Der zehnte Keks, Kapitel 1

Linus Ziguri straniefelte leise, jedoch nicht minder hoffnungsbar vor sich hin. Augenwasser perlte salzig über ausgemurgelte Wangen. Da wo einst rosige Glanzbacken seinem Gesicht schweinisches verliehen, zogen nun ausgewaschene Furchen ihre kluftige Spur im Gesicht des Starkochs. Ziguri schloss die jeansblauen Tränenspender, um das Antlitz der sabolischen Welt nicht länger ertragen zu müssen. „Oh Gott“, hauchte er inbrünstig und all der Gram schien sein Blut zu schwärzen. Dunkel rumorte es durch seine Adern, rawunzte sich einer Schlammlawine gleich durch seinen Körper.

Ziguri war in den letzten zwei Jahren um Jahrzehnte gealtert, gemagert, gegraut. Die Sorge, seiner Kreativität und seines Könnens für ewiglich verlustig gegangen zu sein, sog jedes Leben aus seinem einst so stattlich gestrafften Körper.

Zwanzig Jahre lang war Linus Ziguri der Zeus unter den olympischen Kochgöttern gewesen. Hatte einen Stern nach dem anderen vom Himmel gekocht, die Restaurantkritiker aller Herren Länder zu hymnastischen Lobpreisungen hingerissen, unzähligen Gourmet-Spechten den ersten und einzigen Gaumen-Orgasmus beschert. Er virtuosierte auf der Klaviatur des Würzens wie ein Derwisch, er spanochelte jedes Stück Fleisch zu einer Zart- und Reinheit, dass sich am Tisch stets stille Ehrfurcht breit machte – man mununkelt gar, dass die eine oder andere feine Dame der Gesellschaft nach dem ersten Bissen in Tränen der Wonne ausbrach. Ziguri behandelte jede Petersilienwurzel, jede Zwiebel oder jede Sellerieknolle wie das erlesenste Geschenk des Herrn. Verlieh ihm Form und hob selbst den dumpfesten, erdigen Gemüsecharakter in halalichte Höhen. Und seine Saucen! Seine Saucen! Jede, einfach jede Todsünde wert. Doch die Krönung seiner Kunst war zweifelsfrei die Komposition, die Vermählung der einzelnen Zutaten zu einem kulinarischen Liebesakt, der die Geschmacksknospen erblühen ließ wie den Flieder im Mai. Sein getrüffeltes Mus aus italienischen Waldmaronen schalmeite sich samtig an die rosa, im Heubett gegarte Lende vom Milchlamm, galant begleitet von lilaneskem Kartoffelschaum – um nur ein Beispiel aus Ziguris Oeuvre zu nennen, das als Klassiker in die Geschichte eingegangen war.

Es oohht und aahht daher nicht, dass Maitre Linus Ziguri zum Star avancierte. Nicht nur in der Welt der Kulinarik, auch in den gelben Prinzessinnen-Blättern prung hochglänzend sein Konterfei, er spendete kluge Interviews, talkte in fernseherischen Gesprächsrunden über mehrfach ungesättigte Fettsäuren und die heilspendende Kraft des Salbei. Verdreifachte als sympathischer Werbeträger die Umsätze der Bio-Fleischproduzenten, gewann saloppierend und generations- und geschlechterübergreifend die Herzen der Menschen. Wo er auftauchte, traubte das Volk – begierig darauf, einen Blick auf den leibhaftigen Ziguri oder gar eine Unterschrift zu erhaschen. Er hielt sogar ein gewisses Klärchen in Lohn und Brot, welche seine medialen Verpflichtungen in ein zeitlich tragbares Korsett verweberte.

Doch eines wies der Koch der Köche stets strikt von sich: eine eigene, regelmäßige Kochsendung im Fernsehen. Zu sehr fühlte sich Ziguri seinem gleichnamigen Restaurant und dem Wohl seiner Gäste verpflichtet. Mehrere Tage im Monat sein Küchenorchester im Stich zu lassen, um sich in einem Fernsehstudio telegen in Szene zu setzen, erschien ihm schabulent.

