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O du fröhliche!

Und es begab sich in den kürzlich verwichenen Dezember-Tagen, dass zahlreiche, wenn nicht sogar Dutzende Stammgäste in vorweihnachtlicher Erwartung an den Türen der literarischen Jausenstation „Zum fidelen Moser“ rüttelten, um die jüngsten Neuheiten aus der berühmten Fischkonservenfabrik und seinem nicht minder famosen Abteilungsleiter zu erhaschen. Wie ist die Stimmung in der vorbildlichen Heringsmanufaktur, zieht sich die ukrainische Putzperle Editha noch immer ihre Joints am Herrenklo rein, hat Cernys Schuppenflechte Linderung erfahren, fiel Direktor Pfotenhauers Weihnachtsbonus über die Maßen üppig aus, erstrahlt das Moser´sche Reihenhaus dank Heidis (Hin)Gabe zum Dekoratismus in vorweihnachtlich blendendem Lichterglanz, und last but not least: Hat der Wirt und Hausherr dieses erbaulich und lehrreichen Blogs Wort gehalten und dem Nikotin endgültig abgeschworen?? Ist der alte Moser noch immer clean oder sitzt er mit einem feierlichen Eierlikörchen vorm Adventskranz und pafft seine heißgeliebten Tschik? Fragen über Fragen, über die das treue Lesevolk aufgeklärt zu werden wünschte. Und wozu? Zu Recht. Ich jedoch hielt die Pforten versperrt, machte alle Schoten dicht und hüllte mich in Daunenjacke und Schweigen.

Daher nütze ich den heutigen letzten Donnerstag vor dem kommenden Christkind, um Sie liebe Leser, noch einmal hier zu begrüßen. Der Zeitpunkt erschien mir günstig: Der leichte Schneefall über Wien stimmte mich zuckrig-milde, zum anderen habe ich genau heute vor zwei Monaten meine letzte Zigarette geraucht. Ohne einen einzigen Rückfall steuere ich stolz auf das Weihnachtsfest zu und werde höchstwahrscheinlich sogar die Festivitäten zum Jahreswechsel nikotinfrei überleben. Die Abstinenz hält mich jedoch auf Trab, beschäftigt mich in allen Lebenslagen, sodass mir in den letzten Wochen keine Zeit blieb, euch ein paar Zeilen zu hinterlassen. Nun werden sich viele fragen, wie mich das Nicht-Ausüben einer Tätigkeit derart beanspruchen kann, dass sie mir Zeit nimmt anstatt zu schenken. Nun, das ist nicht leicht zu erklären. Lassen Sie es mich anhand eines Beispiels versuchen: Am 5. und 6. Dezember weilten nicht nur Krampus und Nikolo in der schönen Wienerstadt, sondern auch Sir Paul McCartney. Nach einem strategisch ausgefeilten Schlachtplan hatten Heidi und ich über Laptop, PC und Smartphone kurz nach Startschuss des Online-Verkaufs zwei Tickets ergattert, um dem historischen Konzertereignis des Ex-Beatles beizuwohnen. Kaum hatten wir die mit 12.000 Menschen restlos ausverkaufte Wiener Stadthalle betreten, wurde ich von einem handfesten Flashback zurück in die 70er Jahre gespült, wo ich als langhaariger Teenager und übereifriger Konzertbesucher die Creme de la Creme der damaligen Musikszene live erlebte. Ob Deep Purple, Pink Floyd, Carlos Santana, Alice Cooper oder Emerson, Lake & Palmer – Herr Moser war stets in den Konzerthallen der Stadt anzutreffen. Und dem damaligen Zeitgeist entsprechend wurde bei Popkonzerten selbstverständlich geraucht. Sofort als ich vor wenigen Wochen die riesige Halle betrat, sah ich vor meinem geistigen Auge die im Dunkel aufglühenden Zigaretten tausender Besucher. Natürlich war das Rauchen aus feuerpolizeilichen Gründen auch in den 70ern verboten, nur kümmerte es damals niemanden. Rauchen gehörte zu den menschlichen Grundbedürfnissen und wurde überall toleriert. Die Durchsage „Wir bitten Sie, das Rauchverbot in der Halle zu beachten!“ wurde nicht mal ignoriert. Ich wurde in einem Zeitalter und in einer Großstadt domestiziert, wo einfach immer und überall geraucht wurde – bei Fernsehdiskussionen, in Bahn, Bus und Flugzeugen, in Lokalen und Restaurants, und in allen Wohnungen (Nichtraucher mussten zum Nichtrauchen auf den Balkon). All dies blitzte in Sekundenbruchteilen als wehmütige Erinnerung in mir auf. Erinnerungen an eine tolle Zeit, an meine Jugend, an Freiheit. Und während Sir McCartney drei Stunden auf der Bühne ein unvergleichliches musikalisches Feuerwerk abbrannte, schweifte mein wehmütiger Blick immer wieder ins Publikum, auf der Suche nach den heimlich aufglimmenden Zigaretten, auf der Suche nach der Vergangenheit, dem Abenteuer der unbeschwerten Jugend. Und viele solche oder ähnliche Gedanken beschäftigten mich noch lange nach dem Konzert. Ich schwankte zwischen der Trauer vergangener Tage und dem Stolz, nach 40jähriger Raucherkarriere in einer Rauchergesellschaft den Absprung wenigstens mal gewagt zu haben. Kurz gesagt: Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als dass ich den Kopf für heitere Geschichten aus dem Moser´schen Alltag gehabt hätte.

