An Tagen wie diesen

Göttergattin Heidi hatte gestern ihren Mädelsabend mit Uschimaus & CoInnen, und überließ mich der Obhut von Netflix und einer tiefgekühlten Dr. Oetker Pizza Salami Extra with filled crust. Der Rand des belegten Industriefladens war mir trotz undefinierbarer Fülle zu trocken, das eingekühlte Bier zu alkoholfrei, das richtige Bier hatte zwar die swingenden Volumensprozente, war aber nicht eingekühlt und daher zu warm. Das Abendessen konnte man durchaus als durchwachsen bezeichnen, die begleitenden Abendnachrichten vermochten meine Stimmung nicht wirklich aufzuhellen. Kurz – Strache – Kickl – FPÖVP – Spalten -Kürzen – Streichen – Stoppen – Schließen – Migration – Einwanderer – Ausländer – Flüchtlinge – Regierung – Kotzen – Würgen. Ich wechselte vom linearen Staatsfunker ORF zum internetten Streamingdienstleister Netflix, um im New York des Jahres 1896 einem perfiden Kindermörder auf die Spur zu kommen („The Alienist – Die Einkreisung“). Zur Aufmunterung holte ich mir noch ein großzügig dimensioniertes Stück der schwedischen Mandeltorte, die wir von unserem letzten Ikea-Ausflug nebst einem Sack TK-Kötbular und einem Sack Teelichter mitgebracht hatten. Just als ich es mir auf der Couch gemütlich eingerichtet hatte, Mandelsplitter und Schokostückchen aus dem linken Backenzahn fischte und furzend mein Strohwitwer-Dasein genoss, quittierte Netflix den Dienst. Daniel Brühl als ermittelnder Seelendoktor ruckelte und zuckelte roboterhaft über den Bildschirm, auch der Ton kam nur noch bruchstückhaft und zerbröselt im Reihenhauswohnzimmer an. Entnervt schleuderte ich die Fernbedienung in die nächstbeste Ecke, und zerquetschte kaltblütig die aufgescheuchte Spinne, die vor dem Angriff der Remote Control ihr Heil in der Flucht suchte. Ich schaltete den sündteuren Smart-TV ab und den Laptop ein, um unserem Bundespräsidenten eine Mail zu schreiben und die sofortige Entlassung unserer geistesgestörten Bundesregierung zu fordern. „Auch ein offenbar wahnsinnig gewordener Kapitän darf zum Wohle des Schiffes und seiner Mannschaft im Rahmen einer Meuterei seines Amtes enthoben werden. Lieber Präsi VdB, entheben Sie zum Wohle des Schiffes Österreich und seiner Passagiere den emotional unterbelichteten und machtgeilen Kapitän Kurz und seinen 1. Offizier Strache umgehend ihres Amtes, ehe das Schiff in internationalen und nationalen Gewässern mit Mann und Maus versinkt!!!!!!!!!!!“ schrieb ich, wie man anhand der Rufzeichen sehen kann, ziemlich echauffiert. Zur Beruhigung holte ich mir noch ein Stück schwedische Mandeltorte, ehe ich zu Bett ging.

Heidi war offenbar erst spätnachts von ihrem Mädelsabend zurückgekehrt und schlummerte noch selig, als ich mich heute Morgen bürofertig machte. Ich war frühstückstechnisch auf mich allein gestellt, und versuchte mich erstmals an der künstlichen Intelligenz unseres nagelneuen App-gesteuerten Super-Hightech-Kaffeeautomaten, den uns Kaffeeliebhaberin Heidi im Zuge eines sensationellen Angebotes zum „Tag des Kaffees“ geleistet hatte. Schüchtern drückte ich die On-Taste, worauf der weinrot-metallisch glänzende Würfel (The Cube) blinkend zum Leben erwachte. Kurz darauf teilte mir das beruhigend blau leuchtende Display mit: Auslauf wird gespült und schon spritzte heißes Schmutzwasser auf die chromglänzende Abtropftasse. Nervös suchte ich nach einem leeren Häferl, um es im Auslauf zu platzieren und das Spülwasser aufzufangen. Nachdem ich diese Hürde mit nur 1 kleinen Verbrennung und 1 zerbrochenen Cappuccino-Glas gemeistert hatte, stöberte ich mehrere Minuten im Menü und wählte schließlich aus etwa 25 Optionen den doppelten Espresso mit extra Milchschaum. Voller Vorfreude drückte ich auf Start, die intelligente Maschine forderte: Fülle den Wassertank! Für mich bedeutete dies zunächst: Finde den Wassertank! Dank meiner überdurchschnittlichen Intelligenz und einer gehörigen Portion Glück fand ich den gut im roten Würfel getarnten Tank und befüllte ihn. Und immer, wenn ich mich schon nahe am Genuss einer köstlich duftenden Tasse Kaffees glaubte, hatte das Display eine neue Aufgabe für mich: Leere den Kapselbehälter, Leere die Abtropftasse und setze sie ein, Schließe den Milk-Master an, Spüle den Milk-Master, Lege eine Kaffeekapsel ein, Fortsetzen? Abbrechen? Wähle. Ich wählte den Schreikrampf, stürmte ins Schlafzimmer und schrie: „Willst du einen Scheiß Kaffee? Dann spüle den Milcheimer und schieß dir eine Kapsel in die Abtropftasse! Leere den Behälter und genieß dein Getränk!!“ „Moser, was ist los??!!“ schreckte mein liebes Heidilein aus dem Schlaf. „Was los ist, willst du wissen?? Leere den Wassertank und fülle den Milk-Master, das ist los!! Kapitän Kurz spielt Schiffe versenken und Präsident Netflix sieht tatenlos zu! Systemabsturz, das ist los! Strache ahoi! Ich fahre jetzt ins Büro, schönen Tag! Mann über Bord, guten Tag!“ Und weg war ich.

In der Fischkonservenfabrik angekommen, eilte ich umgehend in die Kantine, um mir ein ausgiebiges Abteilungsleiterfrühstück zu gönnen. Der dünne Filterkaffee schmeckte nach eingeschlafenen Füßen und ich ermahnte Kantinenchefin Hilde, sich endlich einen modernen Kaffeeautomaten zuzulegen: „Euer Abwaschwasser ist ja ungenießbar! The Cube ist ein heißes Teil, der kann alles!“ raunte ich ihr zu und bestellte bei der Gelegenheit eine Leberkässemmel. Ich beobachtete das Lehrmädchen, wie sie an der Aufschnittmaschine ein erbärmlich dünnes Scheibchen Leberkäse absäbelte, und rief empört: „Was machst du da, Mädel? Des is a Leberkas und ka Salami, schneid mir ein ordentliches Stück runter – aber dalli! Die Arbeit ruft.“

Spätestens wenn ich berichte, dass ich meinem Kollegen Cerny eine gewaltige Watschn androhte, wenn er nicht sofort aufhört, seine Schnupfennase hochzuziehen, wird es dem geübten Leser dämmern: Der sonst so ruhige und besonnene Herr Moser ist ein wenig aus dem Gleichgewicht. Und ich verrate Ihnen auch, warum. Ich habe nach über 40 Jahren leidenschaftlichen Zigarettenkonsums auf ärztlichen Rat hin dem Rauchen abgeschworen. Am Samstag, den 21. Oktober 2018 um 23:58 habe ich auf der Terrasse unseres Reihenhauses meine unwiderruflich letzte Zigarette geraucht. Nach knapp 18 rauchfreien Tagen wird man also doch ein wenig übellaunig und launisch sein dürfen! Und jetzt hören Sie gefälligst auf zu grinsen, Sie Leser Sie!

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Banana Joe

Der Beitrag wurde von WP verschluckt… hier noch ein Versuch!

Herr Moser: Alltägliches und Skurriles aus dem Leben des Abteilungsleiters einer Fischkonservenfabrik.

