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Heringe furzen

Heidi salzte nach. (Zugegeben: Diesen Eröffnungssatz habe ich unter leichter Abwandlung bei Günter Grass geklaut, der seinen Roman „Der Butt“ einst mit den legendären Worten „Ilsebill salzte nach.“ begann. Dieser in seiner Schlichtheit ergreifende Satz wurde 2007 von der Stiftung Lesen und der Initiative Deutsche Sprache zum schönsten ersten Satz in der deutschsprachigen Literatur gewählt.) Um mich ein wenig im Glanz des Literaturnobelpreisträgers von 1999 zu sonnen und dem Leser das gute Gefühl zu geben, er läse hier preisverdächtige Literatur, lasse ich meine brave Heidi die sonst recht anständige Hühnersuppe mit Gemüseeinlage also nachsalzen. In friedlicher Eintracht löffelten wir das leichte, aber doch stärkende Abendessen. Hin und wieder bliesen wir zwecks Temperaturregulierung in die gefüllten Löffel, ich konnte mir ein paar Spritzer Maggi nicht verkneifen.

Mitten in diese, fast schon banal zu nennende Reihenhausidylle platzte meine Angetraute mit der Feststellung, dass ich den von mir am 24. August angekündigten Praktikanten in der Fischkonservenfabrik noch mit keinem Wort im Blog erwähnt hätte. Warum?? „Aus Gründen, liebe Heidi, aus guten Gründen“, winkte ich verächtlich ab. „Wir hatten keinen guten Start. Mir wurde schon am zweiten Tag das Sorgerecht für den jungen Mann entzogen. Auf seinen Wunsch! Unerhört! Er wurde schon am Dienstag meiner fürsorglichen Obhut entrissen und zu Frau Schwingenschlögel ins Controlling gesteckt.“ Ich schenkte mir ein Glas Bier ein und begann zu erzählen.

Der junge Maturant stürmte an jenem denkwürdigen Montagmorgen eine Minute vor 9:00 in unser Büro. Schnurstracks steuerte er Cernys Schreibtisch an, reichte ihm die Hand und meinte: „Guten Morgen! Ich bin der neue Praktikant und soll mich bei Ihnen melden, Herr Moser. Ich freue mich auf gute Zusammenarbeit!“ Schlechter Start. Erst als ich mich vernehmlich räusperte und Cerny hilflos eine Handvoll Schuppen von seinem Sakko kehrte, bemerkte er seinen Irrtum. Er machte auf dem Absatz kehrt und streckte mir seine verschwitzte Hand hin: „Entschuldigen Sie, Herr Moser! Ich wusste nicht… also ich bin der Simon, Simon Jäger. Aber Sie können mich gern duzen.“ „Also gut DUmon, ich bin der Herr Abteilungsleiter Moser. Das Fischkonservenbusiness ist eine harte Branche, es gibt viel zu tun. Hol dir einen Kaffee aus dem Automaten am Gang, dann legen wir gleich los.“ Na warte, Bürschchen!

