Über Biber und Fische

Heute wollen wir das Sommerloch mit ein wenig Historie stopfen und uns der Familiengeschichte von Herrn Moser zuwenden. Welchen geschichtlichen Background hat dieser Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik, woher kamen seine Vorfahren, wo liegen seine Wurzeln vergraben?

Begleiten Sie mich zurück ins frühe 17. Jahrhundert, zu den Anfängen einer Stadt in der Neuen Welt, die damals ein kleiner Handelsposten namens Neu-Amsterdam war und 400 Jahre später als glitzernde Millionen-Metropole, die niemals schläft, weltweiten Ruhm erfahren sollte: New York. Am Südzipfel einer waldreichen, zum Jagen idealen Halbinsel, welche die eingeborenen Alongkin-Indianer Mana Hata (das heutige Manhattan) nannten, lag eine Art natürlicher Hafen. Die seefahrenden Niederländer, allen voran die mächtige Westindien-Kompagnie, erkannten die strategisch günstige Lage dieses Fleckchens Erde und gründeten Neu-Amsterdam. Ein Fort, ein paar Windmühlen und ein kleines Städtchen hinter einer Palisade, das kaum mehr als 2.000 Einwohner zählte. Dorthin verschlug es so um 1610 auch das niederländische Paar Willem van Moses und seine Frau Gret. Willem stieg ins Biberpelzgeschäft ein und brachte es binnen weniger Jahre zu einem ansehnlichen Vermögen. Die eingewanderten Menschen aus Mittel- und Nordeuropa hatten nämlich eine unstillbare Gier nach Bibern. „Der Biber“, erklärte van Moses oft seiner Frau, „ist ein höchst nützliches Geschöpf. Biberöl heilt Rheumatismus, Zahnweh und Magenschmerzen. Biberhoden, pulverisiert und in Wasser aufgelöst, können einem Idioten die Vernunft zurückgeben. Das Fell des Tieres ist dicht und warm.“ Aber wonach es die Männer wirklich verlangte, war die weiche Unterwolle unter den Grannenhaaren, weil sie zu Filz verarbeitet werden konnte. Und zu jener Zeit wollte jeder einen Filzhut haben, er war das Feinste vom Feinsten. Die Handwerker, die sie herstellten, wurden manchmal verrückt, vom Quecksilber vergiftet, das sie verwendeten, um die Grannenhaare von der Unterwolle zu trennen. Doch das kümmerte Willem van Moses nicht, er fuhr regelmäßig den Hudson hinauf, der damals noch North River hieß und erst später nach dem englischen Entdecker Henry Hudson benannt wurde, um mit den Indianern Geschäfte zu machen. Er tauschte billigen, mit Wasser gepantschten Branntwein gegen die wertvollen Biberfelle, die er dann in der Handelsstation Neu-Amsterdam gegen bare Münze tauschte. Bald nannte Willem van Moses ein herrschaftliches Stadthaus sein eigen, und war sogar mit dem Gouverneur Pieter Stuyvesant persönlich bekannt.

Zu jener Zeit brachte Gret auch ihren gemeinsamen Sohn Moses zur Welt. Der kleine Moses van Moses schlug jedoch gänzlich aus der Art. Schon mit zehn Jahren zeigte er sich angewidert von den dubiosen Geschäften seines Vaters und wie er den betrunkenen Alongkin-Indianern das Biberfell über die Ohren zog. Auch die Massenschlachtung tausender Biber, die für eine dumme Hutmode ihr Leben lassen mussten, war ihm ein Dorn im Auge. Also sprach Moses am Abend seines 18. Geburtstages zum gestrengen Vater: „Sir, ich mache Ihre blutigen Familiengeschäfte nicht mit! Ich segle zurück in die Niederlande, in die Heimat unserer Vorväter, und werde ein ehrbarer Mann.“ Der junge Moses ließ einen versteinerten Vater und eine weinende Mutter  zurück, und heuerte im Hafen von Neu-Amsterdam auf einem Dreimast-Schoner als Hilfsmatrose an. Während dutzende Schiffe immer neue Menschenmassen aus Europa in die Neue Welt brachten – hungrige, aber stolze Iren und Engländer, kinderreiche Familien aus Italien, fromme und fleißige Deutsche und immer neue Niederländer, die damals noch ganz ohne Wohnwagen reisen mussten – schwamm Moses van Moses gegen den Flüchtlingsstrom.

Leider gab es zu jener Zeit noch kein GPS uns keine Satellitennavigation, und der stets betrunkene Kapitän des Dreimasters versegelte sich auf den Weltmeeren, sodass Moses nicht wie geplant in den Niederlanden an Land ging, sondern im Hafen von Hamburg. Er hatte sein weniges Geld beim Würfelspiel während der Überfahrt an den Steuermann verloren, sodass er nun ohne einen einzigen Kreuzer dastand. Doch Moses ließ sich nicht entmutigen, spuckte in die Hände und nahm eine Stelle als Hilfsarbeiter in einer Fischfabrik an. Tag für Tag schnitt er glitschigen Heringen den Bauch auf, kratzte Innereien aus und schnitt den Fischen Kopf und Schwanz ab. Dabei lernte er Heidemarie kennen, die neben ihm Makrelen entschuppte. Die beiden wurden ein Paar, heirateten und nannten sich fortan Moser, da ihnen das katholisches Moses als unpassend erschien. Bei dieser Gelegenheit legte Moses auch gleich seinen Vornamen ab, und ging fortan als Herr Moser durch die Welt.

Ihrem Nachwuchs, zwei Söhnen und einer Tochter, wurde die Liebe zum Fisch mit in die Wiege gelegt. Der älteste Sohn fuhr später mit eigenem Fischkutter zur See, der andere exportierte Kabeljau nach Böhmen und Mähren, und die Tochter betrieb einen kleinen Verkaufsstand am Hamburger Fischmarkt. Generationen später verschlug es die Mosers aus Gründen, die sich heute nicht mehr nachvollziehen lassen, nach Süden in die Gegend von Wien. Alle jedoch blieben beruflich stets dem Fisch verbunden, so wie mein Urgroßvater, der Ende des 19. Jahrhunderts in der Wiener Innenstadt das erste Fachgeschäft für Aquaristik eröffnete.

Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte über meine Ahnen ist leider nicht überliefert und bestätigt. Aber ich erzähle sie meiner lieben Heidi immer wieder gerne an kalten Winterabenden. Oder meinen treuen Lesern an heißen Sommertagen.

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Der Eierschädl

Eigentlich wollte ich Ihnen die Eierschädl-Geschichte schon vor einigen Tagen erzählen, aber ich war zu faul. Die brütende Hitze über Wien ließ mich erlahmen, Temperaturen von 37 und 38° aktivierten meinen vollautomatischen Energiesparmodus. Dieser sichert mir zwar das nackte Überleben, für Kreativität und Schreiben hatte mein auf kleiner Flamme köchelndes Gehirn jedoch keinerlei Reserven. Die TV-Fernbedienung in der einen, das Smartphone in der anderen Hand, vegetierte ich, nur mit einer atmungsaktiven Bermudashort bekleidet, während der Hundstage dahin. Ich erinnere mich dunkel, dass mir Heidi ab und an ein Fläschchen eiskalte Zitronenlimonade reichte, wenn ich besonders laut stöhnte. Ich bilde mir auch ein, den einen oder anderen Blogbeitrag am Handy gelesen und sogar geliked zu haben, sicher bin ich mir jedoch nicht. Den Laptop aufzuklappen und selbst einige sinnvolle Zeilen einzutippen, war mir nicht möglich. Am Samstag habe ich es zwar versucht, bin aber kläglich gescheitert. Nachdem ich mich drei Stunden redlich abgemüht hatte, mein Eierschädl-Erlebnis in gewohnt pointierter Manier festzuhalten, gab ich es meiner kritischen Adelheid zu lesen. Ihr Urteil: „Liest sich wie der Aufsatz eines 8-Jährigen zum Thema „Mein schrecklichstes Ferienerlebnis“. Leg dich wieder hin, Moser.“

Die Großwetterlage über der Großstadt hat sich mit erfrischenden 28° inzwischen deutlich gebessert, und ich spüre, wie meine Lebensgeister langsam zurückkehren. Also unternehme ich heute einen neuen Anlauf, um die Eierschädl-Causa literarisch aufzuarbeiten. Also: Schwiegermutter Inge hat meiner lieben Heidi, die ja gleichzeitig ihre brave Tochter Adelheid ist, einen wunderschönen Rosenstock geschenkt. Einfach so. Dieser sollte nun zwecks Behübschung unseres blühenden Reihenhaus-Gartens eingepflanzt werden. Leider war unser Vorrat an Blumenerde zur Neige gegangen, sodass ich den Auftrag erhielt, im Baumarkt einen Sack duftender, dunkler, frischer Erde zu besorgen.