Aber TV-Produzenten sind Meister der Verführung, wenn sie Quote und damit Geldiges wittern. Und der Name Ziguri versprach sprengende Einschaltquoten, wäre ein Coup als würde Petrus höchstderoselbst die Wettervorhersage moderieren. Die Fernsehmacher umwurben Linus mit Engelszungen und abenteuerlichen Gagen – und eines wittrigen Nachmittags brach der Zigurische Schutzwall. Der größte Privatsender setzte eine hollywoodeske Summe in den Vertrag, die selbst einem Tom Hanks zur Ehre gereicht hätte. In der Presseaussendung, die tags darauf alle Redaktionen des Landes ereilte, stand zu lesen, dass Herr Ziguri die Hälfte seines Honorares gegen den Hunger in der Welt spenden würde.

Alle waren glücksig! Der Sender über sein unschlagbares Zugpferd, der Koch über die positive Presse und sein karitatives Werk, die Presse über die Schlagzeilen, das Fernsehvolk über „Ziguris kulinarische Stunde“, die fortan einmal wöchentlich für regen Speichelfluss und astrosphärische Einschaltquoten sorgte. Die Tische des Zigurischen Speisetempels waren über viele Monate hinweg ausgebucht, auch wenn der Maitre immer weniger Zeit fand, selbst Schneebesen und Küchenzepter zu schwingen – geschweige denn neue Kreationen zu ersinnen.

Fortsetzung folgt morgen.

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Short Stories

Wie Ihnen nicht entgangen sein dürfte, bedarf unser Freund Herr Moser derzeit strikter Bettruhe. Der kranke Abteilungsleiter wird von seiner Adelheid bestens gepflegt, mit Kamillentee und Hühnersuppe versorgt, und mit kühlen Tüchern kämpft sie sogar gegen seine fiebrigen Alpträume an, in denen stets der Cerny das Regiment in der Fabrik übernimmt. In dieser schwierigen Zeit wollen wir dem armen Kerl in seinem Reihenhäuschen ein wenig Ruhe gönnen und ihm nicht zu sehr auf die Nüsse gehen.

Als väterlicher Freund und Erfinder von Moser, Heidi, Pfotenhauer, Cerny & Co. werde ich mir also erlauben, Ihnen an dieser Stelle demnächst auch die eine oder andere Kurzgeschichte aus meiner Feder zu präsentieren. Im Gegensatz zum Moser, den ich Ihnen stets in mundgerechten Happen serviere, sind diese Stories nicht ganz so kurz, sodass ich sie erst in ein paar leicht verdauliche Teile zersäbeln muss, ehe ich sie Ihnen an einigen aufeinander folgenden Tagen serviere.

Den Anfang macht die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines hochdekorierten Sternekochs. Dieses kleine Werk hat auch eine Besonderheit: Ich verwende darin selbst ersonnene und eigens kreierte Wortschöpfungen, die Sie in keinem Duden finden werden. Quasi als Tribut an das Können und die Kreativität der Meisterköche. Heute im Lauf des Tages geht es los mit Teil 1. Ich wünsche viel Vergnügen und freue mich auf zahlreiches Feedback.

Nebenwirkungen

Würde ich Ihnen, meine werten Damen und Herren, alle möglichen Risiken und Nebenwirkungen aufzählen, die sich auf den Beipackzetteln der mir verordneten Medikamente finden, müssten Sie sich ernsthafte Sorgen um das Wohlergehen und die Schaffenskraft von Herrn Moser machen. Rezeptpflichtige Antibiotika, kleine Kapseln gegen die darmfeindliche Wirkung der Antibiotika, Schmerzmittel, blutdrucksenkende Medikamente und  Tabletten zur Fiebersenkung bilden derzeit meine täglichen Hauptmahlzeiten, zum Nachtisch gibt es dann noch rezeptfreie Salben, Brausetabletten und allerlei homöopathischen Kram. Meine Tage und Nächte bestehen im Wesentlichen aus Schlafen und Leiden, die restliche Zeit benötige ich, um all die Wunder der Pharmazie zeitgerecht und in der richtigen Dosis einzunehmen. Schon aus Gründen der ärztlichen Schweigepflicht und des Datenschutzes werde ich meine Krankheiten hier nicht beim Namen nennen. Zum Trost darf ich Ihnen aber verraten, dass mein Hausarzt Dr. Wolfi gestern meinte: „Kein Grund zur Panik, Moser. Wir bekommen Sie wieder hin, in zwei Wochen sind Sie ganz der Alte!“

Ich vertraue Dr. Wolfi. Einem anderen Doktor vertraue ich hingegen ganz und gar nicht – dem verdächtig unverdächtigen Dr. Cerny. Was wird mich erwarten, wenn ich nach meiner krankheitsbedingten Abwesenheit in die Fischkonservenfabrik zurückkehre? Wird Cerny versuchen, das Abteilungsruder an sich zu reißen? Wird er mit Direktor Pfotenhauer Arm in Arm über den Gang schlendern und frischen Cappuccino aus dem Automaten schlürfen? Die gefährlichste Nebenwirkung meiner Medikamente heißt nicht Übelkeit, Schwindel oder Verstopfung – sondern Cerny.

