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Tanz auf dem Vulkan

Wie die interessierten Vulkanologen unter Ihnen sicherlich aus den Schreckensnachrichten mitbekommen haben, macht derzeit in Guatemala der Volcan de Fuego (Feuervulkan) seinem Namen alle Ehre und speit Feuer, Tod und Verderben. 1,7 Millionen Menschen sind von dem Ausbruch betroffen, Tausende mussten evakuiert werden, rund 100 Verzweifelte fanden einen grauenvollen Tod, ebenso viele gelten noch als vermisst. Jetzt mögen Sie gelangweilt abwinken und einwenden: „Warum erzählt uns der alte Fischkonservenmoser von dieser Naturkatastrophe? Es gibt so viel Leid auf dieser Welt und Guatemala ist weit weg! Wir wollen lieber ein paar humorige Schenkelklopfer über Heidi, die ukrainische Reinigungsfachkraft Editha und den wunderlichen Cerny lesen, ein paar aberwitzige Anekdoten aus dem Reihenhaus-Leben des Abteilungsleiters!“

Geliebtes Leservolk, geschätzte Freunde: Ich erwähne den verheerenden Vulkanausbruch im fernen Mittelamerika nicht ohne Grund. Denn exakt vor einem Jahr, und ich meine exakt, befand ich mich gemeinsam mit meinen Kollegen auf Einladung meines Arbeitgebers auf Incentive-Reise in Guatemala. Bemühen Sie gerne die Archivfunktion dieses Blogs und blättern Sie zurück zum Juni 2017, um meine Abenteuer nachzulesen. Freilich erscheinen der Verlust meines Reisegepäcks, mein epochaler Vortrag in knallbunter Indio-Kleidung, die Heimsuchung durch Montezumas Rache und andere kleine Vorkommnisse völlig lächerlich und irrelevant im Vergleich zu den aktuell herrschenden Zuständen in Guatemala. Bereits im Vorfeld, als unser geschäftsführendes Ehepaar Mag. Erwin und Svetlana Pfotenhauer stolz verkündete, die werte Belegschaft der Konservenfabrik zu einem teambildenden Belohnungstrip ins wilde Guatemala entführen zu wollen, äußerte ich schwere Bedenken. Nicht nur die endlos lange Flugdauer und die Möglichkeit eines Absturzes über dem unwegsamen Dschungel des ehemaligen Maya-Reiches samt drohendem Kannibalismus unter den Überlebenden malte ich mit eindrucksvollen Worten in die Köpfe der potenziellen Reiseteilnehmer, ich warnte auch vor tödlichen Infektionskrankheiten, mörderischen Insektenangriffen und einem fürchterlichen Tod durch den Ausbruch des Volcan de Fuego. Wie Sie sich vorstellen können, war ich ein einsamer Rufer in der Wüste; wurde als Spinner, Hasenfuß, als ein Teufel-an-die-Wand-Maler hingestellt.

Nun ist den hämisch grinsenden Spöttern das Lachen vergangen. Neben der Tatsache, dass unsere Kantine seit vorgestern nun täglich auch ein veganes Menü anbietet, ist der Vulkanausbruch in Guatemala das beherrschende Thema unter den Bürohengsten und –stuten. Nicht auszudenken, Gott hätte aus Langeweile bereits im Juni 2017 auf das Vulkanausbruch-Knöpfchen gedrückt und damit nicht nur hunderte guatemaltekische Leben ausgelöscht, sondern auch eine komplette Wiener Fischkonservenmanufaktur! Welch Ironie des Schicksals, wäre Herr Moser, ein gebürtiger Wiener vom Scheitel bis zur Sohle, in einem pyroklastischen Fluss (Glutlawine aus Lava, Steinbrocken und Gas) qualvoll ertrunken. Ein wahrlich unrühmliches Ende für einen echten Österreicher, der mit einem stilechten Tod durch Herzverfettung, Schlaganfall oder Lungenkrebs rechnen durfte. Und da ich aufgrund meines verlorengegangenen Koffers in bunte Indio-Landestracht gewandet war, wäre meine Asche womöglich in einem guatemaltekischen Katastrophen-Massengrab bestattet worden. Mich schaudert, auch um Heidis Willen.

