Al is back!

Das vergangene Wochenende stand für die patriotische Ski-Nation Österreich ganz im Zeichen der Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel. Auch Heidi und ich verfolgten nägelbeissend die spannende Abfahrt auf der Streif, bei der unser rot-weiß-roter Hannes Reichelt in Führung lag, ehe der deutsche Nobody Thomas Dressen eine unschlagbare Bestzeit auf die Piste nagelte. Uns blieb das Wiener Schnitzel im Halse stecken: „Neeiiiin!“ röchelten wir entsetzt, als der Piefke im Ziel jubelte und seine siegreichen Bretter triumphierend in die Luft reckte. Im Fußball sind wir Ösis ja katastrophale Niederlagen gegen Germany gewohnt, bisher konnten wir jedoch mit „Aber dafür sind wir im Skifahren besser!“ kontern. Jetzt ist es auch damit vorbei, die frühere Siegernation Österreich ist geschlagen. Am Sonntag wurde dann auch noch unser unschlagbarer Marcel Hirscher, der davor fünf Slaloms en suite gewonnen hatte, beim traditionellen Torlauf am Ganslernhang vom Norweger Henrik Kristofferson auf Platz zwei verbannt. Kein gutes Kitz-Wochenende, Heidi und ich mussten uns anschließend mit selbstgebackenen Schoko-Muffins trösten.

Die Hahnenkamm-Rennen sind aber nicht nur ein sportlicher Höhepunkt des Wintersportjahres, sondern auch ein Society-Event mit gewaltigem Promi-Auftrieb. Bei den umrahmenden Weißwurscht-Parties und sonstigen Feiern finden die Kameras der Gesellschaftsreporter ein üppiges Buffet an prominenten Gesichtern vor, die für ein paar Sekunden Scheinwerferlicht leere Worthülsen absondern. Der bunte Reigen spannt sich von Andreas Gabalier über DJ Ötzi bis zu Niki Lauda. Auch unsere „Steirische Eiche“ Arnold Schwarzenegger ist alle Jahre wieder ein gern gesehener Aufputz für Kitz. Mit irgendeinem blonden Model an seiner Seite sitzt er im dunkelgrünen Lodenmantel mit Steirerhut selbst bei dichtem Schneetreiben lächelnd auf der Promitribüne im Zielraum und sagt mit seinem unvergleichlichen Dialekt Dinge wie „Die Streif is Action pur, i druck unseren Burschn die Daumen! Es is a perfektes Race!“

Nun gibt es im heimischen Radiosender Ö3 die humoristische Institution des sogenannten „Mikromann“, bei der Comedy-Reporter Tom Walek arglose Passanten mit harmlosen Fragen löchert, und deren Antworten nicht nur eine ganze Nation zum Lachen bringen, sondern auch viel über den Bildungsstand der Österreicher vermuten lässt. Beispiel: „Wenn Sie draufkommen, dass Ihr Ehemann heterosexuell ist – wie würden Sie reagieren?“ Interessanterweise wäre dies für meisten Damen ein sofortiger Scheidungsgrund. Soweit, so gut. Am Hahnenkamm-Wochenende stand passenderweise Arnold Schwarzenegger im Fokus des Mikromannes. Dass die meisten der Befragten auf die Frage „Wie hieß Arnold Schwarzenegger bevor er nach Amerika gegangen ist?“ mit Conan, Terminator, Arnie und keine Ahnung antworteten, mag man ja noch schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, aber dann hatte Reporter Walek einen jungen Mann vor dem Mikro, dessen erhellende Antworten ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Mikromann: Was ist mit dem berühmtesten Schwarzenegger-Zitat „I´ll be back“ gemeint? Was heißt das?

Mann: Keine Ahnung, dass er zurück ist halt…

Mikromann: Woher ist er zurück?

Mann: Das weiß ich wirklich nicht. Aus Vorarlberg vielleicht?

Mikromann: I´ll be back – welche Sprache ist das?

Mann: Na Englisch halt.

Mikromann: Und was heißt das?

