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Morgenstund hat Gold im Mund

Heute klingelte der Handywecker meiner fleißigen Heidi um 5:45 morgens. Bemüht leise krabbelte sie aus der Bettstatt und schlich aus dem Schlafzimmer, um in der Küche ihren berühmten Kaffee zu brauen. Stark, heiß, mit ein wenig Milchschaum und zwei Stück Süßstoff – so wie ich ihn mag und brauche, um für einen harten Arbeitstag gerüstet zu sein. Ich fühlte mich wie erschlagen und total erschöpft. Gähnend rieb ich mir etwas Schlafsand aus den Augen und taumelte ins Badezimmer. „Verdammt!“, dachte ich, „Ist schon wieder Montag? Das Wochenende ist ja wie im Flug vorbei gerauscht… was habe ich eigentlich die ganze Zeit gemacht?“ Mir fiel nichts Nennenswertes ein und ich stellte mich unter die Dusche, drehte das heiße Wasser auf, schloss die Augen und machte noch ein kurzes Nickerchen. Anschließend tapste ich zum Spiegel, rasierte mir die Zähne und bürstete meinen Bart. Mit Wattestäbchen reinigte ich meine Achselhöhlen und sprühte mir etwas Deo (Limettenfrische!) in die Ohren. Scheiß-Montag! Eine neue Woche Cernypfotenhauerfabrikswahnsinn. Während ich in mein frisch gebügeltes weißes Abteilungsleiterhemd schlüpfte und mir statt einer Krawatte den Stoffgürtel von Heidis mintfarbenem Lieblingskleid um den Hals band, warf ich einen Blick aus dem Fenster: In der Nacht hatte uns Mr. Snow einen seiner seltenen Besuche abgestattet und die Dächer und Gärten unserer Reihenhaussiedlung angezuckert. Prima! Montagmorgen und Schnee, Chaos und Stau auf den Straßen waren vorprogrammiert.

Jetzt brauchte ich dringend meinen Kaffee. Ich betrat das Wohnzimmer und rief: „Neue Woche, neues Glück! Es hat geschneit! Das Deo im Ohr juckt höllisch! Wie gefällt dir meine neue Krawatte? Sie lässt sich nicht richtig binden.“ Adelheid vollführte einen abgefahrenen Freudentanz rund um den Esstisch, schenkte mir einen entrückten Blick und rief inbrünstig: „Bravo! Bravo! Bravissimo!!“ „Danke. Ich weiß, dass mir Mint steht. Aber kein Grund auszuflippen. Der Knoten sitzt miserabel.“ „Marcel!“ rief mein treues Weib und fiel mir um den Hals. Heidi war eindeutig übergeschnappt und ich klärte sie behutsam auf, dass mein Name Moser und nicht Marcel sei. Sie flüsterte mit tränenerstickter Stimme: „Gold!“ und zeigte auf den Fernseher. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Glotze lief – sehr ungewöhnlich für Heidi und einen Montagmorgen. Dann realisierte ich, dass auf dem Bildschirm Marcel Hirscher, der weltbeste Skifahrer aus Österreich, mit Heidi über die Goldmedaille im Riesentorlauf jubelte. Meine wintersportbegeisterte Frau leidet derzeit am südkoreanischen Olympiafieber und war am Sonntagmorgen extra um 5:45 aufgestanden, um den rotweißroten Superathleten siegen zu sehen. „Es ist also gar nicht Montag??!!“ starrte ich Heidi entgeistert an. „Ich muss nicht ins Büro??“ „Montag?“ lachte sie. „Dummerchen! Wie kommst du darauf? Sonntag, Riesentorlauf! Hirscher hat Gold!“ Ich war entsetzt und erleichtert: „Ich kann wieder ins Bett?“ „Na klar, aber warum hast du meinen Blümchengürtel um den Hals?“ „Das ist eine lange Geschichte. Gute Nacht Heidi.“ Ich drückte ihr ein Küsschen auf die Wange und schleppte mich nach oben ins Schlafzimmer. „Aus deinem Ohr riecht es nach Limetten!“ rief sie mir hinterher.

Ich fiel ins Bett und in einen traumlosen Schlaf. Heidi und Marcel hatten mir einen Sonntag geschenkt. Cerny und Pfotenhauer müssen warten.

Foto: laola1

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