Schlagwort-Archive: Weihnachten

Das letzte Gefecht

Samstag Morgen, the Day before Christmas. Die liebe Heidi drückte mir eine dicht beschriebene A4-Seite in die Hand und meinte: „Beeil dich, es ist schon spät!“ Die Uhr zeigte 9:21. „Was ist das?“ „Der Einkaufszettel! Vergiss nichts und trödel nicht!“ Aha. Ich war also dazu bestimmt, die Nahrung für die kommenden Feiertage herbeizuschaffen. Aber gut, so ist das Leben. Der Mann geht auf die Jagd, die Frau hütet das Feuer. In unserem Fall bedeutete dies, Heidi reinigt die Dunstabzugshaube und das Backrohr, ich arbeite im Supermarkt die elendslange Liste ab. An einem Samstag vor Heilig Abend.

Im Lebensmittelmarkt unseres Vertrauens herrschte wie erwartet Krieg. Die Reihen der drahtigen Einkaufswagen waren bereits stark gelichtet, als ich kurz vor 10 beim Einkaufstempel eintraf. Beherzt schnappte ich mir gegen 1,- Euro Pfand einen der letzten verbliebenen, klapprigen Streitwagen und stürzte mich in die Schlacht. Vorsorglich hatte ich mir meine spitzesten Stiefel und jene nietenbesetzte Lederjacke angezogen, die ich normalerweise nur bei den seltenen Rockkonzerten meines Bruders Bertl anlege. Ich klappte das Visier  meines imaginären Kampfhelmes herunter und begab mich ohne Rücksicht auf Verluste in die Brotabteilung. Auf Position 1 des Einkaufszettels stand Baguette. Verbissen kämpfte ich mich vor bis zum Korbständer mit den französischen Stangenbroten, schnappte mir eines, rief „Touché!“ und galoppierte weiter zum Obst & Gemüse. Dass es ein Zwiebelbrot war, bemerkte ich erst als ein etwa dreijähriger Junge davon abbiss, während ich nach kernlosen Weintrauben suchte. Der Bub spuckte das Brot auf den Boden, rief „Bäääh, Zwiebel!“ und boxte seine Mama in den Wintermantel. Eine Rückkehr in die Brotabteilung erschien mir zu gefährlich, dort tobte inzwischen ein Krieg um die letzten Semmeln. Eine mutige Verkäuferin warf sich auf einen alten Fettwanst, der drauf und dran war, eine junge Frau mit einem Salzstangerl zu erstechen. Ich ignorierte die Hilfeschreie und schlug mich zur Milchabteilung durch. Mascarpone, Schlagobers, Kakao, Milch, Naturjoghurt, Sauerrahm, Eier, Schnittkäse lautete mein Marschbefehl und ich war zutiefst entschlossen, meinen Auftrag erfolgreich auszuführen. Zentimeter für Zentimeter kämpfte ich mich Richtung Kühlregal, als eine resolute Dame mit Wollhaube den Rechtsvorrang missachtete und mir mit Karacho in den Streitwagen preschte. Sie entschuldigte sich mit Hoppala! und wollte wissen, wo das Backpulver steht. Ich schickte sie ohne schlechtes Gewissen in den Gang mit Gewürzgurken, und schnappte mir triumphierend die letzte Packung Mascarpone, räumte 5 oder 6 Liter Milch und alles, was irgendwie nach Joghurt, Rahm und Schlagobers aussah, in den Wagen. Ich war gut unterwegs, der Wagen bereits dreiviertel gefüllt und ich hatte nur noch Weißwein, Sekt, Cola Zero und Tiefkühl-Pommes auf der Liste.

Vor dem Alkohol-Regal stritt ein Ehepaar darum, ob man sich an Heiligabend lieber mit Gin oder mit Wodka die Kante geben sollte; eine ältere gehbehinderte Dame räumte mit ihrem Krückstock die Aktions-Rotweine ab, ein robust wirkender Mann mit Vollbart im Gesicht und einer Palette Vollbier auf der Schulter hatte es offenbar eilig und kommentierte das Missgeschick mit „Geh schleich di!“. Die Supermarktradiosprecherin verkündete mit gefällig weicher Stimme, dass heute Damenbinden im Angebot seien und  sie uns weiterhin viel Spaß beim Einkaufen wünsche. Ich schnappte mir zwei Packungen Binden (2+1 gratis! Ein kleines Bonus-Weihnachtsgeschenk für Heidi konnte nicht schaden) und steuerte zur Kassa. Ein letzter Blick auf Heidis A4-Liste, nur so zur Sicherheit. Alles da. Mehr beiläufig als gewollt drehte ich den Zettel um und bemerkte, dass auch noch die halbe Rückseite beschrieben ist. Ich verspüre unweihnachtliche Gefühle und kämpfe mich gegen den Strom zurück in die Gemüseabteilung. Salatgurke, speckige Kartoffel, rote Zwiebeln. Na gut, ich bin der Mann und beschaffe die Nahrung.

