Hasch mich…

… ich bin der Frühling! Lautet ein um 1910 entstandener, vorwiegend von Männern gebrauchter Spruch, wenn sich eine ältere, nicht mehr ganz taufrische Dame jugendlich gab, um attraktiv zu erscheinen. Das heute etwas rar gewordene „haschen“ bedeutet in diesem Fall etwas schnell ergreifen, fangen (beispielsweise einen Schmetterling), der Frühling steht sinnbildhaft für die Jugend. Wie diese Redensart eine Dame mittleren Alters mit dem heutzutage gebräuchlichen „haschen“ zusammenführt, demonstriert ein Vorfall aus der Fischkonservenfabrik in anschaulicher Weise.

Gestern am frühen Vormittag trieben mich drei Tassen von Heidis hausgebrühtem Kaffee auf das Personal-WC der Herren. Nichtsahnend und schwungvoll öffnete ich die Tür… und erstarrte. Am offenen Fenster stand Editha, unsere ukrainische Putzperle, in der Linken einen Wischmopp, in der Rechten etwas, das wie eine selbstgedrehte Zigarette aussah – aber wie ein Joint roch. Ich war in jüngeren Jahren auch auf Hardrock-Konzerten und in verruchten Clubs, daher ist mir der Geruch von Cannabis durchaus vertraut (ich habe nicht inhaliert, ich schwöre!). „Editha!“ rief ich zwar nur halblaut, aber nicht minder entsetzt. „Was machen Sie hier?! Ist das Mariahuana?“ „Nein“, entgegnete die Reinigungsfachkraft gelassen, „ist kein Gras! Keine Angst. Ist nur Haschisch, von Bruder von meine Cousin, was ist Tirsteher in Club Roter Stern.“ Dazu lachte sie wie ein Pate der russischen Mafia: „Chua, chua, chua!“ „Aber Editha, Sie können hier im Betrieb nicht Drogen konsumieren, das ist illegal!“ Ich packte sie am Aufschlag ihres Putzkittels und schüttelte sie. „Wenn man Sie erwischt, fliegen Sie hochkant raus!“ „Präsident Pfotenchauer ist nix Undercover Boss, hat eigene Klo gleich neben seine Biro. Chua chua chua!“ Editha nahm einen tiefen Zug, hielt ein paar Sekunden die Luft an und blies dann den Rauch aus dem Fenster. Sie hielt mir den fast aufgerauchten Joint hin und frug: „Du auch, Moser? Ist gutes Hasch, aus Marokko. Macht genial daneben!“ Panisch wehrte ich ab: „Sind Sie wahnsinnig? Ich habe in 20 Minuten eine Besprechung mit Pfotenhauer, ich brauche einen klaren Kopf!“ „Verstehen Sie Spaß? Chua, chua, chua!“ lachte Editha und zog noch einmal an der Tüte.

„Weißt du Moser, ich putze chier jede Tag, von frih bis finfzehn Uhr. Eire Schreibtisch, eire Boden, eire Fenster, eire Heisl. (Häusl = wienerisch für Klo, Anm.) Ist Scheißjob. Ist besser mit bissl Piffpaff.“ Sie warf die aufgerauchte Haschzigarette in eine der Klomuscheln und spülte. „Aber wenn Sie erwischt werden!“ warnte ich händeringend. „Arbeit weg, Polizei, Anzeige, Drogenmissbrauch, Gefängnis! Das geht Ruck Zuck! Auf Streife, Strafgericht, Hinter Gittern!“ Editha grinste, als hätte ich ihr einen Karibikurlaub in Aussicht gestellt, steckte die Kopfhörer in die Ohren und meinte: „Jetzt Werbung, dann Frihstickspause.“ Sie schulterte den Wischmopp und verließ mit leicht geröteten Augen die Toilette. Dabei pfiff sie „Happy“ von Will Pharrell.

Verwirrt und überrascht von den Geschehnissen folgte ich dem Ruf der Natur und stellte mich zur Bedürfnisverrichtung an das Pissoir. Kurz darauf betrat mein Kollege Cerny die Keramikausstellung. Er platzierte sich neben mir (aufdringlicher Kerl!) und starrte auf die schwarz-weißen Fliesen. Mitten im schönsten Plätschern rümpfte er plötzlich die Nase: „Herr Moser, haben Sie hier heimlich einen durchgezogen?“ Ich schüttelte ab und ging zum Waschbecken, um mir die Hände zu waschen. „Was meinen Sie, Herr Dr. Cerny?“ frug ich unschuldig. „Sie wissen schon, haben Sie ein Gerät geraucht?“ „Gerät?“ „Hier riecht´s nach Pot, Shit…“ „Wir befinden uns auch am WC!“ konterte ich und trocknete meine Hände mit einem rauen, grauen Stück Papier. „Aber außer Ihnen war ja niemand hier, nur die Putzfrau hab ich vorhin rauskommen sehen. Und die wird ja wohl kaum gekifft haben!!“ ereiferte sich mein Kollege. „Wohl kaum“, sagte ich beiläufig, „aber sie hat ein neues Duftspray ausprobiert, irgendetwas mit marokkanischem Sandelholz oder so.“ Auf dem Weg zurück ins Büro lachte ich laut und russisch: „Chua, chua, chua!!!“