Und wenn ich dieser Tage meinen Blog nicht ganz so regelmäßig wie gewohnt pflege, üben Sie Nachsicht. Aber ich brauche die Pflege fast noch dringender als der Blog. Außerdem verbietet mir ein gewisses Schmerzmittel das Bedienen schwerer Maschinen – und da mein alter Stand-PC gefühlte 25 kg wiegt, bediene ich ihn momentan nur im Ausnahmefall.

Herzensangelegenheit

Mein heutiger Beitrag ist einem ganz besonderen Menschen gewidmet: Meiner geliebten Frau Adelheid, der treuen Leserschaft auch als Heidi und „Ach Heidi“ bekannt. Die Mosers feiern nämlich ein privates Jubiläum, das ich zum Anlass nehme, mich in tiefer Liebe und Dankbarkeit zu verneigen.

Heidi, ich habe einst mit einer brennenden Bratpfanne deinen treuen Dackel Joschi ins Jenseits befördert und ich hätte es dir nicht übel genommen, wenn du mich mit selbiger Pfanne gleich hinterher geschickt hättest. Aber du hast den reuigen Unglückswurm hinter der vermeintlichen Teufelsfratze erkannt, und uns eine Chance gegeben. Dafür danke ich dir. Ich danke auch für deine Geduld, es so viele Jahre mit diesem kauzigen Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik ausgehalten zu haben. Du erträgst all meine Kapriolen, die abstrusen Einfälle, Missgeschicke und haarsträubenden Geschehnisse mit Gelassenheit, manchmal auch nur mit Wut und Tränen, doch stets mit Liebe zu mir. Du sagst, ich sei schrullig – und wenn ich daran denke, wie ich dich mit einem aufgeklebten Schnurrbart in den Supermarkt begleitet habe, um nicht erkannt zu werden, muss ich dir recht geben. Heidi, du tolerierst all meine Ängste und Phobien, meine seltsamen Angewohnheiten, und selbst wenn ich zwei Kilo selbstgepflückte Eierschwammerl an der Tankstelle vergesse oder dir ein singendes Telegramm mit dem umgetexteten Herzbuben-Hit als Heidilein! ins Haus schicke, ist am Ende nach einem Gläschen Gumpoldskirchner alles wieder gut. Und wenn ich in der Fabrik gegen Direktor Pfotenhauer, den verdächtig unverdächtigen Cerny und den Kaffeeautomaten wie gegen Windmühlen kämpfe, weiß ich dich mental an meiner Seite. Dafür danke ich dir.

Ach Heidi, ich liebe dich für deine kleinen, gelben Post-It-Zettel, ich liebe dich für dein ansteckendes Lachen, für deine magischen Kräfte sofort einen Parkplatz zu finden, und sogar die unüberschaubar lange Liste aller Speisen und Zutaten, die du verweigerst, zaubert mir ein verliebtes Lächeln auf die Lippen. Du bist und bleibst die beste Frau Moser auf diesem Planeten. Möge sich daran niemals etwas ändern. Das wünsche ich uns zum heutigen Jubiläum.

Postskriptum: Ab morgen gehen wir gemeinsam rauchfrei durch unseren chaotischen Alltag. Und auch wenn der Nikotinentzug kurzfristig zu Übellaunigkeit und Zickereien führen sollte: Wir lassen uns davon nicht aus der Bahn werfen. Denn die Mosers gehen gemeinsam durch dick und dünn.

