause räumte Adelheid, die inzwischen auf eine blank blitzende Küche verweisen konnte, die Einkäufe aus, während ich erschöpft und stolz auf die Verleihung des Shopping-Ordens 1. Klasse am goldenen Band pochte. „Und wo ist der Kabeljau?“ frug mein Eheweib leicht entsetzt. „Stand nicht auf der Liste!“ „Aber du weißt doch, dass ich den Weihnachtsfisch beim Fischhändler vorbestellt habe! Jetzt aber schnell, der sperrt zu Mittag!“ Die Uhr zeigt 11:45. Keine Minute später saß ich in unserem tomatenroten Flitzer. Während ich unserem Fischdealer mein letztes Bargeld in die Hand drückte, klingelte das Handy. Heidi. „Moser, beim Lotto gibt es einen 6-fach Jackpot, zum ersten Mal in Österreich! Geh, spiel doch einen Schein. Vielleicht haben wir Glück!“

Vor der Lotto-Annahmestelle hatte sich eine Schlange gebildet, die bis zur Bäckerei zurück reichte. Offenbar hatten mehrere Menschen die Idee, den Gabentisch durch die Glücksfee ein wenig auffetten zu lassen. Ich las die Tageszeitung inklusive Kleinanzeigen, kaufte mir in der Bäckerei eine Cremeschnitte und hoffte, dass der Fisch die Warterei unbeschadet überstehen würde. Nach knapp 30 Minuten drehte sich die Dame vor mir um und fragte: „Was machen Sie mit den vielen Millionen, falls Sie gewinnen?“ Ich antwortete ohne zu überlegen: „Ich leiste mir einen persönlichen Butler, der alle Weihnachtseinkäufe für mich erledigt!“

Haarsträubend

Wie es im Hause Moser althergebrachte Weihnachtstradition ist, lässt sich meine liebste Heidi vor den hohen Feiertagen die Haare machen. Wenige Tage vor dem Heiligen Abend verschwindet die brave Frau für gefühlte 6 oder 7 Stunden beim Coiffeur, um sich anschließend stolz im Kreise drehend und äußerlich nahezu unverändert  zu präsentieren: „Na? Was sagst du? Gefällt´s dir?“ Meist nicke ich anerkennend: „Super, wie immer!“ Adelheids dunkler Schopf wirkt zwar noch eine Spur schwärzer, die Haare um ein paar Millimeter kürzer und die gefönte Stirnlocke eine Kleinigkeit kecker, doch sonst bemerke ich nichts, das den stolzen Preis von 150,- Euro rechtfertigen würde. Um des lieben Weihnachtsfriedens willen darf ich ihr natürlich nicht verraten, dass ich das Preis-Leistungsverhältnis ihres Lieblings-Figaros für höchst unausgewogen halte. Also lobe ich den pfiffigen, modernen Stufenschnitt in höchsten Tönen, und bewundere die dezente rötliche Tönung, die besonders im Kerzenlicht ihre geheimnisvolle Wirkung entfaltet. Zärtlich schnuppernd streiche ich durch das Haar und tue so, als ob die 150,- Mäuse die beste Investition ihres Lebens waren: „Ooohh, mmmmhh, Vanille? Bratapfel mit Sternanis? Verführerisch dieses Shampoo! Ich rieche auch einen Hauch…. ähhh Sauerkraut??“ „Das ist unser Abendessen, Moser!“

Selbstverständlich schickt Heidi in der Adventszeit auch mich zum Friseur, damit ich neben der festlich geschmückten Tanne eine gute Figur mache, und auch bei mir merken nur die intimsten Kenner meiner Haartracht den kleinen, feinen Unterschied – doch bei mir dauert das Styling maximal 30 Minuten inklusive Kaffeetratsch mit Fräulein Manuela, und kostet wohlfeile 17,- Euro. Friseure sind ja ein höchst seltsames Völkchen, was sich nicht nur in der Preisgestaltung, sondern auch bei der kreativen Namensfindung bemerkbar macht. Erst gestern, als ich mir meinen diesjährigen Weihnachtsschnitt verpassen ließ, lobte ich meine Friseuse (oder Friseurin?) für den einfallslosen Namen ihres Ladens, der sich schlicht Die Haarprofis – Windsteig & Lahner OHG nennt. „Ich würde mich bei einem Haare Krishna niemals unter die Schere legen“, beschied ich Fräulein Manuela, die eben meine altersbedingt wuchernden Augenbrauen in Form brachte und kichernd erwiderte: „Ja, uns ist damals nichts originelleres eingefallen.“ „Gott sei Dank! Mit Haarbracadabra oder Sahaara hätten Sie mich niemals als treuen Kunden gewonnen. Von welchem wilden Affen sind Haarschneider gebissen, wenn sie ihren Salon Hair-Reinspaziert, Atmosfhair oder Liebhaarber nennen?!“ „Meine Freundin Katharina hat sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht und ihr Geschäft Cut-Haar-Ina genannt“, erzählte meine Friseurmeisterin kopfschüttelnd. „Ich fürchte, Ihre Zunft leidet am Zwang zur krankhaften Originalität“, bedauerte ich. „Selbst vor Anspielungen auf berühmte Filmtitel wird nicht halt gemacht, denken Sie an James Blond – License to cut oder Pony & Clyde.“ Manuela und Herrn Moser war diesbezüglich offenbar schon einiges untergekommen, denn wir spielten das Spiel im Ping-Pong-Modus bis zum finalen Ausrasieren des Nackens: Hair Berge – Kamm in – Chaarisma – Vier Haareszeiten – HairZstück – Vorhair, Nachhair – Hairport – Haarnarchie – Hair Gott – Komm Hair – Kamm 2 Cut – Haar? Genau! – Kopfsache – Über Kurz oder Lang – Haarmonie – Abschnitt – Ver-locke-nd – HaarCore – Schnittstelle oder Pasha´s Haare´m. Wie Sie sehen, kennt der vermeintlich kreative Schwachsinn keine Grenzen.