Als ich heute für die Dauer von zwei Stockwerken die Aufzugskabine mit Svetlana Pfotenhauer teilte, meinte ich zu ihr: „Sollten Sie wieder eine Incentive-Reise planen, ist Guatemala diesmal hoffentlich vom Tisch!“ „Keine Sorge, Herr Moser“, gab sie zurück, „Die Umsätze Ihrer fischlosen Tofufische lassen derzeit zu wünschen übrig. An eine Belohnungsreise auf Firmenkosten ist wirklich nicht zu denken!“ „Eventuell ein kleines Wellness-Resort in der Toskana? Garantiert keine Vulkanausbrücke!“ rief ich Svetlana nach, die bereits Richtung Marketingabteilung schwebte. Doch sie tat, als würde sie mich nicht hören. Undank ist der Welt Lohn.

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Montezumas Rache

Als meine besorgte Heidi gestern hier im Blog von meiner Unterhosennot und dem damit einhergehenden Ausschlag las, ließ sie mich per WhatsApp umgehend wissen: „Moser, borg dir gefälligst eine U-Hose von einem Kollegen aus! Du machst dich ja zum Gespött!“ Die liebe Frau Moser, immer um meinen guten Ruf besorgt. Meist vergeblich, aber zu Recht.

Mein Vortrag vor der versammelten Belegschaft war für 16 Uhr im Seminarraum B angesetzt. Um 15:30 fragte ich ein letztes Mal bei Reiseleiterin Consuela nach, ob mein verschollener Koffer eventuell aufgetaucht sei, erhielt aber nur die übliche Antwort: „Vielleicht morgen.“ Also fragte ich meinen Büro- und Zimmerkollegen Cerny widerstrebend, ob er mir eine Unterhose borgen könnte. Er wühlte in seinem Kofferchaos, zupfte ein schwarzes Modell mit dem Aufdruck Privatspielplatz hervor und reichte es mir mit den Worten: „Da, ist geschenkt. Dürfen Sie behalten.“ Das konnte ich nun als großzügige Geste oder als Beleidigung auffassen, machte mir darüber keine Gedanken. Auf dem Bett breitete ich meine gestrigen Einkäufe vom Indio-Markt aus, und entschied mich schließlich für ein elegantes Ensemble, bestehend aus einer dunkelblauen, groben Leinenhose mit orange-roten Streifen an der Seitennaht, dazu ein Baumwoll-Shirt in leuchtenden Regenbogenfarben und grünen, kleinen Puscheln am Kragen. Ich würde mein Referat über Fischkonserven im Wandel der Zeit in guatemaltekischer Landestracht halten. Daran führte kein Weg vorbei.

Als ich Schlag 16:01 vor die Fabrikskollegen trat, setzte großes Gelächter und  Gejohle ein. Svetlana Pfotenhauer steckte sich zwei Finger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff ertönen, den ich ihr nie und nimmer zugetraut hätte. Die Stimmung war ausgelassen, wie man so schön sagt. Die meisten der sehr geehrten Damen und Herren zückten ihr Smartphone, um den Moser-Vortrag in Wort und Bild festzuhalten. Vor Aufregung und trotz Klimaanlage tropfte ich wie ein undichter Wasserhahn, und ich spürte unter meiner Indio-Tracht Cernys Unterhose wie ein glühendes Brandeisen. Schließlich ebbte der Applaus ab, und ich sah in die erwartungsvollen Gesichter meiner Kollegen und Innen, die aus dem Vollen ihrer Koffer geschöpft hatten und untadelig in Anzüge und Business-Kostüme gekleidet auf ihren Plastiksesseln klebten. Ich befeuchtete meine ausgedörrte Kehle mit einem Schluck Mineralwasser und startete mein Referat, das ich zu Hause vor dem Spiegel ein gutes Dutzend Mal geübt hatte. Einleitend dankte ich dem Direktorenpaar Pfotenhauer, das uns liebenswürdigerweise zu dieser denkwürdigen Reise in eine fremde Kultur eingeladen hatte, um für unseren unermüdlichen Einsatz zu danken und den Team Spirit zu vertiefen. Zustimmender Beifall. Dann wurde es fachlich, und da ich annehme, dass die wenigsten meiner Leser in der Fischkonservenbranche tätig sind, erspare ich Ihnen hier die Details meines mitreißenden Vortrages, der einen Bogen von der Ölsardine bis zu meiner revolutionären Innovation der veganen, fischlosen Konserve spannte. Ich steigerte mich in einen wahren Rausch, und breitete meine visionären Gedanken – immer wieder von Zwischenapplaus unterbrochen – vor dem Fachpublikum aus. Meiner möglicherweise etwas peinlich wirkenden Indio-Tracht und Cernys „Privatspielplatz“ war ich mir gar nicht mehr bewusst, als in einer theatralischen Kunstpause fernes Donnergrollen zu hören war.