Nachdem sich Simon vulgo Dumon mit Koffein versorgt hatte, erhob ich mich und schritt würdevoll vor dem erwartungsfrohen Praktikanten auf und ab. „In einem solch komplexen Gewerbe ist es wohl am besten, wenn wir mit einigen Basics beginnen, mein lieber Dumon. Wusstest du eigentlich, dass Heringe furzen? Sie werden aber nicht durch Verdauungsgase zum Furzen angeregt. Denn egal, ob sie gerade gegessen haben oder nicht, so blähen sie in regelmäßigen Abständen. Dazu drücken sie Luft aus ihrer Schwimmblase in den Analtrakt und erzeugen so pulsierende Töne, die zwischen einer halben und 7,5 Sekunden lang sind und bei bis zu 22 Kilohertz mehr als drei Oktaven umfassen. Wenn die Flatulenz der Fische nicht im Zuge der Verdauung passiert, welchen Nutzen hat diese dann, fragten sich kanadische und schottische Meeresforscher und kamen zu dem Schluss, dass die Pupserei den Heringen wohl zur Kommunikation dient! Besonders häufig waren die Lautäußerungen nämlich dann zu hören, wenn die Fische sich in der Nacht in Schwärmen sammelten.“ Stolz hielt ich inne, um meine bedeutsamen Worte wirken zu lassen. Verdutzt ist wohl die passende Beschreibung für den Gesichtsausdruck des Duz-Freundes Simon. „Hast du das gewusst, Dumon?“ frug ich unter strengem Blick den Praktikanten. Als er, wie zu erwarten war, verneinte, fuhr ich mit den Grundlagen unserer Branche fort und ging zur Historie der Konservierungstechnik über. Nach einem kurzen Referat über die Erfindung der Konservendose – 1810 auf Anregung Napoleon Bonapartes, der dringend haltbare Lebensmittel für seine Soldaten benötigte, gelang dem Paris Konditor Nicolas Appert „die Kunst alle animalischen und vegetabilischen Substanzen nämlich alle Gattungen Fleisch, Geflügel, Wildpret, Fische, Zugemüse, Kuchen – Arzneygewächse, Früchte, Sulzen, Säfte; ferner Bier, Kaffe, Thee u.s.w. in voller Frische, Schmackhaftigkeit und eigenthümlicher Würze mehrere Jahre zu erhalten.“ Er erhitzte dafür luftdicht verschlossene Glasflaschen. Erst der britische Kaufmann Peter Durand kam auf die Idee, die Methode von Appert mit Blechkanistern umzusetzen, die Konservendose war geboren. „Hast du das gewusst, Dumon?“ frug ich den gähnenden Praktikanten. Der hielt sich scheinbar für etwas Besseres, schüttelte gelangweilt den Kopf und meinte: „Ich würde lieber Einblick in die wirtschaftliche, in die kaufmännische Seite einer solchen Fabrik bekommen. Weniger furzende Heringe und Napoleon, dafür mehr Controlling, Marketingstrategien, Kalkulation, Key Account Management und dergleichen.“

Diese ungeduldige Jugend von heute! Alles muss auf Knopfdruck und sofort geschehen, am besten per Smartphone und App. „Gut Fisch braucht Weile!“ ließ ich ihn wissen und suchte die Kantine für ein frühes Mittagessen mit paniertem Leberkäse und Bratkartoffeln auf. Am Nachmittag hielt ich für Simon-Dumon meinen berühmt-berüchtigten Vortrag über die von mir initiierten fischlosen Fischkonserven, der mir schon im Rahmen unseres Betriebsausfluges nach Guatemala zu Ruhm und Ehre verholfen hatte. Der undankbare Bengel schlief ein, sodass ich ihm meinen Faber Castell Bleistift grip 2001 HB in die mageren Rippen bohren musste. Tags darauf ließ mich Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer wissen, dass der Praktikant Simon Jäger bei ihm interveniert und dringlich gebeten hatte, in eine andere Abteilung versetzt zu werden. Nun glotzt er bei Irene Schwingenschlögel über die Controller-Schulter auf Excel-Tabellen, und ich bin den Kerl los. Alle sind glücklich.

Heidi trug die Suppenteller ab. Moser schenkte nach.

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Fisch ahoi!

Die Fischkonservenbranche ist beinhart und – auch wenn es den geneigten Leser verwundern mag – heiß umkämpft. Veränderte Ernährungsgewohnheiten und ein wahres Füllhorn an neuen, schmackhaften, exotischen Snacks machen uns das Leben schwer. Während früher Ölsardinen und ein Döschen Thunfisch mit Gemüse fixer Bestandteil jeder gestandenen Bauarbeiter- und Kranführer-Jause war, haben heute Döner Sandwiches, Cheeseburger und nahrhafte Müsliriegel Einzug in die gut gefüllte Tupperware gehalten. Die Fischfabrikanten mussten also mit immer neuen Kreationen die hungrige Bevölkerung zur fischigen Dose locken. Einer Berufung, der auch Ihr Herr Moser mit Leib und Seele folgt. Daher bin auch besonders stolz, dass ich mit tatkräftiger Expertise unsere schwedische Niederlassung wieder auf Spur bringen konnte. Mein Einsatz in Stockholm war von Erfolg gekrönt – trotz der schrecklichen Geschehnisse während des Fluges (siehe „Flugangst“), attackierender Tauben (siehe „Ornithophobie“), Überschwemmung im Büro (siehe „Feueralarm“) und anderer Unbill.

All dies ist nun ausgestanden, mein geliebtes Weib Adelheid erbebt bereits in Vorfreude auf meine Heimkehr. Am Montag setze ich meinen Fuß wieder auf Wiener Boden. Und sofern ich den Flug unverletzt überlebe, meldet sich der urlaubsreife Herr Moser demnächst wieder aus den sicheren Gefilden seines Reihenhauses. Bleiben Sie mir gewogen.

