Schlagwort-Archive: Selbstmord

Die Leiden des jungen C.

Wie der aufmerksame Leser sicherlich gemerkt hat, ist es in den letzten Wochen sehr still um den sonst so umtriebigen Abteilungsleiter einer namhaften Fischkonservenmanufaktur geworden. Je nach Mentalität munkelte man hinter vorgehaltener Hand beunruhigt, besorgt oder nervös aufgescheucht von diversen Schicksalsschlägen, die mich heimgesucht haben könnten. Die Gerüchteküche brodelte, wie es so schön heißt. Ich hätte mir im eiskalten Hamburg eine todbringende Lungenentzündung zugezogen und läge hustend im letalen Endstadium in der Intesivstation einer weltbekannten Lungenheilanstalt, wollten die Hardcore-Verschwörungstheoretiker wissen. Andere sahen mich in einer tiefen Sinneskrise, geschieden von Weib und Reihenhaus, der Trunksucht anheimgefallen und verlottert am Bahnhof lungernd, eilige Passanten um ein paar Cent für das nächste Bier anbettelnd. Auch kam mir zu Ohren, ich hätte mich im Zorn von Pfotenhauer, Cerny & Co getrennt, und mich in der Schmach der Arbeitslosigkeit von der Reichsbrücke in die kalten Fluten der schönen blauen Donau gestürzt.

Fake News, liebe Leute, nichts als Fake News. Ich erfreue mich bester Gesundheit, soweit man das als 60jähriger Tattergreis von sich behaupten darf; Midlife Crisis und Alkoholsucht kenne ich nur vom Hörensagen, und ich stehe in Pfotenhauers Fischfabrik weiterhin in Lohn und Brot. Also kein Grund zur Panik. Es ist nur so, dass mich das alltägliche Leben derzeit fest im Griff hat und ich zuletzt wenig Lust verspürte, mich nach getaner Arbeit und rechtschaffen müde, den Lesern und Abonnenten dieses Blogs in gewohnt eloquenter und humoriger Weise mitzuteilen. Vielleicht war ich auch ein wenig ausgebrannt, gleichwohl ich das Krankheitsbild des Burn Outs skeptisch betrachte. Doch heute, nach einer scharfen Portion Chili con carne entspannt unter dem grünen Sonnenschirmmonster sitzend, leise rülpsend und gefällig die üppige Blütenpracht unseres feinen Gärtchens betrachtend, überkam mich wieder die Lust, den Blog mit frischer Buchstabensuppe zu füttern. Und so erzähle ich Ihnen brühwarm von den tragischen Liebesleiden meines Kollegen Dr. Jonas Cerny.

Normalerweise erinnern seine großen, farblosen Augen hinter den dicken Brillengläsern an die Scheinwerfer eines VW-Busses. Doch gestern, als ich angesichts des nahenden Wochenendes heiter das Büro stürmte, blickten mich die traurigen, rotgeränderten und wässrigen Augen eines uralten Bluthundes an. „Was ist mit Ihnen, Cerny?!“, posaunte ich frech. „Pollenallergie?“ Müde schüttelte er den Kopf und ließ dabei ein beeindruckendes Schuppengeschwader auf seine Schultern regnen. Ich dachte an die weißen Kirschblüten, die derzeit zu tausenden auf unseren Reihenhausrasen hernieder rieseln, während Cerny mit erstickter Stimme „Jasmin“ murmelte. „Ach, Sie sind auf das Klettergehölz Jasminum officinale allergisch?“ Abermals ließ es der Bluthund Schuppen schneien: „Nein. Jasmin hat mich verlassen!“ „Wer ist Jasmin?“ „Meine Freundin. Jasmin! Ich habe Ihnen hunderte Male von ihr erzählt, Herr Moser!“ „Ach so. Was ist passiert?“

Ich erfuhr von einem bösen Streit zwischen Jasmin und Jonas, der sich an einer Nichtigkeit entzündet hatte und schließlich zu einem Flächenbrand heranwuchs. Und im Eifer des Gefechtes hatte Cerny seine Liebste mit Ausrücken bedacht, welche die gescholtene Frau auf Nimmerwiedersehen in die Flucht schlugen. „Es tut mir so furchtbar leid“, jammerte das Häufchen Cerny. „Ich hab ihr WhatsApp geschrieben, ihr gemailt und gesimst, mich entschuldigt, ihr meine Liebe beteuert, sie 100 mal angerufen – aber sie reagiert nicht. Es ist vorbei.“ Der studierte Herr Wirtschaftsdoktor bot ein Bild des Elends. Mit Sprüchen wie „Andere Mütter haben auch schöne Töchter“ versuchte ich, ihn zu trösten und aufzuheitern, was mir aber nicht gelang. Ich fühle mich in solchen Situationen hilflos und weiß nicht, was ich sagen soll. Also sagte ich: „Kommen Sie Herr Cerny! Gehen wir in die Kantine, heute gibt es gebackenen Fisch mit Kartoffelsalat. Ich lade Sie ein!“ Der uralte Bluthund salzte seinen Erdäpfelsalat noch mit einer kräftigen Dosis Tränen nach, während ich eine tragische Liebeskummergeschichte aus meiner späten Jugend ausgrub.

