Früchte des Zorns

Frau Moser und ich sind große Freunde des Cantharellus cibarius, dem Leser nördlich des Weißwurstäquators auch als Pfifferling bekannt, die Bayern und Österreicher nennen diesen schmackhaften Pilz aufgrund der dottergelben Farbe einfach Eierschwammerl. Alljährlich im späten Sommer oder frühen Herbst packt uns das Jagdfieber und ich pirsche mit Heidi durch einen bodensauren Fichtenwald in der südlichen Steiermark (der genaue Standort wird nicht verraten, da wir touristische Schwammerlsammler fernhalten wollen), um die uns per Gesetz zustehende Menge von zwei Kilogramm zu ernten. Adelheids Kalbsgeschnetzeltes mit frischen Eierschwammerln in Rahmsoße schmeckt mit selbst erlegter Beute einfach doppelt so gut – wobei mit Beute natürlich die Pilze gemeint sind, und nicht das Kälbchen. Diesmal meinte es der Schwammerlgott besonders gut mit uns und nach einem fünfstündigem Streifzug durch Wald und Flur waren unsere Körbe und Beutel bis obenhin gefüllt. Bei einem eingeborenen Bauern, der einen seltsamen Dialekt sprach, kauften wir per Zeichensprache noch drei Flaschen des steirischen Spezialweines Schilcher, einen prächtigen Kürbis und zwei Körbchen Waldbeeren. Dermaßen für den kulinarischen Herbst gerüstet, traten wir in unserem tomatenroten Spanier die Heimreise nach Wien an.

Vergnügt pfiffen wir „All the leaves are brown“ von The Mamas & The Papas, als ein unbekümmerter, vielleicht sogar brünftiger Hase die Bundesstraße hoppelnd kreuzte und mich zu einer Notbremsung nötigte. Die Reifen quietschten und rauchten, der Kleinwagen wedelte mit dem Heck – aber Meister Lampe überlebte die Begegnung mit den Mosers unverletzt. Der roséfarbene Schilcher hingegen, gekeltert aus der Blauen Wildbachertraube, ging zu Bruch, da ich die Flaschen unvorsichtigerweise lose zwischen die Eierschwammerlsäcke gestopft hatte. Schnell machte sich im Wagen ein säuerlicher Weingeruch breit und Heidi zeigte schweigend aber bestimmt auf eine am Horizont auftauchende Tankstelle.

Ich lenkte unseren Flitzer auf den Parkplatz, entlud die Früchte des Waldes und entsorgte die Scherben. Dann schrubbte ich seufzend die Rückbank mit Mineralwasser, um Flecken und Alkoholgestank zu vertreiben. Adelheid nutzte die Gelegenheit und suchte die etwas verwahrloste Toilette der Tankstelle auf. Angewidert und mit spitzen Fingern kletterte sie zurück auf den Beifahrersitz, sodass wir die Heimreise fortsetzen konnten.

„Glück im Unglück“, versuchte ich die etwas frostige Stimmung aufzulockern, doch Heidi schwieg und rollte mit den Augen, während der Wunderbaum mit Fichtennadelduft gegen den Schilcher ankämpfte. Nach etwa 70 Kilometern warf Adelheid einen kontrollierenden Blick auf den Rücksitz… und wurde kreidebleich. Ihre linke Augenbraue zuckte unheilvoll. „Hast du die Eierschwammerln in den Kofferraum gepackt?“ In dieser Sekunde beschlich mich ein unheilvolles Gefühl in der Magengegend. Hatte ich? Ich hatte nicht.

45 Minuten später erreichten wir wieder die kleine Wald-Tankstelle, wo ich vorhin unsere mühsam gepflückten Pilze neben der Zapfsäule zwecks Autoreinigung zwischengelagert hatte. Aber da stand nur ein schwarzer Plastikeimer mit schmutzigem Wasser, von den Eierschwammerln keine Spur. In der hereinbrechenden Dämmerung grinste der weiße Halbmond hämisch vom Himmel, ein paar Grillen stimmten sich auf ihr Abendkonzert ein. „Diese Schweine!“ rief ich und trat gegen den Wassereimer. „Diebe! Schurkenpack!“

Nach über 450 Kilometern im Auto und fünf Stunden Fußmarsch durch den Wald, saß ich mit Adelheid gegen Mitternacht auf unserer heimatlichen Terrasse. Wir naschten von den gekauften Waldbeeren. „Und morgen machen wir Kürbissuppe!“ rief ich eine Spur zu fröhlich. Heidis Tränen glitzerten im Mondlicht silbern.

