Schlagwort-Archive: Kreativität

Haarsträubend

Wie es im Hause Moser althergebrachte Weihnachtstradition ist, lässt sich meine liebste Heidi vor den hohen Feiertagen die Haare machen. Wenige Tage vor dem Heiligen Abend verschwindet die brave Frau für gefühlte 6 oder 7 Stunden beim Coiffeur, um sich anschließend stolz im Kreise drehend und äußerlich nahezu unverändert  zu präsentieren: „Na? Was sagst du? Gefällt´s dir?“ Meist nicke ich anerkennend: „Super, wie immer!“ Adelheids dunkler Schopf wirkt zwar noch eine Spur schwärzer, die Haare um ein paar Millimeter kürzer und die gefönte Stirnlocke eine Kleinigkeit kecker, doch sonst bemerke ich nichts, das den stolzen Preis von 150,- Euro rechtfertigen würde. Um des lieben Weihnachtsfriedens willen darf ich ihr natürlich nicht verraten, dass ich das Preis-Leistungsverhältnis ihres Lieblings-Figaros für höchst unausgewogen halte. Also lobe ich den pfiffigen, modernen Stufenschnitt in höchsten Tönen, und bewundere die dezente rötliche Tönung, die besonders im Kerzenlicht ihre geheimnisvolle Wirkung entfaltet. Zärtlich schnuppernd streiche ich durch das Haar und tue so, als ob die 150,- Mäuse die beste Investition ihres Lebens waren: „Ooohh, mmmmhh, Vanille? Bratapfel mit Sternanis? Verführerisch dieses Shampoo! Ich rieche auch einen Hauch…. ähhh Sauerkraut??“ „Das ist unser Abendessen, Moser!“

Selbstverständlich schickt Heidi in der Adventszeit auch mich zum Friseur, damit ich neben der festlich geschmückten Tanne eine gute Figur mache, und auch bei mir merken nur die intimsten Kenner meiner Haartracht den kleinen, feinen Unterschied – doch bei mir dauert das Styling maximal 30 Minuten inklusive Kaffeetratsch mit Fräulein Manuela, und kostet wohlfeile 17,- Euro. Friseure sind ja ein höchst seltsames Völkchen, was sich nicht nur in der Preisgestaltung, sondern auch bei der kreativen Namensfindung bemerkbar macht. Erst gestern, als ich mir meinen diesjährigen Weihnachtsschnitt verpassen ließ, lobte ich meine Friseuse (oder Friseurin?) für den einfallslosen Namen ihres Ladens, der sich schlicht Die Haarprofis – Windsteig & Lahner OHG nennt. „Ich würde mich bei einem Haare Krishna niemals unter die Schere legen“, beschied ich Fräulein Manuela, die eben meine altersbedingt wuchernden Augenbrauen in Form brachte und kichernd erwiderte: „Ja, uns ist damals nichts originelleres eingefallen.“ „Gott sei Dank! Mit Haarbracadabra oder Sahaara hätten Sie mich niemals als treuen Kunden gewonnen. Von welchem wilden Affen sind Haarschneider gebissen, wenn sie ihren Salon Hair-Reinspaziert, Atmosfhair oder Liebhaarber nennen?!“ „Meine Freundin Katharina hat sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht und ihr Geschäft Cut-Haar-Ina genannt“, erzählte meine Friseurmeisterin kopfschüttelnd. „Ich fürchte, Ihre Zunft leidet am Zwang zur krankhaften Originalität“, bedauerte ich. „Selbst vor Anspielungen auf berühmte Filmtitel wird nicht halt gemacht, denken Sie an James Blond – License to cut oder Pony & Clyde.“ Manuela und Herrn Moser war diesbezüglich offenbar schon einiges untergekommen, denn wir spielten das Spiel im Ping-Pong-Modus bis zum finalen Ausrasieren des Nackens: Hair Berge – Kamm in – Chaarisma – Vier Haareszeiten – HairZstück – Vorhair, Nachhair – Hairport – Haarnarchie – Hair Gott – Komm Hair – Kamm 2 Cut – Haar? Genau! – Kopfsache – Über Kurz oder Lang – Haarmonie – Abschnitt – Ver-locke-nd – HaarCore – Schnittstelle oder Pasha´s Haare´m. Wie Sie sehen, kennt der vermeintlich kreative Schwachsinn keine Grenzen.