Zunächst vermutete ich ein Gewitter und freute mich schon auf die ersehnte Abkühlung, ehe ich feststellen musste, dass das Grollen aus meinen Eingeweiden kam. Möglicherweise hätte ich bei meinem Orangensaft zum Frühstück die Eiswürfel weglassen sollen, denn nun kündigte sich offenbar Montezumas Rache an. Ich verschärfte das Tempo meines Vortrages und kam so rasch zum Finale. Den Schlussapplaus nahm ich unter etlichen Verbeugungen entgegen, Selfie-Wünsche mit Moser in Landestracht musste ich dankend ablehnen, da Montezuma bereits wütend an die Pforte klopfte. Wie von der Tarantel gestochen raste ich zum Aufzug, und im sechsten Stock im Sauseschritt zu unserem Zimmer 603. Ich fummelte die Zimmerkarte in den Schlitz und riss die Tür auf, um umgehend den Thron im Badezimmer zu besteigen.

Auf dem Weg zur Toilette stolperte ich über einen grauen Hartschalenkoffer mit I Love Vienna Aufkleber, der mitten auf dem Flur stand. Consuelas Visitenkarte flatterte zu Boden, darauf stand in ungelenken Buchstaben: KOFEER VON AEROPORTO UM 16:45 GEKOMEN! ALLES GUTE Consuela.

Am WC hallte mein irres Lachen von den gefliesten Wänden.

Die Lage spitzt sich zu

Wie der Titel schon vermuten lässt, spitzt sich die Lage in Guatemala zu. Es ist fünf Uhr früh Ortszeit und der Jetlag versetzt meinen Biorhythmus in Aufruhr. Weitaus schlimmer ist jedoch die Tatsache, dass mein Koffer noch immer als vermisst gilt. Er ist einfach verschwunden, was mich aber angesichts der chaotischen Zustände am Airport von Guatemala City nicht weiter wundert. Reiseleiterin Consuela reagiert auf meine stündlichen Nachfragen bereits etwas genervt, inzwischen drückt sie meine dringlichen Anrufe meist sogar einfach weg. Meine einzige Unterhose, die ich am Leib trage, habe ich gestern mit dem letzten Rest guatemaltekischen Hotel-Haarshampoos gewaschen und mir einen juckenden Hautausschlag in der betroffenen Äquatorregion eingefangen. Natürlich machte ich mich gestern in der Lobby auch auf die Suche nach einem Herrenausstatter, um mir frische Unterwäsche und nach Möglichkeit einen akzeptablen Anzug für meinen Vortrag heute Nachmittag zu besorgen. Zunächst entdeckte ich nur einen kleinen Laden mit sündteuren Rolex-Armbanduhren, einen Candyshop, sowie einen Zeitschriftenkiosk… aber dann stand ich vor einer Auslage, in der Schaufensterpuppen luftige Seidenblusen, Morgenmäntel und sexy Badeanzüge trugen. Kleidung! Ich stürmte in das Geschäft, schnappte mir eine der zierlichen Einzelhandelskauffrauen, und trug händeringend und gestikulierend meinen dringenden Bedarf an Unterwäsche vor. Mein internationales Deutsch-Englisch-Spanisch-Kauderwelsch („El Slipo please! Unterhosen por favor!“) schien anzukommen, denn kurz darauf breitete die bronzefarbene Verkäuferin eine Kollektion aufreizender, eng geschnittener Damenslips mit aufgenähten Schmetterlingen vor mir aus. Allein der Anblick der frischen Unterhosen führte mich schon in Versuchung, und beinahe hätte ich mir ein paar dieser Dinger gekauft. Aber dann fiel mir Cerny ein, der wie befürchtet ein Doppelzimmer mit mir teilt. Seinen Spott würde ich nicht ertragen, wenn ich frisch geduscht in einem schwarzen Netz-Damenslip aus dem Badezimmer komme. Und ich bin sicher, er würde mich bei der Belegschaft als Frauenkleider tragenden Perversling denunzieren. Also sagte ich zur Wäscheberaterin: „No no, Senorita! No ladies, por me, for hombres! Haben Sie Boxershorts?“ Sie blickte mich verständnislos an. „Boxershorts für Männer, por hombres!“ rief ich, zog meine Flughose runter und deutete auf das Produkt meiner Begierde. Dazu machte ich unterstützend einige Boxerbewegungen, und schlug rechte Haken und eindrucksvolle Uppercuts in die Luft.