Well done!

Meine liebe Frau Moser, Nabelschnur zur alten Heimatstadt Wien, ließ gestern Abend zu später Stunde mein südkoreanisches Smartphone im Takt des Donauwalzers bimmeln (der spezielle Heidi-Klingelton für meinen schwedischen Aufenthalt).  Nach dem obligatorischen Wie-gehts-dir und Wie-war-dein-Tag Eröffnungsgeplänkel erzählte sie mir aufgeregt von ihrem tollen Abendessen, das sie gemeinsam mit ihrer Freundin Uschi-Maus bei der Floridsdorfer Lokalgröße Zum Wiedehopf genossen hatte, wobei eine Spur Weinseligkeit in ihrer Stimme mitschwang.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass Adelheid Moser punkto Ernährungsgewohnheiten eine typische Vertreterin der Gattung Frau ist. Zur Vorspeise liebt sie Tomate-Mozzarella mit Basilikum und ein paar Spritzern Balsamico. Gottlob ist sie keine Vegetarierin oder gar Veganerin, sondern fleischlichen Genüssen durchaus zugetan. Dennoch schlägt beim Thema Fleisch auch ihre Tierliebe durch und Babytiere, wie sie Kälbchen, Lämmchen, Reh & Co. zu nennen pflegt,  sind ein absolutes No Go. Auch ein geschmortes Häschen in Weißwein-Pfeffersauce auf dem Teller würde sie schreiend in die Flucht schlagen. Und beim Rinderfilet ist sie besonders heikel, da dieses stets gut durchgebraten (well done) sein muss – der Anblick nur weniger Tröpfchen roten Fleischsaftes ruft nämlich Bilder von weinenden Kühen und todbringenden Schlachtschussapparaten in ihrem hübschen Köpfchen hervor. Wie überhaupt die Liste jener Zutaten, die bei ihr Augenrollen und Naserümpfen erzeugen, länger als die „Bürgschaft“ von Schiller ist und von Curry über Knoblauch bis Heidelbeeren reicht. Inzwischen ist Heidi ob ihrer Sonderwünsche bei den Servicekräften und Köchen des Wiedehopf gefürchtet wie ein Kritiker des Gault Milliau.

An diesem Abend hatte man sich besondere Mühe gegeben, um die Strohwitwe Moser samt Uschi-Maus lukullisch zu umschmeicheln. Das Filetsteak war knochentrocken und braungrau bis zur Unendlichkeit durchgebraten worden, sogar den verhassten Rosmarin habe man bei den Rosmarin-Kartoffeln ihr zuliebe weggelassen, erzählte Adelheid voller Stolz. Nur bei den Schoko-Nuss-Palatschinken habe sich der Koch geweigert, die geriebenen Haselnüsse aus dem Pfannkuchenteig zu sieben. Ich spendete meiner Gattin fernmündlich ein paar Worte des Trostes, ehe ich ihr Ach Heidi und Måltid (schwed. „Mahlzeit“) zuraunte und mein Ohr vom Handy aufs Kopfkissen verschob. Morgen wird ein harter Tag, ich erwarte die neuen Absatzzahlen unserer rundumerneuerten Heringsfilets in Dillsauce.

Feueralarm!!!

Urs Hügeli wurde aus der Schweizer Filiale unserer Fischkonservenfabrik abkommandiert, um mir über die erfahrene Expertenschulter zu blicken und meine schwedischen Erkenntnisse punkto Dillsaucen und Dosenheringen den Eidgenossen näher zu bringen. Er ist ein humorloser Pedant, selbst der deutschen Sprache ist er nicht mächtig. Also nicht so richtig… er sagt nämlich Dinge wie „Ich parkiere mein Velo glich beim Lieferantenusgang!“ oder „Hüt  z´morge hanni´sch Hörndele gessa!“

Parkieren! Ha! Ich bin kein Freund dieser Helvetismen, aber gerade dieser parkierende Hügeli erdreistete sich gestern zu folgender Aussage: „Mosr“, zwinkerte er mir unaufgefordert und peinlich vertraulich zu, „Mosr, Sie sind eine echte Katastrophe! Eine Mischung aus Monk, Sheldon Cooper und Mister Bean.“  Ich nehme an, er bezog sich auf den unglücklichen Taubenvorfall, der gestern meine Leserschaft (Beitrag „Ornithophobie“) und meine Bürokollegen in schiere Aufregung versetzte. Etwas beschämt muss ich gestehen, dass ich später in Panik den Feueralarm auslöste, um mit der Sprinkleranlage die gefiederte Pest aus unseren heiligen Hallen zu vertreiben. Zum Glück ist unser Konservenimperium gegen Wasserschaden gut versichert.

