Wie im Schlaf

15 Minuten nach meinem ersten, etwas unbeholfenen Auftritt als Halloween-Onkel rief der Vater des kleinen Harry-Potter-Mädchens an. Warum ich den Kindern Horrorgeschichten von Leichenteilen erzähle und warum ich seiner Tochter zu Halloween eine Flasche Essig schenke, wollte er wissen. Ob ich einer dieser kranken Irren sei, die kleine Mädchen vergiften. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und stammelte etwas Frankensteins Monster und der Wahlmöglichkeit zwischen Süß oder Sauer. Zum Glück flatterte Heidi als rettender Engel heran, nahm mir den Hörer aus der Hand und machte dem aufgebrachten Potter-Daddy weis, ich sei ihr schwachsinniger Bruder, der auf Besuch war und unbemerkt an die Tür gehuscht sei. Man möge höflichst entschuldigen. Damit konnte Adelheid das Schlimmste abwenden, aber sie übernahm für den Rest des Abends den Pförtnerdienst. Sobald es läutete, öffnete sie, tat überrascht und angesichts der kindisch-gruseligen Kostüme auch erschrocken, stopfte den kleinen Rackern Mini-Twix-Riegel, Gummibärchen und Manner Schnitten in die offenen Beute-Taschen, und entließ sie winkend in die stockschwarze Nacht. Schließlich war auch dieser Spuk vorüber und ich machte es mir mit Heidi auf dem Sofa bequem. Wir nuckelten am ersten Punsch des Jahres und knabberten im Schein einer Halloween-Kerze etwas zu harte Biokekse mit Haferflocken-Schoko-Geschmack. Dann schlug Heidi vor, ich möge ihr doch ein paar wohlige Schauer über den Rücken jagen und ihr eine Gruselgeschichte erzählen. Also erzählte ich ihr die leider wahre Geschichte von Susi Möltner.

Mit 14 oder 15 Jahren war ich in das schönste Mädchen unserer Klasse total verschossen. Sie hatte nicht nur zwei pechschwarze, knüppelharte Zöpfe und einen schneewittchengleichen Kirschmund, sondern war überdies von überirdischer Begabung. Susi Möltner bediente die Geige wie ein Wunderkind und parlierte Französisch als wäre sie in Saint Tropez zur Welt gekommen und nicht in Stammersdorf. Der einzige Haken an der Sache war, dass mich dieses Geschöpf völlig ignorierte. Eines Tages belauschte ich in der Pause ein Gespräch mit ihrer Freundin Trudi. Susi erzählte, dass sie nachts im Schlaf Französisch-Sprachkurs-Kassetten anhörte, da man sich laut neuesten tiefenpsychologischen Erkenntnissen diese unbewusst aufgenommenen Informationen besonders gut merke. Also stahl ich die Französisch-Kassetten („Le francais – c´est facile“) unbemerkt aus ihrem Schulspind, und sprach zwischen den einzelnen Lektionen folgende Botschaft aufs Band: „Der Moser ist ein süßer Junge, alle anderen sind mir wurscht. Ich werde es mit ihm probieren.“ Ein paar Tage später sprach mich Göttin Susi auf dem Schulhof an: „Moser, ich träume jetzt oft von dir. Du isst  immer ein Wurschtbrot.“ Heidi fand es tatsächlich befremdlich bis gruselig, dass ich mich zuerst in den Spind und dann in den Kopf fremder Mädchen einschlich.  „Was wurde aus Susi Möltner?“ frug sie. „Sie ist Vegetarierin, Fremdsprachenkorrespondentin, gerichtlich beeidete Dolmetscherin für Französisch, und übersetzt die Bestseller von Delphine de Vigan ins Deutsche. Ich habe außer den paar Sätzen am Schulhof nie wieder mit ihr gesprochen.“ Heidi biss nachdenklich in einen der Bio-Bröselkekse.

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Süßes ODER Saures

 

junior_frankenstein

Seit das orange-schwarze Schreckensfest Halloween in der Nacht vor den Totengedenkfeiern Allerheiligen und Allerseelen auch in unseren Breiten die Kassen der Süßwarenindustrie, Kürbisfabrikanten und Kostümverleiher klingeln lässt, fliehen Frau Moser und ich vor diesen Tagen und Nächten, die der Hauch des Todes umweht, in die nahe Ferne eines umliegenden Bundeslandes. Meist schlürfen wir in einem Wellness-Resort vitaminreiche Fruchtcocktails und lassen uns von fachkundigen Händen Kapuzenmuskel und Untergrätenmuskel durchkneten, auch heiße Steine und schwarzes Moor sind dann und wann im Spiel. In diesem Jahr kam alles anders: Cheforganisatorin Adelheid war spät dran und fand im Netz kein Angebot, das zeitlich, räumlich und preislich unseren Vorstellungen entsprach, sodass wir kurzerhand beschlossen, erstmals daheim zu bleiben und uns den kleinen Gespenster-Bettlern auszuliefern.