Zwei sehr freundliche Sicherheitswachebeamte geleiteten mich aus der Damenboutique direkt zu unserem Charter-Autobus, der startbereit vor dem Hotel wartete. Ich machte es mir in der letzten Reihe bequem, wo ich alleine und unbeobachtet an meinem pikanten Ausschlag kratzen konnte. Am Programm stand ein Ausflug zu irgendwelchen historischen Stätten, die mich aber weit weniger juckten als meine roten Pustel im Schritt. Nach etwa einer Stunde Fahrt durch dauergrüne Landschaft, die mich ein wenig an die Südsteiermark erinnerte, kamen wir zu einem Indio-Markt. Der Bus hielt und wir bekamen 30 Minuten zur freien Verfügung. Dutzende sehr primitive Holzstände lockten mit bunter Indio-Kleidung. In der Not frisst der Teufel Fliegen, heißt es so schön, und bei einer kleinen Ureinwohnerin mit pechschwarzem Haar deckte ich mich mit Baumwollhosen und hemdähnlichen T-Shirts in allen leuchtenden Farben der Region ein. Ich trug die frische Wäsche, wenn auch keine Unterhosen, in einem hauchdünnen, bis zum Zerreißen vollgestopften Plastiksackerl stolz zum Bus. In meinem Überschwang erstand ich nebenan noch einen bemalten Totenschädel und eine hölzerne Vogelmaske, um den drohenden Hungertod der vier Kinder des Indios zu verhindern.

Im klimatisierten Bus wartete bereits Reiseleiterin Consuela, die ich im Vorbeigehen frug, ob es Neuigkeiten von meinem Koffer gebe. „Koffer kommt, naturalmente!“ versicherte sie. „Vielleicht heute oder morgen.“ Wie gesagt: Die Lage spitzt sich zu.

Koffer-Hoffer

Die gute Nachricht gleich vorweg: Ich bin lebend, bei halbwegs guter Gesundheit und mit nur 23 Minuten Verspätung in Guatemala City gelandet. Der Flug verlief überraschenderweise absturzfrei und ohne Zwischenfälle. Nur einmal, irgendwo über dem endlosen Atlantik, sackten wir plötzlich in ein Luftloch, was mir den Magen in die Nähe des Gaumenzäpfchens trieb. Vor dem Start hatte man uns ein Video über das Verhalten im Notfall gezeigt, das ich aber nur mehr bruchstückhaft in Erinnerung hatte. Also riss ich mir die Brille aus dem Gesicht, ging in Absturzposition (nach vorne gebeugt, Kopf zwischen den Armen) und rief laut: „Fliegeralarm!!“ Das war vielleicht nicht ganz vorschriftsmäßig, aber ich finde, die Flugbegleiter hätten nicht so einen Zirkus machen müssen, nur weil ich mein Essenstablett in den Mittelgang geworfen hatte. Schließlich musste ich mein Klapptischchen frei machen, um es hochzuklappen. Dies war aber der einzige Vorfall, der einer kurzen Erwähnung wert ist. Sonst lief alles glatt, weitere Panikattacken blieben dank der hoch dosierten Tranquilizer aus.

Die wahre Katastrophe ereignete sich nach der Landung. Unsere kleine Fischkonserven-Reisegruppe stand schwitzend und übermüdet bei Gepäckförderband Numero Quattro, wo die Koffer aus Vienna heraus purzelten und sich bis zur Entnahme durch den jeweiligen Besitzer im Kreise drehten.  Nach einer guten halben Stunde hatte sich die Belegschaft mit ihren Koffern zusammengerottet wie eine Herde Schafe mit ihren Jungen… und wartete auf ihren guten Hirten. Der Hirte namens Moser stand noch immer bei Numero Quattro und wartete auf seinen grauen Hartschalenkoffer mit I love Vienna Aufkleber. Doch mein Schäfchen blieb leider verschollen, auf dem Förderband drehte sich seit Minuten nur mehr ein dunkelgrüner, herrenloser Backpacker-Rucksack. Ich klammerte mich an den Gedanken, dass ich in Wien sehr früh am Flughafen war und als erster eingecheckt hatte, mein Koffer daher noch ganz weit hinten in den Tiefen des Laderaumes lag. Das schien sich jedoch nicht zu bestätigen, denn auf der Anzeigentafel wurde bereits das Gepäck aus Amsterdam annonciert. „Herr Moser, unser Bus wartet!“ rief Direktor Pfotenhauer und winkte. Ich winkte zurück, stellte pantomimisch den Verlust meines Koffers dar und wies auf den Schalter „Lost and Found“, wo ich gedachte, eine handfeste Reklamation zu deponieren.