Nullsummenspiel

Bekanntlich unterziehen die Mosers ihre vom Winter verweichlichten Körper derzeit einer kohlenhydratarmen, gemüselastigen Diät. Mens sana in corpore sano, ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, so lautet die Devise. Abnehmen, entschlacken, entgiften. Dies sollte mit Beginn der warmen Jahreszeit durch vermehrte physische Betätigung an der frischen Luft unterstützt werden. So haben wir es auf der Liste der Vorsätze 2017 festgeschrieben. Da mir Joggen zu anstrengend ist, konnte ich Heidi auf Nordic Walking herunterhandeln.  Gehen mit Stockeinsatz scheint meiner körperlichen Verfassung angemessen. Der Goldregen in unserem Vorgarten zeigt erste gelbe Blüten, was für meine liebe Adelheid am vergangenen Wochenende ein ausreichender Grund war, das Sportgerät aus dem Keller zu holen und mir mit den aufmunternden Worten „Auf geht´s!“ in die Hand zu drücken. Ich deutete mit sorgenvoller Miene auf die am Horizont dräuende schwarze Wolkenbank. „Keine Ausreden! Wir sind ja nicht aus Zucker“, stellte Heidi klar. Sie hatte uns nicht nur die besten nordischen Gehstöcke besorgt, die derzeit am Markt erhältlich sind, sondern auch Sportklamotten mit feuchtigkeitsregulierender, atmungsaktiver Drifit-Technologie, die Shirts mit Mesh-Einsatz am Rücken und an den Seiten für noch bessere Belüftung und reflektierenden Raglanärmeln. Um 11:17 starteten wir mit sündteurem Profi-Equipment unsere Sportlerkarriere. Wenn wir uns etwas vornehmen, ziehen wir es auch durch. Komme, was wolle.

Laut meinem Pedometer hatten wir bereits 1,8 Kilometer (!!) zügigen Schrittes zurückgelegt, als um 11:39 ein Wolkenbruch niederging, der seinesgleichen sucht. Binnen Sekunden waren wir von herabstürzenden Wassermassen umschlossen, sodass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. „Dort!“ schrie ich Heidi durch das tosende Regengeprassel zu und zeigte auf ein Heurigenlokal, das auf der anderen Straßenseite mit beleuchteten Fenstern signalisierte, dass durchnässte Gäste willkommen sind.

Kurz darauf saßen wir in der heimeligen Atmosphäre des Heurigen „Buschmandl“. Für Ortsunkundige sei erwähnt, dass der österreichische Heurige ein Lokal bezeichnet, in dem vorwiegend Wein ausgeschenkt wird. Begleitend dazu werden kalte und warme Spezialitäten der hiesigen Hausmannskost gereicht. Wir hatten es uns auf einer knarrenden Holzbank gemütlich gemacht, die Walkingstöcke im Schirmständer deponiert, und trockneten uns mit Papiertaschentüchern notdürftig Gesicht und Hände. Das Mittagsgeschäft war gerade am Anlaufen, in der Glasvitrine des Buschmandl-Buffets dampften knusprige Schweinsbraten, Stelzen, Grillhendln, Fleischlaberln (Bulleten, Frikadellen) und Blutwürste. In der gekühlten Theke lockten feinste Aufstriche, Speck, Würste, Käse und hartgekochte Eiern zum Verzehr. Frisches Brot und Gebäck war in kleinen Strohkörbchen appetitlich angerichtet.

Heidi und ich starrten wie hypnotisiert auf die dargebotenen Köstlichkeiten. Wahrscheinlich war es ein Fehler, unseren Nordic-Walking-Marathon vor dem Mittagessen in Angriff zu nehmen. Als die rustikal beschürzte Kellnerin an unseren Tisch kam, bestellten wir zwei Gläser süffigen Gumpoldskirchner. Dann schnappten wir uns in stiller Übereinkunft jeder ein Tablett und beluden es bis zur Belastungsgrenze. Zu Hause wartete zwar ein leckerer Gemüseauflauf mit Blumenkohl und grünem Spargel, aber mein Gott! Wer weiß schließlich, wann diese Sintflut ein Ende hat. Sie hatte um 12:40 ein Ende und wir schleppten uns voll bis zum Anschlag durch Regenpfützen, gestützt auf unsere Sportstöcke, 1,8 km nach Hause. Dort schälten wir uns aus unserem Profi-Equipment und fielen auf der Couch in einen tiefen Verdauungsschlaf.

Seit Beginn unserer Diät habe ich übrigens kein Gramm zugenommen. Da sieht man, was ein bisschen guter Wille und regelmäßiger Sport ausmachen.

Spiderman

„Pfotenhauer ist die Stradivari unter den Arschgeigen!“ Ich war stinksauer und stocherte wütend in den Vollkornspaghetti mit Gemüsesugo. Heidi reichte mir etwas frisch geriebenen Parmesan, um mich zu besänftigen. „Was ist passiert?“ wollte sie wissen. „Ach, der feine Herr Direktor hat sich wieder mal einen neuen Protzschlitten zugelegt. Jetzt, wo er seiner Frau Svetlana den hochbezahlten Posten der Marketingleiterin zugeschustert hat, haben es die Pfotenhauers ja dicke! Eine Villa in Pötzleinsdorf, ein Dienst-Mercedes und ein Kindermädchen reichen wohl noch nicht.“

Heute Morgen war der Big Boss in einem nagelneuen Audi A8 TDI Quattro auf den Firmenparkplatz gebraust. Mythosschwarz metallic. Während ich unseren tomatenroten, frisch sommerbereiften Spanier absperrte, ließ er seine Wagentür satt und lautstark ins Schloss fallen. „Morgen Moser!“ rief er großkotzig in meine Richtung. „Wie gefällt Ihnen mein neues Spielzeug?“ Ich hob die Hand halbherzig zum Gruß und nickte. „262 PS!“ trompetete der Magister und verschwand grinsend in der Drehtür. Im Lift begegnete mir unsere ukrainische Putzperle Editha. „Wer wird Millionär? Präsident Pfotenchauer!“ schnaubte sie verächtlich und rollte mit den Augen. „Vorsprung durch Technik. Fast und furios. Jetzt Werbung, dann Frihstickspause!“ Sie entschwand Richtung Umkleideraum und pfiff dabei Gib Gas, ich will Spaß. Edithas Deutschkenntnisse werden dank intensiven Radio- und Fernsehkonsums immer besser.

