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Lauter Fremde!

Wie der intime Kenner der Familie Moser längst weiß, sind meine Frau Adelheid und ich ein Herz und eine Seele. Wir verstehen uns quasi blind. Und taub. Und stumm. Über 20 Jahre Ehe unter einem Reihenhausdach haben uns zusammengeschweißt, unsere Herzen schlagen im verständnisvollen Gleichklang. Gut, bei der Wahl des abendlichen Fernsehprogramms (Actionthriller versus Quastenflosser-Doku) und bei Heidis Hang zur Überaktivität (Couch-Surfen versus Spaziergänge & Abstellraum entrümpeln) scheiden sich unsere sonst so verliebten Geister, doch keine Regel ohne Ausnahme. Bei der diesjährigen Bescherung unter der festlich in Rot und Gold geschmückten Nordmanntanne bestätigte sich die Moser´sche Verbundenheit auf eindrucksvolle Weise. Nachdem wir uns vielerlei Praktisches, Witziges, Wärmendes, Elektronisches und Unterhaltendes – mehr oder weniger liebevoll in buntes Geschenkpapier eingewickelt – begleitet von Küsschen und glänzenden Augen geschenkt hatten, waren noch zwei kleine Päckchen übrig. Eins für Heidi, eins für mich. Wie Form, Gewicht und Konsistenz vermuten ließen, ein Buch. Tja, dass man sich im Hause Moser gegenseitig ein Buch schenkt, mag noch nicht als das große Weihnachtswunder durchgehen. Dieses offenbarte sich erst, nachdem wir es ausgepackt hatten: Ohne es zu ahnen, ohne es vorher auch nur in einem winzigen Nebensatz angedeutet zu haben, beschenkten sich Herr und Frau Moser mit dem gleichen Buch. Ungläubig lachend hielten wir je ein Exemplar von „Lauter Fremde!“ in Händen. Und als wäre dies nicht Gag genug, hatten wir es beide nicht im Buchhandel gekauft, sondern bei der Autorin direkt erworben und mit persönlicher Widmung versehen lassen. Für Heidi – herzlichst Livia Klingl stand in ihrem Exemplar, Für Herrn Moser – herzlichst Livia Klingl in meinem. Bei dem Werk handelt es sich auch nicht um schnöde Belletristik, sondern um ein politisches Buch zur brisanten Flüchtlingsfrage und der vermeintlichen Überfremdung unseres Landes. Die mehrfach ausgezeichnete Journalistin und Buchautorin greift darin Vorurteile auf und analysiert in einfühlsamen Portraits, wie unterschiedlich Fremdheit wahrgenommen werden kann. Müßig zu erwähnen, dass meine Gattin und ich einen ähnlich humanistischen Standpunkt einnehmen wie Frau Klingl, der dem unserer rechten, fremdenfeindlichen Regierung diametral entgegengesetzt ist. Heidi und ich sind also nicht nur politisch auf einer Wellenlänge, wir haben auch ein treffsicheres Gespür für passende, literarische Geschenke.

Nachdem alle weihnachtlichen Besuche abgestattet und empfangen waren, ereilte Adelheid eine veritable Erkältung. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, der in Österreich zum Gedenken des ersten Märtyrers Stephanus gemeinhin Stefanitag genannt wird, lag sie röchelnd, mit gerötetem Rachen und tropfendem Nasenhahn darnieder. Ich verordnete dem armen Weib strenge Bettruhe, presste für sie ein gutes Dutzend Orangen aus und schlüpfte aus Solidarität zu ihr unter die Decke. So verbrachten wir den Vormittag des 26. Dezember gemeinsam im Bett und lasen gleichzeitig „Lauter Fremde!“, jeder in seinem eigenen, persönlich gewidmeten Exemplar. Nach dem Trubel der vergangenen Tage genossen wir die wahren Worte von Livia Klingl in trauter Stille, nur unterbrochen von herzzerreißenden Niesattacken meiner maroden Gattin. Als sich die Mittagsstunde näherte, mischte sich noch mein Magenknurren zum Husten und Schnäuzen der Bettnachbarin, und ich frug: „Was möchtest du essen, mein Liebling?“ „Ach, ich hab keinen großen Hunger. Wärme mir bitte nur eine Kleinigkeit auf, es ist von Weihnachten ja noch eine Menge übrig!“

