Schlagwort-Archive: Einkauf

Das letzte Gefecht

Samstag Morgen, the Day before Christmas. Die liebe Heidi drückte mir eine dicht beschriebene A4-Seite in die Hand und meinte: „Beeil dich, es ist schon spät!“ Die Uhr zeigte 9:21. „Was ist das?“ „Der Einkaufszettel! Vergiss nichts und trödel nicht!“ Aha. Ich war also dazu bestimmt, die Nahrung für die kommenden Feiertage herbeizuschaffen. Aber gut, so ist das Leben. Der Mann geht auf die Jagd, die Frau hütet das Feuer. In unserem Fall bedeutete dies, Heidi reinigt die Dunstabzugshaube und das Backrohr, ich arbeite im Supermarkt die elendslange Liste ab. An einem Samstag vor Heilig Abend.

Im Lebensmittelmarkt unseres Vertrauens herrschte wie erwartet Krieg. Die Reihen der drahtigen Einkaufswagen waren bereits stark gelichtet, als ich kurz vor 10 beim Einkaufstempel eintraf. Beherzt schnappte ich mir gegen 1,- Euro Pfand einen der letzten verbliebenen, klapprigen Streitwagen und stürzte mich in die Schlacht. Vorsorglich hatte ich mir meine spitzesten Stiefel und jene nietenbesetzte Lederjacke angezogen, die ich normalerweise nur bei den seltenen Rockkonzerten meines Bruders Bertl anlege. Ich klappte das Visier  meines imaginären Kampfhelmes herunter und begab mich ohne Rücksicht auf Verluste in die Brotabteilung. Auf Position 1 des Einkaufszettels stand Baguette. Verbissen kämpfte ich mich vor bis zum Korbständer mit den französischen Stangenbroten, schnappte mir eines, rief „Touché!“ und galoppierte weiter zum Obst & Gemüse. Dass es ein Zwiebelbrot war, bemerkte ich erst als ein etwa dreijähriger Junge davon abbiss, während ich nach kernlosen Weintrauben suchte. Der Bub spuckte das Brot auf den Boden, rief „Bäääh, Zwiebel!“ und boxte seine Mama in den Wintermantel. Eine Rückkehr in die Brotabteilung erschien mir zu gefährlich, dort tobte inzwischen ein Krieg um die letzten Semmeln. Eine mutige Verkäuferin warf sich auf einen alten Fettwanst, der drauf und dran war, eine junge Frau mit einem Salzstangerl zu erstechen. Ich ignorierte die Hilfeschreie und schlug mich zur Milchabteilung durch. Mascarpone, Schlagobers, Kakao, Milch, Naturjoghurt, Sauerrahm, Eier, Schnittkäse lautete mein Marschbefehl und ich war zutiefst entschlossen, meinen Auftrag erfolgreich auszuführen. Zentimeter für Zentimeter kämpfte ich mich Richtung Kühlregal, als eine resolute Dame mit Wollhaube den Rechtsvorrang missachtete und mir mit Karacho in den Streitwagen preschte. Sie entschuldigte sich mit Hoppala! und wollte wissen, wo das Backpulver steht. Ich schickte sie ohne schlechtes Gewissen in den Gang mit Gewürzgurken, und schnappte mir triumphierend die letzte Packung Mascarpone, räumte 5 oder 6 Liter Milch und alles, was irgendwie nach Joghurt, Rahm und Schlagobers aussah, in den Wagen. Ich war gut unterwegs, der Wagen bereits dreiviertel gefüllt und ich hatte nur noch Weißwein, Sekt, Cola Zero und Tiefkühl-Pommes auf der Liste.

Vor dem Alkohol-Regal stritt ein Ehepaar darum, ob man sich an Heiligabend lieber mit Gin oder mit Wodka die Kante geben sollte; eine ältere gehbehinderte Dame räumte mit ihrem Krückstock die Aktions-Rotweine ab, ein robust wirkender Mann mit Vollbart im Gesicht und einer Palette Vollbier auf der Schulter hatte es offenbar eilig und kommentierte das Missgeschick mit „Geh schleich di!“. Die Supermarktradiosprecherin verkündete mit gefällig weicher Stimme, dass heute Damenbinden im Angebot seien und  sie uns weiterhin viel Spaß beim Einkaufen wünsche. Ich schnappte mir zwei Packungen Binden (2+1 gratis! Ein kleines Bonus-Weihnachtsgeschenk für Heidi konnte nicht schaden) und steuerte zur Kassa. Ein letzter Blick auf Heidis A4-Liste, nur so zur Sicherheit. Alles da. Mehr beiläufig als gewollt drehte ich den Zettel um und bemerkte, dass auch noch die halbe Rückseite beschrieben ist. Ich verspüre unweihnachtliche Gefühle und kämpfe mich gegen den Strom zurück in die Gemüseabteilung. Salatgurke, speckige Kartoffel, rote Zwiebeln. Na gut, ich bin der Mann und beschaffe die Nahrung.