Heidi tätschelte beruhigend meinen Unterarm, denn ich war noch immer auf 180 und redete mich förmlich in Rage: „Wie soll ich in dieser stinkigen Fischbude jemals nach oben kommen, während dieser Geldsack seine eigene Frau protegiert und Millionen scheffelt? Wir kleinen Angestellten sind dem kaltherzigen Arsch doch völlig egal…“ Ich schob die Vollkornspaghetti beiseite. „Leider ist diese Welt nicht gerecht“, seufzte Heidi. „Wenn man in der heutigen Zeit etwas erreichen will, muss man wohl egoistisch, hart und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht sein.“ Gedankenverloren stierte ich vor mich hin, als meine fürsorgliche Adelheid meinte: „Moser, vielleicht solltest du auch öfter deine Ellbogen einsetzen, Intrigen schmieden, Härte zeigen und nur an dich denken! Nur die Harten kommen in den Garten!“ Vielleicht hatte sie ja recht, ich war viel zu gutmütig. Ich sollte mal tüchtig auf den Tisch hauen.

Plötzlich bemerkte Heidi eine mittelgroße Spinne, die sich an der Wand Richtung Bücherregal vorarbeitete. Meine Frau ist zwar nicht arachnophob, doch für die Entfernung der Krabbler bin ich zuständig. Heidi schickte mir einen flehenden Blick, ich schlüpfte theatralisch in mein imaginäres Spiderman-Kostüm und schnappte mir eine Illustrierte.

Behutsam schob ich das Tierchen auf die Titelseite des Heftes, wo es nun Sarah Lombardi über die C-prominente Nase lief. Mit meiner zweiten Hand baute ich einen Schutzwall, damit es nicht abstürzte, und tastete mich langsam zur Terrassentür. Heidi öffnete, und gemeinsam entließen wir den ungebetenen Hausgast in die freie Natur. Zögernd erkundete die Spinne die neue Umgebung, ehe sie achtbeinig zwischen Blättern und Gesträuch verschwand. „Lauf, kleiner Forrest, lauf!“ rief ich ihr hinterher. Heidi sah mich an und lächelte: „Vergiss mein Gerede von Ellbogen, Härte und Intrigen. Bleib einfach so, wie du bist!“

Nummer 4

Gestern Abend zu nachtschlafender Stunde (ich hatte mir gerade ein Glas fettarme H-Milch als Schlummertrunk geholt) erreichte mich via Blog noch eine späte Nachricht, die mich weitaus fröhlicher stimmte als die Spätnachrichten im Fernsehen. „Lieber Herr Moser“, schrieb die von mir sehr geschätzte Kollegin Maribey, „das hast du davon, dass du so amüsante Geschichten schreibst. Hier kommt eine Nominierung zum Liebster Award!“  Nicht, dass ich mich jetzt vor Überraschung an der fettreduzierten Milch verschluckt hätte, immerhin ist es die bereits vierte diesbezügliche Auszeichnung für mein Schaffen, aber ich kann nicht verhehlen, dass ich mich geschmeichelt fühlte. An dieser Stelle daher mein aufrichtiger Dank an Maribey, deren feiner Blog Findesatz mich immer wieder mit tollen Fotos und sinnigen Sprüchen erfreut.

Ich habe mir also noch gestern Abend mein schwarzes Notizbüchlein geschnappt und spontan die Antworten auf ihre 10 Fragen niedergeschrieben. Schon meine Großmutter, die alte Moser, hat mir eines mit auf den Weg gegeben: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen! Und wenn ich protestierte, schob sie ein Morgen, morgen nur nicht heute, sagen alle faulen Leute! hinterher. Nachdem ich also Maribeys Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet hatte, konnte ich beruhigt mein Nachtlager aufsuchen. Hier nun das Ergebnis:

  1. Nenne drei Dinge, die gerade neben dir stehen. Ein Glas fettarme H-Milch, eine Vanille-Duftkerze und Heidi, das süße Ding.
  2. Was hören deine Ohren gerne? Das glückliche, befreite Lachen meiner angetrauten Adelheid. Zudem den grandiosen A-capella-Gesang der Comedian Harmonists, die sphärischen Klänge von Pink Floyd, Beethovens Klaviersonaten, und wenn die Hard-Rock-Hummel in meinem Hintern brummt, gerne auch mal Deep Purple.
  3. Greife das Buch, das am Nächsten liegt und sag uns bitte, was auf der 11. Seite als fünfter Satz steht. Wenn wir den Begriff „Buch“ etwas großzügiger auslegen, liegt da ein Groschenroman aus dem Jahr 1956. Er trägt den verheißungsvollen Titel „Millionär als Menschenräuber“ und ich habe das Heftchen bei der Faschingstombola in der Fischfabrik gewonnen. Der fünfte Satz auf Seite 11 lautet: Tom Cannam schreckte auf.

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  1. Wäre dir der sechste Satz lieber gewesen? Der sechste Satz lautet: Es rüttelte jemand an seiner Schulter. Nein, dann lieber den fünften Satz. Er erinnert mich in seiner klaren Schlichtheit an den schönsten ersten Satz in der deutschsprachigen Literatur, 2007 gewählt von der „Initiative Deutsche Sprache“: Ilsebill salzte nach. (Günter Grass, „Der Butt“).
  2. Nenne bitte drei deiner Lieblingsworte. Der sogenannte Standard-Wortschatz der deutschen Sprache umfasst rund 70.000 Wörter. Nimmt man Fachsprachen, Jargons und regionale Dialekte hinzu, sind wir schon bei knapp 500.000 Wörtern. Im „Deutschen Wörterbuch“ von Jakob und Wilhelm Grimm sind immerhin 350.000 Stichwörter verzeichnet. Ich bin sie mal eben rasch durchgegangen, kann mich aber nur schwer entscheiden. Aber ich denke, wenn Heidi Ich liebe dich zu mir sagt, kommen wir der Sache am nächsten.
  3. Was machst du mit großer Freude? An einem lauen Sommerabend mit meiner Frau im Garten unseres Reihenhäuschens sitzen, ein kühles Glas Weißwein trinken, reden, lachen und über den Nachthimmel staunen.
  4. Worüber würdest du gerne mehr erfahren/wissen? Sägt der verdächtig unverdächtige Kollege Cerny an meinem Abteilungsleiter-Sessel? Welche Änderungen kommen unter der neuen Marketing-Direktorin Svetlana Pfotenhauer auf uns zu? Und gibt es noch intelligentes Leben in unserem Universum? Alles andere wäre nämlich ziemliche Platzverschwendung.
  5. Vervollständige bitte den Satz: Bloggen ist… in den letzten Monaten zu meinem liebsten Hobby und zu einem fixen Bestandteil meines Lebens geworden.
  6. Was hat dich heute beeindruckt? Meine Willensstärke. Ich bin an der Bäckerei Fallnbügl vorübergegangen, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
  7. Was hast du heute Schönes erlebt? Editha, unsere ukrainische Putzfrau, die ihre Deutschkenntnisse aus Radio und Fernsehen bezieht, fragte mich heute früh: Cherr Moser, hast du abgenommen?! Biggest Loser?