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Bertl rockt!

Adelheid liebt es, mir kleine Post-It-Zettel mit kryptischen Nachrichten zu hinterlassen. An der Kühlschranktür, auf meinem Aktenkoffer, in meiner Lunchbox, am Kopfkissen – Heidi ist allgegenwärtig. Heute Morgen klebte eine gelbe Botschaft am Rasierspiegel: „AM SA SPIELT B. IM E. NICHT VERGESSEN! A. M.“ Ich habe zehn Minuten gebraucht um herauszufinden, dass mit B. mein Bruder Herbert, genannt Bertl, gemeint ist, dass er einen Auftritt im Club Einstein hat – und A. M. Adelheid Moser bedeutet.

Bertl ist seit frühester Jugend mit Leib und Seele Musiker, genauer gesagt Gitarrist und Sänger der Death Heavy Metal Hardrock Band Stormbringer. Und Bertl hat das Jekyll & Hyde Syndrom: Im Berufsleben trägt er Verantwortung in einer Bank, in seiner Freizeit trägt er Lederkluft, Tatoos und ein Piratenkopftuch mit Totenkopf. Der Spießbürger, der sich tagsüber mit Kreditvergaben, Sicherheiten und Zinsen beschäftigt, mutiert bei Einbruch der Dunkelheit zum biertrinkenden Altrocker. Heidi nennt ihn auch „Bertl, das Chamäleon“.  Er nötigt seiner E-Gitarre Töne und Soli ab, die so manchem Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik die Ohren bluten lassen. Und alljährlich zur Herbstzeit lässt mein Bruder samt Bandkollegen im Club Einstein die Hardrock-Sau raus. Und wenn „Stormbringer“ konzertieren, mischen uns Heidi und ich unter die wildesten Bierbäuche, Zopfträger und Harley-Fahrer von Wien. Wir tauschen unsere Brillen gegen Kontaktlinsen, ziehen schwarze T-Shirts mit dem Band-Logo an und headbangen in den vorderen Reihen, als wären wir vom Teufel selbst besessen. Der Vorteil: Meine Abteilungsleiterfrisur verrutscht selbst bei ärgstem Geschüttel keinen Millimeter. Bertl aber ist voll in seinem Element und gießt sich freudig einen Plastikbecher mit Bier über den Kopf, wenn er uns erspäht.

Nach etwa zwei bis drei Songs ziehen wir uns in der Masse langsam zurück Richtung Ausgang. Mein Bruderherz und seine Rockkapelle sind nun in ihrer eigenen Dimension und nehmen Herrn und Frau Moser längst nicht mehr wahr. Wir flüchten in ein charmantes, kleines Lokal zwei Gassen weiter, reinigen unsere Ohren mit Wattestäbchen und bestellen zwei Gläschen Gumpoldskirchner. „Schön war´s wieder“, nickt Heidi. „Ja, Gitarre spielen kann er, der Bertl“, bekräftige ich.

Gutes Karma

Der Sonntag machte seinem Namen alle Ehre, und so saß ich nachmittags mit Adelheid im Garten unter dem rot verblichenen Sonnenschirm, wobei wir äußerlich immer nässer und innerlich immer trockener wurden. „Lass uns zum Bertolini fahren, gönnen wir uns ein Eis“, schlug meine Liebste nach einer Stunde des Darbens in der ungewöhnlichen Spätsommerhitze vor. Das musste sie mir nicht zwei Mal sagen.