Daheim im Reihenhaus präsentierte ich Heidi meinen klassischen, geradlinigen Herrenhaarschnitt à la Haarprofis, drehte mein Abteilungsleiterköpfchen von links nach rechts und fischte mit einem fordernden „Na?“ nach Komplimenten. Heidi meinte bloß „Langweilig wie immer. Du könntest dir mal einen anderen Style zulegen. Etwas mehr Pepp und Schwung würde nicht schaden, ein bisschen Mut zur Kreativität!“

Mit dieser haarsträubenden Geschichte wünsche ich meiner treuen Leserschaft Hairy Christmas, eine hairliche Weihnachtszeit und Prosit Neuhaar!

Foto: fem.com

Jólabókaflóð

Bei Herrn Moser stehen die Dezembertage bis Weihnachten ganz im Zeichen der Adventkalender. Zu Beginn des täglichen Türchen-Marathons lüfte ich zwischen Schlafzimmer und Kaffeemaschine die geheimnisvollen Überraschungen unserer vier Kalender – ein Mini-Tütchen Chips aus dem Kelly´s Adventkalender, eine kleine Praline aus dem süßen Kalender eines Confiserie-Herstellers, eine selbstgebastelte Überraschung aus Heidis 24 Wundertütchen, und ein Bildchen im klassischen Kalender. Im Büro folgt noch vor dem ersten Kaffee Nummero 5, ehe ich mich an die diversen virtuellen Türchen und Fensterchen meiner lieben Bloggerfreunde mache. Wer auf sich hält, bietet seinen Lesern und Abonnenten in der Vorweihnachtszeit nämlich  einen Adventkalender an. Da gibt es Zitate aus Songtexten, witzige Bastelbögen, Filmtipps, geschmackvolle Keksrezepte, Gereimtes und Ungereimtes, Buchempfehlungen, tolle Fotos oder knifflige Rätsel. Es war 10:24, als ich heute auf meinem Smartphone das letzte Türchen öffnete und mit einem „Gefällt mir“ entsprechend würdigte. Erschöpft vom Kalendermarathon kippte ich die Lehne meines Bürodrehstuhls nach hinten, und im selben Augenblick schlossen sich meine Augen. Bin ich eine Puppe?

Vor meinem müden, geistigen Auge tanzten blühende Weihnachtssterne, Vanillekipferln und die aktuellen Buchneuerscheinungen in einer glitzernden Schneelandschaft zu „Jingle Bells“. Als Bücherwurm und Leseratte bin ich auch ein ambitionierter und engagierter Bücherschenker. Ich liebe es Bücher zu verschenken, und damit im Elektronik- und Gutscheinzeitalter ein bibliophiles Zeichen zu setzen. Ich bin ein häufiger und wohl gelittener Gast im On- und Offline-Buchhandel, stöbere mit Begeisterung in den Bücherbergen, und kann mich dabei in einen Thriller, in eine Biografie oder ein interessantes Sachbuch durchaus schockverlieben. Manchmal gerate ich in einen wahren Kaufrausch, sodass ich schon vermutete, im Grunde meines goldenen Wienerherzens eigentlich ein Isländer zu sein. Denn in und auf Island sind zur Weihnachtszeit drei Dinge omnipräsent: Bücher, Schnee und Schokolade. Alles begann vor etwa 75 Jahren: Im Zuge des Zweiten Weltkriegs wurde Island 1940 von den Alliierten besetzt, da der Inselstaat über kein eigenes Militär verfügte. Aus der grundsätzlichen Importnot, die in dieser Zeit vorherrschte, machte Island schnell eine Tugend: Man baute die heimische Buchproduktion aus. Wann immer ein Geschenk oder eine Freizeitbeschäftigung gesucht wurde, waren Bücher die Lösung. So arbeiteten 1950 beispielsweise zehn Prozent der Bevölkerung Reykjaviks in der Buchbranche.

Und auf genau diese Entwicklung geht die Jólabókaflóð, so der Name für die isländische Bücherflut zur Weihnachtszeit, zurück. Auch heutzutage schenkt man sich an Heiligabend nämlich vor allem Bücher … Bücher und Schokolade, um genau zu sein. Während der Nachmittag und der Abend noch ausgesprochen gesellig ablaufen, indem man gemeinsam isst und plaudert, wird nach der Bescherung und über Nacht ausschließlich gelesen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass der gesamte isländische Winter im Zeichen der Literatur steht: Fast alle Buch-Neuerscheinungen des Jahres werden zwischen dem frühen Oktober und Mitte November publiziert – und um eine entsprechende Übersicht zu bieten, druckt der Staat alljährlich einen Bücherkatalog, den Bókatíðindi, der alle Novitäten vorstellt. Das Besondere: Dieser Katalog wird kostenlos an sämtliche Haushalte des Landes verschickt! Ich finde dies sehr sympathisch und sinnvoll.

Leider hat das Bücherschenken bei Herrn Moser einen entscheidenden Nachteil: Die Beschenkten kommen nur in den seltensten Fällen in den Genuss der liebevoll ausgesuchten Werke. Ich kann nämlich meine Neugier nicht zügeln, und lese mich bereits vorab in die gedruckten Weihnachtsgaben ein. Sobald mich das Gelesene einigermaßen fesselt, verspüre ich auch den Wunsch, das Buch zu besitzen, sodass die frischerworbene Literatur häufig in meinem Bücherregal anstatt unter dem Weihnachtsbaum landet.

Langsam erwachte ich wieder aus meinen Bücherträumereien, kippte mit der Bürostuhllehne nach vorne, sodass sich meine Augen automatisch öffneten (Ich bin doch eine Puppe!). Mein Blick fiel auf Cerny. Sollte ich dem ungeliebten Kollegen zu Weihnachten auch etwas schenken?? Warum nicht. Der neue Roman von Joachim Meyerhoff „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ würde mich interessieren. Soll ziemlich gut sein. Ich bin schon gespannt.

