Schlagwort-Archive: Wurstsemmel

Wurstsemmel 2.0

1987: Wenn der junge Herr Moser seinerzeit, als er noch keine fürsorgende Adelheid an seiner Seite wusste, Appetit auf eine kleine Zwischenmahlzeit in Form einer Wurstsemmel verspürte, betrat er meist den kleinen Greißlerladen Feinkost Ottendorfer, unweit seiner Studentenbude. „Guten Morgen, Herr Moser!“ grüßte der immer freundliche und untadelig gekleidete Peter Ottendorfer. Er trug unter seinem weißen Arbeitsmantel stets ein weißes Hemd mit dunkelroter Krawatte. „Was darf es heute sein?“ „Grüß Sie Herr Ottendorfer! Ein Extrawurstsemmerl mit Gurkerl bitte.“ Für meine Leser nördlich des Weißwurst-Äquators: Mir stand der Sinn nach einem Brötchen mit Fleischwurst und sauer eingelegtem Delikatess-Gürkchen. Der brave Feinkost-Mann schnappte sich eine frische Semmel, schnitt sie elegant auf, und säbelte auf seiner blitzsauberen Aufschnittmaschine fünf bis sechs Scheibchen Extrawurst runter. Mit einer Holzzange fischte er ein Gurkerl aus dem Glas und bastelte daraus mit wenigen Handgriffen einen bildschönen Gurkenfächer. Dann wickelte er diesen typischen Wiener Snack aus der Prä-Döner-Zeit in fettabweisendes Papier und überreichte ihn mir mit den Worten: „Das macht dann 7 Schilling, Herr Moser. Wünsche guten Appetit und einen schönen Tag!“ Die Wurstsemmel war herrlich saftig und üppig belegt und gut gelaunt startete ich in den Tag.

2017: Auch heute verspürte ich wieder mal Heißhunger auf eine „Wurschtsemmel mit Gurkerl“. Leider sind in Wien die Greißlereien längst ausgestorben, da sie den allmächtigen Konzernen auf Dauer keinen Widerstand bieten konnten. Auch Herr Ottendorfer musste irgendwann das Handtuch werfen. In Ermangelung einer Alternative betrat ich also einen Supermarkt, wo ich statt einer freundlichen Begrüßung via Lautsprecher informiert wurde, dass es für Stammkunden heute 25% auf Eis und Beeren gibt. An der Kühltheke schnappte ich mir zwei Wienerwurstsemmeln mit Essiggurkerln 105 Gramm zu je 1,50 Euro. Der Imbiss war in reichlich Plastik verpackt, darauf klebte ein Etikett folgenden Inhalts:

Zutaten: 50% Semmel (Weizenmehl, Hefe, Emulgator, Lecithin.E472eE471Salz) 33%Wiener (Rind- u. Schweinef) Kochsalz, Konservierungsstoff E250, Gewuerze, Zucker, Geschmacksverstärker E450.E451.Stabilisator E450.E451. Antioxidationmittel E300. 17% Essiggurkerl (Gurken, Trinkwasser, Speisesalz, Weingeistessig, Gewürze, Säuerungsmittel: Milchsäure, Konservierungsstoff: Natriumbenzoat. Süßungsmittel Saccharin). Gekühlt lagern bei 3 – 6° Grad.

Es folgte eine Nährwerttabelle, welche die enthaltenen Brennwerte in Kalorien, Joule, Gramm und Prozenten für Fett, Kohlenhydrate und anteiligen Zucker, sowie Eiweiß und Salz aufschlüsselte.  Dazu noch Mindesthaltbarkeitsdatum, Stückzahl 1, Preis pro Stück und den Barcode.

An der Kasse wurden die zwei Plastikpäckchen piepsend über den Scanner gezogen. Die Kassiererin fragte automatisch: „Kundenkarte?“ „Nein“, gab ich genervt zurück. Als ich die Semmeln mit Wienerwurst schließlich auspackte, musste ich feststellen, dass sich darin gerade mal drei jämmerliche Scheiben Wurst, sowie ein (in Worten: 1) Gurkenscheibchen so dünn wie ein Blatt Papier, befanden. Ich würgte das trockene, altbackene Ding mit Mühe runter und startete schlecht gelaunt in den Tag.

Herr Ottendorfer, falls Sie dies zufällig lesen sollten: Eröffnen Sie doch bitte wieder Ihren Feinkostladen! Nahe der Fischkonservenfabrik wäre ein hervorragender Standort – ich kaufe jeden Tagen mindestens zwei Wurstsemmeln mit Gurkerl bei Ihnen. Versprochen!

Advertisements