Bei Einbruch der Dämmerung kehrten wir schwer beladen aus dem Supermarkt heim, wo diesmal sogar die Verkäuferinnen an der Wursttheke violette Umhänge und schwarze, spitze Hexenhüte trugen. Der Plan der Lebensmittelstrategen ist aufgegangen, und wir kauften bei „Es bedient Sie: Frau Radovan“ 150 Gramm Kürbiskernschinken zusätzlich. Die voll bepackten Einkaufstaschen standen noch im Vorzimmer, ich wollte Heidi und mir zum Aufwärmen gerade einen Café Latte bereiten, als es an der Tür klingelte. Ich rechnete eigentlich noch gar nicht mit Halloween-Besuch, öffnete arg- und wehrlos, und wurde in derselben Sekunde mit einem dreifachen „Süßes oder Saures!!“ beschallt. Da ich mich zum ersten Mal in dieser Situation befand, wurde ich ein wenig unsicher. Was tun? Singen die geschminkten Dreikäsehoche erst ein Liedchen, tragen sie ein Gedicht vor? Was? Um Zeit zu gewinnen, fragte ich einen etwa 10jährigen Knirps, wen er in seinem Kostüm darstellt. „Frankenstein“, antwortete der Junge, hinter dessen bleicher Schminke Thomas Rübenkorff von Haus Nr. 39 durchschimmerte. Ich klärte den jungen Herrn Thomas auf, dass es sich wohl nicht um den Arzt Viktor Frankenstein handelt, vielmehr um das von ihm aus Leichenteilen geschaffene Monster. Ein mir nicht näher bekanntes dunkelhaariges Mädchen, das sich mit runder Brille und aufgemalter Blitz-Narbe auf Harry Potter getrimmt hatte, heulte kurz auf und versteckte sich hinter dem Dritten im Bunde – einem kleinen Hollywood-Dracula mit Plastikzähnen, weißem Hemd und schwarzer Fliege. Der hielt mir schüchtern einen orangefarbenen Plastikeimer hin und lispelte erneut: „Süßes oder Saures!“. „Weißt du eigentlich, dass Dracula wirklich gelebt hat und auf die historische Figur des Vlad Tepes, genannt der Pfähler, zurückgeht?“ wandte ich mich an den zwölfjährigen Blutsauger, der verdächtig nach Max Kornhäusl aussah. Ehe ich über die blutigen Gräueltaten von Vlad Tepes en detail berichten konnte, traf mich Heidis spitzer Herbststiefel wuchtig im Gesäß. „Moser, es reicht!“ streifte mich der Hauch des Todes diesmal im Nacken.

Widerstandslos griff ich in unseren Einkaufskorb, händigte Graf Dracula ein gelbes Netz mit vier Zitronen aus; Harry Potter erhielt ein Fläschchen Balsamico-Essig und das Frankenstein-Monster Thomas bedachte ich mit einer Tüte saurer Drops. Dann wünschte ich den Kindern noch ein fröhliches Halloween und schloss die Tür.

Adelheid stellte mir die rhetorische Frage, ob ich noch bei Trost sei. „Was meinst du?“, antwortete ich. „Die Kinder haben ausdrücklich um Süßes ODER Saures gebeten. Ich nehme an, Süßes bekommen sie ohnehin genug.“ Heidi setzte sich an den PC und begann die Herbstangebote der Wellness-Hotels für 2017 zu studieren.

Der Horror-Clown

Liebe Leute,

Dieser Tage gehen die sogenannten Horror-Clowns um. Keine Gazette, keine Nachrichtensendung, die nicht – illustriert mit verschwommenen und verwackelten Handyaufnahmen – über diesen unlustigen „Trend“ berichtet, bei dem schlichte Gemüter mit gruseligen Clownmasken und Kettensägen hinter Bäumen oder Straßenlaternen hervorspringen und ahnungslose Mitmenschen an den Rand des Nervenzusammenbruchs oder Infarktes bringen. Als Mitmensch, der unter anderem an Coulrophobie (krankhafte Angst vor Clowns) leidet, wäre Ihr geschätzter Abteilungsleiter Moser im Falle einer solchen Begegnung ein seriöser Kandidat für eine Panik- und Herzattacke. Und die bösen Buben würden sich bei ein paar Dosen Bier ins Fäustchen lachen, während ich im Notarztwagen die Englein singen höre. Ein erschreckender Gedanke.

Dies führt mich weitergehend zu folgender Überlegung: Wir leben ja im Zeitalter der Abkürzungen, z.B. mfg, Lg, LOL, DSDS, asap oder FAQ, um nur einen Mikro-Bruchteil zu nennen. Nun könnte man diese elendslange Liste der Abk. um den aktuell strapazierten Begriff der Horror-Clowns erweitern, wobei sich hier natürlich  H.C. anbietet. Jede Ähnlichkeit mit dem rechtspopulären Horror-Clown der FPÖ, H.C. Strache, ist selbstverständlich rein zufällig. Oder doch nicht? Der schmissige Parteivorsitzende der Hetzpartei verstieg sich vor wenigen Tagen nämlich zu folgender Behauptung: „Durch den ungebremsten Zustrom von kulturfremden Armutsmigranten, die in unsere Sozialsysteme einsickern, wird unser von Solidarität und Zusammenhalt getragenes gesellschaftliches Gefüge in seinen Grundfesten erschüttert“, so Strache, „und das macht mittelfristig einen Bürgerkrieg nicht unwahrscheinlich.“ Die Katastrophe sei vorprogrammiert, warnt H.C.: „Wenn wir unser kulturelles Erbe dauerhaft bewahren wollen, müssen wir bereit sein, es zu verteidigen.“

Als ich meiner geliebten Adelheid diesen braun triefenden Propaganda-Müll aus der Tageszeitung zitierte, sprach sie ein wahres Wort: „Moser, möge der Himmel davor sein, dass Norbert Hofer, der dumme August dieses Horror-Clowns, zum Bundespräsidenten gewählt wird. Dann gute Nacht Österreich!“

Mit diesen ungewohnt ernsten Worten entlasse ich Sie für heute. Und falls Sie Österreicher sind, überlegen Sie gut, wo Sie am Wahltag ihr Kreuzchen machen. Der Horror-Clown steht schon hinter der nächsten Ecke und wartet.

Ihr Herr Moser

Foto: Der Postillion

Cernys Chutney

Als ich am Montagmorgen nach langer schwerer Krankheit in die Fischkonservenfabrik zurückkehrte, schwante mir Übles. Und ich sollte recht behalten. Der verdächtig unverdächtige Dr. Cerny hatte seinen Schreibtisch mit allerlei kindischem Halloween-Kram dekoriert. Auf seinem Computermonitor klebten die „gruselig“ geschnitzte Fratze eines orangefarbenen Kürbis´ und ein Gespenst, das aussah wie aus einem Kinderbuch von Ottfried Preußler entsprungen. Und neben einem Stapel schwarzer Aktendeckel ritt eine kleine Hexe auf einem Strohbesen. Lächerlich. Wie konnte sich ein studierter Herr Wirtschaftsdoktor zu solchem Unfug hinreißen lassen?