Das Mekka für Bastler, Selbermacher und Hobbygärtner verfügt zwar über einen hinreichend großen Parkplatz, doch Abstellplätze im Schatten waren bei der herrschenden Gluthitze verständlicherweise Mangelware. Als ich ein solches Schattenplätzchen in unmittelbarer Nähe des Kundeneingangs gewahr wurde, war mein Glück vollkommen. Schnittig kurvte ich nach links, gab vielleicht ein wenig zu viel Gas, sicherte mir und unserem tomatenroten Spanier aber souverän den schattigen Parkplatz. Schon wollte ich den Schritt aus dem klimatisierten Wageninneren hinaus in die Gluthölle wagen, als hinter mir ein aufgemotzter SUV mit reichlich Zusatzscheinwerfern und viel Chrom mit quietschenden Bremsen hielt. Heraus sprang ein knapp 2 Meter hohes, glatzköpfiges Muskelpaket mit tätowierten Oberarmen, baute sich vor meiner Motorhaube auf und schrie: „Heast G´schissener! Des is mei Parkplotz! Schleich di!“ (Deutsch: „Hören Sie mal, Sie Haufen Scheisse! Das ist mein Parkplatz! Bitte entfernen Sie sich!“) Ich verriegelte per Kindersicherungsschalter alle Türen und ließ per Fensterheber die Seitenscheibe hochfahren. Dabei sagte ich halblaut an seine Adresse so etwas wie „Du Eierschädl!“ Das erschien mir kürzer und prägnanter als „Auch wenn Sie offensichtlich geistig behindert sind, ist dies kein Behindertenparkplatz – wer zuerst kommt, parkt zuerst.“ Das hätte seine intellektuellen Fähigkeiten wahrscheinlich ohnehin überfordert. Also beließ ich es bei Eierschädl und täuschte Betriebsamkeit vor, indem ich die Grundeinstellungen unseres Autoradios einer Generalinspektion unterzog, die Bässe ein wenig nachjustierte und einen slowakischen Hip-Hop-Sender, der sich beim Drehen der diversen Knöpfe plötzlich lautstark bemerkbar machte, sogleich auf Programmplatz 14 einprogrammierte. Der polierte Eierschädl hämmerte wütend auf die Motorhaube: „Kumm ausse, du Oaschloch! Des is mei Parkplotz!“ (Deutsch: „Komm raus, du Arschloch! Das ist mein Parkplatz!“) Nachdem ich keine Anstalten machte, das sichere Innere unseres roten Flitzers zu verlassen, sprang der Muskelheini in seinen Angeber-Chrom-Allrad und parkte ihn zehn Meter weiter entfernt in der Sonne. Dann schlenderte er zum Eingang, schob sich einen Kaugummi in den Mund… und wartete.

Da man nie weiß, wie Menschen bei dieser unmenschlichen Hitze reagieren, beschloss ich, meinen Einkauf beim nächstgelegenen, nur 5 Kilometer entfernten Gartencenter zu tätigen. Ich startete den Wagen, fuhr das Fenster runter und rief ihm im Vorbeifahren zu: „Eierschädl!“

Und Schwiegermutter Inges Rosenstock hat ein wunderschönes Plätzchen direkt neben der Kräuterbank bekommen.

Pfotenhauer macht Bäuerchen

Das Smartphone spielte mir das Lied vom Tod – mein ganz spezieller Klingelton für Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer. Der frisch aus dem Segeltörn-Urlaub zurückgekehrte Boss wünschte mich zu sprechen. In seinem Büro, und zwar zeitnah. „Herr Moser!“ begrüßte er mich überschwänglich und legte mir seine riesige Pranke jovial auf die Schulter. „Ich habe von Ihrem Deal mit der Bio-Ladenkette Wurmser gehört, ausgezeichnet! Gratuliere. Offenbar entwickelt sich das Geschäft mit den fischlosen Fischkonserven zufriedenstellend. Gute Arbeit.“ Lag da etwa eine Prämie in der Luft, eine Gratifikation, eine Bonus-Zahlung? „Danke Herr Direktor, sehr freundlich. Ich gebe wie immer mein Bestes.“ „Sehr schön, sehr schön. Bei dieser Gelegenheit, mein lieber Moser, wollte ich Sie gleich zu unserem alljährlichen Gartenfest einladen. Sonntag, 17 Uhr, selbstverständlich in Begleitung Ihrer lieben Gattin Edeltraud.“ Wie dem einen oder anderen treuen Stammleser eventuell noch erinnerlich, sind mir die privaten Einladungen auf das protzige Anwesen meines Chefs mehr als unangenehm. Ich hasse diesen gezwungenen Small Talk, die aufgesetzten Freundlichkeiten. Im letzten Jahr habe ich mich durch vorgetäuschte Krankheit dem lästigen Pflichttermin entzogen, doch diese Nummer konnte ich diesmal nicht schon wieder durchziehen. „Oh, da wird sich meine liebe Gattin Adelheid aber freuen!“ Pfotenhauer warf mir einen stirnrunzelnden Blick zu. „Und ich mich selbstverständlich auch. Danke, wir sehen uns!“ Bonuszahlung adieu, willkommen beim gesellschaftlichen Protz-Event. Meine Stimmung war im Keller.

Wie vielleicht nicht alle meine Leser wissen, stöhnt Wien derzeit unter einer Hitzewelle, die alle bisherigen Hitzewellen wie laue Frühlingslüftchen wirken lässt. Der Asphalt kocht, das Verlassen der schützenden Räumlichkeiten ab 11:00 vormittags ohne das Auftragen von Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 ist mir praktisch nicht möglich. Und für Sonntag war wieder so ein knallblauer 37°-Tag prognostiziert. Das stellte mich kleidungstechnisch vor ungeahnte Probleme. Was anziehen, um dem feinen Villen-Direktoren-Ambiente UND der Hitze gerecht zu werden? Nachdem ich den halben Nachmittag vor Kleiderschrank und Spiegel zugebracht hatte, entschied ich mich für ein weißes, kurzärmeliges Hemd in Kombination mit einer dunkelblauen Leinenhose. Frisch rasiert,  deodoriert und mit Faktor 50 imprägniert, setzte ich eine verspiegelte Pilotenbrille auf und trat vor Heidi: „Na, wie seh ich aus?“ Mein entwaffnend ehrliches Weib musterte mich kurz und meinte: „Wie ein Busfahrer.“

Dienstbeflissen huschten die Damen und Herren vom Cateringservice in langen roten Schürzen durch die parkähnliche Gartenanlage, und reichten Champagnercocktails. Unter den wenigen, auf dem Rasen verteilten Sonnenschirmen herrschte dichtes Gedränge, und meine sorgsam gescheitelte Frisur klebte in nassen Strähnen an mir. Wie es unter meinen Achseln aussah, wollte ich gar nicht wissen. Bewundernd blickte ich auf Heidi, die in ihrem luftigen, himbeerfarbenen Seidenkostüm scheinbar mühelos und elegant mit einem älteren Ehepaar parlierte. Am Tischchen nebenan hielten die Pfotenhauers Hof. Ihre kleine Tochter Kim, inzwischen wohl anderthalb oder zwei Jahre alt, saß ärschlings in der Wiese, auf dem Kopf ein Sonnenhütchen mit Benjamin-Blümchen-Motiven. Sie brüllte: „Mamaaa! Hungaaa! Bleiblei! Mag Blei!“ Die Direktorengattin Svetlana nahm den kleinen Schreihals auf den Arm: „Hat meine Süße Hunger? Willtu deinen Brei, ja? Warte mein Schatz, gleich!“ Dann blickte sie suchend in die Runde und rief: „Emmaaaa! Wo sind Sie? Emma!“ Obwohl ich mich hinter einem beleibten Glatzkopf versteckt hatte, erspähte mich Svetlana und eilte herbei: „Herr Moser! Wie schön, dass Sie kommen konnten. Wo steckt bloß diese blöde Nanny? Emmaaaaa!“ Doch Nanny Emma blieb verschwunden. Meine Marketingleiterin drückte mir das Pfotenhauer-Baby in die Arme und murmelte: „Moment, ich komme gleich.“ Kurz darauf erschien sie mit einem Lätzchen und einem Glas dunkelviolettem Obstbrei. „Wären Sie so freundlich, meine kleine Kim zu füttern? Geht ganz schnell. Ich suche rasch nach Emma, und kümmere mich um die Hors d´oeuvres. Bin sofort zurück!“ Ehe ich mich wehren konnte, saß Kim Pfotenhauer auf meinem Schoß und öffnete begehrlich ihr hungriges Mäulchen.

