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Zeitvertreib

Während in den Produktionshallen unserer kleinen Fischkonservenmanufaktur ungebrochen Hochbetrieb herrscht, in riesigen Kesseln Tomaten- und Currysaucen für die beliebten Heringsfilets gerührt werden und hochtechnisierte Apparaturen die silbrigen Fischlein köpfen und entgräten, stampfende und zischende Maschinen die Konservendosen versiegeln und etikettieren, herrscht im Verwaltungstrakt unheimliche Ruhe. Pfingsten wirft seine Schatten voraus. Die meisten meiner Kollegen und Innen haben sich heute und morgen frei genommen, um in Verknüpfung mit dem kommenden langen Wochenende in den Genuss eines Kurzurlaubes zu kommen. Nicht so Ihr bekannt emsiger Herr Moser, dem Fleiß und Arbeitswut aus allen Poren quillen.

Himmlische Stille in den Büros, keine gackernden und schnatternden Buchhaltungshühner, die aufgescheucht um den Kaffeeautomaten flattern; keine ukrainische Putzfrau Editha, die pfeifend und besenschwingend über die Gänge schlendert, ihre Deutschkenntnisse mit Hitradio Ö3 im Ohr aufpoliert, und mit den Worten Jetzt Werbung! Dann Frihstickspause! in der Herrentoilette verschwindet, um sich einen kleinen Pausenjoint zu gönnen. Keine störenden Mails und Anrufe von Svetlana und Mag. Erwin Pfotenhauer, und vor allem: Auch die traurigen, wässrigen und überdimensionalen Riesenglubscher des Kollegen Cerny bleiben mir heute erspart. Er wurde ja kürzlich von seiner Freundin Jasmin in die Wüste geschickt, hat diesen Schicksalsschlag noch immer nicht verarbeitet und leckt wahrscheinlich über Pfingsten daheim seine Wunden. Soll mir recht sein. Ich werde diesen Tag ohne störende Nebengeräusche nutzen, um effizient und produktiv ein paar Altlasten aufzuarbeiten und mit einem Konzept zum Thema „Marketing & Vertrieb – neue Wege im digitalen Zeitalter“ meinen Status als innovativer Abteilungsleiter zu untermauern.

Ich beginne den Arbeitstag mit einem kurzen Rundgang durch die diversen Büros, um zu sehen, wer außer mir noch ein Mitarbeits-Plus verdient hat, treffe aber nur Irene Schwingenschlögel in Zimmer 2003 – Controlling an. Sie brütet verbissen über irgendeiner Excel-Tabelle, hebt kurz den Blick und eine Augenbraue, frägt rhetorisch „Na Moser, auch da?“ und versinkt augenblicklich wieder im Zahlenmeer. Ich will nicht weiter stören, spaziere zum Kaffeeautomaten und werfe 80 Cent ein, um mir einen Cappuccino zu gönnen. Die störrische Heißgetränkemaschine rückt einen Kakao extra cremig raus. Ich lasse mir die Laune nicht verderben, koste ein Schlückchen, verbrenne mir die Zunge und suche die Toilette auf. Beim Händewaschen werfe ich einen Blick in den Spiegel und stelle fest, dass ich für meine 60 Jahre zwar noch verdammt gut aussehe, aber meine Nasenhaare unkontrolliert zu wuchern beginnen. Ich eile zurück an den Computer, surfe zu Amazon und bestelle einen elektrischen Nasenhaarschneider. Und weil mir daheim der Lesestoff ausgegangen ist, wühle ich mich auch gleich durch das nahezu endlose Angebot der Serienkiller-Thriller und entscheide mich nach Durchsicht Dutzender Inhaltsangaben und Leserkritiken für den Kruzifix Killer von Chris Carter. 470 Seiten Hochspannung für 11,- Euro, das kann man machen. Es ist 9:20, Zeit für richtigen Kaffee und ich gieße mir eine Tasse aus Heidis Thermoskanne ein. Ich öffne das Fenster und gönne mir dazu eine Morgenzigarette. Die Packung ist fast leer und das lange Wochenende naht. Ich schreibe Heidi eine WhatsApp: „Schatz, mein Täubchen, besorgst du bitte für das Pfingstwochenende noch Zigaretten? Danke!“  Ich garniere die Botschaft mit einem Zwinkersmiley, setze nach kurzem Überlegen noch ein Küsschen und ein Herz dazu, und drücke auf Senden. Erledigt. Vor dem Bürofenster weht ein frischer Wind, der Himmel ist bewölkt und ich checke auf der Wetter-App die meteorologischen Aussichten für die Feiertage. Schaut ganz gut aus.