Bertolini ist das angesagteste Eiscafé im Bezirk, das Angebot der frostigen Köstlichkeiten reicht von Gurken-Minze über Weichsel-Vanille bis zu Schlumpfeis und entsprechend groß ist der Andrang an heißen Tagen. Man kann davon ausgehen, dass die Terrasse durchgehend bis zum letzten Platz belegt ist, und im Umkreis von 500 Metern kein Parkplatz zu finden ist. Ich kann mit Esoterik, Feng Shui, Numerologie und Horoskopen durchaus nichts anfangen, allerdings bildet Heidi hier die vielgerühmte Ausnahme. Sie ist nämlich im Besitz übernatürlicher Kräfte. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, egal ob in der Innenstadt oder im Parkhaus eines Einkaufstempels, das Adelheidchen hat so etwas wie einen persönlichen Schutzpatron, der ihr stets den besten Parkplatz,  meist sogar in Rufweite des Zieles gelegen, zuweist.

Es nimmt also nicht Wunder, dass bei unserer Ankunft ein BMW mit schwarz getönten Scheiben den Blinker setze und Parkplatz mit Fahrbahn tauschte. Heidi reagierte sofort und fädelte unseren tomatenroten Spanier in die freigewordene Lücke, keine drei Meter neben dem Eingang von Bertolini. Wir stiegen aus und sie zwinkerte mir siegesgewohnt zu. Wir enterten die überfüllte, sonnenbeschirmte Terrasse und hielten Ausschau nach einem freien Plätzchen. Während ich unruhig, mit hängender Zunge und bettelndem Blick die Reihen abgraste, blieb Heidi ruhig, unauffällig und zentral stehen. Nachdem ich zwei Mal die Runde vergeblich durchgehechelt hatte, packte sie mich blitzschnell am Arm und zwei Sekunden später saßen wir an einem Tisch, den eine junge Familie mit Baby-Schreihals eben verließ. Es war übrigens Tisch 24, mit bester Aussicht auf den Springbrunnen in der Fußgängerzone.

Ich schickte Heidi einen aufrichtig bewundernden Blick. „Karma, mein lieber Moser“, lächelte sie, „Karma.“ Ich habe mir vorgenommen, morgen mein glanzvollstes Gehaltserhöhungskarma auszustrahlen, wenn mir Direktor Pfotenhauer über den Weg läuft.

Morgengabe

Ich vertrete die vielleicht etwas altmodische Meinung, dass man sein treusorgendes Eheweib ab und an mit einer kleinen Überraschung erfreuen sollte – nicht zuletzt, um Pluspunkte für eventuell kommende Missgeschicke und Katastrophen zu sammeln. Und so beschloss ich heute früh am Morgen, als unsere kleine Reihenhaussiedlung noch im Dämmerschlaf lag, meiner lieben Adelheid ein bombastisches Frühstück ans Bett zu servieren. Ich hielt die Luft an, wälzte mich mit zwei geschickten Umdrehungen aus der ehelichen Federstatt und schlich mich raubkatzengleich auf nackten Füßchen in die Küche, während Heidi selig lächelnd weiterschlummerte.

Ich brühte brasilianischen Kaffee, schäumte österreichische Milch auf, kochte ein weißwandiges Hühnerei exakt 3 Minuten 55 zur Perfektion, befüllte ein Glas mit Orangensaft und bestrich eine knusprig-warme Semmel aus dem Backofen mit Butter und Ribiselmarmelade. All die Köstlichkeiten verschachtelte ich auf unserem Serviertablett und dekorierte die kulinarische Morgengabe noch mit drei violetten Blümchen aus dem Garten. Dann balancierte ich damit nach oben, Richtung Schlafzimmer.

Unter der Decke lugte ein verstrubelter Haarschopf hervor, die Äuglein fest geschlossen, der Mund halb offen. Um Adelheid sanft zu wecken, räusperte ich mich leise. Ein schwerer Fehler, denn aus dem elegant angelegten Räuspern wurde ein handfester Raucherhusten-Anfall, der mir die Augen aus den Höhlen und das Blut ins Gesicht trieb. Mit einem Schlag war Heidi wach, blickte auf den puterroten, tränenden und spuckenden Moserkopf  – und schrie so laut sie konnte. Dabei schlug sie mir mit einer hektischen Bewegung das ohnehin bereits gefährlich schwankende Frühstückstablett aus der Hand. Heißer Kaffee schwappte auf die Blümchendecke und das malvenfarbene Nachthemd, was ihren Schrei in noch eindrucksvollere Höhen trieb.

