Der Automatenflüsterer

Seit mir Big Boss Pfotenhauer den jungen Dr. Cerny in die Abteilung  verpflanzt hat („Ein bisschen frisches Blut kann nicht schaden, Moser!“), hege ich den schrecklichen Verdacht, dass der studierte Neuling entweder als betriebsinterner Spion unsere Effizienz auskundschaften soll, oder – noch schlimmer – als künftiger Nachfolger meiner leitenden Position herangezüchtet wird. Natürlich hat man ihm an der Wirtschaftsuni rein gar nichts über das Fischkonserven-Business beigebracht, jedoch muss ich zugeben, dass sich Cerny unauffällig, aber fleißig in die Materie einarbeitet. Seine überdimensionalen wasserblauen Augen hinter den dicken Brillengläsern sind mir noch immer ein wenig unheimlich, und auch die feine Schicht weißer Schuppen auf den Schultern seiner schwarzen Wollsakkos lässt mich schauern – doch sonst kann ich bisher nichts Nachtragendes über den Burschen sagen. Er verhält sich so unverdächtig, dass es mir höchst verdächtig ist.

Seit wenigen Wochen haben wir einen neuen Kaffeeautomaten auf der Etage, der mich in den Wahnsinn treibt, da er die Heißgetränke nach dem Zufallsprinzip ausschenkt, ohne Rücksicht auf die gedrückte Taste. Gestern machte ich eine interessante Beobachtung. Cerny tätschelte dem Automaten wie einem nervösen Gaul beruhigend die Flanke und sprach eindringlich: „Ganz ruhig, alter Junge. Ich will nur einen Mokka, heiß und schwarz, ohne Zucker. Hast du verstanden? Mokka.“ Dabei klimperte er mit einer Handvoll Kleingeld vor dem Münzeinwurf und sah dem Kasten tief in die aufgedruckten Kaffeebohnen-Augen. Dann fielen 70 Cent in den Schlitz und Sekunden später schnappte sich Cerny einen dunkelbraunen, dampfenden Plastikbecher, schnupperte daran, nahm mit spitzen Lippen einen kleinen Schluck und kehrte lächelnd in sein Büro zurück. Cerny der Automatenflüsterer?

Ich schlich mich seitlich an das mannshohe Gerät, streichelte die Seite mit der Bedienungsanleitung, und hielt ein paar Münzen vor den Einwurf wie Würfelzucker vor ein Pferdemaul. Dazu flüsterte ich: „Hallo alter Junge. Moser hier. Ich will nur einen Cappuccino mit Milchschaum. Hast du verstanden? Ka-pu-tschi-no. Bitte!“ Dann ließ ich das Geld zärtlich in den Schacht gleiten und drückte die Cappuccino-Taste.

Auf dem Weg zurück an meinen Schreibtisch drückte ich den Becher mit heißer Schokolade unserer Vorzimmerdame in die Hand und lächelte: „Hier, für Sie Frau Erna. Sie leisten gute Arbeit!“ Cerny ist mir verdächtiger denn je zuvor.

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Flohmarkt

In der Wiener Innenstadt, im wunderschönen Innenhof des Erzbischöflichen Palais, lockte am verwichenen Wochenende ein Flohmarkt zugunsten notleidender Kinder massenhaft Schnäppchenjäger, Sammler, Bummler und Neugierige an. Meine liebe Adelheid meinte, es sei an der Zeit, endlich mal wieder unsere beschauliche Reihenhaus-Idylle zu verlassen und das karitative Spektakel live zu verfolgen. Da selbst das Wetter noch mehr dem Sommer als dem Herbst zugeneigt war, hatte ich keine überzeugenden Gegenargumente im Talon.

Wir schoben, drängten und zwängten uns also durch die Reihen der Aussteller, umspült von babylonischem Sprachgewirr, und versuchten, keine kleinen Kinder umzutreten. Als ich aber mit meiner brennenden Zigarette den roten Luftballon eines blondgelockten Mädchens mit lautem Knall zum Platzen brachte (unabsichtlich, versteht sich), kassierte ich von Frau Moser einen bohrenden Blick, der sich heißer anfühlte als die stechende Mittagssonne. Das Mädchen zeigte auf mich und rief schreiend nach seiner Mamaaaa! Wie schön wäre es jetzt, im schattigen Gastgarten eines Wirtshauses zu einem goldgelben Schnitzel ein goldgelbes Glas Bier zu schlürfen und die Beine unter dem Tisch auszustrecken! Also frug ich Heidi, ob sie denn eigentlich wüsste, woher der Flohmarkt seinen Namen hat. Sie probierte gerade ein keckes Damenhütchen aus himmelblauem Filz, betrachtete sich kritisch in ihrem Schminkspiegel und sagte: „Nein Moser, warum heißt er Flohmarkt?“