Mann: I´ll (er spricht es wie Al aus)… Al heißt wahrscheinlich Vorarlberg oder so.

Mikromann: Dann heißt I´ll be back also…

Mann: Vorarlberg ist zurück!

Mikromann: Wie heißt Schwarzenegger mit Vornamen?

Mann: Ah ja, Arnold. Deswegen Al.

Mikromann: Schwarzenegger heißt also Al?

Mann: Ja, das ist die Abkürzung oder der Spitzname. Keine Ahnung.

Mikromann: I´ll be back heißt dann…

Mann: Arnold ist zurück.

Heidi und ich lagen uns lachend in den Armen, der Schmerz über die Niederlagen im Schnee war vergessen. Wenn Sie sich mit eigenen Ohren überzeugen wollen, bitte klicken Sie hier: http://oe3.orf.at/m/comedy/stories/mikromann/

Als ich heute am Vormittag in der Fischkonservenfabrik zu einer Besprechung mit unserer Marketingdirektorin Svetlana Pfotenhauer enteilte, rief ich meinem Kollegen Cerny zu: „I´ll be back!!“  Cerny ist wohl Ö3-Hörer, denn er antwortete: „Hasta la vista, Al!“

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Editha ist ein Star!

Der Stammkundschaft meines kleinen Blogs ist Editha wahrscheinlich bekannt. Der liebenswerte Sonnenschein aus der Ukraine zieht mit ihrem Putzwägelchen seit Jahr und Tag summend und singend durch die Gänge und Büros unserer Fischkonservenmanufaktur und sorgt für staubfreie Regale und durchsichtige Fenster. Die gut integrierte Mittfünfzigerin hat sich ihre Deutschkenntnisse zu großen Teilen über Funk und Fernsehen angeeignet, und genehmigt sich in der Herrentoilette auf unserer Etage gerne mal einen Joint, um ein wenig Schwung und Farbe in ihren grauen Putzalltag zu bringen und der Tristesse des Putzfrauendaseins zu entfliehen. Außer, dass sie mir mal ohne mein Wissen zwei Haschkekse untergejubelt hat, sodass ich an diesem Tag mit Lach- und Heißhungerattacken frühzeitig den Dienst quittieren musste, kann ich nichts Schlechtes über Editha sagen.

Gestern suchte ich nach einer großen Portion von Heidis Thermoskannen-Kaffee das Herrenklo auf. Kaum hatte ich das schwarz-weiß geflieste Stoffwechselörtchen betreten, gellte ein herzzerreißender Schrei aus einer der Kabinen: „Chiiilfeee! Ich bin Star, cholt mich hier raaauuusss!“  Anhand der Stimmlage und des ukrainischen Akzents identifizierte ich die Urheberin als Editha. „Editha??!!“ rief ich besorgt. „Cherr Moser?? Bitte chilfst du, bin versperrt und Tire kapuuttt! Komm ich nix raus!“ „Nur die Ruhe Editha, das haben wir gleich!“ sprach ich der hysterischen Raumpflegerin Mut zu. „Drehen Sie den Riegel an der Tür gegen den Uhrzeigersinn!“ „Uhrzeigersinn???“ rief Editha verwirrt und begann lauthals „Wer chat an die Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?“ zu singen. Die arme Frau stand offenbar wirklich unter Schock. „Nach links, Editha, nach links drehen!“ „Links, rechts, geht nix. Schloss kaputt! Kein Uhrzeigersinn. Chilfe, Cherr Moser!“ Glücklicherweise hatte ich gestern Abend eine Folge von Criminal Minds gesehen und wusste, wie coole FBI-Agenten in einer solchen Situation agieren. Mit Schwung ließ ich meinen frisch geputzten, schwarzen Herrenhalbschuh gegen die alte Holztür krachen.

Splitternd sprang die Tür auf… und ich blickte in das vor Anstrengung gerötete Gesicht von Dr. Jonas Cerny, der mit heruntergelassener Hose auf der Muschel saß. Seine sonst so riesigen Augen waren hinter den dicken Brillengläsern zu schmalen Schlitzen zusammengepresst.