Zu Hause räumte Adelheid, die inzwischen auf eine blank blitzende Küche verweisen konnte, die Einkäufe aus, während ich erschöpft und stolz auf die Verleihung des Shopping-Ordens 1. Klasse am goldenen Band pochte. „Und wo ist der Kabeljau?“ frug mein Eheweib leicht entsetzt. „Stand nicht auf der Liste!“ „Aber du weißt doch, dass ich den Weihnachtsfisch beim Fischhändler vorbestellt habe! Jetzt aber schnell, der sperrt zu Mittag!“ Die Uhr zeigt 11:45. Keine Minute später saß ich in unserem tomatenroten Flitzer. Während ich unserem Fischdealer mein letztes Bargeld in die Hand drückte, klingelte das Handy. Heidi. „Moser, beim Lotto gibt es einen 6-fach Jackpot, zum ersten Mal in Österreich! Geh, spiel doch einen Schein. Vielleicht haben wir Glück!“

Vor der Lotto-Annahmestelle hatte sich eine Schlange gebildet, die bis zur Bäckerei zurück reichte. Offenbar hatten mehrere Menschen die Idee, den Gabentisch durch die Glücksfee ein wenig auffetten zu lassen. Ich las die Tageszeitung inklusive Kleinanzeigen, kaufte mir in der Bäckerei eine Cremeschnitte und hoffte, dass der Fisch die Warterei unbeschadet überstehen würde. Nach knapp 30 Minuten drehte sich die Dame vor mir um und fragte: „Was machen Sie mit den vielen Millionen, falls Sie gewinnen?“ Ich antwortete ohne zu überlegen: „Ich leiste mir einen persönlichen Butler, der alle Weihnachtseinkäufe für mich erledigt!“

Advertisements

Jólabókaflóð

Bei Herrn Moser stehen die Dezembertage bis Weihnachten ganz im Zeichen der Adventkalender. Zu Beginn des täglichen Türchen-Marathons lüfte ich zwischen Schlafzimmer und Kaffeemaschine die geheimnisvollen Überraschungen unserer vier Kalender – ein Mini-Tütchen Chips aus dem Kelly´s Adventkalender, eine kleine Praline aus dem süßen Kalender eines Confiserie-Herstellers, eine selbstgebastelte Überraschung aus Heidis 24 Wundertütchen, und ein Bildchen im klassischen Kalender. Im Büro folgt noch vor dem ersten Kaffee Nummero 5, ehe ich mich an die diversen virtuellen Türchen und Fensterchen meiner lieben Bloggerfreunde mache. Wer auf sich hält, bietet seinen Lesern und Abonnenten in der Vorweihnachtszeit nämlich  einen Adventkalender an. Da gibt es Zitate aus Songtexten, witzige Bastelbögen, Filmtipps, geschmackvolle Keksrezepte, Gereimtes und Ungereimtes, Buchempfehlungen, tolle Fotos oder knifflige Rätsel. Es war 10:24, als ich heute auf meinem Smartphone das letzte Türchen öffnete und mit einem „Gefällt mir“ entsprechend würdigte. Erschöpft vom Kalendermarathon kippte ich die Lehne meines Bürodrehstuhls nach hinten, und im selben Augenblick schlossen sich meine Augen. Bin ich eine Puppe?

Vor meinem müden, geistigen Auge tanzten blühende Weihnachtssterne, Vanillekipferln und die aktuellen Buchneuerscheinungen in einer glitzernden Schneelandschaft zu „Jingle Bells“. Als Bücherwurm und Leseratte bin ich auch ein ambitionierter und engagierter Bücherschenker. Ich liebe es Bücher zu verschenken, und damit im Elektronik- und Gutscheinzeitalter ein bibliophiles Zeichen zu setzen. Ich bin ein häufiger und wohl gelittener Gast im On- und Offline-Buchhandel, stöbere mit Begeisterung in den Bücherbergen, und kann mich dabei in einen Thriller, in eine Biografie oder ein interessantes Sachbuch durchaus schockverlieben. Manchmal gerate ich in einen wahren Kaufrausch, sodass ich schon vermutete, im Grunde meines goldenen Wienerherzens eigentlich ein Isländer zu sein. Denn in und auf Island sind zur Weihnachtszeit drei Dinge omnipräsent: Bücher, Schnee und Schokolade. Alles begann vor etwa 75 Jahren: Im Zuge des Zweiten Weltkriegs wurde Island 1940 von den Alliierten besetzt, da der Inselstaat über kein eigenes Militär verfügte. Aus der grundsätzlichen Importnot, die in dieser Zeit vorherrschte, machte Island schnell eine Tugend: Man baute die heimische Buchproduktion aus. Wann immer ein Geschenk oder eine Freizeitbeschäftigung gesucht wurde, waren Bücher die Lösung. So arbeiteten 1950 beispielsweise zehn Prozent der Bevölkerung Reykjaviks in der Buchbranche.

Und auf genau diese Entwicklung geht die Jólabókaflóð, so der Name für die isländische Bücherflut zur Weihnachtszeit, zurück. Auch heutzutage schenkt man sich an Heiligabend nämlich vor allem Bücher … Bücher und Schokolade, um genau zu sein. Während der Nachmittag und der Abend noch ausgesprochen gesellig ablaufen, indem man gemeinsam isst und plaudert, wird nach der Bescherung und über Nacht ausschließlich gelesen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass der gesamte isländische Winter im Zeichen der Literatur steht: Fast alle Buch-Neuerscheinungen des Jahres werden zwischen dem frühen Oktober und Mitte November publiziert – und um eine entsprechende Übersicht zu bieten, druckt der Staat alljährlich einen Bücherkatalog, den Bókatíðindi, der alle Novitäten vorstellt. Das Besondere: Dieser Katalog wird kostenlos an sämtliche Haushalte des Landes verschickt! Ich finde dies sehr sympathisch und sinnvoll.