Weil ich gerade das Handy in Händen (sic!!) halte, könnte ich eigentlich auch rasch eine Runde Quizduell spielen, und mein Punktekonto ein wenig aufpolieren. Ich fordere meinen Erzfeind jackwolfskin57 zum Duell und gewinne sechs von sieben Runden, davon vier haushoch. Ich bin ein Teufelskerl und belege unter mehreren Millionen Mitquizzern inzwischen Rang 9.877. Wahnsinn. Eigentlich sollte ich aus meinem enormen Allgemeinwissen Kapital schlagen und ich melde mich online als Kandidat für die Millionenshow an (die österreichische Ausgabe von Wer wird Millionär). „Vielen Dank für Ihre Anmeldung! Wir werden Sie kontaktieren, wenn Sie zum Casting für die Millionenshow ausgewählt werden.“  Na also. Denen werd ich es zeigen. Bei meinem Wissen sollte ein sechsstelliger Gewinn locker drin sein. Was würden wir mit 125.000 oder gar 500.000 Euro anstellen? Wir lieben unseren tomatenroten Spanier zwar sehr, aber ein etwas größeres, flotteres Auto wäre nicht schlecht. Ich klicke mich durch das aktuelle Sortiment von Mercedes, BMW & Co, vergleiche Preise und Ausstattung der diversen Modelle, kann mich aber nicht entscheiden. Na gut, es eilt ja noch nicht und ich checke die geilsten Angebote für einen Island-Urlaub, da es Heidi und mich eher in den Norden zieht anstatt in schwüle, feuchte Länder. Ernüchtert stelle ich fest, dass so ein Island-Urlaub ein teurer Spaß ist und so eine halbe Quiz-Mille doch ein beruhigendes Polster wäre, speziell wenn wir uns für den BMW 225xe iPerformance Active Tourer entscheiden und noch etwas für die Altersvorsorge anlegen wollen. Da muss ich noch ein wenig an meinen Schwachstellen Geographie, griechische Mythologie und Vereinsfußball arbeiten.

Inzwischen ist es 11:36 und ich verspüre Hunger. Ich spaziere zum Schwarzen Brett, um mich über das heutige Menüangebot der Kantine zu informieren. Ich hoffe auf Gefüllte Paprika, bekomme aber Do 17. 5. bis Di 22. 5. wegen Pfingstferien geschlossen! Faules Pack! Zurück am Schreibtisch studiere ich den Flyer der Pizzeria Giovanni, und entscheide mich für die vegetarische Pizza Primavera, bestelle aber im Sinne der ausgewogenen Ernährung um 1,50 Schinken als Extra-Auflage dazu. Ich überlege kurz, ob ich während der 30 Minuten Wartezeit mein Konzept zu Marketing & Vertrieb in Angriff nehmen sollte, entscheide mich dann aber dafür, die Aktenmappen auf meinem Schreibtisch nach Größe und Farbe zu sortieren.

Um 12:30 steht die duftende Pappschachtel endlich vor mir und ich stürze mich heißhungrig auf den italienischen Teigfladen mit Gemüse und Schinken. Der Pizzabäcker hat es mit dem Knoblauch sehr gut gemeint, und mit Magendrücken und Aufstoßen beschließe ich, heute etwas früher Schluss zu machen. Man soll es schließlich nicht übertreiben. Ich melde mich noch rasch bei einem firmeninternen Seminar über den richtigen Umgang mit Stress an, und fahre pünktlich um 13:00 meinen PC runter.