„Im Paris des 18. Jahrhunderts gab es sehr viele arme Menschen, die sich keine neue Kleidung leisten konnten“, dozierte ich. „Deshalb organisierten sie Märkte, auf denen gebrauchte Sachen zum Verkauf angeboten wurden. Gleichzeitig war es mit der Hygiene damals nicht weit her, die Kleider und die Menschen waren zu dieser Zeit meist ziemlich stark verschmutzt.“ Die reinliche Heidi wurde hellhörig. Eindringlich fuhr ich fort: „Nicht nur in den Klamotten fühlten sich daher die Flöhe pudelwohl, auch die dreckigen Leute waren leckere Wirte für das Ungeziefer.“ Bleich drückte Adelheid der Verkäuferin den Filzhut in die Hand und schüttelte den Kopf. Ich war in meinem Element: „So wechselte auf diesen Märkten der eine oder andere Floh den Besitzer. Das kann ganz schön unangenehm sein, denn Flöhe beißen Menschen und saugen ihr Blut! Aber daher kommt die ursprüngliche Bezeichnung marché aux puxes – auf Deutsch: Flohmarkt!“

So unauffällig wie möglich wischte sich Heidi ihre Hände an den Jeans ab und sagte beiläufig: „Moser, ich hab Hunger. Gehen wir etwas essen, in einem schattigen Gastgarten vielleicht?“ Ich tat, als müsse ich kurz überlegen, dann stimmte ich achselzuckend zu: „Gut, wie du willst.“

Innerlich klopfte ich mir auf die Schulter, weil ich vor unserem kleinen Ausflug noch Wikipedia konsultiert hatte.

13 Tage

An dem Tag, als ich von einer schweren Raucherhusten-Attacke gebeutelt, das vollgepackte Frühstückstablett auf Heidis Bettdecke und malvenfarbigen Nachthemd verteilte, beschlossen wir, künftig diesem Laster zu entsagen. In 13 Tagen, am 9. Oktober 2016 soll das neue Leben beginnen. Adelheid hat sich einen Vorrat an Nikotinpflastern angelegt, ich habe mir ein 280 Seiten starkes Buch mit dem vielversprechenden Titel „Ich rauche gerne… und hör jetzt auf!“ zugelegt. Heute habe ich mit der Lektüre, die den Untertitel „Nichtraucher in 30 Tagen“ trägt, begonnen. Ich muss also schneller lesen, um die Differenz von 17 Tagen aufzuholen.

Jetzt müssen Sie mich aber entschuldigen, Heidi hat uns etwas Gumpoldskirchner eingeschenkt und wartet auf der Terrasse auf mich. Zu einem Gläschen kalten Weißwein schmeckt die Zigarette am besten.

Spannung & Entspannung

Heute morgen um 8:00 früh saß ich mit „Ach Heidi“ auf der Terrasse unseres Gartens und wir genossen nach einer entspannenden Nacht einen Cafe Latte samt Lungenbrötchen. Trotz strahlend blauem Himmel war es bereits herbstlich kühl und da Adelheid zur Spezies der frierenden Frauen gehört, verabschiedete sie sich nach ihrer Koffein- und Nikotindosis mit den Worten: „Ich nehme jetzt ein heißes Entspannungsbad! Bitte nicht stören!“ Ich nahm es nickend zur Kenntnis und badete lieber – nur mit T-Shirt und Unterhose bekleidet – in den Strahlen der Morgensonne.

