Flugangst IV

Noch ist mein Flugzeug nicht in Stockholm gelandet… Die tragischen Ereignisse nahmen ihren Lauf.

Der elefantöse Mann tastete wurstfingrig nach dem verlangten Gurt, doch seine quellenden Fettmassen füllten jeden Millimeter des Sitzes aus und seine Suche verlief ergebnislos.Die Rote machte sich gerade auf den Weg zum Cockpit, als sie das dünne Piepsstimmchen inne halten ließ. „Entschuldigen Sie nochmals, aber ich fürchte, auf meinem Platz fehlt der Sicherheitsgurt!“ Ich nehme an, dass die Stewardess in diesem Moment mit ihrer Berufswahl nicht gerade glücklich war, doch sie ließ sich nur wenig anmerken und bat den Unruhestifter aufzustehen. Er quälte sich aus dem Sitz und die gute Frau zupfte mit spitzen Fingern den Gurt aus der Ritze zwischen Lehne und Sitzfläche. Voraus schauend schob sie noch das Schnappschloss an das äußerste Ende, wies mit sehr professioneller Geste und gepresstem „Bitte schön“ auf den einsatzbereiten Sitzplatz und wollte schon das Weite suchen, doch mein peinlicher Nachbar hatte noch ein Ass im Ärmel.

„Ach Schwester, würden Sie mir bitte einen kleinen Cognac bringen? Zur Beruhigung. Ich trinke ja normalerweise nur Milch, aber die Flugangst….“ „Lieber Herr!“ antwortete sie bereits hörbar gereizt. „Erstens bin ich keine Schwester, sondern Flugbegleiterin, und Getränke servieren wir erst, wenn wir die vorgesehene Flughöhe erreicht haben. Sie müssen sich also noch ein wenig gedulden.“ Und damit entschwand die attraktive Tizianlady endgültig. Der liebe Herr plumpste in die blaurot gemusterte Bespannung seines Sessels und schaffte es nach zweiminütigem Kampf, seinen Monsterbauch an den Sicherheitsgurt zu fesseln. Dann begann er seine Fingernägel, bzw. das was noch davon übrig war, zu verspeisen.

Ein leichtes Vibrieren ging durch die Maschine als die Motoren aufheulten. Mein Arbeitskollege Eisenschenk hatte mir zwar versichert, dass Fliegen eine der sichersten Fortbewegungsarten sei (und er musste es wissen, immerhin war sein Vater Pilot bei der AUA gewesen und absturzfrei in den Ruhestand geflogen), dennoch krampfte sich bei dem Gedanken an den nahenden Start mein Magen zusammen. Ein Blick aus dem kleinen runden Fenster verriet mir, dass sich die Maschine in Bewegung gesetzt hatte und schwerfällig in Richtung Startbahn rollte. Der Dicke spielte mit den Luftdüsen, die neben einigen anderen Tasten an der Unterseite der Gepäckablage angebracht waren, um seinen erhitzten Körper mittels Frischluftzufuhr auf normale Betriebstemperatur abzukühlen. Erschrocken zuckte er zurück, als ohne weitere Vorwarnung kleine Bildschirme aus der Ablage herunter klappten. Dankbar für ein wenig Ablenkung hoffte ich auf einen lustigen Spielfilm oder eine interessante Dokumentation über unser Reiseziel, doch das Gebotene trug nicht dazu bei, meine Angst vor dem nahenden Start einzudämmen. Computeranimierte Figuren demonstrierten, wie man sich im Notfall zu verhalten hätte. Man zeigte Notausgänge, Gummirutschen, Sauerstoffmasken, Schwimmwesten. Mein Magen-Darm-Trakt zeigte erste Anzeichen von Revolution. Auch mein Nachbar zur Rechten zeigte Wirkung und starrte mit geöffnetem Mund auf das Display. „Warum haben wir Schwimmwesten, aber keine Fallschirme unter den Sitzen?“ wandte er sich plötzlich an mich. „Vermutlich dürfte es schwierig sein, 150 Passagiere im richtigen Umgang mit Fallschirmen zu unterweisen und sie dann geordnet raus springen zu lassen, während die Maschine mit Motorschaden auf die Erde zurast“, schien mir die richtige Antwort. Da ich aber ein Gespräch im Allgemeinen und eines über Flugzeugabstürze im Speziellen vermeiden wollte, sagte ich nur: „Keine Ahnung.“

Demnächst folgt das grausame, unappetitliche Finale.

