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Pfotenhauer macht Bäuerchen

Das Smartphone spielte mir das Lied vom Tod – mein ganz spezieller Klingelton für Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer. Der frisch aus dem Segeltörn-Urlaub zurückgekehrte Boss wünschte mich zu sprechen. In seinem Büro, und zwar zeitnah. „Herr Moser!“ begrüßte er mich überschwänglich und legte mir seine riesige Pranke jovial auf die Schulter. „Ich habe von Ihrem Deal mit der Bio-Ladenkette Wurmser gehört, ausgezeichnet! Gratuliere. Offenbar entwickelt sich das Geschäft mit den fischlosen Fischkonserven zufriedenstellend. Gute Arbeit.“ Lag da etwa eine Prämie in der Luft, eine Gratifikation, eine Bonus-Zahlung? „Danke Herr Direktor, sehr freundlich. Ich gebe wie immer mein Bestes.“ „Sehr schön, sehr schön. Bei dieser Gelegenheit, mein lieber Moser, wollte ich Sie gleich zu unserem alljährlichen Gartenfest einladen. Sonntag, 17 Uhr, selbstverständlich in Begleitung Ihrer lieben Gattin Edeltraud.“ Wie dem einen oder anderen treuen Stammleser eventuell noch erinnerlich, sind mir die privaten Einladungen auf das protzige Anwesen meines Chefs mehr als unangenehm. Ich hasse diesen gezwungenen Small Talk, die aufgesetzten Freundlichkeiten. Im letzten Jahr habe ich mich durch vorgetäuschte Krankheit dem lästigen Pflichttermin entzogen, doch diese Nummer konnte ich diesmal nicht schon wieder durchziehen. „Oh, da wird sich meine liebe Gattin Adelheid aber freuen!“ Pfotenhauer warf mir einen stirnrunzelnden Blick zu. „Und ich mich selbstverständlich auch. Danke, wir sehen uns!“ Bonuszahlung adieu, willkommen beim gesellschaftlichen Protz-Event. Meine Stimmung war im Keller.

Wie vielleicht nicht alle meine Leser wissen, stöhnt Wien derzeit unter einer Hitzewelle, die alle bisherigen Hitzewellen wie laue Frühlingslüftchen wirken lässt. Der Asphalt kocht, das Verlassen der schützenden Räumlichkeiten ab 11:00 vormittags ohne das Auftragen von Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 ist mir praktisch nicht möglich. Und für Sonntag war wieder so ein knallblauer 37°-Tag prognostiziert. Das stellte mich kleidungstechnisch vor ungeahnte Probleme. Was anziehen, um dem feinen Villen-Direktoren-Ambiente UND der Hitze gerecht zu werden? Nachdem ich den halben Nachmittag vor Kleiderschrank und Spiegel zugebracht hatte, entschied ich mich für ein weißes, kurzärmeliges Hemd in Kombination mit einer dunkelblauen Leinenhose. Frisch rasiert,  deodoriert und mit Faktor 50 imprägniert, setzte ich eine verspiegelte Pilotenbrille auf und trat vor Heidi: „Na, wie seh ich aus?“ Mein entwaffnend ehrliches Weib musterte mich kurz und meinte: „Wie ein Busfahrer.“

Dienstbeflissen huschten die Damen und Herren vom Cateringservice in langen roten Schürzen durch die parkähnliche Gartenanlage, und reichten Champagnercocktails. Unter den wenigen, auf dem Rasen verteilten Sonnenschirmen herrschte dichtes Gedränge, und meine sorgsam gescheitelte Frisur klebte in nassen Strähnen an mir. Wie es unter meinen Achseln aussah, wollte ich gar nicht wissen. Bewundernd blickte ich auf Heidi, die in ihrem luftigen, himbeerfarbenen Seidenkostüm scheinbar mühelos und elegant mit einem älteren Ehepaar parlierte. Am Tischchen nebenan hielten die Pfotenhauers Hof. Ihre kleine Tochter Kim, inzwischen wohl anderthalb oder zwei Jahre alt, saß ärschlings in der Wiese, auf dem Kopf ein Sonnenhütchen mit Benjamin-Blümchen-Motiven. Sie brüllte: „Mamaaa! Hungaaa! Bleiblei! Mag Blei!“ Die Direktorengattin Svetlana nahm den kleinen Schreihals auf den Arm: „Hat meine Süße Hunger? Willtu deinen Brei, ja? Warte mein Schatz, gleich!“ Dann blickte sie suchend in die Runde und rief: „Emmaaaa! Wo sind Sie? Emma!“ Obwohl ich mich hinter einem beleibten Glatzkopf versteckt hatte, erspähte mich Svetlana und eilte herbei: „Herr Moser! Wie schön, dass Sie kommen konnten. Wo steckt bloß diese blöde Nanny? Emmaaaaa!“ Doch Nanny Emma blieb verschwunden. Meine Marketingleiterin drückte mir das Pfotenhauer-Baby in die Arme und murmelte: „Moment, ich komme gleich.“ Kurz darauf erschien sie mit einem Lätzchen und einem Glas dunkelviolettem Obstbrei. „Wären Sie so freundlich, meine kleine Kim zu füttern? Geht ganz schnell. Ich suche rasch nach Emma, und kümmere mich um die Hors d´oeuvres. Bin sofort zurück!“ Ehe ich mich wehren konnte, saß Kim Pfotenhauer auf meinem Schoß und öffnete begehrlich ihr hungriges Mäulchen.

Die Fütterung ging eigentlich ohne gröbere Probleme vonstatten. Ein Löffel für den Direktor, ein Löffel für Mama Svetlana, ein Löffelchen für den Moser… Die Kleine hatte offenbar wirklich Hunger und schluckte brav ihren heidelbeerigen Brei. Nachdem das Gläschen geleert war, hielt ich Umschau nach der Mutter, da ich keinen Plan hatte, wie die Aktion abzuschließen sei. Die überraschende Antwort kam von Kim selbst. Ihre blauen Äuglein nahmen einen ausdruckslosen Glanz an, und in der nächsten Sekunde spie sie eine violette Fontäne über mein frisch gebügeltes, blütenweißes Hemd. Ich sprang auf, hielt das Kind auf eine Armlänge Distanz in den heißen Wüstenwind und schrie: „Alarm! Heidelbeer-Kotze!!! Hilfe, Frau Pfotenhaueeeer! Emmaaaa!“

Mein untadeliges Busfahrer-Outfit war beim Teufel. Svetlana versuchte mit einem Lappen und kaltem Wasser, den Fleck rauszuwaschen, aber die Unterschrift der kleinen Pfotenhauer blieb unübersehbar auf meiner Abteilungsleiterbrust. Und wenn Sie denken, mein vollgekleckertes Hemd wäre eine hinreichende Entschuldigung gewesen, mich vorzeitig von der Party zu verdrücken, irren Sie. Svetlana schleppte mich ins Badezimmer, warf das violett gesprenkelte Busfahrerhemd in die Waschmaschine und drückte mir ein hellblaues Kurzarmhemd ihres Gatten in die Hand: „Von Erwin.“ Es war mir mindestens zwei Nummern zu groß und ich sah aus wie ein Idiot. Aber immerhin hatte ich jetzt beim Small Talk ein Thema, über das ich reden konnte. Heidi brachte mir ein Roastbeef-Brötchen und ich flüsterte ihr zu: „Nächstes Jahr krieg ich wieder die Sommergrippe…“

Foto: Focus / Symbolfoto mit weißer Ersatzflüßigkeit