Ruhetag

Die Ereignisse der letzten Tage – meine Inkognito-Aktion im Supermarkt, das singende Herzilein-Telegramm und Heidis Ohnmacht, sowie der Kalorien-Overkill bei Schwiegermama Inge – haben mich einiges an Kraft und Nerven gekostet. Ich habe mich also selbst als Pflegefall eingestuft und lege heute die Beine hoch. Am Montag begebe ich mich wieder an meinen Schreibtisch und in die Fänge von Mag. Erwin Pfotenhauer. Der tägliche Wahnsinn wird weitergehen. Bleiben Sie mir gewogen.

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Schwarzwälder Kirsch

Inge, die Frau Mama meiner angetrauten Adelheid und somit auch meine Schwiegermutter, ist eine überaus freundliche und rüstige Nichtraucherin in ihren 70ern. Oft gut gelaunt und stets damenhaft gepflegt, trägt sie ihr weißes Haar perfekt onduliert, verströmt Veilchenduft und wirkt auf den ersten Blick mehr wie eine Literaturdozentin an der Harvard University denn wie eine unternehmungslustige Wiener Pensionärin.

Gestern lud Inge Frau Moser und mich zu Kaffee und Kuchen auf den Balkon ihrer mit zahllosen, peinlich genau entstaubten Porzellanfigürchen dekorierten Wohnung. Zur Information der Leserschaft sei erwähnt, dass dieses Musterexemplar einer Schwiegermutter auch eine kleine Marotte hat: Sie wird von der Angst geplagt, ihre Besucher könnten „vom Fleisch fallen“ und hungrig ihr Porzellanpuppenheim verlassen.

Zu meiner großen Freude stellte Inge eine Schwarzwälder Kirschtorte auf die Kaffeetafel – seit Jahren unangefochten auf Platz 1 meiner Kuchen- und Torten-Hitparade. Nachdem die ersten überdimensionierten Stücke der Köstlichkeit den Weg alles Irdischen gegangen waren, legte Heidis Mama umgehend und ungefragt eine zweite Runde nach. Als sie das Tortenmesser zum dritten Mal zückte, hob ich abwehrend die Hände und aus meinem cremig-schokoladigen Kirschmund war ein ersticktes „Nein danke!“ zu hören. Doch Inge duldet in Essensangelegenheiten keinen Widerspruch.

„Kinder, was darf ich euch noch bringen?!“ frug unsere mütterliche Gastgeberin, nachdem gut zwei Drittel der kreisrunden Kalorienbombe in unseren Mägen explodiert war. Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie in der gut sortierten Küche und kam mit einem Silbertablett voll mit delikat belegten Sandwiches wieder. Sie meinte, ich hätte während meines dreiwöchigen Aufenthaltes in Schweden ohnehin nichts gegessen. Um die besorgte Frau nicht zu vergrämen, schob ich noch zwei Salamibrötchen mit Mayonnaise und Gürkchen in Herrn Moser. Kaffee und Pfirsich-Eistee flossen in Strömen.

Als wir zwei Stunden später zum Auto wankten, die restliche Torte sicher eingetuppert im leichten Marschgepäck, war mein zitronengelbes Kurzarmhemd zum Zerreißen gespannt. Der prall gefüllte Wanst folgte der Erdanziehung und so stolperte ich mit hängenden Schultern und in Vorfreude auf meinen kunstledernen Fernsehsessel vor mich hin. Bis mich ein stechender Schmerz im Rücken aus meinem Dämmerzustand riss. Frau Moser hatte mir den Autoschlüssel in die Wirbelsäule gebohrt und zischelte: „Geh gerade, nicht so gebückt wie ein alter Mann!“ Gehorsam richtete ich mich auf, Schultern zurück, Bauch raus. Dabei sprengte ich einen Hemdknopf in den Rinnstein, was Heidi mit „Und abnehmen könntest du auch wieder mal!“ kommentierte.

Versöhnung

Ich kann allen Ehemännern nur raten: Begleitet eure Frauen niemals mit falschem Schnurrbart verkleidet in den Supermarkt und flieht nicht in Panik, wenn der Chef anruft. Frau Moser hat mir die gestrige Aktion sehr übel genommen. Sie musste den monströsen, vollgepackten Einkaufswagen alleine zum Parkplatz karren, wo ich auf dem Beifahrersitz wartete… den Strohhut tief ins Gesicht gezogen. Adelheid war offenbar verärgert, nannte mich einen Spinner und überschritt auf dem Heimweg zweimal die erlaubte Höchstgeschwindigkeit.