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Flugangst III

 

Inzwischen schwebte eine schlanke, blonde Stewardess mit professionellem Lächeln durch den Mittelgang und ließ einen prüfenden Blick über die Bäuche der Passagiere gleiten. Hin und wieder verteilte sie ein höflich-bestimmtes „Legen Sie bitte Ihren Sicherheitsgurt an“. Vor dem gewaltigen Bauch meines Nachbarn angekommen, hielt sie zweifelnd inne, denn es war beim besten Willen nicht zu erkennen, ob dieser unter seiner trommelförmigen Leibesmitte einen Gurt trug oder nicht. Also kam die weinrot kostümierte Flugfee ihrer Pflicht nach, beugte sich zu seinem Segelohr, das noch immer von Walkman und Kopfhörer beschallt wurde, und sagte: „Entschuldigen Sie!“ Der Dicke zeigte keine Reaktion und beschwor mit geschlossenen Lidern lautlos die Götter der Luftfahrt. So vermutete ich jedenfalls. Die blonde Flugbegleiterin ging zu Plan B über und legte (freiwillig!) eine Hand mit manikürten und im Farbton passend zur Arbeitskleidung lackierten Fingernägeln auf die Schulter des schwitzenden Riesen.

Ein mittleres Erdbeben erschütterte unsere Sitzreihe als er sich schlagartig aufrichtete und dabei sein orange bewachsenes Haupt in das Kinn der leicht vornüber gebeugten Stewardess rammte. Das weinrote Kostüm kippte samt Inhalt und der Länge nach in die Zeitungen der hinter ihr befindlichen Passagiere. Meine greise Nachbarin bekam vor Schreck ihr Pfefferminz in den falschen Hals und drohte zu ersticken. Mit einem Ruck schleuderte der wild gewordene Elefant die Kopfhörer von sich und piepste: „Nein! Bitte nicht! Ich will nicht sterben!“

Ja, er piepste. Denn aus dem gewaltig dimensionierten Körper des 40- oder 45jährigen Mannes drang kein sonorer Bass, sondern das dünne, helle Stimmchen eines 12jährigen Jungen. Doch mir blieb keine Zeit für Verwunderung über diesen krassen Gegensatz, denn die hustende und würgende Mumie am Fensterplatz lief bereits blau an. Ich berühre fremde Menschen nur sehr ungern und im äußersten Notfall, und ein solcher schien hier vorzuliegen. Beherzt und dennoch vorsichtig schlug ich der alten Dame mit flacher Hand auf den zerbrechlichen Rücken und kurz bevor ihr extrafrischer Atem endgültig zum Stillstand kam, entließ sie das auf Erbsengröße geschrumpfte Bonbon in die Freiheit. Mit Hustentränen gefüllten Augen hauchte sie: „Danke junger Mann, Sie haben mir das Leben gerettet.“ In Ermangelung einer besseren Antwort nickte ich bloß und murmelte: „Gern geschehen.“

Die tapfere Flugbegleiterin war hart im Nehmen und rappelte sich aus den raschelnden Tageszeitungen unserer verdutzten Nachbarn hoch, während das Ungetüm an meiner Seite die Lehne vor sich anschrie: „Was ist passiert? Um Gottes Willen, was ist passiert!?“ Im Flugzeug machte sich langsam Panik breit. Von allen Seiten prasselte aufgeregtes Stimmengewirr auf mich ein, jemand rief: „Ein Arzt! Ist ein Arzt an Bord?“ Hätte ich in diesem Moment einen Wunsch frei gehabt, hätte ich mich wohl für eine Tarnkappe entschieden. Die faltige Lady umkrallte mit braun gesprenkelten Händen ihr Plastiktäschchen und sagte in meine Richtung: „Ich möchte doch nur Urlaub machen! Santa Ponsa, drei Sterne, inklusive Mittagsbuffet.“ Auch der Dicke entdeckte mich als Ansprechpartner, zupfte mich am Ärmel und winselte: „Was ist passiert?“ Ich wollte keine Diskussion provozieren und hielt in diesem Fall hartnäckiges Schweigen für die passende Antwort.

Wird fortgesetzt.

Flugangst II

Hier nun wie versprochen die Fortsetzung meiner Erlebnisse auf dem Flug von Wien nach Stockholm, wo ich im Auftrag unseres Fischkonservendirektors, Herrn Mag. Pfotenhauer, die Produktion von Heringsfilets in Dillsauce ankurbeln soll.