„Oh Gott, Cerny???“

„Moser!!!!“

Den Anblick meines Kollegen bei der Verrichtung seines großen Geschäftes würde ich ohne professionelle, psychologische Hilfe nie wieder loswerden. Hastig schlug ich die Türe zu und rief: „Edithaaa?“ „Chier“, tönte es aus der Nebenkabine. Auch wenn im Frühjahr unsere alten, hölzernen Toilettenhäuschen gegen moderne, neue Kunststoffkabinen ausgetauscht werden, wollte ich nicht auch noch für die Zerstörung der zweiten Klotür verantwortlich sein. „Warten Sie kurz Editha, ich hole Hilfe!“ beruhigte ich unsere Perle, die inzwischen hemmungslos weinte. Über mein Handy rief ich Hausmeister Willi: „Kommen Sie bitte schnell in die Herrentoilette im ersten Stock, unsere Putzfrau hat sich versehentlich eingeschlossen!“ Wenig später knallte Willi seinen Werkzeugkasten auf die Fliesen vor der verschlossenen Klokabine, grummelte Grrmmpf! und machte sich mit einem Franzosen am Schloss zu schaffen. Es mag auch ein Engländer oder Holländer gewesen sein, ich bei der Nationalität der Schlosser- und Einbruchswerkzeuge nicht besonders firm. Jedenfalls hatte Willi das Problem mit wenigen Handgriffen gelöst, die Tür sprang auf und Editha warf sich unserem Facility Manager an den Hals: „Chausmeister Krause!!! Danke!! Du mir Leben gerättet!“ Hausmeister Krause, der eigentlich Willi Dobernig heißt, schüttelte die Ukrainerin ab, schnappte seinen Werkzeugkasten und verabschiedete sich mit einem knurrenden Grrmmpf. Nebenan rauschte die Klospülung und Cerny trat ins Freie. Er strich sich seufzend über den Bauch, klopfte sich ein paar Schuppen von den Schultern und meinte zu Editha: „Na, Dschungelprüfung abgebrochen? Nicht mal in Ruhe kacken kann man in diesem Haus!“

Die ukrainische Raumpflegerin lehnte noch ganz aufgelöst ihr dauergewelltes Köpfchen an meine starke Schulter. Ich ließ meinen Dudu-Zeigfinger drohend hin und her wackeln, und ermahnte sie künftig zu mehr Vorsicht. Ich war mir nämlich nicht sicher, ob ihre roten Augen vom Heulen oder von einem kleinen Pausen-Joint herrührten. „Ja, Cherr Moser. Ich jetzt immer vorsichtig, muss aufpassen. Bin ja Oma geworden!“ „Sie sind Großmutter? Ich gratuliere, Glückwunsch!“ Editha fummelte ihr Smartphone aus der Kittelschürze und hielt mir das Display unter die Nase: „Das ist meine kleine Katinka, guckst du!!“ Ich sah einen winzigen knallroten Babykopf – wisch! – mit dunklem Haarkranz – wisch! – offenem Mündchen – wisch! – und vor Anstrengung zusammengekniffenen Augen. Irgendwie erinnerte mich die kleine Katinka an den scheißenden Cerny. Ich brauche psychologische Hilfe, eindeutig.

Das Handtaschen-Mirakel

Am Sonntagabend stand Kulturelles am Plan der Mosers: Die Wiener Comedian Harmonists konzertierten im Vorstadttheater Metropol. Wir lieben die pointierten und geschliffenen Texte der 20er- und 30er-Jahre, verpackt in die wundersamen Kapriolen des perfekten A-Capella-Gesanges. Wir warfen uns also in den feinsten Zwirn und düsten bereits um 17 Uhr Richtung Theater, denn der Vorhang sollte sich zielpublikumgerecht schon um 18 Uhr heben. Offenbar erwartete man nicht mehr ganz taufrische Senioren, die gegen 20 Uhr zum ersten Mal eindösen und mit den Gebissen klappern. Dank Heidis Gabe, in unmittelbarer Nähe des Zielortes stets einen freien Parkplatz vorzufinden, blieb uns stundenlanges, suchendes Herumkurven in den umliegenden Gassen erspart und wir parkten den tomatenroten Spanier um 17:30 sieben Schritte vom Haupteingang entfernt. „Ich rauche noch rasch eine Zigarette“, vermeldete mein aufgeregtes Eheweib, und begann in den Tiefen ihrer Handtasche nach einem Päckchen Nikotinstängel zu graben.