Zu Hause räumte Adelheid, die inzwischen auf eine blank blitzende Küche verweisen konnte, die Einkäufe aus, während ich erschöpft und stolz auf die Verleihung des Shopping-Ordens 1. Klasse am goldenen Band pochte. „Und wo ist der Kabeljau?“ frug mein Eheweib leicht entsetzt. „Stand nicht auf der Liste!“ „Aber du weißt doch, dass ich den Weihnachtsfisch beim Fischhändler vorbestellt habe! Jetzt aber schnell, der sperrt zu Mittag!“ Die Uhr zeigt 11:45. Keine Minute später saß ich in unserem tomatenroten Flitzer. Während ich unserem Fischdealer mein letztes Bargeld in die Hand drückte, klingelte das Handy. Heidi. „Moser, beim Lotto gibt es einen 6-fach Jackpot, zum ersten Mal in Österreich! Geh, spiel doch einen Schein. Vielleicht haben wir Glück!“

Vor der Lotto-Annahmestelle hatte sich eine Schlange gebildet, die bis zur Bäckerei zurück reichte. Offenbar hatten mehrere Menschen die Idee, den Gabentisch durch die Glücksfee ein wenig auffetten zu lassen. Ich las die Tageszeitung inklusive Kleinanzeigen, kaufte mir in der Bäckerei eine Cremeschnitte und hoffte, dass der Fisch die Warterei unbeschadet überstehen würde. Nach knapp 30 Minuten drehte sich die Dame vor mir um und fragte: „Was machen Sie mit den vielen Millionen, falls Sie gewinnen?“ Ich antwortete ohne zu überlegen: „Ich leiste mir einen persönlichen Butler, der alle Weihnachtseinkäufe für mich erledigt!“

Advertisements

Lebst du noch…?

Nachdem ich im Baumarkt schon beim Kauf der richtigen Werkzeuge gescheitert und zur bitteren Einsicht gekommen bin, dass die Heimwerkerei nicht zu meinen angeborenen Talenten gehört, trat Plan B in Kraft: Onkel Ludwig, der geschickte Familienbastler, sollte ein funktionales Regal für unseren Geräteschuppen zimmern. Leider beschied uns der sonst so hilfsbereite Onkel telefonisch, dass er derzeit in Kärnten zur Kur weilt. Der verdammte Rücken. Und da meine liebe Adelheid das Regalproblem noch vor den Weihnachtsfeiertagen gelöst haben wollte, trat Plan C in Kraft. Plan C war ein alter Schwede namens Ingvar Kamprad, der einst am elterlichen Bauernhof Elmtaryd im kleinen Dörfchen Agunnaryd lebte und mit Selbstbaumöbeln ein Vermögen verdiente.

Im Gegensatz zu mir liebt Heidi IKEA. Ein Ausflug ins blau-gelbe Einrichtungsparadies lässt ihr Herz stets frohlocken und selbst wenn wir nach einer Stunde Autofahrt und vier Stunden Gedränge in den diversen Hallen und Stockwerken nur mit zwei Säcken Teelichtern und plastikverschweißtem Räucherlachs heimkehren, ist Frau Moser in einem für mich nicht nachvollziehbaren emotionalen Ausnahmezustand des höchsten Glückes. Der Wunsch nach einem Regal für unseren Schuppen war ihr also willkommener Anlass, den verhängnisvollen Satz „Am Samstag fahren wir zu IKEA“ auszusprechen. Worte, die bei mir ähnliche Angstzustände auslösen wie ihr „Moser, wir müssen reden!“. Beides verheißt keinesfalls etwas Gutes.

Halb Wien hatte an diesem vernieselten Herbsttag dieselbe Idee: Wochenende und Weihnachten in Rufweite, hurra! Wir fahren zu IKEA! Der riesige Parkplatz war voll belegt, als wir gegen 11:30 eintrafen. Sogar Heidis Zauberkräfte, stets eine freie Parklücke vorzufinden, schienen diesmal zu versagen. Als wir 45 Minuten später endlich den Konsumtempel betraten, bat ich Heidi inbrünstig, mich im Kinderparadies abzugeben. Die Aussicht auf tausende bunte Bälle und unbekümmerten Spaß im betreuten Märchenwald schien mir verlockender als das Getümmel zwischen Sofas und Lampenschirmen. „Nein, nein“, blieb meine Gattin hart. „Nach einer halben Stunde hast du Hunger oder musst aufs Klo. Ich höre schon die Durchsage Der kleine Moser möchte von seiner Heidi im Spieleparadies abgeholt werden! Kommt nicht in Frage.“ Bei Einbruch der Dunkelheit verstauten wir das Regalsystem IVAR (1 Element/Böden/Schubladen/Kiefer/grau), nebst zwei Säcken Teelichtern, einer Packung Räucherlachs (LAX Kallrökt) und jeder Menge Weihnachtsdeko, im Wagen. Heidis Augen leuchteten als sie verkündete: „159,- Euro! Ein Schnäppchen!“ Ich schnappte nach Luft und klemmte mir eine Packung Papiertaschentücher unter die verschwitzten Achseln.

Den Sonntagnachmittag verbrachte ich anstatt auf der Couch im Geräteschuppen beim Versuch,  IVAR zusammenzubauen. Schließlich taumelte ich mit blutenden Händen zurück ins Wohnzimmer, das Heidi zwischenzeitlich in warmes Kerzenlicht getaucht hatte. Überall glitzerten Sterne, Engel und kleine Jesukinder. Während Frau Moser die Schnittwunden an meinen Fingern verarztete, schenkte sie mir ein fürsorgliches Lächeln und frug unter Anspielung auf den IKEA-Werbespruch: „Lebst du noch? Oder wohnst du schon?“

Ich verfluchte Ingvar Kamprad und gestand, dass IVAR unter der Last von Heidis selbstgemachter Marmelade eingestürzt war. Es fehlen nämlich zwei Schrauben. „Kein Problem“, meinte Heidi. „Das werden wir reklamieren. Wir fahren einfach nächste Woche wieder zu IKEA.“