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Leise rieselt der Schnee

Ich werde nicht müde zu betonen, wie sehr ich meine Heimatstadt Wien schätze und verehre. Die Millionenmetropole hat sich vom einst grauen Mäuschen der 70er Jahre zu einem wunderschönen, immer wieder gerne sterbenden Schwan gewandelt. Eine imposante Architektur, griesgrämige und oft todessehnsüchtige Bewohner mit goldenem Herzen sowie ein unvergleichlich vielfältiges Kulturangebot bilden die Kulisse für Fiaker, Sachertorte und Walzerseligkeit. Außerdem dürfen wir uns glücklich schätzen, in einer der sichersten Städte der Welt zu wohnen. Wir sind auf Katastrophen aller Art vorbereitet: Kaiserschmarren-Knappheit, Wein-Ebbe, Flüchtlingsüberschwemmungen, Preisexplosionen, unterirdische Vulkanausbrüche, politische Erdbeben und geistige Dürre. Nichts kann uns etwas anhaben. Aber bei drei Millimeter Neuschnee bricht auf den Straßen ein Chaos aus, das selbst bei einem Atomerstschlag von Nordkoreas dickem Superburschi nicht größer sein könnte. Und heute früh waren es nicht drei Millimeter, sondern sage und schreibe drei Zentimeter. Ich hab es auf unseren Gartenmöbeln nachgemessen.

Bei dichtem Schneetreiben befreite ich heute Morgen, bewaffnet mit einem kleinen Plastikschneebesen und Enteisungsspray, unseren tomatenroten Spanier von seinem kecken Schneehäubchen. Tief versunken in winterliche Gedanken erschreckte mich plötzlich ein lautes „Allzeit bereit! Guten Morgen, Herr Nachbar!“ Unser selbsternannter Siedlungsblockwart und Wächter über Gut und Böse, der Polizist i.R. Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm, stand in militärischer Arktisausrüstung inkl. Schneebrille und mit geschulterter Profi-Schneeschaufel hinter mir. Ich knurrte ein knappes „Morgen“ und widmete mich wieder meinen Ausgrabungsarbeiten. Herr Weinwurm hat nämlich gestern um 17 Uhr, beim ersten einsetzenden Schneefall, seine Zig-Tausend-Watt-Weihnachtsbeleuchtung offiziell in Betrieb genommen. Der pensionierte Freund und Helfer hat ja den Ehrgeiz entwickelt, sein Reihenhaus jedes Jahr in noch hellerem Glanz erstrahlen zu lassen. Diesmal hat er, neben den üblichen überlebensgroßen Weihnachtsmännern, Rentieren, Schlitten und Sternen, den Zaun rund um sein rechteckiges, sonst eher schmuckloses Rasengrundstück mit einer grellweiß kalt leuchtenden Lichterkette umkränzt, sodass der Eindruck eines kleinen Eislaufplatzes entsteht. Diese Optik wird noch durch festliche Beschallung über drei kleine Lautsprecherboxen verstärkt. Gestern spielte „Rotkäppchen“ zur Eröffnung I wish I were an Angel von der Kelly Family in Dauerschleife, was nach dem fünften Durchlauf einen epileptischen Anfall bei mir auslöste. Mit Schaum vor dem Mund stürzte ich in den Garten und schrie: „Ich erfülle dir gleich deinen Wunsch, Weinwurm! Gleich bist ein Engerl!!!“ Ich war gerade dabei, aus den ersten feuchten Flocken einen Schneeball zu formen, um dem Nachbarn seine dämliche rote Baseballkappe vom Kopf zu feuern, als mich Heidi eben noch rechtzeitig ins Haus zurückzerrte. Also durfte sich Weinwurm heute Morgen keine allzu großen Freundlichkeiten von mir erwarten.