Die Fütterung ging eigentlich ohne gröbere Probleme vonstatten. Ein Löffel für den Direktor, ein Löffel für Mama Svetlana, ein Löffelchen für den Moser… Die Kleine hatte offenbar wirklich Hunger und schluckte brav ihren heidelbeerigen Brei. Nachdem das Gläschen geleert war, hielt ich Umschau nach der Mutter, da ich keinen Plan hatte, wie die Aktion abzuschließen sei. Die überraschende Antwort kam von Kim selbst. Ihre blauen Äuglein nahmen einen ausdruckslosen Glanz an, und in der nächsten Sekunde spie sie eine violette Fontäne über mein frisch gebügeltes, blütenweißes Hemd. Ich sprang auf, hielt das Kind auf eine Armlänge Distanz in den heißen Wüstenwind und schrie: „Alarm! Heidelbeer-Kotze!!! Hilfe, Frau Pfotenhaueeeer! Emmaaaa!“

Mein untadeliges Busfahrer-Outfit war beim Teufel. Svetlana versuchte mit einem Lappen und kaltem Wasser, den Fleck rauszuwaschen, aber die Unterschrift der kleinen Pfotenhauer blieb unübersehbar auf meiner Abteilungsleiterbrust. Und wenn Sie denken, mein vollgekleckertes Hemd wäre eine hinreichende Entschuldigung gewesen, mich vorzeitig von der Party zu verdrücken, irren Sie. Svetlana schleppte mich ins Badezimmer, warf das violett gesprenkelte Busfahrerhemd in die Waschmaschine und drückte mir ein hellblaues Kurzarmhemd ihres Gatten in die Hand: „Von Erwin.“ Es war mir mindestens zwei Nummern zu groß und ich sah aus wie ein Idiot. Aber immerhin hatte ich jetzt beim Small Talk ein Thema, über das ich reden konnte. Heidi brachte mir ein Roastbeef-Brötchen und ich flüsterte ihr zu: „Nächstes Jahr krieg ich wieder die Sommergrippe…“

Foto: Focus / Symbolfoto mit weißer Ersatzflüßigkeit

Dosen mit Hoschi

Ich muss vorausschicken, dass mein Freund Hoschi ein sehr spezieller Fall ist. Julius Hoschopf, der seit unserer gemeinsamen Schulzeit die Auffassung vertrat, Julius sei ein Name für römische Kaiser und Lebensmittel-Tycoone (in Österreich war seinerzeit der Kaffeeröster und Feinkosthändler Julius Meinl ein weithin bekannter Mann), hört nur auf Hoschi. Aus irgendeinem Grund, der mir noch heute völlig schleierhaft ist, haben wir uns nie aus den Augen verloren. Irgendwie imponierte mir dieser Kerl mit seinem diametralen Lebensentwurf, seiner Unbekümmertheit, seiner bodenständigen Abgehobenheit. Hoschi ist das, was man heute wohl einen Computer-Nerd nennt. Fragen Sie mich jetzt nicht, wie genau er seinen Unterhalt verdient, aber er verbringt den Großteil des Lebens in seiner kleinen Wohnung vor Rechnern, Laptops und Bildschirmen, eingehüllt in dicke Chesterfield-Rauchschwaden. Es verwundert daher auch nicht, dass Hoschi Single ist, aus Überzeugung wie er betont. Es fällt ihm schwer, mit Frauen zu kommunizieren: „Das ist so, wie wenn du eine Software-Lizenzvereinbarung liest, nichts verstehst und am Ende zustimmst“, erklärte er mir. Das möchte er sich nicht antun, das könne nicht gut gehen. Und ich fürchte, er hat recht. Hoschi kann natürlich auch nicht kochen. Er ist es, der das Überleben der Pizza-, Sushi- und Schnitzel-Lieferdienste in seinem Bezirk garantiert. Er programmiert dir die ausgefeilteste Software, das abenteuerlichste Game, die geilste App, er hackt sich gnadenlose in jede Behörde, aber schon die Zubereitung von einfachen Ham & Eggs ist für ihn ein Buch mit sieben Siegeln.

Darum war ich höchst überrascht, als mich vor zwei Wochen seine Whats App-Nachricht ereilte: „Moser, wir sollten uns wieder mal sehen. Es wird Zeit. Habe kochen gelernt. Komm am Samstag vorbei und bring Hunger mit! Hoschi“ Gestern war es dann soweit. Heidi war nachmittags mit einer Freundin zum Kaffee verabredet, ich fuhr in den 16. Wiener Gemeindebezirk (Ottakring) zu Hoschi. Was würde der schräge Nerd wohl auf die Teller zaubern? Wie hatte er bloß kochen gelernt? Ich war gespannt.

Nach dem obligatorischen Begrüßungsgeplänkel frug ich meinen Freund, wie er denn zum Kochen gekommen sei und was er auftischen wird. Er erzählte mir, dass er eines Nachts hungrig vor dem PC bei ein paar Koch-Tutorials auf Youtube hängen geblieben sei und sich 9 Stunden lang alles reingezogen habe, was man am Herd wissen müsse. „Und heute gibt es für meinen Fischbranchenfreund zu Ehren Spaghetti Frutti di Mare!“ verkündete er stolz. Ich war beeindruckt. Während Hoschi in der Küche rumorte und fuhrwerkte, saß ich auf einem Stapel alter Computerfachzeitschriften im Wohnzimmer. „Magst ein Bier?“ rief mein Gastgeber, denn es war ein überaus heißer Samstag. „Ja, gern!“ Hoschi huschte herein und drückte mir eine Dose Helles Ottakringer in die Hand. Mich durchzuckte ein brennender Schmerz und überrascht ließ ich die Dose fallen. Sie war nämlich nicht, wie erwartet, eiskalt, sondern heiß! „Verdammt!“ rief ich, „Was hast du mit dem Bier gemacht?!“ „Ach weißt du, mein Kühlschrank hat vorgestern den Geist aufgegeben. Darum hab ich die Dosen einfach ins Fenster gestellt“, kam die Hoschi-Antwort aus der Küche. „Du weißt aber schon, dass es draußen 32 Grad hat???“ Doch dies schien meinen Freund wenig zu kümmern: „In 10 Minuten wird serviert!“

Die vollmundig angekündigten Spaghetti mit Meeresfrüchten entpuppten sich schließlich als verkochter Nudelklumpen, über den Hoschi einfach eine Dose Ölsardinen gekippt hatte. Fischkonserven sind zwar mein Geschäft, aber jetzt war selbst ich sprachlos. „Guten Appetit!“ wünschte Hoschi. „Das sind keine Frutti di Mare, keine Muscheln, Scampi oder Tintenfische – das sind Sardinen aus der Dose!“ warf ich verzweifelt ein. „Ich hab dir doch gesagt, dass mein Kühlschrank kaputt ist“, mampfte der Nerd. „Da würden frische Fische doch im Nu verderben. Das müsstest du doch wissen, Moser. Darum hab ich halt Dosen genommen. Schmeckt´s?“ Wir bestellten bei seinem Lieblingslieferanten eine Familienpizza Cardinale. Und zwei Dosen Bier, eiskalt.