Einer der vielen nicht zu unterschätzenden Vorteile, mit meiner wundervollen Heidi verheiratet zu sein, ist ihr tiefes, von Herzen kommendes Bewusstsein für Umwelt, Gerechtigkeit und Mitmenschen. Ohne das bezaubernde Wesen an meiner Seite würde ich wie ein Hinterwäldler durch die schützenswerte Umwelt stapfen und biologische Fußabdrücke so groß wie Rübezahl hinterlassen; würde als Bücherjunkie meinen Lesestoff bedenkenlos beim internationalen Großdealer Amazon checken und zum Frühstück verzückt die picksüßen, knusprigen Zerealien von Nestlé schaufeln. Doch da ist Heidi davor. Wenn es schon mal ein Buch von Amazon sein muss, dann nur als Download auf meinen Kindle, damit wenigstens kein stinkender LKW durch die Gegend fahren muss, um Herrn Moser 380 Seiten Kriminalspannung ins Reihenhaus zu liefern. Auch für mein geliebtes Maggi erteilte mir Heidi, die den Schweizer Ausbeuterkonzern Nestlé abgrundtief verachtet, schweren Herzens eine Ausnahmegenehmigung. Im Großen und Ganzen jedoch investieren wir unsere schwer verdienten Mäuse lieber in den kleinen, lokalen…

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Banana Joe

Einer der vielen nicht zu unterschätzenden Vorteile, mit meiner wundervollen Heidi verheiratet zu sein, ist ihr tiefes, von Herzen kommendes Bewusstsein für Umwelt, Gerechtigkeit und Mitmenschen. Ohne das bezaubernde Wesen an meiner Seite würde ich wie ein Hinterwäldler durch die schützenswerte Umwelt stapfen und biologische Fußabdrücke so groß wie Rübezahl hinterlassen; würde als Bücherjunkie meinen Lesestoff bedenkenlos beim internationalen Großdealer Amazon checken und zum Frühstück verzückt die picksüßen, knusprigen Zerealien von Nestlé schaufeln. Doch da ist Heidi davor. Wenn es schon mal ein Buch von Amazon sein muss, dann nur als Download auf meinen Kindle, damit wenigstens kein stinkender LKW durch die Gegend fahren muss, um Herrn Moser 380 Seiten Kriminalspannung ins Reihenhaus zu liefern. Auch für mein geliebtes Maggi erteilte mir Heidi, die den Schweizer Ausbeuterkonzern Nestlé abgrundtief verachtet, schweren Herzens eine Ausnahmegenehmigung. Im Großen und Ganzen jedoch investieren wir unsere schwer verdienten Mäuse lieber in den kleinen, lokalen Handel anstatt in sogenannte Global Player, die dank ihrer Winkeladvokaten und Steuertricks oft weniger Abgaben an den Staat abliefern als beispielsweise unsere brave Einzelunternehmerin und Bäckersfrau Helga Fallnbügel. Außerdem schmeckt so ein handgedrechselter Striezel mit Mandelsplittern aus der Bäckerei Fallnbügel 100 bis 300 Mal besser als ein maschineller Hefezopf aus einer der vielen Industrie-Backstuben des Landes.

Wir waren daher hoch erfreut, als vor wenigen Monaten – der rekordverdächtige Hitzesommer nahm gerade so richtig Fahrt auf – unweit unserer Reihenhaussiedlung am Rande des Kundenparkplatzes und in Rufweite eines Supermarktes und eines Diskonters ein kleiner Obst- und Gemüsestand eröffnete. Unter dem schattenspendenden Schutz zweier bunter Sonnenschirme bot ein vierkantiger Türke mit schwarzem Vollbart und treuherzigen Dackelaugen kistenweise Wassermelonen, Zitronen und Erdäpfel an. Er sah aus wie der türkische Bruder von Bud Spencer, also eine Art Büd Spencer – wir nannten ihn passenderweise Banana Joe und kauften fortan Zwiebeln und Knoblauch in seinem Laden, der sich mittels weißer Schreibschrift auf grünem Metallschild schlicht als „NATUR Gemüse+Obst“ auswies. Banana Joe spricht leidlich gut Deutsch, hat bereits die leicht mieselsüchtige Art der Wiener Eingeborenen angenommen, und verbreitet mit seinem ramponierten Kassettenrecorder orientalisches Flair auf dem sonst recht langweiligen Parkplatz. Innerhalb weniger Wochen haben wir eine semiprofessionelle Freundschaft aufgebaut, die bei jedem Einkauf gewissen Ritualen folgt. Das kann man sich etwa so vorstellen:

„Guten Morgen, Herr Moser!“ „Guten Morgen, Herr Banana! Wie geht´s?“ „Wie die anderen wollen.“ „Der Erdogan hat schon wieder ein paar Journalisten eingesperrt…“ „Is Aschloch Erdogan.“ (Joe ist anders als viele seiner Landsleute gottlob kein Fan des türkischen Despoten). Nachdem wir das Thema Außenpolitik also ausführlich besprochen haben, wende ich mich der Innenpolitik zu: „Die Regierung kürzt wieder bei Ausländern, Frauen und Behinderten. Reiche zahlen dafür weniger Steuern.“ „Is Aschloch Regierung.“ Soviel zur Tagespolitik. Danach kommen wir zum geschäftlichen Teil und ich bestelle ein halbes Kilo weiße Weintrauben, kernlos, aber die guten. Herr Banana legt ein knappes Kilo auf die Waage, nickt und reicht mir die Papiertüte: „Is gute Weintrauben. Frische Paprika hamma. Gesund, Vitamin C. Ein Kilo?“ „Nein, drei Stück zum Füllen. Heidi mag keine gefüllten Paprika.“ Die Geschäftstüchtigkeit liegt den Türken im Blüt und mit sechs großen Paprikaschoten im Handgepäck zücke ich meine Geldbörse: „Wieviel?“ Um dem Gemüsehändler mit Bud-Spencer-Hintergrund einen Hauch von Heimat und Basar zu vermitteln, folgen wir einem eingespielten Feilsch-Ritual. Banana Joe streckt mir seine erdige Pranke hin und verlangt beispielsweise 4 Euro 80. Ich reiße entsetzt die Augen auf, recke die Arme zum Himmel und jammere: „Hadschihalefomarbenhadschi abulabasibnhadschidavudalgossarah!!“ Das ist der volle Name von Hadschi Halef Omar aus den Karl May-Romanen, den ich als 12-jähriger auswendig gelernt habe und der mit heute noch beim Handeln am Basar gute Dienste leistet. „Ich habe vier hungrige Mäuler zu stopfen – drei halbwüchsige Töchter und eine Heidi! Willst du mich ausrauben, mich ruinieren, du elender Dieb?! Ich gebe dir zwei Piaster und keinen Sou mehr, du Halsabschneider!“ Wir einigen uns schließlich auf drei Euro, ich drücke Joe einen Fünfer in die Hand und sage: „Stimmt so! Bis nächste Woche, Herr Banana.“ „Servus Hadschi!“

Entsprechend groß war das Entsetzen, als wir uns Anfang dieser Woche auf der Suche nach einem dekorativen Halloween-Kürbis für den Vorgarten dem Natur-Stand von Joe näherten und feststellen mussten: Geschlossen!! Die grünen Plastik-Obststeigen stapelten sich leer und nutzlos vor dem Laden, keine Tafel, die mit krakeliger Kreideschrift das Angebot von Tag verkündete. Kein Büd Spencer weit und breit. „Es hat sich für ihn wohl nicht gerechnet, die Konkurrenz der Konzerne rundherum war zu groß. Banana Joe ist pleite, Allah sei seiner Seele gnüdig!“ verkündete ich angemessen traurig und streichelte meiner umweltbewussten Heidi zärtlich übers Haar, das wie das Gefieder junger schwarzer Raben in der Herbstsonne glänzte. „Wir hätten auch unsere Sellerie bei Joe kaufen sollen“, schluchzte meine Frau verzweifelt. „Das hätte ihn auch nicht gerettet liebste Heidi“, gab ich zu bedenken. „Wir mögen beide keine Sellerie.“ „Oder wenigstens Schnittlauch!“ Meine patriotische Kämpferin war gebrochen und voller Selbstvorwürfe. „Wir haben den kleinen, tapferen Mann in den Ruin getrieben und die milliardenschweren Lebensmittelkonzerne werden mit unserem sauer verdienten Geld immer reicher.“

Tags darauf nahm ich Banana Joes Natur-Stand nochmals näher unter die Lupe. Vielleicht gab es ja einen Hinweis auf den Verbleib des braven Osmanen. Ich spähte durch die Auslage – und tatsächlich stand dahinter seine Angebotstafel, auf der in ungelenken Großbuchstaben zu lesen war: WIR HABEN AUS HOCHZEIT GRÜNDEN BIS MO 29. OKT. GESCHLOSEN. DANKE! GURKEN  1 STK 0,99,-

Erleichtert stürmte ich nach Hause, riss Heidi aus ihren trüben Gedanken, schloss sie in die Arme und verkündete Joes Rückkehr: „Der hinterlistige Ziegenbock hat geheiratet und sitzt jetzt mit seiner 400köpfigen Familie in einem Istanbuler Hinterhof und grillt eine Herde Hammel! Am Montag ist er wieder da! Lasset uns singen, tanzen und springen!“ Wir schworen uns, in Zukunft mehr Sellerie zu essen und den Vorgarten in diesem Jahr mit mindestens 25 Kürbissen zu schmücken. Welcome home, Banana Joe!