Conservare

Seit Tagen beflügelt mich meine grenzgeniale Idee, die Zielgruppe der Vegetarier mit fischlosen Fischkonserven zu erobern. Eine innovative Produktlinie mit Tofu-Shrimps in Kokos-Chili-Sauce oder Seitan-Heringen mit Olivenpesto würde die tierlieben Konsumentenherzen im Sturm erobern. Ich war sicher, Direktor Pfotenhauer wird mir nach meinem gelungenen Vortrag samt Powerpoint-Präsentation weinend in die Arme fallen, mich herzend an seine breite Brust drücken, und Hosianna! rufend um seinen monumentalen Schreibtisch tanzen. In meiner Vorstellung wurde ich in den Stand eines stellvertretenden Generaldirektors erhoben, und dürfte fortan meine Notdurft in den Personaltoiletten der Führungsetage entrichten. Ich sah die Umsatzzahlen steil nach oben klettern, und mein Foto die Galerie der „Mitarbeiter des Monats“ zieren. Doch es kam ganz anders.

Ich hatte meinen feinsten, von Adelheid liebevoll ausgesuchten Zwirn angelegt und mich räuspernd neben dem Laptop aufgebaut. Dann startete ich meinen Vortrag, referierte mit Feuereifer über das explodierende Marktsegment der eingefleischten Vegetarier und Veganer, sang Loblieder über pflanzliche Alternativen zu Fleisch und Fisch, streute beeindruckende Zahlen und Tortendiagramme ein, und würzte mein Jahrhundertwerk zur Auflockerung mit kleinen, witzigen Animationen. Pfotenhauer verfolgte die Präsentation mit starrem Blick und verzog keine Miene. Eben ließ ich eine Blutorange über den Bildschirm hüpfen und via Sprechblase „Auch ich bin vegetarisch!“ sagen, als das Telefon des Direktors klingelte.

„Pfotenhauer.“ Kurze Pause. „Ach, Svetlana!“ begrüßte er seine silikonverfeinerte Frau aus der schönen Slowakei. „Fein, dass du anrufst Schätzchen! Was gibt es?“ Der Magister lauschte den Ausführungen seiner besseren Hälfte, während ich nervös von einem Bein aufs andere trat. Schlechtes Timing, ganz schlechtes Timing. „Dann mach doch ein Filet Wellington, wenn es keine frischen Rinderrouladen mehr gibt!“ lachte der Big Boss in die Sprechmuschel. „Ja. Gut. Okay, Schätzchen. Bis heute Abend!“ Etwas geistesabwesend wanderte Pfotenhauers Blick wieder zu mir. „Entschuldigen Sie, Moser. Was sagten Sie? Ach ja, vegetarische Fischkonserven. Also ich glaube nicht, dass wir unseren Kunden eine solche Mogelpackung andrehen sollten. Fischloser Fisch. Tofu. Bähh. Stellen Sie sich vor, Svetlana würde mir ein Beef Wellington aus Soja und irgendwelchen Weizenschnipseln vorsetzen!“ Erwin Pfotenhauer schüttelte ungläubig lachend den Kopf. „Aber danke für den Vortrag, Moser.“

Unser Geschäft sind Konserven. Das kommt aus dem Lateinischen für conservare für behüten, bewahren. Unser Direktor hat sich das offenbar groß auf die Fahne geheftet. Konservativ hat schließlich denselben Wortursprung.

Morgengrauen

Heute musste das tomatenrote Mosermobil zur alljährlich anstehenden technischen Inspektion. Ich war an diesem verregneten, nebelgrauen Morgen also auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, um meine berufliche Heimat, die Fischkonservenfabrik, zu erreichen.

Die hochmoderne, elektronische Anzeigentafel bei der Haltestelle kündigte die nächste Straßenbahn in vier Minuten an. Offenbar ticken die Uhren der Wiener Verkehrsbetriebe etwas langsamer und erst nach neun Minuten frierenden Wartens im strömenden Regen fuhr der überfüllte Niederflurzug ein. Im Wageninneren stank es nach nassem Hund, und als mir ein Schulkind seinen Sitzplatz anbot, fühlte ich mich so alt wie ich in diesem Moment wohl aussah. Fünf Stationen und einem unplanmäßigen Stopp aufgrund der Ladetätigkeit eines LKW später, wechselte ich in den Untergrund. Auf dem Weg zur U-Bahn wurde ich von einem Greenpeace-Mitarbeiter um eine Spende gebeten und eine junge verwahrloste Frau, die keinen besonders nüchternen Eindruck machte, bettelte um 1,- Euro. Ich schlug den Kragen meines Regenmantels hoch, senkte den Kopf und hastete schlechten Gewissens weiter. In der Linie U4 quälte ein unrasierter Alter die Passagiere mit Ziehharmonika-Klängen aus seiner Heimat, doch niemand ließ sich etwas anmerken. Alle starrten auf ihr Smartphone, wischten auf dem Display herum oder telefonierten in einer mir unverständlichen osteuropäischen Sprache. Ich hätte mich auch in Warschau oder Prag befinden können. Ich freute mich auf mein warmes Büro, auf Heidis heißen Kaffee aus der Thermoskanne, und sogar auf den verdächtig unverdächtigen Dr. Cerny.