Leider hat das Bücherschenken bei Herrn Moser einen entscheidenden Nachteil: Die Beschenkten kommen nur in den seltensten Fällen in den Genuss der liebevoll ausgesuchten Werke. Ich kann nämlich meine Neugier nicht zügeln, und lese mich bereits vorab in die gedruckten Weihnachtsgaben ein. Sobald mich das Gelesene einigermaßen fesselt, verspüre ich auch den Wunsch, das Buch zu besitzen, sodass die frischerworbene Literatur häufig in meinem Bücherregal anstatt unter dem Weihnachtsbaum landet.

Langsam erwachte ich wieder aus meinen Bücherträumereien, kippte mit der Bürostuhllehne nach vorne, sodass sich meine Augen automatisch öffneten (Ich bin doch eine Puppe!). Mein Blick fiel auf Cerny. Sollte ich dem ungeliebten Kollegen zu Weihnachten auch etwas schenken?? Warum nicht. Der neue Roman von Joachim Meyerhoff „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ würde mich interessieren. Soll ziemlich gut sein. Ich bin schon gespannt.

Völlerei

Die Tage von Weihnachten bis Silvester sind im Hause Moser ein kulinarischer Marathonlauf. Nach dem opulenten Festmahl am Heiligen Abend lud meine liebste Schwiegermutter Inge am 25. Dezember in ihr stilsicher weihnachtlich geschmücktes Heim zum Fondue. Der Tisch bog sich unter der Last der Köstlichkeiten, und Inge schleppte immer neue, in mundgerechte Happen zerteilte Filetstücke herbei. Der Tierbestand eines ganzen Bauernhofs (Rind, Kalb, Schwein, Huhn) lag bereit, um von uns aufgespießt und in Öl gebrutzelt zu werden. Dazu gab es eine Auswahl von Saucen, die jedem Supermarkt zur Ehre gereicht hätte, sowie Brot und Gebäck in allen Farben, Formen und Getreidesorten. Von der Vielzahl an Salaten ganz zu schweigen. Wir griffen tüchtig zu und die Schwiegermama war glücklich. Mit ihrem neuen Smartphone, das ihr das Moser´sche Christkind unter den Weihnachtsbaum gelegt hatte, dokumentierte sie aus allen Blickwinkeln unsere zufriedenen Gesichter, unsere fettglänzenden Münder und das üppige Speisenangebot. Beim Nachtisch hatten wir die Wahl zwischen ihren cremigen Malakoffschnitten und Topfenpalatschinken. Um uns die Entscheidung zu erleichtern, belud Inge die Dessertteller sicherheitshalber mit beiden Süßspeisen.

In ähnlicher Tonart ging es tags darauf bei Heidis alter Freundin Anni weiter. Sie befüllte das Festtagsgeschirr für besondere Anlässe mit handgemachter Pasta, die von ihrer Lieblingsspezialsaucenkreation (Schinken, Pilze, Parmesan, getrocknete Tomaten, Sahne) gekrönt wurde. Ihr Göttergatte Herbert zeigte sich für den Wein zuständig: „Was darf ich euch anbieten? Rot oder weiß? Herb, säuerlich, fruchtig, lieblich? Aus Österreich, Italien oder Frankreich?“ Dabei räumte er eine ganze Batterie an Flaschen aus seinem klimatisierten Weinschrank und baute sie vor uns auf.  Wir kamen nicht zu Wort, um unsere Wahl kundzutun, denn Herbert pries seinen Wein an wie ein Fischhändler seine Ware am Naschmarkt. Unter Einsatz seines gesamten Fachvokabulars (lieblich im Abgang, mit Aromen von Feige und Beeren, im Barrique ausgebaut usw.) beschrieb er die diversen Jahrgänge und Rebsorten, ehe ich ihn unterbrach und entschlossen auf eine x-beliebige Flasche zeigte: „Diesen bitte, der sieht gut aus!“ Natürlich blieb es nicht dabei, und der Abend endete einige Liter später bei einer süffigen Trockenbeerenauslese zum Schokobrunnen. Am Dienstag luden meine werten Eltern zu Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln, mit einer Erwachsenenportion Sachertorte zum Abschluss. Und gestern haben wir bei unseren Nachbarn, den Kalteneggers, rund 3,4 Kilogramm selbstgebackene Weihnachtskekse verputzt.

Heute Nachmittag tüftelte ich mit Heidi die Einkaufsliste für Silvester aus: Räucherlachs, Kaviar, Heringssalat, Kartoffelchips und andere Knabbereien, Toastbrot, Aufstriche aller Art, Wein, Sekt und vieles mehr. Ich fühlte ein heftiges Sodbrennen, meine neuen Jeans spannten um den Bauch bedenklich. Ich öffnete den obersten Hosenknopf und sagte: „Nächstes Jahr sollten wir zu den Feiertagen etwas kürzertreten, ich hab sicherlich schon 3 Kilo zugenommen…“ Adelheid blickte kurz von der Einkaufsliste auf und meinte: „Wir nehmen nicht zwischen Weihnachten und Neujahr zu, sondern zwischen Neujahr und Weihnachten!“

Ich dachte kurz über die klugen Worte meiner lieben Frau nach und sagte: „Ach Heidi, du hast ja so recht!“ Dann schnappte ich mir einen Schoko-Schirm von der weiß geschmückten Tanne und biss genüsslich hinein.