Fett & kursiv

 

Der Goldene Oktober mit seinem strahlerblauen Himmel und seinen spätsommerlichen Temperaturen trieb uns hinaus aus dem Moloch der Millionenstadt Wien, hinein in die viertgrößte Stadt Österreichs –nach Salzburg. Meine umtriebige Ehegattin Heidi hatte einen spontanen Kurzurlaub angeregt, wollte ein wenig Landluft schnuppern, raus aus dem Alltagstrott. Ich ließ mich nicht lange bitten, hatte ich in der Fischkonservenfabrik doch eifrig Überstunden gesammelt, die nun durch Zeitausgleich abgegolten werden sollten. Rasch waren im Internet ein lauschiges und mehr oder weniger leistbares Hotel in der Mozartstadt gefunden, und zwei Zugtickets der zweitbesten Klasse gebucht. Von Heidis Idee bis zur Abreise vom Hauptbahnhof vergingen keine 48 Stunden. Ich fühlte mich verwegen und abenteuerlich, und ließ mir sogleich einen passenden 48-Stunden-Bart wachsen.

Bei Kaiserwetter besuchten wir die Festung Hohensalzburg, das Schloss Hellbrunn, sowie das historische Stadtzentrum, welches seit 1996 auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO steht, bestaunten die Geburtsstätte des großartigen Komponisten Wolferl Amadeus Mozart und schlenderten händchenhaltend an keiner Konditorei vorbei, ohne die Güte der angebotenen Mehlspeisen zu kontrollieren. Des Abends setzten wir unseren kulinarischen Streifzug im hoteleigenen Restaurant fort, labten uns an Tafelspitzsülzchen auf herbstlichen Blattsalaten, Rehgulasch mit hausgemachten Spätzle und Preiselbeer-Chutney, Hirschsteak in Pfefferrahmsauce mit Prinzess-Kartöffelchen und Salzburger Nockerln. Dazu begleitete uns ein hervorragender Rotwein, dessen Name mir aus Gründen entfallen ist. Er war jedoch mild im Abgang, entwickelte im Nachhall leichte Nuss- und Maroniaromen und als ich nach einem höchst unterhaltsamen und schmackhaften Abend mit Heidi schließlich die Rechnung orderte, fanden sich darauf ganze drei Flaschen des prozentigen Tischbegleiters. „Waaas? Trütradrei Flaschn hamma gezwizwazwutschert?“ lallte ich erstaunt. „Ja, das meiste davon du!“ kicherte Heidi. Ich leerte das Glas mit einem letzten Schluck (waren da nicht auch Noten von grünem Pfeffer?), lobte das Wirtshaus und ließ mich von meiner fürsorglichen Frau aufs Zimmer führen. In fremder Umgebung und auf wackeligen Beinen verliere ich meist die Orientierung.

Ich muss zugeben, dass ich schon ein wenig angeschickert war, als mich Heidi schließlich vor Zimmer 304 behutsam abstellte. „Hier wohnen wir?“ frug ich. „Ja Moser, sei leise! Es ist schon spät!“ Mit meinem 48-Stunden-Bart fühlte ich mich so richtig martialisch-männlich, und ich hämmerte mit der Faust an die Zimmertür, laut rufend: „Aufmachen! Polizei!!“ Ob dieses sensationellen Witzes verfiel ich in einen nicht enden wollenden Lachkrampf, während Heidi versuchte, mir den Mund zuzuhalten und gleichzeitig das Hotelzimmer aufzusperren. „Bozilei! Polizei! Ei Ei!“ würgte ich zwischen ihren manikürten, nach Reh duftenden Fingern hervor. „Machen´S auf, sunst muss ich… muss ich Gewalt anwenden!“ spielte ich meine Rolle als knallharter Cop perfekt, zückte meinen Zeigefinger-Daumen-Revolver und zielte auf das Türschloss. Heidi ließ mich los, um die Schlüsselkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz zu bugsieren, und ich fiel zu Boden. Gegenüber ging die Tür von 303 einen Spaltbreit auf und eine ältere, beleibte Dame in rosafarbenem Schlafrock linste hervor. „Deckung!!“ schrie ich lauthals. „Die Killerschweine greifen an!“ Heidi schnappte mich am Hemdkragen, murmelte etwas von Entschuldigung und Tourette-Syndrom, und zerrte mich ins Zimmer. An die nachfolgenden Ereignisse fehlt mir jegliche Erinnerung, mich umfing gnädige Schwärze.

Als mich am nächsten Morgen die Salzburger Sonnenstrahlen an der Nase kitzelten und mich aus einem tiefen, traumlosen Schlaf holten, spürte ich nicht nur die Reste meines Gehirns wütend an die Schädeldecke pochen, sondern an meinem Hintern und Oberschenkeln etwas unangenehm Klebriges. Vorsichtig schlug ich die Bettdecke zurück – und erblickte auf dem Leintuch einen tellergroßen braunen Fleck von verdächtiger Konsistenz. „Heidi! Wach auf!!“ rüttelte ich heftig an der Schulter der schlafenden Gattin. Sie blinzelte mich mit einem halben Auge an und murmelte: „Moser? Was ist los?“ „Wir müssen abreisen. Sofort!!“ „Spinnst du? Warum?“ „Ich hab ins Bett geschissen!“ Heidi quiekte und hüpfte aus dem Bett wie eine aufgescheuchte Gazelle. Stumm und zitternd zeigte ich auf das braune Unglück auf dem sonst blütenweißen Laken. Meine Lebensbegleiterin durch Alltägliches und Skurriles gab mir einen Klaps auf den Feinripp-Slip und zupfte ein zerknülltes Stück Goldpapier aus dem Gummizug: „Du hast dich gestern, besoffen wie du warst, auf die Mozartkugel gelegt, die uns das Hotel als Betthupferl spendiert hat…“ Zögernd roch ich an den braunen Schleifspuren und musste Heidi erleichtert recht geben. „Tja, ich war fett (Österr. für „betrunken“) und fühle mich heute ziemlich kursiv. Lass uns heimfahren, zu Hause ist es eh am schönsten“, schlug ich kleinlaut vor. „Gut“, meinte Heidi. „Und rasier dir endlich diese dämlichen Bartstoppeln aus dem Gesicht.“

Babylon Wien

Bei grandiosem Herbstwetter bestiegen wir heute Vormittag den tomatenroten Spanier und düsten zu unserem zuständigen Bezirksamt,  um das derzeit aufliegende Frauen-Volksbegehren mit unserer Unterschrift zu stärken. „Gleiches Recht für alle! Gleicher Lohn für gleiche Arbeit! Brüder und Schwestern aller Länder vereinigt euch! Schwerter zu Pflugscharen!!“ rief ich Frau Fallnbügel, dem braven Bäckersweib, die uns selbst am heiligen Sonntag mit frischen Semmeln und Kipferln versorgt, im Vorbeifahren aus dem offenen Autofenster zu und reckte dabei die Faust in den lauen Fahrtwind. Sie winkte freundlich zurück: „Bis 11:30 ist noch geöffnet!“ „Die Abstimmungslokale?“ „Nein, die Bäckerei!“ „Wir kämpfen für Ihre Rechte, geschundene Bäckerin!!“ Heidi gab Gas.

Im Foyer des imposanten Bezirksamtes verkündete ein Aufsteller: Eintragung zum Volksbegehren im 4. Stock, Zimmer 400. Auf der Suche nach einem Fahrstuhl landeten wir schließlich in der Portiersloge, wo ein kleines Männchen, dem sein gewaltiger Schnauzbart wie ein grauer Bumerang unter der Nase hing, soeben herzhaft in eine Schnitzelsemmel biss. „Wo finden wir den Aufzug? Wir müssen ganz nach oben, zum Frauenvolksbegehren“ frug meine emanzipierte Gattin. „Aupfa Beliieb!“ mampfte der Concierge. „Pfu Fuuf üba Trppe.“ Irgendetwas in mir zerbrach. „Außer Betrieb?! Zu Fuuuß?? In den 4. Stock??“ rief ich ungläubig und zeigte mit dem dafür vorgesehenen Finger ganz nach oben. Der Portier nickte so heftig, dass sein Schnauzbart bebte. „Schikane! Skandal!“ schrie ich, und „Sie wollen doch gar nicht, dass wir unterschreiben und den Frauen zu ihrem Recht verhelfen! Das ist Amtsmissbrauch, Behinderung der Bürger und Bürgerinnen!“ Heidi schob mich sanft, aber bestimmt durch die gläserne Schwingtür.