Klobrille, Drache & Sanddorn

Mein liebes Weib ist stets um ein heimeliges Ambiente bemüht, mit glänzenden Augen und voller Hingabe hat sie unser Wohnzimmer zu einer Kapelle der vorweihnachtlichen Besinnlichkeit dekoriert. Goldene Tannenzapfen, silbernes Reisig, tönerne Engel und Kerzen in allen Größen und Farbschattierungen künden von der nahenden Ankunft des Jesuskindes. Es duftet nach Wald, Honig und Zimt, unserem Reihenhaus strömt die Adventsidylle aus allen Poren. Als Perfektionistin achtet Heidi auf jedes noch so kleine Detail. Dazu gehören auch die beiden Klobrillen im Bad und auf der erdgeschossigen Gästetoilette, die in ihren gestrengen Augen nicht mehr den gebotenen hygienischen Standards entsprechen. Also brachte sie letzte Woche zwei nagelneue, anthrazitfarbene WC-Sitze aus dem Baumarkt mit und erteilte mir den Auftrag, diese möglichst zeitnah zu montieren.

Am Samstagmorgen – vor uns lag ein vermeintlich entspanntes, ruhiges Wochenende mit Kerzenduft, Lebkuchen und nostalgischen Fernsehfilmen – urgierte Heidi in mahnendem Tonfall die Montage der Klobrillen. Ich war etwas genervt und gab unwirsch zurück: „Heidi, ich hab dir doch schon gestern gesagt, dass ich das morgen mache! Ich möchte jetzt in Ruhe Der kleine Lord sehen.“ Meine Frau konterte mit „Aber heute ist morgen!“ Beruhigend tätschelte ich ihr das rabenschwarze Haar: „Jaja Heidilein, heute ist morgen. Und gestern ist heute. Du bist erschöpft vom Dekorieren, leg dich ein wenig hin und komm zurück in die Zukunft. Das wird schon wieder.“ Doch so leicht lässt sich eine Adelheid Moser nicht ins Bockshorn jagen, und sie stellte mich vor die Wahl „Entweder du montierst heute die neuen WC-Brillen, oder wir fahren mit meiner Mutter auf den Adventmarkt in Grafenegg!“

So kam es, dass wir gestern Schwiegermama Inge in den tomatenroten Spanier luden und bei klirrendem Frost und Hochnebel etwa eine Stunde nach Grafenegg in Niederösterreich fuhren. Der dortige Christkindelmarkt genießt einen ausgezeichneten Ruf, weit über die Grenzen der kleinen Gemeinde hinaus. Ein mittelalterliches Schloss und seine umliegenden Gärten sind Schauplatz des Weihnachtsspektakels, für das man sogar Eintritt zahlen muss, um in den Genuss von Glühwein und Spiralkartoffeln zu kommen. Der Markt hat auch nur an vier Tagen im Jahr (!!) geöffnet, und entsprechend groß ist der Andrang. Als wir um 14 Uhr eintrafen, war der gewaltige Parkplatz in Disneyland-Dimensionen bereits so gut wie voll und uns wurde von einem freiwilligen Helfer der Feuerwehr Grafenegg ein Stellplatz im letzten Abschnitt W zugewiesen. Dies bedeutet schon mal 15 Minuten Fußmarsch bis zum Eingang; eine Viertelstunde durch eisigen Wind und über morastigen Boden, ehe wir uns in die 30 Meter lange Menschenschlange an der Kasse einreihen durften. Plötzlich erschien mir der Tausch von Klodeckeln in unserem kuschelig warmen Heim wie eine unerreichbare Verlockung, ein Traum aus Zuckerwatte.

Neidlos muss ich anerkennen, dass der Weihnachtsmarkt in Grafenegg tatsächlich zu den Schönsten seiner Art gehört. In hunderten kleinen Holzhütten wird nur Handwerk vom Feinsten angeboten. Kein billiger Plastiktand, nur Teures und Originelles aus allen Materialien dieser Welt. Handgemacht von österreichischen Handwerksbetrieben, nicht von armen Kindersklaven in Fernost. Sehr löblich. Nachdem wir uns an in frischem Schmalz gebackenen Bauernkrapfen und heißem Flower-Power-Punsch gelabt hatten, interessierte ich mich berufsbedingt für einen Waldviertler Betrieb, der Geldbörsen, Täschchen und Gürtel aus feinstem Fischleder anbot. Dezent wies ich Heidi mehrmals darauf hin, dass eine Brieftasche aus bestem Karpfenleder dem Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik gar trefflich zu Gesicht stehen würde. Schließlich nahe Weihnachten und falls sie noch auf der Suche nach einem passenden Geschenk sei… Doch Heidi ignorierte meine Empfehlungen und kaufte einen kleinen grünen Drachen, aus dessen Nüstern Rauch einer Weihrauchpyramide drang. „Urliiiiieeb!“ Gottlob nicht für mich, sondern für unseren weihnachtlichen Adventsschrein am Esstisch. So streunten wir durch das weitläufige Areal, und alle 10 Meter erhielten die Tragetaschen von  Schwiegermama Inge und Heidi neuen Zuwachs. So süüüüß! Herzig! Ich spürte inzwischen meine Zehen nicht mehr, und kaufte bei einer Kärntner Filzwalkerei ein paar handgeklöppelte Einlagen für meine Stiefel. Ich ließ mich auf einen Stapel Lammfelle fallen und versuchte, meinen durch dicke Pullover und Daunenjacke unförmigen Körper in eine Position zu bringen, die es mir erlaubte, die Filzeinlagen in die kalten Lederschuhe zu schieben. Während ich fluchend auf den Fellen herumkullerte und dabei einen Ständer mit Wollhauben niederriss, dokumentierte Heidis Mama Inge lachend das unwürdige Schauspiel mit ihrem Smartphone für die Nachwelt.