„Hallihallo!“ Ich hob langsam den Kopf und blickte in ein perlweißes, liebenswürdiges Lächeln. Ein weicher Kussmund legte eine Reihe winziger, quadratischer Zähne frei, eingebettet in reichlich rosigem Zahnfleisch. An die zwei Meter groß, die hohe Stirn über und über mit Schweißtropfen bedeckt, die sich in kleinen Bächen ihren Weg über die Pausbacken und den kaum vorhandenen Hals in den Rollkragen bahnten, stand der menschenähnliche Elefant nun tatsächlich vor dem freien Sitzplatz neben mir. Meine Kehle war im Gegensatz zu den Handflächen staubtrocken. Hilflos lieferte ich mich dem Schicksal aus und erwiderte den Gruß mit einem Kopfnicken. Mit zitternden Fingern fischte ich eine bunte Hochglanzbroschüre aus der Rückenlehne meines Vordermannes und vertiefte mich in das zollfreie Alkohol- und Parfumangebot der Airline, während der ungebetene Gast sein schweinsledernes Handgepäck umständlich in der Ablage über unseren Köpfen verstaute. Obwohl ich wie gebannt in das Heftchen stierte, als würden mit dem Duft „Mystery“ einer gewissen Naomi Campell die letzten Geheimnisse der Menschheit offenbart, blieben mir die pizzatellergroßen, dunklen Schweißflecken in der Achselregion des Fettgebirges nicht verborgen. Allerdings verströmten sie ganz und gar nicht den verführerischen Duft einer ofenfrischen Pizza, sondern ein säuerliches Gemisch aus ranziger Milch und Turnhallenschweiß. Meine Gene sind hinsichtlich körperlicher Nähe, Sauberkeit und üblen Gerüchen äußerst sensibel programmiert, und ich spürte einen leichten Brechreiz in mir aufkeimen als sich die vorsichtig geschätzten 160 kg transpirierendes Fleisch neben mich auf den Gangsitz zwängten. Obzwar nicht übertrieben religiös schickte ich ein Stoßgebet zum Allmächtigen, in dem ich um eine Extraportion Ruhe & Gelassenheit, sowie um pünktlichen Start und ebensolche Landung flehte. Als kleine Zugabe schob ich noch den Wunsch hinterher, der Mann möge taubstumm sein. Zwangloser Smalltalk gehört nicht zu meinen Stärken.

Vor mir lagen 135 Minuten Höllenritt. Die Gesetze der Schwerkraft und Aerodynamik sind mir seit je her ein Rätsel geblieben. Es ist nicht nachvollziehbar für mich, wie sich ein so unförmiges Ding wie eine Boeing 747 in die Luft erheben kann. Und wenn das tatsächlich funktionieren sollte, welche übernatürlichen Mächte hinderten das tonnenschwere Monstrum daran, einfach vom Himmel zu stürzen? Doch damit nicht genug. Die ansonsten recht freundliche Dame am Check-In-Schalter hatte mir den mittleren Sitzplatz einer Dreierreihe zugewiesen. Eingeklemmt zwischen zwei wildfremden Menschen würde ich in 10.000 Metern Höhe, ohne Möglichkeit zur Flucht, in ein mir völlig unbekanntes Königreich namens Schweden gebracht.

Einziger Lichtblick: Links neben mir, direkt am Bullauge, kauerte ein schmächtiges, weißhaariges Mütterchen, das kaum Platz einnahm und mit stoischer Ruhe in ihrer schwarzen Plastikhandtasche kramte. Von ihr schien keine zusätzliche Gefahr auszugehen. Sie förderte eine kleine Blechdose mit Pfefferminzpastillen zutage und steckte sich eine der weißen Pillen in den Mund. Unvorsichtigerweise hatte ich wohl einen Augenblick die Kontrolle über mich verloren und sie dabei etwas zu auffällig beobachtet, denn die vertrocknete, fast mumienhaft wirkende Alte drehte mir ihr verrunzeltes Antlitz zu, ließ mit leisem Knacken das schlecht sitzende Gebiss einrasten und hielt mir die Schachtel, die mit eisblauem Aufdruck „extrafrischen Atem“ versprach, unter die Nase. „Möchten Sie?“ Obwohl meine ausgedörrte Mundhöhle mit Sicherheit eine Speichel fördernde Erfrischung vertragen hätte, hob ich abwehrend die Hand und rang mir ein „Nein, vielen Dank!“ ab, das freundlich klingen sollte, bei objektiver Anhörung aber mehr einem „Lass mich bloß in Ruhe!“ ähnelte. Zum Ausgleich schickte ich noch ein Lächeln hinterher, welches aber so unecht wirkte wie die schwarze Lederimitation ihrer Handtasche.

„Vielleicht der junge Mann neben Ihnen?“ ließ die überreife Lady nicht locker und bugsierte ihren ausgestreckten Arm mit den Lutschbonbons an mir vorbei Richtung Fettsack. Dabei kitzelten ihre Altweiber-Dauerwellen meine Nase, wo sich der Geruch von Haarspray, Pfefferminze und ranzigem Schweiß zu einem infernalischen Gemisch vereinigten. Ich hielt den Atem an und presste mich so tief wie möglich in die Rückenlehne. Den Kopf starr nach vorne gerichtet, drehte ich die Augen auf drei Uhr – um der Situation angepasst in der Fliegersprache zu bleiben – und erkannte, dass mein kolossaler Nachbar inzwischen Kopfhörer angelegt hatte. Die kleinen Äuglein fest zusammen gepresst, bewegte er stumm die weibischen Lippen, über denen glitzernde Schweißperlen in Reih und Glied standen. Aus dem sommersprossigen Gesicht war jede Farbe gewichen, die riesigen Ohren hingegen – von den kleinen Kopfhörern nur mangelhaft abgedeckt – glühten dunkelrot und signalisierten höchste Alarmbereitschaft. Scheinbar war ich mit meiner Flugangst nicht alleine.