Ich bitte um Nachsicht, wenn ich meinerseits keine Award-Nominierungen ausspreche. Verdient hätten es viele – ich bin schon schlecht im Fragen beantworten, im Fragen ausdenken aber noch viel schlechter.

Nahverkehr

Heftige Schneefälle sind in diesem aufkeimenden Frühjahr nicht mehr zu erwarten, und wir konnten bei der Werkstatt unseres Vertrauens kurzfristig noch einen Termin ergattern, um die Prozedur des Reifenwechsels von Winter auf Sommer in professionelle Hände zu legen. Entspannt ließ ich mich heute früh vom Postbus Richtung U-Bahn kutschieren, um pünktlich meinen Dienst in der Fischkonservenfabrik anzutreten. Kein Stress, kein Stau, keine verrückten, hupenden Autofahrer, keine Verkehrskontrollen. Gemütlich rollten wir auf der Busspur dahin, alles war friedlich. Eine feine Sache, dieser öffentliche Nahverkehr.

Die schweinslederne Aktentasche auf den Knien checkte ich am Smartphone ganz lässig meinen E-Mail Posteingang. Lächelnd las ich die zahlreichen Glückwünsche diverser Glücksspielunternehmen, die mir zum Gewinn vieler Millionen Euro gratulierten (Moser, Du hast gewonnen!), ein halbes Dutzend Bank- und Kreditinstitute hatte von meinem neuen Reichtum offenbar noch nichts mitbekommen, denn sie boten mir Rundum-Sorglos-Kredite zu sensationellen Konditionen an. Aber wenn ich nicht wüsste, wohin mit dem ganzen Geld, könnte ich umweltfreundlich in Windkraft investieren. Die Welt liebt mich, denn ich wurde außerdem mit zahllosen Rabatten und Sonderangeboten förmlich überschüttet: 10% Frühlingsrabatt auf Gartenmöbel, 20% auf die Düfte des Frühlings, minus 15% auf jedes Paar neue Schuhe und gar 30,- Euro Gutschrift in einem bekannten Elektronikmarkt (bei einem Einkauf ab 290,- Euro). Ich könnte kostenlos und gänzlich unverbindlich den neuen Mini Countryman probefahren, Amazon legte mir den Kauf der neuesten Romane meiner Lieblingsautoren nahe, und eine brandneue Glukose-App wollte meinen Zuckerspiegel im Auge behalten, meiner Gesundheit zuliebe.

Verzückt und dankbar studierte ich die wundervollen, selbstlosen Angebote der seriösen Unternehmen, als bei der Walzwerkstraße ein junger Mann zustieg und die idyllische Ruhe im Bus zerstörte. Er war sicher noch keine 30, konnte aber bereits drei markante Zahnlücken vorweisen, die langen Haare hingen in fettigen Strähnen auf die Schultern. Am Bund seiner fleckigen, weiten  Militärhose trug er eine dickgliedrige Kette, an der ein Flaschenöffner, ein Taschenmesser und ein gewaltiger Schlüsselbund baumelten. Begleitet wurde der auffällige Bursche von einem etwas verwahrlost wirkenden Schäferhund mit traurigem Blick. Er ließ sich auf eine freie Sitzbank mir gegenüber fallen, das Tier forderte er mit „Platz, Rambo!“ auf, es sich gemütlich zu machen. Dann fischte er ein Handy aus einer der zahlreichen, seitlich applizierten Hosentaschen und begann so ungeniert und lautstark zu telefonieren, als befände er sich in seinem Wohnzimmer.

„Serwas Peda, kummst du eh a heit auf d´Nocht zum Charlie?“ (Servus Peter, kommst du heute Abend auch zu Karl?) „Naaa, de Renate is im Oasch, i kumm alaa…“ (Nein, Renate geht es nicht so gut, ich werde alleine kommen…) „Owa i bring an Doppler Rodn mit!“ (Aber ich bring zwei Liter Rotwein mit!). Jeder im Bus wurde ungewollt Ohrenzeuge dieses unappetitlichen Gespräches im breitesten Wiener Slang. Ich wollte gerade eine E-Mail mit dem verheißungsvollen Titel „Letzte Chance!“ öffnen, aber meine Konzentration war dahin. Also beendete ich das Mailprogramm und sah rüber zu Rambo, der sich hechelnd am schmutzigen Busboden niedergelassen hatte. „Na, du?“ flüsterte ich ihm tröstend zu. Rambo begann leise zu knurren und richtete sich auf. Immerhin weiß ich, dass man Hunde niemals merken lassen darf, dass man Angst hat. „Hör mal Hund, ich hab keine Angst!“ rief ich ihm halblaut zu. Rambo spitzte die Ohren, aus seinem mageren, räudigen Körper drang ein tiefes Grollen.

Der junge Mann mit den Zahnlücken ließ sein Handy sinken und bellte mich an: „Heast, G´schisserna! Wos is mit dir? Loss mein Hund in Ruah, sunst muass i da leida ane betonieren!“ (Hör mal, du Kackwurst! Was ist los mit dir? Würden Sie bitte meinen Hund nicht belästigen, sonst muss ich Ihnen die Zähne einschlagen!) In Panik rief ich: „Hunde müssen in öffentlichen Verkehrsmitteln einen Beißkorb tragen!“ Zahnlücke entgegnete: „Oida, bist wo augrennt? Schleich di, oba dalli!“ (Alter, bist du wo gegen gelaufen? Verschwinde, aber schnell!) In diesem Moment erreichten wir die nächste Haltestelle und ich stieg aus. Drei Stationen zu früh.