Die winzige, stark geschminkte Dame am Schalter trug eine marineblaue Uniform und meinen Gefühlsausbruch mit Fassung. Ich schob ihr Gepäckschein, Ticket und Reisepass über den Counter: „My Koffer is lost!! Hören Sie mal, listen! Lost, comprende?! From Vienna, Moser. A grey Hardcover Koffer with I Love Vienna Sticker! Please find it! The bus is waiting.“ Dankenswerterweise hatten die Pfotenhauers für unseren Trip eine Spanisch-Deutsch sprechende Reiseleiterin organisiert, die mir nun zur Seite sprang und mir beim Ausfüllen eines unverständlich langen Formulars half. Im Hintergrund meuterte die Belegschaft, man wollte ins Hotel, unter die Dusche, ins Bett. „Ich kann doch nichts dafür, wenn diese Deppen meinen Koffer verlieren!“ rief ich unwirsch und verfluchte innerlich Svetlanas Incentive-Idee. Reiseleiterin Consuela schnatterte noch eine Weile spanisch mit der winzigen Lady vom Lost-and-found-Schalter, und ich war den Tränen nahe. Da stand ich nun am Arsch der Welt, aus allen Poren schwitzend, und konnte nicht einmal eine Unterhose zum Wechseln mein eigen nennen. Alles im Koffer, meine gebügelten Hemden, der sündteure Business-Anzug, die Krawatten, kurze Hose, T-Shirts, Sonnencreme und was der zivilisierte Mensch sonst noch so braucht. „Vamos, Senor Moser“, unterbrach Consuela meine trübseligen Gedanken. „Wenn sie finden Koffer, rufen mich an und Transport in Hotel. Todo bien. Alles gut. No problemas.“

Das war vor 14 Stunden und von meinem Koffer keine Spur. Ich verfüge bis dato nur über mein Handgepäck mit Laptop. Meine Unterhose habe ich im Handwaschbecken mit Duschgel gewaschen, ich trage meine Flughose und ein Hawaiihemd, das ich mir widerwillig von Cerny geliehen habe. Willkommen in Guatemala.

Abschiedsbrief

Ich sitze hier im Garten unter dem roten Baldachin unseres Sonnenschirmes, um noch ein paar letzte Worte an Sie, geschätzte Leserschaft, zu richten. In der Fischkonservenfabrik ist meine Anwesenheit heute nicht unbedingt erforderlich, sodass ich mir arbeitsfrei genommen habe. Ich möchte nämlich in aller Ruhe an meinem Vortrag arbeiten, den ich am Dienstag, um 16 Uhr, im Seminarraum B unseres Hotels in Guatemala City halten muss. Titel: Fischkonserven im Wandel der Zeit – von der Ölsardine zum veganen Thunfischfilet in Teriyaki-Sauce. Wir fliegen schließlich nicht nur zum „Vergnügen“ nach Zentralamerika. Und wer könnte über ein so heikles Thema besser referieren als Abteilungsleiter Moser himself, der Erfinder der fischlosen Fischkonserve. Und ich habe die Absicht, die gesamte Belegschaft – von Erwin und Svetlana Pfotenhauer abwärts – mit meinem Vortrag zu wahren Begeisterungsstürmen hinzureißen. Man soll noch Jahre später, wenn ich schon längst den Ruhestand im Reihenhaus genieße und weitab von Makrelen und Tofu-Tintenfisch nur noch Tomaten züchte, über mein bahnbrechendes, wegweisendes Referat mit Ehrfurcht und wohligen Rückenschauern sprechen.

Doch ehe ich mich gleich über dieses epochale Werk hermache, gestatten Sie mir noch ein paar Zeilen. Morgen empfängt Heidis Neffe Luki das Heilige Sakrament der Firmung, und wir werden mit Schwiegermama Inge diesem Festakt natürlich beiwohnen. Anschließend geht es auf Wunsch des Firmlings in den schattigen Garten eines asiatischen Restaurants, das sich mit seinen rohen und gegrillten Fischen japanischer Art zu Recht einen ausgezeichneten Ruf in der Gegend erworben hat. (McDonalds oder Burger King standen zwar ganz oben auf Lukis Wunschliste, doch das konnten wir ihm erfolgreich ausreden). Danach steht, wie bei Wiener Firmungen üblich, noch ein Ausflug in den Prater am Programm. Wie Sie sehen, ist der morgige Tag mit dem Heiligen Geist, mit Essen und Vergnügungen voll ausgelastet. Und da am Sonntag der Flieger nach Guatemala bereits in aller Herrgottsfrüh abhebt, habe ich meine Reisevorbereitungen bereits heute Vormittag erfolgreich abgeschlossen. Reisepass auf Gültigkeit überprüft, Rasierwasser in kleine erlaubte 100ml-Fläschchen umgefüllt, und für den wichtigen Vortrag am Dienstag meinen feinsten, schwarzen Anzug samt einem kleinen Krawattensortiment bereitgelegt. Meine fürsorgliche Adelheid hat mir sogar noch Sonnencreme mit dem höchstmöglichen Lichtschutzfaktor besorgt, da die weiße Moser-Haut unter direkter Sonneneinstrahlung zu Rötung und Blasenwurf neigt.