Fortsetzung folgt.

 

Flugangst I

Die gute Nachricht vorneweg: Das Bangen um Herrn Moser hat sich gelohnt und ich habe unversehrt Stockholmer Boden betreten. Dennoch war der Flug der reinste Höllenritt, wie ich dem geneigten Leser in den nächsten Tagen ausführlich berichten werde. Fasten seat belt.

Keuchend und auf das heftigste transpirierend kämpfte sich das Ungetüm durch den schmalen Mittelgang des Flugzeuges. Ein spinatgrüner, dünner Rollkragenpullover mit ausgeleiertem Kragen spannte sich wie eine zweite Haut über den enormen Wanst; darüber ein Schädel mit fantastisch abstehenden, großflächigen Ohren, durchscheinend und dünn wie Pergament. Das spärlich gekräuselte Haar, das eigentlich mehr ein Flaum war, hatte die Farbe von frisch gepresstem Karottensaft.

Vor dem monströsen Bauch hielt die pittoreske Erscheinung eine braune, abgewetzte Reisetasche umklammert, während die kleinen, wasserblauen Äuglein offenbar nach dem ihm zugewiesenen Sitzplatz fahndeten. Immer wieder stieß er zwischen den barocken, herzförmigen Lippen ein schüchternes „Verzeihen“ oder „Gestatten“ hervor, wenn andere Passagiere mit seiner gewaltigen Leibesfülle unfreiwillig Bekanntschaft schlossen. Missbilligende Blicke folgten dem reisenden Riesen, dessen Ohren durch die Kollisionen in Schwingung gerieten und bei jeder gemurmelten Entschuldigung in dezentem Rot aufglühten. Ich spürte Panik in mir hochsteigen. Nein, das Schicksal konnte es nicht so grausam mit mir meinen. Nicht den Platz neben mir! Doch der Mensch gewordene Elefant näherte sich unaufhaltsam, ließ den Blick zwischen seiner Bordkarte und den über jeder Sitzreihe angebrachten Nummernschildern schweifen.

Nervös gruben sich meine Fingernägel in die perfekt gebügelte Hose des grauen Reiseanzugs. Ich würde die unmittelbare Nähe dieses Fleischgebirges neben mir nicht ertragen. Da war ich mir sicher. Für den Fall, dass dieser üppige Kelch nicht an mir vorüber zog, musste ein Plan her. Der Spinatpullover mit dem orangen Schädelflaum war nur noch vier Sitzreihen entfernt. Die einzige Lösung, die meine grauen Zellen in dieser prekären Situation anboten, war das Vortäuschen von Übelkeit verbunden mit der Bitte an eine Stewardess, mir einen anderen Sitzplatz mit etwas mehr Freiraum – etwa neben dem Notausgang – zuzuweisen. Gleichzeitig wusste ich, dass ich diese List niemals in die Tat umsetzen würde.

Es liegt in meiner Natur, nicht aufzufallen. Es ist mir ein Gräuel, Blicke auf mich zu ziehen, im Mittelpunkt zu stehen. Die Maschine war bis auf den letzten Platz ausgebucht und mein Anliegen würde unweigerlich für Aufruhr sorgen. Selbst wenn ich mich überwinden könnte, eine Flugbegleiterin außerplanmäßig auf mich und meinen Sonderwunsch  aufmerksam zu machen, müsste sie jemanden finden, der bereit war mit mir den Sitzplatz zu tauschen. Sie würde in ihrem weinroten Kostüm und dem gepunkteten Halstuch durch die Reihen gehen, mit Passagieren flüstern und in meine Richtung zeigen. Köpfe würden sich zu mir drehen, Nachbarn miteinander tuscheln. Und der schwitzende Riese würde meinen perfiden Plan natürlich durchschauen. Niemals im Leben konnte ich mich einer derartigen Peinlichkeit aussetzen.

„Wahrscheinlich ist er ohnehin zu fett für nur einen Sitzplatz!“ warf mir das verzweifelte Gehirn einen letzten Rettungsanker zu. Blitzschnell und dennoch so unauffällig und zufällig wie möglich blickte ich zu den Reihen schräg hinter mir. Tatsächlich! Da waren noch zwei Plätze nebeneinander frei. 18 B und C würden das unförmige Hinterteil des Kolosses in den nächsten Stunden beherbergen! Ehe ich das Gefühl des Triumphes richtig auskosten konnte, traf mich besagter Rettungsanker tonnenschwer am Kopf und riss mich in ein tiefes Loch.

