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Der Praktikant

Als ich heute Morgen die heiligen Hallen unserer Fischkonservenfabrik enterte, drang mir das markante Stimmorgan unserer Putzperle Editha durch Mark und Bein: „Guten Morgen, Cherr Mosääär! Wieder zurick aus Urlaub! Scheeen!“ Die Ukrainerin wirbelte den feuchten Wischmopp durch die Luft, stürmte auf mich zu und tätschelte mir nach Großmutter-Art in die Wange: „Ist wieder in Biro, mein gutes Cherr Mosäär. Hab ich Freide!“ Überwältigt von so viel Herzlichkeit  drückte ich ihr ein Plastiksackerl, prall gefüllt mit Cocktailtomaten, in die Hand. Eigentlich wollte ich mich damit bei unserer Direktorengattin Svetlana Pfotenhauer einschleimen, aber Editha war der Gabe aus unserem Garten natürlich ebenfalls mehr als würdig. Immerhin hält sie im Rahmen ihrer aufopfernden Wischtätigkeit in der Führungsetage Augen und Ohren offen, um mich mit brandheißen Betriebsinterna zu versorgen. Und auch heute hatte sie Neuigkeiten für mich: „Kommt am Montag a Praktikant, Ferienpraktikant. Soll riechen in Fischgeschäft fir eine Woche. Hab ich gehert wie Präsident Pfotenhauer hat telefoniert.“ Editha ließ eine Cocktailtomate zwischen den Zähnen zerplatzen, stöpselte die Kopfhörer ihres Smartphones ein, rief mir ein lautes „Jetzt Werbung, dann Frihstickspause!“ zu und verschwand Richtung Herrentoilette, wo sie offiziell ihrer beruflichen Tätigkeit nachgeht, inoffiziell aber mit großer Wahrscheinlichkeit einen Joint durchzieht.

Im Büro fuhr ich den Computer hoch und schenkte mir eine Tasse von Heidis Kaffee aus der Thermoskanne ein. Die Mailbox zeigte 329 ungelesene Nachrichten an. Ich seufzte. Verdammter Urlaub. Irgendwie fühlte ich mich noch nicht bereit für das harte Fischkonservengeschäft. Ich öffnete das Fenster, warf einen Blick auf Cernys unaufgeräumten Schreibtisch (der ungeliebte Kollege befindet sich gottlob noch in den Ferien) und in den Kühlschrank, wo eine Packung Milch ihr Ablaufdatum um drei Wochen überschritten hatte. Nachdem ich kurz geschnuppert hatte, stellte ich sie angewidert zurück in die Kühlung und entschied, meinen Kaffee heute ausnahmsweise schwarz zu trinken. Ich fischte die Tageszeitung aus meiner schweinsledernen Aktentasche, überflog die üblichen Horrormeldungen, blätterte zum Sport und schließlich zur Rätselseite.

Bling! 330 ungelesene Nachrichten. Absender: Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer. Nichts Gutes ahnend öffnete ich die Mail. Nachdem er einleitend seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass ich einen erholsamen Urlaub verbracht habe und nun „in alter Frische zur Tat schreite“, kam er zum Wesentlichen: Ab kommenden Montag, den 27. August, wird ein junger Maturant ein Schnupperpraktikum in unserer Manufaktur absolvieren. Da ich Ihren Fleiß und Einsatz, sowie Ihr jahrzehntelanges Know How sehr schätze, habe ich beschlossen, den jungen Mann Ihnen, lieber Herr Moser, zur Seite zu stellen. Er wird 1 Woche an Ihrer Seite sitzen, beobachten und lernen, welchen Tätigkeiten Sie als Abteilungsleiter in der Administration so nachgehen. Mfg, Dir. Pfotenhauer  

Mit einem Klick löschte ich die Nachricht und widmete mich wieder meiner Zeitung. Ich hoffe, der Typ kann Sudoku.

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Urlaubssperre

Die Fischkonservenfabrik und das Moser´sche Reihenhaus bleiben urlaubsbedingt in den nächsten Wochen geschlossen! Herr Moser und seine liebe Gattin Heidi legen sich auf die faule Haut und verbringen ihre Sommerfrische in der grünen St. Eiermarkt. Üppig frühstücken, im Wald Schwammerl pflücken, lesen, die Seele baumeln lassen, ab und an eine Prise Kultur. Leben.

Ich wünsche allen Lesern und Freunden eine erholsame Sommerzeit! Bis irgendwann im Herbst. Herzlichst, Ihr Herr Moser.