Zwanzig Minuten später saßen wir geduscht in der Küche bei frischem Kaffee und rauchten unsere Morgenzigarette. Mein Husten hatte sich deutlich gebessert. „So geht das nicht weiter, Moser“, schüttelte Heidi den Kopf, und trug in ihrem Terminkalender für den 9. Oktober mit Rotstift  RAUCHFREI!!!  ein. „In einem Monat hören wir auf. Gemeinsam schaffen wir das.“ Seufzend drückte ich meine Zigarette im Aschenbecher aus und wünschte mir, ich hätte das Frühstück gleich am Tisch angerichtet.

Haarig, haarig!

Allen besorgten Lesern, die mich bereits in den Fängen des wütenden Mob vermuteten und als Dackelkiller einen Kopf kürzer geteert und gefedert  am nächsten Ast  baumeln sahen, sei versichert: Die Wogen sind geglättet. Der Hund meiner tagelangen Blog-Abstinenz liegt tatsächlich in meiner beruflichen Heimat, der Fischkonservenfabrik,  begraben. Die Produktionspläne für das letzte Quartal mussten ausgefeilt werden, ein Meeting jagte das nächste und eine neue Kaffeemaschine, mit der uns Chef Pfotenhauer überraschen wollte, gibt trotz Beschimpfungen und Fußtritten nur Nudelsuppe anstatt Cappuccino von sich. Es geht also rund in der Fabrik, und Heidi musste abends meinen verspannten Nacken massieren, während meine Füße in einem Eiswürfelbad ausdampften.

Trotz Stress und Schweiß gehöre ich zu jener Gattung der Abteilungsleiter, die peinlich genau auf ihr Äußeres achten – und dazu gehört auch die perfekte Abteilungsleiterfrisur, bei der die Nackenhaare keinen Millimeter über den Hemdkragen ragen dürfen. Und so knipste ich mir heute ein Stündchen ab, um den Friseursalon meines Vertrauens (Moderne Herrenhaarschnitte – für den Mann von Welt!) aufzusuchen, wo mir das adrette Fräulein Manuela seit Jahr und Tag das Haupthaar fassoniert. Außerdem gehöre ich zur Gattung des vielzitierten „Gewohnheitstiers“, sodass sich mir ausschließlich Manuela mit der Schere nähern darf und ich seit 7 Jahren und 4 Monaten auf dem 2. Stuhl links vom Eingang meinen Stammsitz habe. Dort habe ich, unterstützt von vier großformatigen Spiegeln, den besten Überblick über das Salon-Geschehen.

Als ich heute den Laden betrat, wäre ich fast stehenden Fußes wieder umgekehrt: Mein Platz war von einem bärtigen Langhaar-Hippie belegt, der sich offenbar von den 70er-Jahren verabschieden wollte. Ich wich entsetzt zurück, als mich Fräulein Manuela sanft am Ärmel packte und zu einem der anderen freien Stühle bugsierte. „Aber, aber…“ stammelte ich, doch die geschulte Friseurin hatte mich schon mit einem schwarzen Polyesterschurz ummantelt und ihr Werk begonnen. Seufzend ergab ich mich dem Schicksal, doch wohl war mir in meiner Haut auf diesem neuen Platz nicht. Um mich ein wenig abzulenken, erzählte ich ihr von meinem Aufenthalt in Schweden und wie ich geistesgegenwärtig den brutalen Angriff einer Taube in unserem Büro mittels Feueralarm abwenden konnte. Ich malte ihr gerade ein drastisches Bild der Vorkommnisse, als sie von einer heftigen Lachattacke gebeutelt wurde und mir mit der Schere ein Cut hinters linke Ohr rammte.