Fortsetzung folgt. Und das wird NICHT lustig!!!

Flugangst V

Die Leistung der Motoren war mittlerweile hörbar angestiegen und das leichte Zittern hatte sich in heftiges Rütteln verwandelt. Der Pilot gab ordentlich Gas und wir rasten über die Startbahn als gäbe es kein Morgen. Unendlich lange, und das Flugzeug hob nicht und nicht ab. Die Düsentriebwerke orgelten eine teuflische Symphonie und Flug 243 rührte sich keinen Millimeter vom Boden. Die Boeing vibrierte als würde sie sich jeden Moment in tausend Stücke auflösen, doch die Menschen ringsum lasen in ihren Gratiszeitungen als ginge sie das alles nichts an. Aber dann – ich wurde mit unsichtbarer Gewalt in den Sitz gedrückt, fühlte eine kurze Blutleere im Kopf und mein Magen schwebte irgendwo im Brustkorb. Als ich kurz darauf einen Blick aus dem Bullauge riskierte, war die gute alte Mutter Erde verschwunden.

Der unsägliche Mensch rechts neben mir, dessen spinatgrüner, ausgewaschener Ärmel inklusive Schweißfleck gefährlich an meinem mausgrauen Sakko schabte, quittierte das Verlassen unseres Heimatplaneten mit zwei leisen, aber doch deutlich vernehmbaren Rülpsern. Dem Geräusch und den nachfolgend würgenden Schluckbewegungen nach zu urteilen, hatte der Elefant Mühe, sein sicherlich reichhaltiges Frühstück unter Kontrolle zu halten. Eine Beschreibung des Geruches, den die Eruptionen nach sich zogen, möchte ich Ihnen ersparen. Nur soviel: ich nahm umgehend mit dem vor mir im Sitznetz steckenden Papierbeutel Blickkontakt auf. Ich konnte ja nicht ahnen, dass die zwei Elefanten-Rülpser nur die Vorboten auf ein weit schrecklicheres Ereignis waren.

Leises Flaschengeklirre und der vage Duft von Essbarem kündigte die nahende Ausspeisung an. Dienstlich lächelnd schoben Blond und Tizianrot eine schlanke Metallbox auf Rädern durch den Gang, verteilten ein frühes Mittagessen – es war inzwischen 10:55 – sowie Bier, Cola, Orangensaft und Mineralwasser. Auch kleine Flaschen Rot- und Weißwein, Marke „Kellerknirps“, waren darunter. Als das labende Personal noch sechs oder sieben Reihen entfernt war, nahm auch die feine Nase des Elefantenmenschen Witterung auf.

Schließlich stand Madame Tizian neben uns und wollte wissen, ob wir etwas trinken möchten. Runzel-Oma begehrte Tee und wurde auf später vertröstet. Aus hygienischen Gründen erschien mir eine verschlossene Dose Cola die richtige Wahl. Der Koloss zeigte der Stewardess reichlich rosiges Zahnfleisch und flötete: „Ich hätte jetzt gern meinen Cognac. Sie wissen, wegen der Flugangst. Und ein Glas Milch bitte.“ Sie ging in die Hocke, soweit es der enge, weinrote Rock zuließ, angelte ein Miniatur-Fläschchen „Scharlachberg“ aus den unteren Regionen des Metallschrankes und servierte es mit den Worten: „Milch haben wir keine. Meine Kollegin kommt später mit Kaffee und Tee. Möchten sie inzwischen ein Wasser oder ein Glas Bier?“ „Oh nein“, entgegnete er. „Bier ist ja sehr stark harntreibend und ich wüsste nicht, wie ich es an Ihnen und dem Essenswagen vorbei zeitgerecht zum Klo schaffen könnte.“

Der Wagen rollte ein Stück weiter, damit die Blonde ihres Amtes walten und das Essen ausgeben konnte. Der Dicke öffnete zum Trost das Schnapsfläschchen, legte den fleischigen Schädel in den Nacken und schüttete den Inhalt glucksend in den mächtigen Leib. Kaum hatte er den Trostspender und Flugangstvertreiber abgesetzt, sackte das Flugzeug in ein tiefes Luftloch. Besteck, Flaschen und das Gebiss der Greisin klapperten, vereinzelt Aufschreie. Mein Magen schlug einen Salto und das Gehirn schwebte für einen Moment im Vakuum.