Um den schiefen Haussegen wieder ins Lot zu bringen, erarbeitete ich eine Versöhnungsstrategie. Während Frau Moser in der Küche Dosenravioli, Cornflakes und gefrorene Pizza Hawaii in ungekühlten und tiefgekühlten Schränken verstaute, durchforstete ich heimlich das Internet nach Blumenbringdiensten… und stieß auf ein außergewöhnlich romantisches Angebot.

Ich machte auf unschuldig, saß in meinem Lesesessel und blätterte in der Tageszeitung. Heidi spielte eine Runde Quizduell auf ihrem Handy, als es pünktlich um 15:00 an der Tür klingelte. In einer oscarreifen Darstellung zog ich verwundert die Augenbrauen nach oben und fragte: „Erwartest du jemanden?“ Sie zuckte mit den Schultern und öffnete.

Draußen stand Alleinunterhalter Chris in einem rosa Rüschenhemd und streckte meiner Liebsten einen Blumenstrauß in allen Regenbogenfarben entgegen. Dazu sang er als singendes Telegramm, wie von mir gewünscht und umgetextet, den großen Hit der „Wildecker Herzbuben“:

Heidilein

du mußt nicht traurig sein
ich weiß
du bist nicht gern allein
und schuld war doch nur der Wein
-und du sagst sicher:
Spatzilein
ich werd‘ dir noch einmal verzeih’n.
Die Hauptsache ist
du kommst heim
– so kann nur ein Engel sein…

Heidilein…

Doch anstatt mir gerührt und versöhnt in die Arme zu fallen, sackte Heidilein ohnmächtig in meine Arme. Wahrscheinlich waren die Freude und die Überraschung zu groß.

Inkognito

Mit Angina offiziell „krank“ geschrieben, verbringe ich diese Tage mehr oder weniger untätig in unserem gefälligen Reihenhäuschen. Ein Umstand, der meiner mir sonst sehr zugeneigten Gattin Adelheid ein Dorn im Auge ist. Und weil sie für den heutigen Tag das Wörtchen „Großeinkauf“ im Kalender eingetragen hat, verdonnerte sie mich zu aktiver Mithilfe. Ich erklärte ihr, dass ich mich in meinem beklagenswerten Zustand keinesfalls in die Öffentlichkeit wagen dürfe, ohne Gefahr zu laufen als Betrüger entlarvt zu werden. Heidi schmetterte meinen Einwand mit einem entrüsteten „Moser!“ gnadenlos ab.

Um mich wenigstens ein bisschen vor den neugierigen Blicken eventuell vorbeikommender Kollegen zu schützen, klebte ich mir einen schwarzen Schnurrbart ins Gesicht, der mir schon als Pirat im letzten Fasching wertvolle Dienste geleistet hatte. Mit einem saloppen Strohhut und meiner dunkelsten Sonnenbrille war die Tarnung perfekt. Heidis Kopfschütteln und Händeringen ignorierte ich gefließentlich.

Wir fuhren in einen dieser Monster-Supermärkte, wo schon die Abteilung für holländischen Schnittkäse größer ist als unser Garten, und die Einkaufswagen mehr Platz bieten als der Kofferraum unseres spanischen Flitzers. Irgendetwas war Frau Moser peinlich, denn sie ging 5 bis 7 Schritte vor mir und warf die farbenfroh verpackten Konsumgüter aus sicherer Entfernung in den vergitterten Großraumwagen. Dabei würdigte sie Moser Inkognito keines Blickes.