Zu Hause stellten wir die Flasche Sanddornsirup neben die ungeöffnete Flasche aus dem Vorjahr, die Sanddorn-Gummibärchen landeten in der übervollen Lade mit ungeliebten Naschereien gleich neben den Lakritzschnecken, das kleine handgeschnitzte Zebra neben dem Elefanten aus dem Jahr 2016, der Weihrauch-Drache am Tischaltar neben der handgeschöpften Bienenwachskerze, die Tüte mit bunten Kartoffelchips in einer mundgeblasenen Glasschale aus dem Kaunertal, ein Strauß Mistelzweige über dem Eingang zur Küche, der Eierlikör im Alkoholschränkchen, das Notizbuch aus Schweinsleder mit den Initialien HM in der Schreibtischlade, und die Bio-Zitronenmelisse-Lavendel-Seife im Badezimmerspiegelschrank hinter der unangetasteten Bio-Schneeglöckchen-Enzian-Seife aus dem Jahr 2015. Alles in allem ein überaus erfolgreicher Einkaufsamstag. Laut aktuellem Kontostand haben wir nun alle Weihnachtsgeschenke bis 2023.

Jetzt müssen Sie mich entschuldigen, ich habe eine äußerst wichtige Montage von zwei Klobrillen auf meiner To-Do-Liste. Obwohl ich Heidi schon gestern gesagt habe, dass ich das morgen erledige.

The Time Warp

Wir leben ja in einer Zeit der Superlative. Es reicht längst nicht mehr, etwas einfach nur „gut“ zu finden –  alles ist gleich super, geil, urcool und mega. Ein Wiener Schnitzel im Restaurant, das nicht verbrannt und zäh auf den Tisch kommt, sondern dem EU-Bräunungsrasterstandard entsprechend und konsistenzmäßig akzeptabel serviert, wird sofort mit „Hammer!“ in den Geschmackshimmel gelobt. Auch der nur durchschnittlich begabte Sangeskandidat, der bei einer Castingshow auf Karaoke-Niveau die Töne trifft, erntet gern martialische Beurteilungen wie Bombe und Granate! Wir übertreiben gerne, um uns selbst das Gefühl zu geben, bei etwas Außergewöhnlichem dabei gewesen zu sein. Durchschnittliche Normalität ist nicht gut genug, ist eigentlich schon zu schlecht, um erwähnt zu werden. Darum steigern wir es bis zum geht nicht mehr und erheben jeden Furz zum Meisterwerk. Wer Fragen wie „Wie schmeckt es dir?“, „Wie gefällt es dir?“ und „Wie findest du es?“ mit einem simplen „gut“ oder „schön“ beantwortet, gilt heutzutage schon als harscher Kritiker. Egal, ob das es ein Apfelstrudel, ein neuer Song oder eine Handtasche ist. Alles unter supergeil, porno oder giga ist bääähh.

Und wenn alle Superlative nicht mehr ausreichen, erheben wir es bzw. die Medien zum Kult. Und auch mit dem Prädikat Kult, mit diesem Erheben in den Alltags-Olymp, gehen wir mittlerweile alles andere als sparsam um. Inflationär wird jedes Lied, das drei Mal täglich im Radio ertönt, zum Kult-Hit gestempelt; eine stinknormale Fernsehserie nach der dritten Wiederholung als Kult-Serie geadelt und eine x-beliebige Koffein-Brause zum neuen Kult-Drink hochgepusht. Mich persönlich nervt dieser Kult um den Kult, der in den meisten Fällen unverdient ist und rein marketingtechnische Ursachen hat. Kult sells. Obwohl Kult vor allem als Bezeichnung für religiöse oder spirituelle Praxis benutzt wird, ist die Bedeutung in der Alltagssprache weiter gefasst und schließt auch andere Arten von ritualisierten Handlungen ein. Dabei wird ein Kult durch drei Aspekte bestimmt: ein Kultobjekt, eine den Kult ausführende Personengruppe sowie eine Anzahl mehr oder weniger ritualisierter Kulthandlungen.

Am gestrigen Samstag besuchte ich mit Heidi ein Musical, das verdienterweise mit dem Zusatz Kult geehrt wird: The Rocky Horror Show. Dieses Meisterwerk Richard O´Briens gastiert derzeit im Wiener Museumsquartier, und wir wollten uns dieses Kultspektakel nicht entgehen lassen. Es feierte im Sommer 1973 in London seine Uraufführung vor rund 70 zahlenden Besuchern und entwickelte sich binnen kürzester Zeit vom Insider-Tipp zum Kassenschlager. Zwei Jahre später wurde das flippige Stück rund um den exzentrischen Außerirdischen Dr. Frank N´Furter vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transylvania mit Tim Curry verfilmt (The Rocky Horror Picture Show) und brach an den Kinokassen alle Rekorde. Sowohl in den Theater- als auch Kinoaufführungen neigt das Publikum bis heute dazu, enthusiastisch und aktiv an der Handlung teilzunehmen. Verkleidungen der Zuschauer, Utensilien wie Wasserpistolen, Konfetti, Leuchtstäbe und Klopapier-Rollen sowie das Mitsingen und Mittanzen, vor allem beim Song „Time Warp“ in den Sitzreihen sind Teil des Spektakels.

Heidi und ich haben zwar den Film unzählige Male gesehen, waren jedoch noch nie bei einer Live-Aufführung. Bis gestern. Und ich darf Ihnen versichern: DAS ist Kult! Natürlich war es ein teilweise recht belustigender Anblick, wenn dickbäuchige, grell geschminkte Buchhalter und biedere Wurstfachverkäuferinnen in schwarzen Strapsen auf den Klappsitzen tanzen und „Sweet Transvestite“ in schönstem Wiener Englisch mitgrölen, doch das war egal. Denn die Zuschauer in der ausverkauften Halle einte der Rocky-Horror-Spirit – das Gefühl, Teil einer großen Familie zu sein, die zusammenkommt, um ihre Helden zu zelebrieren. Auch Heidi und ich haben uns verkleidet und waren in die Rolle des frischverlobten, biederen Paares Brad Majors und Janet Weiss geschlüpft. Ich trug meinen besten, knitterfreien Freizeitanzug samt Nerd-Brille und warf bei der Hochzeitsszene zu Beginn laut singend Konfetti ins Publikum; Heidi trug ein knallrotes, spitzes Papphütchen zu ihrem taubengrauen Kostüm und schwenkte begeistert zwei grüne Leuchtstäbe („There´s a Light“).