Keuchend und mit brennenden Lungen kamen die MoserInnen nach schier endlosem Aufstieg im Volksbefragungsstockwerk an. Torkelnd stolperte ich dem Wachposten vor Zimmer 400 in die starken Arme und röchelte mit pfeifender Lunge: „Wasser, bitte!“ Stoisch antwortete er: „Im 1. Stock ist ein Getränkeautomat.“ „Aaaahhh!“ Ehe ich dem amtlichen Türsteher an die Gurgel springen konnte, verblüffte mich Heidi mit einem ungewöhnlichen Vorschlag: „Moser, unterschreiben wir doch auch gleich das Anti-Raucher-Volksbegehren für ein totales Rauchverbot in der Gastronomie. Vielleicht fällt es uns dann leichter, den blöden Glimmstängeln abzuschwören. Wir wollten doch ohnehin schon längst mit dem Rauchen aufhören, setzen wir ein Zeichen!“ Kraftlos gab ich mich geschlagen, und wir unterschrieben für mehr Frauenrechte und gegen das Rauchen in öffentlichen Lokalen. Im Auto schnallte ich meinen geschwächten Körper an den Beifahrersitz und zündete mir eine Zigarette an. „Fühlt sich gut an, das Richtige getan zu haben“, tat ich kund. Moralisch gestärkt ließ ich mich von Heidi heim ins Reihenhaus chauffieren.

Gute Taten machen hungrig und so gönnten wir uns anschließend ein knuspriges Backhendl auf herbstlichen Blattsalaten mit Kürbiskernöldressing. Anschließend startete ich den Laptop, um ein wenig in euren Beiträgen zu schmökern und sie mit einem Gefällt mir-Sternchen auszuzeichnen, oder auch nicht. Vielleicht würde ich auch selbst eine kleine Geschichte darüber verfassen, wie Herr und Frau Moser von ihrem demokratischen Recht der Volksabstimmung vorbildlich Gebrauch machten. Ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten warf ich noch einen Blick auf meine Blog-Statistiken, und machte dabei eine erstaunliche Entdeckung: Mein banaler Beitrag vom Frühsommer, wo ich unter dem Titel „Urlaubssperre“ verkündet hatte, mit meiner Heidi in die schöne Steiermark verreisen und meinen Blog über den Sommer ruhen lassen zu wollen, erhielt mehr Zuspruch als alle haarsträubenden und (irr)witzigen Geschichten im Herbst – 65 Likes (Stand 7. Oktober 2018)! Das ist zwar nur unwesentlich mehr als mein sonst üblicher Durchschnitt von 55 bis 60 Beifallsbekundungen, aber immerhin. Ich verfiel in tiefe Selbstzweifel. Sorgt die Nachricht, dem geneigten Leser über mehrere Wochen keinen neuen Lach- und Lesestoff liefern zu wollen, für mehr Applaus als meine Geschichten über Wodka Maggi, kunstvoll bestückte Wäscheständer, über Cernys Übersiedlung, Rasenroboter oder Benjamin Blümchen??! Grübelnd horchte ich in mich hinein, doch es war niemand zu Hause.

Frustriert klappte ich den Laptop zu und wollte mir mit Heidi die verpassten Folgen von Babylon Berlin in der Mediathek ansehen. Beim ORF beschied man uns, dass dieses Video für Jugendliche nicht geeignet sei und daher nur zwischen 20:00 und 06:00 abgerufen werden könne. Es war 16:20 und wir haben nicht mal Kinder oder Jugendliche im Haus. Im Kanal der ARD konnte die Serie ebenfalls nicht gezeigt werden, weil der Inhalt für Ösis nicht zugänglich ist. Irgendwas mit Geo-Blocking oder so. „Das ist Europa, das ist die EU? Zensur statt Medienvielfalt und Freiheit?!“ entrüstete sich meine Angetraute zu Recht. „Wir stimmen für mehr Frauenrechte, für Gleichbehandlung und für das Rauchverbot in der Gastronomie – und zum Dank verbietet man uns das sündteuer und aufwendig produzierte Serien-Event Babylon Berlin?!“ Das demokratische Hochgefühl vom Vormittag war verflogen. Ich überlege, in meinem nächsten Beitrag unter dem Titel „Herbstferien“ eine Blogpause anzukündigen. Ich muss eine Volksabstimmung zum Thema Zensur und Geo-Blocking vorbereiten.

Der Besuch der alten Dame

Wenn Sie nun vermuten, dass Herr Moser ein Spitzbube sei und die verehrte Leserschaft nach Günter Grass jetzt mit dem Literaturkaliber Friedrich Dürrenmatt ködern will, muss ich Sie enttäuschen. Die titelspendende alte Dame entspringt nicht der Feder des Schweizer Schriftstellers, sondern ist eine gute Freundin von Schwiegermutter Inge und stammt aus dem Rheinland. Sie trägt den klingenden Namen Norberta, lässt sich aber kurz und knackig Berta rufen. Als jecke Rheinländerin liebt sie den Karneval, die weiten Ebenen Hollands, das 17. Bundesland Mallorca… und Wien. Sie weilt nun, wie jedes Jahr, für ein paar Tage in der Stadt, um ihre Freundin lnge samt Familie Moser zu besuchen. Sie liebt eine feine Tasse Melange im Schatten des Stephansdomes, ein gutes Glas Wein beim Heurigen in Stammersdorf, ein Stück Sachertorte mit Schlagobers, den raunzerischen Wiener Dialekt und… jessasmariaundjosef! ein anständiges Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat. Letzteres genossen Berta, Schwiergermama Inge, Heidi und ich gestern in einem Innenstadt-Lokal, das für Qualität und Quantität der österreichischen Leibspeise weithin bekannt ist.

Verzückt verbiss sich die rheinländische Frohnatur in das zarte Kalbfleisch in knusprig goldgelber Panierung, genoss das Schnitzel wie andere Leute ihr mit Trüffel gefülltes Täubchen in Cognac-Hummersauce. Während wir schwelgten, entspann sich auch ein kleiner politischer Diskurs zur Lage der Nation, der jedoch nicht, wie heutzutage meist üblich, in Gebrüll, Schlägerei und Kündigung der Freundschaft endete. Berta steht nämlich – wie wir – im Lager der Gutmenschen, verabscheut AfD und FPÖ und alles andre vorgestrige, rechte Gedankengut. Und solche Scheißfiguren wie Trump, Erdogan, Putin und Orban erst recht. Wir tauchten unsere Pommes in feuriges Ketchup, tankten gekühlten Veltliner und ereiferten uns über den unverständlichen Rechtsruck, der sich quer durch Europa zieht. Wir erzählten der deutschen Berta von unserem größenwahnsinnigen Innenminister Kickl, der von einer Beschneidung der Pressefreiheit für kritische Medien fantasiert, vom eiskalten Schweigekanzler Kurz, der den Mund nur aufmacht, wenn es um die Schließung von Grenzen und Flüchtlingsrouten geht, und anderen schrecklichen Zuständen in unserem eigentlich doch so sicheren und lebenswerten Land. Berta revanchierte sich mit Horrorgeschichten aus Chemnitz, von dumpfen Nazi-Brüllern und weit nach rechts abdriftenden Politikern à la Seehofer. Es war ein kurzweiliges Beisammensein, die Zeit raste nur so dahin, der Weißwein floss wenn schon nicht in Strömen, so doch in rauschenden Bächen. Und Berta hielt in jeder Hinsicht fleißig mit.

Als wir gegen Mitternacht zähnegeputzt und frisch deodoriert endlich in unser Bettchen schlüpften, waren wir rechtschaffen müde. Der Besuch der alten Dame, die angeregten Gespräche, das herrliche Schnitzerl… ich spürte, wie meine Augenlider schwer und müde auf Halbmast sanken. Montagmorgen heißt es wieder mit dem ersten Hahnenschrei aus den Federn, um die Welt mit Fischkonserven zu beglücken. Gerade als ich dabei war, im Land der Träume einzuchecken, riss mich ein lautes „Törööööö!“ zurück in die Wirklichkeit. Nun muss erwähnt werden, dass es in der Natur des Reihenhauses liegt, sich nachbarschaftlich Wand an Wand zu schmiegen. Und unsere Schlafzimmerwand grenzt an die hellhörige Kinderzimmerwand der Ex-Polizisten-Familie Weinwurm. „Törööööö!“ Heftiges Mädchengekicher. Offenbar feierte das Weinwurm-Töchterchen Sandra (oder Sarah oder Saskia? Ich kann mir ihren Namen einfach nicht merken, irgendwas mit S und A) gerade mit ihrer Schulfreundin eine Party. Heidi und ich starrten mit schreckensgeweiteten Augen in die lockende Dunkelheit. „Wer ist das?“ flüsterte Heidi und drückte meine butterweiche, bettwarme Hand. „Benjamin Blümchen“, war meine glasklare Analyse.

