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Manifest für die Küchenrolle

Die Küchenrolle (auch Küchenpapier, Küchenkrepp oder Haushaltspapier) bezeichnet ein spezielles saugfähiges Papier, das vorperforiert ist und auf Papprollen aufgerollt verkauft wird. (Zitat „Wikipedia“)

Nachdem im kinderlosen Haushalt der Familie Moser aus verständlichen Gründen weder Vater- noch Muttertag zelebriert werden, ernannte ich den heutigen Feiertag ebenso kurzfristig wie selbstlos und liebevoll zum Heidi-Tag. Mein braver und fleißiger Schatz sollte im Garten die vormittägliche Frühsommersonne genießen, während ich mich um die Zubereitung der Wiener Schnitzel samt Pommes Frites und Gurken-Dill-Salat kümmerte. Garniert mit ein paar frischen Limettenscheiben und ein paar Klecksen Ketchup wollte ich die österreichische Köstlichkeit in Begleitung eines bunten Blumenstraußes auf den Mittagstisch bringen, und mit den erhofften Pluspunkten meine eheliche Bilanz, die zuletzt deutlich ins Minus gerutscht war (der Russenluster im Schuppen harrt noch immer der Demontage, der Rasen muss gemäht und die Hecke gestutzt werden usw.) ein wenig aufpeppen.

Von der Kochmuse geküsst, werkte ich in der Küche fast weltmeisterlich – schälte und hobelte Gurken, baute eine imposante Panierstraße (Mehl, Ei, Semmelbrösel) auf, und ließ die tiefgefrorenen Pommes im Backofen kalorienschonend und dennoch goldgelb auf den Punkt garen. Wo jedoch gehobelt wird fallen auch Späne, wie der kochaffine Leser weiß. Im Klartext: Während die Schnitzel im heißen Öl brutzelten und den Herd mit Fettspritzern versauten, blickte ich auf das Schlachtfeld Arbeitsplatte, wo Gurkenschalen, verklumpte Semmelbrösel und eine weiße Mehlschicht eine unappetitliche Kulisse abgaben. Doch davon ließ sich Herr Moser nicht abschrecken – vertraue ich doch seit vielen Jahren auf die praktische, rasche und zuverlässige Hilfe der Küchenrolle. Je nach Bedarfsfall feucht oder trocken angewendet, verschwindet selbst die größte Schweinerei in Sekundenschnelle. Quasi „Wisch und weg!“ Schlafwandlerisch griff ich zum Platz, wo unsere Küchenrolle seit jeher auf ihren Einsatz wartet… und bekam eine graue Papprolle mit einem einzigen, letzten Blatt des wertvollen Küchentuches zu fassen. Auf die vorbildliche Vorratshaltung meiner Adelheid vertrauend, eilte ich zur Abstellkammer. Doch ich wurde grausam enttäuscht. Es gab keinen Küchenrollenvorrat, höhnisch grinste mich das leere Regalfach an. Oh Gott! Auf welcher Zellstoffunterlage sollte ich die triefenden Schnitzelchen vom überflüssigen Fett befreien, mit welchem saugfähigen Tuch meine schweißnasse Stirn tupfen?? Panik machte sich breit. War ich küchenrollensüchtig? Abhängig von meinem nützlichen Helfer? Schnell das Gemüse abtrocknen, den verschütteten Kaffee aufwischen oder den Mülleimer reinigen – die Küchenrolle hatte sich so klammheimlich in unseren Alltag geschlichen und unentbehrlich gemacht, dass ein Leben ohne sie zwar möglich, aber sinnlos ist. Ich wollte in den Garten stürmen, um Heidi im zitronengelben Liegestuhl mit ihrer verfehlten Einkaufspolitik zu konfrontieren, besann mich aber rechtzeitig eines besseren. Schließlich bin ich der Chefeinkäufer der Familie. Außerdem entwickelten die Schnitzel im siedenden Sonnenblumenöl bereits verdächtige Röstaromen. Ich rettete unser Mittagessen kurz vor dem Verbrennungstod und fluchte. Über die fettigen, dunklen Schnitzel, den fettigen Herd, die fettige Arbeitsplatte, meine fettigen Finger, die fehlende Küchenrolle.

Nun kann man über den intensiven Gebrauch von Küchenrollen durchaus geteilter Meinung sein und empört rufen: „Jedes Tuch war mal ein Baum!“ So nützlich die kleinen Tücher sind, nach einmaligem Gebrauch werden sie über die Kanalisation oder als Abfall entsorgt und können dem Wertstoffkreislauf nicht mehr zugeführt werden. So entsteht Papiertuch für Papiertuch ein riesiger Müllberg, mit dem man abgerollt inzwischen die Erde ganze 2.100 Mal umwickeln könnte. Die traurige Folge: Immer mehr Bäume fallen der Produktion neuer Tücher zum Opfer. Hinzu kommt, dass zur Papierherstellung sehr viel Energie benötigt wird. Der hohe Wasserverbrauch und der Einsatz von Chemikalien fallen zusätzlich der Natur zu Lasten.

Eigentlich sollte ich für jedes Wegwischen eines Fettspritzers, für jedes Schnäuzen mit einem Stück Küchenrolle mit 30 Stockhieben auf die nackten Fußsohlen bestraft werden. Aber, liebe Leute, sie ist halt so verdammt praktisch!!! Und vergesst nicht: ich wurde in den 70er Jahren unter dem Motto Sex, Drugs & Rock’n Roll domestiziert, und muss heute mit Nachhaltigkeit, Veganismus & Helene Fischer zurechtkommen. Das ist auch nicht einfach.

Als ich mit Heidi beim Schnitzelessen über das Thema diskutierte, hatte sie prompt die richtige Lösung zur Hand: „Wir werden künftig eben nur noch Recycling-Küchenrollen kaufen!“ Kein Problem für Chefeinkäufer Moser. Ich darf bereits keine (!!) Produkte vom Umweltsünder- und Ausbeuterkonzern Nestlé mehr kaufen, keine Thunfischdosen ohne MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei, nur Eier aus Freilandhaltung, auch Teigwaren dürfen keine Eier aus Bodenhaltung enthalten, nur Bio-Bauernbrot ohne Zusatzstoffe, keine Wurst aus Massentierhaltung, nur Obst aus Österreich oder von Fairtrade-Partnern, und keine Baby-Tiere wie Kalb o.ä. Ganz einfach, da kommt es auf Recycling-Küchenrollen wirklich nicht mehr an.

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