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Dosen mit Hoschi

Ich muss vorausschicken, dass mein Freund Hoschi ein sehr spezieller Fall ist. Julius Hoschopf, der seit unserer gemeinsamen Schulzeit die Auffassung vertrat, Julius sei ein Name für römische Kaiser und Lebensmittel-Tycoone (in Österreich war seinerzeit der Kaffeeröster und Feinkosthändler Julius Meinl ein weithin bekannter Mann), hört nur auf Hoschi. Aus irgendeinem Grund, der mir noch heute völlig schleierhaft ist, haben wir uns nie aus den Augen verloren. Irgendwie imponierte mir dieser Kerl mit seinem diametralen Lebensentwurf, seiner Unbekümmertheit, seiner bodenständigen Abgehobenheit. Hoschi ist das, was man heute wohl einen Computer-Nerd nennt. Fragen Sie mich jetzt nicht, wie genau er seinen Unterhalt verdient, aber er verbringt den Großteil des Lebens in seiner kleinen Wohnung vor Rechnern, Laptops und Bildschirmen, eingehüllt in dicke Chesterfield-Rauchschwaden. Es verwundert daher auch nicht, dass Hoschi Single ist, aus Überzeugung wie er betont. Es fällt ihm schwer, mit Frauen zu kommunizieren: „Das ist so, wie wenn du eine Software-Lizenzvereinbarung liest, nichts verstehst und am Ende zustimmst“, erklärte er mir. Das möchte er sich nicht antun, das könne nicht gut gehen. Und ich fürchte, er hat recht. Hoschi kann natürlich auch nicht kochen. Er ist es, der das Überleben der Pizza-, Sushi- und Schnitzel-Lieferdienste in seinem Bezirk garantiert. Er programmiert dir die ausgefeilteste Software, das abenteuerlichste Game, die geilste App, er hackt sich gnadenlose in jede Behörde, aber schon die Zubereitung von einfachen Ham & Eggs ist für ihn ein Buch mit sieben Siegeln.

Darum war ich höchst überrascht, als mich vor zwei Wochen seine Whats App-Nachricht ereilte: „Moser, wir sollten uns wieder mal sehen. Es wird Zeit. Habe kochen gelernt. Komm am Samstag vorbei und bring Hunger mit! Hoschi“ Gestern war es dann soweit. Heidi war nachmittags mit einer Freundin zum Kaffee verabredet, ich fuhr in den 16. Wiener Gemeindebezirk (Ottakring) zu Hoschi. Was würde der schräge Nerd wohl auf die Teller zaubern? Wie hatte er bloß kochen gelernt? Ich war gespannt.

Nach dem obligatorischen Begrüßungsgeplänkel frug ich meinen Freund, wie er denn zum Kochen gekommen sei und was er auftischen wird. Er erzählte mir, dass er eines Nachts hungrig vor dem PC bei ein paar Koch-Tutorials auf Youtube hängen geblieben sei und sich 9 Stunden lang alles reingezogen habe, was man am Herd wissen müsse. „Und heute gibt es für meinen Fischbranchenfreund zu Ehren Spaghetti Frutti di Mare!“ verkündete er stolz. Ich war beeindruckt. Während Hoschi in der Küche rumorte und fuhrwerkte, saß ich auf einem Stapel alter Computerfachzeitschriften im Wohnzimmer. „Magst ein Bier?“ rief mein Gastgeber, denn es war ein überaus heißer Samstag. „Ja, gern!“ Hoschi huschte herein und drückte mir eine Dose Helles Ottakringer in die Hand. Mich durchzuckte ein brennender Schmerz und überrascht ließ ich die Dose fallen. Sie war nämlich nicht, wie erwartet, eiskalt, sondern heiß! „Verdammt!“ rief ich, „Was hast du mit dem Bier gemacht?!“ „Ach weißt du, mein Kühlschrank hat vorgestern den Geist aufgegeben. Darum hab ich die Dosen einfach ins Fenster gestellt“, kam die Hoschi-Antwort aus der Küche. „Du weißt aber schon, dass es draußen 32 Grad hat???“ Doch dies schien meinen Freund wenig zu kümmern: „In 10 Minuten wird serviert!“

Die vollmundig angekündigten Spaghetti mit Meeresfrüchten entpuppten sich schließlich als verkochter Nudelklumpen, über den Hoschi einfach eine Dose Ölsardinen gekippt hatte. Fischkonserven sind zwar mein Geschäft, aber jetzt war selbst ich sprachlos. „Guten Appetit!“ wünschte Hoschi. „Das sind keine Frutti di Mare, keine Muscheln, Scampi oder Tintenfische – das sind Sardinen aus der Dose!“ warf ich verzweifelt ein. „Ich hab dir doch gesagt, dass mein Kühlschrank kaputt ist“, mampfte der Nerd. „Da würden frische Fische doch im Nu verderben. Das müsstest du doch wissen, Moser. Darum hab ich halt Dosen genommen. Schmeckt´s?“ Wir bestellten bei seinem Lieblingslieferanten eine Familienpizza Cardinale. Und zwei Dosen Bier, eiskalt.

Abends berichtete Heidi von ihrem Mädels-Treffen in höchsten Tönen: „Wir sind am Donaukanal gesessen, haben Cafe Latte getrunken, ein köstliches Eis gegessen und haben den herrlichen Sonnentag genossen. Und du so?“ Und ich so: „Super war´s. Wir sind in Hoschis chaotischem Wohnzimmer auf alten Zeitschriften gesessen, haben eiskaltes Bier getrunken und eine köstliche Pizza gegessen.“