Ich musste acht Minuten auf den nächsten Bus, der mich zur U-Bahn bringt, warten. Ich nutzte die Wartezeit und rief bei unserer Werkstatt an: „Meister, wird der Wagen für Moser noch heute fertig? Ja, die Sommerreifen. Erst morgen Vormittag? Hören Sie, ich brauch das Auto aber dringend! Ich lege einen Fünfziger drauf, wenn ich ihn heute um 17:30 abholen kann! Ja? Fein! Bis später!“ Stau hin, Stress her – es geht eben nichts über ein eigenes Auto.

Die Schimmelreiter

Es war schon vor geraumer Zeit, als mich meine brave Adelheid mit einem markerschütternden Schrei aus den nachmittäglichen Sonntagsträumen holte: „Schiiiiiiimmel!“ Und Sie können mir glauben – mit diesem Ausdruck des Entsetzens und in dieser Tonlage meinte sie gewiss nicht ein anmutiges, weißes Pferdchen. Ich rappelte mich auf und folgte dem Schimmel-Schrei. Heidi stand schreckensbleich in der Küche und wies mit zitterndem Zeigefinger auf ein dunkles Muster, das sich in Bodennähe von der Glastür hinter die Küchenschränke schlängelte. „Moser, Schi… Schi… Schimmel!!“ stammelte sie. Dazu muss man wissen, dass meine liebe Frau panische Angst vor Schimmelpilzen, Bakterien, Keimen und verdorbenen Lebensmitteln hat. Wenn ich zum Frühstück ein wenig Erdbeerjoghurt löffle und den angebrochenen Becher zurück in den Kühlschrank stelle, kann ich sicher sein, dass er spätestens zu Mittag im Müll landet. Alles, was nicht mehr originalverpackt ist, wird misstrauisch beäugt: „Ist das noch gut?“ Heidi lebt nach der Devise „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ und ein nicht gänzlich durchgebratenes Stück Fleisch ist für sie gleichbedeutend mit Salmonellen, Campylobacter-Bakterien und Magen-Darm-Infektionen. Hygiene wird in unserem beschaulichen Reihenhäuschen also sehr groß geschrieben, und das nicht nur in der Küche. Es verwundert daher nicht, dass Adelheid angesichts des schwarzen Schimmels, der nun auf der Küchenwand graste, leicht hysterisch wurde: „Das kann doch nicht sein. Ich putze und lüfte doch regelmäßig!“

Ich flößte ihr einen Teelöffel Baldrian ein, legte sie auf die Couch, lagerte die Beine hoch und googelte, mit welchen Waffen man den Feind bekämpfen kann. Tags darauf besorgte ich Brennspiritus, Wasserstoffperoxid und Isopropylalkohl und wir rückten dem Schimmel mit Bürsten, Schwämmen und Tüchern auf den Pelz. Er zeigte sich davon unbeeindruckt. Heidi rief die zuständige Hausverwaltung an, meldete unser Problem mit eindringlichen Worten und wies auch nachdrücklich auf die Gesundheitsgefährdung hin: „Hören Sie, die Sporen in der Luft greifen unsere Schleimhäute an, und das Immunsystem!! Und das Nervensystem! Schicken Sie umgehend jemanden vorbei, sonst gehen wir hier drauf!“ Die Hausverwaltung versprach, sich so rasch wie möglich darum zu kümmern.

Bereits drei Wochen später tauchten zwei Experten auf, nahmen unsere Wände und Mauern unter die Lupe, schüttelten die Köpfe, trugen irgendwelche Zahlen in Tabellen und Formulare ein, machten geschäftig mit Messgeräten herum und schüttelten wieder die Köpfe. Die Prozedur zog sich über zwei Stunden, bis Heidi schließlich Aufklärung begehrte: „Was ist denn nun?“ Der ältere Experte studierte seine Aufzeichnungen und meinte dann bedächtig: „Aspergillus niger. Schwarzer Schimmel. In der Küche.“ Ich zollte der Diagnose verhaltenen Applaus und der Schimmelspezialist fuhr fort: „Allerdings lässt sich der Ursprung nicht genau feststellen. Vielleicht von innen, möglicherweise auch von außen. Wir werden die Küchenzeile und die Schränke abbauen und nachsehen, wie die Sache dahinter aussieht.“ Heidi schnappte nach Luft. „Unsere Tischler und Bauexperten werden sich wegen eines Termins mit Ihnen in Verbindung setzen.“

Keine zwei Wochen später rief eine Firma Fux an, und kündigte ihr Kommen für den nächsten Tag um 7:00 früh an. Wir sollten inzwischen alle Küchenschränke leerräumen. In einer Nacht- und Nebelaktion packten wir Geschirr, Töpfe, Backformen, längst verschollen geglaubte Küchengeräte und zwei riesige Laden mit diversem Krimskrams in alte Kartons, auf dem Esstisch landeten geschätzte 3 Kilo Besteck und Dutzende Döschen mit Gewürzen aus aller Welt. Pünktlich am nächsten Morgen klingelten die Handwerker und begannen, die rechte Seite unserer schönen Einbauküche zu demontieren. Die linke Seite mit Herd blieb gottlob intakt. Ich hatte mir für diesen Tag frei genommen, um Heidi seelischen Beistand zu leisten. Gegen 9:00 verschwanden die zwei Herren mit den Worten „Frühstückspause!“, kehrten aber bereits um 9:45 wieder zurück. Mittags stapelten sich unsere zerlegten Schränke im Wohnzimmer. „Chef!“ rief der schnauzbärtige Handwerker mit türkischem Migrationshintergrund aus der Küche. „Guckst du! Schimmel nicht schlimm. Nur zwa Meta (zwei Meter – Anm.) bis hier.  Kommt Maler, macht weg und streicht mit Spezialfarbe. Dann Schimmel weg!“

Weitere zehn Tage später kam ein junger, schweigsamer Bursche, machte weg Schimmel und strich mit Spezialfarbe. Dann schulterte er seine Tasche und wollte mit einem saloppen „Wiederschaun!“ verschwinden. Blitzartig versperrte ihm Heidi den Weg: „Halt! Wer baut unsere Küche wieder auf??!!!“ Der Maler zuckte die Schultern und meinte: „Die Firma Fux meldet sich“, und schlüpfte an Adelheid vorbei in die Freiheit.

