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Der Besuch der alten Dame

Wenn Sie nun vermuten, dass Herr Moser ein Spitzbube sei und die verehrte Leserschaft nach Günter Grass jetzt mit dem Literaturkaliber Friedrich Dürrenmatt ködern will, muss ich Sie enttäuschen. Die titelspendende alte Dame entspringt nicht der Feder des Schweizer Schriftstellers, sondern ist eine gute Freundin von Schwiegermutter Inge und stammt aus dem Rheinland. Sie trägt den klingenden Namen Norberta, lässt sich aber kurz und knackig Berta rufen. Als jecke Rheinländerin liebt sie den Karneval, die weiten Ebenen Hollands, das 17. Bundesland Mallorca… und Wien. Sie weilt nun, wie jedes Jahr, für ein paar Tage in der Stadt, um ihre Freundin lnge samt Familie Moser zu besuchen. Sie liebt eine feine Tasse Melange im Schatten des Stephansdomes, ein gutes Glas Wein beim Heurigen in Stammersdorf, ein Stück Sachertorte mit Schlagobers, den raunzerischen Wiener Dialekt und… jessasmariaundjosef! ein anständiges Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat. Letzteres genossen Berta, Schwiergermama Inge, Heidi und ich gestern in einem Innenstadt-Lokal, das für Qualität und Quantität der österreichischen Leibspeise weithin bekannt ist.

Verzückt verbiss sich die rheinländische Frohnatur in das zarte Kalbfleisch in knusprig goldgelber Panierung, genoss das Schnitzel wie andere Leute ihr mit Trüffel gefülltes Täubchen in Cognac-Hummersauce. Während wir schwelgten, entspann sich auch ein kleiner politischer Diskurs zur Lage der Nation, der jedoch nicht, wie heutzutage meist üblich, in Gebrüll, Schlägerei und Kündigung der Freundschaft endete. Berta steht nämlich – wie wir – im Lager der Gutmenschen, verabscheut AfD und FPÖ und alles andre vorgestrige, rechte Gedankengut. Und solche Scheißfiguren wie Trump, Erdogan, Putin und Orban erst recht. Wir tauchten unsere Pommes in feuriges Ketchup, tankten gekühlten Veltliner und ereiferten uns über den unverständlichen Rechtsruck, der sich quer durch Europa zieht. Wir erzählten der deutschen Berta von unserem größenwahnsinnigen Innenminister Kickl, der von einer Beschneidung der Pressefreiheit für kritische Medien fantasiert, vom eiskalten Schweigekanzler Kurz, der den Mund nur aufmacht, wenn es um die Schließung von Grenzen und Flüchtlingsrouten geht, und anderen schrecklichen Zuständen in unserem eigentlich doch so sicheren und lebenswerten Land. Berta revanchierte sich mit Horrorgeschichten aus Chemnitz, von dumpfen Nazi-Brüllern und weit nach rechts abdriftenden Politikern à la Seehofer. Es war ein kurzweiliges Beisammensein, die Zeit raste nur so dahin, der Weißwein floss wenn schon nicht in Strömen, so doch in rauschenden Bächen. Und Berta hielt in jeder Hinsicht fleißig mit.

Als wir gegen Mitternacht zähnegeputzt und frisch deodoriert endlich in unser Bettchen schlüpften, waren wir rechtschaffen müde. Der Besuch der alten Dame, die angeregten Gespräche, das herrliche Schnitzerl… ich spürte, wie meine Augenlider schwer und müde auf Halbmast sanken. Montagmorgen heißt es wieder mit dem ersten Hahnenschrei aus den Federn, um die Welt mit Fischkonserven zu beglücken. Gerade als ich dabei war, im Land der Träume einzuchecken, riss mich ein lautes „Törööööö!“ zurück in die Wirklichkeit. Nun muss erwähnt werden, dass es in der Natur des Reihenhauses liegt, sich nachbarschaftlich Wand an Wand zu schmiegen. Und unsere Schlafzimmerwand grenzt an die hellhörige Kinderzimmerwand der Ex-Polizisten-Familie Weinwurm. „Törööööö!“ Heftiges Mädchengekicher. Offenbar feierte das Weinwurm-Töchterchen Sandra (oder Sarah oder Saskia? Ich kann mir ihren Namen einfach nicht merken, irgendwas mit S und A) gerade mit ihrer Schulfreundin eine Party. Heidi und ich starrten mit schreckensgeweiteten Augen in die lockende Dunkelheit. „Wer ist das?“ flüsterte Heidi und drückte meine butterweiche, bettwarme Hand. „Benjamin Blümchen“, war meine glasklare Analyse.

