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Klobrille, Drache & Sanddorn

Mein liebes Weib ist stets um ein heimeliges Ambiente bemüht, mit glänzenden Augen und voller Hingabe hat sie unser Wohnzimmer zu einer Kapelle der vorweihnachtlichen Besinnlichkeit dekoriert. Goldene Tannenzapfen, silbernes Reisig, tönerne Engel und Kerzen in allen Größen und Farbschattierungen künden von der nahenden Ankunft des Jesuskindes. Es duftet nach Wald, Honig und Zimt, unserem Reihenhaus strömt die Adventsidylle aus allen Poren. Als Perfektionistin achtet Heidi auf jedes noch so kleine Detail. Dazu gehören auch die beiden Klobrillen im Bad und auf der erdgeschossigen Gästetoilette, die in ihren gestrengen Augen nicht mehr den gebotenen hygienischen Standards entsprechen. Also brachte sie letzte Woche zwei nagelneue, anthrazitfarbene WC-Sitze aus dem Baumarkt mit und erteilte mir den Auftrag, diese möglichst zeitnah zu montieren.

Am Samstagmorgen – vor uns lag ein vermeintlich entspanntes, ruhiges Wochenende mit Kerzenduft, Lebkuchen und nostalgischen Fernsehfilmen – urgierte Heidi in mahnendem Tonfall die Montage der Klobrillen. Ich war etwas genervt und gab unwirsch zurück: „Heidi, ich hab dir doch schon gestern gesagt, dass ich das morgen mache! Ich möchte jetzt in Ruhe Der kleine Lord sehen.“ Meine Frau konterte mit „Aber heute ist morgen!“ Beruhigend tätschelte ich ihr das rabenschwarze Haar: „Jaja Heidilein, heute ist morgen. Und gestern ist heute. Du bist erschöpft vom Dekorieren, leg dich ein wenig hin und komm zurück in die Zukunft. Das wird schon wieder.“ Doch so leicht lässt sich eine Adelheid Moser nicht ins Bockshorn jagen, und sie stellte mich vor die Wahl „Entweder du montierst heute die neuen WC-Brillen, oder wir fahren mit meiner Mutter auf den Adventmarkt in Grafenegg!“

So kam es, dass wir gestern Schwiegermama Inge in den tomatenroten Spanier luden und bei klirrendem Frost und Hochnebel etwa eine Stunde nach Grafenegg in Niederösterreich fuhren. Der dortige Christkindelmarkt genießt einen ausgezeichneten Ruf, weit über die Grenzen der kleinen Gemeinde hinaus. Ein mittelalterliches Schloss und seine umliegenden Gärten sind Schauplatz des Weihnachtsspektakels, für das man sogar Eintritt zahlen muss, um in den Genuss von Glühwein und Spiralkartoffeln zu kommen. Der Markt hat auch nur an vier Tagen im Jahr (!!) geöffnet, und entsprechend groß ist der Andrang. Als wir um 14 Uhr eintrafen, war der gewaltige Parkplatz in Disneyland-Dimensionen bereits so gut wie voll und uns wurde von einem freiwilligen Helfer der Feuerwehr Grafenegg ein Stellplatz im letzten Abschnitt W zugewiesen. Dies bedeutet schon mal 15 Minuten Fußmarsch bis zum Eingang; eine Viertelstunde durch eisigen Wind und über morastigen Boden, ehe wir uns in die 30 Meter lange Menschenschlange an der Kasse einreihen durften. Plötzlich erschien mir der Tausch von Klodeckeln in unserem kuschelig warmen Heim wie eine unerreichbare Verlockung, ein Traum aus Zuckerwatte.

Neidlos muss ich anerkennen, dass der Weihnachtsmarkt in Grafenegg tatsächlich zu den Schönsten seiner Art gehört. In hunderten kleinen Holzhütten wird nur Handwerk vom Feinsten angeboten. Kein billiger Plastiktand, nur Teures und Originelles aus allen Materialien dieser Welt. Handgemacht von österreichischen Handwerksbetrieben, nicht von armen Kindersklaven in Fernost. Sehr löblich. Nachdem wir uns an in frischem Schmalz gebackenen Bauernkrapfen und heißem Flower-Power-Punsch gelabt hatten, interessierte ich mich berufsbedingt für einen Waldviertler Betrieb, der Geldbörsen, Täschchen und Gürtel aus feinstem Fischleder anbot. Dezent wies ich Heidi mehrmals darauf hin, dass eine Brieftasche aus bestem Karpfenleder dem Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik gar trefflich zu Gesicht stehen würde. Schließlich nahe Weihnachten und falls sie noch auf der Suche nach einem passenden Geschenk sei… Doch Heidi ignorierte meine Empfehlungen und kaufte einen kleinen grünen Drachen, aus dessen Nüstern Rauch einer Weihrauchpyramide drang. „Urliiiiieeb!“ Gottlob nicht für mich, sondern für unseren weihnachtlichen Adventsschrein am Esstisch. So streunten wir durch das weitläufige Areal, und alle 10 Meter erhielten die Tragetaschen von  Schwiegermama Inge und Heidi neuen Zuwachs. So süüüüß! Herzig! Ich spürte inzwischen meine Zehen nicht mehr, und kaufte bei einer Kärntner Filzwalkerei ein paar handgeklöppelte Einlagen für meine Stiefel. Ich ließ mich auf einen Stapel Lammfelle fallen und versuchte, meinen durch dicke Pullover und Daunenjacke unförmigen Körper in eine Position zu bringen, die es mir erlaubte, die Filzeinlagen in die kalten Lederschuhe zu schieben. Während ich fluchend auf den Fellen herumkullerte und dabei einen Ständer mit Wollhauben niederriss, dokumentierte Heidis Mama Inge lachend das unwürdige Schauspiel mit ihrem Smartphone für die Nachwelt.

Zu Hause stellten wir die Flasche Sanddornsirup neben die ungeöffnete Flasche aus dem Vorjahr, die Sanddorn-Gummibärchen landeten in der übervollen Lade mit ungeliebten Naschereien gleich neben den Lakritzschnecken, das kleine handgeschnitzte Zebra neben dem Elefanten aus dem Jahr 2016, der Weihrauch-Drache am Tischaltar neben der handgeschöpften Bienenwachskerze, die Tüte mit bunten Kartoffelchips in einer mundgeblasenen Glasschale aus dem Kaunertal, ein Strauß Mistelzweige über dem Eingang zur Küche, der Eierlikör im Alkoholschränkchen, das Notizbuch aus Schweinsleder mit den Initialien HM in der Schreibtischlade, und die Bio-Zitronenmelisse-Lavendel-Seife im Badezimmerspiegelschrank hinter der unangetasteten Bio-Schneeglöckchen-Enzian-Seife aus dem Jahr 2015. Alles in allem ein überaus erfolgreicher Einkaufsamstag. Laut aktuellem Kontostand haben wir nun alle Weihnachtsgeschenke bis 2023.

Jetzt müssen Sie mich entschuldigen, ich habe eine äußerst wichtige Montage von zwei Klobrillen auf meiner To-Do-Liste. Obwohl ich Heidi schon gestern gesagt habe, dass ich das morgen erledige.

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