Schließlich wurde auch mir zu kalt und ich wollte das wärmende Innere unseres Hauses aufsuchen. Doch was war das? Ich rüttelte an der Terrassentür, aber diese war offensichtlich versperrt – und ich ausgesperrt. Adelheid hatte wohl die Glastür reflexartig und unbedacht hinter sich geschlossen. Ich trommelte heftig und gleichzeitig vorsichtig an die Scheibe, morste S.O.S. (dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz …—…), rief laut und gleichzeitig leise, um die sonntägliche Ruhe der Nachbarschaft nicht zu stören: „Heidi! Hilfe!“. Ich legte das Ohr ans Glas und hörte sie im Badezimmer laut und falsch mit Marylin Monroe um die Wette singen. Diamonds are the girls best friend. Sicherlich lag sie im wohltemperierten Badegewässer, bis zur Nasenspitze mit duftendem Pfirsichschaum umhüllt, und war durch Kopfhörer von der Umwelt abgeschlossen. Langsam verfärbten sich meine Lippen und Fingerspitzen bläulich.

Ein Plan musste her, da Heidi normalerweise mindestens 1 Stunde in der Badewanne entspannt, und ich ihre Unachtsamkeit nicht mit einer Lungenentzündung oder erfrorenen Zehen bezahlen wollte. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und spazierte in T-Shirt und meiner weißen Jockey-Unterhose durch die halbe Siedlung, um rückwärtig an der Haustür Sturm zu läuten und dadurch bei Adelheid Gehör zu finden. Auf halbem Weg kam mir die alte Frau Kiesling entgegen, die mit weißem Halstuch und beigem Herbstmantel wahrscheinlich auf dem Weg in die Kirche war. Ich tat als sei alles in bester Ordnung, grüßte Gott und Frau Kiesling, und hastete gesenkten Hauptes zum unserem Haupteingang. Ich dingdongte mindestens fünf Minuten, ehe Frau Moser, bekleidet mit einem Handtuch-Turban und rosa Frottee-Bademantel, die Tür öffnete. „Was machst du in diesem Aufzug hier??!“ blickte sie mir entsetzt auf die Unterwäsche. „Ich dachte, du sitzt im Garten? Und warum zitterst du so?“ Ich stürmte an ihr vorbei ins Badezimmer und sprang ins vermeintlich heiße Wasser. Leider war es nicht mal mehr lauwarm.

McShopping

Wie dem treuen Leser gewiss noch erinnerlich, entrümpelte Frau Moser vor einiger Zeit meinen Kleiderkasten und spendete einen nicht unerheblichen Teil meiner Garderobe, inklusive origineller Fliegen- und Krawattensammlung, an das Rote Kreuz. Dies war ein schmerzlicher Prozess, da gerade mein dekorativer Halsschmuck aus den 80er und 90er Jahren datierte und einen persönlich-historischen Wert darstellte. Aber der grausamste Teil der Spendenaktion stand nun bevor. Adelheid zerstöre meine televisionären Samstagspläne mit den Worten: „Moser mach dich fertig, wir gehen shoppen! Du musst neu eingekleidet werden.“

Ich gestehe, dass ich kein begnadeter Shopper bin. Der Erwerb neuer Kleidung ist für viele Zeitgenossen und -innen ein Vorgang, der mit Lust und Befriedigung (im textilen Sinne) verbunden ist. Ich hingegen würde lieber für eine Kompanie Soldaten 100 kg Zwiebel schälen und schneiden, als mich stundenlang durch ein Einkaufszentrum zu quälen, die chemiegetränkte Luft der in Südostasien (von Kinderhand?)  gefertigten T-Shirts und Damenblusen einzuatmen, und mich in viel zu engen Umkleidekabinen von einer Hose in die andere zu quälen. Doch diese Alternative stand nicht zur Debatte.

Die von Adelheid ausgesuchten schwarzen Hosen Nummer 1 und 2 wollten sich partout nicht mit meinem kleinen Wohlstandsbäuchlein anfreunden, aber als sie mir das dritte Beinkleid durch den Kabinenvorhang reichte, war die Freude groß – die Hose passte. Mit emporgerecktem Daumen gab ich Heidi positiven Bescheid und wanderte Richtung Kasse. Aber zu früh gefreut: Mein liebes Eheweib nahm das gute Stück näher in Augenschein und meinte: „Die kostet ja 34,99! Viel zu teuer. Komm, wir sehen uns noch bei K+L und D&B (Namen von der Red. geändert) um!“

