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Wodka Maggi

„Moser, du bist doch grundsätzlich ein kluges Kerlchen?“ Mit strengen Augen musterte mich Heidi vom akkuraten Abteilungsleiterscheitel bis zur erdverkrusteten Sohle meiner Gartensandalen. Ich wagte nicht zu widersprechen und nickte vorsichtig. „Du bist doch belesen, intelligent, organisiert, eloquent und einfühlsam?!“ bohrte meine Angetraute weiter. Ich hatte dieser oberflächlichen, jedoch grundsätzlich richtigen Einschätzung nichts hinzuzufügen. „Dann verrate mir doch bitte mal, warum du dich beim Aufhängen der frisch gewaschenen Wäsche anstellst wie ein geistesgestörter 5-Jähriger auf Ecstasy?“ Ich ließ meinen Blick über den Wäscheständer gleiten, wo sich feuchte Socken, Unterhosen, Handtücher und T-Shirts dem grandiosen Prinzip der Chaostheorie unterwarfen. Ein später Picasso könnte man meinen, mit leichten Anleihen aus Dalis surrealistischer Welt der schmelzenden Uhren und brennenden Giraffen. Über Kunst lässt sich aber nicht streiten, und so lenkte ich, dämlich grinsend, ein: „Ich hatte vorhin zwei doppelte Wodka Maggi.“

„Du hattest zwei Wodka waaaas?!!“ „Maggi.“ „Moser, was ist mit dir? Erstens: Warum trinkst du am helllichten Tag Wodka und zweitens warum um Himmelswillen mit Suppenwürze?“ frug mein Heidilein mit großen Kulleraugen. In einer früheren Geschichte habe ich mich bereits als Maggi-Junkie geoutet, sodass die Kreation eines einschlägigen Cocktails (4 cl Wodka auf zwei Eiswürfeln, 4 Tropfen Maggi – leicht zu merken) nur noch eine Frage der Zeit war. „Ich bin aufgebracht und musste mich beruhigen“, erklärte ich Heidi den Grund für meine Suppenfahne. „Was ist passiert?“ begehrte mein braves Weib Einlass in Mosers dunkle Gedankenwelt. Sie begann meinen kreativen Textil-Dali sukzessive zu einem biederen Dürer umzuhängen, und sah mich erwartungsvoll an. „Du wirst es nicht glauben! Mein idiotischer Kollege Cerny wurde doch vor ein paar Monaten von seiner Freundin zum Teufel geschickt und sie ist mit Sack und Pack ausgezogen“, berichtete ich. „In der alten gemeinsamen Wohnung wurde der einsame Cerny aber depressiv. Darum hat er sich jetzt in Single-Appartement in der Nähe unserer Fabrik gesucht.“ „Ist doch schön für ihn“, zuckte Heidi mit den Achseln, während sie mit bunten Wäscheklammern die letzten farbigen Akzente setze. „Warum bist du jetzt aufgebracht?“ „Er hat sich erdreistet, mich um Hilfe bei der Übersiedlung zu bitten!“ rief ich empört. „Mich! Hat dieser Mensch keine Freunde?? Warum setze ich seit sechs Jahrzehnten konsequent keinen Fuß in ein Fitnessstudio? Warum habe ich noch kein Gramm einer Hantel gestemmt, noch keinen Zentimeter auf einem Laufband zurückgelegt? Das ist doch alles Teil eines großen übergeordneten Plans, damit ich mir die weichen Rundungen des Kopfarbeiters, des Dichters und Denkers, erhalte und niemand auf die absurde Idee kommt, mich um körperliche Hilfe zu bitten! Ich, der sensible Künstler und Schöngeist, soll Wohnlandschaften abschrauben, staubige Teppiche und Kisten voller Geschirr und Vinylschallplatten schleppen!! Unerhört.“ Heidi ließ einen prüfenden Blick über ihren Handtuch- und Unterhosen-Dürer schweifen und nickte zufrieden: „Du hast hoffentlich zugesagt, mein Lieber?! Der arme Cerny.“ „Ja“, gestand ich widerwillig ein. „Ich bin doch kein Kollegenschwein. Aber dafür ist er mir was schuldig, das schwör ich!! Keine Ahnung, wie er auf die Idee kommt, ich könnte auf meinem geschundenen Rücken Bücherregale und Matratzen transportieren. Am Wochenende!“

Später saßen wir auf der Terrasse, genossen die untergehende Abendsonne und bewunderten den perfekt bestückten Wäscheständer. Manchmal kann das Leben des Abteilungsleiters einer Fischkonservenfabrik ziemlich aufreibend sein. „Ich brauch noch einen Wodka Maggi!“ verkündete ich. „Meine Nerven.“ „Nein“, winkte Heidi entschieden ab. „Du hattest für heute genug Geschmacksverstärker!“

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