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Apfelstrudel & Roboter

Altweibersommer! Die Sonne glänzte wie ein gelber, eitriger Pickel auf der azurblauen Himmelshaut und Heidi harkte das erste Herbstlaub im Moser´schen Reihenhausgarten zu einem adretten Häufchen. Zufrieden lächelnd summte sie eine mir nicht näher bekannte Herbstmelodie, und ich hatte Appetit auf Apfelstrudel mit Schlagobers. Was vielen Lesern nicht bekannt sein dürfte: Ich halte mich für einen genialen Mentalmagier, für einen Meister der Manipulation, und so brachte ich – während sich mein argloses Weib mit dem Rechen dem Apfelbaum näherte – die Sprache auf Blätterteig.

„Der Blätterteig ist die kulinarische Wunderwaffe der Moderne! Dieser mehrlagige Ziehteig ist der Rolls Royce unter den zahllosen köstlichen Teigen dieser Welt“, dozierte ich mit einem gewissen Feuereifer. „Er ist in Europa schon seit der Zeit der Kreuzzüge bekannt und veredelt nahezu jedes Lebensmittel. Der Blätterteig, im Französischen mille feuille also tausend Blätter genannt, erhebt mit seinem goldgelben, knusprigen Kleid jedes noch so banale Essen in den Adelsstand!“ Heidi blinzelte argwöhnisch in meine Richtung. Unbeirrt fuhr ich fort: „Dröger Schafskäse und matschiger Spinat entfalten im Blätterteigstrudel erst ihre wahre Größe; der zartrosafarbene Lachs erfreut uns im Blätterteigmantel, ebenso das wunderbare Filet Wellington! Ein Gaumenschmaus der Extraklasse! Oder die feinen Pasteten, ein Eckpfeiler der klassischen, französischen Gourmetküche.“ Ich spürte, wie das Aquaplaning auf meiner Zunge gefährliche Ausmaße annahm, und musste mehrmals kräftig schlucken ehe ich weitersprach: „Oder denke nur an all die Köstlichkeiten aus der Patisserie – Pastéis de Nata mit Vanillecreme-Füllung, Baklava, Nusskipferl, Marillentaschen… Oh göttlicher Blätterteig!“ Meine fleißige Frau hielt mit der Gartenarbeit kurz inne, kniff ein Auge zu und starrte mich misstrauisch an. Es wurde Zeit, das Finale meines manipulativen Vortrages einzuleiten: „Doch nichts geht über den Klassiker der Wiener Küche – den Apfelstrudel! Knusprig und köstlich duftend mit einem Klecks Schlagobers, dazu eine Tasse Cappuccino … Mmmmmhhhh!“ Ich stand inzwischen unter unserem Apfelbaum und schlängelte meine Arme so gut es ging durch das Geäst. Dazu zischelte ich verführerisch Richtung Heidi: „Eva!! Kosssste vom Baum der Erkenntnisssss… backe deinem Adam einen Apfelstrudel, auf dasssss eure Seligkeit im Paradiiieessss nie enden möge!“ Ich rüttelte ein wenig am Baum der Erkenntnis, worauf drei reife Äpfel zu Boden plumpsten. Natürlich hatte ich mich zuvor überzeugt, dass fertiger Blätterteig im Kühlschrank vorrätig war. Mit hypnotischem Blick linste ich zwischen den Ästen hervor und züngelte: „Apfelstrudel, Apfelstrudel, essen alle Leute gern!“ „Ich hab schon verstanden, Moser! Du kannst dein Laientheater beenden, ich mach dir ja deinen geliebten Apfelstrudel“, lachte Heidi. „Aber erst mähst du wie versprochen den Rasen.“