Tja, Heidi und ihre Handtaschen. Ein Mirakel. Nachdem sie bereits aus dem überdimensionierten Vorgängermodell einer modernen Mary Poppins gleich die wundersamsten Gegenstände hervorgezaubert hatte, nur niemals das Gesuchte, hatte ihr meine Schwiegermama Inge zu Weihnachten eine neue Tasche geschenkt, weil die alte „schon zu klein ist“. Ein fataler Denkfehler, denn auch das neue Modell mit den Ausmaßen des Beutels eines Riesenkängurus war binnen Wochenfrist bis zum Rand gefüllt. Fragen Sie mich nicht womit, aber ich bin überzeugt, dass Heidi mit dem Inhalt ihrer Handtasche locker eine Woche in der Wildnis überleben würde. Wir saßen also im Auto, draußen peitschte feuchter Schneeregen auf die beschlagenen Scheiben, und meine liebe Gattin grub in ihrer Riesenbeuteltasche nach Zigaretten wie ein Trüffelhund nach dem begehrten Pilz. Sie förderte zwei Handvoll Kaugummis, vermischt mit Tic Tacs und Ingwer-Hustenpastillen zutage, es folgten eine Schachtel Tampons, ein prall gefülltes Schminktäschchen, einen Schlüsselbund, ihr Handy und eine kleine Flasche stilles Mineralwasser. Keine Zigaretten. „Das gibt es doch nicht“, murmelte Heidi bereits leicht ungehalten, „ich hab doch daheim noch ein neues Päckchen in die Tasche getan!“ „Sicher?“ „Ganz sicher!“ „Dann nimm doch solang dieses!“ Ich reichte meiner Frau das Packerl Zigaretten, dass sie vor Fahrtantritt in der Mittelkonsole verstaut hatte. „Ach daaaa sind sie!“ lachte Heidi. Ich gab ihr Feuer und mahnte zur Eile, die Vorstellung würde in 15 Minuten beginnen und wir mussten noch die reservierten Tickets an der Abendkasse abholen.

Die Wiener Comedian Harmonists, im Brotberuf Mitglieder des Staatsopernchors, spielten und sangen sich die Seele aus dem Leib. Wir hatten tolle Plätze direkt vor der Bühne in der zweiten Reihe, und spürten jeden fliegenden Speichel- und Schweißtropfen auf der Haut. Und derer gab es einige, denn die Sänger verausgabten sich bis zum Letzten bei „Wochenend & Sonnenschein“, „Marie, Marie“, „Schöne Isabella aus Kastilien“, „Ali Baba“ oder „Ein Freund, ein guter Freund“. Das nicht mehr ganz taufrische Publikum war begeistert, schunkelte in den Rollstühlen und klopfte mit Krückstöcken den Takt zu „Der Onkel Bumba aus Kalumba“. Sogar meine sonst etwas schüchterne Heidi riss es nach der besonders hinreißenden Darbietung von „Wenn die Sonja russisch tanzt“ mit einem lauten „Bravissimo!!“ vom hölzernen Gestühl. Wie Sie also zwischen den Zeilen lesen können, waren wir von der Sangeskünsten der ausgebildeten Vokalakrobaten schwer begeistert.