Inmitten der Gemüseabteilung spielte mir mein Smartphone das Lied vom Tod – der Klingelton für Boss Pfotenhauer. Heidi signalisierte mir mittels ausgefeilter Mimik und Gestik, um Gottes willen nicht ranzugehen. Zu spät. Reflexartig drückte ich das grüne Antwortknöpfchen. „Moser“, hechelte ich leidend. „Grüß Sie Moser! Wie steht´s um das werte Befinden?“ erkundigte sich Pfotenhauer. In dieser Sekunde ertönte in den riesigen Hallen des Einkaufstempels ein Gong und eine warme Damenstimme bat eine Frau Schneider zur Kassa dreizehn. In Panik begann ich laut und verzweifelt zu husten, um die unerwünschte Durchsage zu übertönen. Dann drückte ich den roten Beenden-Knopf und stürmte zwischen Essiggurken und Krautsalat Richtung Exit als wäre der Teufel hinter mir her. Kurz vor dem Ausgang verlor der Fake-Schnurrbart seine Haftung und glitt unter ein Regal mit Damenbinden. Doch das war mir egal. Ich wollte nur noch heim ins Bett, mich endlich so richtig auskurieren.

Im Krankenbett

Um dem peinlichen Irrsinn einer Cocktailparty im Garten meines Chefs zu entkommen, habe ich mich bekanntlich mit schwerer Angina bei Direktor Pfotenhauer höchstpersönlich sowie im Personalbüro krank gemeldet. Mit seinem unnachahmlich lahmen Humor sandte mir der Konservenboss eine E-Mail mit folgendem Inhalt: Bessern Sie sich, Moser 😉 LG, Mag. E. Pfotenhauer

Um nun meinen Krankenstand realistisch und glaubhaft wirken zu lassen, habe ich mein geliebtes Adelheidchen gebeten, mir einen warmen Halswickel umzulegen. Sie ist meinem Wunsch aber nur augenrollend und tief seufzend nachgekommen. Danach stülpte ich meinem klugen Kopf ein Handtuch über und inhalierte heißen Wasserdampf aus unserem Spaghettitopf. Als ich mitgenommen genug aussah und mir der Schweiß aus allen Ritzen tropfte, setzte ich meine Leidensmiene auf und schoss ein Selfie, welches ich dem Magister als Antwort mailte. Anschließend dekorierte ich mein Nussbaum-Nachtkästchen mit Fieberthermometer, Lutschtabletten, fiebersenkenden Schmerzmitteln und einer Flasche gefährlich grünem Hustensaft. Nur zur Sicherheit, falls mir die Krankenkasse überfallsartig und unangemeldet einen ihrer Spione ins Haus schickt.

Glaubwürdigkeit ist – speziell bei einer vorgetäuschten Krankheit – enorm wichtig. Ich legte mich also ins Bett und rief nach Frau Moser. „Ach Heidi“, stöhnte ich, „würdest du so lieb sein und mir eine Hühnersuppe kochen? Auch ein lauwarmes Apfelkompott wäre nicht verkehrt! Und bitte bring mir doch das Kreuzworträtsel aus dem Wohnzimmer.“ Adelheid sah mich an, als hätte mich ein Hubschrauber gestreift. „Moser, wenn du vor die Hunde gehst, fülle ich dich vorher mit zwei Kilo Maiskörnern ab, damit wenigstens die Einäscherung unterhaltsam wird.“

Limonade unplugged

Da ich mich mittels „schwerer Angina“ selbst von der lästigen Pflicht entbunden habe, heute nachmittag mit Direktor Pfotenhauer und Konsorten Cocktails zu schlürfen, habe ich ein wenig Muße, Ihnen eine kleine Geschichte zu erzählen.

Dieser Tage feiert der Neffe meiner liebsten Adelheid seinen 13. Geburtstag. Neo-Teenager Luki ist ein pfiffiger Kerl, seines Zeichens diplomierter Pokémon-Jäger und ausgewiesener Fußballfan, wobei es ihm besonders der Wiener Traditionsclub SK Rapid angetan hat. Und so kam Frau Moser auf die in ihren Augen „grandiose Idee“, Luki anläßlich seines Wiegenfestes mit Tickets für das entscheidende Europa League-Spiel der Grün-Weißen gegen den AS Trencin zu beschenken. Begleitpersonen: Herr und Frau Moser. Ich muss nicht extra betonen, dass mir die Aussicht auf zwei Stunden, gefangen in einem Stadion inmitten von 21.000 Menschen, kalte Schauer über den Rücken jagte. Mein Desinteresse an Fußball wird eigentlich nur von meiner Agoraphobie übertroffen, also der Angst vor weiten Plätzen und Menschenansammlungen.