Meine geliebte Frau und ich waren restlos begeistert. Die Musik war zeitlos und bombastisch arrangiert, die Darsteller überzeugend und Sky du Mont gab einen ironisch souveränen Erzähler. Nach der Vorstellung gönnten wir uns bei einem der zahlreichen Weihnachtsstände im Hof des Museumsquartiers noch einen low-carb Bio-Orangenpunsch. Den Time Warp grölend zog eine Schar verkleideter Fans an uns vorüber. „Wie hat es dir gefallen?“ frug Heidi und blies in den glühend heißen Punsch. „Mega cool!“ antwortete ich ohne zu überlegen. „Gut“ oder „schön“ hätte in diesem Fall wirklich nicht gereicht. The Rocky Horror Show ist einfach Kult. Aber sowas von.

Leise rieselt der Schnee

Ich werde nicht müde zu betonen, wie sehr ich meine Heimatstadt Wien schätze und verehre. Die Millionenmetropole hat sich vom einst grauen Mäuschen der 70er Jahre zu einem wunderschönen, immer wieder gerne sterbenden Schwan gewandelt. Eine imposante Architektur, griesgrämige und oft todessehnsüchtige Bewohner mit goldenem Herzen sowie ein unvergleichlich vielfältiges Kulturangebot bilden die Kulisse für Fiaker, Sachertorte und Walzerseligkeit. Außerdem dürfen wir uns glücklich schätzen, in einer der sichersten Städte der Welt zu wohnen. Wir sind auf Katastrophen aller Art vorbereitet: Kaiserschmarren-Knappheit, Wein-Ebbe, Flüchtlingsüberschwemmungen, Preisexplosionen, unterirdische Vulkanausbrüche, politische Erdbeben und geistige Dürre. Nichts kann uns etwas anhaben. Aber bei drei Millimeter Neuschnee bricht auf den Straßen ein Chaos aus, das selbst bei einem Atomerstschlag von Nordkoreas dickem Superburschi nicht größer sein könnte. Und heute früh waren es nicht drei Millimeter, sondern sage und schreibe drei Zentimeter. Ich hab es auf unseren Gartenmöbeln nachgemessen.

Bei dichtem Schneetreiben befreite ich heute Morgen, bewaffnet mit einem kleinen Plastikschneebesen und Enteisungsspray, unseren tomatenroten Spanier von seinem kecken Schneehäubchen. Tief versunken in winterliche Gedanken erschreckte mich plötzlich ein lautes „Allzeit bereit! Guten Morgen, Herr Nachbar!“ Unser selbsternannter Siedlungsblockwart und Wächter über Gut und Böse, der Polizist i.R. Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm, stand in militärischer Arktisausrüstung inkl. Schneebrille und mit geschulterter Profi-Schneeschaufel hinter mir. Ich knurrte ein knappes „Morgen“ und widmete mich wieder meinen Ausgrabungsarbeiten. Herr Weinwurm hat nämlich gestern um 17 Uhr, beim ersten einsetzenden Schneefall, seine Zig-Tausend-Watt-Weihnachtsbeleuchtung offiziell in Betrieb genommen. Der pensionierte Freund und Helfer hat ja den Ehrgeiz entwickelt, sein Reihenhaus jedes Jahr in noch hellerem Glanz erstrahlen zu lassen. Diesmal hat er, neben den üblichen überlebensgroßen Weihnachtsmännern, Rentieren, Schlitten und Sternen, den Zaun rund um sein rechteckiges, sonst eher schmuckloses Rasengrundstück mit einer grellweiß kalt leuchtenden Lichterkette umkränzt, sodass der Eindruck eines kleinen Eislaufplatzes entsteht. Diese Optik wird noch durch festliche Beschallung über drei kleine Lautsprecherboxen verstärkt. Gestern spielte „Rotkäppchen“ zur Eröffnung I wish I were an Angel von der Kelly Family in Dauerschleife, was nach dem fünften Durchlauf einen epileptischen Anfall bei mir auslöste. Mit Schaum vor dem Mund stürzte ich in den Garten und schrie: „Ich erfülle dir gleich deinen Wunsch, Weinwurm! Gleich bist ein Engerl!!!“ Ich war gerade dabei, aus den ersten feuchten Flocken einen Schneeball zu formen, um dem Nachbarn seine dämliche rote Baseballkappe vom Kopf zu feuern, als mich Heidi eben noch rechtzeitig ins Haus zurückzerrte. Also durfte sich Weinwurm heute Morgen keine allzu großen Freundlichkeiten von mir erwarten.

Auf der Autobahn hielten wie erwartet die Freunde der Sommerreifen ihre alljährliche Hauptversammlung ab, standen um ihre verbeulten Karren und beschimpften sich wüst. Ich lächelte und lauschte den endlosen Verkehrsnachrichten im Autoradio, die heute weder durch Musik, noch durch Werbung unterbrochen wurden. Während ich gelassen den Slalom durch Pannendreiecke, umgekippte LKW, Blaulichter und feststeckende Sportwagen absolvierte, bemerkte ich einen neuen Trend: Zahlreiche Autofahrer bretterten mit überhöhter Geschwindigkeit über die Stadtautobahn, nutzten aber dazu parallel auch noch die schneefreie Datenautobahn. Mit ihren Smartphones filmten und fotografierten sie das dichte Schneetreiben und jedes verunfallte Fahrzeug auf und neben der Fahrbahn, um es später auf Instagram und Facebook mit klugen Kommentaren versehen zu posten („Haha! I bims! Wieder so 1 Nullchecker. Mit Sommerreifen und viel zu schnell. A22 Abfahrt Strebersdorf.“)