Außer dem Absturz über einem schwer zugänglichen Dschungelgebiet kann also nicht mehr viel schiefgehen. Und sofern in Guatemala das Internet schon erfunden ist und das Hotel über WLAN verfügt, werde ich mich mit dem einen oder anderen Beitrag über die Vorkommnisse während unseres Incentive-Betriebsausfluges melden. Wünschen Sie mir Glück, ich kann es gebrauchen!

Ergebenst, Ihr

Herr Moser

Surprise: Guatemala

Wie Sie sich vorstellen können, war nicht nur meine Lesergefolgschaft von Svetlanas Ankündigung einer Incentive-Reise nach Guatemala überrascht. Auch mein unmittelbares Umfeld reagierte einigermaßen erstaunt, wenn auch ganz unterschiedlich in der ihr eigenen Art. Von drei der Reaktionen möchte ich Ihnen heute näher berichten.

Editha: Als ich Lanas Büro verließ, hätte ich beinahe unsere ukrainische Putzfrau Editha umgerannt. Sie hatte offenbar unser vertrauliches Vier-Augen- zu einem Sechs-Ohren-Gespräch gemacht und ganz unverhohlen an der Tür gelauscht. Ich konnte es ihr nicht mal zum Vorwurf machen, spionierte sie doch in meinem Auftrag in der Chefetage. „Wir fahren Urlaub, ja?“ flüsterte sie sichtlich erregt und schüttelte dabei eine Sprühflasche mit Glasreiniger. „Wohin? Ich nicht verstanden, schlechter Empfang. Guadeloupe?  Guantanamo? Guacamole?“ „Nein Editha, Guatemala. Und Sie fahren nicht mit, ist nur für leitende Angestellte, für Chefs in Büro. Verstehen?“ „Ach so, nur A-Team“, zeigte sich die treue Seele enttäuscht und stellte umgehend das Flaschengeschüttel ein. „Präsident Pfotenchauer mit Shopping Queen, Buchhaltung, Personalbiro, Moser und Cerny Goodbye Deutschland?“ „Ja, aber eher Goodbye Austria, und wir wandern auch nicht aus. Ist nur Incentive-Reise für eine Woche“, erklärte ich ihr. Editha wurde nachdenklich: „Intensiv-Reise? Wie intensiv? Was machen in Guakemola? Ficki ficki??“ „Um Gottes Willen Editha!“ rief ich und legte ihr rasch meine Hand auf den Mund. Mit möglichst einfachen Worten versuchte ich, ihr das Belohnungs- und Motivationsprinzip eines Incentives zu erklären. „Warum nur Leite von Biro? Editha auch besser und schneller putzt nach Intensiv-Reise!“ resümierte sie treffend mit hängenden Mundwinkeln. Darauf wusste ich keine Antwort und verschwand in mein Büro, um Cerny die Nachricht zu überbringen.

Cerny  Der verdächtig unverdächtige Kollege wetzte bereits ungeduldig auf seinem Drehstuhl hin und her, als ich mit steinernem Pokerface die Stätte unseres Wirkens betrat. „Was war bei der Pfotenhauer?“ wollte er gleich auf den letzten Stand gebracht werden. „Was hat die Alte vor?“ Unruhig schwammen seine Augen hinter den dicken Brillengläsern auf und ab. Ein sicheres Zeichen für seine Nervosität. Ich genoss noch einen Augenblick meinen Informationsvorsprung, ehe ich beiläufig sagte: „Wir werden bei 80% Luftfeuchtigkeit im Dschungel Guatemalas auf alte Steinhaufen steigen, um den Teamgeist zu stärken.“ „Ich… ich ver… ich verstehe nicht“, stotterte Cerny. „Das glaube ich“, gab ich zurück. „Die verehrte Geschäftsleitung lädt uns zu einer Incentive-Reise nach Guatemala. Teambuilding, Motivation und so Kram.“ Cerny blieb die Kinnlade offen: „Alter Verwalter!“ „Die können das ja als Werbeaufwand von der Steuer abschreiben“, relativierte ich die scheinbare Großzügigkeit der Pfotenhauers. „Guatemala!“ schüttelte Cerny noch immer ungläubig den Kopf. „Wahnsinn.“ Ich hoffe, das Reisebudget reicht für Einzelzimmer, denn eine Woche im Doppelbett mit dem Chaoten würden meine Nerven nicht durchstehen.