Als Entschädigung erhielt ich eine Tasse Kaffee und das Versprechen, nie wieder mit einem anderen Stuhl Vorlieb nehmen zu müssen. Der zweite Stuhl links neben dem Eingang trägt nun den Namen Moser. Meinen Vorschlag, dies auch mit einer kleinen gravierten Metallplakette offiziell zu machen, hat Manuela allerdings abgelehnt.

Shitwind

Als ich gestern an dieser Stelle die tragischen Umstände enthüllte, unter denen ich die heutige Frau Moser kennenlernte, brach zwar kein Shitstorm, aber doch ein kleiner Shitwind über mich herein. Keine zwei Stunden, nachdem ich publik gemacht hatte, wie ich anno dazumal den Tod von Adelheids Dackel Joschi verursachte (Hot Dog), polterte der Mob mit brennenden Fackeln und Heugabeln an meine virtuelle Haustür und forderte Mosers Kopf.

„Hundemörder!“ und „Dackelkiller!“ wurde ich gescholten, als unsensibler Tölpel, der brennende Bratpfannen durch die Gegend wirft, hingestellt. Die Lesergemeinde schrieb mir entsetzte Mails, ehemalige Freunde und Verwandte brüllten nicht druckreife Forderungen ins Handy. Selbst meine sorgende Schwiegermama Inge verlor kurzfristig die Contenance, als sie die wahren Hintergründe von Joschis Ableben erfuhr. Bisher hatten wir sie im Glauben gelassen, Heidis Dackel sei an Altersschwäche dahingeschieden. Durch zahllose Gerichtsshows gründlich gebrieft, konterte ich mit Einspruch! Es fehlen die Mordmerkmale, daher nur fahrlässige Tötung! Verjährt! Ich plädiere auf Unzurechnungsfähigkeit! Doch das aufgebrachte Volk war auf diesem Ohr taub, selbst mit meiner gütlichsten Richter-Hold-Stimme ließ sich nichts ausrichten. Aber eines wollten sie alle wissen: Warum zum Kuckuck fand die arme Heidi in die Arme des irren Dackelmörders??? Eine Frage, auf die ich selbst keine befriedigende Antwort wusste.

Abends nutzte ich die Gelegenheit und fragte mein liebendes Eheweib zwischen zwei Schlucken Gumpoldskirchner: „Ach Heidi, warum hast du dich damals eigentlich in mich verliebt? In den Henker des alten Joschi?“ „Moser, du hast eine brennende Pfanne aus dem Fenster geschmissen und meinen Dackel in die ewigen Jagdgründe geschickt. Und zwei Minuten später hast du die Chuzpe mich zu fragen, ob ich eine Feuerbestattung wünsche“, lächelte Adelheid weise wissend. „In diesem Moment dachte ich, du bist ein Riesendepp – aber ein sehr liebenswerter. Und du hast ein gutes Herz. Ich habe recht behalten.“

Herr und Frau Moser küssen sich innig, ein bombastisches Streichorchester geigt sich in höchsten Tönen zum Finale. Abblende.

The Happy End.

Illustration: literaryfictions.com

Hot Dog

Oft werde ich gefragt, wie Herr und Frau Moser ein Paar wurden, wie die bodenständige und fest im Leben verwurzelte Adelheid ihr Herz an den weltoffenen Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik verlieren konnte. Wie so oft in Liebesangelegenheiten hatte der Zufall seine launischen Finger im Spiel. Ich habe ihren Dackel auf dem Gewissen.