Schöne Pfingsten allerseits!

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Niveau ist keine Handcreme

Kennen Sie auch so Zwangshumoristen, die ständig mit Uralt-Kalauern und dummen Sprüchen nerven und sich dabei für lustig halten? Ich meine so Leute, die statt „zum Beispiel“ ein zum Bleistift raushauen, ihre Anerkennung mit Nicht schlecht, Herr Specht! ausdrücken oder beim Zuprosten ein locker-flockiges Prostata! schmettern. Mein Bürokollege Cerny gehört zu dieser Gattung Nervtöter. Alles klärchen?

Heute früh trieb es der feine Herr Cerny besonders bunt, er hatte wohl einen Clown gefrühstückt. Mit einem lauten Alles fit im Schritt? Alles Roger in Kambodscha?!  ließ er sich auf seinen Drehstuhl plumpsen und starrte mich durch seine dicken Brillengläser an, als ob er tatsächlich eine Antwort erwarten würde. „Na warte, Freundchen“, dachte ich, „heute schlage ich dich mit deinen eigenen Waffen.“ Schmunzelnd antwortete ich: Alles cool in Kabul! Cerny war kurz sprachlos, da solche Fremdschäm-Sprüche aus meinem Mund normalerweise nicht zu hören sind, fasste sich dann aber und meinte: „Ich dreh dann mal meinen Schlepptopp auf, muss noch die Liste für Pfotenhauer fertig machen.“ Erleichtert goss ich mir etwas Kaffee aus der Thermoskanne ein und vertiefte mich in den Lokalteil der Tageszeitung. Dem hab ich es gegeben. Doch ich hatte mich zu früh gefreut, denn kurz darauf ertönte aus seiner Ecke: „Ich hätte da mal eine furze Krage: Wie hoch ist der VK für die Tofu-Makrelen, ohne Märchensteuer?“ Er hatte doch tatsächlich Märchensteuer anstatt Mehrwertsteuer gesagt. „Steht im System, Veggie-Ordner“, knurrte ich. Cerny: Oki Doki. Langsam platzte mir der Kragen, ich blieb jedoch ruhig und sagte übertrieben freundlich: „Würden Sie wohl die Güte besitzen, lieber Kollege, und mich mit ihren halblustigen Sprüchen verschonen?“ Jonas Cerny ließ einen Pfiff ertönen, der klang als würde ein Bauarbeiter einer hübschen Frau nachpfeifen und meinte: Holla die Waldfee! Immer locker vom Hocker, Moser, und geschmeidig durch die Hose atmen. Mein lieber Herr Gesangsverein! Ich war baff über so viel Frechheit, immerhin bin ich der Abteilungsleiter. „Das meinen Sie nicht im Ernst??!“ schnauzte ich Cerny an. Zur Antwort bekam ich: Nein, im Dieter. Mir schossen drei Liter Blut in den Kopf und fassungslos flüsterte ich: „Sind Sie wahnsinnig?“ An und Pfirsich nicht, lachte der Hanswurst und begann seine Brille zu putzen.

Aus die Maus! Jetzt ist Schluss mit lustig! Noch so ein Spruch – Kieferbruch! schrie ich und stürmte zur Tür. Cerny rief mir hinterher: Tschüss mit Üss! Schluchzend lief ich zu meinem Auto, setzte mich hinein, atmete tief durch und rief Frau Tretenhahn von der Personalabteilung an. Eigentlich wollte ich um Versetzung bitten, überlegte es mir dann aber doch anders und meldete mich wegen Übelkeit für den Rest des Tages krank. Frau Tretenhahn nahm es zur Kenntnis, bedauerte und verabschiedete sich mit Bis Baldrian! Tschüssikowski!

Bild: Fotocommunity.de