Heidi  Als ich nach diesem ereignisreichen Tag in unser idyllisches Reihenhäuschen zurückkehrte, wartete Adelheid bereits mit dem Abendessen auf den hungrigen Moser. Ich hatte mich auf deftige Wiener Hausmannskost gefreut, doch just an diesem Tag entdeckte Heidi ihre kulinarische Experimentierfreude und servierte mexikanisch Angehauchtes. Soft Tortillas, mariniertes Hühnerfleisch, schwarze Bohnen, Salsa picante und Guacamole. Welch Ironie des Schicksals! Ich hatte im Internet bereits gegoogelt, dass die Küche Guatemalas stark vom Nachbarland Mexiko geprägt ist und häufig Tortillas, Tacos und Enchiladas auf den Tisch kommen. „Du weißt es also schon und willst mich sanft auf mein Schicksal vorbereiten“ kommentierte ich Heidis Bemühungen resigniert. „Was weiß ich und welches Schicksal?“ frug mein Weib unschuldig. Das mexikanische Dinner war also purer Zufall. Ich goss mir einen Tequila ein und berichtete in dunkelstem Schwarz über die bevorstehende Reise ins Land der bunten Farben. „Ich wollte eigentlich nach Venedig oder Florenz, aber die Pfotenhauer besteht auf Zentralamerika. Weiß der Geier…“ schloss ich meine Ausführungen. „Ach wie schön!“ jubelte Heidi und fiel mir um den Hals. „Deine Glückssträhne geht also weiter. Eine Reise nach Guatemala, für lau!“ „Du weißt aber schon, dass Guatemala nicht ums Eck ist. 16 Stunden in einer fliegenden Konservenbüchse. Und wenn wir abstürzen, dann nicht in einem zivilisierten Land mit Krankenhausanbindung, sondern mitten in einem dampfenden Dschungel voll gefräßiger Viecher. Statt dir, geliebte Heidi, wird Cerny neben mir ins Gras beißen. Ein schrecklicher Gedanke. So habe ich mir mein Ende nicht vorgestellt.“ „Niemand wird ins Gras beißen, Moser!“ beruhigte sie mich und schaufelte mir noch einen Berg schwarze Bohnen auf den Teller. „Wann geht es los?“ „Wann ist Pfingsten?“ „Am 4. Juni!“ Ich erschrak. „Das ist in dreieinhalb Wochen, Heidi! Und ich bin nicht einmal geimpft!“ Ich schob den Teller zur Seite, denn eigentlich vertrage ich keine Bohnen. „Essen die in Guatemala nicht auch Meerschweinchen?“ frug ich meine allwissende Heidi. „Nein, nur in Peru.“ Egal. Montezumas Rache wird furchtbar sein.

Teamgeist

In den letzten Tagen löcherte mich das p.t. Publikum mit der Frage nach der Marketing-Regentschaft unserer lieben Svetlana Pfotenhauer, die am 2. Mai unter der Protektion von Direktors Gnaden den Vermarktungsthron unserer Fischkonservenproduktion bestiegen hatte. Und ich meine, zwischen den Zeilen der neugierigen Anfragen der vorwiegend weiblichen Leserschaft eine gewisse Schadenfreude, wenn nicht gar Stutenbissigkeit herauszulesen. Sie Armer, schrieb man, wie ergeht es Ihnen unter Svetlana? Haben sich die Befürchtungen erfüllt, ist die Direktorsgattin tatsächlich so blond und unfähig? Ich vermute, dass die Moser-Getreuen auf eine nervige Schreckensherrschaft der Slowakin hofften, um in den Genuss zahlreicher abenteuerlicher Anekdoten zu kommen, die zum Schenkelklopfen verleiten. Marketingchefin Svetlana Pfotenhauer im Clinch mit Abteilungsleiter Moser – das ist der Stoff, aus dem die lachtränenfeuchten Träume meiner Leser sind.