Jetzt aber sage ich Danke für Ihre Treue im beinahe abgelaufenen Jahr, wünsche allen Lesern eine fröhliche Weihnachtszeit und drücken Sie mir bitte die Daumen, dass mein Wille stark bleibt! Auf in ein rauchfreies 2019!!!

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Der gestiefelte Kater

Aus gegebenem Anlass nehme ich Sie, liebe Leser, wieder mal mit auf eine kleine Zeitreise zurück in die 70er Jahre, als Herr Moser noch lange kein Herr, aber auf halbem Weg dahin war. Ich habe im Tagebuch meiner Jugend geblättert und stieß dabei auf ein Kapitel, das vor dem historischen Hintergrund der Silvesternacht 1974/75 spielt. Die Nacht meines ersten Vollrausches mit Filmriss. Und das kam so:

Mein musikalischer Bruder Bertl, der noch heute fallweise bei Konzerten auf seine Stromgitarre eindrischt und dazu rockig röhrt, lud zu einer großangelegten Silvesterparty in den Proberaum seiner damaligen Band „Lazy“. Und wir sollten alle verkleidet kommen, weil es lustiger ist. Das brachte mich kurzfristig in Verlegenheit, weil ich nicht so der Faschingstyp bin und kein passendes Kostüm vorrätig hatte. Einer inneren Eingebung folgend, stöberte ich im Kleiderschrank meiner Mutter, kramte knapp geschnittene Hot Pants (kurze Hosen für Damen) hervor, fand dazu eine luftig weite Bluse mit Flatterärmeln und Mamas blonde Langhaarperücke. Ein mit Wattebauschen ausgestopfter BH, ein bisschen Schminke und eine Kunstperlenkette würden mein Kostüm als Frau perfekt machen. Nur die Schuhe waren ein Problem, denn Muttis hochhackige Pumps waren mir drei Nummern zu klein und stellten außerdem ein nicht unerhebliches Verletzungsrisiko dar. Also entschied ich mich für eine dunkelblaue Strumpfhose unter den heißen Höschen und meine geliebten Cowboystiefel. Fertig war das sexy Cowgirl. Vor dem Spiegel im elterlichen Schlafzimmer legte ich eine dicke Schicht MakeUp, darüber dezentes Wangenrouge, Lidschatten und Lippenstift auf. Stolz betrachtete ich mein Werk, warf das blonde Kunsthaar in den Nacken und mir über den Spiegel eine neckisch zwinkernde Kusshand zu, als Mama Fritzi ins Zimmer kam. Bei meinem femininen Anblick brach sie sogleich in Tränen aus. Sie rief: „Bub!!!“ und nahm mich schluchzend in die mütterlichen Arme. Wahrscheinlich vermutete sie chronische Perversität in ihrem Sohn, womöglich trüge ich im Schulunterricht heimlich ihre Unterwäsche! Ich versuchte sie zu beruhigen, streichelte ihre geblümte Kittelschürze über dem bebenden Rücken: „Mama, hör auf! Ich geh auf eine Silvesterparty, als Frau verkleidet! Das ist mein Kostüm!“ Es kostete mich eine Menge Überzeugungsarbeit und ein 15-minütiges feinfühliges, tiefenpsychologisches Gespräch, bis Mama endlich nicht mehr „Ach Bub! Moser!“ murmelte.