Verpackungskünstler

Zeitlebens stehe ich mit Verpackungen auf Kriegsfuß. Ich verstehe einfach nicht, warum es die oberschlauen, hochbezahlten Designer und Produktentwickler nicht schaffen, kundenfreundliche und leicht zu öffnende Verpackungen zu kreieren. Bereits 1980 machte der großnasige Blödler Mike Krüger mit seinem Song „Der Nippel“ auf diesen skandalösen Umstand aufmerksam („Ich konnte gerade lesen, da kam ich auch schon drauf: Fast alles ist heut eingepackt, man kriegt es sehr schlecht auf“) – der Song kletterte zwar in die lichten Höhen der Hitparade, die Verpackungsindustrie zeigte sich davon leider unbeeindruckt. Und so ziehen wir 36 Jahre später noch immer den Nippel durch die Lasche und drehen mit der kleinen Kurbel ganz nach oben.  Zellophan, Hartplastik, kreative Schraub- und Ritsch-Ratsch-Verschlüsse sind natürliche Feinde von Herrn Moser. Als ich meine geliebte Heidi unlängst mit Bratkartoffeln, Spinat und Spiegelei überraschen wollte, ergriff sie schreiend die Flucht. Denn aus der Küche kam ihr ein grünverschmierter, wütend brüllender Hulk mit Schaum vorm Mund entgegen, in der einen Hand ein spitzes Steakmesser, in der anderen eine zerfetzte Packung Tiefkühlspinat. Der unermessliche Erfindergeist der Menschheit kann Roboter zum Mars schicken und uns mittels Satelliten von der Wurzelgasse in Klein-Hintertupfing zum Roten Platz in Moskau lotsen, aber gefrorenes Gemüse deppensicher zu verpacken ist offenbar ein unlösbares Problem.

Ich bin aber nicht nur ein ungeschickter Auspacker, sondern auch ein miserabler Einpacker. Ganz anders als meine kreative Schwägerin Susi, der Christo unter den Geschenke-Verhüllern. Sie zaubert mit Bändern, Schleifchen, Zweigen und ein bisschen Flitter wahre Kunstwerke. Ich hingegen fürchte alljährlich den Weihnachtsgeschenkeeinpacktag, da meine Päckchen aussehen als hätte sie ein Schimpanse im Vollrausch eingewickelt. Bei der Auswahl meiner Geschenke achte ich penibel darauf, dass sie glatte, quadratische oder rechteckige Formen haben, damit ich überhaupt eine Chance habe. Sperrige, unhandliche Geschenke scheiden bereits im Vorfeld aus.

Heute vormittag war es wieder soweit. Ich wollte mich mit meinen Gaben, zwei Rollen buntem Weihnachtspapier und Klebeband in mein Arbeitszimmer zurückziehen. „Spielst du Christkind?“ zwinkerte mir Adelheid zu. Ich zwinkerte verschwörerisch zurück und pfiff mit spitzen Lippen die englische Version von „Stille Nacht“ (Silent Night). „Warte“, sagte Heidi. „Ich hab eine neue Schere gekauft, die alte hast du beim Öffnen der IKEA-Regal-Verpackung zerstört.“ Sie drückte mir eine nagelneue und wahrscheinlich sehr scharfe Schere in die Hand, bombensicher und unzerstörbar in Hartplastik eingeschweißt.

Fröhliche Weihnachten und fetzten Sie das Geschenkpapier nicht achtlos und gierig von den Päckchen! Gehen Sie sorgsam und respektvoll mit der Verpackung um, sie hat einigen Menschen vielleicht Blut, Schweiß und Tränen gekostet.

 

Wie war Weihnachten?

Auch wenn ich mit amerikanischen Weihnachtsbräuchen sonst nichts an der Pelzmütze habe und mit meiner lieben Gattin Heidi die hiesigen Traditionen pflege, gebe ich gerne zu: Die swingenden Christmas-Songs aus den USA versetzen mich in den letzten Wochen des Jahres immer wieder in unbeschwerte Vorfreude auf das nahende Fest. Wenn ich die Schlittenglöckchen bimmeln höre und Dean Martin mit seinem schmalzigen Timbre das Winterwonderland besingt, wenn Frank Sinatra Have yourself a merry little Christmas wünscht oder Blue Christmas von Elvis ertönt, dann, ja dann wird auch dem knallharten Abteilungsleiter Moser warm ums Herz. Dieser locker-flockige X-mas Sound ist ein trefflicher Begleiter beim Kekse backen, beim Verpacken der Geschenke oder beim Schmücken des Christbaumes.

