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Schiffbruch mit Stromausfall

Es war vor wenigen Tagen, als ich mich nach einem tropisch-schwülen Arbeitstag mit meiner lieben Gattin Adelheid bei Sonnenuntergang auf der Terrasse niederließ, um bei einem Gläschen Gumpoldskirchner und einem heiter-belanglosen Gespräch den Abend zu genießen. Wir hatten promilletechnisch gesehen noch nicht einmal die Fahruntüchtigkeitsgrenze erreicht, als uns blitzartig ein Sommergewitter überfiel und zurück ins Reihenhaus trieb. „Wenn dir das Leben Zitronen schenkt, mach Limonade draus“, zitierte meine weise Heidi und schaltete den Fernseher ein. Ich besorgte noch rasch ein Schälchen mit Knabbereien, die im Hause Moser bedingt durch meinen beruflichen Background stilsicher aus Goldfischli bestehen. Und so landeten wir ungeplant beim wunderbaren Spielfilm Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger. Ein großartiges Werk, das Frau und Herrn Moser gleichermaßen gefangen nahm. Wir bissen den kleinen Goldfischen Kopf und Schwanz ab, bröselten aufgeregt die Couch voll, und verfolgten gespannt das in atemberaubenden Bildern verfilmte Schicksal des jungen Inders Pi, der nach einem Schiffsuntergang in einem Rettungsboot auf dem Meer trieb. Da sich an Bord des gekenterten Schiffes auch der halbe Zoo seines Vaters befunden hatte, musste sich Pi sein kleines Boot nun mit einer bösartigen Hyäne, einer Orang-Utan-Dame, einem verwundeten Zebra und dem ausgewachsenen Tiger „Richard Parker“ teilen. Wir waren hingerissen und Heidi, die an Filmschicksalen so regen Anteil nimmt als wäre es das wahre Leben, kuschelte sich eng an den vollgebröselten Moser.

Just in dem Moment, als die Situation für Pi überaus prekär wurde und der hungrige Richard Parker sein eindrucksvolles Gebiss fletschte, wurde der Bildschirm dunkel. Nur ein greller Blitz, gefolgt von einem bebenden Donnerschlag, erhellte kurz das Wohnzimmer. Heidis Nerven lagen blank, was sie mit einem spitzen Kreischen zum Ausdruck brachte. Dazu quetschte sie mit erstaunlicher Kraft meinen Oberarm. Nun musste ich die mir als Mann von der Natur zugedachte Rolle des Beschützers und Retters übernehmen. Ich ließ kurz das Adrenalin, das auch meinen Körper durchströmte, wirken und tätschelte Heidis schwarze Mähne: „Ruhig, mein Mädchen, ganz ruhig. Nur ein Stromausfall, alles in Ordnung.“ „Richard… Richard Parker?“ stammelte meine Gattin. „Nein mein Schatz, ich bin´s. Moser.“ Zielsicher aktivierte ich die Taschenlampen-App meines Smartphones. „Keine Panik. Würdest du ein paar Teelichter entzünden, ich sehe mal nach dem Sicherungskasten. Wahrscheinlich hat es den FI gefetzt“, verkündete ich fachmännisch. Vorsichtig tastete sich Heidi zur Schublade unter dem Fernseher, wo schätzungsweise 600 Ikea-Teelichter lagerten. Ich untersuchte im Abstellraum die Sicherungen, konnte aber keine Auffälligkeiten feststellen. Alle Schalter in ordnungsgemäßer Position. Selbst unsere Hausspinne Günther, die zwischen einer alten Reisetasche und der Schachtel mit Christbaumschmuck wohnt, schlief tief und fest.

Als ich zurückkehrte, war das Wohnzimmer in warmes, goldenes Teelicht getaucht. Ich nahm Heidis süßes Köpfchen in meine Hände, drückte ihr einen beruhigenden Kuss auf die Stirn und fummelte ein paar Goldfischli aus ihren schwarzen Locken. „Möglicherweise sind nicht nur wir vom Stromausfall betroffen, sondern die ganze Siedlung“, erklärte ich. „Geh bitte mal raus in den Garten und schau, ob in den anderen Häusern irgendwo Licht brennt.“ Frau Moser, der sehr am besonderen Schicksal des jungen Pi und dem Tiger Richard Parker, und somit auch an der Behebung des Stromschadens gelegen war, eilte widerspruchslos barfuß und im fliederfarbenen Nachthemd nach draußen. Kurz darauf der nächste, markerschütternde Schrei! Was zur Hölle? Immer diese überängstlichen Frauen. Rasch folgte ich ihr auf die Terrasse und leuchtete mit meiner Handy-Taschenlampe in ihr schreckensbleiches Gesicht. „Was ist passiert??!!“ rief ich. Heidi blickte wie hypnotisiert in mein grelles Licht und deutete mit bebenden Lippen nach unten. Der Lichtkegel meiner kleinen Lampe brachte das ganze Unglück ans Licht – auf den nassen Steinplatten wand sich eine halb zerquetschte Nacktschnecke, zwei weitere fette, glitschige Exemplare waren auf einer aussichtslos erscheinenden Flucht. Heidi schluchzte. Sie empfand abgrundtiefen Ekel vor diesen Biestern, die beim ersten Anzeichen von Feuchtigkeit unseren unschuldigen Reihenhausgarten überfielen. Ein weiterer Blitz, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner verlieh der Szene etwas Gespenstisches. Ich nahm mein durchnässtes Weib in den Arm und führte sie zurück ins sichere Dunkel, wo ich ihre schleimigen Sohlen bud und mit flauschigem Frottee trocknete.

Nach etwa einer Stunde lag das Schicksal von Pi noch immer im Dunklen, und ich trat zwecks Erforschung der näheren Umstände vor die Haustüre. Ich blickte in ein gleißendes Licht und jemand schrie: „Halt! Wer da?!“ Ich riss die Hände in die Höhe und rief: „Moser! Bitte nicht schießen!“ „Ahh, der Herr Nachbar“, vernahm ich die militärisch ausgebildete Stimme des Ex-Polizisten und selbsternannten Siedlungswächters Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm. Er stand in voller Kampfmontur unter der dunklen Straßenlaterne vor unserem Haus und richtete den blendenden Strahl einer etwa 5 Kilo schwere Stablampe auf mich. Ein Highway to hell, um ein kleines Wortspiel zwischen Helligkeit und Hölle zu bemühen.  „Haben Sie auch keinen Strom?“ frug ich schüchtern. „Nein, kein Strom! Möglicherweise ist das Umspannwerk in die Hände von Terroristen gefallen und sie planen einen Überfall auf unsere friedliche Siedlung!“ bellte Rotkäppchen wie ein böser Wolf. „Oder es hat ein Blitz eingeschlagen…“ bot ich einen alternativen Lösungsvorschlag an. „Wir werden sehen. Ich bin gerüstet!“ deutete der alte Weinwurm auf ein monströses Jagdmesser an seinem Gürtel. „Gehen Sie zurück ins Haus, Moser. Hier draußen könnte es gefährlich werden.“ Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Bloß weg von diesem Verrückten.

Als geschätzte 45 Minuten später das Licht und der Fernseher wieder angingen, lief gerade der Abspann von Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger über den Bildschirm. Heidi ging enttäuscht zu Bett, und ich besorgte über ein bekanntes Versandhaus im Internet noch rasch den Film auf DVD. Doch vor diesem Filmabend werde ich die Wettervorhersage genauestens studieren, ob sich ja kein Gewitter anbahnt.