Sie hieß Doris, war angehende Volksschullehrerin, hatte ausladende Hüften und ein einladendes Lächeln. Sie war die erste Frau, mit der ich nicht nur das Bett, sondern auch eine kleine Wohnung teilte. Das prägt, und ich war ihr hoffnungslos verfallen. Bis sie mir nach etwa einem Jahr der Gemeinsamkeit eröffnete, sie habe sich in einen Gunther verliebt und werde ausziehen. Die Welt ging mit Pauken und Trompeten unter, und ich muss so ausgesehen haben wie heute Cerny, der mir gegenüber lustlos in seinem panierten Fisch stocherte. In einem Anfall von Selbstmitleid beschloss ich damals, meinem jungen Leben ein Ende zu setzen. Sollte sie nur sehen, was sie davon hatte, mich einfach wegen irgendeines Gunthers zu verlassen, diese Doris! Wenn ich erst tot war, würde sie händeringend zu mir zurückkommen wollen – aber zu spät. Ich inszenierte meinen Selbstmord wie eine Shakespeare-Tragödie, entzündete 22 Teelichter (wir waren damals beide 22 Jahre alt), legte eine Schallplatte mit Wolfgang Ambros´ Suizidballade „Heite drah i mi ham“ (Wienerisch für „Heute bring ich mich um“) auf den Plattenteller und schrieb auf ein tischplattengroßes Stück weiße Raufasertapete ein wortgewaltiges, zu Tränen rührendes Liebesdramulett, welches mit meinem Tod endete. Im Schein der flackernden Kerzen begann ich, meine zarten Handgelenke zaghaft mit einer Rasierklinge zu ritzen, bis erste kleine Blutströpfchen hervorquollen. Ambros sang „Heite draaah i mi ham, und es tuat gar net weh, ma wird nur ganz langsam miad, bis ma nix mehr gspiat…“  Eben wollte ich zum finalen Schnitt ansetzen, um der grausamen Welt Adé zu sagen, als es an der Tür läutete. Ha! Doris! Sie kam wohl, um in meine Arme zurückzukehren, aber zu spät! Blut- und tränenüberströmt würde ich mit tropfenden Handgelenken in der Tür stehen und ihr mit letzter Kraft zuraunen: Du hast mich verlassen. Geh zurück zu Gunther, lass mich alleine. Ich liebe dich! Dann würde ich wirkungsvoll zusammenbrechen und auf dem grünen Vorzimmerlinoleum mein Leben aushauchen. Aber es war nur meine Nachbarin, Frau Lintschi Hauser, die um zwei Stück Würfelzucker für ihren Kaffee bat.

Die alte Frau Hauser, deren weißes Haar stets so zerdrückt und verlegt war, als wäre sie eben aufgestanden, trug wie immer ihren rosafarbenen Frottee-Schlafrock, dessen Gürtel sie über dem kugelrunden Bäuchlein zu einer ordentlichen Masche gebunden hatte. „Feiern Sie eine Party, Herr Moser?“ frug sie ungeniert und steckte ihre zerknitterte Frisur neugierig in meine Wohnung. „Kerzen und laute Musik?“ Die Situation hatte etwas derart pittoreskes, dass ich die freundlich lächelnde Lintschi hereinbat, um ihren Kaffee gemeinsam mit mir zu trinken. Sie erzählte mir aus ihrem ereignisreichen Leben, vom zweiten Weltkrieg, und von ihrem Mann Edi, den ein Schlaganfall vor zwei Jahren hinweg gerafft hatte. „Und wo ist das junge Fräulein Marlis?“ frug sie irgendwann. „Doris ist fort, bei einem Gunther. Sie kommt wohl nicht wieder“, antwortete ich ohne Groll und froh, am Leben zu sein. Als Frau Hauser in ihre Wohnung zurückgekehrt war, verbrannte ich die Raufasertapete mit dem Liebes-Epos im Waschbecken, löschte die Teelichter und ging schlafen. Ich habe Doris nie wieder gesehen.

