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Der Eierschädl

Eigentlich wollte ich Ihnen die Eierschädl-Geschichte schon vor einigen Tagen erzählen, aber ich war zu faul. Die brütende Hitze über Wien ließ mich erlahmen, Temperaturen von 37 und 38° aktivierten meinen vollautomatischen Energiesparmodus. Dieser sichert mir zwar das nackte Überleben, für Kreativität und Schreiben hatte mein auf kleiner Flamme köchelndes Gehirn jedoch keinerlei Reserven. Die TV-Fernbedienung in der einen, das Smartphone in der anderen Hand, vegetierte ich, nur mit einer atmungsaktiven Bermudashort bekleidet, während der Hundstage dahin. Ich erinnere mich dunkel, dass mir Heidi ab und an ein Fläschchen eiskalte Zitronenlimonade reichte, wenn ich besonders laut stöhnte. Ich bilde mir auch ein, den einen oder anderen Blogbeitrag am Handy gelesen und sogar geliked zu haben, sicher bin ich mir jedoch nicht. Den Laptop aufzuklappen und selbst einige sinnvolle Zeilen einzutippen, war mir nicht möglich. Am Samstag habe ich es zwar versucht, bin aber kläglich gescheitert. Nachdem ich mich drei Stunden redlich abgemüht hatte, mein Eierschädl-Erlebnis in gewohnt pointierter Manier festzuhalten, gab ich es meiner kritischen Adelheid zu lesen. Ihr Urteil: „Liest sich wie der Aufsatz eines 8-Jährigen zum Thema „Mein schrecklichstes Ferienerlebnis“. Leg dich wieder hin, Moser.“

Die Großwetterlage über der Großstadt hat sich mit erfrischenden 28° inzwischen deutlich gebessert, und ich spüre, wie meine Lebensgeister langsam zurückkehren. Also unternehme ich heute einen neuen Anlauf, um die Eierschädl-Causa literarisch aufzuarbeiten. Also: Schwiegermutter Inge hat meiner lieben Heidi, die ja gleichzeitig ihre brave Tochter Adelheid ist, einen wunderschönen Rosenstock geschenkt. Einfach so. Dieser sollte nun zwecks Behübschung unseres blühenden Reihenhaus-Gartens eingepflanzt werden. Leider war unser Vorrat an Blumenerde zur Neige gegangen, sodass ich den Auftrag erhielt, im Baumarkt einen Sack duftender, dunkler, frischer Erde zu besorgen.

Das Mekka für Bastler, Selbermacher und Hobbygärtner verfügt zwar über einen hinreichend großen Parkplatz, doch Abstellplätze im Schatten waren bei der herrschenden Gluthitze verständlicherweise Mangelware. Als ich ein solches Schattenplätzchen in unmittelbarer Nähe des Kundeneingangs gewahr wurde, war mein Glück vollkommen. Schnittig kurvte ich nach links, gab vielleicht ein wenig zu viel Gas, sicherte mir und unserem tomatenroten Spanier aber souverän den schattigen Parkplatz. Schon wollte ich den Schritt aus dem klimatisierten Wageninneren hinaus in die Gluthölle wagen, als hinter mir ein aufgemotzter SUV mit reichlich Zusatzscheinwerfern und viel Chrom mit quietschenden Bremsen hielt. Heraus sprang ein knapp 2 Meter hohes, glatzköpfiges Muskelpaket mit tätowierten Oberarmen, baute sich vor meiner Motorhaube auf und schrie: „Heast G´schissener! Des is mei Parkplotz! Schleich di!“ (Deutsch: „Hören Sie mal, Sie Haufen Scheisse! Das ist mein Parkplatz! Bitte entfernen Sie sich!“) Ich verriegelte per Kindersicherungsschalter alle Türen und ließ per Fensterheber die Seitenscheibe hochfahren. Dabei sagte ich halblaut an seine Adresse so etwas wie „Du Eierschädl!“ Das erschien mir kürzer und prägnanter als „Auch wenn Sie offensichtlich geistig behindert sind, ist dies kein Behindertenparkplatz – wer zuerst kommt, parkt zuerst.“ Das hätte seine intellektuellen Fähigkeiten wahrscheinlich ohnehin überfordert. Also beließ ich es bei Eierschädl und täuschte Betriebsamkeit vor, indem ich die Grundeinstellungen unseres Autoradios einer Generalinspektion unterzog, die Bässe ein wenig nachjustierte und einen slowakischen Hip-Hop-Sender, der sich beim Drehen der diversen Knöpfe plötzlich lautstark bemerkbar machte, sogleich auf Programmplatz 14 einprogrammierte. Der polierte Eierschädl hämmerte wütend auf die Motorhaube: „Kumm ausse, du Oaschloch! Des is mei Parkplotz!“ (Deutsch: „Komm raus, du Arschloch! Das ist mein Parkplatz!“) Nachdem ich keine Anstalten machte, das sichere Innere unseres roten Flitzers zu verlassen, sprang der Muskelheini in seinen Angeber-Chrom-Allrad und parkte ihn zehn Meter weiter entfernt in der Sonne. Dann schlenderte er zum Eingang, schob sich einen Kaugummi in den Mund… und wartete.

Da man nie weiß, wie Menschen bei dieser unmenschlichen Hitze reagieren, beschloss ich, meinen Einkauf beim nächstgelegenen, nur 5 Kilometer entfernten Gartencenter zu tätigen. Ich startete den Wagen, fuhr das Fenster runter und rief ihm im Vorbeifahren zu: „Eierschädl!“

Und Schwiegermutter Inges Rosenstock hat ein wunderschönes Plätzchen direkt neben der Kräuterbank bekommen.