Drei Stunden später brannten meine Augen und Füße, außerdem war ich dem Hungertod nahe. Adelheid hingegen pflügte wie ein Schlachtschiff durch den Menschenozean und steuerte zielsicher eine „Schuhinsel“ an. Plötzlich schlich sich der Geruch gebratener Hamburger und knuspriger Pommes in die Moser´sche Nase. Und da sah ich auch schon das Wahrzeichen der amerikanischen Restaurantkette, die ich für mich gerne auch „Zur Goldenen Möwe“ nenne. Aus meinem linken Mundwinkel tropfte Speichel und ich warf Heidi flehentliche Blicke zu. Doch die war im Einkaufsrausch, ihre Augen leuchteten schnäppchengeil und durch eine Adrenalin-Überdosis aufgeputscht meinte sie zu mir: „Moser, ich finde Shoppen toll! Du nicht auch??“ Leise murmelte ich: „I´m lovin´ it.“

Foto: Stern.de

Cerny kommt!

Ich saß in meinem Büro, kaute an einem 3H-Bleistift und versuchte den Eindruck zu erwecken, geschäftliche Entscheidungen von großer Tragweite auszubrüten. In Wahrheit überlegte ich, Heidis silbern gerahmtes Foto auf meinem Schreibtisch auszutauschen – meine damals frisch Angetraute (in gepunktetem Strandkleid und mit Dauerwelle) bei unserer Hochzeitsreise in Rimini 1987 gegen die aktuelle Heidi 2016. Quasi Frau Moser 2.0.

Mitten in mein Grübeln platzte Direktor Erwin Pfotenhauer, an seiner Seite ein junger Schnösel mit rötlichem Kinnbart, schwarzem Rolli und kariertem Sportsakko. „Moser, das ist Dr. Cerny! Frisch von der Wirtschaftsuni, Betriebswirtschaftslehre“, polterte mein Chef und legte dem studierten Herrn seine behaarte Pranke jovial auf die Schulter. „Er wird Ihre Abteilung verstärken. Ein bisschen junges Blut kann nicht schaden, oder?!“ zwinkerte mir Pfotenhauer verschwörerisch zu. Das junge Blut schien offensichtlich unter eklatanter Sehschwäche zu leiden, denn seine Brillengläser waren dick wie Panzerglas, hinter denen die blauen Augen grotesk vergrößert waren. Ich nahm militärische Haltung an und dienerte: „Jawoll Herr Magister, Herr Direktor!“ „Nun gut Moser“, verabschiedete sich Pfotenhauer. „Dann beschnuppern Sie sich mal, ich muss zur Vorstandssitzung!“ Und weg war er.

Ein Neuer in meiner Abteilung? Was zum Henker führte mein durchtriebener Chef im Schilde? Wollte er mich etwa ausbooten, mich durch einen jungen Herrn Doktor von der Uni ersetzen? Mir wurde flau im Magen und ich hatte absolut keine Lust, an Cerny zu schnuppern. Cernys Augen schwammen wie exotische Zierfische in einem Aquarium nervös hin und her. Mit bebender Unterlippe murmelte ich „Entschuldigung“ und verschwand Richtung Toilette. Dort schloss ich mich in einer Kabine ein und schickte kreidebleich meiner Heidi per Whats App die Nachricht Cerny ist da. Er sägt an meinem Sessel!

Postwendend antwortete sie: Das trifft sich gut! Frag den Tischler, ob er für den Garten einen kleinen Geräteschuppen zimmern würde. Und was es kostet! Bussi A. M.

Ich denke, das Rimini-Dauerwellenfoto tut es noch eine Weile.

Foto: Kostümpalast.de

Es weihnachtet sehr…

Als mir heute Morgen Adelheid die Plastikbox mit Jausenbroten in die Hand und einen feuchten Schmatz auf die Wange drückte, gab sie mir auch einen Auftrag mit: „Moser, bring auf dem Heimweg einen Liter Milch aus dem Supermarkt mit!“ Auf meinen fragenden Blick strich sie mir mit dem Handrücken über die Wange und ergänzte: Keine Soja- oder Mandelmilch, keine Kokos- und keine H-Milch. Ganz normale Kuhmilch, also Vollmilch von der Kuh. Und keine Magermilch. Die gute, mit 3,6% Fett. Du schaffst das schon! Ich memorierte Heidis Anweisungen und begab mich auf den Weg in die Fischkonservenfabrik.