„Guten Morgen Herr Moser“, grinste mich Cerny übertrieben freundlich an und wischte sich eine Handvoll Schuppen von den Schultern seines schwarzen Sakkos. „Wieder gesund?“ Ich nickte und kramte die Thermoskanne mit Heidis Kaffee aus meiner Aktentasche. „Haben Sie schon gehört? Ich war in Ihrer Abwesenheit ein wenig kreativ und habe Magister Pfotenhauer ein herbstliches Highlight für unsere Konservenkollektion vorgeschlagen: Heringfilets in süß-saurem Kürbis-Chutney. Er war sofort begeistert, heute geht meine neue Kreation in den Handel.“ Ich verspürte einen heißen Schmerz in meinem Schritt, als hätte mir jemand in die Eier getreten. Es war jedoch kein Tritt ins Skrotum, sondern der heiße Kaffee, der sich über meine schicke graue Anzughose ergoss. Meine fischlose Produktlinie für Vegetarier hatte Pfotenhauer abgelehnt, aber Cernys platte Kürbisidee aufs Podest gehoben?! „Chutney??“ würgte ich hervor und kämpfte mit den Tränen, da sich der duftende Fleck zwischen den Beinen siedend heiß anfühlte.

Cerny schnappte sich einen feuchten Lappen aus dem Spülbecken, kniete sich vor mich hin und begann, das koffeinhaltige Missgeschick wegzurubbeln. „Das haben wir gleich!“ kicherte er und zwinkerte mir mit einem Riesenauge durch seine panzerdicken Brillengläser zu. „Cerny!!!“ rief ich entsetzt. „Wir sind doch Kollegen und könnten eigentlich Du sagen“, antwortete der blöde Arschkriecher und rubbelte was das Zeug hielt. „Ich bin der Jonas. Servus!“

Ich presste ein „Servus. Moser.“ zwischen den Lippen hervor, wimmelte die fummelnden Hände von Cerny ab und schwor mir, das nächste Mal auch mit 40° Fieber nicht länger als drei Tage meinem Schreibtisch fernzubleiben.  Der wird mich kennenlernen, dieser… dieser…. Jonas.

Rotkäppchen

Walter Weinwurm sorgt in unserer beschaulichen Reihenhaus-Siedlung für Ruhe, Zucht und Ordnung. Ohne mit einem offiziellen Amt betraut zu sein, ist es dem Polizisten im Ruhestand offenbar ein inneres Bedürfnis, sich freiwillig um die Aufrechterhaltung und Einhaltung aller geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze innerhalb der Wohnanlage zu kümmern. Weinwurm, der sich vor seiner Polizeikarriere einen knallharten Ruf als Ausbilder beim österreichischen Bundesheer erworben hatte (so melden zumindest die Buschtrommeln der Reihenhäusler), patrouliert federnden Schrittes mehrmals täglich durch die Siedlung, um nach dem Rechten zu sehen. Falsch abgestellte Fahrräder und unsachgemäß entsorgter Müll werden in alter Blockwart-Manier fotografiert und dokumentiert, zu laut spielende Kinder ruft er mittels schriller Trillerpfeife zur Ordnung und auch die peinlich genaue Sauberkeit der Gehwege ist ihm ein Anliegen. Dabei ist der Ex-Soldat und Ex-Polizist stets militärisch adjustiert, trägt eine grau-braun-grün gefleckte Fantasieuniform, um den Hals ein Fernglas und auf dem kahl geschorenen Kopf eine rote Baseball-Kappe. Ohne diese Schirmmütze ist der knorrige Weinwurm praktisch nie anzutreffen, sie ist an ihm festgewachsen wie das rote Käppi auf Niki Laudas Rennfahrer-Schädel. Frau Moser und ich nennen ihn daher familienintern deswegen gerne auch Rotkäppchen.

Gestern früh schlenderte ich mit Adelheid durch die Wohnsiedlung Richtung Parkplatz, um Schwiegermutter Inge einen samstägigen Besuch abzustatten und etwas Apfelkuchen und Wein vorbeizubringen.  Als wir, friedlich in ein Gespräch über den sonnigen Herbstmorgen vertieft, um die Ecke bogen, stand plötzlich Weinwurm vor uns. Das Rotkäppchen trug seinen traditionellen Tarnanzug und hatte einen monströsen Laubsauger geschultert. Er sah aus wie ein apokalyptischer Krieger mit Flammenwerfer aus einem Vietnam-Film von Francis Ford Coppola, nur die schwarze Rußbemalung der US-Marines unter den Augen fehlte. Als uns Weinwurm sichtete, richtete er den Laubsauger auf uns und bellte scharf: „Morgen!“. „Halt, wer da?!“ hätte irgendwie besser gepasst. Heidi und ich grüßten artig zurück, und Rotkäppchen antwortete zackig: „Scheiß Laub!“ In Ermangelung einer passenden Replik wünschte Heidi „Gute Entlaubung!“ und ich schob ein „Kopf- und Blattschuss!“ hinterher.

Beim Auto angekommen, brachen wir in kopfschüttelndes, prustendes Gelächter aus. „Der Typ hat sie doch nicht alle!“ keuchte Adelheid und wischte sich ein Tränchen von der herbstlich geröteten Backe. Ich gab ihr recht und ergänzte: „Weinwurm ist Rotkäppchen und böser Wolf in Personalunion.“

Palatschinken

Als geborenem, gelerntem und patriotischem Österreicher bereitet es mir nicht nur Seelenqualen, sondern beinahe schon körperliche Pein, wenn unsere bundesdeutschen Nachbarn grob fahrlässig gegen die kulinarischen Grundgebote unseres Landes verstoßen. Immer wieder muss ich deutsche Touristen aus dem hohen Norden beobachten, die ihr knusprig goldbraun gebackenes Wiener Schnitzel mit Jägersauce, Schinken-Käse-Rahmsauce oder anderen Peinlichkeiten aus dem Bereich „Tunke“ zukleistern. Eine derartige Entweihung des rot-weiß-roten Heiligtums ist ein Frevel, den ich als Gastronomie-Minister mit sofortigem Einreiseverbot belegen würde.