Abgesehen davon kenne ich die beiden von Urs Hügeli Erstgenannten (Monk und Sheldon Cooper) gar nicht, doch dieser englische Tollpatsch Mr. Bean hat mir und meiner angetrauten Adelheid schon so manche Lachträne entlockt. Also rückte ich meine blau-gelbe Krawatte zurecht und antwortete mit einem süffisanten Lächeln: „Falsch, mein lieber Hügeli! Mr. Bean hätte den Feueralarm unabsichtlich und aus Dummheit ausgelöst, ich hingegen habe den roten Knopf mit voller Absicht und zu unserer Rettung vor der Taubeninvasion gedrückt. Der Zweck heiligt die Mittel!“ Stolz, dem Mann aus St. Gallen logische Paroli geboten zu haben, lehnte ich mich in meinen schwarzen Kunstleder-Drehstuhl zurück und zündete mir gewohnheitsmäßig eine Zigarette an. Genussvoll blies ich den Rauch zur Decke und konnte mir ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen.

Als kurz darauf die Sirenen ertönten und aus der Decke Wasser sprinkelte, war ich schon auf dem Weg zum Lieferantenusgang, wo mein Auto parkierte. Dieser schwyzerdütsche Fatzke hat doch glatt das „e“ in meinem Namen unterschlagen. Mosr. Paahh.

Venus und Mars

Meine geliebte Adelheid, die seit knapp 20 Jahren mein Abteilungsleiterleben treu begleitet und in zärtlichen Momenten von mir auch gerne „Ach Heidi“ genannt wird, ist kein streitsamer Mensch. Gemeinsam versuchen wir, unser beschauliches Glück im Reihenhäuschen zu hüten und zu verwalten, Streit und Zwistigkeiten so gut wie nur irgend möglich zu vermeiden. Da wir beide stark vermuten, dass uns auf dieser Erde nur ein (in Worten: 1) Leben geschenkt wird, halten wir es für vergeudete Lebenszeit, sich gegenseitig mit unflätigen Schimpfwörtern oder blumig lackierten Suppentellern zu bewerfen. Weil wir aber beide Menschenkinder und damit nicht frei von Fehlern und Fehltritten sind,  wird auch unser Reihenhaus fallweise zum Glashaus, wo die Steine tief fliegen.

Ein Beispiel möge dem geneigten Leser verdeutlichen, wie banal Anlässe für zwischenmenschliche Differenzen und wie unterschiedlich Auffassungen sein können. Anfang Juli bedachte mich Frau Moser unvermittelt mit einem vorwurfsvollen Blick und verfiel in melancholisches Schweigen. Geschult in derartigen Situationen ergriff ich die angetraute Schulter und wollte die Ursache für ihr stillgelegtes Mundwerk erfahren. Sie hätte Hilfe bei der Versorgung ihrer fußmaroden und  frisch operierten Frau Mama gebraucht und ich hätte nicht mal mit der Wimper gezuckt. „Aber du hast kein Wort gesagt!“ konterte ich fassungslos. „Ich hätte deine Hilfe eh nicht angenommen, du hast genug um die Ohren…“ schluchzte meine Frau von der Venus. „Aber du hättest mir deine Unterstützung wenigstens anbieten sollen.“ Schlagfertig erwiderte ich als gelernter Marsianer: „???“

Und verwichenen Samstag lag ich gegen 22 Uhr bereits in der ehelichen Bettstatt, studierte Dillsaucen-Rezepturen und ein launiges Büchlein über schwedische Bräuche, als Frau Moser nach Pfirsich duftend und in den Achselhöhlen frisch rasiert, unter meine Decke schlüpfte. Sie gurrte wie ein verliebtes Täubchen, doch ich war gedanklich im hohen Norden bei den Heringen und setzte zu einem Vortrag über eingelegte Fische und innovative Marinaden an. Adelheid starrte mich entsetzt an, raffte ihren Polster an sich und entfleuchte schnaubend und feuchten Schrittes unserem Schlafgemach. „Mit Fenchelsamen!!!“ rief ich Adelheid hinterher. Aber es war zu spät, Frauen können so sensibel sein. Die Hochzeitswerkzeuge blieben in dieser Nacht verpackt und unbenützt.