Und dann die schrecklichen Nachrichten aus Berlin, der unfassbare Anschlag, die Todesfahrt eines LKW auf dem Weihnachtsmarkt. Ob diese irre Tat im Namen Allahs geschah und wieder auf das Konto der verblendeten Mörder des IS geht, ist zum jetzigen Zeitpunkt (20. Dezember, 11:40) zwar noch nicht offiziell, aber falls es so etwas wie eine Hölle gibt: Mögen all diese feigen Attentäter und ihre Drahtzieher in selbiger schmoren bis in alle Ewigkeit. Mögen sie das Leid, die Trauer und den Schmerz der unschuldig betroffenen Menschen tausendfach in ihren harten Herzen spüren bis in alle Ewigkeit. Amen. Das wünsche ich mir, ganz unchristlich.

Zeit des Innehaltens und Nachdenkens, wie es um unsere Welt bestellt ist. Als wäre dieser ganze Terror-Wahnsinn nicht schon schlimm genug, sind solche Attentate Wasser auf die Mühlen der erstarkenden Rechtspopulisten in Europa. Sie werden wieder Angst und Zwietracht in die Köpfe pflanzen, denn schließlich sind in ihren Augen die bösen Muslime, die Flüchtlinge, die Ausländer ganz allgemein für die Gräueltaten verantwortlich. AfD, FPÖ, Front National und ihre dumpfen Konsorten werden weiter fleißig daran arbeiten, damit die Menschen ihre Herzen mit dicken Mauern gegenüber allem „Fremden“ verschließen. Die Spirale von Gewalt und Hass wird sich weiter drehen. Quo vadis, terra?

Bei solchen Fragen und Gedanken kommt mir ein ganz besonderes Weihnachtslied in den Sinn. Es stammt von dem leider viel zu früh verstorbenen, und von mir sehr verehrten Wiener Künstler und Liedermacher Georg Danzer und trägt den Titel „Wie war Weihnachten?“ Wenn Sie es nicht kennen, nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und hören Sie genau hin. Und falls Ihnen der Song schon bekannt ist, hören Sie wieder rein.

Meine kleinen Geschichten erscheinen in diesem Blog ja unter der Rubrik „Der tägliche Wahnsinn“. Und mir kommt vor, als hätte der Titel nie besser gepasst. In diesem Sinne wünschen Ihnen Herr und Frau Moser ein friedliches Weihnachtsfest in Glück und Gesundheit. Möge sich die Vision von Georg Danzer niemals erfüllen.

Oh Tannenbaum!

Meine liebe Adelheid ist ja eine überaus kreative Frau Moser. Sie hat ein Auge für das Schöne, das Dekorative, das Gefällige. Auch der Christbaum in unserer warmen Reihenhaus-Stube wird von ihr nicht achtlos mit bunt gewürfeltem Glitzerzeug behangen, sondern folgt einem durchdachten, künstlerischen Konzept. In diesem Jahr lautet das Konzept Weiße Weihnachten.

Die letzten Weihnachten mit richtig dick Schnee in Wien fanden im letzten Jahrtausend statt, als ich zu meinen Moonboots und dem bestickten Lammfellmantel noch schulterlanges Haar trug und einen flaumigen Schnurrbart, der wie Dreck aussah. Und weil auch in diesem Jahr die Prognosen für weiße Weihnachten nicht gerade günstig stehen, will Heidi mit ihrem Baumkonzept wenigstens die Illusion von Schnee ins Wohnzimmer holen. Weiße Kerzen, weiße und silbrige Kugeln, weißer Kunstschnee, weiße Bändchen, weiße Schokolade und weißes Engelshaar sollen eine grüne und natürlich biologische Tanne zieren. Heidi legt großen Wert auf Bio.

Ich erbot mich, die Axt aus dem Geräteschuppen zu holen, in den Wienerwald zu fahren und den Hauptdarsteller für ihre Inszenierung von „White Christmas“ selbst zu schlägern. „Ich bringe dir mitten aus der Natur die biologischste Tanne der Welt, und außerdem sparen wir locker 60 oder 70 Euro!“ verkündete ich stolz. „Nix da, Moser“, sagte Heidi und ließ rasch den Schlüssel zum Geräteschuppen in ihrer Hosentasche verschwinden. „Entweder verirrst du dich im Wald, oder du hackst dir mit dem Beil ins Bein… das will ich mir alles gar nicht ausmalen.“ „Ich könnte Brotkrumen auf den Weg streuen, damit ich mich nicht verlaufe“, entgegnete ich, doch Heidi blieb stur. „Außerdem darfst du nicht in irgendeinen Wald gehen und dort einfach eine Tanne fällen, das ist Diebstahl.“ Damit hatte sie mich. Die Aussicht, von einem übereifrigen Forstbeamten in ein dunkles Waldverlies geworfen zu werden, schien mir nicht sehr verlockend. Also beauftragte mich die weitsichtige Adelheid, den Christbaumhändler am Parkplatz gleich neben dem Mega-Markt aufzusuchen, und ein passendes Bäumchen auszusuchen. Maximal 1,70 sollte es groß sein, von geradem, untadeligem Wuchs, natürlich biologisch und aus unserem schönen Österreich.