Ein ebenso häufiger wie fataler Fehltritt ist die falsche Betonung meiner heißgeliebten Palatschinken. Sobald die Rede auf dieses filigrane, herrlich flaumige Gewebe aus Mehl, Ei und Milch kommt, neigt der Deutsche dazu, es wie ein geräuchertes Schweinebein auszusprechen. Liebe Nachbarn: Es heißt DIE Pala-tschinke, und nicht DER Palat-schinken. Es gibt in Österreich keine Region Palat, wo grunzige Schweinchen ihre Haxen zur Schinkenherstellung spenden. Aber dieses Übel lässt sich scheinbar nicht ausrotten, trotz Internet, Aufklärung und Dutzender täglicher Kochsendungen. Selbst die meisten Maitres und Küchenchefs hochdekorierter Sternehäuser plappern im Fernsehen vor Millionenpublikum ungeniert vom Palat-schinken.

Heute Nachmittag verfolgte ich, rekonvaleszent und dezent vor mich hin hüstelnd, die „Küchenschlacht“ im öffentlich-rechtlichen ZDF. Am Ende der Sendung betrat Meisterkoch C. R. stolz wie ein Matador die Arena, um die Gerichte der Hobbykoch-Kandidaten zu verkosten und einen Sieger zu ermitteln. Und es kam, wie es kommen musste. Aus dem Mund des Profis fiel der Satz: „Der Palat-Schinken ist lecker, ich hätte mir etwas mehr Blaubeeren gewünscht.“ Ich heulte auf wie ein angeschossener Wolf und verbiss mich in das bestickte Sofa-Zierkissen. Wenn ich mir Kochsendungen ansehe, hat meine geliebte Heidi aus Sicherheitsgründen stets Bereitschaftsdienst. Sogleich eilte sie herbei, löste meinen Kiefer aus dem Schaumstoff, tupfte mir den Schaum vom Mund und brachte mich in die stabile Seitenlage. „Wird das denn niemals aufhören??!!“ winselte ich. „Liest meine Beschwerdebriefe eigentlich niemand bei den Fernsehanstalten?“

Offenbar nicht, darum sei es Ihnen liebe deutsche Leser ins Kochbuch geschrieben: Aus dem Lateinischen placenta (Kuchen, Mutterkuchen) entstanden im Rumänischen das Wort placinta und im Ungarischen palacsinta, woraus sich schließlich im Lauf der Zeit die österreichische Palatschinke entwickelte. Also denkt beim nächsten Mal an Kuchen und nicht an Schinken, wenn euch diese Köstlichkeit kredenzt wird.

Im Kürbiskoma

Dass ich bereits erste Schritte auf dem Weg der Rekonvaleszenz machen kann, verdanke ich nicht zuletzt der hingebungsvollen Pflege meiner lieben Adelheid. Sie beweist nicht nur bei der Flora unserer Gartenoase einen grünen Daumen, auch beim Aufpäppeln des kranken Mosers ist sie einsame Spitze.

„Ich mach jetzt ein paar Besorgungen“, erläuterte Heidi gestern am  Vormittag, schüttelte mir dabei das Kissen auf, hob abwechselnd meinen linken und rechten Arm und sprühte mir ein extra starkes Deodorant mit dem Duft reifer Nadelhölzer in die Achselhöhlen. „Du schläfst ein bisschen, und wenn du aufwachst gibt es ein feines Kürbiscremesüppchen!“ versprach Adelheid, zupfte ihre orange-braune Küchenschürze zurecht und warf mir ein Kusshändchen zu. Ich lächelte, warf zurück und schloss die Augen.

Ich hatte tief und fest geschlafen, war noch heillos in die Irrungen und Wirrungen seltsamer Träume verstrickt, als ich eine liebliche Frauenstimme vernahm: „Aufwachen Moser! Die Suppe ist fertig… mit Kürbiskernöl! Mmmmmhhhh!“ Ach Heidi, du liebreizendes, obsorgendes Geschöpf! Wohlig streckte ich meine Glieder unter der Decke und öffnete langsam, in Vorfreude auf das cremige Kürbissupperl meine verschlafenen Augen. Was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Heidi stand mit ihrer herbstlichen Schürze, die plötzlich ziemlich knapp wirkte, an meinem Bett, hielt ein Tablett mit dampfender Suppe in Händen, und lächelte mich an. Doch was war geschehen?? Ihr Haar war weiß und kurz geschnitten, anstatt dunkelbraun und lang; ihre paar kleinen Fältchen hatten unerwartet Zuwachs bekommen; und wie durch Zauberhand hatte sie einige Kleidergrößen mehr auf den Rippen. Oh mein Gott! Langsam dämmerte mir die ganze grausame Wahrheit: Ich bin 20 oder 30 Jahre im Koma gelegen und Heidi ist inzwischen über 70!

Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf. „Haben wir schon einen Bundespräsidenten? Oder wird von der FPÖ noch immer alles angefochten? Waren diesmal die Kugelschreiber in der Wahlzelle mit Zaubertinte gefüllt und alle Kreuzchen sind verschwunden?“ frug ich in Richtung der vermeintlichen Heidi. „Was ist mir dir Moser? Hast du noch Fieber und fantasierst? Natürlich haben wir noch keinen Präsidenten, die Wahlwiederholung ist doch auch verschoben, die FPÖ… die Kuverts… der Klebstoff…“ sah mich die alte Adelheid mit großen Augen an. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

Wie sich später herausstellte, war ich nicht 30 Jahre im Koma gelegen. Frau Moser hatte nämlich ihre Mama, meine Schwiegermutter Inge, gebeten, ihre berühmte Kürbissuppe zu kochen und ein Auge auf mich zu haben, während ich schlief und sie ihre Besorgungen erledigte. In Erwartung der Tochter projizierte ich beim Aufwachen in die Mutter das Kind, sah in Inge meine Heidi und kam mit den Jahreszahlen gänzlich durcheinander. Ob in 30 Jahren unsere Autos fliegen werden und die Menschheit den Mars kolonialisiert? So ein Koma wäre ja interessant gewesen, quasi ein kleiner Blick in die Zukunft. Trotzdem war mir Schwiegermutter Inges delikate Kürbissuppe irgendwie lieber.