Abends berichtete Heidi von ihrem Mädels-Treffen in höchsten Tönen: „Wir sind am Donaukanal gesessen, haben Cafe Latte getrunken, ein köstliches Eis gegessen und haben den herrlichen Sonnentag genossen. Und du so?“ Und ich so: „Super war´s. Wir sind in Hoschis chaotischem Wohnzimmer auf alten Zeitschriften gesessen, haben eiskaltes Bier getrunken und eine köstliche Pizza gegessen.“

Wurstsemmel 2.0

1987: Wenn der junge Herr Moser seinerzeit, als er noch keine fürsorgende Adelheid an seiner Seite wusste, Appetit auf eine kleine Zwischenmahlzeit in Form einer Wurstsemmel verspürte, betrat er meist den kleinen Greißlerladen Feinkost Ottendorfer, unweit seiner Studentenbude. „Guten Morgen, Herr Moser!“ grüßte der immer freundliche und untadelig gekleidete Peter Ottendorfer. Er trug unter seinem weißen Arbeitsmantel stets ein weißes Hemd mit dunkelroter Krawatte. „Was darf es heute sein?“ „Grüß Sie Herr Ottendorfer! Ein Extrawurstsemmerl mit Gurkerl bitte.“ Für meine Leser nördlich des Weißwurst-Äquators: Mir stand der Sinn nach einem Brötchen mit Fleischwurst und sauer eingelegtem Delikatess-Gürkchen. Der brave Feinkost-Mann schnappte sich eine frische Semmel, schnitt sie elegant auf, und säbelte auf seiner blitzsauberen Aufschnittmaschine fünf bis sechs Scheibchen Extrawurst runter. Mit einer Holzzange fischte er ein Gurkerl aus dem Glas und bastelte daraus mit wenigen Handgriffen einen bildschönen Gurkenfächer. Dann wickelte er diesen typischen Wiener Snack aus der Prä-Döner-Zeit in fettabweisendes Papier und überreichte ihn mir mit den Worten: „Das macht dann 7 Schilling, Herr Moser. Wünsche guten Appetit und einen schönen Tag!“ Die Wurstsemmel war herrlich saftig und üppig belegt und gut gelaunt startete ich in den Tag.

2017: Auch heute verspürte ich wieder mal Heißhunger auf eine „Wurschtsemmel mit Gurkerl“. Leider sind in Wien die Greißlereien längst ausgestorben, da sie den allmächtigen Konzernen auf Dauer keinen Widerstand bieten konnten. Auch Herr Ottendorfer musste irgendwann das Handtuch werfen. In Ermangelung einer Alternative betrat ich also einen Supermarkt, wo ich statt einer freundlichen Begrüßung via Lautsprecher informiert wurde, dass es für Stammkunden heute 25% auf Eis und Beeren gibt. An der Kühltheke schnappte ich mir zwei Wienerwurstsemmeln mit Essiggurkerln 105 Gramm zu je 1,50 Euro. Der Imbiss war in reichlich Plastik verpackt, darauf klebte ein Etikett folgenden Inhalts:

Zutaten: 50% Semmel (Weizenmehl, Hefe, Emulgator, Lecithin.E472eE471Salz) 33%Wiener (Rind- u. Schweinef) Kochsalz, Konservierungsstoff E250, Gewuerze, Zucker, Geschmacksverstärker E450.E451.Stabilisator E450.E451. Antioxidationmittel E300. 17% Essiggurkerl (Gurken, Trinkwasser, Speisesalz, Weingeistessig, Gewürze, Säuerungsmittel: Milchsäure, Konservierungsstoff: Natriumbenzoat. Süßungsmittel Saccharin). Gekühlt lagern bei 3 – 6° Grad.

Es folgte eine Nährwerttabelle, welche die enthaltenen Brennwerte in Kalorien, Joule, Gramm und Prozenten für Fett, Kohlenhydrate und anteiligen Zucker, sowie Eiweiß und Salz aufschlüsselte.  Dazu noch Mindesthaltbarkeitsdatum, Stückzahl 1, Preis pro Stück und den Barcode.

An der Kasse wurden die zwei Plastikpäckchen piepsend über den Scanner gezogen. Die Kassiererin fragte automatisch: „Kundenkarte?“ „Nein“, gab ich genervt zurück. Als ich die Semmeln mit Wienerwurst schließlich auspackte, musste ich feststellen, dass sich darin gerade mal drei jämmerliche Scheiben Wurst, sowie ein (in Worten: 1) Gurkenscheibchen so dünn wie ein Blatt Papier, befanden. Ich würgte das trockene, altbackene Ding mit Mühe runter und startete schlecht gelaunt in den Tag.

Herr Ottendorfer, falls Sie dies zufällig lesen sollten: Eröffnen Sie doch bitte wieder Ihren Feinkostladen! Nahe der Fischkonservenfabrik wäre ein hervorragender Standort – ich kaufe jeden Tagen mindestens zwei Wurstsemmeln mit Gurkerl bei Ihnen. Versprochen!

Sommer, Sonne, Schlaganfall

Der gestrige Freitag war im Raum Wien ein Bilderbuch-Sommertag. Also brach ich bereits zu Mittag meine Bürozelte in der Fischkonservenfabrik ab und eilte nach Hause, wo Heidi mit einer ihrer Spezialitäten wartete – Wurstsalat mit Frühlingszwiebeln, Radieschen, Tomaten aus eigener Aufzucht und knackige Gürkchen in einer Marinade aus weißem Balsamico, Honigsenf und Olivenöl. Ein Gedicht, ein kulinarischer Erlkönig, ein lukullisches Vaterunser, ein Hohelied auf die Spezies „Wurstsalat“.

Satt und zufrieden lehnte ich mich nach zwei Portionen der wurstgewordenen Offenbarung zurück. Lächelnd lud Heidi ihr Haupt an meiner starken Schulter ab und streichelte mein kleines Bäuchlein: „Na, hat´s geschmeckt mein Liebling?“ „Ach Heidi, wundervoll!“ „Hast du noch einen Wunsch?“ flüsterte die tüchtige Gemahlin in mein sonnendurchflutetes Ohr und zupfte neckisch an einem Haar, das sich den Weg aus dem dunklen Gehörgang ins helle Sonnenlicht erkämpft hatte. Ich, hoffnungsvoll: „Ja, haben wir noch Vanilleeis im Tiefkühler? Und frische Erdbeeren?“ Langsam wanderte Heidis Händchen Richtung Süden: „Das ist alles?“ Hörte ich da etwa Enttäuschung in ihrer Stimme? „Nein mein Täubchen, vielleicht sind ja noch etwas Schlagobers und Schokosauce vorrätig!“ „Moser!“ rief sie entrüstet und zog so stark an meinem sensiblen Ohrhaar, dass es mir Tränen in die Augen trieb.

Der Wink mit dem Zaunpfahl wirkte und mir fiel ein Artikel ein, den ich unlängst in einem wissenschaftlichen Journal gelesen hatte: Sonne macht Lust auf Sex! Darin ging es um Vitamin D, vermehrte Ausschüttung des Glückshormons Serotonin und gesteigerte Libido. Ah, daher wehte der Wind! Frau Moser hatte am Vormittag wohl ein Sonnenbad genommen. Ich reagierte blitzschnell und setzte meinen unwiderstehlichen Sexy-Blick auf, kniff ein Auge zu, lüpfte die gegenüberliegende Augenbraue und schürzte meine ölverschmierten Lippen zum berühmten Duckface. Das habe ich mir auf Facebook abgeschaut. Offenbar verfehlte meine Casanova-Mimik ihre erotisierende Wirkung, denn Heidi erlitt einen Lachkrampf.  Dabei verirrte sich ein Stück Frühlingslauch in ihrem komplizierten Luft- und Speiseröhrensystem, sie begann zu würgen und zu röcheln. Ihre Augen tränten, quollen hervor und unter bedrohlichem Husten drehte mir Adelheid den Rücken zu und bat: „Schlag mich mal!“ Ich aber verstand in dem ganzen Gewürge „Schlaganfall!!“ und war erschüttert. Mein geliebtes Weib, noch so jung, ein Schlaganfall, oh weh!! Nun kam es auf jede Minute, jede Sekunde an, und ich griff sogleich zum lebensrettenden Smartphone. Sie schlug mir das Telefon aus der Hand, das in der Salatschüssel landete. Sie deutete auf ihren Hals und hustete gurgelnd: „Das muss raus!“ „Krankenhaus??!!“ rief ich, „Sofort, mein Schatz!“ und fischte das Handy aus der öligen Marinade. Noch während ich versuchte, das glitschige Ding zwischen meinen Fingern zu bändigen und den Notruf einzutippen, entließ Heidi mit einem ambitionierten Huster das grüne Lauchröllchen in hohem Bogen in die Freiheit.

