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Das Handtaschen-Mirakel

Am Sonntagabend stand Kulturelles am Plan der Mosers: Die Wiener Comedian Harmonists konzertierten im Vorstadttheater Metropol. Wir lieben die pointierten und geschliffenen Texte der 20er- und 30er-Jahre, verpackt in die wundersamen Kapriolen des perfekten A-Capella-Gesanges. Wir warfen uns also in den feinsten Zwirn und düsten bereits um 17 Uhr Richtung Theater, denn der Vorhang sollte sich zielpublikumgerecht schon um 18 Uhr heben. Offenbar erwartete man nicht mehr ganz taufrische Senioren, die gegen 20 Uhr zum ersten Mal eindösen und mit den Gebissen klappern. Dank Heidis Gabe, in unmittelbarer Nähe des Zielortes stets einen freien Parkplatz vorzufinden, blieb uns stundenlanges, suchendes Herumkurven in den umliegenden Gassen erspart und wir parkten den tomatenroten Spanier um 17:30 sieben Schritte vom Haupteingang entfernt. „Ich rauche noch rasch eine Zigarette“, vermeldete mein aufgeregtes Eheweib, und begann in den Tiefen ihrer Handtasche nach einem Päckchen Nikotinstängel zu graben.

Tja, Heidi und ihre Handtaschen. Ein Mirakel. Nachdem sie bereits aus dem überdimensionierten Vorgängermodell einer modernen Mary Poppins gleich die wundersamsten Gegenstände hervorgezaubert hatte, nur niemals das Gesuchte, hatte ihr meine Schwiegermama Inge zu Weihnachten eine neue Tasche geschenkt, weil die alte „schon zu klein ist“. Ein fataler Denkfehler, denn auch das neue Modell mit den Ausmaßen des Beutels eines Riesenkängurus war binnen Wochenfrist bis zum Rand gefüllt. Fragen Sie mich nicht womit, aber ich bin überzeugt, dass Heidi mit dem Inhalt ihrer Handtasche locker eine Woche in der Wildnis überleben würde. Wir saßen also im Auto, draußen peitschte feuchter Schneeregen auf die beschlagenen Scheiben, und meine liebe Gattin grub in ihrer Riesenbeuteltasche nach Zigaretten wie ein Trüffelhund nach dem begehrten Pilz. Sie förderte zwei Handvoll Kaugummis, vermischt mit Tic Tacs und Ingwer-Hustenpastillen zutage, es folgten eine Schachtel Tampons, ein prall gefülltes Schminktäschchen, einen Schlüsselbund, ihr Handy und eine kleine Flasche stilles Mineralwasser. Keine Zigaretten. „Das gibt es doch nicht“, murmelte Heidi bereits leicht ungehalten, „ich hab doch daheim noch ein neues Päckchen in die Tasche getan!“ „Sicher?“ „Ganz sicher!“ „Dann nimm doch solang dieses!“ Ich reichte meiner Frau das Packerl Zigaretten, dass sie vor Fahrtantritt in der Mittelkonsole verstaut hatte. „Ach daaaa sind sie!“ lachte Heidi. Ich gab ihr Feuer und mahnte zur Eile, die Vorstellung würde in 15 Minuten beginnen und wir mussten noch die reservierten Tickets an der Abendkasse abholen.

Die Wiener Comedian Harmonists, im Brotberuf Mitglieder des Staatsopernchors, spielten und sangen sich die Seele aus dem Leib. Wir hatten tolle Plätze direkt vor der Bühne in der zweiten Reihe, und spürten jeden fliegenden Speichel- und Schweißtropfen auf der Haut. Und derer gab es einige, denn die Sänger verausgabten sich bis zum Letzten bei „Wochenend & Sonnenschein“, „Marie, Marie“, „Schöne Isabella aus Kastilien“, „Ali Baba“ oder „Ein Freund, ein guter Freund“. Das nicht mehr ganz taufrische Publikum war begeistert, schunkelte in den Rollstühlen und klopfte mit Krückstöcken den Takt zu „Der Onkel Bumba aus Kalumba“. Sogar meine sonst etwas schüchterne Heidi riss es nach der besonders hinreißenden Darbietung von „Wenn die Sonja russisch tanzt“ mit einem lauten „Bravissimo!!“ vom hölzernen Gestühl. Wie Sie also zwischen den Zeilen lesen können, waren wir von der Sangeskünsten der ausgebildeten Vokalakrobaten schwer begeistert.