„James, sagen Sie ihnen, sie sollen sofort meinen Garten verlassen! Das ist das allerletzte Mal gewesen!“ „Bitte! Ihr müsst jetzt den Garten des Herrn Baron verlassen. Er ist sehr, sehr ungehalten!“ „Oohh, nininini, quiiiiek, oohhh!“ drang es dumpf durch die Wand. Sarah-Saskia-Sandra rief empört: „Aaach, die armen Eichhörnchen!!“ Heidi rief ebenfalls empört: „Moser, mach was! Ich will schlafen! Warum schläft dieses Kind nicht? Morgen ist doch Schule!“ Mit butterweicher Faust klopfte ich an die Wand. „Ruhe! Verdammt noch mal! Ruhe!“ Nichts geschah. Seufzend und immer gespannter lauschend ergaben wir uns dem Schicksal. Denn im Zoo passierten seltsame Dinge:

Ständig werden Nüsse und Beeren gestohlen. Benjamin Blümchen und Otto legen sich auf die Lauer und können die Diebe ertappen. Es sind drei putzige Eichhörnchen, die sich ihren Wintervorrat anlegen! Natürlich wird der Rasselbande sofort geholfen, damit sie in der kalten Jahreszeit nicht hungern müssen. „Wie süüüüß!“ murmelt Heidi und schmiegt sich an ihren Moser. Auch der Nussbaum von Baron Zwiebelschreck wird ein wenig „erleichtert“. Das mag der Baron gar nicht und jagt die Sammler in die Flucht. Als ein paar Tage später die kostbare Walnussbrosche seiner Ur-Ur-Urgroßmutter verschwunden ist, ist der Baron sich sicher, dass nur die diebische Eichhörnchenbande dahinter stecken kann. Er stellt eine Falle auf und lässt die süßen Nager einsperren. „Ooohhh! Dieser blöde Baron Zwiebelschreck!“, zeigte ich mich erbost. Die Nacht war bereits weit fortgeschritten, doch wir lagen atemlos angespannt im Bett.  Plötzlich drehte das Weinwurm-Kind unvermittelt die Lautstärke zurück, sodass ich gezwungen war, mein rechtes Ohr an die Wand zu pressen. „Gerade jetzt wo es spannend wird!“ jammerte Heidi. Ungehalten klopfte ich mit müder Faust an die Wand: „Lauter! Verdammt noch mal! Lauter!“ Nichts geschah. Dumpfes Gemurmel drang durch die Mauer, durchbrochen von ein paar Wortfetzen und unverständlichem Gequieke. „Wer hat denn jetzt die Wallnussbrosche gestohlen?“ wollte Heidi wissen und zupfte ungeduldig an meiner Pyjamajacke. „Pssssst!“ mahnte ich, um schließlich zu verkünden: „Der Schuldige ist Butler James! Ihm ist beim Putzen die kostbare Brosche entzwei gebrochen. Benjamin hat die Sache aufgeklärt, die Eichhörnchen sind wieder frei! Töröööö!“ Erleichtert sanken wir in unsere Kopfkissen.

„Wie schööön! Danke Benjamin Blümchen“, flüsterte Heidi und drückte mein vor Aufregung feuchtes Händchen. „Weißt du, was die eigentlich gute Nachricht ist?“ wollte ich meiner lieben Frau noch einen kleinen Denkanstoß mit auf den Weg ins Traumland geben. „Wir können uns glücklich schätzen, dass Weinwurms Kinderzimmer und nicht deren Schlafzimmer an unseres grenzt!“ „Weil wir sonst Benjamin Blümchen verpassen würden?“ „Nein. Ich glaube, ich würde schweren seelischen Schaden nehmen, wenn unser Nachbar Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm seinen Rüssel auspackt, und Törööö! rufend seinen ehelichen Pflichten nachkommt…“ Heidi atmete schwer. Es war ein anstrengender Tag.

Heringe furzen

Heidi salzte nach. (Zugegeben: Diesen Eröffnungssatz habe ich unter leichter Abwandlung bei Günter Grass geklaut, der seinen Roman „Der Butt“ einst mit den legendären Worten „Ilsebill salzte nach.“ begann. Dieser in seiner Schlichtheit ergreifende Satz wurde 2007 von der Stiftung Lesen und der Initiative Deutsche Sprache zum schönsten ersten Satz in der deutschsprachigen Literatur gewählt.) Um mich ein wenig im Glanz des Literaturnobelpreisträgers von 1999 zu sonnen und dem Leser das gute Gefühl zu geben, er läse hier preisverdächtige Literatur, lasse ich meine brave Heidi die sonst recht anständige Hühnersuppe mit Gemüseeinlage also nachsalzen. In friedlicher Eintracht löffelten wir das leichte, aber doch stärkende Abendessen. Hin und wieder bliesen wir zwecks Temperaturregulierung in die gefüllten Löffel, ich konnte mir ein paar Spritzer Maggi nicht verkneifen.

Mitten in diese, fast schon banal zu nennende Reihenhausidylle platzte meine Angetraute mit der Feststellung, dass ich den von mir am 24. August angekündigten Praktikanten in der Fischkonservenfabrik noch mit keinem Wort im Blog erwähnt hätte. Warum?? „Aus Gründen, liebe Heidi, aus guten Gründen“, winkte ich verächtlich ab. „Wir hatten keinen guten Start. Mir wurde schon am zweiten Tag das Sorgerecht für den jungen Mann entzogen. Auf seinen Wunsch! Unerhört! Er wurde schon am Dienstag meiner fürsorglichen Obhut entrissen und zu Frau Schwingenschlögel ins Controlling gesteckt.“ Ich schenkte mir ein Glas Bier ein und begann zu erzählen.

Der junge Maturant stürmte an jenem denkwürdigen Montagmorgen eine Minute vor 9:00 in unser Büro. Schnurstracks steuerte er Cernys Schreibtisch an, reichte ihm die Hand und meinte: „Guten Morgen! Ich bin der neue Praktikant und soll mich bei Ihnen melden, Herr Moser. Ich freue mich auf gute Zusammenarbeit!“ Schlechter Start. Erst als ich mich vernehmlich räusperte und Cerny hilflos eine Handvoll Schuppen von seinem Sakko kehrte, bemerkte er seinen Irrtum. Er machte auf dem Absatz kehrt und streckte mir seine verschwitzte Hand hin: „Entschuldigen Sie, Herr Moser! Ich wusste nicht… also ich bin der Simon, Simon Jäger. Aber Sie können mich gern duzen.“ „Also gut DUmon, ich bin der Herr Abteilungsleiter Moser. Das Fischkonservenbusiness ist eine harte Branche, es gibt viel zu tun. Hol dir einen Kaffee aus dem Automaten am Gang, dann legen wir gleich los.“ Na warte, Bürschchen!

Nachdem sich Simon vulgo Dumon mit Koffein versorgt hatte, erhob ich mich und schritt würdevoll vor dem erwartungsfrohen Praktikanten auf und ab. „In einem solch komplexen Gewerbe ist es wohl am besten, wenn wir mit einigen Basics beginnen, mein lieber Dumon. Wusstest du eigentlich, dass Heringe furzen? Sie werden aber nicht durch Verdauungsgase zum Furzen angeregt. Denn egal, ob sie gerade gegessen haben oder nicht, so blähen sie in regelmäßigen Abständen. Dazu drücken sie Luft aus ihrer Schwimmblase in den Analtrakt und erzeugen so pulsierende Töne, die zwischen einer halben und 7,5 Sekunden lang sind und bei bis zu 22 Kilohertz mehr als drei Oktaven umfassen. Wenn die Flatulenz der Fische nicht im Zuge der Verdauung passiert, welchen Nutzen hat diese dann, fragten sich kanadische und schottische Meeresforscher und kamen zu dem Schluss, dass die Pupserei den Heringen wohl zur Kommunikation dient! Besonders häufig waren die Lautäußerungen nämlich dann zu hören, wenn die Fische sich in der Nacht in Schwärmen sammelten.“ Stolz hielt ich inne, um meine bedeutsamen Worte wirken zu lassen. Verdutzt ist wohl die passende Beschreibung für den Gesichtsausdruck des Duz-Freundes Simon. „Hast du das gewusst, Dumon?“ frug ich unter strengem Blick den Praktikanten. Als er, wie zu erwarten war, verneinte, fuhr ich mit den Grundlagen unserer Branche fort und ging zur Historie der Konservierungstechnik über. Nach einem kurzen Referat über die Erfindung der Konservendose – 1810 auf Anregung Napoleon Bonapartes, der dringend haltbare Lebensmittel für seine Soldaten benötigte, gelang dem Paris Konditor Nicolas Appert „die Kunst alle animalischen und vegetabilischen Substanzen nämlich alle Gattungen Fleisch, Geflügel, Wildpret, Fische, Zugemüse, Kuchen – Arzneygewächse, Früchte, Sulzen, Säfte; ferner Bier, Kaffe, Thee u.s.w. in voller Frische, Schmackhaftigkeit und eigenthümlicher Würze mehrere Jahre zu erhalten.“ Er erhitzte dafür luftdicht verschlossene Glasflaschen. Erst der britische Kaufmann Peter Durand kam auf die Idee, die Methode von Appert mit Blechkanistern umzusetzen, die Konservendose war geboren. „Hast du das gewusst, Dumon?“ frug ich den gähnenden Praktikanten. Der hielt sich scheinbar für etwas Besseres, schüttelte gelangweilt den Kopf und meinte: „Ich würde lieber Einblick in die wirtschaftliche, in die kaufmännische Seite einer solchen Fabrik bekommen. Weniger furzende Heringe und Napoleon, dafür mehr Controlling, Marketingstrategien, Kalkulation, Key Account Management und dergleichen.“