Ich will meine geneigten Leser gar nicht mit Berichten über die Mega-Staus bei An- und Abfahrt oder betrunkene, grölende Rapid-Anhänger, die ihre rasierten Glatzen mit dem Vereinslogo tätowiert hatten, langweilen. Auch die fehlende Beschilderung zu unseren Sitzplätzen, sodass wir in dem tobenden Rund herumirrten wie Hänsel und Gretel im Wald, soll nicht Gegenstand dieser Geschichte sein. Nein, ich erzähle Ihnen, wie im Jahr 2016 der simple Erwerb kalter Erfrischungsgetränke vor sich geht.

Als wir endlich unsere Plätze inmitten von trommelnden, torkelnden, schreienden Fußballfreunden eingenommen hatten, verspürten Frau Moser und Klein-Luki trockene Kehlen. „Geh, hol uns schnell was zum Trinken!“ schickte mich Heidi auf Abenteuerreise. Bereits nach 14 Minuten hatte ich unter dem Schild „IMBISS Speisen & Getränke“ eine zirka 15 Meter lange Menschenschlange aufgespürt. Weitere 16 Minuten später stand ich einer adretten Studentin am Tresen gegenüber, wedelte mit einem 20-Euro-Schein und bat mit letzter Kraft um drei Limonaden. Doch die Zeiten, als man einfach Geld gegen kühle Getränke tauschen konnte, sind vorbei. Limonade unplugged war gestern, heute ist selbst dieser Vorgang elektronisch verstärkt. Das Stadionfräulein klärte mich auf, dass ich zuerst so eine Art Wertkarte erwerben müsse, welche elektronisch aufgeladen wird. Damit könne ich wiederkommen. „Wo?“ krächzte ich. „An einem der Automaten gegenüber oder bei den Kollegen mit den grünen Fähnchen!“ Draußen raste der Mob in Vorfreude auf das Schlagerspiel, ich war den Tränen nahe.

Als ich gerade registrierte, dass die Warteschlangen vor den computerisierten Hi-Tec-Touch-Screen-Maschinen weitere 20 Minuten Zeitverlust bedeuteten, lief mir ein grünes Fähnchen über den Weg. Ich schnappte mir den verkleideten Burschen am Ärmel und flehte um eine Wertkarte für drei Limos (Preis 13,80 inklusive Pfand). Fähnchen belehrte mich, dass man nur in 10-Euro-Schritten aufladen kann. Ich erhielt ein scheckkartenähnliches Ding mit 20,- Euro Guthaben, weitere 12 Minuten später drei Limos, und habe für meinen nächsten, nie stattfindenden Stadionbesuch noch 6,20 Restguthaben, da kein Retourgeld ausbezahlt wird. Echt teuflisch, was die studierten Marketingstrategen hier in einer besonders finsteren Stunde ausgeheckt haben. Kurz nach Anpfiff kehrte ich mit zwei Bechern grün gefärbter Rapid-Brause zu unseren Plätzen zurück, Heidi und Luki waren glücklich. Der dritte Becher wurde mir am Rückweg aus der Hand gerempelt, sodass ich die 0:2 Niederlage durstig mitverfolgen musste.

Jedenfalls ist Heidis Neffe jetzt im Besitz von drei Plastikbechern seines Lieblingsvereins. Beim Versuch, das eingesetzte Pfand zurückzubekommen, sind wir beim Studium der Anleitung an §4, Absatz 2a) gescheitert.

Erwartungen

Für meine elegante graue Hose mussten weder Tiere noch Pflanzen sterben, sie besteht zu 100% aus Polyester, die Bügelfalte ist so scharf wie ein japanisches Santoku Damastmesser. Der dunkelblaue Blazer mit dem fantasievollen Wappen auf der Brusttasche signalisiert den Mann von Welt, und wird von einem weinrot getupften Seidenhalstuch ergänzt. Ich sprühte etwas Pitralon After Shave hinter die Ohren und warf im Spiegel einen prüfenden Blick auf die mit Styling Gel in Form gebrachte Frisur. „Moser“, lächelte meine angetraute Adelheid und zupfte das locker im Hemdkragen dekorierte Halstuch zurecht. „Diesmal wird es mit der Prämie klappen, du hast in Schweden ganze Arbeit geleistet! Wirst sehen. Und dann können wir uns endlich den tollen Rasenmäher und die Hollywood-Schaukel leisten.“  Ich nickte und warf meinem Spiegelbild ein siegessicheres Lächeln zu. Direktor Pfotenhauer hatte mich für heute Vormittag in sein Büro bestellt und mir dabei verschwörerisch zugezwinkert. Blieb eigentlich nur die Frage, ob es eine satte Erfolgsprämie oder eine Gehaltserhöhung wird. Mein vergoldetes Armkettchen mit Gravur (Zum 10. Hochzeitstag in Liebe Adelheid) klimperte leise, als ich Heidi zum Abschied auf die fettgecremte Wange küsste.