Der zehnte Keks, Kapitel 3

Wie sollte Linus Ziguri an ein solch geflecktes Lazirbel kommen, um seine Konkurrenten beim Wettbewerb aus dem Kochfeld zu schlagen? Die Lösung konnte nur Vasili heissen: Sein alter Freund aus frühpubertären Jugendzeiten, mit dem er so manchen Nachmittag durch die kirgisischen Wälder geschwurbelt war, und der von seinem Vater die hohe Kunst der Lazirbeljagd erlernt hatte. Zudem verfügte dieser über ausgezeichnete Kontakte zu fleischverarbeitenden Exportbetrieben. Auch wenn der Kontakt zu Vasili in den Jahren des Ruhmes etwas abgeflaut war, wusste Ziguri, dass er auf die Hilfe seines Kumpanen zählen konnte.

Als der schnauzbärtige Kirgise die Stimme seines berühmten Freundes Linus kurz darauf am Telefon vernahm, gab es kein Halten. Man schwulg und bud in langsam verblassenden Erinnerungen, versicherte sich der gegenseitigen und immerwährenden Freundschaft, ehe der Koch sein lebenswichtiges Anliegen über den Fernsprecher schickte: „Vasili höre – der Wettstreit des Club des Maitres d´Or steht an. Und ich muss gewinnen, sonst bin ich ruiniert und mein Ruf ist endgültig passé. Also werde ich einen Lazirbel bereiten. Wie du selbst am besten weißt, der Genuss der Genüsse. Lade deine Flinte, geh auf die Pirsch und erlege mir das vor ein paar Wochen geborene Jungferkel. Lass es gut abhängen, belonze mir Filet und Keulen, vakuumiere luftdicht und schicke es mir über deine geheimen Kanäle – gemeinsam mit einer Ladung von Bratenstücken der Gemsfarbigen Gebirgsziege – bis spätestens 23. September ins Restaurant. Es soll dein Schaden nicht sein.“ Vasili, sofort an der Ehre gepackt, verbat sich jegliche Entlohnung und versprach pünktliche Lieferung.

Der Wettstreit der Koch-Elite geriet für Linus Ziguri zum kolossalen Triumph. Sein „Zweierlei von der Gemsfarbigen Bergziege auf Quitten-Traminergelee mit Gewürzbrioche und sautierten Waldpilzen“ sei der Gipfel des kulinarischen Genusses, ein noch nie dagewesenes Geschmacksfeuerwerk, urteilten die Preisrichter und vergaben in allen Kategorien (Geschmack, Komposition, Präsentation) die Höchstpunktezahl. Die Jury-Präsidenten Lofer und Schwabeck sprachen in ihrer Laudatio vom „Comeback des Jahres“, Ziguri tränte bei der Übergabe der „Goldenen Kochmütze“, stummelte vor Rührung und stammelte ergriffene Dankesworte. Das Preisgeld von 50.000,- Euro spendete der Phönix aus der Asche der Naturschutzorganisation Animal Watch.

Als die minutenlange Applausflut schließlich verebbte, die ersten Hände wieder nach ihren Champagnergläsern tasteten, ergriff Ziguri noch einmal Mikrofon und Gelegenheit, um den verdutzten Gästen zu eröffnen: „Ich habe in der sogenannten Haute Cuisine nun alles erreicht – sieht man mal vom zehnten Keks im Amuse Gueule ab“, und sah dabei mit einem versöhnlichen Lächeln in Richtung eines gewissen Rudolph Rustighausen, den er im Gekrüngel der anwesenden Pressemeute erspäht hatte. „Und habe daher am Höhepunkt meiner Karriere beschlossen, die Sterne dort zu belassen, wo sie hingehören – am Himmel. Am heutigen Tage verkündige ich meinen Rückzug aus der Sternegastronomie.“ Aufgeregte Murmelei zerpflückte die eben noch herrschende Stille. „Ich kehre zurück zu meinen Wurzeln, in meine alte Heimat Kirgisistan. Dort werde ich ein kleines Gasthaus eröffnen – und bodenständige Gerichte für einfache, ehrliche Menschen kochen. Menschen, die kein Safranschäumchen, keine Perigord-Trüffel oder Gänseblümchen am Teller brauchen, um glücklich zu sein. Darin sehe ich nun meine Berufung und mein Glück. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.“

14 Monate waren seit der denkwürdigen Ansprache vergangen. Der Sternendekorierte hatte seine Ankündigung – die von Kollegen und Presse wohlwollend bis verständnisvoll nickend goutiert wurde – wahrgemacht. Die Lichter im Restaurant „Ziguri“ verloschen, sein Patron stieg hinab von den hohen Koch-Wipfeln in dünner Luft, zurück zu den Wurzeln in fetter, kirgisischer Erde. Seine kleine Schenke, die knapp 30 Gästen Raum zum Schmausen bot, lag ein paar Kilometer südlich der Hauptstadt Bischkek und trug den schlichten Namen „Z“. Natürlich eilte dem berühmtesten Sohn des Landes sein Ruhm voraus, das Lokal war mittags und abends zum Bersten voll.