„James, sagen Sie ihnen, sie sollen sofort meinen Garten verlassen! Das ist das allerletzte Mal gewesen!“ „Bitte! Ihr müsst jetzt den Garten des Herrn Baron verlassen. Er ist sehr, sehr ungehalten!“ „Oohh, nininini, quiiiiek, oohhh!“ drang es dumpf durch die Wand. Sarah-Saskia-Sandra rief empört: „Aaach, die armen Eichhörnchen!!“ Heidi rief ebenfalls empört: „Moser, mach was! Ich will schlafen! Warum schläft dieses Kind nicht? Morgen ist doch Schule!“ Mit butterweicher Faust klopfte ich an die Wand. „Ruhe! Verdammt noch mal! Ruhe!“ Nichts geschah. Seufzend und immer gespannter lauschend ergaben wir uns dem Schicksal. Denn im Zoo passierten seltsame Dinge:

Ständig werden Nüsse und Beeren gestohlen. Benjamin Blümchen und Otto legen sich auf die Lauer und können die Diebe ertappen. Es sind drei putzige Eichhörnchen, die sich ihren Wintervorrat anlegen! Natürlich wird der Rasselbande sofort geholfen, damit sie in der kalten Jahreszeit nicht hungern müssen. „Wie süüüüß!“ murmelt Heidi und schmiegt sich an ihren Moser. Auch der Nussbaum von Baron Zwiebelschreck wird ein wenig „erleichtert“. Das mag der Baron gar nicht und jagt die Sammler in die Flucht. Als ein paar Tage später die kostbare Walnussbrosche seiner Ur-Ur-Urgroßmutter verschwunden ist, ist der Baron sich sicher, dass nur die diebische Eichhörnchenbande dahinter stecken kann. Er stellt eine Falle auf und lässt die süßen Nager einsperren. „Ooohhh! Dieser blöde Baron Zwiebelschreck!“, zeigte ich mich erbost. Die Nacht war bereits weit fortgeschritten, doch wir lagen atemlos angespannt im Bett.  Plötzlich drehte das Weinwurm-Kind unvermittelt die Lautstärke zurück, sodass ich gezwungen war, mein rechtes Ohr an die Wand zu pressen. „Gerade jetzt wo es spannend wird!“ jammerte Heidi. Ungehalten klopfte ich mit müder Faust an die Wand: „Lauter! Verdammt noch mal! Lauter!“ Nichts geschah. Dumpfes Gemurmel drang durch die Mauer, durchbrochen von ein paar Wortfetzen und unverständlichem Gequieke. „Wer hat denn jetzt die Wallnussbrosche gestohlen?“ wollte Heidi wissen und zupfte ungeduldig an meiner Pyjamajacke. „Pssssst!“ mahnte ich, um schließlich zu verkünden: „Der Schuldige ist Butler James! Ihm ist beim Putzen die kostbare Brosche entzwei gebrochen. Benjamin hat die Sache aufgeklärt, die Eichhörnchen sind wieder frei! Töröööö!“ Erleichtert sanken wir in unsere Kopfkissen.

„Wie schööön! Danke Benjamin Blümchen“, flüsterte Heidi und drückte mein vor Aufregung feuchtes Händchen. „Weißt du, was die eigentlich gute Nachricht ist?“ wollte ich meiner lieben Frau noch einen kleinen Denkanstoß mit auf den Weg ins Traumland geben. „Wir können uns glücklich schätzen, dass Weinwurms Kinderzimmer und nicht deren Schlafzimmer an unseres grenzt!“ „Weil wir sonst Benjamin Blümchen verpassen würden?“ „Nein. Ich glaube, ich würde schweren seelischen Schaden nehmen, wenn unser Nachbar Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm seinen Rüssel auspackt, und Törööö! rufend seinen ehelichen Pflichten nachkommt…“ Heidi atmete schwer. Es war ein anstrengender Tag.

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