Sommergespräche

Heute gab es für die Schüler in Wien, Niederösterreich und im Burgenland ihre jährliche Leistungsbeurteilung, früher auch Zeugnis genannt, und die meisten der Kollegen mit schulpflichtigem Nachwuchs haben sich gleich in die Ferien verabschiedet. In unserer sonst so emsigen Konservenmanufaktur ist es urlaubsbedingt sehr ruhig geworden. Auch Cerny, obwohl meines Wissens  kinderlos, ist bereits ausgeflogen. Er trainiert seine Lungen und Beine auf Teneriffa, möchte womöglich auf den Vulkan Teide rennen, um im nächsten Jahr beim Vienna City Marathon zu brillieren. Nur noch wenige Damen und Herren der Belegschaft dünsten und dösen in ihren Büros vor sich hin, darunter auch ihr Herr Moser. Ich liebe diese entschleunigte Zeit, ohne lästige Meetings, ohne nervtötendes Gequatsche von Cerny. Auch das Direktorenpaar Svetlana und Mag. Erwin Pfotenhauer hat sich auf seine Segelyacht in Kroatien zurückgezogen. Ein lebhaft auffrischender Nordwestwind hat die brütende Schwüle aus der Stadt vertrieben, ab und an schiebt sich sogar ein Wölkchen vor die Sonne. Es lässt sich also aushalten und gut gelaunt flanierte ich heute Vormittag über die Gänge.

Auf der Herrentoilette traf ich unsere liebenswerte Putzperle Editha. Sie war ausnahmsweise nicht mit einem Joint beschäftigt, sondern streute kleine, weiße Kugeln in die Urinale. „Challo Moser!“ rief sie erfreut. „Challo Editha! Wie geht´s? Gut dass ich Sie treffe. Ich wollte Sie etwas fragen: Was erzählt man sich in der Belegschaft über meinen Vortrag in Guatemala? Haben Sie etwas gehört?“ Die fleißige Frau aus der Ukraine rieb Daumen und Zeigefinger aneinander und meinte: „Morgen ist 1. von Monat…“ Ich drückte ihr den  monatlichen Obulus in die Hand, den sie für ihre kleinen Spionage- und Informationsdienste von mir erhält. „Also, was sagen die Leute? Vortrag war gut??“ frug ich gespannt. Editha ließ den Schein in ihrer Kittelschürze verschwinden, rollte mit den Augen und kicherte: „Leite sprechen, Moser macht er super Referat, isser aber bissi verrickt! Kommt in buntes Indianergwandl…“ „Mein Koffer war vermisst!“ warf ich entrüstet ein. „Und Moser vielleicht war krank, schreit er viel, schwitzt, reißt Augen auf, schüttelt Faust wie friher Klaus Kinski. Kennst du Fitzcarraldo?“ „Ja, nein! Was? So reden die Kollegen? Ich hätte mich aufgeführt wie Kinski???“ „Ich nur sagen, was Leite sprechen in Biro iber Moser in Guatemala. Sehr viel Emotion in Vortrag. Spricht er iber Heringdosen wie von Ibernahme von Weltherrschaft oder Heilung von Krebs. Isser verrickt, Moser? Einer fliegt iber Kuckucksnest?“ Editha sah mich unschuldig an.

Hatte ich mich in meinen Guatemala-Vortrag tatsächlich derart reingesteigert, dass man heute über mich sprach wie über Kinski und Jack Nicholson, diese Verrückten? Das musste ich erst verdauen und wechselte das Thema. „Danke, Editha. Schon gut. Wann fahren Sie auf Urlaub? Und wohin?“ Sie zog eine traurige Grimasse und schluchzte: „Kein Urlaub, nix Radio Holiday. Ohne Moos nix los. Bleib ich in Balkonien, hab aber auch kan Balkon. Bin staatenlos.“ Die herzensgute Frau tat mir plötzlich sehr leid und spontan kam mir eine Idee: „Wollen Sie kommen zu uns putzen? Einmal in der Woche? In Reihenhaus? Fenster putzen, Rasen mähen und so Sachen?“  Schlagartig hellte sich die Miene der Ukrainerin auf: „Frauentausch? Ja, komme ich. Jeden Freitag nachmittag, 25 Juro in Stunde. Einverstanden?“ Rasch überschlug ich im Kopf die monatlichen Ausgaben für Edithas Putz- und Geheimdienste und riss die Augen auf: „Waaas? Wollen Sie auf meine Kosten in die Karibik fliegen? Da muss ich erst mit Frau Moser reden…“ rief ich vielleicht eine Tonlage zu laut und zu hoch. „Gut, du sprechen. Schenes Wochenende, Herr Kinski!“ Editha schlurfte davon.