Zwei Stunden später saßen wir auf der Terrasse, genossen Cappuccino und Heidis paradiesischen Apfelstrudel. Erschöpft und gestochen von der ungewöhnlich starken Altweibersonne blickte ich auf den Rasen, der vor uns lag wie ein frisch geschorener grüner Pudel. „Eigentlich ist es ein Irrsinn, dass in unserer hochtechnisierten Zeit nicht ein Roboter die stumpfsinnige Arbeit des Rasenmähens übernimmt“, sinnierte ich insgeheim, wohl wissend, dass Heidi der Anschaffung eines modernen Mähroboters ablehnend gegenüberstand. Sie ist ja immer noch der Meinung, dass mir ein bisschen Bewegung nicht schadet. Es wurde also wieder Zeit für den genialen, übersinnlichen Manipulator, den großen Moseroni! Fast beiläufig lenkte ich das Thema auf die Digitalisierung und Roboterisierung der Welt, sprach eindringlich über Haushalts-, Pflege- und Industrieroboter, über Umbruch, Fortschritt und selbstfahrende Autos. Meine liebe Heidi ist diesbezüglich etwas konservativ eingestellt und argumentierte mit dem Verlust von Arbeitsplätzen dagegen. Ich jedoch ließ mich nicht beirren, beschwor die Visionen des Isaac Asimov, von Jules Vernes und den technologiehörigen Japanern. „Wir dürfen uns dem Fortschritt nicht verschließen“, steuerte ich auf den Höhepunkt meines Vortrages zu. „Lass uns einen Mähroboter kaufen! Er schenkt uns Woche für Woche wertvolle Lebenszeit, die wir gemeinsam auf der Terrasse vertrödeln können!“ Ich sprang auf und brachte mit eckigen, abgehackten Bewegungen die lebensechte Imitation eines intelligenten Roboters zur Aufführung: „Herr Moser, mein Meister, darf ich heute Ihren Rasen mähen?!“ Zur Verstärkung des Effektes ließ ich meine Stimme etwas elektronisch verfremdet klingen, was aber nicht ganz überzeugend gelang und sich mehr nach E.T. auf Speed anhörte. Obwohl ich mein ganzes Talent und enorme Inbrunst in meine Roboterrede gelegt hatte, blieb es ein Kampf gegen Windmühlen. Heidi wich keinen Millimeter von ihrem Standpunkt ab, und ich sank völlig verausgabt in den Gartenstuhl. Um ihre Meinung zu untermauern, grub meine Gattin noch die alte Geschichte von Bobby aus: Im verwichenen Frühjahr wurde ich gegen meinen Willen mit den Agenden des Staubsaugens betraut. Eine stupide Tätigkeit, die ebenso gut eine Maschine übernehmen konnte. Also kaufte ich einen Saugroboter und nannte ihn Bobby (Roboter > Robert > Bob > Bobby). Leider flüchtete der undankbare Kerl schon bei seinem zweiten Einsatz und ward seither nie mehr gesehen. Ich hatte im Vorgarten die Badezimmervorleger ausgeschüttelt und vergessen, die Haustür zu schließen, während Bobby unseren Vorzimmerteppich abgraste. Wie ich zu spät merkte, war der Saugroboter aus der halboffenen Tür geschlüpft und in unserer Reihenhaussiedlung abgetaucht. Ich lief stundenlang durch die Wohnanlage, laut und lockend „Booooby!“ rufend, doch er blieb verschwunden. Ich gestaltete am PC sogar Flugzettel mit dem Foto eines baugleichen Saugroboters, die ich an jeden Laternenpfahl und jeden Gartenzaun der Siedlung klebte: „VERMISST! Unser kleiner Saugroboter, noch keine 6 Wochen alt, ist am Nachmittag des 6. April 2018 unverhofft entlaufen. Er hört auf den Namen Bobby und ist überaus scheu. Bitte nur mit Wollmäusen und Staubflusen füttern, keine harten oder größeren Gegenstände! Sachdienliche Hinweise an Familie Moser, Haus Nr., Tel. Nr. Mail blabla.“ Ergebnis: Spöttisches Getuschel der Nachbarn, doch Bobby war für immer von uns gegangen.

Nun rieb mir Heidi diesen tragischen Vorfall wieder unter die Nase und meinte, dass einem Mähroboter wahrscheinlich ein ähnliches Schicksal beschieden sei, weil ich gern die Gartentür offen lasse. „Aber ich würde unseren Mähroboter Shaun nennen!“ warf ich mein letztes Eisen ins Feuer der Diskussion. „Du weißt schon: Mähen > Schaf > Shaun das Schaf. Du liebst die Bücher von Shaun dem Schaf!!! Heidi, bitte!“ Heidi schüttelte den Kopf. Seufzend nahm ich mir ein zweites Stück vom Apfelstrudel.

Manchmal stößt auch der größte Mentalmanipulator an seine Grenzen.

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