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Die kroatische Pfeffermühle

Während wir Ende März witterungs- und temperaturtechnisch noch irgendwo im Januar waren, ging es im April relativ rasant und ansatzlos Richtung August. Innerhalb von zwei Wochen von Alaskafrost zur Saharahitze – das kann die Natur, zu der sich auch Herr Moser zählt, schon ganz schön verwirren. Unser Reihenhausgärtchen reifte binnen weniger Wochen vom graubraunen Gestrüpp zur sattgrünen, üppigen Oase. Ein Erlebnis, als würde sich ein zahnloses, kahles Baby zwischen Sonntag und Freitag unter Auslassung der Pubertät zum fertigen, bärtigen Kerl entwickeln. Ich fiel vom Winterschlaf direkt in die Frühjahrsmüdigkeit und von dort sofort in die sommerlichen Hitzeerschöpfungszustände. Der Moser´sche Geist war noch damit beschäftigt, die letzten heimtückischen Frostattacken zu verarbeiten, während der Körper bereits unter der heißen Aprilsonne schwitzte und erste Röstaromen verströmte. Mitten in dieses Klimakterium, in diesen launischen Wechsel der Jahreszeiten, platzte meine robuste Heidi mit der Ankündigung, dass es an der Zeit wäre, die Grillsaison zu eröffnen. Für das Wochenende wären an die 30° und strahlender Sonnenschein vorhergesagt. Während es mir persönlich völlig ausreichen würde, in trauter Zweisamkeit zwanglos ein paar Koteletts auf den Grill zu schmeißen und ein kaltes Bierchen zu zischen, liebt meine Angetraute die Geselligkeit. „Laden wir doch Gerald und Mona ein“, schlug sie vor. Das befreundete Ehepaar genießt bereits seine wohlverdiente Frühpension, reist mehrmals im Jahr durch die Weltgeschichte und zählt zur aussterbenden Spezies der Ansichtskartenschreiber und Souvenir-Mitbringer. Ich willigte ein.

Am verwichenen Sonntag zur Mittagsstunde blickten wir stolz auf unser Werk: Der Tisch im Garten war mit einer sommerlich-floralen Tischdecke mit dazu passenden Servietten gedeckt, die Weingläser poliert, das rustikale Besteck mit den Holzgriffen ordentlich ausgerichtet, die Grillsaucen in allen Farben und Geschmacksrichtungen waren in kleinen Schälchen dekorativ angerichtet, inmitten der Tafel prangte ein Strauß blühender Pfingstrosen. Bratwürste, köstlich marinierte Hühnerbrüstchen und Filetsteaks warteten auf einem Holzbrett auf ihre Veredelung durch die Maillard-Reaktion (eine nicht-enzymatische Bräunungsreaktion, die beim Frittieren, Braten und Grillen von Lebensmitteln zu beobachten ist). Alles war perfekt, nein: schien perfekt! Denn plötzlich, fünf Minuten vor Ankunft unserer Gäste, durchzuckte mich die Erkenntnis: die kroatische Pfeffermühle fehlt!!! „Die kroatische Pfeffermühle!!!“ rief ich zu Heidi mit schreckensgeweiteten Augen. „Waaas?“ zeigte sich die sonst so perfekte und untadelige Gastgeberin ahnungslos. „Mona und Gerald haben uns doch vor ein paar Jahren diese riesige, furchtbare Pfeffermühle aus dem Kroatienurlaub mitgebracht! Einen halben Meter hoch, aus dunklem Holz geschnitzt, mit kleinen Eselsmotiven!! Du weißt schon, wir haben sie nie verwendet! Wo??“ „Keine Ahnung!“ zuckte Heidi mit ihren hübschen, schulterfreien Schultern im brombeerfarbenen, schulterfreien Sommerkleidchen. „Die Mühle muss auf den Tisch, sonst sind sie wieder beleidigt“, erklärte ich, „Erinnerst du dich, wie Mona mit den Augen gerollt hat, als sie gesehen hat, dass wir ihr Zebrabild aus dem Safariurlaub am Klo aufgehängt haben? Sie haben drei Monate nicht mit uns gesprochen. Wo ist die verdammte Pfeffermühle??“ Die Uhr zeigte 12:24, noch sechs Minuten bis zur Ankunft des reisefreudigen Paares.