Ich war damals ein junger Spund, auf der Karriereleiter noch auf der untersten Sprosse, und natürlich ledig. Als Junggeselle war ich im Kochhandwerk nicht so richtig bewandert und nährte mich vorwiegend von Konservendosen und Nudeln mit Ketchup. An einem heißen Sommersonntag wagte ich mich an das herausfordernde Experiment, ein Wiener Schnitzel zuzubereiten. Ich drosch mit einem Holzhammer auf das inzwischen schmerzfreie Schweinestück ein, salzte und panierte vorschriftsmäßig. Dann setzte ich eine Pfanne mit reichlich Sonnenblumenöl auf. Just zu diesem Zeitpunkt rief mich meine liebe und sehr mitteilsame Mutter an, um über ihr und mein Befinden zu philosophieren. Ich saß im Wohnzimmer, seinerzeit noch an das Festnetz gefesselt, und tröstete Mama Moser über lästigen Fußpilz und steigende Milchpreise hinweg. Als ich nach geraumer Zeit in die Küche zurückkehrte, stand das Öl der Schnitzelpfanne in hellen Flammen. Ich wusste, dass in diesem Fall das Löschen mit Wasser nicht angebracht ist und zum Super-GAU führt. Also packte ich das feuerspeiende Ungetüm am Stiel und warf es in Panik aus dem offenen Küchenfenster im ersten Stock.

Jetzt kam der vorhin erwähnte Zufall ins Spiel. Adelheid führte ihren Dackel Joschi ausgerechnet zu dieser Zeit und ausgerechnet vor meinem Wohnhaus Gassi. Heidi kam mit ein paar kleineren Verbrennungen zweiten Grades relativ glimpflich davon, Joschi traf das brennende Geschoss leider tödlich. Quasi die letzte Ölung. Sofort stürzte ich auf die Straße und stellte mich kurz vor: „Tut mir leid. Moser mein Name.“ Dann nahm ich das zitternde und schluchzende, liebreizende Geschöpf in meine Arme und ließ sie meine Küchenschürze mit Rotz und Wasser benetzen. Um der peinlichen Situation etwas die Schärfe zu nehmen, flüsterte ich ihr leise ins Ohr: „Wollen Sie lieber ein Begräbnis oder eine Feuerbestattung? Ich bezahle.“

Sie bevorzugte eine traditionelle Beerdigung auf dem Hundefriedhof und gab mir im nächsten April das Ja-Wort.

Altkleidersammlung

Für Adelheid ist es unerträglich, einen ganzen Tag lang mal nichts zu tun. Es muss immer etwas erledigt, unternommen, gemacht werden. Sie kann nicht träge im Garten sitzen und Schäfchenwolken hüten, ohne vorher zumindest die Kellerregale neu sortiert und einen Gugelhupf gebacken zu haben.

Mein für gestern geplanter Ruhetag dauerte genau 85 Minuten, dann bellte mich Heidi mit den Worten „Kleiderschrank!“ „Aussortieren!“ von der Couch. Ich bin ein traditionsbewusster Mann, der sehr an seinen Textilien hängt und mit jedem Stück eine kleine Geschichte verbindet. Daher trenne ich mich nur ungern von abgelegten Hemden, Anzügen und Accessoires. Eigentlich gar nicht. Also nahm Frau Moser die Sache in die Hand.

Zuerst landete meine Sammlung von Fliegen (18 Stück) in einem der riesigen Plastikbeutel der Rot-Kreuz-Sammlung. In den 80er Jahren hat mich dieser  farbenfroh bedruckte Halsschmuck im Büro aus dem gesichtslosen Haufen meiner krawattentragenden Kollegen hervorgehoben. Ohne sie auch nur im einzelnen durchzusehen, entsorgte Adelheid den gesamten Schuhkarton, bis obenhin voll mit exzellenten „Mascherln“. Danach knöpfte sie sich mein umfangreiches Krawattenlager vor. 1994 stieg ich nämlich auf Krawatten mit lustigen und originellen Motiven um. Ich hatte alles – die Sonnenblumen von van Gogh ebenso wie Micky und Donald oder eine Krawatte in Form eines toten Herings. Ein beeindruckendes Konvolut, das Heidi nun ohne mit der Wimper zu zucken für Notleidende der dritten Welt spendete. „Glaubst du wirklich, damit ist einem nigerianischem Hirsebauern geholfen??!!“ wischte ich mir mit einem Schlips in Zungenform die Tränen aus dem Gesicht. Aber meine liebe Frau nahm sich bereits meine wunderschönen Herrenoberhemden vor.