„Sehen Sie Cerny“, beschloss ich meine Erzählung und wischte mir den fettigen Mund ab, „es gibt immer einen Grund, sich für das Leben zu entscheiden. Hätte ich mein Vorhaben damals wahr gemacht, wäre meine Heidi schon Witwe gewesen, ehe wir noch geheiratet haben.“ „Und der Welt wären Ihre fischlosen Fischkonserven erspart geblieben“, lachte Cerny und langsam mutierten seine Augen vom uralten Bluthund wieder zu VW-Bus-Scheinwerfern. „Also, Kopf hoch!“ ermunterte ich meinen Kollegen, „und machen Sie keinen Blödsinn!“ „Mach ich nicht! Und Herr Moser…“ Fragend drehte ich mich noch einmal um. „Danke!“ „Ach, wofür?“ „Für die Einladung zum Backfisch“, zwinkerte mir Cerny zu.

Advertisements

Sternschnuppen, Teil II

Der große Allah führte geschickt Regie und so war es inzwischen dunkel geworden. Nur Ain Salah gab sich mit einigen Lichtern in der Ferne zu erkennen. Erneut setzte Ludwig die Flasche an. Operation, Chemotherapie, Krankenhausaufenthalte. Er lernte eine Menge über den bösartigen Killer, der die Eingeweide seiner Frau zerfraß. Er lernte, dass Darmkrebs die zweithäufigste Krebsform in Deutschland ist und jährlich 60.000 Menschen daran erkranken. Sie hörten viele tröstende Worte von verständnisvollen Ärzten und Professoren, die ihnen rieten, die Hoffnung nicht aufzugeben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, dachte Ludwig. „Aber sie stirbt.“ Maria war zu Hause gestorben. Als sie merkte, dass man im Spital nichts mehr für sie tun konnte, hatte sie zu ihm gesagt: „Wickerl, i wü net do sterbn. Bring mi bitte ham.“ Vollgepumpt mit Schmerzmitteln war sie zwei Wochen später in der Nacht von ihm gegangen.

Nachdem man das Beste, was ihm je passiert war, mit einigen Kubikmetern Erde zugeschüttet hatte, glich sein Leben dem eines Roboters. Er hatte das Denken weitgehend eingestellt, seine Tage liefen mehr oder weniger automatisch ab. Aufstehen, duschen, rasieren, eine Tasse Kaffee und ein halbes Brötchen mit Erdbeermarmelade, die Fahrt ins Büro, wo er mit Frau Wagner kurz die tagesaktuellen Dinge besprach. Die Wagner war zu dieser Zeit ohnehin die Seele der Firma, die sich aufopfernd um fast alles kümmerte, während Ludwig in seinem Büro mit leerem Blick auf den Computermonitor oder das Sahara-Plakat stierte. Sein einziger Trost und Lichtblick war Christoph, der den Tod der Mutter scheinbar gut verkraftete. Im Gegensatz zu ihm stürzte er sich auf die Arbeit, schrieb weiter gute Noten und verlor sein Ziel, Direktor eines Luxushotels irgendwo im Ausland zu werden, niemals aus den Augen.

Mit der Dunkelheit war es auch kühl geworden und Ludwig zog eine verwaschene Jeansjacke über, die er vorsichtshalber noch in den Rucksack gestopft hatte. In der Flasche befanden sich noch etwa drei Fingerbreit Wodka. „Bald bin ich bei dir, Maria“ murmelte Lanzengruber und tastete nach den Tabletten in seiner Hosentasche. Schwere Schmerz- und Schlafmittel, die seiner Frau das letzte bisschen Leben halbwegs erträglich hätten machen sollen. Ohne zu wissen warum, hatte er die beiden Packungen nach ihrem Tod nicht weggeworfen.

Mit dem Reisebüro war es im Lauf der folgenden Jahre steil bergab gegangen. Ein Chef, der nur noch physisch anwesend war; ein Geschäftslokal, das wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche wirkte; die Wirtschaftskrise und nicht zuletzt die immer stärker werdende Konkurrenz durch das Internet. Die Menschen gingen heute nicht mehr ins Reisebüro, um sich fachmännisch beraten zu lassen, sondern googelten die günstigsten Angebote im Netz und buchten online. Die Internetseite des „Flamingo“ war so wie das kleine Straßenlokal – antiquiert, verstaubt, altmodisch, nicht viel mehr als ein elektronischer Werbeprospekt. Die Umsätze gingen bedrohlich zurück, aber Ludwig unternahm nichts, ging scheinbar offenen Auges auf den Abgrund zu. Auch die mahnenden Worte von Frau Wagner bewirkten nichts, meist wimmelte er sie ab und täuschte wichtige Telefonate oder Termine vor.