Es war ein sonniger, wenn auch windiger Nachmittag, und ich schlenderte mit Sonnenbrille betont unauffällig und desinteressiert durch die duftenden Baumreihen, um das Angebot zu sondieren. Der Händler, ein knorriger Bursche mit blauer Arbeitsschürze und schmutzigen Fingernägeln, beachtete mich nicht. Ich drehte mehrere Runden und traf eine erste Vorauswahl, die ich im Verlaufe weiterer Inspektionsgänge immer mehr eingrenzte, bis schließlich der perfekte Baum übrig blieb. Eine stattliche Tanne, gut gerne 2,30 Meter hoch, sattes Grün, dichter Wuchs. Heidi würde Augen machen. Räuspernd baute ich mich neben dem Verkäufer auf, deutete mit einer lässigen Kopfbewegung in Richtung des Auserwählten, und frug: „Ist der auch biologisch? Also Freiland, keine Käfighaltung? Kein Kunstdünger, keine Massenbaumzucht? Eine glückliche Tanne?“

Der Naturbursche nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette, spuckte auf den Boden des Parkplatzes und knurrte: „Waldviertel. Mein Wald. 85 Euro.“ Ich murmelte etwas Anerkennendes und sagte dann: „Ich geb Ihnen 60.“ Der Händler wandte sich schweigend ab und sägte Zweige von einem liegenden Nadelgehölz. Ich erhöhte auf 70, dann auf 75, dann auf 80, aber der Waldviertler sägte stumm weiter. Erst bei 85 Euro wurde er weich und schlug ein. Das Handeln liegt mir im Blut.

Im Garten musste ich die biologische Prachttanne leider um gut einen halben Meter kürzen, da Heidis weißer Konzeptschmuck für den 2,30 m Riesen nicht ausreichen würde. Dabei entdeckte ich ein kleines Plastikschildchen mit dem Aufdruck einer mir unbekannten Sprache. Irgendetwas mit „Polska“. Wie ich aus meiner Zeit als Briefmarkensammler weiß, bedeutet es „Polen“. Ich ließ das Schild unauffällig verschwinden und betrachtete stolz mein Werk. Bei Christbäumen macht mir keiner so schnell was vor.

Kassetten-Requiem

Die ganze Situation hatte etwas Entwürdigendes. Benjamin, der elfjährige Sohn der Kalteneggers, saß an unserem schon etwas in die Jahre gekommenen PC, der sich in den letzten Wochen etwas eigenwillig benommen hatte (Altersstarrsinn??), und hatte den Auftrag, das alte Vehikel wieder auf Vordermann zu bringen. Was der kleine Benjamin da im Detail veranstaltete, entzieht sich meiner Kenntnis. Er tippte kryptische Befehle in die Tastatur, nippte an Heidis heißem Kakao, lud irgendwelche Programme aus dem Internet und lächelte zwischendurch wissend. Ich hatte ihm versprochen, ihm für seine Dienste ein Gedicht zum Geburtstag seiner Mutter zu schreiben. „Da muss noch mehr Schmalz rein, mehr Liebe und Lametta! Verstehn Sie? Ich will zu Weihnachten ein neues Smartphone, also strengen Sie sich gefälligst an!“ pöbelte der junge Computerexperte, als ich ihm den ersten Entwurf vorlegte. Ich seufzte und drückte nochmal ordentlich auf die Schmalztube. Schließlich war ich auf das technische Know How des elfjährigen Bengels angewiesen.

Für jede Generation kommt irgendwann der Moment, wo sie bei einem technologischen Fortschritt der Welt einfach nicht mehr mitmacht. Gut, ich bin vielleicht noch etwas jung für den Ausstieg aus dem gesellschaftlich-technologischen Fortschritt, aber ich war ohnehin nie so ein technologischer Typ. Schon in jungen Jahren bin ich von der Wissenschaft bitter enttäuscht worden. Damals hatte ich zum ersten Mal von den Pawlow´schen Experimenten gehört, wobei mich speziell der Bereich der Traumsuggestion faszinierte. Man hört während des Schlafens irgendwelche Kassetten, und am nächsten Tag ist alles Gehörte fest im Gehirn implementiert. Mein erster Versuch, mir diesen Umstand zunutze zu machen und ein angebetetes Mädchen in mich zu verlieben, schlug fehl – das können Sie in meinem Beitrag „Wie im Schlaf“ vom 1. November gerne nachlesen. Trotzdem blieb ich seinerzeit hartnäckig und startete einen zweiten Angriff auf das Unterbewusste.

Ich besprach auf meinem Kassettenrecorder ein Band mit folgendem Inhalt: „Unser braver Sohn braucht ganz dringend eine supergute Stereoanlage zu Weihnachten! Mit Plattenwechsler und großen Lautsprechern. Gleich morgen gehen wir los und kaufen dem kleinen Moser so ein Ding, jawoll!“ Das wiederholte ich 30 Minuten lang. Dann stellte ich meinen Wecker auf 2 Uhr früh, schlich ins Schlafzimmer meiner Eltern und versteckte den Kassettenrecorder unter ihrem Bett. Ein genialer Plan, wie mir schien.

Zu Weihnachten brachte mir das Christkind Karl Mays Winnetou I-III, einen Chemiebaukasten und einen grässlich wolligen Winterpullover mit gestrickten Schneeflocken. Erst viel später fand ich heraus, dass mein Vater den Recorder schon in der ersten Nacht entdeckt und seinerseits eine Kassette für seine Zwecke besprochen hatte. Das war der Moment wo mir klar wurde, warum ausgerechnet Autowaschen in meiner gesamten Jugend mein allerliebstes Hobby gewesen war. Nach diesem Erlebnis habe ich mich von der Wissenschaft abgewandt. Die Gefahren wurden einfach unkontrollierbar.