Nach diesem Zwischenfall war die knisternde erotische Stimmung natürlich beim Teufel. Aber das Vanilleeis mit Erdbeeren und Schokosauce war köstlich.

Der General, Teil 3

Was bisher geschah: Eines Abends klingelt es an der Tür und als Lisa öffnet, beginnt ein Alptraum. Der ekelhafte, gefährliche Psychopath Ronny, der ihr schon in der Schule nachgestellt hatte, dringt in ihr Haus ein und erschießt kaltblütigen ihren Mann. Sie wird vergewaltigt und entführt. Seit Wochen ist sie bereits in Ronnys Keller gefangen und angekettet, muss seine grausamen Übergriffe erdulden. Ihr einziger Freund und Tröster in dieser Hölle ist der „General“ – eine hochintelligente Ratte mit telepathischen Fähigkeiten, die aus der Zukunft kommt. Kann der General Lisa retten?

(Der General)

Wir übernahmen die Weltherrschaft langsam, unmerklich, schleichend. Es gab keine Revolution, keinen Krieg. Die Menschen selbst bereiteten uns den fruchtbaren Boden. Irgendwann waren die Städte nahezu unbewohnbar – Müll, Abfälle und Kloake beherrschten das Straßenbild. Ein wahres Rattenparadies. Von Generation zu Generation wurden wir stärker und größer, gegen die diversen Menschengifte waren wir längst immun. Meine Art vermehrte sich in irrwitziger Geschwindigkeit. Aber wir wurden nicht nur mehr, wir wurden auch klüger. -Zig Milliarden Ratten stellten zwar eine Macht dar, doch wir waren nicht organisiert. Also schlossen sich die intelligentesten unter uns zusammen, zeugten Nachwuchs, der wiederum selbst noch klügere Ratten in die Welt setzte, und so weiter. Sie wissen, was ich meine. Eines Tages hatten wir eine Elite-Generation, welche die menschliche Sprache verstehen konnte, und die mit dem Aufbau sozialer Strukturen begann. Ich selbst entstamme dieser elitären Schicht. Mein Vater ist der Commodore, ich selbst werde General genannt. Es gibt nur wenige unter uns, denen die Ehre eines Namens zuteil wird.

Eines Abends kam mein Vater nach Hause – wir wohnten sehr komfortabel im Heizungskeller einer verlassenen und geplünderten Herrschaftsvilla – und rief mich zu sich. „Sohn“, sagte er. „Wie uns zu Ohren gekommen ist, haben die letzten verbliebenen klugen Köpfe unter den Menschen in den letzten Jahren an einer Zeitmaschine gearbeitet, die nun vor ihrer Fertigstellung steht. Offenbar will man rund 250 Jahre zurückreisen, um das Schicksal zu korrigieren… um Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu treffen, um die Mega-Konzerne zu zerschlagen. Einzelheiten sind uns nicht bekannt. Ich habe aber beschlossen, dass du dich als blinder Passagier an Bord dieser Zeitmaschine schleichen wirst. Du gehörst ja zu den wenigen unter uns, der nicht nur die Sprache der Menschen versteht, sondern auch mittels Telepathie mit ihnen kommunizieren kann. Sobald die Zeitreisenden etwas unternehmen, was das Emporkommen unserer Rasse gefährdet, wird es dein Auftrag sein, ihre Pläne mittels telepathischer Suggestion zu manipulieren und zu verhindern.“

Wir landeten auf einem verrotteten, längst unfruchtbaren Maisfeld eines scheinbar verlassenen Bauernhauses. Ich wollte mich im Schutz der Dunkelheit an die Fersen der Crew heften, doch dann kam der Mond hinter den Wolken hervor und Dr. Fred Martens, der Politik- und Sozialwissenschaftler im Menschen-Team, entdeckte mich. „Verdammte Mistviecher!“ fluchte er und warf einen Stein nach mir. Ich flüchtete in das baufällige Gehöft… und landete im Keller, wo ich eine junge Frau namens Lisa kennenlernte.

(Lisa und Ronny)

„Zeit fürn bisschen Spaß“, grinste Ronny sie an und begann an seinem Gürtel zu fummeln.

„Ronny, bitte lass mich gehen!! Ich werde niemandem etwas verraten und auch nicht zur Polizei gehen! Das schwöre ich!!“ flehte Lisa.

Er lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. „Du hast mich in der Schule schon für nen Idioten gehalten, daran hat sich scheinbar nix geändert.“

Ängstlich kauerte sie am kalten Steinboden, die angezogenen Beine fest umschlungen. Ich kann es nicht tun, dachte sie, ich bringe es nicht fertig. Unauffällig schaute sie nach dem losen Stein in der Wand, ihrem Versteck.

„Nein, ich halte dich doch nicht für einen Idioten… damals in der Schule… du musst verstehen, ich wollte einfach noch nichts von Jungs. Meine Mutter hätte mich umgebracht. Aber das hatte nichts mit dir zu tun…“ versuchte Lisa Zeit zu gewinnen.

„Du bist ein eingebildetes, kleines Dreckstück. Hältst dich für was besseres oder so.“ Ronny schälte sich umständlich aus seinen fleckigen Jeans, dann zog er mit einem Ruck auch den Slip runter. Wie ein weißer, dicker Blutegel baumelte sein Glied in einem wuchernden Wald aus Schamhaaren. Sofort begann er, daran herumzukneten. Er machte ein paar Schritte auf sie zu, bis er knapp vor ihrem Gesicht stand.

„Los, jetzt kannste mal was anderes als Trübsal blasen…“ lachte er und packte sie an den Haaren. „Und komm nicht auf irgendwelche Dummheiten, Schlampe. Sonst siehste deinen Buchhalter schneller wieder als dir lieb ist.“

Lisa schloss die Augen und kämpfte mit der aufsteigenden Übelkeit. „Wenn ich jetzt kotze, bringt er mich um“, dachte sie.

Plötzlich meldete sich der General. Laut und deutlich hörte sie ihn sagen: „Tu es! Wenn du weiterleben willst, weißt du, was du zu tun hast. Denn eines Tages, wenn er genug von dir hat, wird er dich töten.“

Sie nickte und flüsterte: „Okay.“

Ronny grinste: „Na also.“

Sie versuchte, alle Gedanken und Gefühle abzuschalten. Sie war nur noch ein Organismus, der funktionieren musste, der überleben wollte. Um jeden Preis. Der kleine Ronny war hart geworden und vergnügte sich in ihrem Mund. Lisa bemerkte, wie sein Atem schwerer wurde. Vorsichtig schielte sie nach oben. Der besoffene Fettsack hatte die Augen geschlossen und lächelte, als wäre er soeben ins Himmelreich aufgestiegen.

„JETZT!“ Wie ein heller Blitz schoss das Wort durch ihren Kopf.

Langsam tastete sie mit der Rechten nach hinten, wo hinter dem lockeren Ziegelstein das Geschenk des Generals wartete – eine etwa 20 Zentimeter, spitz zulaufende und scharfkantige Glasscherbe. Dann ging alles sehr schnell. Mit voller Kraft biss Lisa zu, sofort spürte sie den salzig-eisigen Geschmack seines Blutes im Mund. Ronny schrie auf, laut, ungläubig, unmenschlich. In dieser Sekunde schnappte sich Lisa die Scherbe und stieß sie mit aller Kraft in die Brust ihres Peinigers – dorthin, wo sie sein Herz vermutete.

(Der General)

Das war vor etwa zwei Wochen. Das Arschloch ist binnen weniger Minuten gestorben, hatte noch ein bisschen geröchelt und gezuckt, während das Mädchen hysterisch schluchzte. „Es war richtig, Lisa. Gut gemacht“, sprach ich ihr Trost zu.

Nachdem sie ein paar Mal zögerlich auf den leblosen Körper hingetreten hatte, um sicherzugehen, dass Ronny wirklich tot war, begann sie seine auf dem Boden liegenden Jeans zu durchsuchen.