Mein elefantöser Herr Nachbar jedoch verlor nun endgültig die Kontrolle über sein Frühstück. In hohem Bogen ergoss sich ein halbverdautes Gemisch aus zwei Stück Guglhupf (mit Rosinen) und zwei Käsebroten, angereichert mit gut einem Liter Milch und 2 cl Cognac, über das weinrote Flugbegleiterinnenkostüm der Blondine. Ihr freundliches  Lächeln, mit dem sie uns noch vor wenigen Sekunden Hühnerbrüstchen mit Teigwaren, gefällig dekoriert mit Salatblatt und einer Tomatenscheibe, kredenzen wollte, gefror zu einer unnatürlichen Fratze. Das dunkelrot bemalte Mündchen stieß ein spitzes „Iiiiiiiihh!!“ hervor. Mein Herz raste. Die Ohren auf Rotlicht gestellt, stammelte der Unglückswurm: „Ich….. es tut mir… verzeihen Sie…. ich wollte nicht…“ während die Reste der säuerlichen Gabe von seinen Mundwinkeln auf Hose und Polsterbezug tropften. Die Stewardess, die ein vormals silbernes, jetzt gesprenkeltes Schildchen als „Eva Matthis“ auswies, stand offenbar unter Schock. „Was habe ich Ihnen getan, Sie… Sie…?!!“ schrie sie den Erbrecher an, während sie versuchte, die Dienstkleidung mit Papierservietten von der sehr persönlichen Spende des fetten Passagiers zu befreien.

Im nächsten Augenblick stülpte das Mütterchen neben mir, wohl angeregt vom Duft des Vergorenen, der sich nun langsam in der Kabine ausbreitete, ihr Inneres nach Außen. Die Attacke traf sie unvorbereitet, denn ihr Strahl fand nicht den Weg in die dafür vorgesehene  Papiertüte, sondern streifte die Lehne des vorderen Sitzes, um schließlich samt Gebiss im Nacken der darin befindlichen Mittzwanzigerin zu landen. Diese wollte aufspringen, wurde jedoch vom Sitzgurt in die Schranken gewiesen. Panisch zuckte ihre Hand zur getroffenen Stelle. Als sie sich das Händchen mit den grausam violetten Fingernägeln vor Augen führte und die Finger spreizte, zogen sich darin übel riechende, rot-weiße Speichelfäden. Und am Daumen hatten sich die künstlichen Kauwerkzeuge meiner urlaubsreifen Nachbarin festgebissen. Das sehr modebewusste, sehr geschminkte, sehr sonnenbankgebräunte und sehr blonde Fräulein wollte schreien. Doch kein Ton kam aus ihrem offenen Mund mit den strahlerweiß gebleichten Zähnen. Dafür jedoch ein satter, ganz und gar nicht damenhafter Schwall aus pürierten Erdnüssen und halbtrockenem Sekt. Mein Beitrag zum großen Gemeinschaftskotzen kündigte sich gottlob durch heftigen Speichelfluss an, sodass ich zeitgerecht die Kotztüte zücken und mit Frühstückskaffee und einer Buttersemmel füttern konnte.

So setzte sich das muntere Reihern durch die halbe Touristenklasse fort. Die Luft war vom Geruch des Erbrochenen hochschwanger. Wir schauten den völlig aufgelösten Stewardessen dabei zu, wie sie hektisch Tücher und Schwämme schwangen, hilflos bemüht, den ärgsten Schaden zu beseitigen. Vor den beiden Toilettentüren bildeten sich endlose Menschenschlangen, mit gerümpften Nasen hielten die Passagiere voreinander respektablen Abstand. Ich öffnete eines der Erfrischungstücher mit Limettenduft, die nun vom Personal reichlich unters Volk gebracht wurden, drückte es mir vor die Nase und versuchte, ein wenig zu schlafen. „Schade, dass man in einem Flugzeug kein Fenster aufmachen kann“, flüsterte das Bubenstimmchen in mein rechtes Ohr. Ich schluckte mein zweites Valium und begann leise zu weinen.

Bild: welt.de

Hitzewelle

Ich bin ein sehr hitzeempfindlicher Mimoser. Klettert die Quecksilbersäule auf über 30 Grad Celsius und lässt die Luftfeuchtigkeit mein Deo versagen, werde ich grantig und beschimpfe den für den Klimawandel verantwortlichen Teil der Menschheit. Meine geliebte Frau Adelheid achtet auch penibel darauf, dass alle Spraydosen in unserem Haushalt frei von Fluorkohlenwasserstoffen (FCKW) sind, und wir frei von schlechtem Gewissen schwitzen dürfen. Heute sitze ich zum letzten Mal vor meiner Abreise nach Schweden in unserer kleinen Reihenhaus-Oase und nehme Abschied. Der ausgebleichte Sonnenschirm breitet schützend seine roten Schwingen über meine blasse Bürohaut und ächzt unter der heranrollenden Hitzewelle wie ein morscher Fischerkahn im bracken Hafenwasser.