Advent, Advent…

Heute möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, fernab von blutigen Nasen, peinlichen Vorfällen im Baumarkt oder teuflischen Intrigen in der Fischkonservenfabrik. Ausnahmsweise kein Schenkelklopfer, aber passend zur Ankunft der Weihnachtszeit.

In wenigen Tagen werden wir das erste Lichtlein am grünen Kranz entzünden, neugierig das erste Türchen des Adventkalenders öffnen und durch überheizte Shopping Malls hetzen auf der Suche nach passenden Geschenken für unsere Freunde und Liebsten. In Vorfreude auf das nahende Fest der Liebe brauten Heidi und meine Wenigkeit den ersten Glühwein des Jahres. Rotwein, Zimtstangen, Sternanis, Nelken, Orangenschalen und eine Prise braunen Rohrzuckers. Wir naschten vom selbstgebackenen Schokokuchen und saßen im warmen Schein dutzender IKEA-Teelichter.

Frau Moser und ich pflegen seit vielen Jahren den Brauch, zu dieser besinnlichen Zeit auch an die Armen und Unglücklichen zu denken und mit einer Spende im Rahmen unserer Möglichkeiten zu unterstützen. So schlürften wir mit spitzen Lippen vom heißen Wein und überlegten, wen wir in diesem Jahr mit unserer Gabe erfreuen wollen. Kriegsvertriebene Flüchtlinge konnten eine kleine Zuwendung sicher gut gebrauchen, ebenso aber sterbenskranke Kinder, Obdachlose, einsame Alte in bitterer Armut, unschuldig in Not geratene Familien, Opfer von Erdbeben und anderen Naturkatastrophen, Spitäler, Hospize und internationale Hilfsorganisationen zuhauf. Fleißig notierte Adelheid all unsere Ideen und Vorschläge in ihr schwarzes Notizbuch. Die Liste wurde immer länger – allein wir kamen auf keinen grünen Tannenzweig. Der Glühwein ging zur Neige und die ersten Teelichter hauchten ihr kurzes Leben aus, doch wir vermochten nicht zu entscheiden, wer unserer Hilfe am dringendsten bedarf.

„Egal wie wir uns entscheiden, es ist immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, murmelte Heidi betrübt. Bei diesem Satz erinnerte ich mich plötzlich an den aktuellen Beitrag „Liebe denkt nicht“ der von mir hoch geschätzten Literatur-Bloggerin Sugar, deren wärmende, kluge und fantasievolle Poesie mich immer wieder lächeln und nachdenken lässt. Sie veröffentlichte im vorigen Jahr ein tolles Kinderbuch sowie das lesenswerte, hübsche Gedichtbändchen „Gedankenträume“. Leider geriet die Neo-Buchautorin dabei in die Fänge eines, wie mir scheint unseriösen Verlages, der es darauf abgesehen hat, seine Künstler abzuzocken. Um aus dem Knebelvertrag freizukommen und uns künftig weiterhin mit ihren Werken zu erfreuen, müsste die Autorin eine Summe aufbringen, die ihre finanziellen Möglichkeiten weit übersteigt. Nun hat sie einen poetischen Tischkalender, mit Zitaten aus ihren Gedichten und mit tollen Fotos bebildert, zusammengestellt und bietet diesen auf ihrem Blog als kleines Weihnachtsgeschenk um wohlfeile 6,- Euro zum Verkauf an. Der Erlös soll ihr dabei helfen, die Verlagsforderung zu begleichen und sich endlich neuen Buchprojekten widmen zu können. „Vielleicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, schreibt sie, „aber ich will und muss frei sein, um möglichst bald neue Bücher schreiben zu können.“ Den Beitrag und die ganze Geschichte finden Sie hier.

kalender_2017

Ich erzählte Heidi von den Nöten der Blogger-Kollegin, kippte den letzten Schluck Glühwein und meinte: „Lass uns Freunde und Familie mit diesem Kalender und Gedichtband beschenken. Damit unterstützen wir die hochbegabte Sugar und außerdem kann der Verwandtschaft ein bisschen Kunst und Poesie nicht schaden…“ Gesagt, getan. Zwei Minuten später schickten wir unsere Bestellung ab.

In dieser Nacht schliefen wir tief und zufrieden. Es mag ein wenig am Glühwein gelegen haben, doch eigentlich war es die Gewissheit, etwas Gutes getan zu haben. Frohe Weihnachten Sugar!!!

Postskriptum: Ich hoffe, dass möglichst viele Freunde des gepflegten Moser-Humors unserem Beispiel folgen. Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber auch steter Tropfen höhlt den Stein. Und so kommt der Stein irgendwann ins Rollen. Klick!  