Seit der Entdeckung des Schimmels sind gut und gerne acht Wochen vergangen. Acht Wochen, in denen wir zwischen Brettern, Laden, Gewürzdöschen und demontierten Schranktüren hausten. Doch gestern war es soweit: Die zwei Handwerker der Firma Fux marschierten um 7:00 morgens in unserer Küche ein und begannen mit dem Wiederaufbau. Es wurde gehämmert, gebohrt, geflucht, aber nach sechs Stunden (abzüglich 45 Minuten Frühstückspause) hatten wir unsere Küche wieder. Schimmelfrei. „Musst du immer gut lüften!“ sagte der türkische Zimmermann beim Abschied zu Heidi und zwinkerte mit dem rechten Auge. „Mach ich“, antwortete sie und ließ den bereit gehaltenen Zehner Trinkgeld unauffällig wieder in ihrer Hosentasche verschwinden.

Lügen haben kurze Beine

Soeben erreichte mich eine WhatsApp-Nachricht von Heidi: Heute ist Waschtag. Was sind das für rote Spritzer auf deinem weißen Hemd? Ich hatte zwar gehofft, dass die Spuren meines gestrigen Paprika-Fehltritts unentdeckt bleiben würden (warum musste ich auch so gierig schlingen?), doch Miss Marple nimmt ihre Arbeit sehr genau. Für den Fall, dass mich die verräterischen Tomatensauce-Flecken in Erklärungsnot bringen, hatte ich mir bereits gestern eine Ausrede zurechtgelegt. Ich würde sie als gesunden Tomatensaft ausgeben. Eben wollte ich die kleine Notlüge eintippen, als mir einfiel, dass ich Tomatensaft verabscheue. Ich liebe saftige Paradeiser in jeder Form, nur beim gepressten Saft streike ich, den bringe ich einfach nicht runter. Weder im Flugzeug noch in der Cocktailbar als Bloody Mary. Und meine kluge Adelheid weiß das natürlich. Die Tomatensaft-Ausrede würde sie mir nie und nimmer abnehmen und zu einem peinlichen Verhör führen.

Ein Plan B musste her. Punkto Glaubwürdigkeit wäre Ketchup die beste Lösung. Ich liebe Ketchup und verwende es wie andere Leute Salz. Leider steht diese Köstlichkeit aufgrund des versteckten Zuckergehalts derzeit ebenfalls auf dem Moser´schen Ernährungsindex. Außerdem: Selbst ich würde zu einem Schinken-Pumpernickelbrot mit Karottenstäbchen niemals Ketchup nehmen. Und ich konnte ja schlecht eine Bratwurst mit Pommes vortäuschen, um die gefüllten Paprika zu vertuschen. Ich saß in der Zwickmühle. Dann hatte ich die rettende Idee und tippte: Mein Liebling! Deine Rohkost und das gesunde Schinkenbrötchen haben gestern ganz wunderbar geschmeckt, aber mein Magen war etwas verstimmt und ich brauchte dringend etwas Warmes. Darum hab ich mir ein Tässchen Tomatensuppe aus der Kantine geholt und mich bekleckert, ich Tollpatsch!

Schon wollte ich das Senden-Knöpfchen drücken, als sich lautstark mein schlechtes Gewissen meldete: „Moser, du Pinocchio unter den Abteilungsleitern, du Münchhausen der Ehemänner! Willst du dich immer tiefer in ein Netz der Lügen verstricken?! Sein ein Mann und stehe zu deinem Fehltritt!“ Ich starrte auf das Display, mein Zeigefinger schwebte zitternd über dem Button „Senden“. Und wie in einem kitschigen Hollywood-Film siegte das Gute über das Böse. Ich löschte meine Fake News und schrieb: Heidi, der Geist ist willig, doch das Fleisch ist manchmal schwach. Cerny verführte mich gestern zu einem Kantinenbesuch, denn es gab gefüllte Paprika. Meine Leibspeis. Verzeih! 😉

Und wie Heidi verzieh! Denn kurz darauf erreichte mich folgende Nachricht: Wir sind doch alle nur Menschen, Moser! Ich verstehe dich gut. Gestern kam meine liebe Uschimaus überraschend vorbei und brachte Zimtschnecken aus der Bäckerei mit. Auch ich habe gesündigt 😦

Ich lächelte. Nach meiner bescheidenen Meinung wiegen Zimtschnecken schwerer als gefüllte Paprika. Vorteil Herr Moser. Rasch schrieb ich zurück: Ego te absolvo! Zur Buße reichst du heute als Beilage zum Gemüsereis ein Wiener Schnitzelchen. Mit Ketchup! Gegrüßet seist du, Heidi. Amen. Die Antwort ist noch ausständig. Ich nehme an, Adelheid hat noch eine Besorgung beim Metzger zu machen.

Eigenbrötler

Die nahe gelegene Kirchturmuhr verkündete die Mittagsstunde, Kollege Cerny klappte den Deckel seines Laptops zu und frug: „Na Herr Moser, kommen Sie mit in die Kantine?“ Ich verneinte kopfschüttelnd und öffnete meine Plastik-Lunchbox, wo mich von Heidi liebevoll handgeschnitzte Karottenstäbchen nebst Pumpernickelbrot mit fettreduziertem Putenschinken höhnisch angrinsten. „Sie sind ein alter Eigenbrödler“, meinte Cerny, und sprach es tatsächlich mit  weichem d wie Dora aus, so als würde etwas in mir brodeln.