Dank meiner umsichtigen Fahrweise kam ich unfallfrei und mit nur 20 Minuten Verspätung ins Büro, mein Kollege Dr. Jonas Cerny brachte es auf fast eine Stunde Delay. Ich war bereits in eine komplizierte Excel-Tabelle vertieft und bei meiner zweiten Tasse Kaffee, als der durchgefrorene Cerny an meinen Schreibtisch trat und mir sein Handy unter die Nase hielt. Auf einem etwas unscharfen Foto war ein dunkelblauer Toyota auf schneeglatter Fahrbahn zu sehen, der sich in die Leitplanke gebohrt hatte. „Nicht zu fassen, Moser! Alle Jahre wieder lassen sich diese Idioten vom ersten Schnee überraschen! Unglaublich, nicht?!“ „Ja, posten Sie es gleich auf Instagram, um Ihre Freunde außerhalb der Wiener Krisenregion live mit Bildern dieses Jahrhundertereignisses zu versorgen!“ „Klar, mach ich!“

Liebe Freunde, ich habe diesen Tag voller Irrsinn überstanden und sitze nun in unserem kuschelig-warmen Reihenhäuschen, während draußen der erste Schnee des Jahres schon wieder taut. Die Weihnachtsbeleuchtung der Weinwurms erleuchtet unser Wohnzimmer taghell, und während ich hier über Schnee und Vorweihnachtszeit schreibe, ertappe ich mich dabei, wie ich I wish I were an Angel fehlerfrei mitsinge. Naja was soll´s, schließlich gehört die Kelly Family inzwischen fast schon zur Familie Moser.

Green Christmas

Die vergangenen Novembertage waren frostig, windig und von ungemütlichen Regenschauern durchsetzt. Heute jedoch keine Spur mehr vom grieseligen Schnupfenwetter, ein Hochdruckgebiet lässt den Himmel über Wien azurblau erstrahlen. Die dicke, rote Daunenjacke blieb im Schrank und als ich morgens unser Reihenhäuschen verließ, fuhr mir ein föhniger Frühlingswind neckisch durch die gescheitelte Frisur. Während ich an den letzten Tagen in der Früh eine Eisschicht von der  Windschutzscheibe unseres tomatenroten Spaniers kratzen musste, war es heute im Wageninneren durch die Morgensonne bereits heimelig warm. Ich kurbelte das Fenster runter, und auf der Fahrt zur Fischkonservenfabrik schlackerten meine Abteilungsleiterohren vergnügt im lauen Fahrtwind. Erstmals in diesem Jahr fühlte ich so etwas wie Weihnachtsstimmung aufkommen. Ich meine natürlich nicht das bitterkalte Weihnachten meiner Kindheit, wo der kleine Moserbub bis zur Nasenspitze im Schnee versank sobald er vor die Haustür trat. Nein, ich meine das neue Weihnachten der 2000er Jahre, das grüne klimaerwärmte Weihnachten. Seit Jahren stehen wir Flachländler ja kurzärmelig um den Christbaum, während draußen die Schneeglöckchen blühen und die Blaumeisen ein Sonnenbad nehmen. Heute ist so ein Tag, und ich bedauerte fast, dass der Radiosender meiner Wahl während der 30-minütigen sonnenbeschienenen Fahrt zum Arbeitsplatz kein einziges Mal „Last Christmas“ über den Äther jagte.

Um auch ein wenig vorweihnachtliche Stimmung in unsere eher tristen Büroräumlichkeiten zu bringen, stoppte ich unterwegs bei einem Papierfachgeschäft und erstand einen schönen, altmodischen Adventkalender. So einen wie aus meiner Kindheit, der nur mit kleinen bunten Bildchen hinter dem nummerierten Fenster überrascht. Keine Süßigkeiten, kein Naschwerk, kein billiges Plastikspielzeug, nur Bildchen von Tannenzweigen, Kerzen, Teddybären und Engeln. Nächste Woche am Freitag ist der 1. Dezember und ich freue mich schon wie ein kleines Kind auf das Öffnen des ersten Türchens.

Im Büro öffnete ich erst mal alle Fenster und ließ die warme, sonnige Vorweihnachtsluft einströmen. Ich krempelte meine Hemdsärmel hoch, schnappte mir ein Päckchen Reißnägel und heftete den Adventkalender neben dem Kühlschrank an die Wand, als Cerny eintraf. Er trug erstmals seit Wochen wieder sein floral gemustertes Hawaii-Hemd und schnaufte: „A Wahnsinn, des Wetter! Da kriegt man ja an Herzkaschperl. Wie soll da a Weihnachtsstimmung aufkommen?!“ Schweigend wies ich mit meiner Rechten auf den eben installierten Adventkalender, der die berühmte Krippenszene und die Ankunft der Heiligen drei Könige zeigte. „Ho ho ho!“ äffte Cerny spöttisch den Ruf des amerikanischen Santa Claus nach. „Wo haben Sie denn diese verstaubte Antiquität ausgegraben, Moser?“ Mein gefühlloser Kollege streckte seine Griffel nach dem hübschen Kalender aus und öffnete das nächstbeste Türchen. Nummer 7. Es zeigte eine kleine Spielzeugtrommel. Cerny schüttelte den Kopf: „Net amoi a Schoklad is da drin!“

Ich rückte meinen Drehstuhl ans geöffnete Fenster, lehnte mich zurück und pfiff das Lied von Frosty, dem Schneemann. Meine Weihnachtsstimmung lasse ich mir nicht kaputt machen, von Cerny schon gar nicht.

Wiener Charme

Dass ich über eine Vielzahl an Gaben und Talenten verfüge, wird für den regelmäßigen Leser dieses Blogs keine Überraschung sein. Heute darf ich Sie in ein kleines Geheimnis einweihen, das ich bisher nicht an die große Glocke gehängt habe: Ich bin ein Touristenmagnet. Nicht, dass die kulturinteressierte Masse der Pauschalurlauber nach Wien pilgert, um Herrn Moser zu bestaunen und abzulichten wie den Stephansdom oder das Riesenrad. Nein, ich ziehe Touristen wie durch ein Wunder an, wenn sie verloren und verwirrt umherirren auf der Suche nach dem nächsten MacDonalds, der U-Bahn oder dem Schloss Schönbrunn. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass die Fremden in unserer Stadt ausgerechnet mich aus der Masse der Einheimischen herauspicken, um auf den rechten Weg zu finden. Ich vermute, es liegt an meinem weltmännisch-einheimischen Blick oder an meinem mürrischen Lächeln, das Offenheit und Wiener Charme ausstrahlt. Natürlich rutscht mir an einem schlechtgelaunten Tag auch mal ein kläffendes „Schleich di!“ raus, wenn ich nach dem Stephansdom gefragt werde. Doch im Großen und Ganzen bin ich die Hilfsbereitschaft in Person, quasi das fleischgewordene Goldene Wienerherz.

