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Ausflug nach Digitalien

Meine sehr verehrte Schwiegermutter Inge feierte am verwichenen Sonntag Geburtstag. Bei bester Gesundheit und in vergnüglicher Jubellaune holten wir Heidis Mama mit dem tomatenroten Spanier ab, um uns beim Romantik-Heurigen Oleander im burgenländischen Trausdorf bei üppig Speis und Trank verwöhnen zu lassen. Nichts sollte dem Zufall überlassen sein, denn meine technikaffine Adelheid hatte zuvor im weltweiten Netz die schönsten Locations mit ausgezeichneter Küche im Umkreis von einer Autostunde gegoogelt – und war beim Oleander gelandet. Sie hat sich am Computer Lokalfotos angesehen, die Speisekarte studiert, die Bewertungen anderer Gäste durchgelesen und schließlich elektronisch eine Tischreservierung für 13:30 abgeschickt. 20 Minuten später trudelte die überaus freundliche und persönlich verfasste Bestätigung ein. Heidi lobte die Segnungen des digitalen Zeitalters.

Sonntagmittag gratulierten wir ausgiebig mit einem Strauß gelber Röslein, und verfrachteten das Geburtstagskind auf den Rücksitz. Es konnte losgehen. Ich setzte meine Jacky-Stewart-Rennfahrerbrille auf, zog die hellbeigen, gelöcherten Autofahrerhandschuhe über und startete die Maschine. „Auf nach Trausdorf!“ rief ich frohgemut als mir einfiel, dass ich keine Ahnung hatte, wo sich dieses geheimnisvolle, kleine burgenländische Dorf befindet. Ich überspielte den kleinen Hänger, pfiff auszugsweise die Ouvertüre aus der Cardaszfürstin und bat Heidi, meinen Autoatlas, Ausgabe 1987, aus dem Handschuhfach zu holen und unsere Route in Augenschein zu nehmen. Langsam setzte ich mich Richtung Autobahn in Bewegung, das konnte prinzipiell nicht verkehrt sein. Doch meine Smartphone-begeisterte Adelheid lächelte nur milde über meine Autoatlas-Ansage, und tippte ein wenig auf ihrem Handy herum. Eben reihte ich mich zum Rechtsabbiegen zur Autobahnauffahrt ein, als mich eine Frauenstimme aus Heidis Telefon aufforderte, mich rechts einzuordnen, um auf die A4 Richtung Budapest zu gelangen. „Wen hast du da angerufen?“ frug ich misstrauisch und wurde alsgleich belehrt, dass es auf dem Handy auch eine Navigator-App gibt, die den richtigen Weg weist. Als analoger Typ fällt es mir schwer, mich beim Autofahren irgendwelchen Satelliten anzuvertrauen, die in 20.000 Kilometern Höhe über uns kreisen und mir erklären wollen, wo der Romantik-Heurige Oleander ist. „Nehmen Sie die rechte Fahrspur, um auf Ein-Zingerstraße (die in Wirklichkeit Einzingerstraße heißt) zu gelangen. Folgen Sie dem Straßenverlauf für 800 Meter.“  „Jaaaa“ gab ich zurück, „ich bin ja nicht blöd!“ Inge roch an den Rosen.

So lotste uns die digitale Ansagerin Stück für Stück Richtung Eisenstadt/Budapest, nervte mich entweder mit ihren ständigen Wiederholungen oder zu späten Durchsagen. Ich war gereizt und die Stimmung ein wenig angespannt. „In Zwei… Pause… hundert Metern links abfahren Richtung Neu-Siedlersee.“  „Ach, fahr zur Hölle!“ schrie ich. „Das heißt Neusiedlersee, du hast ja keine Ahnung…“ „Im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt Richtung Neusiedl am See nehmen.“ Inge wollte wissen, wann wir da sind, ich verzählte mich und nahm Ausfahrt Nummer 4. „Route wird neu berechnet.“ Irgendwann blendete ich die Navigator-Kommandos aus, um nicht völlig den Verstand zu verlieren, und ging im Geiste nochmals die Oleander-Speisekarte durch. Ich war am Verhungern. Mitten in meine Träume von Backhendl und Beeren-Tiramisu platzte Heidi mit der Meldung: „Moser, die Hinweisschilder und Aufschriften sind alle ausländisch. Ich vermute ungarisch.“

Statt um 13:30 beim Oleander burgenländische Spezialitäten zu genießen, saßen wir um 14:30 im Restaurant Huszár Etterem-Sörözö im ungarischen Städtchen Szombathely, und speisten das dortige, scharfe Traditionsgulasch Pörkölt. „DU hast zum Navi gesagt, es soll zur Hölle fahren!“ meinte die liebe Schwiegermama Inge. „Also, reg dich nicht auf.“ „Für den Rückweg nehmen wir trotzdem den Autoatlas“, bestimmte ich.