Während ich emotional aufgewühlt an meinem eisgekühlten Gumpoldskirchner nippe und „Servus Lavendel, mach´s gut Apfelbaum“ flüstere, füllt Frau Moser meinen Serengeti-beigen Textiltrolley mit weißem Feinripp und schwarzen Business-Socken. „Was ziehst du für den Flug an??!!“ brüllt sie aus dem ersten Stock. „Meinen grauen, knitterfreien Reiseanzug!“ brülle ich zurück. Bei der Krawatte entscheide ich mich für ein blau-gelbes Schwedenmuster. Sollten wir in den Wäldern des hohen Nordens eine ungeplante Bauchlandung hinlegen, könnten die Nationalfarben auf der Krawatte unbewusste Sympathien bei den freiwillig herbeieilenden Helfern auslösen und mir so das Leben retten. Man kann mir nicht vorwerfen, ich sei unvorbereitet ins Ikea-Land geflogen. Mir bleibt noch ein kleiner Trost: Mein allwissendes Smartphone sagt für nächste Woche im Schnitt 20 Grad in Stockholm voraus. Sofern ich nicht bei lebendigem Leib im Flugzeug verbrenne, sind mir die schwedischen Temperaturen durchaus sympathisch.

Countdown

Letzte Nocht woa a schware Partie für mi… (Seiler und Speer)

Am Montag schlägt die Stunde der Wahrheit, am Vienna International Airport wird meine Geschäftsreise nach Stockholm aufgerufen und der näher rückende Termin treibt mir den Angstschweiß direkt proportional aus den Moser´schen Poren. Die letzte Nacht war ein einziges Potpourri an bizarren Alpträumen, die sich allesamt um trudelnde Düsenjets, schreiende Menschen, angstvoll verzerrte Münder, herabfallende Sauerstoffmasken und zerfetzte Leiber drehten. „Moser“, jammerte meine herzallerliebste Adelheid während sie um 04:26 morgens drei meiner schweißdurchtränkten Pyjamajäckchen mit spitzen Fingern in den Trockner warf. „Moser, das geht so nicht weiter. Du musst etwas unternehmen und dir Medikamente gegen deine entsetzliche Flugangst verschreiben lassen!“ „Ach Heidi“, gab ich ihr einerseits recht, auf der anderen Seite zu bedenken, dass ich der Allmacht der Pharmaindustrie keinen Vorschub leisten wolle. „Egal, wenn´s hilft“, bügelte Frau Moser den Einwand hinfort.

Prüfend blickte mir Dr. Wolfi, wie ich meinen langjährigen Hausarzt Dr. Wolfram Wolf insgeheim nenne, in alle verfügbaren Körperöffnungen und nahm sich anschließend mittels Stethoskop, Hämmerchen und geübten Medizinerfingern meine Eingeweide vor. Ich musste hüsteln, tief ein- und ausatmen, mich bücken und in ein grelles Licht blicken. Dr. Wolfi tippte geheimnisvolle Worte und Zahlen in den Computer und lächelte: „Herr Moser, Sie sind gesund wie ein frisch geworfenes Ferkel! Jetzt aber raus mit der Sprache – was führt Sie zu mir?!“ Da Ärzte bekanntlich der Schweigepflicht unterliegen, beichtete ich Dr. Wolfi meine Aviophobie und bat um Hilfe. „S´Moserle hätt Flugangscht!“ ländelte der gebürtige Vorarlberger und betete mir eine Statistik vor, wie sicher das Fliegen im Vergleich zu anderen Fortbewegungsmitteln sei. Er faselte etwas von Bachblüten und Aromatherapien, was ihm einen vorwurfsvollen Blick seitens des Patienten eintrug.

15 Minuten später stand ich mit einem Rezept für Valium in der Äskulap-Apotheke. Stockholm, zieh dich warm an, ich komme.

Heiter bis wolkig

Ich bin für technischen Schnickschnack nur schwer zu begeistern, ganz im Gegensatz zu meiner lieben Frau Moser. Sie programmiert DVD-Maschinen und Mikrowellen-Uhren ohne die Bedienungsanleitung auch nur eines Blickes zu würdigen; sie zaubert auf dem Computer farbenfrohe und listenreiche Excel-Tabellen; sie entlockt ihrem Smartphone alle nutzlosen Informationen dieser Welt. Ich bewundere sie dafür, bin selbst aber vom alten Schlag. So kommt mein tomatenroter Kleinwagen – ein Spanier, benannt nach einer Baleareninsel – ganz ohne globales Positionierungssystem aus. Keine streichelweiche Damenstimme dirigiert Herrn Moser durch das Verkehrsdickicht und befiehlt mir, dem Straßenverlauf für 400 Meter zu folgen. Ich vertraue weiterhin dem Straßenatlas von Freytag & Berndt, und wenn mich die Frage nach dem Geburtsjahr von Kaiserin Sissi quält, liegt mir meine 24-bändige ledergebundene Enzyklopädie näher als Wikipedia.

