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Babylon Wien

Bei grandiosem Herbstwetter bestiegen wir heute Vormittag den tomatenroten Spanier und düsten zu unserem zuständigen Bezirksamt,  um das derzeit aufliegende Frauen-Volksbegehren mit unserer Unterschrift zu stärken. „Gleiches Recht für alle! Gleicher Lohn für gleiche Arbeit! Brüder und Schwestern aller Länder vereinigt euch! Schwerter zu Pflugscharen!!“ rief ich Frau Fallnbügel, dem braven Bäckersweib, die uns selbst am heiligen Sonntag mit frischen Semmeln und Kipferln versorgt, im Vorbeifahren aus dem offenen Autofenster zu und reckte dabei die Faust in den lauen Fahrtwind. Sie winkte freundlich zurück: „Bis 11:30 ist noch geöffnet!“ „Die Abstimmungslokale?“ „Nein, die Bäckerei!“ „Wir kämpfen für Ihre Rechte, geschundene Bäckerin!!“ Heidi gab Gas.

Im Foyer des imposanten Bezirksamtes verkündete ein Aufsteller: Eintragung zum Volksbegehren im 4. Stock, Zimmer 400. Auf der Suche nach einem Fahrstuhl landeten wir schließlich in der Portiersloge, wo ein kleines Männchen, dem sein gewaltiger Schnauzbart wie ein grauer Bumerang unter der Nase hing, soeben herzhaft in eine Schnitzelsemmel biss. „Wo finden wir den Aufzug? Wir müssen ganz nach oben, zum Frauenvolksbegehren“ frug meine emanzipierte Gattin. „Aupfa Beliieb!“ mampfte der Concierge. „Pfu Fuuf üba Trppe.“ Irgendetwas in mir zerbrach. „Außer Betrieb?! Zu Fuuuß?? In den 4. Stock??“ rief ich ungläubig und zeigte mit dem dafür vorgesehenen Finger ganz nach oben. Der Portier nickte so heftig, dass sein Schnauzbart bebte. „Schikane! Skandal!“ schrie ich, und „Sie wollen doch gar nicht, dass wir unterschreiben und den Frauen zu ihrem Recht verhelfen! Das ist Amtsmissbrauch, Behinderung der Bürger und Bürgerinnen!“ Heidi schob mich sanft, aber bestimmt durch die gläserne Schwingtür.

Keuchend und mit brennenden Lungen kamen die MoserInnen nach schier endlosem Aufstieg im Volksbefragungsstockwerk an. Torkelnd stolperte ich dem Wachposten vor Zimmer 400 in die starken Arme und röchelte mit pfeifender Lunge: „Wasser, bitte!“ Stoisch antwortete er: „Im 1. Stock ist ein Getränkeautomat.“ „Aaaahhh!“ Ehe ich dem amtlichen Türsteher an die Gurgel springen konnte, verblüffte mich Heidi mit einem ungewöhnlichen Vorschlag: „Moser, unterschreiben wir doch auch gleich das Anti-Raucher-Volksbegehren für ein totales Rauchverbot in der Gastronomie. Vielleicht fällt es uns dann leichter, den blöden Glimmstängeln abzuschwören. Wir wollten doch ohnehin schon längst mit dem Rauchen aufhören, setzen wir ein Zeichen!“ Kraftlos gab ich mich geschlagen, und wir unterschrieben für mehr Frauenrechte und gegen das Rauchen in öffentlichen Lokalen. Im Auto schnallte ich meinen geschwächten Körper an den Beifahrersitz und zündete mir eine Zigarette an. „Fühlt sich gut an, das Richtige getan zu haben“, tat ich kund. Moralisch gestärkt ließ ich mich von Heidi heim ins Reihenhaus chauffieren.

Gute Taten machen hungrig und so gönnten wir uns anschließend ein knuspriges Backhendl auf herbstlichen Blattsalaten mit Kürbiskernöldressing. Anschließend startete ich den Laptop, um ein wenig in euren Beiträgen zu schmökern und sie mit einem Gefällt mir-Sternchen auszuzeichnen, oder auch nicht. Vielleicht würde ich auch selbst eine kleine Geschichte darüber verfassen, wie Herr und Frau Moser von ihrem demokratischen Recht der Volksabstimmung vorbildlich Gebrauch machten. Ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten warf ich noch einen Blick auf meine Blog-Statistiken, und machte dabei eine erstaunliche Entdeckung: Mein banaler Beitrag vom Frühsommer, wo ich unter dem Titel „Urlaubssperre“ verkündet hatte, mit meiner Heidi in die schöne Steiermark verreisen und meinen Blog über den Sommer ruhen lassen zu wollen, erhielt mehr Zuspruch als alle haarsträubenden und (irr)witzigen Geschichten im Herbst – 65 Likes (Stand 7. Oktober 2018)! Das ist zwar nur unwesentlich mehr als mein sonst üblicher Durchschnitt von 55 bis 60 Beifallsbekundungen, aber immerhin. Ich verfiel in tiefe Selbstzweifel. Sorgt die Nachricht, dem geneigten Leser über mehrere Wochen keinen neuen Lach- und Lesestoff liefern zu wollen, für mehr Applaus als meine Geschichten über Wodka Maggi, kunstvoll bestückte Wäscheständer, über Cernys Übersiedlung, Rasenroboter oder Benjamin Blümchen??! Grübelnd horchte ich in mich hinein, doch es war niemand zu Hause.

Frustriert klappte ich den Laptop zu und wollte mir mit Heidi die verpassten Folgen von Babylon Berlin in der Mediathek ansehen. Beim ORF beschied man uns, dass dieses Video für Jugendliche nicht geeignet sei und daher nur zwischen 20:00 und 06:00 abgerufen werden könne. Es war 16:20 und wir haben nicht mal Kinder oder Jugendliche im Haus. Im Kanal der ARD konnte die Serie ebenfalls nicht gezeigt werden, weil der Inhalt für Ösis nicht zugänglich ist. Irgendwas mit Geo-Blocking oder so. „Das ist Europa, das ist die EU? Zensur statt Medienvielfalt und Freiheit?!“ entrüstete sich meine Angetraute zu Recht. „Wir stimmen für mehr Frauenrechte, für Gleichbehandlung und für das Rauchverbot in der Gastronomie – und zum Dank verbietet man uns das sündteuer und aufwendig produzierte Serien-Event Babylon Berlin?!“ Das demokratische Hochgefühl vom Vormittag war verflogen. Ich überlege, in meinem nächsten Beitrag unter dem Titel „Herbstferien“ eine Blogpause anzukündigen. Ich muss eine Volksabstimmung zum Thema Zensur und Geo-Blocking vorbereiten.

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