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Im Wunderbaumwald

Heidi sah mich streng an. „Moser, du siehst nicht gut aus. So blass, direkt kränklich. Du musst mal raus, in die Natur, damit du ein bisschen Farbe kriegst!“ Wenn es um mein Wohl geht, kennt die liebe Adelheid kein Erbarmen. „Lass uns ins Grüne fahren, den goldenen Herbst genießen, Erholung wird dir gut tun!“ Nun wissen meine treuen Stammleser, dass der Busen der Natur nicht zu meiner Wohlfühlzone gehört und ich stöhnte: „Ohhh, brrrrr, Heidi, ich weiß nicht. Eigentlich bin ich zu kaputt für diese ganze Erholerei! Das macht doch auch viel Arbeit, das wird mir schnell zu viel….“ „Nein, du musst raus in den Wald, die Natur wird Balsam für deine Seele sein.“ „Ich kann aber nicht, hab total viel zu tun“, versuchte ich den Angriff auf meine Bequemlichkeit zu parieren. „Ich muss die Wand im Arbeitszimmer anstarren und überlegen, in welcher Farbe ich die mal streiche, damit meine Modellauto-Sammlung richtig zur Geltung kommt! Das wird eine schwierige Entscheidung. Du siehst: Keine Chance, der Tag ist voll!“ „Vergiss es Moser, heute ist Ausflug! Und freu dich gefälligst darauf, das wird schön.“

Als wir im Wald ankamen, waren die Bäume schon alle da. Ich fuhr tief in einen Feldweg hinein, wir stiegen aus dem tomatenroten Flitzer und ich sagte zu Heidi: „Ah schau da, ein Baum, schön, schön. Und da noch einer, und noch einer – schon toll, was sie hier hingestellt hat, die Natur. Super gemacht, da kann man nix sagen. Tip top. Bäume, jaaaa….“ Ich sah mich anerkennend um und tätschelte einer Eiche die Rinde. Dann  pumpte ich meine Lungen voll mit guter Waldluft, streckte meinen Daumen als Zeichen der Zustimmung in die Höhe und sagte: „Mannmann, das ist eine Luft!  Riecht zwar nicht ganz so schön nach Wald wie unser Wunderbaum im Auto, aber immerhin….“ Ich machte also gute Miene zum bösen Spiel, damit wenigstens meine liebe Frau ihre Freude hat. Heidi schien mir meine Natur-Begeisterung jedoch nicht ganz abzunehmen, rollte mir den Augen und seufzte.

Wir wateten durch knietiefes Laub immer tiefer in den Wald, sahen ein Eichhörnchen, vier Vögel im grauen Federkleid, zwei Käfer und ein paar Dutzend Ameisen. Von Rehen nur Gerüchte. Nach zehn Minuten wurde mir langweilig und ich quängelte: „Wenn man einen Baum gesehen hat, kennt man sie alle! Ich bin müde.“ Doch Heidis Bewegungs- und Frischlufthunger war noch nicht gestillt. Sie setzte mich auf einen umgestürzten Baumstamm, drückte mir ein Salamibrot in Alufolie in die Hand und schärfte mir ein, mich auf keinen Fall von der Stelle zu rühren. Sie würde noch ein wenig spazieren und mich in einer Stunde abholen, dann ginge es nach Hause zu Tee mit Rum und Zwetschgenkuchen.

Nach ein paar Bissen vom Wurstbrot schlief ich ein. Ich träumte von blutrünstigen Vampir-Eichhörnchen, wildschweingroßen Giftameisen und einem Wald aus Wunderbäumen, die nach Salami dufteten. Ich wurde wach, als mir Heidi den tropfenden Speichel vom Kinn wischte. Meine rotgefrorene Nase und die tauben Ohren werden sich wieder erholen, versicherte mir meine fürsorgliche, stets um mein Wohl besorgte Frau.