Auf der Autobahn hielten wie erwartet die Freunde der Sommerreifen ihre alljährliche Hauptversammlung ab, standen um ihre verbeulten Karren und beschimpften sich wüst. Ich lächelte und lauschte den endlosen Verkehrsnachrichten im Autoradio, die heute weder durch Musik, noch durch Werbung unterbrochen wurden. Während ich gelassen den Slalom durch Pannendreiecke, umgekippte LKW, Blaulichter und feststeckende Sportwagen absolvierte, bemerkte ich einen neuen Trend: Zahlreiche Autofahrer bretterten mit überhöhter Geschwindigkeit über die Stadtautobahn, nutzten aber dazu parallel auch noch die schneefreie Datenautobahn. Mit ihren Smartphones filmten und fotografierten sie das dichte Schneetreiben und jedes verunfallte Fahrzeug auf und neben der Fahrbahn, um es später auf Instagram und Facebook mit klugen Kommentaren versehen zu posten („Haha! I bims! Wieder so 1 Nullchecker. Mit Sommerreifen und viel zu schnell. A22 Abfahrt Strebersdorf.“)

Dank meiner umsichtigen Fahrweise kam ich unfallfrei und mit nur 20 Minuten Verspätung ins Büro, mein Kollege Dr. Jonas Cerny brachte es auf fast eine Stunde Delay. Ich war bereits in eine komplizierte Excel-Tabelle vertieft und bei meiner zweiten Tasse Kaffee, als der durchgefrorene Cerny an meinen Schreibtisch trat und mir sein Handy unter die Nase hielt. Auf einem etwas unscharfen Foto war ein dunkelblauer Toyota auf schneeglatter Fahrbahn zu sehen, der sich in die Leitplanke gebohrt hatte. „Nicht zu fassen, Moser! Alle Jahre wieder lassen sich diese Idioten vom ersten Schnee überraschen! Unglaublich, nicht?!“ „Ja, posten Sie es gleich auf Instagram, um Ihre Freunde außerhalb der Wiener Krisenregion live mit Bildern dieses Jahrhundertereignisses zu versorgen!“ „Klar, mach ich!“

Liebe Freunde, ich habe diesen Tag voller Irrsinn überstanden und sitze nun in unserem kuschelig-warmen Reihenhäuschen, während draußen der erste Schnee des Jahres schon wieder taut. Die Weihnachtsbeleuchtung der Weinwurms erleuchtet unser Wohnzimmer taghell, und während ich hier über Schnee und Vorweihnachtszeit schreibe, ertappe ich mich dabei, wie ich I wish I were an Angel fehlerfrei mitsinge. Naja was soll´s, schließlich gehört die Kelly Family inzwischen fast schon zur Familie Moser.

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Lost in Christmas

Es war ein klirrend kalter Samstag, und Adelheid hatte mich ohne große Gegenwehr zu einem Adventbummel überredet. Die Wiener Innenstadt hatte sich festlich-weihnachtlich herausgeputzt. Über den Straßen hingen riesige, rot illuminierte Kugeln, weiß-goldene Lichtertropfen zauberten magische Effekte, in den Auslagen der Geschäfte lockten verführerisch potenzielle Geschenke zum Kauf. Ich stöberte mit Heidi in kleinen Buchhandlungen nach literarischen Gaben, und auch der pragmatische Herr Moser wurde von vorweihnachtlichen Gefühlen durchflutet.

Bei Einbruch der Dunkelheit steuerten wir als letzte Station den Weihnachtsmarkt am Stephansdom an. Die durchgefrorenen Glieder wollten gewärmt werden, einen Punsch hatten wir uns jetzt redlich verdient. Mit ihrem unvergleichlichen Gespür entdeckte Heidi ein freies Plätzchen an einem der raren Stehtische, und ich stellte mich ans Ende der menschlichen Riesenschlange, um Beerenpunsch und Glühwein zu ordern. Bereits eine Viertelstunde später schlürften wir unser heißes Gebräu, Heidi machte ein paar Selfies von den rotnasigen Mosers und wir genossen das wogende Treiben. Kaum nahmen die ersten winzigen Promilles ihre Arbeit in der Blutbahn auf, vermeldete meine reizende Gattin, dass sie von einem dringenden Bedürfnis geplagt werde: „Wo ist denn hier ein Klo?“ Im Vertrauen: Adelheid hat die Blase eines Zwergpapageis. Suchend blickten wir uns um, doch die Menge der launigen Punschtrinker versperrte jegliche Sicht auf eventuell vorhandene Erleichterungsgelegenheiten. „Egal, ich find schon was“, verkündete meine optimistische Frau, schnappte sich die Handtasche und verschwand im Menschenmeer.