Diese ungeduldige Jugend von heute! Alles muss auf Knopfdruck und sofort geschehen, am besten per Smartphone und App. „Gut Fisch braucht Weile!“ ließ ich ihn wissen und suchte die Kantine für ein frühes Mittagessen mit paniertem Leberkäse und Bratkartoffeln auf. Am Nachmittag hielt ich für Simon-Dumon meinen berühmt-berüchtigten Vortrag über die von mir initiierten fischlosen Fischkonserven, der mir schon im Rahmen unseres Betriebsausfluges nach Guatemala zu Ruhm und Ehre verholfen hatte. Der undankbare Bengel schlief ein, sodass ich ihm meinen Faber Castell Bleistift grip 2001 HB in die mageren Rippen bohren musste. Tags darauf ließ mich Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer wissen, dass der Praktikant Simon Jäger bei ihm interveniert und dringlich gebeten hatte, in eine andere Abteilung versetzt zu werden. Nun glotzt er bei Irene Schwingenschlögel über die Controller-Schulter auf Excel-Tabellen, und ich bin den Kerl los. Alle sind glücklich.

Heidi trug die Suppenteller ab. Moser schenkte nach.

Die Übersiedlung

Während in Australien aufgrund des Nord-Südhalbkugelphänomens gerade der Frühling seinen lauen Einzug hält, die Eukalyptusbäume erblühen, die ersten Kängurus schlüpfen und leise Didgeridooklänge durch das Outback wabern, trommelt in lovely Austria pünktlich zum meteorologischen Herbstbeginn der Regen an die Schlafzimmerfenster. Verschlafen lüpfe ich ein Augenlid und nehme auf dem Radiowecker die Ziffern 07:21 wahr. Mich schaudert. Nicht nur des Regens wegen, auch der anstehende Umzug des Kollegen Cerny, bei dem ich leichtsinnigerweise meine Hilfe zugesagt habe, liegt mir schwer im Magen. Das nasskalte, ungemütliche Wetter kommt strafverschärfend hinzu und ich beginne, die Liste der glaubwürdigsten Ausreden durchzugehen. Gerade als ich bei Punkt 19 angekommen bin (19a: „meine alte Ellbogenfraktur von 1998 schmerzt  aufgrund des Wetterumschwungs so stark, dass ich unmöglich schwer heben kann“), befördert mich Heidi mit zärtlichen Tritten aus der warmen Bettstatt: „Aufstehen Moser! Und denk nicht mal daran, dir irgendwelche Ausreden einfallen zu lassen! Du hast es Cerny versprochen, sei ein Mann!“ Ach Heidi, wie sehr ich dich liebe!!

 

Pünktlich um 9:00 stand ich wie vereinbart vor Cernys dunkel gebeizter Wohnungstür im zweiten Stock ohne Lift. Dr. Jonas Cerny  prangte in verschnörkelten Lettern auf dem Messingschild. Angeber. Um mir Einlass zu verschaffen, hatte ich die Wahl zwischen einem mit billiger Goldfarbe bepinselten Löwenkopf, der einen Ring im Maul hielt, und einem unscheinbaren weißen Klingelknöpfchen. Ich atmete noch einmal tief durch und entschied mich dann für den kitschigen Türklopfer. Poch, poch, poch! Nichts geschah. Ich seufzte, verdrehte die Augen und betätigte die Klingel. Es erklang eine nicht enden wollende Xylophon-Version der Marseillaise. Wahrscheinlich ein Überbleibsel seiner frankophilen Freundin, die alles Französische vergötterte, wie mir Cerny mal in einer tränenreichen Mittagspause nach seiner Trennung gestanden hatte: „Sie liebte Paris, die Seine, Charles Aznavour, Froschschenkel, Schnecken, Jacques Brel, Baguette und Beaujolais…“ Nachdem die letzte Strophe der Marseillaise verklungen war, hörte ich ein müdes Schlurfen hinter der schweren Holztür. „Wer ist da?“ rief Dr. Jonas Cerny. Dieser Depp!! Wer wird um 9 Uhr läuten, wenn meine starken, helfenden Hände für 9 Uhr angekündigt waren? Die Zeugen Jehovas?? Ich ließ mich vom Teufel reiten und rief: „Die Zeugen Jehovas, die Soldaten des Himmels! Wir möchten gerne mit Ihnen über Gott sprechen.“ Stille. Dann Cerny: „Gehen Sie weg, ich habe zu tun! Ich ziehe um. Dieses Haus wurde von Gott verlassen!“ Du lieber Himmel. Mein Kollege steckte offenbar in einer schweren Abschiedsdepression. Möglicherweise haben ihn beim Packen der Umzugskisten die vielen Erinnerungen an seine Verflossene (wie hieß sie gleich nochmal?) übermannt, und nun ergab er sich weinerlich seinen Sentimentalitäten. „Cerny, Sie gottverdammter Idiot! Ich bin´s, Herr Moser! Machen Sie endlich auf.“ „Und wenn das ein Trick ist und Sie doch ein Soldat Gottes sind?! Nein, nein. Verschwinden Sie.“ „Wenn Sie nicht sofort die Türe öffnen, verschwinde ich wirklich und Sie können Ihren Krempel alleine schleppen! Schauen Sie doch durch den Spion, wenn Sie mir nicht glauben… unfassbar!“ „Ich habe keinen Türspion“, entgegnete Cerny. Ich: „Dann legen Sie sich einen zu!“ Er: „Zu spät. Das steht für die paar Stunden nicht dafür. Aber in der neuen Wohnung gibt es einen Spion! Vielleicht könnten wir uns dort treffen?“ „Ceeeerrrnyyy!“ Vorsichtig öffnete sich die Tür.

Der Kollege bot ein Bild des Jammers. Die überdimensionalen Augen hinter den dicken Brillengläsern schwammen trübselig über dunklen Augenringen, das schuppige Haar stand wirr in alle Richtungen. „Schlecht geschlafen?“ frug ich rhetorisch, Cerny nickte geistesabwesend. Mit Blick auf sein zerknittertes Hawaiihemd mit floralen Mustern und kleinen, hüpfenden Kängurus sagte ich möglichst unbekümmert: „Wussten Sie, dass in Australien gerade der Frühling beginnt?“ „Klar, Südhalbkugel“, antwortete der Wirtschaftsdoktor müde. Im nun folgenden peinlichen Schweigen ließ ich meinen Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich hier gepackte und fein säuberlich beschriftete Umzugskartons (Bücher, Geschirr, Diverses, Wäsche, usw.) stapeln und auf ihren Abtransport warten. Doch nichts dergleichen. In einer Ecke standen fünf oder sechs leere Bananenschachteln, sonst deutete nichts auf den bevorstehenden Umzug hin. In den Regalen verstaubten Bildbände über Frankreich, Kunstbände über Monet, Manet und Toulouse Lautrec und Romane von Satre, Francois Villon oder Simone de Beauvoir, Kochbücher von Paul Bocuse. In einer Glasvitrine Nippes, natürlich aus Fronkreisch – Glaskugeln mit Eiffelturm und Triumphbogen, hässliche Püppchen, Fähnchen und Klimbim. An den Wänden hingen sogar noch Urlaubsfotos des Ex-Liebespärchens und Drucke von Picasso. Ein paar vertrocknete Zimmerpflanzen ließen traurig ihre braunen Blätter hängen, es roch nach alter Knoblauchpizza und Angstschweiß. Das würde ein hartes Stück Arbeit werden.