In ähnlich rasanter Tonart ging es nach der Pause weiter. Ich hatte Heidi ein überteuertes 0,2-Gläschen Sekt spendiert, das ihre Bäckchen nicht nur vor Begeisterung zart rötlich aufglühen ließ. Schließlich intonierten die komödiantischen Harmonisten den größten Hit der wohl ersten Boygroup der Welt: „Mein kleiner grüner Kaktus“. Der Saal tobte. Die Ausnahmekönner boten das musikalische Kleinod des stacheligen Gewächses am Balkon derart mitreißend und realistisch dar (…und wenn ein Bösewicht was ungezog’nes spricht, dann hol‘ ich meinen Kaktus und der sticht, sticht, sticht…), dass meine Abteilungsleiternase umgehend zu stechen, jucken und prickeln begann. „Gibst du mir mal ein Papiertaschentuch?“ flehte ich in Heidis Ohr. Sie hievte den Riesenkängurubeutel am Henkel unauffällig vom Boden auf ihren Schoß, öffnete den Reißverschluss und begann zu kramen. Zwei Strophen später war sie immer noch nicht fündig geworden, meine Nase stand kurz vor einer gewaltigen Niesexplosion und Heidi schaufelte leise fluchend und kopfschüttelnd in ihrer Handtasche herum. In meiner Verzweiflung knipste ich die Taschenlampe meines Smartphones an, und leuchtete in den schwarzen, unergründlichen Schlund der Tasche. Schließlich heißt es ja Taschenlampe. „Beeil dich!“ zischelte ich. Der Bariton und der 1. Tenor warfen stechende Blicke in unsere Richtung, der Pianist verspielte sich um einen Halbton. „Mach schon, mich zerreißt es gleich!“ gab ich meiner Gattin zu verstehen. Heidi griff noch einmal tief in ihren eleganten Beutel… und holte eine 6er-Packung originalverschweißter Dartspfeile hervor. „Ach, hiiiieer sind die Pfeile!“ entfuhr es ihr. Sie hatte ihrem Neffen Luki zu Weihnachten eine Dartscheibe gekauft, die zugehörigen Wurfpfeile aber irgendwo verschludert. Nun wissen wir, wo. Die ältere Dame hinter mir bohrte mir ihren Stock zwischen die Schulterblätter und forderte mit einem lauten „Psssst!“ Stille ein. Ich drehte mich um und leuchtete der Störenfriedin mit meinem Handy in die trüben Augen. Als sich der Lichtstrahl in ihren dicken Brillengläsern spiegelte, konnte ich mein kitzelndes, stechendes Näschen nicht länger bändigen und ich entließ einen feuchten, lauten Nieser in die staubige Theaterluft. Auf der Bühne flocht der Bass ein knurrendes „Zum Wohl“ in seine Darbietung, und endlich drückte mir Heidi das Päckchen Tempo in die Hand. Die Comedian Harmonists kamen zum Finale:

Sie hab’n doch einen Kaktus auf ihrem klein‘ Balkon,
hollari, hollari, hollaro!
Der fiel soeben runter, was halten Sie davon?
Hollari, hollari, hollaro!
Er fiel mir auf’s Gesicht obs‘ glauben oder nicht
jetzt weiß ich, dass Ihr kleiner grüner Kaktus sticht.
Bewahr’n Sie Ihren Kaktus gefälligst anderswo,
hollari, hollari, hollaro!“

Ich schneuzte mich, das Publikum applaudiert lebhaft.

Abgeschminkt!

Wie es Brauch von Alters her ist, wird am Dreikönigstag das weihnachtliche Antlitz des Moser´schen Reihenhauses abgeschminkt. Weihnachten, die große alte Diva der Familienfeste, hat uns viele glitzernde, leuchtende Tage voller Zimt- und Kerzenduft geschenkt, doch nun ist ihre Zeit abgelaufen. Die Christbaumkugeln wanderten, säuberlich nach den Farben Rot, Gold und Bunt sortiert, zurück in ihre Originalverpackung. Die letzten Schokoschirmchen, welche die zahllosen Süßigkeitsattacken wie durch ein Wunder überlebt hatten, fanden sich auf einem müden Häufchen zusammen. Mit einem leisen Anflug von Melancholie summte ich mit Heidi zum letzten Mal die alte traurige Volksweise von „Last Christmas“, während wir versuchten, die heillos ineinander verstrickten Lichterkerzenketten zu entwirren. „Erinnerst du dich an unsere Kindheit, als wir noch echte, warme Kerzen aus Wachs hatten? Und nicht diesen Irrsinn aus dunkelgrünem LED-Drahtgeflecht?“ frug ich Heidi. Wie jedes Jahr warfen wir das grüne Knäuel aus Lämpchen und Draht mitsamt dem monströs schweren Akku entnervt in die Kiste. Um die Entwirrung kümmern wir uns dann im Dezember.