Der Klugscheißer in mir hob sofort zur Belehrung an: „Im 16. und 17. Jahrhundert wurden jene Bewohner eines Hospitals Eigenbrötler genannt, die ihr eigenes Brot aßen, also auf eigene Kosten dort untergebracht waren. Sie waren der Regel etwas besser gestellt und hielten sich von anderen Bewohnern, die meist auf Almosen angewiesen waren, fern. Der Ausdruck Eigenbrötler für einen Menschen, der lieber für sich sein will, hat also mitnichten etwas mit brodeln zu tun, sondern mit dem eigenen Brot, Herr Cerny. Und da ich heute ein Schinkenbrot dabei habe, bin ich im ursprünglichen Wortsinn sogar ein Eigenbrötler.“ Mein Kollege sah mich desinteressiert an, seine Augen hinter den dicken Brillengläsern schwammen gelangweilt hin und her: „Gehen Sie nun mit in die Kantine oder nicht? Heute gibt es gefüllte Paprika.“

Peng, das saß. Gefüllte Paprika. Seit ich denken kann, zählen die mit würzigem Faschierten (in Deutschland etwas brutal Hackfleisch genannt) gefüllten Paprikaschoten in fruchtig-pikanter Tomatensauce mit buttrigen Petersilienkartoffeln zu den Top 5 meiner Lieblingsgerichte. Auch wenn die Köche unserer Kantine nicht gerade zu den Meistern ihres Fachs zählen: gefüllte Paprika haben sie drauf. Die Lefzen meines inneren Schweinehundes begannen zu tropfen. Mein Blick fiel auf die Rohkost im Plastikschälchen und der Schweinehund begann bedrohlich zu knurren. Ich gab auf. Immerhin hielt ich diesen Diät-Wahnsinn nun schon seit über einer Woche (bis auf wenige Ausrutscher) durch, und bei gefüllten Paprika kann man schon mal schwach werden. Paprika und Tomaten sind ja eigentlich gesundes Gemüse, und der Klacks Faschiertes macht den Moser auch nicht fett.

Seufzend schloss ich den Deckel meiner Tupperware und sagte resignierend zu Cerny: „Ich mach mir zwar nicht viel aus gefüllten Paprika, aber damit Sie sehen, dass ich kein Eigenbrötler bin, begleite ich Sie in Gottes Namen in die Kantine.“

Gleich nachdem ich abends nach Hause gekommen war und Heidi ein Begrüßungsbussi auf die Wange und meine vorsorglich entleerte Plastikdose in die Hand gedrückt hatte, eilte ich nach oben ins Badezimmer und ließ mein mit Tomatensauce vollgekleckertes, weißes Hemd im Wäschekorb verschwinden.

Der rosa Elefant

Gestern war es wieder soweit. Heidi nahm unseren tomatenroten Flitzer für schwerwiegende Besorgungen in Beschlag (Blumenerde, neuer Spaten, diverse Blumentöpfe, Holzlatten, Farben, Pinsel – schließlich steht der Frühling vor der Gartentür), und ich musste für meinen Weg zur und von der Fabrik auf öffentliche Verkehrsmittel ausweichen.

Auf dem Heimweg in der U-Bahn kramte ich mein aktuelles Buch aus der Aktentasche („Elefant“ von Martin Suter, Diogenes Verlag) und vertiefte mich in die amüsante und interessante Geschichte. Mir gegenüber saß ein Pärchen, schätzungsweise Ende 30, und führte ein Gespräch, das meine Aufmerksamkeit alsbald mehr fesselte als der winzige, leuchtende rosa Elefant. Es entspann sich folgender Dialog:

Er: Lass uns das Thema wechseln. – Sie: Welches Thema? – Er: Keine Ahnung. Aber ein anderes Thema wäre mir lieber. – Sie: Nein, du wirst dich jetzt damit auseinandersetzen! – Er: Womit? – Sie: Das weißt du ganz genau. Hörst du mir eigentlich nie zu? – Er: Klar höre ich dir zu! – Sie: Dann würde mich dein Standpunkt dazu interessieren. – Er: Ääähhh… naja, man kann die Sache so oder so sehen. – Sie: Das nennst du einen Standpunkt? – Er: Nicht direkt, aber worum geht es überhaupt? – Sie: Na toll, typisch!

Das klang sehr vielversprechend und ich hoffte, dass die beiden nicht zu früh aussteigen. Nach kurzem Schweigen nahm der Kerl mit 5-Tagesbart und Rossschwanzfrisur das Gespräch wieder auf.

Er: Geht es um meinen Alkoholkonsum? – Sie: Nein. – Er: Dass ich oft zu wenig aufmerksam bin? – Sie: Nein. – Er: Also geht´s ums Kinderkriegen?! – Sie: Nein! Aber wenn du schon davon anfängst, wir sollten mal darüber reden.

Ich wurde von einem kurzen, aber heftigen Lachkrampf gebeutelt. Das Pärchen sah mich missbilligend an. Entschuldigend zuckte ich mit den Achseln und deutete auf das Buch: „Ein rosa Elefant, stellen Sie sich vor! Urkomisch! Nicht zu fassen, was sich diese Autoren alles ausdenken.“ Zum Schein versenkte ich mich wieder in meine Lektüre.

Er: Du hast mit deinen Freundinnen gesprochen? – Sie: Ja, zufällig. Und jetzt fängst du auch noch davon an. Das ist doch ein Zeichen, oder? – Er: Ich dachte, wir wollten uns noch ein wenig Zeit lassen. – Sie: Du hast doch damit angefangen. – Er: Eigentlich nicht… – Sie: Außerdem, viel Zeit ist ja nicht mehr. Ich bin jetzt… – Er: Ich weiß wie alt du bist. – Sie: Immerhin.

Kichernd prustete ich los, es gab kein Halten mehr. Das war großes Kino, und als sich meine Haltestelle näherte, fasste ich den Entschluss, einen kleinen Umweg zu nehmen und die beiden noch ein Stück des Weges zu begleiten. In der heutigen Zeit interessieren sich die Menschen ja kaum noch füreinander und ich wollte bei dieser Unart nicht mitmachen. Glucksend stammelte ich: „Der rosa Mini-Elefant leuchtet im Dunkeln!“ Das Pärchen wandte sich kopfschüttelnd wieder einander zu.