Nun musste ich dem Bericht einer großen österreichischen Tageszeitung entnehmen,  dass mein geliebtes Wien laut einer aktuellen Umfrage knapp hinter Paris die zweitunfreundlichste Stadt der Welt ist. Fast 40% der Befragten bezeichneten die Wiener als unfreundlich gegenüber Besuchern aus dem Ausland, der Durchschnitt der anderen Städte läge bei 17%. Ich war in den Grundfesten meiner Fremdenfreundlichkeit erschüttert. Sind meine Landsleute tatsächlich solch unwirsche, grantige Zeitgenossen? Ich fasste den Entschluss, meine Heimatstadt in diesem unseligen Negativ-Ranking nach hinten zu pushen. Ich würde alles geben, damit wir bei dem Umfrage 2018 höchstens noch im Mittelfeld der unfreundlichsten Städte zu finden sind. Denn wer wenn nicht ich, der Touristenmagnet, könnte diesen Trend umkehren! Ohne meine Hilfe und professionelle Freundlichkeit würde Wien in wenigen Jahren in der touristischen Bedeutungslosigkeit versinken; Kaiserin Sisi und die Lipizzaner würden keine Touristen mehr hinter dem Ofen hervorlocken, wenn wir sie mit ablehnender Mieselsüchtelei vergraulen. Ich sah mich bereits, mit der Silbernen Ehrennadel des Österreichischen Tourismusverbandes ausgezeichnet, in den Abendnachrichten als Retter des Abendlandes gefällige Interviews geben.

Am Freitagmorgen war die erste Gelegenheit gekommen, die desaströse Umfrage Lüge zu strafen. Da meine brave Gemahlin unseren tomatenroten Spanier in die Werkstatt brachte, um ihn winterfest machen zu lassen, war ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Mit eingezogenen Schultern und aufgestelltem Kragen gegen den bitterkalten Wind huschte ich über den Vorplatz des Bahnhofes, um die Schnellbahn Richtung Fischkonservenfabrik rechtzeitig zu erreichen. Plötzlich bemerkte ich, wie auf zwei Uhr eine resolute Dame mit blonder Dauerwelle zielstrebig auf mich zusteuerte, ausgerechnet mich aus der wogenden Menschenmasse herauspickte und mich mit den Worten „Verzeihnse ma, welche Bahn fährt denn hier zum Krist Kindel Markt am Rathausplatz?“ ansprach. „Guten Tag, verehrte gnädige Frau, herzlich Willkommen in der schönen Wienerstadt!“ lächelte ich mein sympathisches Freitagmorgen-Lächeln, ergriff ihre wollbehandschuhte Hand und deutete einen Handkuss an. Erschrocken zuckte sie zurück. „Keine Angst Gnädigste!“ beruhigte ich die Fremde. „Ich gehöre zu den freundlichen Wienern. Möge sich Ihr Aufenthalt in unserer reizenden, kleinen Millionenstadt so angenehm wie möglich gestalten. Sie kommen aus Deutschland, wie ich ihrem entzückenden Dialekt entnehme? Ich vermute mal vom Niederrhein.“ „Kai-Uweeee!“ rief die verdutzte Touristin in das gesichtslose Menschenmeer, und kurz darauf  eilte ein untersetzter Glatzkopf herbei und baute sich neben der blonden Dauerwelle auf: „Watn los, Hedwich? Will dir der Kumpel da an die Wäsche?“ deutete er auf mich. „Nein, nein! Häschdäg Notme!“ parierte ich den Vorwurf elegant und zeitgemäß. „Ihre liebe Gattin frug nach der schnellsten Verbindung zum Christkindlmarkt am Rathausplatz. Und wir kamen ein wenig ins Plaudern. Mein Name ist übrigens Moser.“ Ich reichte dem Herrn vom Niederrhein die Hand, der sie wohl automatisch ergriff und so etwas wie „Krawutke“ murmelte. Der Wind pfiff uns eisig um die Ohren und sanft bugsierte ich das deutsche Ehepaar in das gleich neben dem Bahnhofseingang gelegene Cafe Moni. Im Halbdunkel blinkte ein Spielautomat und versprach Sofortgewinne, an der Bar saßen ein paar verlorene Seelen bei Rotwein und Cognac. „Das ist eines ihrer berühmten Wiener Kaffeehäuser?“ frug Hedwig erstaunt und betonte den Kaffee norddeutsch auf der ersten Silbe: KAFFe. Ich korrigierte bereitwillig ihre falsche Aussprache („Kaffeeeee“)  und bestellte bei der verschlafen wirkenden Kellnerin drei Melange. „Nun, hier handelt es sich eher um eine Bahnhofspelunke. Die namhaften Etablissements finden Sie in der Innenstadt, beispielsweise das Cafe Landtmann, gleich gegenüber vom Christkindlmarkt neben dem Burgtheater“, erläuterte ich hilfsbereit. „Was führt Sie in unsere schöne Stadt?“

Es entwickelte sich ein völkerverbindendes Gespräch, in dem ich sehr viel über Düsseldorf und den Dackel der Krawutkes erfuhr, und meinerseits über die Geschichte des Christkindlmarktes und die Vorzüge der fischlosen Fischkonserven referierte. Zum Abschied geleitete ich die deutschen Besucher noch zur U-Bahn, die sie sicher zum Rathaus bringen sollte. Ich herzte Kai-Uwe und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter, Hedwig drückte ich ein Küsschen auf die Dauerwelle, die daraufhin ein Tränchen zerdrückte. „Beehren Sie uns bald wieder!“ rief ich ihnen zu als sie die U-Bahn bestiegen, und winkte dem Zug hinterher, der langsam im Tunnel verschwand.

