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Fett & kursiv

 

Der Goldene Oktober mit seinem strahlerblauen Himmel und seinen spätsommerlichen Temperaturen trieb uns hinaus aus dem Moloch der Millionenstadt Wien, hinein in die viertgrößte Stadt Österreichs –nach Salzburg. Meine umtriebige Ehegattin Heidi hatte einen spontanen Kurzurlaub angeregt, wollte ein wenig Landluft schnuppern, raus aus dem Alltagstrott. Ich ließ mich nicht lange bitten, hatte ich in der Fischkonservenfabrik doch eifrig Überstunden gesammelt, die nun durch Zeitausgleich abgegolten werden sollten. Rasch waren im Internet ein lauschiges und mehr oder weniger leistbares Hotel in der Mozartstadt gefunden, und zwei Zugtickets der zweitbesten Klasse gebucht. Von Heidis Idee bis zur Abreise vom Hauptbahnhof vergingen keine 48 Stunden. Ich fühlte mich verwegen und abenteuerlich, und ließ mir sogleich einen passenden 48-Stunden-Bart wachsen.

Bei Kaiserwetter besuchten wir die Festung Hohensalzburg, das Schloss Hellbrunn, sowie das historische Stadtzentrum, welches seit 1996 auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO steht, bestaunten die Geburtsstätte des großartigen Komponisten Wolferl Amadeus Mozart und schlenderten händchenhaltend an keiner Konditorei vorbei, ohne die Güte der angebotenen Mehlspeisen zu kontrollieren. Des Abends setzten wir unseren kulinarischen Streifzug im hoteleigenen Restaurant fort, labten uns an Tafelspitzsülzchen auf herbstlichen Blattsalaten, Rehgulasch mit hausgemachten Spätzle und Preiselbeer-Chutney, Hirschsteak in Pfefferrahmsauce mit Prinzess-Kartöffelchen und Salzburger Nockerln. Dazu begleitete uns ein hervorragender Rotwein, dessen Name mir aus Gründen entfallen ist. Er war jedoch mild im Abgang, entwickelte im Nachhall leichte Nuss- und Maroniaromen und als ich nach einem höchst unterhaltsamen und schmackhaften Abend mit Heidi schließlich die Rechnung orderte, fanden sich darauf ganze drei Flaschen des prozentigen Tischbegleiters. „Waaas? Trütradrei Flaschn hamma gezwizwazwutschert?“ lallte ich erstaunt. „Ja, das meiste davon du!“ kicherte Heidi. Ich leerte das Glas mit einem letzten Schluck (waren da nicht auch Noten von grünem Pfeffer?), lobte das Wirtshaus und ließ mich von meiner fürsorglichen Frau aufs Zimmer führen. In fremder Umgebung und auf wackeligen Beinen verliere ich meist die Orientierung.

Ich muss zugeben, dass ich schon ein wenig angeschickert war, als mich Heidi schließlich vor Zimmer 304 behutsam abstellte. „Hier wohnen wir?“ frug ich. „Ja Moser, sei leise! Es ist schon spät!“ Mit meinem 48-Stunden-Bart fühlte ich mich so richtig martialisch-männlich, und ich hämmerte mit der Faust an die Zimmertür, laut rufend: „Aufmachen! Polizei!!“ Ob dieses sensationellen Witzes verfiel ich in einen nicht enden wollenden Lachkrampf, während Heidi versuchte, mir den Mund zuzuhalten und gleichzeitig das Hotelzimmer aufzusperren. „Bozilei! Polizei! Ei Ei!“ würgte ich zwischen ihren manikürten, nach Reh duftenden Fingern hervor. „Machen´S auf, sunst muss ich… muss ich Gewalt anwenden!“ spielte ich meine Rolle als knallharter Cop perfekt, zückte meinen Zeigefinger-Daumen-Revolver und zielte auf das Türschloss. Heidi ließ mich los, um die Schlüsselkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz zu bugsieren, und ich fiel zu Boden. Gegenüber ging die Tür von 303 einen Spaltbreit auf und eine ältere, beleibte Dame in rosafarbenem Schlafrock linste hervor. „Deckung!!“ schrie ich lauthals. „Die Killerschweine greifen an!“ Heidi schnappte mich am Hemdkragen, murmelte etwas von Entschuldigung und Tourette-Syndrom, und zerrte mich ins Zimmer. An die nachfolgenden Ereignisse fehlt mir jegliche Erinnerung, mich umfing gnädige Schwärze.

Als mich am nächsten Morgen die Salzburger Sonnenstrahlen an der Nase kitzelten und mich aus einem tiefen, traumlosen Schlaf holten, spürte ich nicht nur die Reste meines Gehirns wütend an die Schädeldecke pochen, sondern an meinem Hintern und Oberschenkeln etwas unangenehm Klebriges. Vorsichtig schlug ich die Bettdecke zurück – und erblickte auf dem Leintuch einen tellergroßen braunen Fleck von verdächtiger Konsistenz. „Heidi! Wach auf!!“ rüttelte ich heftig an der Schulter der schlafenden Gattin. Sie blinzelte mich mit einem halben Auge an und murmelte: „Moser? Was ist los?“ „Wir müssen abreisen. Sofort!!“ „Spinnst du? Warum?“ „Ich hab ins Bett geschissen!“ Heidi quiekte und hüpfte aus dem Bett wie eine aufgescheuchte Gazelle. Stumm und zitternd zeigte ich auf das braune Unglück auf dem sonst blütenweißen Laken. Meine Lebensbegleiterin durch Alltägliches und Skurriles gab mir einen Klaps auf den Feinripp-Slip und zupfte ein zerknülltes Stück Goldpapier aus dem Gummizug: „Du hast dich gestern, besoffen wie du warst, auf die Mozartkugel gelegt, die uns das Hotel als Betthupferl spendiert hat…“ Zögernd roch ich an den braunen Schleifspuren und musste Heidi erleichtert recht geben. „Tja, ich war fett (Österr. für „betrunken“) und fühle mich heute ziemlich kursiv. Lass uns heimfahren, zu Hause ist es eh am schönsten“, schlug ich kleinlaut vor. „Gut“, meinte Heidi. „Und rasier dir endlich diese dämlichen Bartstoppeln aus dem Gesicht.“

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