„Wenn es nach dir geht, hätten wir noch immer ein Telefon mit Wählscheibe und Viertelanschluss“, nahm mich meine beste Hälfte vor wenigen Tagen auf den Arm, um mich anschließend in selbigen zu nehmen und mir ein Päckchen, damenhaft in liebesrotes, mit weißen Herzen bedrucktes Papier gehüllt, zu überreichen. Der treue Leser wird es bereits ahnen – „Ach Heidi“ beschenkte mich mit einem südkoreanischen Smartphone. Sogleich überfiel mich heftiges Herzklopfen, jedoch nicht aus Freude und Dankbarkeit, sondern aus Furcht vor dem möglichen elektronischen Scheitern.

Doch meine Technophobie erwies sich als unbegründet. Behutsam nahm mich Adelheid an der technischen Kinderhand und führte mich, alles wie einem staunenden Dreijährigen in hochdeutschem Babysprech erklärend, durch das smarte Wunderland. Brav lernte ich meine Lektion und alsbald erlag ich dem mobilen Faszinosum. Bequem tippe ich mich mit dem rechten Zeigefinger durch die heiter bis wolkige Wetterlage in Stockholm oder beleuchte meinen nächtlichen Harngang mit der Taschenlampen-App, um mein Schlummerweib nicht mit dem Deckenflutlicht aus ihren verdienten Träumen zu reißen. Und wenn einer von euch freundlichen Blogger-Kollegen den Herrn Moser liked, gibt mir der digitale Alleskönner sogleich Bescheid. Nur Pokémon Go verweigere ich beharrlich.

Foto: Niantic

 

Venus und Mars

Meine geliebte Adelheid, die seit knapp 20 Jahren mein Abteilungsleiterleben treu begleitet und in zärtlichen Momenten von mir auch gerne „Ach Heidi“ genannt wird, ist kein streitsamer Mensch. Gemeinsam versuchen wir, unser beschauliches Glück im Reihenhäuschen zu hüten und zu verwalten, Streit und Zwistigkeiten so gut wie nur irgend möglich zu vermeiden. Da wir beide stark vermuten, dass uns auf dieser Erde nur ein (in Worten: 1) Leben geschenkt wird, halten wir es für vergeudete Lebenszeit, sich gegenseitig mit unflätigen Schimpfwörtern oder blumig lackierten Suppentellern zu bewerfen. Weil wir aber beide Menschenkinder und damit nicht frei von Fehlern und Fehltritten sind,  wird auch unser Reihenhaus fallweise zum Glashaus, wo die Steine tief fliegen.

Ein Beispiel möge dem geneigten Leser verdeutlichen, wie banal Anlässe für zwischenmenschliche Differenzen und wie unterschiedlich Auffassungen sein können. Anfang Juli bedachte mich Frau Moser unvermittelt mit einem vorwurfsvollen Blick und verfiel in melancholisches Schweigen. Geschult in derartigen Situationen ergriff ich die angetraute Schulter und wollte die Ursache für ihr stillgelegtes Mundwerk erfahren. Sie hätte Hilfe bei der Versorgung ihrer fußmaroden und  frisch operierten Frau Mama gebraucht und ich hätte nicht mal mit der Wimper gezuckt. „Aber du hast kein Wort gesagt!“ konterte ich fassungslos. „Ich hätte deine Hilfe eh nicht angenommen, du hast genug um die Ohren…“ schluchzte meine Frau von der Venus. „Aber du hättest mir deine Unterstützung wenigstens anbieten sollen.“ Schlagfertig erwiderte ich als gelernter Marsianer: „???“

Und verwichenen Samstag lag ich gegen 22 Uhr bereits in der ehelichen Bettstatt, studierte Dillsaucen-Rezepturen und ein launiges Büchlein über schwedische Bräuche, als Frau Moser nach Pfirsich duftend und in den Achselhöhlen frisch rasiert, unter meine Decke schlüpfte. Sie gurrte wie ein verliebtes Täubchen, doch ich war gedanklich im hohen Norden bei den Heringen und setzte zu einem Vortrag über eingelegte Fische und innovative Marinaden an. Adelheid starrte mich entsetzt an, raffte ihren Polster an sich und entfleuchte schnaubend und feuchten Schrittes unserem Schlafgemach. „Mit Fenchelsamen!!!“ rief ich Adelheid hinterher. Aber es war zu spät, Frauen können so sensibel sein. Die Hochzeitswerkzeuge blieben in dieser Nacht verpackt und unbenützt.