20 Minuten später: Noch immer keine Spur von Heidi. Ich nahm den letzten Schluck Glühwein aus der roten Stiefeltasse und beschloss, sie anzurufen. Gott segne den Erfinder des Handys! Ich kramte in allen verfügbaren Jacken- und Hosentaschen, ehe mir einfiel, dass mich die fürsorgliche Adelheid genötigt hatte, meinen dünnen Herbstmantel gegen die warm gefütterte Pelzjacke auszutauschen. „Du wirst mir noch dankbar sein“, hatte sie im Hinblick auf die herrschenden Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt gemeint. Dafür war ich ihr tatsächlich dankbar, allerdings befand sich jetzt mein Handy daheim im abgelegten Mantel. Ich war allein, ohne Möglichkeit der Kontaktaufnahme, und Heidi hatte sich womöglich in den dunklen Winkeln der Altstadt verlaufen. Ich musste handeln – jedoch nicht ohne mir vorher das Pfand für die roten Trinkstiefel zurückzuholen.

Wie einst Odysseus begab ich mich auf Irrfahrt, um meine schöne Helena zu suchen. Ein schwerer Fehler. Hatte ich denn aus den Dutzenden Abenteuerfilmen gar nichts gelernt? Kentert dein Schiff auf offener See, schwimme nicht einfach drauflos in der Hoffnung, auf Land zu stoßen. Stürzt dein Flugzeug inmitten einer Wüste ab, bleib beim Wrack und laufe nicht drauflos in der Hoffnung, Hilfe zu finden. Bleib! Doch mein Beschützerinstinkt befahl mir, das verschollene Weib zu retten. Also holte ich tief Luft und tauchte ein in das adventarische Gewühl. Strategisch durchkämmte ich die umliegenden Straßen und rief in dunklen Gassen laut und verzweifelt nach „Heidiiiiii!“. Mein hohles Echo blieb die einzige Antwort. In Kaffeehäusern und Pizzerien schlich ich auf die Damentoiletten, klopfte an verschlossene Kabinentüren und flüsterte lauthals: „Heidi? Bist du da?“ Im Jade-Tempel, einem noblen Asiaten, packte mich eine dürre Japanerin am Kragen und warf mich in ihrer Landessprache schimpfend aus dem Lokal. Mein Einwand, dass ich doch bloß Frau Moser suche, schien sie nicht zu interessieren. Und so streifte ich frierend und bereits ein wenig hungrig durch die weihnachtliche Innenstadt. Um die Einsamkeit und Angst zu vertreiben, pfiff ich mit klammen Lippen „Ave Maria“.

Als die meisten Punschbuden leergesoffen waren und der Menschenstrom langsam Richtung U-Bahn abfloss, entdeckte ich meine so schmerzlich vermisste Adelheid. Sie naschte gebrannte Mandeln und sprach mit einem Fiakerkutscher. Wahrscheinlich erkundigte sie sich, ob ihm ein gutaussehender Mann in grüner Pelzjacke aufgefallen sei. Die gute, treue Seele! Ich rannte auf sie zu und bibbernd vor Kälte und Wiedersehensfreude fielen wir uns die Arme. Wie sich herausstellte, hatte ihre Toilettensuche ein wenig länger gedauert und sie war in unseren Punschhafen zurückgekehrt, wohl kurz nachdem ich diesen verlassen hatte. Dumm gelaufen.

„Alles in Ordnung mit dir, Moser?“ frug sie besorgt, während sie meine steifen, blauen Finger knetete. „Naja“, murmelte ich. „Jetzt müsste ICH mal dringend aufs Klo…“ Heidi stopfte mir eine Handvoll gebrannter Mandeln in den Mund. „Das wirst du dir jetzt verkneifen! Komm, wir fahren heim!“ Schnellen Schrittes stapften wir los. Wo zum Kuckuck hatten wir nochmal das Auto geparkt?

Advent, Advent…

Heute möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, fernab von blutigen Nasen, peinlichen Vorfällen im Baumarkt oder teuflischen Intrigen in der Fischkonservenfabrik. Ausnahmsweise kein Schenkelklopfer, aber passend zur Ankunft der Weihnachtszeit.