Das Leben war in Linus Ziguri zurückgekehrt, sogar seine Backen fanden zu schweinischer Form zurück. So saß er eines Abends illuminiert von Hochprozentigem mit Vasili in der kaminbefeuerten Stube und feierte den Lauf der Dinge. Doch mitten in der strawusigsten Kipplaune überzogen dunkle Sorgenwolken die heitere Miene des Heimkehrers. „Was ist dir, Linus?“ frug der alte Freund. Und plötzlich brach es aus dem Meistermund hervor: „Vasili, ist dir eigentlich bewusst, dass ich Schuld trage am Aussterben des wundervollen, einzigartigen Lazirbels? Aus schnöder, verwerflicher Eitelkeit habe ich dieses Geschöpf Gottes vom Angesicht der Erde getilgt!! Es war zwar nicht mein Finger am Abzug, doch ich gab dir, unsere Freundschaft missbrauchend, den Auftrag zum Todesschuss auf das letzte Ferkelchen….“ Ziguri kippte sich noch einen Wodka in den Schlund, der einem seltsamen Kreislauf folgend fast augenblicklich über die Tränendrüsen wiederkehrte. Vasili sah seinen alten Kumpan mit todtraurigem Blick an. Da lief der knorrige Kirgisenschädel puterrot an und es gab kein Halten mehr. Vasili wieherte, palunzte, schrie und grölte vor Lachen, schlug mit derber Faust auf den Holztisch, dass die Gläser Kasatschok tanzten. Und schickte zur Feier des Tages noch einen schnapsgeschwängerten Bauernfurz hinterher, der selbst die Flammen im Kamin angstvoll flackern ließ. Mit Tränen, die unterschiedlicheren Ursprungs gar nicht sein konnten, saßen die beiden Männer einander gegenüber. „Ich weiß nicht, was daran so lustig ist“, murmelte Ziguri.

Langsam beruhigte sich auch Vasili, zupfte sein rotkariertes Taschentuch aus der speckigen Hose und trompetete einen ordentlichen „Louis Armstrong“ (wie er seinen Rotz liebevoll nannte) in den Stoff. Satchmo verschwand in der Hosentasche und Vasili ergriff die zigurische Hand. „Linus, Linus. Ich kenne dich seit Kindertagen, ich weiß wie du tickst. Aber wenn ich eines ganz sicher weiß, dann ist es die Tatsache, dass du der weltbeste Koch bist. Du hattest nur das Vertrauen verloren, das Vertrauen in dein Können und in deine Kreativität. Lazirbel hin oder her, ich musste dir nur den Glauben wieder schenken. Ich bin für dich auf die Pirsch gegangen, ja. Aber ich töte doch nicht den Nachwuchs der letzten Lazirbelfamilie, selbst für dich nicht! Also erlegte ich das Zicklein einer Gemsfarbigen Bergziege und schickte dir das Fleisch, ohne Kommentar. Den Rest hast du ganz allein geschafft. Der Glaube versetzt Berge.“ Ziguri stand für gefühlte 30 Sekunden der Mund offen. Dann sprang er auf, herzte seinen Freund und drückte ihm einen nassen Schmatz auf die grau gestoppelte Wange. „Du Arschloch du“, krächzte er ergriffen.

Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, lagen die zwei Männer verkatert im kniehohen Gras und ließen sich vom Morgentau beflecken. Sie hielten sich Ferngläser vor die müden Augen und waren sehr still. Fast zeitgleich mit den ersten Sonnenstrahlen wurde ihr Harren belohnt. Das Unterholz knackte, ein leises Schnauben war zu hören…. und plötzlich stand Familie Lazirbel auf der Lichtung. Das Junge mit den braunen Kulleraugen bockte übermütig durchs Gras, die Eltern hoben vorsichtig witternd ihre Schnauzen in die Luft. „Der Kleine soll Vasili heißen“, flüsterte Linus Ziguri. Vasili quiekte.

ENDE

Der zehnte Keks, Kapitel 2

Die Misere begann mit einem gewissen Rudolph Rustighausen, seines Zeichens anonymer Testesser und Kritikus beim „Amuse Gueule“ – jenem bibelhaft verehrten Standardwerk, das alljährlich die Gastroszene mit Sternen lohnte und struf. Als Linus Ziguri ein Exemplar der neuesten Auflage in seinen begnadeten Händen hielt, war er sicher, den lang ersehnten zehnten Keks erkocht zu haben. Die kleinen Sternchen mit rotem Rand, welche der Verlag zur Bewertung der kulinarischen Leistungen heranzog, wurden im Fachjargon der Küchenmeister ob ihrer weihnachtsbäckerlichen Anmutung „Kekse“ genannt. Aber noch kein Restaurant hatte es in der 30-jährigen Geschichte des „Amuse Gueule“ geschafft, den strengen und geschulten Gaumen der anonymen Kritiker den zehnten Stern zu entlocken. Und man war sich unter den Granden der Kochkunst auch sicher, dass diese höchste Auszeichnung wohl auch niemals vergeben würde. Allein schon, um einen Anreiz für weitere Spitzenleistungen zu bieten. Doch Linus Ziguri – am Klimax seines Ruhmes angekommen – verspürte diesmal ein besonderes Schrawunzeln in der Nasenspitze. Wenn sich jemand den zehnten Keks auf die Küchenfahne heften durfte, dann er. Hastig blätterte er ans Ende des Wälzers, wo sich dem Alphabet  geschuldet das Restaurant „Ziguri“ fand.

Der Namensgeber erblich. Denn dort, wo die erwarteten zehn Sterne – oder mindestens die bisherigen neun – prangen sollten, grinsten ihm hämisch magere acht Kekse entgegen. „Sind die völlig irre!!!!??“ schrie Ziguri das Buch an und wechselte die Gesichtsfarbe von totenbleich auf rhabarberrot. „Wollen die mich ruinieren??!!!“ witterte der Starkoch gar geheime Machenschaften der allgegenwärtigen Neidgenossenschaft. „Meister Ziguri, Meister Ziguri – was ist passiert?“ eilte sogleich sein Sous Chef mit sorgenwolkiger Miene herbei.  „Da sehen Sie selbst!“ knallte ihm der degradierte Meister den „Amuse Gueule“ vor den saucengesprenkelten Kochlatz.