Als ich am späten Nachmittag den Supermarkt betrat, war ich etwas verwirrt. Der mir dargebotene Blick wich doch erheblich von dem mir gewohnten Bild ab. Nach den frischen Backwaren und vielen grünen Gemüsen landete ich in einer Art Winterwonderland – in diversen Papp-Aufstellern türmten sich Lebkuchen in vielfältigen Ausformungen, die wundersamen Spekulatius-Kekse lockten mit zimtigen Genüssen, und zwischen alltäglichen Naschereien lugten sogar schon ein paar Nikoläuse hervor. Wo war ich gelandet? Spielte mir das Raum-Zeit-Kontinuum einen Streich, saß ich noch in meinem Büro und träumte? Nach meiner Zeitrechnung schrieben wir erst den 19. September, gut drei Monate vor Heiligabend, und der Supermarkt prahlte bereits mit weihnachtlich geformter Vollmilchschokolade und Dezember-Gebäck!

Gerade als ich auf meinem Smartphone eruierte, dass in Wien Sonnenschein bei 23° Celsius zum Flanieren und einem Coup Heiße Liebe locken, bog Abteilungsleiter Azim mit einem Einkaufswagen voller Mandelgebäck und Christstollen um die Ecke. Als mich der gute Mann erblickte (ich bin in unserer Filiale durchaus bekannt), wollte er unauffällig in den benachbarten Gang abbiegen, aber ich signalisierte ihm mit meiner ausgetreckten rechten Handfläche ein konsumentenorientiertes Stopp! „Herr Azim“, legte ich ihm von Abteilungsleiter zu Abteilungsleiter meine Hand um die braun ummantelte Schulter, „wenn ich richtig rechne, muss ich noch rund 78 Mal schlafen, bis der Nikolaus kommt. Und ungefähr 94 Mal bis das Christkind kommt. Warum also präsentierten sie hier mitten im Spätsommer schon das Halleluja der Geburt Christi?“

Herr Azim erbleichte und stammelte etwas von Kundenwünschen, Vorlauf und Konzernzentrale. Zärtlich wischte ich ihm einen Schweißtropfen von der Stirn. „Also kann ich, Ihrer Argumentation folgend, im Januar in ihrem geschätzten Etablissement bereits mit schokoladigen Osterhasen rechnen?“ Auf diese Frage war der Abteilungsleiter in seinen Schulungsseminaren wohl nicht vorbereitet worden. Und ehe ich mich für sein Stottern zu sehr fremdschämen musste, lenkte ich ab: „Herr Azim – wo finde ich jetzt 1 Liter Milch? Also keine Soja- oder Mandelmilch, keine Kokos- und keine H-Milch. Ganz normale Kuhmilch, reine Vollmilch von der Kuh. Und keine Magermilch. Die gute, mit 3,6% Fett. Wo?“

Ich glaube, der Abteilungsleiterfinger zitterte leicht, als er Richtung Kühlregal wies.

Foto: Süddeutsche Zeitung

Blasenschwäche

Es ist Sonntagabend. Ich sitze mit Heidi auf unserer heimeligen Couch und berichte von Pfotenhauers Geburtstag. Im Fernsehen läuft Werbung. Als ich zu der Passage komme, wo ich mit meinen handgeschöpften Marmeladen an den Direktorenschreibtisch trete und „Happy Birthday“ singe, prustet Frau Moser los bis das Sitzmöbel bebt. Geduldig warte ich, bis ihre Lachattacke vorüber ist – doch gleich darauf streckt sie ihr süßes Näschen witternd in die Luft und niest laut Hatschi! Hatschi! Hatschi! kurze Pause. Hatschi! vier Mal.

In diesem Moment erscheint eine aparte Werbedame in den besten Jahren auf dem Bildschirm und preist mit den Worten: „Ich lache. Ich niese. Ich habe Blasenschwäche“ eine diskrete Damenbinde an. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und blicke Adelheid fragend an.

Sie erahnt die unausgesprochene Frage und mahnt: „Verkneif es dir, Moser!“ Ich nicke: „Natürlich mein Schatz. Always. Habe ich schon erwähnt, dass Direktor Pfotenhauer Diabetiker ist?“

Foto: Always

Liebster Award!