In unserem Kühlschrank sah es aus wie nach einer Tupperware-Party. Heidi hatte alles, was noch irgendwie genieß- und verwertbar erschien, in hübsche Plastikdöschen mit bunten Deckeln oder in Alufolie gepackt. Die Stapel reichten vom unteren Gemüsefach bis nach oben zu Käse und Joghurt, und ich fühlte mich überfordert. Was zur Hölle verbarg sich in welcher Dose, konnte ich der kranken Frau eine fette Gänsekeule mit Tafelspitz und Reis zumuten? Oder doch lieber etwas Leichtes? Ein Tiramisu von Heilig Abend? Zaghaft lüpfte ich den grünen Deckel einer Plastikbox und erblickte einen laschen, panierten Kabeljau, der es gestern nicht mehr in unsere überfüllten Mägen geschafft hatte. Nein! Eine erkältete Adelheid verdiente wahrlich besseres und frischeres, und so nahm ich den Stapel mit Flyern der umliegenden Lieferdienste zur Hand. Nachdem ich mit zahlreichen Anrufbeantwortern heimischer Gasthäuser telefoniert hatte, die mich über ihre weihnachtliche Betriebssperre informierten, landete ich bei La Enzo. Enzo heißt eigentlich Akyüz und ist ein junger Türke, der seinem Imbiss aus marketingtechnischen Gründen einen italienischen Anstrich verpasst hat. Neben Döner Kebap zählen asiatische Nudelgerichte zu seinen Spezialitäten.

„Halüü megü san halal Enzo hier! Bon giorno“, klingt es nuschelnd aus dem Telefonhörer. „Frohe Weihnachten! Moser hier. Meine Frau ist krank und wir haben Hunger. Was empfehlen Sie?“ „Ohh, krass krank. Bleibt in Bett und trinkt Tee. Is besser.“ „Waaas?“ „Pfeffermünz. Is gut.“ „Ja, ich möchte Essen bestellen!“ „Holst du ab oder Liefer?“ Akyüz-Enzo schien nebenbei noch Pommes zu frittieren, denn in der Leitung zischte und prasselte es beängstigend. „Liefer! Heidi ist krank und kann nicht kommen.“ „Ohh, Scheiße.“ „Ja, eine Nudelbox mit Hühnerfleisch für Frau und ein Döner mit alles und scharf für mich!“ „Döner auch Hühner oder Lamm?“ „Huhn. Nudeln und Döner mit Hühner. Bitte.“ „Magst du kein Lamm? Isch gut! Früsch.“ „Ist das Huhn nicht früsch, ist alt?“ „Naaa Kollega! Bei Enzo immer ollas früsch. Adresse?“ „Hier spricht Herr Moser! Sie haben meine Adresse, Reihenhaussiedlung, Haus 39. Wie immer. Wie lange dauert es?“ „Aaaah, Herr Moser! Wie geht´s? Alles gut?“ „Nein, meine Frau ist krank. Wir haben Hunger. Wann kommt Essen?“ „Oh, arme Frau Moser! Kommt in halbe Stunde. Ollas früsch, gell?! Bon giorno!“ Tüüüt. Tüüüt. Tüüüt.

30 Minuten später klingelte Akyüz´ Bruder Ali, der sich eigentlich Federico nennt, an der Tür. Neben einer Riesenportion Asia-Nudeln und dem prall gefüllten Dönerbrot überreichte er mir noch eine eiskalte 0,5 l Flasche Coca Cola. „Gratis! Von Enzo. Mit schöne Gruß für kranke Frau Moser.“ Ich gab Ali-Federico ein großzügiges Trinkgeld und wünschte ihm und seiner Familie frohe Weihnachten. Lauter Fremde! Und was für welche.