„Ich kam an einem lauen Abend im Mai mit leerem Magen, aber voller Erwartungen in das vielgepriesene Ziguri“, schrub Kritiker Rustighausen. „Doch am Ende des – übrigens hoffnungslos überteuerten – 4-Gang-Menüs blieb leider nur ein schaler Beigeschmack. Keimt doch der Verdacht auf, dass dem gefeierten Maitre seine Fernsehkarriere mittlerweilen mehr am Herzen liegt als der Bauch seiner Gäste. Uninspiriert der „Dialog von Schnecke und Schnepfe“, die „Honig-Karottenschaumsuppe mit Calvados-Sahne“ erwies sich als pures Mittelmaß, und das Perlhuhnbrüstchen hatte den Lardomantel dringend nötig, war es doch bei gutem Willen höchstens lauwarm. Lediglich die Patisserie vermochte mit einer Vanille-Mandel-Panna Cotta an Erdbeer-Chili-Chutney halbwegs zu überzeugen. Wir raten dem Kapitän des einstigen Flaggschiffs der europäischen Gastronomie, sich seiner wahren Stärken zu besinnen, ein wenig von seiner Mediengeilheit abzulegen und mehr Zeit in die Entwicklung neuer, überraschender Kreationen zu investieren. Dann klappt es im nächsten Jahr vielleicht auch wieder mit dem neunten Stern.“

Selbst der robuste Sous Chef musste angesichts dieser harschen Kritik tief Luft holen, wollte sich aber nichts anmerken lassen. Jovial umkränzte er Linus Ziguri mit seiner Rechten und tröstete: „Aber das ist doch kein Weltuntergang! Nobody is perfect. Nächstes Jahr holen wir uns den verdammten neunten Keks wieder.“ Doch der entthronte Kochkaiser schenkte ihm nur einen stummen, trübseligen Blick und entschwand wortlos der Küche. Umgehend rief er sein Anwaltsbüro Paraffel, Kolb & Schinkenhorst an, um die Möglichkeiten einer einstweiligen Verfügung gegen „Amuse Gueule“ zu erfragen. Dort verwies man mit aller gebotenen Höflichkeit auf die gen Null tendierenden Erfolgsaussichten einer Klage, sowie auf die hohe Aussicht auf negative Presse und Publicity. Ein beleidigter, weil sterneberaubter Koch sollte Größe zeigen.

Wenn wir uns an den Anfang der Geschichte zurückerinnern, ging es mit dem einst so Gefeierten im Verlauf der nächsten zwei Jahre immer mehr bergab. Zu tief saß die Kränkung, mehr und mehr verfiel Ziguri der Schwermut. Innerlich blockiert, von Versagensängsten geplagt, gelangen ihm keine weltbewegenden Kreationen mehr. Obwohl er seinen Fernsehvertrag nicht mehr verlängerte und er nächtelang in der Küche an neuen Gerichten herumbaldowerte, blieb ihm im darauffolgenden Jahr die Rückeroberung des neunten Kekses verwehrt. Natürlich zählte sein Restaurant noch immer zu den Top-Adressen, aber wer einmal Papst war, will kein Kardinal mehr sein.

Zu allem Überdruss stand in wenigen Monaten der Wettbewerb des „Club des Maitres d´Or“ auf dem Programm: im 5-Jahres-Rhythmus traten die Besten der Besten an, um mit ihren neuesten Schöpfungen eine Hochkarat-Jury zu überzeugen. Seine Chance, in den Kocholymp zurückzukehren und es der Welt noch einmal zu beweisen! Nicht auszudenken, wenn er hier versagte. Doch er hatte nicht den Hauch einer Idee, womit er die Geschmacksknospen der kulinarischen Scharfrichter verzücken sollte. Und so kam es, dass Linus Ziguri leise straniefelnd in seinem Wohnzimmer saß, das holzige Kreuz in der Ecke anstarrte und beim Allmächtigen Hilfe und göttliche Eingabe erflehte. Sei es, dass er immer ein gläubiger Mensch gewesen war; sei es, dass er die Hälfte seiner Fernsehgagen im Kampf gegen den Hunger in der Welt eingesetzt hatte – er wurde erhört. Die Offenbarung kam via Television.

Ein seltsam anmutendes Tier, gefleckt wie ein Leopard, sonst aber eher an ein dickes Reh mit zu kurzen Beinen erinnernd, schlich durchs Bildschirm-Unterholz. Dazu informierte eine sonore und wahrscheinlich ausgebildete Sprecher-Stimme: „Der kirgisische Lazirbel ist vom Aussterben bedroht. Der scheue Waldbewohner, der nur in Kirgisistan beheimatet ist, wurde aufgrund seines unvergleichlich wohlschmeckenden Fleisches von Wilderern fast ausgerottet. Wie Naturschützer von Animal Watch nun berichten, hat sich bei der wahrscheinlich letzten verbliebenen Lazirbel-Familie kürzlich der lang erhoffte Nachwuchs eingestellt…“

Und Linus, gebürtiger Kirgise, entschwobte sofort in seine frühen Kindertage, strudelte zurück an den knisterknaster befeuerten Herd seines Großmütterchens, wo an seltenen hohen Feiertagen ein Lazirbelbraten seinen betörenden Duft verströmte. Über dunkle Kanäle und dubiose Tauschgeschäfte gelangte dann und wann eine Keule oder ein Rückenstück in Familienbesitz, wurde mit allerlei Kräutern und geheimnisvollen Essenzen massiert und mariniert, um schließlich mit Gemüsen und gestampften Kartoffeln auf dem Tisch zu landen. Ziguri speichelte ein, versetzte seine Kiefer in Mahlbewegung und versuchte, den verschollenen Lazirbelgeschmack auf die Zunge zu holen. In dieser Sekunde wusste der verzwufelte Maitre, dass der Lazirbel der höchste Gaumengenuss war, der ihm je widerfahren war – und er mit dieser lukullischen Rarität den Wettbewerb gewinnen würde.