Daheim im Reihenhaus präsentierte ich Heidi meinen klassischen, geradlinigen Herrenhaarschnitt à la Haarprofis, drehte mein Abteilungsleiterköpfchen von links nach rechts und fischte mit einem fordernden „Na?“ nach Komplimenten. Heidi meinte bloß „Langweilig wie immer. Du könntest dir mal einen anderen Style zulegen. Etwas mehr Pepp und Schwung würde nicht schaden, ein bisschen Mut zur Kreativität!“

Mit dieser haarsträubenden Geschichte wünsche ich meiner treuen Leserschaft Hairy Christmas, eine hairliche Weihnachtszeit und Prosit Neuhaar!

Foto: fem.com

Advertisements

Flaschenzug

Als ich gestern am späten Nachmittag aus der Fischkonservenfabrik heimkehrte, lümmelte unser junger Hausgast Luki auf der Couch und bediente virtuos sein Smartphone mit beiden Daumen. Heidi zupfte mich am Ärmel und winkte mich geheimnistuerisch in die Küche: „Babsi hat mich gebeten, dass wir mit dem Jungen auch ein bisschen Physik lernen. Ist nicht sein stärkstes Fach.“ „Wer ist Babsi?“ „Barbara. Meine Schwester Babsi, die Mama von Luki!“ verdrehte Heidi die Augen. „Ach so. Aber ich habe von Physik auch keine Ahnung.“ „Am Esstisch liegen seine Hefte und Bücher. Frag ihn halt ein bisschen ab, jetzt mach!“ Nun war es an mir, die Augen zu verdrehen.

Meine Bitte, sich zu mir an den Tisch zu setzen, beantwortete Luki ungefähr zehn Mal mit „Ja, gleich“, „sofort“ und „komme!“. Eine halbe Stunde später saß er mir tatsächlich gegenüber. Ich schnappte mir das Physikbuch, blätterte ein wenig darin und nickte wissend mit dem Kopf, verstand aber nur Bahnhof. Schließlich entdeckte ich die Skizze eines Flaschenzugs und ich atmete auf. „Zeichne mir doch mal einen Flaschenzug, Luki!“ Der Bub dachte kurz nach, dann erhellte sich seine Miene und er malte die oben abgebildete Zeichnung. Eine Lokomotive mit einem Anhänger voller Flaschen, eben einen Flaschenzug. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass man Kinder heutzutage sehr viel loben muss. Also strich ich Luki über die gegelte Stachelfrisur und sagte: „Das war sehr kreativ und logisch gedacht! Aber leider falsch.“

Dabei entsann ich mich meiner eigenen Schulzeit, wo ich ähnlich wie Heidis Neffe mit Kreativität glänzte. Ich erzählte Luki Anekdoten aus meiner schulischen Laufbahn, unter anderem von einem Test in Geschichte. Dort tauchte die Frage nach der Staatsform Österreichs auf, die ich damals mit den Worten Österreich ist keulenförmig beantwortete. Zum Beweis hatte ich einen Umriss unseres schönen Landes aufgemalt. Eindeutig keulenförmig. Doch die Geschichtslehrerin hatte wohl eher eine Antwort wie Republik oder Demokratie erwartet. „Siehst du Luki“, sagte ich, „Jungs in deinem Alter haben oft einen ganz anderen Lösungsansatz bei Problemen.“ „Alternative Fakten“, nickte unser pubertierender Gast.

oesterreich

Das viele Erzählen hatte mich durstig gemacht und ich holte mir eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Ich setzte mich wieder an den Tisch und nahm ein paar tiefe Schlucke. Luki sah mich bewundernd an und meinte: „Du hast einen ordentlichen Flaschenzug, Onkel Moser!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.