Interessiert fragte ich den derangierten Cerny: „Und wann kommen die anderen?“ Er runzelte kurz die Stirn: „Die anderen? Ach so, nun die Sache ist so – Elmar hat angerufen, den hat über Nacht eine Darmgrippe erwischt. Lara muss zu ihrer senilen Großmutter ins Seniorenheim, da gibt es irgendein Problem mit dem Diebstahl von Wertsachen. Und Fred hat mir eine WhatsApp geschrieben, dem macht seiner rechter Arm zu schaffen. Der Wetterumschwung, kann nicht schwer heben.“ Verdammte Axt. „Das heißt, wir beide sollen das Ding ganz alleine rocken? Einpacken, runterschleppen, hinfahren, raufschleppen?? Im Regen??!!“ Ich war geschockt. „Haben Sie wenigstens einen großen Lieferwagen?“ „Ach ja“, seufzte der Kollege schicksalsergeben, „Jürgen lässt sich entschuldigen. Irgendwas mit dem Vergaser. Springt nicht an, die Kiste!“

Bis Mittag hatten wir den größten Teil von Cernys Kram in Kartons verpackt, seine Hawaiihemden und schwarzen Sakkos in einem grauen Hartschalenkoffer verstaut, den Flachbilderfernseher gegen den Regen in Alufolie gewickelt und ein Bücherregal demontiert. Dann stopften wir das Zeug in seinen alten VW Golf und in meinen tomatenroten Spanier, fuhren zu seiner neuen Bleibe (ein stilloser Neubau mit seelenlosen, quadratischen Fenstern) und schleppten es in den dritten Stock. Es gab zwar einen Lift, der sich aber nach der ersten, überladenen Fahrt kampflos ergab und irgendwo zwischen zweitem und drittem Stockwerk steckenblieb. Danach war ich körperlich und seelisch am Ende, trotz der herrschenden Herbstkühle total verschwitzt, müde und hungrig. Und die großen Brocken warteten noch auf uns – ein riesiger Schreibtisch, diverse Stühle, Lampen, ein Ikea-Bett, vier Schachteln mit Geschirr, Töpfen und seine Plattensammlung. „Gehen wir etwas essen? Ich kann nicht mehr!“ schlug ich vor. „Sie zahlen!“ „Klar, schräg gegenüber ist eine Pizzeria. Da können wir uns mit einer Kleinigkeit stärken.“

Ich bestellte eine Familienpizza Don Corleone mit allem – Schinken, Salami, Sardellen, Spinat, Ananas, Artischocken, Spiegelei. Cerny stocherte lustlos in seinen Ravioli, ich schloss mit Tiramisu und einer kleinen Käseplatte den Magen. Nach einem einfachen Espresso und einem doppelten Fernet sehnte ich mich wie noch nie zuvor in meinem Leben nach unserer Couch, nach einem behaglichen Mittagsschläfchen unter dem beruhigenden Motorengedröhne der DTM Tourenwagenmeisterschaft aus dem Fernseher. Während Cerny die üppige Rechnung beglich und ich mit einer Verdauungszigarette gegen säuerliches Aufstoßen kämpfte, frug ich beiläufig: „Wann müssen Sie aus der Wohnung raus sein?“ „Am 1. Oktober“, murmelte der Kollege und gab verstohlen nur 1,20 Trinkgeld. „Waaaas? Dann haben Sie ja noch gut eine Woche Zeit für die Übersiedlung!!“ „Ja, aber je früher ich dort raus bin, desto besser.“

Pünktlich zum Start der Tourenwagen DTM lag ich auf der Couch im Wohnzimmer. Leider mussten wir das Unternehmen Umzug vorzeitig abbrechen, da ich mir auf der Treppe etwas unglücklich „den Knöchel verstaucht“ habe und nicht mehr richtig auftreten konnte. So ein Pech! Sollen doch Elmar, Lara, Fred und Jürgen in den nächsten Tagen mit anpacken. Diese faulen Hunde hatten sich ohnehin mit müden Ausreden vor der Arbeit gedrückt. Heidi untersuchte den verstauchten Fuß, konnte aber weder eine Schwellung noch sonst etwas Beunruhigendes finden. „Das ist ja noch mal gut gegangen“, meinte sie. Ich nickte… sanft ein.

Wodka Maggi

„Moser, du bist doch grundsätzlich ein kluges Kerlchen?“ Mit strengen Augen musterte mich Heidi vom akkuraten Abteilungsleiterscheitel bis zur erdverkrusteten Sohle meiner Gartensandalen. Ich wagte nicht zu widersprechen und nickte vorsichtig. „Du bist doch belesen, intelligent, organisiert, eloquent und einfühlsam?!“ bohrte meine Angetraute weiter. Ich hatte dieser oberflächlichen, jedoch grundsätzlich richtigen Einschätzung nichts hinzuzufügen. „Dann verrate mir doch bitte mal, warum du dich beim Aufhängen der frisch gewaschenen Wäsche anstellst wie ein geistesgestörter 5-Jähriger auf Ecstasy?“ Ich ließ meinen Blick über den Wäscheständer gleiten, wo sich feuchte Socken, Unterhosen, Handtücher und T-Shirts dem grandiosen Prinzip der Chaostheorie unterwarfen. Ein später Picasso könnte man meinen, mit leichten Anleihen aus Dalis surrealistischer Welt der schmelzenden Uhren und brennenden Giraffen. Über Kunst lässt sich aber nicht streiten, und so lenkte ich, dämlich grinsend, ein: „Ich hatte vorhin zwei doppelte Wodka Maggi.“

„Du hattest zwei Wodka waaaas?!!“ „Maggi.“ „Moser, was ist mit dir? Erstens: Warum trinkst du am helllichten Tag Wodka und zweitens warum um Himmelswillen mit Suppenwürze?“ frug mein Heidilein mit großen Kulleraugen. In einer früheren Geschichte habe ich mich bereits als Maggi-Junkie geoutet, sodass die Kreation eines einschlägigen Cocktails (4 cl Wodka auf zwei Eiswürfeln, 4 Tropfen Maggi – leicht zu merken) nur noch eine Frage der Zeit war. „Ich bin aufgebracht und musste mich beruhigen“, erklärte ich Heidi den Grund für meine Suppenfahne. „Was ist passiert?“ begehrte mein braves Weib Einlass in Mosers dunkle Gedankenwelt. Sie begann meinen kreativen Textil-Dali sukzessive zu einem biederen Dürer umzuhängen, und sah mich erwartungsvoll an. „Du wirst es nicht glauben! Mein idiotischer Kollege Cerny wurde doch vor ein paar Monaten von seiner Freundin zum Teufel geschickt und sie ist mit Sack und Pack ausgezogen“, berichtete ich. „In der alten gemeinsamen Wohnung wurde der einsame Cerny aber depressiv. Darum hat er sich jetzt in Single-Appartement in der Nähe unserer Fabrik gesucht.“ „Ist doch schön für ihn“, zuckte Heidi mit den Achseln, während sie mit bunten Wäscheklammern die letzten farbigen Akzente setze. „Warum bist du jetzt aufgebracht?“ „Er hat sich erdreistet, mich um Hilfe bei der Übersiedlung zu bitten!“ rief ich empört. „Mich! Hat dieser Mensch keine Freunde?? Warum setze ich seit sechs Jahrzehnten konsequent keinen Fuß in ein Fitnessstudio? Warum habe ich noch kein Gramm einer Hantel gestemmt, noch keinen Zentimeter auf einem Laufband zurückgelegt? Das ist doch alles Teil eines großen übergeordneten Plans, damit ich mir die weichen Rundungen des Kopfarbeiters, des Dichters und Denkers, erhalte und niemand auf die absurde Idee kommt, mich um körperliche Hilfe zu bitten! Ich, der sensible Künstler und Schöngeist, soll Wohnlandschaften abschrauben, staubige Teppiche und Kisten voller Geschirr und Vinylschallplatten schleppen!! Unerhört.“ Heidi ließ einen prüfenden Blick über ihren Handtuch- und Unterhosen-Dürer schweifen und nickte zufrieden: „Du hast hoffentlich zugesagt, mein Lieber?! Der arme Cerny.“ „Ja“, gestand ich widerwillig ein. „Ich bin doch kein Kollegenschwein. Aber dafür ist er mir was schuldig, das schwör ich!! Keine Ahnung, wie er auf die Idee kommt, ich könnte auf meinem geschundenen Rücken Bücherregale und Matratzen transportieren. Am Wochenende!“

Später saßen wir auf der Terrasse, genossen die untergehende Abendsonne und bewunderten den perfekt bestückten Wäscheständer. Manchmal kann das Leben des Abteilungsleiters einer Fischkonservenfabrik ziemlich aufreibend sein. „Ich brauch noch einen Wodka Maggi!“ verkündete ich. „Meine Nerven.“ „Nein“, winkte Heidi entschieden ab. „Du hattest für heute genug Geschmacksverstärker!“

Apfelstrudel & Roboter

Altweibersommer! Die Sonne glänzte wie ein gelber, eitriger Pickel auf der azurblauen Himmelshaut und Heidi harkte das erste Herbstlaub im Moser´schen Reihenhausgarten zu einem adretten Häufchen. Zufrieden lächelnd summte sie eine mir nicht näher bekannte Herbstmelodie, und ich hatte Appetit auf Apfelstrudel mit Schlagobers. Was vielen Lesern nicht bekannt sein dürfte: Ich halte mich für einen genialen Mentalmagier, für einen Meister der Manipulation, und so brachte ich – während sich mein argloses Weib mit dem Rechen dem Apfelbaum näherte – die Sprache auf Blätterteig.