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Verpackungskünstler

Zeitlebens stehe ich mit Verpackungen auf Kriegsfuß. Ich verstehe einfach nicht, warum es die oberschlauen, hochbezahlten Designer und Produktentwickler nicht schaffen, kundenfreundliche und leicht zu öffnende Verpackungen zu kreieren. Bereits 1980 machte der großnasige Blödler Mike Krüger mit seinem Song „Der Nippel“ auf diesen skandalösen Umstand aufmerksam („Ich konnte gerade lesen, da kam ich auch schon drauf: Fast alles ist heut eingepackt, man kriegt es sehr schlecht auf“) – der Song kletterte zwar in die lichten Höhen der Hitparade, die Verpackungsindustrie zeigte sich davon leider unbeeindruckt. Und so ziehen wir 36 Jahre später noch immer den Nippel durch die Lasche und drehen mit der kleinen Kurbel ganz nach oben.  Zellophan, Hartplastik, kreative Schraub- und Ritsch-Ratsch-Verschlüsse sind natürliche Feinde von Herrn Moser. Als ich meine geliebte Heidi unlängst mit Bratkartoffeln, Spinat und Spiegelei überraschen wollte, ergriff sie schreiend die Flucht. Denn aus der Küche kam ihr ein grünverschmierter, wütend brüllender Hulk mit Schaum vorm Mund entgegen, in der einen Hand ein spitzes Steakmesser, in der anderen eine zerfetzte Packung Tiefkühlspinat. Der unermessliche Erfindergeist der Menschheit kann Roboter zum Mars schicken und uns mittels Satelliten von der Wurzelgasse in Klein-Hintertupfing zum Roten Platz in Moskau lotsen, aber gefrorenes Gemüse deppensicher zu verpacken ist offenbar ein unlösbares Problem.

Ich bin aber nicht nur ein ungeschickter Auspacker, sondern auch ein miserabler Einpacker. Ganz anders als meine kreative Schwägerin Susi, der Christo unter den Geschenke-Verhüllern. Sie zaubert mit Bändern, Schleifchen, Zweigen und ein bisschen Flitter wahre Kunstwerke. Ich hingegen fürchte alljährlich den Weihnachtsgeschenkeeinpacktag, da meine Päckchen aussehen als hätte sie ein Schimpanse im Vollrausch eingewickelt. Bei der Auswahl meiner Geschenke achte ich penibel darauf, dass sie glatte, quadratische oder rechteckige Formen haben, damit ich überhaupt eine Chance habe. Sperrige, unhandliche Geschenke scheiden bereits im Vorfeld aus.

Heute vormittag war es wieder soweit. Ich wollte mich mit meinen Gaben, zwei Rollen buntem Weihnachtspapier und Klebeband in mein Arbeitszimmer zurückziehen. „Spielst du Christkind?“ zwinkerte mir Adelheid zu. Ich zwinkerte verschwörerisch zurück und pfiff mit spitzen Lippen die englische Version von „Stille Nacht“ (Silent Night). „Warte“, sagte Heidi. „Ich hab eine neue Schere gekauft, die alte hast du beim Öffnen der IKEA-Regal-Verpackung zerstört.“ Sie drückte mir eine nagelneue und wahrscheinlich sehr scharfe Schere in die Hand, bombensicher und unzerstörbar in Hartplastik eingeschweißt.

Fröhliche Weihnachten und fetzten Sie das Geschenkpapier nicht achtlos und gierig von den Päckchen! Gehen Sie sorgsam und respektvoll mit der Verpackung um, sie hat einigen Menschen vielleicht Blut, Schweiß und Tränen gekostet.