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The Time Warp

Wir leben ja in einer Zeit der Superlative. Es reicht längst nicht mehr, etwas einfach nur „gut“ zu finden –  alles ist gleich super, geil, urcool und mega. Ein Wiener Schnitzel im Restaurant, das nicht verbrannt und zäh auf den Tisch kommt, sondern dem EU-Bräunungsrasterstandard entsprechend und konsistenzmäßig akzeptabel serviert, wird sofort mit „Hammer!“ in den Geschmackshimmel gelobt. Auch der nur durchschnittlich begabte Sangeskandidat, der bei einer Castingshow auf Karaoke-Niveau die Töne trifft, erntet gern martialische Beurteilungen wie Bombe und Granate! Wir übertreiben gerne, um uns selbst das Gefühl zu geben, bei etwas Außergewöhnlichem dabei gewesen zu sein. Durchschnittliche Normalität ist nicht gut genug, ist eigentlich schon zu schlecht, um erwähnt zu werden. Darum steigern wir es bis zum geht nicht mehr und erheben jeden Furz zum Meisterwerk. Wer Fragen wie „Wie schmeckt es dir?“, „Wie gefällt es dir?“ und „Wie findest du es?“ mit einem simplen „gut“ oder „schön“ beantwortet, gilt heutzutage schon als harscher Kritiker. Egal, ob das es ein Apfelstrudel, ein neuer Song oder eine Handtasche ist. Alles unter supergeil, porno oder giga ist bääähh.

Und wenn alle Superlative nicht mehr ausreichen, erheben wir es bzw. die Medien zum Kult. Und auch mit dem Prädikat Kult, mit diesem Erheben in den Alltags-Olymp, gehen wir mittlerweile alles andere als sparsam um. Inflationär wird jedes Lied, das drei Mal täglich im Radio ertönt, zum Kult-Hit gestempelt; eine stinknormale Fernsehserie nach der dritten Wiederholung als Kult-Serie geadelt und eine x-beliebige Koffein-Brause zum neuen Kult-Drink hochgepusht. Mich persönlich nervt dieser Kult um den Kult, der in den meisten Fällen unverdient ist und rein marketingtechnische Ursachen hat. Kult sells. Obwohl Kult vor allem als Bezeichnung für religiöse oder spirituelle Praxis benutzt wird, ist die Bedeutung in der Alltagssprache weiter gefasst und schließt auch andere Arten von ritualisierten Handlungen ein. Dabei wird ein Kult durch drei Aspekte bestimmt: ein Kultobjekt, eine den Kult ausführende Personengruppe sowie eine Anzahl mehr oder weniger ritualisierter Kulthandlungen.

Am gestrigen Samstag besuchte ich mit Heidi ein Musical, das verdienterweise mit dem Zusatz Kult geehrt wird: The Rocky Horror Show. Dieses Meisterwerk Richard O´Briens gastiert derzeit im Wiener Museumsquartier, und wir wollten uns dieses Kultspektakel nicht entgehen lassen. Es feierte im Sommer 1973 in London seine Uraufführung vor rund 70 zahlenden Besuchern und entwickelte sich binnen kürzester Zeit vom Insider-Tipp zum Kassenschlager. Zwei Jahre später wurde das flippige Stück rund um den exzentrischen Außerirdischen Dr. Frank N´Furter vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transylvania mit Tim Curry verfilmt (The Rocky Horror Picture Show) und brach an den Kinokassen alle Rekorde. Sowohl in den Theater- als auch Kinoaufführungen neigt das Publikum bis heute dazu, enthusiastisch und aktiv an der Handlung teilzunehmen. Verkleidungen der Zuschauer, Utensilien wie Wasserpistolen, Konfetti, Leuchtstäbe und Klopapier-Rollen sowie das Mitsingen und Mittanzen, vor allem beim Song „Time Warp“ in den Sitzreihen sind Teil des Spektakels.

Heidi und ich haben zwar den Film unzählige Male gesehen, waren jedoch noch nie bei einer Live-Aufführung. Bis gestern. Und ich darf Ihnen versichern: DAS ist Kult! Natürlich war es ein teilweise recht belustigender Anblick, wenn dickbäuchige, grell geschminkte Buchhalter und biedere Wurstfachverkäuferinnen in schwarzen Strapsen auf den Klappsitzen tanzen und „Sweet Transvestite“ in schönstem Wiener Englisch mitgrölen, doch das war egal. Denn die Zuschauer in der ausverkauften Halle einte der Rocky-Horror-Spirit – das Gefühl, Teil einer großen Familie zu sein, die zusammenkommt, um ihre Helden zu zelebrieren. Auch Heidi und ich haben uns verkleidet und waren in die Rolle des frischverlobten, biederen Paares Brad Majors und Janet Weiss geschlüpft. Ich trug meinen besten, knitterfreien Freizeitanzug samt Nerd-Brille und warf bei der Hochzeitsszene zu Beginn laut singend Konfetti ins Publikum; Heidi trug ein knallrotes, spitzes Papphütchen zu ihrem taubengrauen Kostüm und schwenkte begeistert zwei grüne Leuchtstäbe („There´s a Light“).

Meine geliebte Frau und ich waren restlos begeistert. Die Musik war zeitlos und bombastisch arrangiert, die Darsteller überzeugend und Sky du Mont gab einen ironisch souveränen Erzähler. Nach der Vorstellung gönnten wir uns bei einem der zahlreichen Weihnachtsstände im Hof des Museumsquartiers noch einen low-carb Bio-Orangenpunsch. Den Time Warp grölend zog eine Schar verkleideter Fans an uns vorüber. „Wie hat es dir gefallen?“ frug Heidi und blies in den glühend heißen Punsch. „Mega cool!“ antwortete ich ohne zu überlegen. „Gut“ oder „schön“ hätte in diesem Fall wirklich nicht gereicht. The Rocky Horror Show ist einfach Kult. Aber sowas von.

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