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Abschied von Luki

Der Aufenthalt unseres jungen Hausgastes geht zu Ende. Heidis Neffe Luki hat die ganze Woche über brav das Nachhilfeinstitut besucht und, so Gott und Pythagoras wollen, ein wenig Einblick in die geheimnisvolle Welt der Äquivalenzumformungen, Textaufgaben und Zinsrechnung gewonnen. Leider ist es mir nicht gegeben, dies auch zu überprüfen, da schon der Schüler Moser an angeborener Rechenschwäche litt und bei der Lösung dieses ganzen arithmetischen Teufelszeugs stets auf die List des Schummelns und Spickens vertrauen musste. Die Mutter ist 21 Jahre älter als ihr Kind. In 6 Jahren ist sie 5 mal so alt wie ihr Kind. Wo ist ihr Vater?  Bei solchen Aufgaben überkam mich nicht nur das Kotzen, sie kosteten mich auch eine hübsche Stange Taschengeld. Mein Sitznachbar Andi Wipplinger war nämlich nicht nur der ungekrönte Mathe-King unserer Klasse, sondern bereits damals ein äußerst tüchtiger Geschäftsmann. Abschreiben war nur gegen Bares gestattet. Soviel ich gehört habe, ist er heute Betreiber eines Wettcafés, stark übergewichtig, dem Cognac zugetan und geschieden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich muss zugeben, dass diese Woche mit Luki entgegen allen Erwartungen erfreulich reibungslos verlaufen ist, sieht man von der nächtlichen Super-Bowl-Einlage ab. Unser Reihenhäuschen wurde nicht durch heimliches Rauchen abgefackelt, er ist nachts nicht durchs Fenster abgehauen und wurde nicht von Streifenpolizisten in den frühen Morgenstunden an der Haustür abgegeben, er hat den Nachhilfeunterricht nicht geschwänzt und er hat meine heiligen Modellautos nicht mal angerührt. Gut, er ist punkto Essen ein wenig heikel und sehr wählerisch, seine einsilbige Sprache ist vielleicht manchmal unverständlich und gewöhnungsbedürftig, sein Smartphone ist sein treuester und gottgleich verehrter Begleiter, aber er ist ein guter Junge.

Heute nachmittag wollten wir Luki eine Freude machen und ihn zum Abschied ins Kino einladen: „Um sieben Uhr kommt Babsi und holt dich ab. Wir haben also noch ein bisschen Zeit und wir dachten, dass wir gemeinsam ins Kino gehen könnten. Du darfst dir einen Film aussuchen!“ Luki sah Heidi und mich an, als hätten wir einen gemeinsamen Marathonlauf vorgeschlagen. Seine Augen wanderten himmelwärts und er presste ein „Nicht euer Ernst…“ hervor. Mit viel psychologischem Fingerspitzengefühl fanden wir heraus, dass es absolut uncool ist, mit Erwachsenen ins Kino zu gehen. Um nicht zu sagen: Urpeinlich.

Das Kino fiel also aus. Luki verzog sich mit seinem Handy in eine Couchecke und sah sich lustige Clips auf Youtube an. Adelheid hatte Linzer Schnitten gebacken, die sie nun zur Jause verteilte. Dabei fragte sie ihren Neffen: „Hast du dich bei uns wohlgefühlt Luki?“ Er nickte, schob ein Stück Kuchen in den Mund und starrte auf sein Smartphone. „Was hat dir am besten gefallen?“ bohrte Heidi weiter, wohl auf Anerkennung für ihre Koch- und Backkünste hoffend. „Ihr habt einen super Empfang beim W-LAN! Echt nice. In meinem Zimmer bei Mama ist das Signal urschwach, total behindert.“

Irgendwie werde ich den kleinen Kerl vermissen.

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Schwarzwälder Kirsch

Inge, die Frau Mama meiner angetrauten Adelheid und somit auch meine Schwiegermutter, ist eine überaus freundliche und rüstige Nichtraucherin in ihren 70ern. Oft gut gelaunt und stets damenhaft gepflegt, trägt sie ihr weißes Haar perfekt onduliert, verströmt Veilchenduft und wirkt auf den ersten Blick mehr wie eine Literaturdozentin an der Harvard University denn wie eine unternehmungslustige Wiener Pensionärin.

Gestern lud Inge Frau Moser und mich zu Kaffee und Kuchen auf den Balkon ihrer mit zahllosen, peinlich genau entstaubten Porzellanfigürchen dekorierten Wohnung. Zur Information der Leserschaft sei erwähnt, dass dieses Musterexemplar einer Schwiegermutter auch eine kleine Marotte hat: Sie wird von der Angst geplagt, ihre Besucher könnten „vom Fleisch fallen“ und hungrig ihr Porzellanpuppenheim verlassen.

Zu meiner großen Freude stellte Inge eine Schwarzwälder Kirschtorte auf die Kaffeetafel – seit Jahren unangefochten auf Platz 1 meiner Kuchen- und Torten-Hitparade. Nachdem die ersten überdimensionierten Stücke der Köstlichkeit den Weg alles Irdischen gegangen waren, legte Heidis Mama umgehend und ungefragt eine zweite Runde nach. Als sie das Tortenmesser zum dritten Mal zückte, hob ich abwehrend die Hände und aus meinem cremig-schokoladigen Kirschmund war ein ersticktes „Nein danke!“ zu hören. Doch Inge duldet in Essensangelegenheiten keinen Widerspruch.

„Kinder, was darf ich euch noch bringen?!“ frug unsere mütterliche Gastgeberin, nachdem gut zwei Drittel der kreisrunden Kalorienbombe in unseren Mägen explodiert war. Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie in der gut sortierten Küche und kam mit einem Silbertablett voll mit delikat belegten Sandwiches wieder. Sie meinte, ich hätte während meines dreiwöchigen Aufenthaltes in Schweden ohnehin nichts gegessen. Um die besorgte Frau nicht zu vergrämen, schob ich noch zwei Salamibrötchen mit Mayonnaise und Gürkchen in Herrn Moser. Kaffee und Pfirsich-Eistee flossen in Strömen.

Als wir zwei Stunden später zum Auto wankten, die restliche Torte sicher eingetuppert im leichten Marschgepäck, war mein zitronengelbes Kurzarmhemd zum Zerreißen gespannt. Der prall gefüllte Wanst folgte der Erdanziehung und so stolperte ich mit hängenden Schultern und in Vorfreude auf meinen kunstledernen Fernsehsessel vor mich hin. Bis mich ein stechender Schmerz im Rücken aus meinem Dämmerzustand riss. Frau Moser hatte mir den Autoschlüssel in die Wirbelsäule gebohrt und zischelte: „Geh gerade, nicht so gebückt wie ein alter Mann!“ Gehorsam richtete ich mich auf, Schultern zurück, Bauch raus. Dabei sprengte ich einen Hemdknopf in den Rinnstein, was Heidi mit „Und abnehmen könntest du auch wieder mal!“ kommentierte.