Am 2. Mai, es war der vierte Todestag von Maria, saß Ludwig Lanzengruber wie immer in seinem Büro und versuchte, nicht zu denken. Er starrte auf die majestätischen Sanddünen und die zwei stolzen Tuareg auf ihren Kamelen. Und plötzlich zuckte ein Gedanke durch sein Hirn, ein Satz stand in brennenden Lettern vor seinem geistigen Auge: „Venedig sehen und sterben“. Ein berühmtes Zitat aus einem Film oder einem Buch. War es aus Thomas Manns „Tod in Venedig“? Egal. Ludwig nahm einen Schluck Kaffee aus der weißen Tasse mit dem Aufdruck „Unser Chef ist der Beste“ (ein Geschenk von Frau Wagner aus besseren Zeiten) und sagte: „Die Sahara wird mein Venedig.“ Die Entscheidung war gefallen. Er würde in die größte Trockenwüste der Erde reisen und seinem Leben, das ohnehin nur noch auf dem Papier existierte, ein Ende setzen. Schlagartig fühlte er grenzenlose Erleichterung und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er wieder ein ehrliches Lächeln auf den Lippen.

Das war vor knapp drei Wochen gewesen. Er hatte sein letztes Sparbuch, den Notgroschen für alle Fälle, geplündert und den alten Land Rover gekauft, dazu ein Navigationsgerät, ein paar Benzinkanister, Landkarten und wüstentaugliche Kleidung. Die Tabletten seiner Frau füllte er in ein leeres Röhrchen, das den Aufdruck „Vitamin C Brausetabletten“ trug, und verstaute sie unauffällig im Erste-Hilfe-Koffer. Seinem Sohn Christoph und Frau Wagner erzählte er, dass er dringend eine Auszeit benötige und er sich den alten Traum von einem Wüsten-Trip erfüllen wollte, um Kraft zu tanken. In zwei, spätestens drei Wochen würde er wieder an seinem Schreibtisch sitzen. Die Lüge kam ihm so leicht über die Lippen, dass niemand Verdacht schöpfte.

Nun saß er also hier. Endlich angekommen. Ludwig stand auf, torkelte ein wenig, und machte ein paar Schritte weg von seinem Sitzplatz. Er starrte in die Schwärze der Nacht, öffnete seine erdfarbene Khakihose und pisste in hohem Bogen in die Wüste. „Meine letzte Amtshandlung“ dachte er. Dann ließ er sich in den Sand fallen und starrte am Rücken liegend in den Nachthimmel.

Es war atemberaubend. Milliarden funkelnder Sterne breiteten sich vor ihm aus. „Oh mein Gott!“ krächzte er und eine nie gekannte Ehrfurcht erfüllte sein Herz. Bewegungslos lag er da und spürte, wie sich das perlenbestickte Firmament über ihn legte wie eine warme, schützende Decke. Man konnte nicht sagen, dass Ludwig Lanzengruber – obwohl katholischer Bayer – ein religiöser Mensch war. Zeitlebens hatte er eine durchaus pragmatische Sicht auf die Dinge des Lebens gehabt. Er zahlte zwar brav seine Kirchensteuer, hatte seine Maria kirchlich geheiratet und Christoph taufen lassen, doch ansonsten hatte er mit der katholischen Kirche nicht viel am Hut. Scheinheiliges Pack und „Kerzlschlucker“ nannte er sie im Stillen. Aber in diesem unbeschreiblichen Augenblick fühlte er sich als Teil eines göttlichen Ganzen. So wie er früher über das Bild in seinem Büro in eine andere Welt eingetreten war, öffnete sich in dieser anderen Welt nun eine weitere, ungleich größere Tür in eine andere Dimension. Ludwig tauchte ein in diese Unwirklichkeit und verschmolz mit der Unendlichkeit des Universums. In tiefen, langsamen Zügen atmete er die klare Nachtluft. Er war nicht mehr trunken vom Alkohol, dessen Wirkung sich ins Nichts aufzulösen schien – er war vielmehr trunken vor purem, reinem Glück. Warme salzige Tränen liefen über das Gesicht des Münchner Reiseunternehmers, der in den letzten Jahren viel zu schnell gealtert war. In der nächsten Sekunde zogen kurz hintereinander zwei Sternschnuppen ihre letzte Bahn über den afrikanischen Himmel – schnell, wünsch dir was! Und Ludwig musste nicht überlegen: „Ich will leben!“ flüsterte er, überwältigt von dieser Erkenntnis. Die Reise in die Sahara war keine Reise in den Tod, sondern ins Leben. Der Neubeginn. Das Ende musste warten, er hatte noch so viel vor in dieser wunderbaren, neuen Welt. Er rappelte sich auf, zog das Tablettenröhrchen aus der Hosentasche und warf es soweit er konnte in den schwarzen Schlund der Wüste. Dabei schrie er aus Leibeskräften: „Ich werde leben!!!“.

Verpassen Sie morgen nicht das große Finale!