„Der Blätterteig ist die kulinarische Wunderwaffe der Moderne! Dieser mehrlagige Ziehteig ist der Rolls Royce unter den zahllosen köstlichen Teigen dieser Welt“, dozierte ich mit einem gewissen Feuereifer. „Er ist in Europa schon seit der Zeit der Kreuzzüge bekannt und veredelt nahezu jedes Lebensmittel. Der Blätterteig, im Französischen mille feuille also tausend Blätter genannt, erhebt mit seinem goldgelben, knusprigen Kleid jedes noch so banale Essen in den Adelsstand!“ Heidi blinzelte argwöhnisch in meine Richtung. Unbeirrt fuhr ich fort: „Dröger Schafskäse und matschiger Spinat entfalten im Blätterteigstrudel erst ihre wahre Größe; der zartrosafarbene Lachs erfreut uns im Blätterteigmantel, ebenso das wunderbare Filet Wellington! Ein Gaumenschmaus der Extraklasse! Oder die feinen Pasteten, ein Eckpfeiler der klassischen, französischen Gourmetküche.“ Ich spürte, wie das Aquaplaning auf meiner Zunge gefährliche Ausmaße annahm, und musste mehrmals kräftig schlucken ehe ich weitersprach: „Oder denke nur an all die Köstlichkeiten aus der Patisserie – Pastéis de Nata mit Vanillecreme-Füllung, Baklava, Nusskipferl, Marillentaschen… Oh göttlicher Blätterteig!“ Meine fleißige Frau hielt mit der Gartenarbeit kurz inne, kniff ein Auge zu und starrte mich misstrauisch an. Es wurde Zeit, das Finale meines manipulativen Vortrages einzuleiten: „Doch nichts geht über den Klassiker der Wiener Küche – den Apfelstrudel! Knusprig und köstlich duftend mit einem Klecks Schlagobers, dazu eine Tasse Cappuccino … Mmmmmhhhh!“ Ich stand inzwischen unter unserem Apfelbaum und schlängelte meine Arme so gut es ging durch das Geäst. Dazu zischelte ich verführerisch Richtung Heidi: „Eva!! Kosssste vom Baum der Erkenntnisssss… backe deinem Adam einen Apfelstrudel, auf dasssss eure Seligkeit im Paradiiieessss nie enden möge!“ Ich rüttelte ein wenig am Baum der Erkenntnis, worauf drei reife Äpfel zu Boden plumpsten. Natürlich hatte ich mich zuvor überzeugt, dass fertiger Blätterteig im Kühlschrank vorrätig war. Mit hypnotischem Blick linste ich zwischen den Ästen hervor und züngelte: „Apfelstrudel, Apfelstrudel, essen alle Leute gern!“ „Ich hab schon verstanden, Moser! Du kannst dein Laientheater beenden, ich mach dir ja deinen geliebten Apfelstrudel“, lachte Heidi. „Aber erst mähst du wie versprochen den Rasen.“

Zwei Stunden später saßen wir auf der Terrasse, genossen Cappuccino und Heidis paradiesischen Apfelstrudel. Erschöpft und gestochen von der ungewöhnlich starken Altweibersonne blickte ich auf den Rasen, der vor uns lag wie ein frisch geschorener grüner Pudel. „Eigentlich ist es ein Irrsinn, dass in unserer hochtechnisierten Zeit nicht ein Roboter die stumpfsinnige Arbeit des Rasenmähens übernimmt“, sinnierte ich insgeheim, wohl wissend, dass Heidi der Anschaffung eines modernen Mähroboters ablehnend gegenüberstand. Sie ist ja immer noch der Meinung, dass mir ein bisschen Bewegung nicht schadet. Es wurde also wieder Zeit für den genialen, übersinnlichen Manipulator, den großen Moseroni! Fast beiläufig lenkte ich das Thema auf die Digitalisierung und Roboterisierung der Welt, sprach eindringlich über Haushalts-, Pflege- und Industrieroboter, über Umbruch, Fortschritt und selbstfahrende Autos. Meine liebe Heidi ist diesbezüglich etwas konservativ eingestellt und argumentierte mit dem Verlust von Arbeitsplätzen dagegen. Ich jedoch ließ mich nicht beirren, beschwor die Visionen des Isaac Asimov, von Jules Vernes und den technologiehörigen Japanern. „Wir dürfen uns dem Fortschritt nicht verschließen“, steuerte ich auf den Höhepunkt meines Vortrages zu. „Lass uns einen Mähroboter kaufen! Er schenkt uns Woche für Woche wertvolle Lebenszeit, die wir gemeinsam auf der Terrasse vertrödeln können!“ Ich sprang auf und brachte mit eckigen, abgehackten Bewegungen die lebensechte Imitation eines intelligenten Roboters zur Aufführung: „Herr Moser, mein Meister, darf ich heute Ihren Rasen mähen?!“ Zur Verstärkung des Effektes ließ ich meine Stimme etwas elektronisch verfremdet klingen, was aber nicht ganz überzeugend gelang und sich mehr nach E.T. auf Speed anhörte. Obwohl ich mein ganzes Talent und enorme Inbrunst in meine Roboterrede gelegt hatte, blieb es ein Kampf gegen Windmühlen. Heidi wich keinen Millimeter von ihrem Standpunkt ab, und ich sank völlig verausgabt in den Gartenstuhl. Um ihre Meinung zu untermauern, grub meine Gattin noch die alte Geschichte von Bobby aus: Im verwichenen Frühjahr wurde ich gegen meinen Willen mit den Agenden des Staubsaugens betraut. Eine stupide Tätigkeit, die ebenso gut eine Maschine übernehmen konnte. Also kaufte ich einen Saugroboter und nannte ihn Bobby (Roboter > Robert > Bob > Bobby). Leider flüchtete der undankbare Kerl schon bei seinem zweiten Einsatz und ward seither nie mehr gesehen. Ich hatte im Vorgarten die Badezimmervorleger ausgeschüttelt und vergessen, die Haustür zu schließen, während Bobby unseren Vorzimmerteppich abgraste. Wie ich zu spät merkte, war der Saugroboter aus der halboffenen Tür geschlüpft und in unserer Reihenhaussiedlung abgetaucht. Ich lief stundenlang durch die Wohnanlage, laut und lockend „Booooby!“ rufend, doch er blieb verschwunden. Ich gestaltete am PC sogar Flugzettel mit dem Foto eines baugleichen Saugroboters, die ich an jeden Laternenpfahl und jeden Gartenzaun der Siedlung klebte: „VERMISST! Unser kleiner Saugroboter, noch keine 6 Wochen alt, ist am Nachmittag des 6. April 2018 unverhofft entlaufen. Er hört auf den Namen Bobby und ist überaus scheu. Bitte nur mit Wollmäusen und Staubflusen füttern, keine harten oder größeren Gegenstände! Sachdienliche Hinweise an Familie Moser, Haus Nr., Tel. Nr. Mail blabla.“ Ergebnis: Spöttisches Getuschel der Nachbarn, doch Bobby war für immer von uns gegangen.

Nun rieb mir Heidi diesen tragischen Vorfall wieder unter die Nase und meinte, dass einem Mähroboter wahrscheinlich ein ähnliches Schicksal beschieden sei, weil ich gern die Gartentür offen lasse. „Aber ich würde unseren Mähroboter Shaun nennen!“ warf ich mein letztes Eisen ins Feuer der Diskussion. „Du weißt schon: Mähen > Schaf > Shaun das Schaf. Du liebst die Bücher von Shaun dem Schaf!!! Heidi, bitte!“ Heidi schüttelte den Kopf. Seufzend nahm ich mir ein zweites Stück vom Apfelstrudel.

Manchmal stößt auch der größte Mentalmanipulator an seine Grenzen.