Nachdem das schmackhafte Tier unter strengstem Naturschutz stand, musste er sein Gericht natürlich tarnen, unter falschem Etikett kredenzen. Kurz darauf hatte Ziguri auch schon die Idee: Die Gemsfarbige Gebirgsziege würde auf seiner Menükarte die Rolle des Fleischspenders einnehmen – den orgiastischen Geschmack und die mürbe Zartheit würde er bei Nachfrage mit geheimen Kräutermischungen, exotischen Gewürzen und einer neu entwickelten Garmethode begründen. Und sich ansonsten in Schweigen hüllen. Der Koch feuerte und flammte, sprudelte über vor Ideen. Mit der göttlichen Infusion kehrte sein kreatives Genie zurück.

Fortsetzung folgt morgen.

Der zehnte Keks, Kapitel 1

Linus Ziguri straniefelte leise, jedoch nicht minder hoffnungsbar vor sich hin. Augenwasser perlte salzig über ausgemurgelte Wangen. Da wo einst rosige Glanzbacken seinem Gesicht schweinisches verliehen, zogen nun ausgewaschene Furchen ihre kluftige Spur im Gesicht des Starkochs. Ziguri schloss die jeansblauen Tränenspender, um das Antlitz der sabolischen Welt nicht länger ertragen zu müssen. „Oh Gott“, hauchte er inbrünstig und all der Gram schien sein Blut zu schwärzen. Dunkel rumorte es durch seine Adern, rawunzte sich einer Schlammlawine gleich durch seinen Körper.

Ziguri war in den letzten zwei Jahren um Jahrzehnte gealtert, gemagert, gegraut. Die Sorge, seiner Kreativität und seines Könnens für ewiglich verlustig gegangen zu sein, sog jedes Leben aus seinem einst so stattlich gestrafften Körper.

Zwanzig Jahre lang war Linus Ziguri der Zeus unter den olympischen Kochgöttern gewesen. Hatte einen Stern nach dem anderen vom Himmel gekocht, die Restaurantkritiker aller Herren Länder zu hymnastischen Lobpreisungen hingerissen, unzähligen Gourmet-Spechten den ersten und einzigen Gaumen-Orgasmus beschert. Er virtuosierte auf der Klaviatur des Würzens wie ein Derwisch, er spanochelte jedes Stück Fleisch zu einer Zart- und Reinheit, dass sich am Tisch stets stille Ehrfurcht breit machte – man mununkelt gar, dass die eine oder andere feine Dame der Gesellschaft nach dem ersten Bissen in Tränen der Wonne ausbrach. Ziguri behandelte jede Petersilienwurzel, jede Zwiebel oder jede Sellerieknolle wie das erlesenste Geschenk des Herrn. Verlieh ihm Form und hob selbst den dumpfesten, erdigen Gemüsecharakter in halalichte Höhen. Und seine Saucen! Seine Saucen! Jede, einfach jede Todsünde wert. Doch die Krönung seiner Kunst war zweifelsfrei die Komposition, die Vermählung der einzelnen Zutaten zu einem kulinarischen Liebesakt, der die Geschmacksknospen erblühen ließ wie den Flieder im Mai. Sein getrüffeltes Mus aus italienischen Waldmaronen schalmeite sich samtig an die rosa, im Heubett gegarte Lende vom Milchlamm, galant begleitet von lilaneskem Kartoffelschaum – um nur ein Beispiel aus Ziguris Oeuvre zu nennen, das als Klassiker in die Geschichte eingegangen war.

Es oohht und aahht daher nicht, dass Maitre Linus Ziguri zum Star avancierte. Nicht nur in der Welt der Kulinarik, auch in den gelben Prinzessinnen-Blättern prung hochglänzend sein Konterfei, er spendete kluge Interviews, talkte in fernseherischen Gesprächsrunden über mehrfach ungesättigte Fettsäuren und die heilspendende Kraft des Salbei. Verdreifachte als sympathischer Werbeträger die Umsätze der Bio-Fleischproduzenten, gewann saloppierend und generations- und geschlechterübergreifend die Herzen der Menschen. Wo er auftauchte, traubte das Volk – begierig darauf, einen Blick auf den leibhaftigen Ziguri oder gar eine Unterschrift zu erhaschen. Er hielt sogar ein gewisses Klärchen in Lohn und Brot, welche seine medialen Verpflichtungen in ein zeitlich tragbares Korsett verweberte.

Doch eines wies der Koch der Köche stets strikt von sich: eine eigene, regelmäßige Kochsendung im Fernsehen. Zu sehr fühlte sich Ziguri seinem gleichnamigen Restaurant und dem Wohl seiner Gäste verpflichtet. Mehrere Tage im Monat sein Küchenorchester im Stich zu lassen, um sich in einem Fernsehstudio telegen in Szene zu setzen, erschien ihm schabulent.

Aber TV-Produzenten sind Meister der Verführung, wenn sie Quote und damit Geldiges wittern. Und der Name Ziguri versprach sprengende Einschaltquoten, wäre ein Coup als würde Petrus höchstderoselbst die Wettervorhersage moderieren. Die Fernsehmacher umwurben Linus mit Engelszungen und abenteuerlichen Gagen – und eines wittrigen Nachmittags brach der Zigurische Schutzwall. Der größte Privatsender setzte eine hollywoodeske Summe in den Vertrag, die selbst einem Tom Hanks zur Ehre gereicht hätte. In der Presseaussendung, die tags darauf alle Redaktionen des Landes ereilte, stand zu lesen, dass Herr Ziguri die Hälfte seines Honorares gegen den Hunger in der Welt spenden würde.

Alle waren glücksig! Der Sender über sein unschlagbares Zugpferd, der Koch über die positive Presse und sein karitatives Werk, die Presse über die Schlagzeilen, das Fernsehvolk über „Ziguris kulinarische Stunde“, die fortan einmal wöchentlich für regen Speichelfluss und astrosphärische Einschaltquoten sorgte. Die Tische des Zigurischen Speisetempels waren über viele Monate hinweg ausgebucht, auch wenn der Maitre immer weniger Zeit fand, selbst Schneebesen und Küchenzepter zu schwingen – geschweige denn neue Kreationen zu ersinnen.

Fortsetzung folgt morgen.