In ähnlich rasanter Tonart ging es nach der Pause weiter. Ich hatte Heidi ein überteuertes 0,2-Gläschen Sekt spendiert, das ihre Bäckchen nicht nur vor Begeisterung zart rötlich aufglühen ließ. Schließlich intonierten die komödiantischen Harmonisten den größten Hit der wohl ersten Boygroup der Welt: „Mein kleiner grüner Kaktus“. Der Saal tobte. Die Ausnahmekönner boten das musikalische Kleinod des stacheligen Gewächses am Balkon derart mitreißend und realistisch dar (…und wenn ein Bösewicht was ungezog’nes spricht, dann hol‘ ich meinen Kaktus und der sticht, sticht, sticht…), dass meine Abteilungsleiternase umgehend zu stechen, jucken und prickeln begann. „Gibst du mir mal ein Papiertaschentuch?“ flehte ich in Heidis Ohr. Sie hievte den Riesenkängurubeutel am Henkel unauffällig vom Boden auf ihren Schoß, öffnete den Reißverschluss und begann zu kramen. Zwei Strophen später war sie immer noch nicht fündig geworden, meine Nase stand kurz vor einer gewaltigen Niesexplosion und Heidi schaufelte leise fluchend und kopfschüttelnd in ihrer Handtasche herum. In meiner Verzweiflung knipste ich die Taschenlampe meines Smartphones an, und leuchtete in den schwarzen, unergründlichen Schlund der Tasche. Schließlich heißt es ja Taschenlampe. „Beeil dich!“ zischelte ich. Der Bariton und der 1. Tenor warfen stechende Blicke in unsere Richtung, der Pianist verspielte sich um einen Halbton. „Mach schon, mich zerreißt es gleich!“ gab ich meiner Gattin zu verstehen. Heidi griff noch einmal tief in ihren eleganten Beutel… und holte eine 6er-Packung originalverschweißter Dartspfeile hervor. „Ach, hiiiieer sind die Pfeile!“ entfuhr es ihr. Sie hatte ihrem Neffen Luki zu Weihnachten eine Dartscheibe gekauft, die zugehörigen Wurfpfeile aber irgendwo verschludert. Nun wissen wir, wo. Die ältere Dame hinter mir bohrte mir ihren Stock zwischen die Schulterblätter und forderte mit einem lauten „Psssst!“ Stille ein. Ich drehte mich um und leuchtete der Störenfriedin mit meinem Handy in die trüben Augen. Als sich der Lichtstrahl in ihren dicken Brillengläsern spiegelte, konnte ich mein kitzelndes, stechendes Näschen nicht länger bändigen und ich entließ einen feuchten, lauten Nieser in die staubige Theaterluft. Auf der Bühne flocht der Bass ein knurrendes „Zum Wohl“ in seine Darbietung, und endlich drückte mir Heidi das Päckchen Tempo in die Hand. Die Comedian Harmonists kamen zum Finale:

Sie hab’n doch einen Kaktus auf ihrem klein‘ Balkon,
hollari, hollari, hollaro!
Der fiel soeben runter, was halten Sie davon?
Hollari, hollari, hollaro!
Er fiel mir auf’s Gesicht obs‘ glauben oder nicht
jetzt weiß ich, dass Ihr kleiner grüner Kaktus sticht.
Bewahr’n Sie Ihren Kaktus gefälligst anderswo,
hollari, hollari, hollaro!“

Ich schneuzte mich, das Publikum applaudiert lebhaft.

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