Er: Weißt du überhaupt, was so ein Kind kostet?! – Sie: Das zahlt der Staat. – Er: Welcher Staat? – Sie: Eventuell müssten wir umziehen. – Er: Also Kinder liegen mir irgendwie nicht. Ich hab eigentlich nur Spaß an Sachen, die ich richtig gut kann. – Sie: Ich dachte, dir gefällt unser Sex? – Er: Wie meinst du das? – Sie: Ach, das gehört jetzt nicht hierher. – Er: Was bitte ist nicht in Ordnung mit unserem Sex?! – Sie: Nichts. – Er: Gut, lassen wir das Sexthema.

Sofort rief ich: „Ich höre überhaupt nicht zu, keine Angst! Außerdem interessiert mich dieses ganze Sexzeug gar nicht. Ehrlich. Ich lese nur mein Buch!“ Doch die beiden schienen mir nicht zu glauben und verfielen in eisiges Schweigen. Schade.

Bei der nächsten Haltestelle stieg ich aus. Ich war zwar spät dran, denn Heidi wartete daheim mit dem Abendessen. Es sollte gedünsteten Heilbutt mit Linsen geben, ich hatte es also nicht besonders eilig. So schlenderte ich, in Gedanken noch ganz bei den letzten Minuten in der U-Bahn, zur nächsten Bus-Station. Dabei touchierte ich geistesabwesend einen Laternenpfahl und holte mir eine kleine Beule. Aber das geschah mir wahrscheinlich recht. Wenn ich Ihnen sage, Sie sollen NICHT an einen rosa Elefanten denken, woran denken Sie? Eben.

Not macht erfinderisch

Es war Sonntagmorgen, mein Smartphone zeigte 08:10, leicht bewölkt bei 5° C.  Ich stand, noch im Pyjama, in der Küche und bestrich zwei Scheiben Dinkelbrot mit einem Aufstrich aus roten Indianerbohnen, schnitt einen knallroten Paradeiser in mundgerechte Happen und salzte sie aus der Mühle. Meine liebe Heidi schlief noch den Schlaf der Gerechten und ich wollte sie mit einem kleinen Fastenfrühstück überraschen. Wir sind ja seit Aschermittwoch auf Diät – kein Zucker, kein Kuchen, kein weißes Mehl und so Kram, Sie wissen schon. Liebevoll dekorierte ich die gesunden Brote mit hellgrünen Selleriestangen und träumte von Apfelkuchen mit Schlagobers. In diesem Moment läutete es an der Tür. Morgendlicher Besuch am Tag des Herrn?

Vor mir stand eine freudlos wirkende Dame in den Vierzigern, das Haar von grauen Strähnen durchzogen, die braunen Schuhe abgetreten, die dunkle, schmucklose Winterjacke zeigte an den Ärmeln starke Abnutzungserscheinungen. Begleitet wurde sie von einem etwa 14-jährigen blassen Jüngling, der Druckwerke mit dem Titel Erwachet! und Der Wachtturm in Händen hielt. Wie hießen die gleich noch mal? Scientology? Adventisten? Zeugen Jehovas? Egal. „Würden Sie nicht auch gerne in einer Welt voller Frieden leben?“ frug die graue Frau mit gezwungenem Lächeln. Ich dachte an eine Welt ohne Erwin und Svetlana Pfotenhauer, ohne Cerny, an friedliche Sonntage ohne lästige Sektenbesuche… und ohne Diäten. Ich nickte und leckte mir etwas Indianerbohnenaufstrich vom Finger. Der Junge zitierte einen Psalm aus der Bibel, in dem die Bösen in einer Weile nicht mehr sein und die Sanftmütigen die Erde besitzen werden. „Glauben Sie an Gott?“ Ich hatte in diesem Moment jedoch nur Bock auf Kuchen und ich beschloss, die Missionare für meine Zwecke einzuspannen. Also schnappte ich mir einen Zwanziger von der Kommode, drückte ihn dem dünnen, stimmbrüchigen Buben in die Hand und sagte in verschwörerischem Ton: „Gleich da vorne, rechts neben dem großen Parkplatz, ist eine Bäckerei, die sonntags geöffnet hat. Besorgt uns vier Stück Streuselkuchen, dann frühstücken wir gemeinsam und können über alles reden.“ „Auch über Gott?“ wollte die Frau wissen. Mit den Worten „Na klar, Wechselgeld nicht vergessen, sonst kommt ihr in die Hölle! Bis gleich.“ schloss ich die Tür.

Tatsächlich klingelten die zwei Zeugen knapp zehn Minuten später wieder. Sie hatten an diesem Sonntagmorgen wohl auch Lust auf Süßes, überreichten mir mit klammen Fingern eine Pappschachtel mit dem Kuchen und 7 Euro 80 Wechselgeld. „Vergelt´s Gott!“ bedankte ich mich. „Dürfen wir jetzt reinkommen?“ Ich drückte Mutter und Sohn je ein Stück Apfel-Streuselkuchen aus dem Karton in die Hand und sagte bedauernd: „Tut mir leid, aber meine Frau ist Muslima und hat mir den Umgang mit Ihrer Sekte verboten. Auf Wiedersehen!“

In der Küche zerriss ich die Schachtel in kleine Fetzen und versteckte sie im Mistkübel ganz unten. Den duftenden Apfelkuchen richtete ich auf zwei hübschen, blumenverzierten Porzellantellern an. Kurz darauf kam Heidi in einem kirschroten Morgenmantel die Treppe herunter. „Hat es da eben an der Tür geläutet?“ „Ja, stell dir vor“, erzählte ich, „eine gewisse Anna Fromm und ihr Sohn Jakob waren hier. Sie ziehen demnächst in unserer Siedlung ein und haben uns als nachbarschaftliches Gastgeschenk selbstgemachten Apfelkuchen vorbeigebracht!“ „Das ist aber nett“, freute sich Adelheid über so viel Gastfreundschaft. „Dann machen wir heute eine Ausnahme und frühstücken Kuchen – wäre ja sonst unhöflich, wenn sie sich schon so viel Mühe gemacht hat!“ Ich nickte zustimmend. Wenn der Zuckerspiegel im Keller ist, heiligt der Zweck eben die Mittel.