„Wo ist dieser verdammten Schlüssel??!!!“

Zitternd und fluchend griff sie in alle Taschen, förderte aber nur ein Feuerzeug, einen Flaschenöffner, 35 Cent und ein benutztes Papiertaschentuch zutage. Dann tastete sie den Boden ab, vielleicht war er ja rausgefallen. Nichts. „Er hat den Scheiß-Schlüssel nicht bei sich!!“ schrie Lisa und rüttelte wie eine Irre an ihrer Fußfessel. Wieder und immer wieder.

Die junge Frau balancierte in den nächsten Tagen am Rande des Wahnsinns. Die meiste Zeit hockte sie wimmernd am Boden oder starrte schweigend vor sich hin. Auch für meine Worte war sie nicht mehr empfänglich. Ich sendete ohne Unterlass, aber ihr Empfänger war abgeschaltet. Ihr Durst muss höllisch gewesen sein. Neben ihr verweste der aufgedunsene Körper von Ronny Paulsen und verströmte einen bestialischen Gestank. Es war heiß.

Gestern ist Lisa gestorben, sie hat sich mit der Glasscherbe die Pulsadern aufgeschnitten. Ich konnte es nicht verhindern. Die Zukunft ist offenbar Schicksal und lässt sich nicht verändern. Diese Lektion habe ich gelernt. Ich werde meine Zeitreise-Mission abbrechen und hier bei euch bleiben. Wahrscheinlich werde ich mir ein hübsches, kluges Weibchen suchen und eine Familie gründen.

 

Der General, Teil 2

(Der General)

Selbst auf die Gefahr hin, dass Sie mich für verrückt halten: Ich wurde im Jahr 2258 geboren. Und soviel kann ich Ihnen verraten – das Leben auf der Erde hat nicht mehr viel mit dem zu tun, wie ihr es hier, irgendwann Anfang der 2000er, kennt. Ich will Sie auch gar nicht mit Details langweilen, außerdem sind meine Geschichtskenntnisse nicht soooo prächtig. Das übliche halt, was über Generationen überliefert wird, was dir Eltern und Großeltern an einem heißen Winterabend erzählen. Jedenfalls begannen die Dinge ungefähr zu eurer Zeit aus dem Ruder zu laufen. Vielleicht 50 oder 100 Jahre später, nageln Sie mich bitte nicht fest. Die Welt war in der Hand einiger weniger Konzerne. Die Märkte für Lebensmittel, Energie, Elektronik, Banken und was die Menschheit noch so glaubte, zu brauchen, teilten sich ein paar Mega-Unternehmen. Undurchschaubare Firmen-Geflechte, Holdings, Joint Ventures. Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde immer größer, und zwar in atemberaubendem Tempo. Anfangs versuchten die Politiker noch gegenzusteuern, doch ihre Förderprogramme und Finanzspritzen waren nicht mehr als kurzfristige Kosmetik. Längst hing man am Gängelband der mächtigen Wirtschaftsbosse und der Unmut im Volk wuchs. Irgendwann brachen dann die Revolutionen aus, die Ausgebeuteten stiegen auf die Barrikaden. Weltweit brannten die Städte, wurde Gewalt mit noch mehr Gewalt beantwortet, es regierten Hunger und Chaos.

Doch damit nicht genug: die Folgen des Klimawandels zogen ihre verheerende Spur über die Erde. Jahre der tödlichen Dürre mit Hitzewellen unvorstellbaren Ausmaßes wechselten mit nie gekannten Überflutungen, zerstörerischen Tornados und Hurrikans. Die Polkappen und Gletscher schmolzen dahin wie eine Kugel Vanilleeis in der Sommersonne. Und die Menschen waren machtlos, paralysiert, gefangen im täglichen Überlebenskampf.

Schließlich war unsere Zeit gekommen. Ach ja, habe ich schon erwähnt, dass ich eine Ratte bin?

(Lisa)

Zitternd hörte sie die schweren Schritte auf der Holztreppe näher kommen. Plötzlich ein dumpfer Knall und Gepolter, dem ein lallender Fluch folgte. Lisa wusste, was das zu bedeuten hatte. Ronny war besoffen. Und wenn er genügend getankt hatte, kam er meist in den Keller, um es der „Drecksau mal so richtig zu besorgen“.

Sie hatte ihn gar nicht gleich erkannt, als er vor ein paar Wochen (oder Monaten?) an ihrer Tür geklingelt hatte. Da stand ein etwas ungepflegter, dicklicher Mann mit aufgedunsenem Gesicht, unter seiner roten Baseball-Mütze quollen zu lange, fettige Haare hervor. „N´Abend, Lisa“ hatte er gegrinst und dabei eine Batterie gelblich-brauner Zähne freigelegt. Sie war instinktiv einen Schritt zurückgewichen, als sie seinen Bier-Atem roch. „Na, kennst mich wohl nich mehr?“ Sein Grinsen wurde noch breiter und er streckte ihr feixend seinen Kopf entgegen. Ein eiskalter Schauer überrollte ihren Körper.

„Ronny? Ronny Paulsen?“

„Bingooooooo!!!“ Sein Grinsen ging in lautes Lachen über.

Schon damals in der Schule war Ronny Paulsen der verspottete Außenseiter gewesen; ein unangenehmer Kerl, mit dem keiner was zu tun haben wollte. Schmuddelige Kleidung, Schweißgeruch, verschlagen, hinterhältig, verlogen. Und ausgerechnet dieser Typ hatte sich in sie, die hübsche blonde Lisa aus gutem Hause, verknallt. Im Unterricht steckte er ihr kleine Zettelchen zu auf denen Dinge wie „Treffn wir uns nach der Schule beim altn Brunen?“ oder „Du bist das schönste Medchen“ standen. Ständig trieb er sich in ihrer Nähe herum, lächelte und blinzelte ihr auf dem Pausenhof zu, als ob sie ein Liebespärchen wären. Meist ignorierte Lisa ihn, nur wenn er es mit seinen plumpen Annäherungsversuchen gar zu weit trieb, schnauzte sie ihn an: „Hau ab, Ronny! Lass mich einfach in Ruhe!“ Eines Nachmittags, auf dem Heimweg von der Schule, sprang er hinter einem Gebüsch hervor, stürzte sich auf sie und versuchte sie zu küssen. Dabei geiferte er wie ein notgeiler Straßenköter. Noch heute konnte sie den unangenehmen Zwiebelgeruch seines Atems riechen. Mit einer reflexartigen Bewegung hatte sie ausgeholt und ihm mit voller Wucht auf die Nase geboxt, und ihn wütend angeschrien: „Du Schwein!!!“ Seine Augen füllten sich mit Tränen, in seinem Blick lag Hass – abgrundtiefer, stahlgrauer Hass. Er hatte sich umgedreht und war schweigend davon getrabt. Das war das letzte Mal, dass sie Ronny gesehen hatte. Er kam zwei Wochen nicht zur Schule, dann machte das Gerücht die Runde, seine Eltern seien in eine andere Stadt gezogen. Langsam war die Erinnerung an dieses Ekel verblasst, doch nun stand er hier an ihrer Haustür und grölte wie ein Verrückter „Bingoooooo!!!“

Lisa wollte die Tür zuknallen, doch Ronny war schneller. Wie eine Qualle glitschte er an ihr vorbei und stand nun vor ihr auf dem Flur.

„Lisa, wer ist da?!“ rief ihr Mann aus der Küche, wo er brav Karotten für das Abendessen schnippelte.

Ronny fischte seine 38er aus dem Hosenbund und legte den linken Zeigefinger an den Mund. „Halt die Fresse, sonst bist du tot, Schlampe!“ zischte er. Dann schnappte er sich Lisa, drückte ihr den Revolver an die Schläfe und schob sie vor sich her in Richtung Küche. In Richtung Norman. Ihr Herz raste. Was sollte sie tun? Konnte sie es riskieren, Norman mit einem Schrei zu warnen? Würde er sie verstehen? Würde Ronny sie sofort erschießen? Noch während ihr tausend Gedanken durch den Kopf jagten, hatten sie die Küche erreicht.

„Wie…wer… wwwwer sind Sie?“ stammelte Norman, der eine Küchenschürze mit dem Aufdruck „Vorsicht! Mann kocht!“ trug.

„Lass das Messer fallen, Buchhalter!“

„Lassen Sie sofort meine Frau los!“ keuchte Norman und machte einen Schritt auf Ronny zu. Ein dummer Fehler. Zwei Sekunden später klebte sein Buchhalter-Hirn auf den Küchenfliesen.