Mag. Erwin Pfotenhauer ließ seinen Direktorenblick mit einem Ausdruck des amüsierten Erstaunens über meine gepflegte Erscheinung schweifen. „Schick, schick, mein lieber Moser“, rümpfte er die Nase. „Ganz so … ääähm fein müssen Sie am Sonntag aber nicht erscheinen. Ich gebe um 17 Uhr einen kleinen Cocktailempfang und würde mich freuen, wenn Sie und ihre liebe Gattin Annefried auf ein Schlückchen vorbeischauen. Wir stoßen auf Ihren erfolgreichen Schwedeneinsatz an!“ „Adelheid“ flüsterte ich. „Wie? Ach ja, Adelheid. Richtig. Bis Sonntag dann!“ entließ mich der Chef mit einem Nicken Richtung Tür.

Mit Schaudern erinnerte ich mich an das letzte Grillfest bei Svetlana und Erwin Pfotenhauer, an das plärrende Baby mit dem Namen eines nordkoreanischen Diktators, an die heimlichen Fußtritte meiner Frau und die schlüpfrigen Witzchen des Gastgebers. Plötzlich fühlte sich meine Stirn fiebrig an und das Schlucken fiel mir schwer. Das wird eine ausgewachsene Angina, jede Wette.

 

 

 

So ein Theater!

Über die Schwester einer Arbeitskollegin, deren Tante ihre 20jährige Tochter bei ihren experimentellen Theaterambitionen heftigst unterstützt, kam meine allerliebste Adelheid kostenfrei zu Tickets der Uraufführung des Stückes „Fe-mal drei“. Allein schon der Titel hätte mir zu denken geben müssen.

„Moser“, frohlockte die Gattin zwischen Hühnerbeinen und Schokoladepudding, „wir gehen ins Theater! Für lau!“ Als erfahrener Ehemann rang ich mir reflexartig ein erfreutes Lächeln ab, während mir das Blut in den Adern gefror. Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ihr Herr Moser ist durchaus ein Freund der holden Künste, bildend oder darstellend, doch fühle ich mich mehr im klassischen, begreifbaren Metier zu Hause. Abstraktes, Avantgardistisches und Experimentelles verwirrt mich mehr denn es mich unterhält. Und Gratis-Theaterkarten, verabreicht über drei Ecken, ließen mich Böses ahnen.

Das „Theater“, in einer kleinen Seitengasse und darüberhinaus im Keller gelegen, bot Platz für etwa 30 Verwandte, Freunde und Verirrte. Es war ein schwüler Augustabend, und für eine Klimatisierung der Räumlichkeiten war offenbar das Budget nicht ausreichend, sodass wir es kuschelig warm hatten. Das dichtgedrängte Ambiente und die feministischen Kampfparolen an den Ziegelwänden (Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!) ließen meine Schweißdrüsen auf Hochtouren arbeiten. Frau Moser klimperte mit den frisch getuschten Wimpern.

Das Bühnenbild bestand aus schwarzen Vorhängen und zwei kofferartigen Aluminium-Kisten, aus denen die Protagonisten bei Bedarf ihre Requisiten hervorzauberten. Die Damen und Herren des Ensembles trugen allesamt olivgrün gefleckte Military-Hosen und weiße Unterleibchen. Dazu schrien sie abwechselnd ihre Texte ins Publikum, rissen die Augen auf und erhoben reckend ihre Fäuste. Ich verstand kein Wort, aber irgendwie waren wir Männer die Bösen in dieser Geschichte. Nach zwanzig Minuten verschwand ich, offiziell zutiefst bedauernd, in Richtung Urinal. Vor dem Theater rauchte ich noch hastig zwei Marlboro light, ehe ich mich seufzend und unter verhaltenem Szenenapplaus zurück auf meinen Platz quetschte.