Doch ich muss Sie enttäuschen. Seit ihrem Dienstantritt vor knapp einer Woche hat sich Svetlana nichts zuschulden kommen lassen. Keine voreiligen Marketing-Schnellschüsse, um sich zu profilieren; kein Von-oben-herab-Behandeln der Mitarbeiter, kein Tussi-Getue. Und was ich ihr besonders hoch anrechne: Sie bat mich gleich am ersten Tag  um ein Vier-Augen-Gespräch, es sei ihr an der persönlichen Meinung eines erfahrenen und langgedienten Mitarbeiters sehr gelegen. Sie empfing mich in einem eine Spur zu tief dekolletierten schwarzen Business-Hosenanzug, wohl um mich auf die Probe zu stellen, und bot mir gleich zu Beginn das Du-Wort an: „Ich bin Lana!“ Verdutzt antwortete ich: „Ich bin Herr Moser.“ „Jetzt, wo wir Kollegen sind, können wir uns doch duzen“, meinte sie mit einem aufreizenden Lächeln. Ich war auf der Hut und stellte klar, dass ich kein Freund von Ikea-Verhältnissen bin und innerbetrieblich das höfliche Sie bevorzuge. Ich erläuterte, dass ich schon als Kind meine Haustiere stets gesiezt habe, was sie mir mit Respekt und Folgsamkeit dankten. Wenn ich morgens meinem Goldfisch Flipper Trockenfutter ins Aquarium streute, begleitete ich dies mit den Worten: „Hallo Flipper! Haben Sie gut geschlafen? Ich wünsche Ihnen guten Appetit mit Tetra Pond Goldfish Premium Mix!“ Und wenn unser Familien-Rauhaardackel Wickie beim Gassi gehen minutenlang einen Kastanienbaum anknurrte (ich vermute, dass er etwas zurückgeblieben war), ermunterte ich ihn mit „Heben Sie die rechte Hinterpfote, lieber Wickie, und lassen Sie es laufen! Der Baum beißt Sie nicht ins Gemächt, ich schwöre!“ Der Dackel vertraute mir und sah mich dankbar aus seinen braunen Augen an, als er die Kastanienwurzeln nässte.

Svetlana lauschte interessiert meinen Ausführungen, gebot mir aber nach zehn Minuten mit erhobener Hand Einhalt: „Ich habe verstanden, Herr Moser! Nun zum Geschäftlichen. Was ist, Ihrer geschätzten Meinung nach, das wichtigste Marketinginstrument?“ Ich ließ meinen Blick aus dem Dekolleté zurückwandern zu ihren fragend erhobenen Augenbrauen und antwortete spontan: „Zufriedene Mitarbeiter. Loyale und motivierte Mitarbeiter sind die Basis jedes geschäftlichen Erfolges!“ Svetlana schien mit meiner Antwort einverstanden, denn sie nickte zustimmend: „Gut erkannt, lieber Moser. Erwin, also Herr Direktor Pfotenhauer, und ich haben uns dazu ebenfalls Gedanken gemacht…“ Ich witterte Prämien und Bonuszahlungen, doch die Marketingdirektorin überraschte mich mit der Feststellung: „Daher haben wir beschlossen, mit den leitenden Angestellten eine Incentive-Reise zu unternehmen. Teambuilding, Steigerung der Arbeitsmoral, Unternehmensbindung, Verringerung der Fehlzeiten von Mitarbeitern et cetera pe pe.“

„Eine sehr schöne Idee!“, beeilte ich mich zu versichern. „Ein Wochenende am Bodensee oder in Venedig  auf Firmenkosten wird die Arbeitsmoral sicher enorm steigern!“ „Nein, nein, mein werter Herr Moser! Die Reise geht nach Guatemala – wenn schon, denn schon!“ lächelte Lana. Ich war baff. „Sie meinen nach Guatemala, das Land der verheerenden Erdbeben, Vulkanausbrüche und der enormen Kriminalitätsrate? Eine Incentive-Reise mit gut 16 Stunden Flugdauer, und das bei meiner Flugangst?“ brach es aus mir heraus. „Das kann ich nicht annehmen. Danke, aber das ist viel zu teuer. Wie wäre es mit Florenz?“ „Jetzt machen Sie nicht die Pferde scheu“, winkte Frau Pfotenhauer ab. „Denken Sie an die Tempelstadt der Mayas im Dschungel, die alten Indio-Kulturen. Sie werden in eine völlig andere Welt eintauchen! Und jetzt gehen Sie und informieren Sie Ihren Kollegen Cerny!“ Oh mein Gott. Eine 16-Stunden-Flugreise in ein wildes Land Zentralamerikas an der Seite von Dr. Jonas Cerny. „Könnten wir vielleicht meine Frau Heidi anstatt den Cerny mitnehmen?“ frug ich schüchtern. Svetlana prustete laut lachend: „Sie Witzbold!“

Anscheinend muss ich meine ursprünglich positive Meinung über die neue Marketingdirektorin nochmals gründlich überdenken.