Ronny hatte sie ins Schlafzimmer geschleppt, ihre Hände gefesselt und sie an einen Bettpfosten gebunden. Dann hatte er ihr – fast zärtlich und behutsam – Jeans und Höschen ausgezogen, sich eine halbvolle Flasche Whisky aus der Hausbar geholt, und vor dem Bett auf einen Stuhl gesetzt. Dort starrte er nun auf ihre Scham, nahm tiefe Schlucke aus der Schnapsflasche und leckte sich die Lippen. Als Ronny ein paar Minuten später in sie eindrang, verlor sie das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, war sie in diesem stinkenden Verlies angekettet.

Mit einem unangehmen Knarzen drehte sich der Schlüssel im Schloss der alten Kellertür.

„Hallo Miststück! Lust auf einen kleinen Fick?“

Morgen Grande Finale: Was hat es mit der intelligenten Ratte auf sich, wird sich Lisa gegen ihren Peiniger wehren können, gelingt ihr die Flucht aus dem Verlies? Seien Sie gespannt…

Bild: News.at

Der General, Teil 1

Sommer, Sonne, Urlaubszeit. Viele von euch sind unterwegs in aller Herren Länder oder fotografieren im heimischen Garten Blumen, Hummeln und Amseln. Auch in unserer sonst so betriebsamen Konservenmanufaktur herrscht „Saure-Gurken-Zeit“, und im Moser´schen Reihenhäuschen herrscht schwüle Trägheit. Auch für mich ein guter Zeitpunkt, ein wenig innezuhalten und mir ein kurzes Päuschen zu gönnen. Um euch auf meinem Blog dennoch ein wenig Unterhaltung zu bieten, präsentiere ich in den nächsten Tagen wieder mal eine kleine Kurzgeschichte aus meiner Feder, mundgerecht aufgeteilt in ein paar Lesehappen. Mit „Der General“ habe ich erstmals schriftstellerisches Neuland betreten und eine Short Story aus dem Bereich „Thriller-Fiction“ geschrieben. Also ich nenne diesen Mix aus knallhartem Entführungsthriller und Science Fiction jetzt einfach mal so. Keine Ahnung, ob das was Lesbares dabei rausgekommen ist oder nicht. Ich hoffe auf euer zahlreiches Feedback. Nur soviel: Heidi mag die Geschichte üüüüberhaupt nicht! Zu grausam, zu abgefahren, zu brutal. In den nächsten Tagen gibt es am Moser-Blog also nichts zu lachen. 

Der General

(Lisa)

Die dunklen Knopfaugen des Generals blitzen im Halbdunkel kurz auf, als er den Kopf ein wenig zur Seite neigte und sie durchdringend ansah. Mein Gott, wie sie diesen Blick hasste. So streng, so vorwurfsvoll. Als wollte er sagen: „Du hast dich in diese Situation hineinmanövriert, also sieh zu, dass du auch wieder rauskommst, Mädchen!“

Auch dieses „Mädchen“-Gelaber ging ihr gehörig auf den Keks. Sie war 27 Jahre, eine erwachsene Frau, berufstätig und seit 14 Monaten verheiratet. Falsch. Sie war nicht mehr verheiratet. Sie war jetzt Witwe, ihr Mann war tot. Und sie hatte sich ganz sicher nicht in diese Situation „hinein manövriert“. Ihre Pobacken schmerzten vom ewigen Sitzen auf dem kalten Steinboden. Vorsichtig hob sie ihren Hintern ein wenig und verlagerte das Gewicht. Die rostige Kette ihrer Fußfessel mit dem Vorhängeschloss gab ein schepperndes Geräusch von sich. Der General trippelte ein paar Schritte nach links, dann setzte er sich wieder hin und sah sie an. Schweigend. Nur seine langen Barthaare zitterten.

„Ach komm schon, General“, seufzte Lisa und massierte behutsam den aufgescheuerten Fußknöchel. „Schau mich nicht immer so ernst an, hilf mir lieber aus diesem beschissenen Drecksloch rauszukommen.“ Der General antwortete nicht. Stattdessen huschte er in die dunkle Ecke, wo der Eimer für ihre Notdurft stand. Sie konnte ihn nicht mehr sehen und rief halblaut in seine Richtung: „Hey, bleib hier! Lass mich nicht alleine…“

Wie lange war sie schon diesem … Keller? Verlies? Was immer es auch sein mochte, ihr Zeitgefühl in diesem finsteren Loch war ihr langsam aber sicher abhanden gekommen. Es mochten drei Wochen sein, vielleicht auch drei Monate. Egal. Wieder spürte Lisa diese Gleichgültigkeit in sich hochkriechen. Hatte sie sich tatsächlich mit ihrem Schicksal abgefunden? Würde sie hier langsam wahnsinnig werden und irgendwann verrecken wie ein nutzloses Stück Scheiße? Und der General würde ihr dabei zusehen. Mit seinen hässlichen, braunen Augen würde er sie ansehen, mit diesem vorwurfsvollen Blick und sagen: „Mädchen, tu was! Gib dich nicht auf!“ Doch der hatte leicht reden. Was konnte sie schon tun? Erschöpft schloss sie die Augen, den Geruch von Moder, Urin und Verwesung nahm sie längst nicht mehr wahr. Es war heiß.

Lisa dachte zurück an ihre erste Begegnung mit der Ratte. Normalerweise hatte sie eine Heidenangst vor den Viechern. Nicht so beim General. Vor ein paar Tagen war er einfach dagesessen auf seinen Hinterbeinen, der lange rosa Schwanz wirkte als würde er auf einem Regenwurm sitzen. Er hatte sie gemustert – eben wie ein General bei der Truppeninspektion. Sie hatte sich ein wenig aufgerichtet, quasi Haltung angenommen, und geflüstert: „General?“ Sie hatte keine Ahnung, warum dieser Name, dieser Titel plötzlich in ihrem Kopf war. Der Nager hatte fast unmerklich genickt, doch das war sicher nur Einbildung.

Seither war die Ratte ihr Freund, ihr Verbündeter. Der General sprach ihr manchmal Mut zu, dann wieder stachelte er sie an, sich nicht gehen zu lassen, die Hoffnung nicht zu verlieren, zu kämpfen. Und das Verrückte war: Lisa konnte ihn tatsächlich hören. Natürlich nicht wie eine richtige Stimme – Ratten können nicht sprechen! – aber sie wusste meist ganz genau, was er ihr sagen wollte.

Ein vibrierendes „Plong!“, als würde jemand gegen den Blecheimer in der Ecke klopfen, ließ sie hochschrecken. Sie kniff die Augen zusammen, um in der Dunkelheit besser sehen zu können. Jetzt erkannte sie die Silhouette des Generals, der mit scharrenden Geräuschen etwas vor sich herzuschieben schien. „General, was treibst du da?“ fragte sie leise. „Ich rette dich“, sagte die Stimme in ihrem Kopf. Ungläubig runzelte Lisa die Stirn. Aber dann erkannte sie, was ihr pelziger Freund da anschleppte. Lisa lächelte.

(Ronny)

Mit langen, gierigen Zügen trank er die eiskalte Dose Bier bis zur Hälfte leer. Aaaaahhhh! Wer immer dieses göttliche Gesöff erfunden hat, wahrscheinlich irgendein Johnny Budweiser, würde den Nobelpreis verdienen. Sein Blick verlor sich abwesend in der Ferne, ähnlich einem Baby kurz vor dem Bäuerchen, dann drang ein lang anhaltender, rollender Donner-Rülpser aus seinem fetten, aufgeschwemmten Körper. Zufrieden seufzte er und wischte sich mit seinen Wurstfingern, die aussahen wie ein schmutziger, aufgeblasener Gummihandschuh, über die tropfenden Lippen.