Auf der Party war ich mit meiner Aufmachung natürlich der Hingucker, das Kostüm des Abends. Band-Keyboarder Franz Winkelmaier, genannt Wingo, bat mich sogleich um den nächsten Tanz und drückte mir mit seinem schwarzen Schnurrbart einen stacheligen Kuss auf meine glatte, geschminkte Bubenwange, die noch kaum einer Rasur bedurfte. Ich spielte das Spielchen natürlich lachend mit, und freute mich über die zahlreichen Komplimente. Auf dem Plattenteller der Stereoanlage drehten sich die Stones, Deep Purple, Slade & Co in voller Lautstärke; eines der Mädchen hatte selbstgemachten Nudelsalat, Aufstriche mit Schnittlauch & und Paprika und Schnittbrot mitgebracht. Der leicht modrige Kellergeruch störte uns nicht, im Gegenteil, er hatte etwas Verruchtes. Im Vorraum standen jene zwei Kisten Bier, eine Batterie Weinflaschen, sowie Cola und Rum, die im Kühlschrank keinen Platz mehr gefunden hatten. Wir waren jung und das Leben schön. Unbekümmert und unbeschwert. Bis Sabine H. (Name geändert – Anm.) den Proberaum betrat.

Das goldblonde Busenwunder war bereits 18, und die Freundin des Schlagzeugers Herbert „Bärli“ Eder. In mein Tagebuch schrieb ich damals: „Sie roch nach Kokos-Hautlotion und hat mir ein Hundert-Watt-Lächeln geschenkt, das meine Sicherungen durchbrennen ließ. Kurz vor Mitternacht, ich wollte gerade eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank in der kleinen Küche nebenan holen, als plötzlich Sabine neben mir stand, die Arme um meinen Hals schlang und mir die Zunge in den Mund schob. Sie schmeckte nach Kirschrum-Cola. Meine aufkeimende Erregung wurde aber jäh unterbrochen, als mir von hinten jemand die Perücke vom Kopf riss und schrie: Bist deppat, heast? Des is mei Oide!“ – Bärli.“ Der Drummer mit der massigen Statur trug seinen Spitznamen nicht zu Unrecht. Zu diesem Zeitpunkt waren wir alle schon ziemlich besoffen und ich fürchtete um meine Gesundheit. Mit blutunterlaufenen Augen musterte der bärige Schlagzeuger mein Outfit und spuckte noch ein geringschätziges „Du Schwuchtel!“ aus. Ich warf ein, dass ein Schwuler wohl kaum ein Mädchen küssen würde, was ihn aber noch mehr in Rage versetzte. Mit Gebrüll stürzte er sich auf mich, ich rief „Hilfe! Bitte keine wehrlose Frau schlagen! Polizei! Hilfe!“ und mein Bruder Bertl eilte samt Bandkollegen herbei, um den Bären niederzuringen. Es gab ein Riesen-Tohuwabohu, die Mädels kreischten, aber irgendwann beruhigte sich die Szenerie. Wir waren eben jung, unbekümmert und unbeschwert.

An den Rest dieser denkwürdigen Silvesternacht fehlt mir jede Erinnerung, auch das Tagebuch gibt darüber keinerlei Auskunft. Offenbar habe ich mir nach dem Gerangel mit Bärli ordentlich die Kante gegeben. Filmriss. Ich weiß noch, dass ich am späten Vormittag des nächsten Tages auf einer fleckigen Matratze in einer Ecke des Proberaums erwachte. Der modrige Kellergeruch durchsetzt mit Alkoholschwaden und abgestandenem Rauch war ekelhaft, mein Kopf war kurz vor dem Zerplatzen, mein Mund trocken wie die Wüste Gobi. Unendlich langsam rappelte ich mich auf und stellte fest, dass ich nur eine dunkelblaue Strumpfhose und Cowboy-Stiefel trug. Ich hatte einen mordsmäßigen gestiefelten Kater. Aber wir waren jung, und das Leben war schön. Mit Bärli habe ich mich bei einem Reparaturbier ausgesöhnt, seine Freundin Sabine habe ich nie wieder gesehen. Ein paar Monate später erzählte mir mein Bruder, dass sie jetzt mit Keyboarder Wingo zusammen ist.

Morgen steht wieder eine Silvesternacht an. Ich werde mit meiner lieben Heidi nicht in einem feuchten Keller feiern, sondern im liebevoll dekorierten Wohnzimmer unseres Reihenhäuschens, ein Fläschchen Sekt köpfen und bei „Dinner for one“ Fleischstücke in heißes Öl tauchen. Wir lieben Fondue. Um Mitternacht werden wir zu den Klängen des Donauwalzers ein paar unbeholfene Runden aufs Parkett legen, anschließend Blei gießen und uns im Garten das Feuerwerk über Wien ansehen. Wahrscheinlich werden wir um 1:30 schon im Bett liegen und am Neujahrstag ganz ohne gestiefelten Kater erwachen. Wir sind zwar nicht mehr jung und unbeschwert, das Leben ist trotzdem schön.