Heidi begann hektisch in diversen Schubladen herumzuwühlen. „Haben wir nicht eine Lade für schreckliche Geschenke und unnütze Küchengeräte oder so etwas?“ versuchte ich Heidi anzufeuern. „Vielleicht im Abstellraum? Hoffentlich nicht im Keller, da finden wir sie nie!“ „Moser, verschwinde und lass mich suchen. Du machst mich nervös!“ Ich schnappte mir den für Musicalbesuche reservierten Operngucker, versteckte mich bäuchlings hinter den Hainbuchen und spähte den Weg nach vorne zum Parkplatz, um Heidi rechtzeitig die nahende Ankunft der Gäste zu verkünden. Ich hörte meine brave Frau bis in den Garten scheppern und rumoren, als pünktlich um 12:30 Geralds Wagen einbog. „Natürlich mit dem Cabrio, diese Angeber!“ murmelte ich verärgert. „Und pünktlich wie die Maurer. Frechheit!“ Ich krabbelte aus dem Gebüsch, lief zurück ins Haus und schrie flüsternd: „Alarm, sie kommen!! Hast du sie?!“ In dieser Sekunde kam ein riesiger Holzbalken in hohem Bogen auf mich zugeflogen, den ich dank meiner immensen Adrenalinausschüttung behende wie ein Kapuzineräffchen auffing. „War hinter den alten Kochbüchern!“ raunte Heidi. In Windeseile platzierte ich den Pfefferprügel auf dem Tisch, drehte mich um… und da spazierten Gerald und Mona auch schon durch das Gartentor, winkten mit einem Blumenstrauß und einer Flasche Wein und riefen: „Mahlzeit! Wir haben gehört, hier wird heute gegrillt?!“

Als ich Mona freundschaftlich umarmte und zwei Küsschen in die warme Sommerluft hauchte, fiel mein Blick auf den kroatischen Volkskunstpfefferturm, der in der Mitte des Tisches alles eindrucksvoll überragte und Lauf der Jahre des unbeachteten Daseins eine unübersehbare Staubschicht angesetzt hatte. Oh Gott, wie peinlich! Ich trat die Flucht nach vorne an, schnappte mir das corpus delicti und meinte kopfschüttelnd: „Dieser verfluchte Saharastaub! Derzeit ist man nirgends sicher vor dem Wüstendreck…“ Heidi schenkte unseren Gästen reinen Weißwein ein, ich befreite in der Küche die geschnitzten Esel mit einem feuchten Tuch vom Staub. Schließlich landete das Grillgut samt Beilagen auf unseren Tellern, Heidi reichte das Körbchen mit frisch aufgebackenem Ciabatta herum und ich nahm demonstrativ das ungeliebte Monstrum zur Hand: „Eure gute, alte Pfeffermühle… wir lieben sie! Ein Steak ohne frisch gemahlenem Pfeffer schmeckt nur halb so gut.“ Ich drehte oben am holzgeschnitzten Eselskopf und die Mühle gab ein verrostetes Quietschen von sich, das tatsächlich so ähnlich wie ein klägliches Iaa Iaa klang. Unten fielen, kaum wahrnehmbar, ein paar Stäubchen zerfranstes Pfefferschrot auf mein Fleisch. Ich reichte das hässliche Teil an Mona weiter, die es stirnrunzelnd musterte und eine entscheidende Frage stellte: „Wieso eigentlich unsere gute, alte Pfeffermühle?“ „Na, ihr habt sie uns doch aus eurem Kroatienurlaub mitgebracht!“ klärte ich Geralds Frau auf und nahm zufrieden einen Schluck vom kalten Weißwein. „Nein“, rollte Mona mit den Augen. „Erstens waren wir noch nie in Kroatien und zweitens würden wir so etwas Geschmackloses niemals verschenken! Wir haben euch aus Griechenland dieses tolle, geschnitzte Salatbesteck mitgebracht!“ Mit unserem kleinen, schmucklosen Alu-Salatbesteck schaufelte sie sich noch etwas Tomatensalat auf den Teller. „Ja natürlich!“ sprang mir Heidi hilfreich zur Seite. „Wir lieben das griechische Salatbesteck. Es ist gerade schmutzig und im Geschirrspüler!“ „Ach, hattet ihr einen Bauernsalat mit Schafkäse und Oliven zum Frühstück?“ lachte Gerald und verschluckte sich zur Strafe für seinen geschmacklosen Scherz an einem Stück Ofenkartoffel. „Wir haben euer tolles Zebrabild aus Namibia jetzt im Vorzimmer zwischen Spiegel und Schuhschrank platziert. Da kommt es so richtig zur Geltung“, lenkte ich das Thema unauffällig in eine andere Richtung. „Kenia, nicht Namibia“, korrigierte Mona.

Nach dem anstrengenden Grillnachmittag, der eher unterkühlt zu Ende ging, was aber keineswegs am Wetter lag, räumte ich mit Heidi den Tisch ab. Ich reichte ihr die Pfeffermühle und frug: „Wenn sie nicht von Gerald und Mona ist, von wem haben wir das verdammte Ding dann bekommen?“ „Haben wir sie nicht bei unserem Urlaub auf Krk selbst gekauft? Auf diesem kleinen Markt? Du hast die kleinen Esel so süß gefunden!“ Dunkel dämmerte mir etwas. „Lenk nicht vom Thema ab!“ winkte ich ab. „Wo ist bloß dieses griechische Salatbesteck hingekommen?“

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