Im zweiten Teil wurde es nicht besser. Die engagierten Nachwuchs-Mimen schleuderten, ebenfalls schwitzend, mit Geschrei ihre Speicheltröpfchen in die erste Reihe. Ich dachte an den seligen US-Präsidenten und Sklaverei-Abschaffer Abrahm Lincoln, dem das Glück zuteil wurde, während einer Theateraufführung erschossen zu werden. Ich hätte in diesem Moment gern mit ihm getauscht.

 

 

Zentralfriedhof

Wie sich der fantasiebegabte Leser vorzustellen vermag, war ich nach den Stockholmer Wochen punkto heimatlichen fleischlichen Genüssen schwerst auf Entzug – und damit meine ich nicht nur den Leberkäse. Auch meine treue Gattin Adelheid hatte mich in so mancher langen, einsamen Nacht auf das Schmerzlichste vermisst, und mit tränenerstickter Stimme „Ach Moser“ ins Kissen gehaucht.

Nachdem diese Qual nun ein Ende hatte und der Leberkäs verspeist war, wollte ich mich mit Heidi ein wenig vergnügen. Da sie ein Mensch mit ausgeprägtem Hang zur Romantik ist, entzündeten wir alle verfügbaren Duftkerzen (6 Stk. Vanille), strichen uns zärtlich durchs Haar und beobachteten verträumt die pittoresken Schattenspiele von Herrn und Frau Moser an der lindgrün getünchten Wand. „Soll ich ein bisschen Musik machen?“ frug sie rhetorisch und tastete in Richtung unseres Radioempfängers, der seit vielen Jahren auf dem Nussholz-Nachttisch seinen Dienst versieht und unsere Liebe mit sanften Klängen untermalt. „Aber ja“ krächzte ich erwartungsvoll mit aufgeregt belegter Stimme. Doch anstatt von Whiney Houston, Eros Ramazotti oder Julio Iglesias röhrte der von mir früher sehr geschätzte Wolfgang Ambros seinen Uralt-Hit „Es lebe der Zentralfriedhof“ in unser Schlafgemach.

In unserer Unterwäsche wurde es still wie auf besungenem Zentralfriedhof. Aber spätestens bei der Zeile

„… der Moser singts Fiakerliad

und die Schrammeln spün an Woiza…“

bebte die rot geblümte Bettdecke. Auch Lachen kann befreiend wirken.

Liebe & Leberkäs

Meine Heimkehr aus Stockholm war ein einziger Triumph und Freudentaumel. Adelheid erwartete mich am Flughafen. Sie trug ihr fliederfarbenes Sonntagskostüm und ihre in Dunkelrot getauchten Lippen boten einen reizvollen Kontrast zur Zuchtperlenkette. Nach endlosen drei Wochen im fernen Stockholm konnte ich mein langjähriges Eheweib endlich wieder in die Arme schließen.

Zu Hause erwartete mich unser blitzblank geputztes Eigenheim, sogar den Rasen hatte sie frisch gemäht, sodass er vor meinen Augen lag wie ein frisch geschorener grüner Pudel. Heilige Heimaterde. Ich tätschelte die letzten überreifen Tomaten an der Staude, naschte die ersten Weintrauben von der Rebe und war im Glück. Ich rieb mich an Frau Moser, während die ersten Takte des Donauwalzers aus dem CD-Player erklangen. Wir tanzten so leichtfüßig wie möglich über den Rasen und ihr Apfelshampoo kitzelte gefällig meine Nase.

Doch ehe wir unseren aufgestauten Trieben freien Lauf  ließen, stand Abendessen auf dem Programm. Bereits im Vorfeld hatte Adelheid mein Wunschmenü für den Tag meiner Ankunft erfragt… und ich hatte mich für eine simple Leberkässemmel mit scharfem Senf entschieden. Den kühlen Schweden ist der heiße Schweineschmaus offenbar unbekannt und entsprechend groß war mein Appetit. Als mir Frau Moser die Delikatesse kredenzte, kam es durch Zungen-Aquaplaning kurzfristig zu Überschwemmungen im Mund. Herzhaft biss ich in die Semmel und kaute mit selig  geschlossenen Augen.

Heidi: „Moser, liebst du mich?“

Moser: „Ach Heidi, mehr als meine Leberkässemmel!“