Santa Claus is coming to town

weihnachtsmann

Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm, unser Nachbar und laubsaugender Blockwart, hat gestern die Vorweihnachtszeit endgültig für eröffnet erklärt. Nachdem er bereits vor drei Tagen einen Projektor im Garten installiert hatte und sein Haus ab Einbruch der Dunkelheit mit zitternden und tanzenden, grün-rot-weißen Pünktchen bestrahlt, folgte nun der nächste Streich: Der pensionierte Hüter von Gesetz und Ordnung montierte einen kletternden Weihnachtsmann mit Rucksack in der Hecke, um den Eindruck zu erwecken, der gütige Held amerikanischer Kinder wolle eben seine Gaben bei den Weinwurms abliefern. Dazu gesellt sich ein drei Meter hoher Plastik-Santa, der bedrohlich im Wind schwankt, seltsame Geräusche von sich gibt und wohl zur Abschreckung wienerischer Reihenhaus-Kinder dienen soll. Als ich spät abends noch einen Blick in den Garten warf, kroch der Weinwurm im Tarnanzug entlang seines Zaunes und montierte, nein nicht Stacheldraht, sondern eine dreilagige Lichterkette.

Und wie uns der Geist der vergangenen Weihnachten lehrt, wird es dabei nicht bleiben. Rotkäppchen wird in den nächsten Tagen seinen 4 Meter langen Rentier-Schlitten mit dem rotnasigen Rudolph aus dem Winterschlaf holen und mit gleißenden Spots bestrahlen. Und erst wenn am 1. Dezember die Krippe mit lebensgroßen Figuren samt Ochs und Esel ihren Platz auf der Wiese gefunden hat, die Lautsprecher für die Siedlungsbeschallung mit Christmas-Songs installiert sind und die Schneekanone das Anwesen mit Kunstschnee berieselt, dann, erst dann kann Weihnachten für Walter Weinwurm kommen.

Heidi und mir ist dieses ganze Tamtam nicht geheuer. Wir glauben nicht an den Weihnachtsmann, zu uns kommt seit Generationen das Christkind. Ganz leise….

Es weihnachtet sehr…

Als mir heute Morgen Adelheid die Plastikbox mit Jausenbroten in die Hand und einen feuchten Schmatz auf die Wange drückte, gab sie mir auch einen Auftrag mit: „Moser, bring auf dem Heimweg einen Liter Milch aus dem Supermarkt mit!“ Auf meinen fragenden Blick strich sie mir mit dem Handrücken über die Wange und ergänzte: Keine Soja- oder Mandelmilch, keine Kokos- und keine H-Milch. Ganz normale Kuhmilch, also Vollmilch von der Kuh. Und keine Magermilch. Die gute, mit 3,6% Fett. Du schaffst das schon! Ich memorierte Heidis Anweisungen und begab mich auf den Weg in die Fischkonservenfabrik.

Als ich am späten Nachmittag den Supermarkt betrat, war ich etwas verwirrt. Der mir dargebotene Blick wich doch erheblich von dem mir gewohnten Bild ab. Nach den frischen Backwaren und vielen grünen Gemüsen landete ich in einer Art Winterwonderland – in diversen Papp-Aufstellern türmten sich Lebkuchen in vielfältigen Ausformungen, die wundersamen Spekulatius-Kekse lockten mit zimtigen Genüssen, und zwischen alltäglichen Naschereien lugten sogar schon ein paar Nikoläuse hervor. Wo war ich gelandet? Spielte mir das Raum-Zeit-Kontinuum einen Streich, saß ich noch in meinem Büro und träumte? Nach meiner Zeitrechnung schrieben wir erst den 19. September, gut drei Monate vor Heiligabend, und der Supermarkt prahlte bereits mit weihnachtlich geformter Vollmilchschokolade und Dezember-Gebäck!

Gerade als ich auf meinem Smartphone eruierte, dass in Wien Sonnenschein bei 23° Celsius zum Flanieren und einem Coup Heiße Liebe locken, bog Abteilungsleiter Azim mit einem Einkaufswagen voller Mandelgebäck und Christstollen um die Ecke. Als mich der gute Mann erblickte (ich bin in unserer Filiale durchaus bekannt), wollte er unauffällig in den benachbarten Gang abbiegen, aber ich signalisierte ihm mit meiner ausgetreckten rechten Handfläche ein konsumentenorientiertes Stopp! „Herr Azim“, legte ich ihm von Abteilungsleiter zu Abteilungsleiter meine Hand um die braun ummantelte Schulter, „wenn ich richtig rechne, muss ich noch rund 78 Mal schlafen, bis der Nikolaus kommt. Und ungefähr 94 Mal bis das Christkind kommt. Warum also präsentierten sie hier mitten im Spätsommer schon das Halleluja der Geburt Christi?“

Herr Azim erbleichte und stammelte etwas von Kundenwünschen, Vorlauf und Konzernzentrale. Zärtlich wischte ich ihm einen Schweißtropfen von der Stirn. „Also kann ich, Ihrer Argumentation folgend, im Januar in ihrem geschätzten Etablissement bereits mit schokoladigen Osterhasen rechnen?“ Auf diese Frage war der Abteilungsleiter in seinen Schulungsseminaren wohl nicht vorbereitet worden. Und ehe ich mich für sein Stottern zu sehr fremdschämen musste, lenkte ich ab: „Herr Azim – wo finde ich jetzt 1 Liter Milch? Also keine Soja- oder Mandelmilch, keine Kokos- und keine H-Milch. Ganz normale Kuhmilch, reine Vollmilch von der Kuh. Und keine Magermilch. Die gute, mit 3,6% Fett. Wo?“

Ich glaube, der Abteilungsleiterfinger zitterte leicht, als er Richtung Kühlregal wies.

Foto: Süddeutsche Zeitung