Nun hat es Ihren Herrn Moser auch erwischt. Der von mir überaus geschätzte Kollege Joachim Schlichting, der uns die Welt so anschaulich physikalisch näherbringt, hat mich für würdig befunden, für diesen Preis nominiert zu werden. Diese Anerkennung mag zwar kein „Oscar“ sein, dennoch lege ich meinen virtuellen Smoking an, trete an das Rednerpult und sage Dank! Danke an Herrn Schlichting, dessen Blog ich allen wachen Geistern nur empfehlen kann; danke an meine geliebte Adelheid, die mich mit viel Überredungskunst und mithilfe einiger Gläschen Gumpoldskirchner zu diesem Blog gedrängt hat… und natürlich ein rauschendes Dankeschön an meine lieben Leser und Abonnenten! Ihr beweist guten Geschmack und eine große Portion augenzwinkernden Humor! Ich bin ja noch ein junger Hering in diesem großen Blogger-Ozean, doch habe ich es über den Sommer zu einer (noch relativ) kleinen, aber treuen Gefolgschaft gebracht, die mich mit ihren Likes und Kommentaren immer wieder ermutigen, meine Erlebnisse mit euch zu teilen. Nun aber zu den mir von Kollegen Schlichting gestellten Fragen, die ich gemäß den Statuten hiermit beantworte:

  1. Was motiviert dich zu bloggen? Meine skurrilen und zum Teil recht abenteuerlichen Erlebnisse mit euch zu teilen, ist mir ein großes Vergnügen. Ich zaubere euch gern ein Lächeln oder gar Lachen ins Gesicht. Außerdem tritt mich Heidi täglich in den Allerwertesten 🙂
  2. Wie wichtig sind für dich Rückmeldungen? Feedback ist das Um und Auf. Ohne Likes und Kommentare könnte ich meine Geschichten auch in ein Notizheft schreiben.
  3. Betreffen die Themen deines Blogs deinen Beruf, dein(e) Hobby(s) bzw. Freizeitgestaltung oder beides? Mein Blog betrifft das gesamte Leben von Herrn Moser zwischen Reihenhaus und Fischkonservenfabrik.
  4. Welchen „Nutzen“ ziehst du aus der Lektüre anderer Blogs? Ob Rezepte, Fotos, Gedanken, Songs, Sinniges oder Unsinniges: Viele eurer Blogs sind wichtiger und interessanter Bestandteil meines Lebens geworden.
  5. Ist der Blog für dich eine Alternative zu klassischen Formen der Publikation (Bücher, Zeitschriftenbeiträge u.ä.) Nicht Alternative, vielmehr Ergänzung.
  6. Wie sieht für dich der ideale Urlaub aus? Mit meiner geliebten Heidi in einem Hausboot durch die Kanäle und Gewässer Irlands zu schippern. Fern von Mag. E. Pfotenhauer. (Leider wird das ein ewiger Traum bleiben, da Adelheid schon beim Anblick einer Regenpfütze seekrank wird). 
  7. Kannst du im Urlaub auf das Bloggen oder gar auf jegliche Netzaktivität verzichten? JA! Ein Leben ohne Internet ist möglich. Aber sinnlos.
  8. Was bedeutet für dich Natur und Naturerkenntnis? In einem meiner frühen Beiträge habe ich meine diffizile Einstellung zur Natur beleuchtet. Kurz: Die freie Wildbahn ist nicht die Wohlfühlzone von Herrn Moser.
  9. Hast du das Bedürfnis, eindrucksvolle, geheimnisvolle oder nur interessante Naturphänomene zu verstehen oder siehst du Erklärungen eine Art Entzauberung? Bedürfnis wäre zuviel gesagt. Aber wenn ich eine interessante Doku im Fernsehen sehe, die meinen Horizont erweitert – gerne!!
  10. Wanderst du gerne und wenn ja, worauf kommt es dabei für dich besonders an? Das Wandern ist des Müllers Lust…. ich bin aber leider kein Müller, sondern ein Moser.
  11. Hast du das Bedürfnis, eindrucksvolle Erlebnisse und Beobachtungen zu dokumentieren und/oder mit anderen zu teilen oder behältst du sie lieber für dich? Meine eindrucksvollsten Erlebnisse teile ich mit Adelheid und meiner Lesergemeinde.

Um die Vergabe dieses Awards nicht zu einer inflationären Schleuderaktion zu machen, nominiere ich meinerseits nur zwei Blogger (verdient hätten es natürlich wesentlich mehr):

Judi Blue – damit sie in ihrem Beitrag endlich schreiben kann: „Glück ist … von Herrn Moser für den Liebster Award nominiert zu werden!“ 🙂

den Einsiedler – weil er einfach crazy ist!