Wie berichtet, verhöhnt mich unser neuer Kaffeeautomat nach Strich und Faden, sodass ich keinen müden Cent mehr auf das Kaffeeroulette setze und seit wenigen Tagen meinen eigenen Muntermacher von zu Hause mitbringe. Scheinbar ist mir dieses neue Ritual noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen, denn als ich am Schreibtisch meine schweinslederne Aktentasche öffnete, fanden sich darin lediglich meine Pausenbrote und einige geschäftliche Unterlagen. Keine Spur von meiner Thermoskanne, die wahrscheinlich von Adelheid gut befüllt noch zu Hause am Küchentisch vor sich hindampfte. An manchen Tagen sollte man einfach im Bett bleiben.

Süchtig!

Hallo. Mein Name ist Moser, Herr Moser. Und ich bin süchtig, süchtig nach Maggi.

Ich vermute, dass sich bei diesem erschreckenden Geständnis alle Food-Blogger, Gourmetkritiker und kulinarischen Feinspitze mit angewiderter Miene abwenden werden. Aber ich bin der braunen Droge aus der Schweiz („Das gewisse Tröpfchen Etwas“) seit frühen Kindertagen verfallen. Schon als Dreikäsehoch schlich ich nachts heimlich in die Küche, tränkte eine Scheibe Schwarzbrot mit ein paar Spritzern Maggi, und schwelgte im Schein der offenen Kühlschranktür im Rausch der speziellen Speisewürze. Eine Suppe – gekocht mit Rindfleisch, Knochen und Wurzelgemüsen – wird erst mit einigen Tropfen Maggi on top zum ultimativen Gaumenkitzler. Da feiern Mosers Geschmacksnerven eine fette Riesenparty inklusive Feuerwerk.

Und eine eben solche Suppe, gekrönt von einem handgeformten Leberknödel, zauberte Adelheid auf unseren sonntäglichen Mittagstisch. Voll hungriger Vorfreude beugte ich mich über den Teller, nahm den herrlichen Duft mit allen Sinnen auf, und griff zur ebenso charakteristischen wie obligatorischen Maggi-Flasche. Die Ernüchterung kam schlagartig, denn das dunkelbraune Fläschchen war so leer wie mein Magen. Keinen Tropfen ließ es sich mehr abringen und ich war der Hysterie nahe.

Heidi erkannte die Gefahr und hatte den rettenden Einfall: „Frag doch mal die Kalteneggers!“ Unsere Reihenhaus-Nachbarn haben uns mit Augentropfen, einer Tasse Gries oder einer rostfreien Drahtschere schon aus so mancher Patsche geholfen und ich vermute, dass sie in ihrem Keller ein riesiges, perfekt sortiertes Warenlager unterhalten. Es bestand also Hoffnung und ehe die Suppe kalt werden konnte, stand ich bei Kalteneggers vor der Tür und klingelte.

„Servus Sybille“, begrüßte ich die Frau des Hauses. „Fraaage: Könnt ihr uns vielleicht mit einer Flasche Maggi aushelfen?“ „Tut mir leid Moser, aber so etwas haben wir nicht.“ Sie hatte tatsächlich so etwas gesagt. Mir klappte die Kinnlade runter und ich bohrte nach: „Sicher nicht? Könntest du bitte nachschauen, eventuell habt ihr ja doch irgendwo…“ „Nein, solche gesundheitsschädlichen Geschmacksverstärker kommen uns nicht ins Haus“, fiel sie mir ins Wort. „Tut mir leid, Mahlzeit!“ Bleich und bereits leicht zitternd kehrte ich ohne Schuss Maggi an unseren Esstisch zurück.

Für die Leberknödelsuppe musste als Ersatzdroge dunkle Sojasauce herhalten, die mir aber nicht den nötigen Kick verpassen konnte. Meine Geschmacksnerven feierten keine rauschende Champagnerparty mit Feuerwerk, sondern einen müden Kindergeburtstag mit Himbeersaft und Luftballons.