Heute würde er es dem Dreckstück wieder mal ordentlich besorgen. Ihre verzweifelten Schreie, ihr Gewinsel und das Zucken ihres begnadeten Körpers turnten ihn so richtig an. Er wusste natürlich, dass alles nur Show war. In Wahrheit brauchte sie einen richtig harten Fick, dieses geile Dreckstück. Von ihrem Mann Norman, diesem Buchhalter-Weichei, war sie sicher nie nach allen Regeln der Kunst rangenommen worden. Der zündete wahrscheinlich noch eine Kerze vorher an und massierte ihr ne halbe Stunde die Muschi. Ronny grinste. Er hatte der Schlampe doch einen Gefallen getan, als er Norman mit seiner 38er aus nächster Nähe das Gehirn auf die blau gemusterten Küchenfliesen pustete, wo es nutzlos und glibberig wie ungekochter Tintenfisch langsam auf den Boden tropfte. Lisas wundervolle grüne Augen waren fast unnatürlich weit aus den Höhlen getreten, doch kein einziger Schrei kam über ihre Lippen. Stumm hatte sie nach Luft geschnappt, wie eine Forelle am Haken. Ronny spürte, wie sein Schwanz hart wurde. Ja, heute würde er das Dreckstück vögeln, dass ihr mal so richtig die Luft weg blieb. Er setzte die Bierdose an und leerte sie bis auf den letzten Tropfen. Es war heiß.

Schiffbruch mit Stromausfall

Es war vor wenigen Tagen, als ich mich nach einem tropisch-schwülen Arbeitstag mit meiner lieben Gattin Adelheid bei Sonnenuntergang auf der Terrasse niederließ, um bei einem Gläschen Gumpoldskirchner und einem heiter-belanglosen Gespräch den Abend zu genießen. Wir hatten promilletechnisch gesehen noch nicht einmal die Fahruntüchtigkeitsgrenze erreicht, als uns blitzartig ein Sommergewitter überfiel und zurück ins Reihenhaus trieb. „Wenn dir das Leben Zitronen schenkt, mach Limonade draus“, zitierte meine weise Heidi und schaltete den Fernseher ein. Ich besorgte noch rasch ein Schälchen mit Knabbereien, die im Hause Moser bedingt durch meinen beruflichen Background stilsicher aus Goldfischli bestehen. Und so landeten wir ungeplant beim wunderbaren Spielfilm Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger. Ein großartiges Werk, das Frau und Herrn Moser gleichermaßen gefangen nahm. Wir bissen den kleinen Goldfischen Kopf und Schwanz ab, bröselten aufgeregt die Couch voll, und verfolgten gespannt das in atemberaubenden Bildern verfilmte Schicksal des jungen Inders Pi, der nach einem Schiffsuntergang in einem Rettungsboot auf dem Meer trieb. Da sich an Bord des gekenterten Schiffes auch der halbe Zoo seines Vaters befunden hatte, musste sich Pi sein kleines Boot nun mit einer bösartigen Hyäne, einer Orang-Utan-Dame, einem verwundeten Zebra und dem ausgewachsenen Tiger „Richard Parker“ teilen. Wir waren hingerissen und Heidi, die an Filmschicksalen so regen Anteil nimmt als wäre es das wahre Leben, kuschelte sich eng an den vollgebröselten Moser.

Just in dem Moment, als die Situation für Pi überaus prekär wurde und der hungrige Richard Parker sein eindrucksvolles Gebiss fletschte, wurde der Bildschirm dunkel. Nur ein greller Blitz, gefolgt von einem bebenden Donnerschlag, erhellte kurz das Wohnzimmer. Heidis Nerven lagen blank, was sie mit einem spitzen Kreischen zum Ausdruck brachte. Dazu quetschte sie mit erstaunlicher Kraft meinen Oberarm. Nun musste ich die mir als Mann von der Natur zugedachte Rolle des Beschützers und Retters übernehmen. Ich ließ kurz das Adrenalin, das auch meinen Körper durchströmte, wirken und tätschelte Heidis schwarze Mähne: „Ruhig, mein Mädchen, ganz ruhig. Nur ein Stromausfall, alles in Ordnung.“ „Richard… Richard Parker?“ stammelte meine Gattin. „Nein mein Schatz, ich bin´s. Moser.“ Zielsicher aktivierte ich die Taschenlampen-App meines Smartphones. „Keine Panik. Würdest du ein paar Teelichter entzünden, ich sehe mal nach dem Sicherungskasten. Wahrscheinlich hat es den FI gefetzt“, verkündete ich fachmännisch. Vorsichtig tastete sich Heidi zur Schublade unter dem Fernseher, wo schätzungsweise 600 Ikea-Teelichter lagerten. Ich untersuchte im Abstellraum die Sicherungen, konnte aber keine Auffälligkeiten feststellen. Alle Schalter in ordnungsgemäßer Position. Selbst unsere Hausspinne Günther, die zwischen einer alten Reisetasche und der Schachtel mit Christbaumschmuck wohnt, schlief tief und fest.

Als ich zurückkehrte, war das Wohnzimmer in warmes, goldenes Teelicht getaucht. Ich nahm Heidis süßes Köpfchen in meine Hände, drückte ihr einen beruhigenden Kuss auf die Stirn und fummelte ein paar Goldfischli aus ihren schwarzen Locken. „Möglicherweise sind nicht nur wir vom Stromausfall betroffen, sondern die ganze Siedlung“, erklärte ich. „Geh bitte mal raus in den Garten und schau, ob in den anderen Häusern irgendwo Licht brennt.“ Frau Moser, der sehr am besonderen Schicksal des jungen Pi und dem Tiger Richard Parker, und somit auch an der Behebung des Stromschadens gelegen war, eilte widerspruchslos barfuß und im fliederfarbenen Nachthemd nach draußen. Kurz darauf der nächste, markerschütternde Schrei! Was zur Hölle? Immer diese überängstlichen Frauen. Rasch folgte ich ihr auf die Terrasse und leuchtete mit meiner Handy-Taschenlampe in ihr schreckensbleiches Gesicht. „Was ist passiert??!!“ rief ich. Heidi blickte wie hypnotisiert in mein grelles Licht und deutete mit bebenden Lippen nach unten. Der Lichtkegel meiner kleinen Lampe brachte das ganze Unglück ans Licht – auf den nassen Steinplatten wand sich eine halb zerquetschte Nacktschnecke, zwei weitere fette, glitschige Exemplare waren auf einer aussichtslos erscheinenden Flucht. Heidi schluchzte. Sie empfand abgrundtiefen Ekel vor diesen Biestern, die beim ersten Anzeichen von Feuchtigkeit unseren unschuldigen Reihenhausgarten überfielen. Ein weiterer Blitz, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner verlieh der Szene etwas Gespenstisches. Ich nahm mein durchnässtes Weib in den Arm und führte sie zurück ins sichere Dunkel, wo ich ihre schleimigen Sohlen bud und mit flauschigem Frottee trocknete.

Nach etwa einer Stunde lag das Schicksal von Pi noch immer im Dunklen, und ich trat zwecks Erforschung der näheren Umstände vor die Haustüre. Ich blickte in ein gleißendes Licht und jemand schrie: „Halt! Wer da?!“ Ich riss die Hände in die Höhe und rief: „Moser! Bitte nicht schießen!“ „Ahh, der Herr Nachbar“, vernahm ich die militärisch ausgebildete Stimme des Ex-Polizisten und selbsternannten Siedlungswächters Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm. Er stand in voller Kampfmontur unter der dunklen Straßenlaterne vor unserem Haus und richtete den blendenden Strahl einer etwa 5 Kilo schwere Stablampe auf mich. Ein Highway to hell, um ein kleines Wortspiel zwischen Helligkeit und Hölle zu bemühen.  „Haben Sie auch keinen Strom?“ frug ich schüchtern. „Nein, kein Strom! Möglicherweise ist das Umspannwerk in die Hände von Terroristen gefallen und sie planen einen Überfall auf unsere friedliche Siedlung!“ bellte Rotkäppchen wie ein böser Wolf. „Oder es hat ein Blitz eingeschlagen…“ bot ich einen alternativen Lösungsvorschlag an. „Wir werden sehen. Ich bin gerüstet!“ deutete der alte Weinwurm auf ein monströses Jagdmesser an seinem Gürtel. „Gehen Sie zurück ins Haus, Moser. Hier draußen könnte es gefährlich werden.“ Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Bloß weg von diesem Verrückten.

Als geschätzte 45 Minuten später das Licht und der Fernseher wieder angingen, lief gerade der Abspann von Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger über den Bildschirm. Heidi ging enttäuscht zu Bett, und ich besorgte über ein bekanntes Versandhaus im Internet noch rasch den Film auf DVD. Doch vor diesem Filmabend werde ich die Wettervorhersage genauestens studieren, ob sich ja kein Gewitter anbahnt.