Mit folgenden Fragen sollen sich die Auserwählten quälen:

  1.  Für den kleinen Hunger zwischendurch: Schokoriegel oder Heringsfilets in Tomatensauce?
  2. Ein guter Flaschengeist bietet dir ewiges Leben: Nimmst du an?
  3. Smartphone und jederzeit verfügbares Internet: Fluch oder Segen?
  4. Du darfst für 24 Stunden in eine beliebige Vergangenheit reisen: Was wäre deine Wahl?
  5. Weihnachten: Freude oder Frust?
  6. Weiche Drogen für den Eigenbedarf freigeben?
  7. Du bist zum Tode verurteilt: Was wäre deine Henkersmahlzeit?
  8. Welches Buch würdest du auf die berühmte einsame Insel mitnehmen?
  9. Welches Gesetz würdest du sofort abschaffen?
  10. Auf einer Skala von 1 – 10: Wie wichtig ist dir das Bloggen?
  11. Über welche dieser Fragen musstest du am längsten nachdenken?

Der Leitfaden für die nominierten Blogs lautet wie folgt:

  • Danke der Person, die dich für den Liebster Award nominiert hat und verlinke den Blog in deinem Artikel.
  • Beantworte die 11 Fragen, die dir der Blogger, der dich nominiert hat, stellt.
  • Nominiere zwischen 2 und 11 Blogger für den Liebster Award. Das sollten möglichst solche sein, die noch wenig bekannt sind, aber empfehlenswerte Inhalte bieten.
  • Stelle eine neue Liste mit 11 Fragen für deine nominierten Blogger zusammen.
  • Schreibe diese Regeln in deinen Liebster-Award-Blog-Artikel.
  • Informiere deine nominierten Blogger über den Blog-Artikel.

Fettnäpfchen

In den letzten Nächten sah man Frau Moser und mich über dampfenden Töpfen fuhrwerken, allerlei geheimnisvolle Zutaten kleinschneiden, Gewürze und Kräuter mörsern; wir rührten, gelierten, schmeckten ab und  füllten um. In unserer kleinen Hexenküche herrschte Hochbetrieb, und Adelheid schrieb in ihrer filigransten Schönschrift Zwetschgen-Bananen-Marmelade, Holunderblütengelee mit Ingwer, Himbeer-Rhabarber-Konfitüre und Marillen-Kakteenfeigen-Marmelade auf dekorative Selbstklebe-Etiketten. Mit diesen hausgemoserten süßen Köstlichkeiten verfolgte ich nämlich einen perfiden Plan: Damit wollte ich meinem  vorgesetzten Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer ein ganz persönliches, liebevolles Geschenk zum 50. Wiegenfest bereiten und mich damit an die Spitze seiner Lieblingsabteilungsleiterliste setzen. Die Gehaltserhöhung ist längst überfällig.

Heute war es soweit. Pfotenhauer tat gerührt und überrascht, als meine Kollegen und Kolleginnen ihre Geburtstagsgaben darbrachten – handgeschnitzte Zigarrenkisten, ein Gutschein für einen Tandem-Fallschirmsprung, ein Candlelight-Dinner in einem Baumhaus-Hotel, russischen Kaviar auf Eis, ein Abonnement seiner Lieblingszeitschrift „Yacht Revue“ und allerhand Plunder mehr. Schließlich hatte ich meinen großen Auftritt. Stolz stellte ich eine golden lackierte Holzkiste auf den Tisch, darin schepperten fünf große Gläser selbstgemachter, ausgefallener Moser-Marmeladen. Meine Backen glänzten, als ich unserem Konservendirektor (als einziger!) Happy Birthday to you! sang und kundtat: „Sehr verehrter Herr Magister! Ein kleiner süßer Geburtstagsgruß von meiner Frau Adelheid und mir. Selbstgemacht!“

Pfotenhauer nahm ein Glas nach dem anderen aus der Kiste und beäugte es skeptisch. Schließlich räusperte er sich und sah mich fragend an: „Spekulieren Sie auf meinen Posten, Moser? Wenn ich das Zeug verputze, erlebe ich meinen nächsten Geburtstag nicht mehr – ich bin schwerer Diabetiker!“ Im Büro herrschte betretenes Schweigen. Eigentlich war Heidis Vorschlag, Pfotenhauer eine silberne Krawattennadel zu schenken, gar nicht so schlecht.