Fischloser Fisch

Gestern war, wie jeden 1. Oktober seit 1977, der Weltvegetariertag – Aktions- und Feiertag für die stetig wachsende Gemeinde, die unter dem Motto „Gemüse ist mein Fleisch“ auf jeglichen tierischen Genuss verzichtet. Vegetarische und vegane Restaurants sind aktuell höchst fruchtbar, denn sie vermehren sich wie Pickel im Gesicht eines pubertierenden Jünglings. Der Verzicht von toten Tieren am Teller ist mehr als nur ein Trend, für viele ist es sogar Weltanschauung, tiefmoralische Überzeugung und stiller Protest gegen die üble Massentierhaltung und Überfischung der Meere.

Den Zahlen und Fakten der vegetarischen Bewegung folgend, hat Ihr Herr Moser, der schlaue Fuchs, eine geniale Idee ausgebrütet. Um die Fleisch- und Fischverächter zurück ins Fischerboot zu holen, und damit die Umsätze unserer Konservenfabrik in lichte Höhen zu treiben, sollten wir eine pflanzliche Produktlinie entwickeln, bei der kein Hering, kein Thunfisch, keine Sardine ihr Leben lassen musste. Wenn die Industrieköche Bratwürste, Salami und Leberkäse aus Seitan, Tofu, Lupine oder Quorn basteln können, warum nicht auch Lachs, Tintenfisch oder Garnelen für unsere Konservenproduktion? Das tierliebe Volk würde jubeln, davon bin ich überzeugt.

Am Wochenende werde ich eine Powerpoint-Präsentation erstellen, bei der Direktor Pfotenhauer mit den Ohren schlackert. Mit meiner Idee werde dem verdächtig-unverdächtigen Cerny das Wasser abgraben, und meinem Chef beweisen, dass ein Moser noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Der fischlose Fisch wird mein Überleben als Abteilungsleiter sichern, damit werde ich die Karrierepläne des Emporkömmlings Cerny durchkreuzen.

Allerdings bin ich ein Mensch, der Berufliches strikt von Privatem trennt. Heute Abend kommt mein Bruder Bertl samt Familie zum spätsommerlichen Grillen. Und ich muss jetzt die Steaks marinieren. Schönes Wochenende!

 

Foto: amityunion.de

Der Automatenflüsterer

Seit mir Big Boss Pfotenhauer den jungen Dr. Cerny in die Abteilung  verpflanzt hat („Ein bisschen frisches Blut kann nicht schaden, Moser!“), hege ich den schrecklichen Verdacht, dass der studierte Neuling entweder als betriebsinterner Spion unsere Effizienz auskundschaften soll, oder – noch schlimmer – als künftiger Nachfolger meiner leitenden Position herangezüchtet wird. Natürlich hat man ihm an der Wirtschaftsuni rein gar nichts über das Fischkonserven-Business beigebracht, jedoch muss ich zugeben, dass sich Cerny unauffällig, aber fleißig in die Materie einarbeitet. Seine überdimensionalen wasserblauen Augen hinter den dicken Brillengläsern sind mir noch immer ein wenig unheimlich, und auch die feine Schicht weißer Schuppen auf den Schultern seiner schwarzen Wollsakkos lässt mich schauern – doch sonst kann ich bisher nichts Nachtragendes über den Burschen sagen. Er verhält sich so unverdächtig, dass es mir höchst verdächtig ist.

Seit wenigen Wochen haben wir einen neuen Kaffeeautomaten auf der Etage, der mich in den Wahnsinn treibt, da er die Heißgetränke nach dem Zufallsprinzip ausschenkt, ohne Rücksicht auf die gedrückte Taste. Gestern machte ich eine interessante Beobachtung. Cerny tätschelte dem Automaten wie einem nervösen Gaul beruhigend die Flanke und sprach eindringlich: „Ganz ruhig, alter Junge. Ich will nur einen Mokka, heiß und schwarz, ohne Zucker. Hast du verstanden? Mokka.“ Dabei klimperte er mit einer Handvoll Kleingeld vor dem Münzeinwurf und sah dem Kasten tief in die aufgedruckten Kaffeebohnen-Augen. Dann fielen 70 Cent in den Schlitz und Sekunden später schnappte sich Cerny einen dunkelbraunen, dampfenden Plastikbecher, schnupperte daran, nahm mit spitzen Lippen einen kleinen Schluck und kehrte lächelnd in sein Büro zurück. Cerny der Automatenflüsterer?