Als ich mit 90-minütiger Verspätung im Büro erschien, feixte Kollege Cerny: „Ah, der korrekte Herr Moser hat wohl verschlafen! Direktor Pfotenhauer hat schon nach Ihnen gefragt. Hähä.“ „Ich habe unsere schöne Stadt vor dem wirtschaftlichen Niedergang gerettet, Sie Schnösel“, gab ich stolz zurück. „Familie Krawutke aus Düsseldorf wird nächstes Jahr wiederkehren, und ich werde Wien vom Siegertreppchen der unfreundlichsten Städte stoßen!“ Kämpferisch reckte ich die Faust. Cerny nieste, schnäuzte sich und murmelte in sein Taschentuch: „Sie ham an Vogel!“ Ein typischer Wiener eben. Ich hoffe inständig, die Krawutkes treffen bei ihrem nächsten Wien-Besuch nicht auf Cerny.

Schicksalsmelodie

Heute um 8:10 morgens, also in aller Herrgottsfrüh, standen drei junge Rumänen in unserem Wohnzimmer und zupften auf Heidis Uralt-Klampfe sentimentale Volksweisen aus ihrer Heimat. Der jüngste unter ihnen, der mit dem zerschlissenen himmelblauen Wollpullover, begleitete das schwermütige Gitarrenspiel mit rauem Bass (Mmmhhmmm Uuuaah Hmmmm), der dritte Rumäne tippte etwas in sein Smartphone. Als der Gitarrist zwischendurch immer wieder die Stirn runzelte, erläuterte Heidi freundlich: „Sie ist halt ein bisserl verstimmt. Ich hab sie schon mindestens zehn Jahre nicht mehr in der Hand gehabt. Wollen´S an Kaffee?“ Der Musikant hielt inne, klopfte ein wenig auf dem Corpus herum, schlug einen Akkord an und versuchte dann zum dritten Mal, das Ding zu stimmen. Zu dem jungen Kollegen nuschelte er etwas in rumänischem Dialekt, wie ich vermute. Dieser beherrschte als einziger ein paar Brocken Deutsch und übersetzte: „Sagt, Gitarr nix so gut. Hat Spring hinten und scheppat a bissl.“

Nun will ich den geduldigen Leser nicht länger auf die Folter spannen und die bizarre Situation aufklären. Nachdem Heidi vor wenigen Wochen in der Abstellkammer einen heftigen Kampf gegen Staubsauger-Würgeschlauch, Bügelbrett und Billard-Queue verloren hat, entrümpelte sie unseren praktischen Stauraum und bot das „ganze unnötige Klumpert“ (O-Ton Heidi) über diverse Verhökerplattformen zum Verkauf an. So nicht nur meinen alten Snooker-Queue, der seltsamerweise noch immer keinen Käufer gefunden hat, sondern auch ihre alte Konzertgitarre. Auf dem guten Stück hat sie in ihren pickeligen Teenagertagen all die As, Cs, Gs und Es in Moll und Dur gelernt, um ihre treuesten Freundinnen im Kinderzimmer mit den Hits von Smokie und Suzie Quattro zu erfreuen. Die Zeiten sind längst vorbei, und die Gitarre verstaubt seit Jahrzehnten zwischen meiner alten Reiseschreibmaschine und dem Winterdomizil von Hausspinne Günther. Auch auf willhaben.at und Shpock herrschte kein Interesse an Heidis lädiertem Saiteninstrument, obwohl der Preis mit 30,- Euro durchaus moderat war.  Bis heute früh.

Ich genoss meinen ersten Cappuccino und die Strahlen der aufgehenden Sonne, als Heidi auf die Terrasse stürmte und aufgeregt rief: „Die Rumänen kommen!“ „Ein Überfall?“ „Wegen der Gitarre! In einer halben Stunde.“ Und schon war meine liebe Gattin im Bad verschwunden, um ihr schwarzes Indianerhaar zu bändigen und etwas Rouge aufzulegen. Wie ich erfuhr, mussten die Rumänen heute früh um 10:00 zu einer Hochzeit nach Bukarest reisen, um für Brautpaar und Gäste aufzugeigen. Doch leider war ihnen von einem heimtückischen Polen die Gitarre gestohlen worden, und nun waren sie auf der Suche nach günstigem Ersatz. Leider war Heidis Gitarr nix so gut und hatte außerdem einen Spring. Wir wollten die Klampfe aber unbedingt loswerden, schließlich stand die Kundschaft schon in unserem Wohnzimmer. Heidi versuchte es mit einem aggressiven Schleuderpreis, Geiz ist immer noch geil: „Na gut, weil es eine Hochzeit ist, gebe ich Ihnen 50% Rabatt. Um 15,- Euro gehört sie Ihnen!“ „Na, scheppat a bissl“, schüttelte der junge Typ traurig den Kopf und bohrte mit dem Mittelfinger verlegen ein zweites Loch in den Ärmel seines Strickpullovers. Es war ihm sichtlich peinlich, unser sensationelles Angebot ablehnen zu müssen. „Ich lege noch drei Stück Marmorgugelhupf drauf, und einen Snooker-Queue!“ warf Adelheid ihr letztes Gebot in die Schlacht. Die drei Rumänen schnatterten aufgeregt in ihrer Muttersprache und traten den geordneten Rückzug an. „9 Euro 90!“ rief ich ihnen hinterher. „Und ein funktionierendes Dampfbügeleisen!“ Doch die Musikanten schienen es eilig zu haben, ihr Zug nach Bukarest ging um 10 Uhr.

Bei Einbruch der Dunkelheit brauten wir uns den ersten Glühwein des Jahres, dazu gab es flaumigen Marmorgugelhupf. Heidi schnappte sich ihre alte Gitarre, die seit dem Besuch der Rumänen traurig in der Ecke stand, und stimmte Needles and Pins von Smokie an. Als der letzte verstimmte Ton verklungen war, nahm ich einen tiefen Schluck und meinte: „Scheppat a bissl!“