In wenigen Tagen werden wir das erste Lichtlein am grünen Kranz entzünden, neugierig das erste Türchen des Adventkalenders öffnen und durch überheizte Shopping Malls hetzen auf der Suche nach passenden Geschenken für unsere Freunde und Liebsten. In Vorfreude auf das nahende Fest der Liebe brauten Heidi und meine Wenigkeit den ersten Glühwein des Jahres. Rotwein, Zimtstangen, Sternanis, Nelken, Orangenschalen und eine Prise braunen Rohrzuckers. Wir naschten vom selbstgebackenen Schokokuchen und saßen im warmen Schein dutzender IKEA-Teelichter.

Frau Moser und ich pflegen seit vielen Jahren den Brauch, zu dieser besinnlichen Zeit auch an die Armen und Unglücklichen zu denken und mit einer Spende im Rahmen unserer Möglichkeiten zu unterstützen. So schlürften wir mit spitzen Lippen vom heißen Wein und überlegten, wen wir in diesem Jahr mit unserer Gabe erfreuen wollen. Kriegsvertriebene Flüchtlinge konnten eine kleine Zuwendung sicher gut gebrauchen, ebenso aber sterbenskranke Kinder, Obdachlose, einsame Alte in bitterer Armut, unschuldig in Not geratene Familien, Opfer von Erdbeben und anderen Naturkatastrophen, Spitäler, Hospize und internationale Hilfsorganisationen zuhauf. Fleißig notierte Adelheid all unsere Ideen und Vorschläge in ihr schwarzes Notizbuch. Die Liste wurde immer länger – allein wir kamen auf keinen grünen Tannenzweig. Der Glühwein ging zur Neige und die ersten Teelichter hauchten ihr kurzes Leben aus, doch wir vermochten nicht zu entscheiden, wer unserer Hilfe am dringendsten bedarf.

„Egal wie wir uns entscheiden, es ist immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, murmelte Heidi betrübt. Bei diesem Satz erinnerte ich mich plötzlich an den aktuellen Beitrag „Liebe denkt nicht“ der von mir hoch geschätzten Literatur-Bloggerin Sugar, deren wärmende, kluge und fantasievolle Poesie mich immer wieder lächeln und nachdenken lässt. Sie veröffentlichte im vorigen Jahr ein tolles Kinderbuch sowie das lesenswerte, hübsche Gedichtbändchen „Gedankenträume“. Leider geriet die Neo-Buchautorin dabei in die Fänge eines, wie mir scheint unseriösen Verlages, der es darauf abgesehen hat, seine Künstler abzuzocken. Um aus dem Knebelvertrag freizukommen und uns künftig weiterhin mit ihren Werken zu erfreuen, müsste die Autorin eine Summe aufbringen, die ihre finanziellen Möglichkeiten weit übersteigt. Nun hat sie einen poetischen Tischkalender, mit Zitaten aus ihren Gedichten und mit tollen Fotos bebildert, zusammengestellt und bietet diesen auf ihrem Blog als kleines Weihnachtsgeschenk um wohlfeile 6,- Euro zum Verkauf an. Der Erlös soll ihr dabei helfen, die Verlagsforderung zu begleichen und sich endlich neuen Buchprojekten widmen zu können. „Vielleicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, schreibt sie, „aber ich will und muss frei sein, um möglichst bald neue Bücher schreiben zu können.“ Den Beitrag und die ganze Geschichte finden Sie hier.

kalender_2017

Ich erzählte Heidi von den Nöten der Blogger-Kollegin, kippte den letzten Schluck Glühwein und meinte: „Lass uns Freunde und Familie mit diesem Kalender und Gedichtband beschenken. Damit unterstützen wir die hochbegabte Sugar und außerdem kann der Verwandtschaft ein bisschen Kunst und Poesie nicht schaden…“ Gesagt, getan. Zwei Minuten später schickten wir unsere Bestellung ab.

In dieser Nacht schliefen wir tief und zufrieden. Es mag ein wenig am Glühwein gelegen haben, doch eigentlich war es die Gewissheit, etwas Gutes getan zu haben. Frohe Weihnachten Sugar!!!

Postskriptum: Ich hoffe, dass möglichst viele Freunde des gepflegten Moser-Humors unserem Beispiel folgen. Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber auch steter Tropfen höhlt den Stein. Und so kommt der Stein irgendwann ins Rollen. Klick!