Ich schlich mich seitlich an das mannshohe Gerät, streichelte die Seite mit der Bedienungsanleitung, und hielt ein paar Münzen vor den Einwurf wie Würfelzucker vor ein Pferdemaul. Dazu flüsterte ich: „Hallo alter Junge. Moser hier. Ich will nur einen Cappuccino mit Milchschaum. Hast du verstanden? Ka-pu-tschi-no. Bitte!“ Dann ließ ich das Geld zärtlich in den Schacht gleiten und drückte die Cappuccino-Taste.

Auf dem Weg zurück an meinen Schreibtisch drückte ich den Becher mit heißer Schokolade unserer Vorzimmerdame in die Hand und lächelte: „Hier, für Sie Frau Erna. Sie leisten gute Arbeit!“ Cerny ist mir verdächtiger denn je zuvor.

Flohmarkt

In der Wiener Innenstadt, im wunderschönen Innenhof des Erzbischöflichen Palais, lockte am verwichenen Wochenende ein Flohmarkt zugunsten notleidender Kinder massenhaft Schnäppchenjäger, Sammler, Bummler und Neugierige an. Meine liebe Adelheid meinte, es sei an der Zeit, endlich mal wieder unsere beschauliche Reihenhaus-Idylle zu verlassen und das karitative Spektakel live zu verfolgen. Da selbst das Wetter noch mehr dem Sommer als dem Herbst zugeneigt war, hatte ich keine überzeugenden Gegenargumente im Talon.

Wir schoben, drängten und zwängten uns also durch die Reihen der Aussteller, umspült von babylonischem Sprachgewirr, und versuchten, keine kleinen Kinder umzutreten. Als ich aber mit meiner brennenden Zigarette den roten Luftballon eines blondgelockten Mädchens mit lautem Knall zum Platzen brachte (unabsichtlich, versteht sich), kassierte ich von Frau Moser einen bohrenden Blick, der sich heißer anfühlte als die stechende Mittagssonne. Das Mädchen zeigte auf mich und rief schreiend nach seiner Mamaaaa! Wie schön wäre es jetzt, im schattigen Gastgarten eines Wirtshauses zu einem goldgelben Schnitzel ein goldgelbes Glas Bier zu schlürfen und die Beine unter dem Tisch auszustrecken! Also frug ich Heidi, ob sie denn eigentlich wüsste, woher der Flohmarkt seinen Namen hat. Sie probierte gerade ein keckes Damenhütchen aus himmelblauem Filz, betrachtete sich kritisch in ihrem Schminkspiegel und sagte: „Nein Moser, warum heißt er Flohmarkt?“

„Im Paris des 18. Jahrhunderts gab es sehr viele arme Menschen, die sich keine neue Kleidung leisten konnten“, dozierte ich. „Deshalb organisierten sie Märkte, auf denen gebrauchte Sachen zum Verkauf angeboten wurden. Gleichzeitig war es mit der Hygiene damals nicht weit her, die Kleider und die Menschen waren zu dieser Zeit meist ziemlich stark verschmutzt.“ Die reinliche Heidi wurde hellhörig. Eindringlich fuhr ich fort: „Nicht nur in den Klamotten fühlten sich daher die Flöhe pudelwohl, auch die dreckigen Leute waren leckere Wirte für das Ungeziefer.“ Bleich drückte Adelheid der Verkäuferin den Filzhut in die Hand und schüttelte den Kopf. Ich war in meinem Element: „So wechselte auf diesen Märkten der eine oder andere Floh den Besitzer. Das kann ganz schön unangenehm sein, denn Flöhe beißen Menschen und saugen ihr Blut! Aber daher kommt die ursprüngliche Bezeichnung marché aux puxes – auf Deutsch: Flohmarkt!“

So unauffällig wie möglich wischte sich Heidi ihre Hände an den Jeans ab und sagte beiläufig: „Moser, ich hab Hunger. Gehen wir etwas essen, in einem schattigen Gastgarten vielleicht?“ Ich tat, als müsse ich kurz überlegen, dann stimmte ich achselzuckend zu: „Gut, wie du willst.“

Innerlich klopfte ich mir auf die Schulter, weil ich vor unserem kleinen Ausflug noch Wikipedia konsultiert hatte.