Das war zuviel für meine Nerven und ich flüchtete in den Garten, wo ich drei Nacktschnecken bei ihrem wilden Treiben zusah. Und wenn Sie glauben, dass es nicht mehr schlimmer geht, haben Sie sich getäuscht. Nächste Woche geht Heidi mit mir shoppen. Ich muss neu eingekleidet werden.

Ruhetag

Die Ereignisse der letzten Tage – meine Inkognito-Aktion im Supermarkt, das singende Herzilein-Telegramm und Heidis Ohnmacht, sowie der Kalorien-Overkill bei Schwiegermama Inge – haben mich einiges an Kraft und Nerven gekostet. Ich habe mich also selbst als Pflegefall eingestuft und lege heute die Beine hoch. Am Montag begebe ich mich wieder an meinen Schreibtisch und in die Fänge von Mag. Erwin Pfotenhauer. Der tägliche Wahnsinn wird weitergehen. Bleiben Sie mir gewogen.

Schwarzwälder Kirsch

Inge, die Frau Mama meiner angetrauten Adelheid und somit auch meine Schwiegermutter, ist eine überaus freundliche und rüstige Nichtraucherin in ihren 70ern. Oft gut gelaunt und stets damenhaft gepflegt, trägt sie ihr weißes Haar perfekt onduliert, verströmt Veilchenduft und wirkt auf den ersten Blick mehr wie eine Literaturdozentin an der Harvard University denn wie eine unternehmungslustige Wiener Pensionärin.

Gestern lud Inge Frau Moser und mich zu Kaffee und Kuchen auf den Balkon ihrer mit zahllosen, peinlich genau entstaubten Porzellanfigürchen dekorierten Wohnung. Zur Information der Leserschaft sei erwähnt, dass dieses Musterexemplar einer Schwiegermutter auch eine kleine Marotte hat: Sie wird von der Angst geplagt, ihre Besucher könnten „vom Fleisch fallen“ und hungrig ihr Porzellanpuppenheim verlassen.

Zu meiner großen Freude stellte Inge eine Schwarzwälder Kirschtorte auf die Kaffeetafel – seit Jahren unangefochten auf Platz 1 meiner Kuchen- und Torten-Hitparade. Nachdem die ersten überdimensionierten Stücke der Köstlichkeit den Weg alles Irdischen gegangen waren, legte Heidis Mama umgehend und ungefragt eine zweite Runde nach. Als sie das Tortenmesser zum dritten Mal zückte, hob ich abwehrend die Hände und aus meinem cremig-schokoladigen Kirschmund war ein ersticktes „Nein danke!“ zu hören. Doch Inge duldet in Essensangelegenheiten keinen Widerspruch.

„Kinder, was darf ich euch noch bringen?!“ frug unsere mütterliche Gastgeberin, nachdem gut zwei Drittel der kreisrunden Kalorienbombe in unseren Mägen explodiert war. Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie in der gut sortierten Küche und kam mit einem Silbertablett voll mit delikat belegten Sandwiches wieder. Sie meinte, ich hätte während meines dreiwöchigen Aufenthaltes in Schweden ohnehin nichts gegessen. Um die besorgte Frau nicht zu vergrämen, schob ich noch zwei Salamibrötchen mit Mayonnaise und Gürkchen in Herrn Moser. Kaffee und Pfirsich-Eistee flossen in Strömen.

Als wir zwei Stunden später zum Auto wankten, die restliche Torte sicher eingetuppert im leichten Marschgepäck, war mein zitronengelbes Kurzarmhemd zum Zerreißen gespannt. Der prall gefüllte Wanst folgte der Erdanziehung und so stolperte ich mit hängenden Schultern und in Vorfreude auf meinen kunstledernen Fernsehsessel vor mich hin. Bis mich ein stechender Schmerz im Rücken aus meinem Dämmerzustand riss. Frau Moser hatte mir den Autoschlüssel in die Wirbelsäule gebohrt und zischelte: „Geh gerade, nicht so gebückt wie ein alter Mann!“ Gehorsam richtete ich mich auf, Schultern zurück, Bauch raus. Dabei sprengte ich einen Hemdknopf in den Rinnstein, was Heidi mit „Und abnehmen könntest du auch wieder mal!“ kommentierte.