Schicht für Schicht trugen wir das Christmas-MakeUp ab, sogar der Esstisch bot wieder Platz für seine ursprüngliche Bestimmung, nachdem die zahllosen kleinen Figürchen, Sternchen und Zweige verschwunden waren. „Endlich wieder essen ohne Tannennadeln zwischen den Zähnen“, freute ich mich. „Das war Rosmarin auf den Kartoffeln!“ klärte mich Heidi auf. Ich kümmerte mich um unsere kleine Krippe und mistete den Stall zu Betlehem aus. Ich schnappte mir den rauschebärtigen Josef und sprach zur Maria mit blauem Kopftuch: „Jetzt kimm Mama! Pack zamm dein kloan Messias, es pressiert.“ Mit keifender Stimme ließ ich Maria antworten: „Da kloane Brian schloft do no, Herrschaftseiten no amoi!“ Josef: „Mama, da vurn geht’s zur Kreuzigung. Links anstellen, jeder nur ein Kreuz!“ Maria: „Benno!!!“ Heidi machte meinem kleinen Crossover aus Der Bulle von Tölz und Das Leben des Brian ein vorzeitiges Ende und wischte die Darsteller mit einem Schwung vom Tisch in die alte Krippenschachtel. „Schlaf wohl, kleiner Brian! Erlöse uns von dem Übel und führe uns nicht in Versuchung, wir sehen uns im Dezember!“ rief ich ihm hinterher.

Der weihnachtliche Kehraus ist abgeschlossen. Die Diva ruht in Würde und abgeschminkt, fein säuberlich in Kartons und Schachteln verpackt, im Gartenschuppen neben dem Osterhasen. Auf der Terrasse steht die nordmannshohe Tanne nackt wie Gott sie schuf, und wirft verzweifelt ihre Nadeln ab. Das Begräbnis auf der Christbaumsammelstelle war für 14 Uhr angesetzt, gleich nach dem Mittagessen. Meinem Wunsch nach einer Feuerbestattung wurde aufgrund abstrus hoher behördlicher Auflagen nicht stattgegeben.

Bei unserer Rückkehr vom Friedhof der toten Weihnachtsbäume standen die Heiligen Drei Könige vor unserer verschlossenen Haustür und sangen inbrünstig. Rasch drückte ich ihnen einen 10er in die Hand und wünschte ihnen schulterklopfend weiterhin viel Erfolg. Irgendwann muss mal Schluss sein mit diesem ganzen Brauchtumswahnsinn. Das ganz normale Leben kann wieder beginnen.

Der gestiefelte Kater

Aus gegebenem Anlass nehme ich Sie, liebe Leser, wieder mal mit auf eine kleine Zeitreise zurück in die 70er Jahre, als Herr Moser noch lange kein Herr, aber auf halbem Weg dahin war. Ich habe im Tagebuch meiner Jugend geblättert und stieß dabei auf ein Kapitel, das vor dem historischen Hintergrund der Silvesternacht 1974/75 spielt. Die Nacht meines ersten Vollrausches mit Filmriss. Und das kam so:

Mein musikalischer Bruder Bertl, der noch heute fallweise bei Konzerten auf seine Stromgitarre eindrischt und dazu rockig röhrt, lud zu einer großangelegten Silvesterparty in den Proberaum seiner damaligen Band „Lazy“. Und wir sollten alle verkleidet kommen, weil es lustiger ist. Das brachte mich kurzfristig in Verlegenheit, weil ich nicht so der Faschingstyp bin und kein passendes Kostüm vorrätig hatte. Einer inneren Eingebung folgend, stöberte ich im Kleiderschrank meiner Mutter, kramte knapp geschnittene Hot Pants (kurze Hosen für Damen) hervor, fand dazu eine luftig weite Bluse mit Flatterärmeln und Mamas blonde Langhaarperücke. Ein mit Wattebauschen ausgestopfter BH, ein bisschen Schminke und eine Kunstperlenkette würden mein Kostüm als Frau perfekt machen. Nur die Schuhe waren ein Problem, denn Muttis hochhackige Pumps waren mir drei Nummern zu klein und stellten außerdem ein nicht unerhebliches Verletzungsrisiko dar. Also entschied ich mich für eine dunkelblaue Strumpfhose unter den heißen Höschen und meine geliebten Cowboystiefel. Fertig war das sexy Cowgirl. Vor dem Spiegel im elterlichen Schlafzimmer legte ich eine dicke Schicht MakeUp, darüber dezentes Wangenrouge, Lidschatten und Lippenstift auf. Stolz betrachtete ich mein Werk, warf das blonde Kunsthaar in den Nacken und mir über den Spiegel eine neckisch zwinkernde Kusshand zu, als Mama Fritzi ins Zimmer kam. Bei meinem femininen Anblick brach sie sogleich in Tränen aus. Sie rief: „Bub!!!“ und nahm mich schluchzend in die mütterlichen Arme. Wahrscheinlich vermutete sie chronische Perversität in ihrem Sohn, womöglich trüge ich im Schulunterricht heimlich ihre Unterwäsche! Ich versuchte sie zu beruhigen, streichelte ihre geblümte Kittelschürze über dem bebenden Rücken: „Mama, hör auf! Ich geh auf eine Silvesterparty, als Frau verkleidet! Das ist mein Kostüm!“ Es kostete mich eine Menge Überzeugungsarbeit und ein 15-minütiges feinfühliges, tiefenpsychologisches Gespräch, bis Mama endlich nicht mehr „Ach Bub! Moser!“ murmelte.

Auf der Party war ich mit meiner Aufmachung natürlich der Hingucker, das Kostüm des Abends. Band-Keyboarder Franz Winkelmaier, genannt Wingo, bat mich sogleich um den nächsten Tanz und drückte mir mit seinem schwarzen Schnurrbart einen stacheligen Kuss auf meine glatte, geschminkte Bubenwange, die noch kaum einer Rasur bedurfte. Ich spielte das Spielchen natürlich lachend mit, und freute mich über die zahlreichen Komplimente. Auf dem Plattenteller der Stereoanlage drehten sich die Stones, Deep Purple, Slade & Co in voller Lautstärke; eines der Mädchen hatte selbstgemachten Nudelsalat, Aufstriche mit Schnittlauch & und Paprika und Schnittbrot mitgebracht. Der leicht modrige Kellergeruch störte uns nicht, im Gegenteil, er hatte etwas Verruchtes. Im Vorraum standen jene zwei Kisten Bier, eine Batterie Weinflaschen, sowie Cola und Rum, die im Kühlschrank keinen Platz mehr gefunden hatten. Wir waren jung und das Leben schön. Unbekümmert und unbeschwert. Bis Sabine H. (Name geändert – Anm.) den Proberaum betrat.

Das goldblonde Busenwunder war bereits 18, und die Freundin des Schlagzeugers Herbert „Bärli“ Eder. In mein Tagebuch schrieb ich damals: „Sie roch nach Kokos-Hautlotion und hat mir ein Hundert-Watt-Lächeln geschenkt, das meine Sicherungen durchbrennen ließ. Kurz vor Mitternacht, ich wollte gerade eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank in der kleinen Küche nebenan holen, als plötzlich Sabine neben mir stand, die Arme um meinen Hals schlang und mir die Zunge in den Mund schob. Sie schmeckte nach Kirschrum-Cola. Meine aufkeimende Erregung wurde aber jäh unterbrochen, als mir von hinten jemand die Perücke vom Kopf riss und schrie: Bist deppat, heast? Des is mei Oide!“ – Bärli.“ Der Drummer mit der massigen Statur trug seinen Spitznamen nicht zu Unrecht. Zu diesem Zeitpunkt waren wir alle schon ziemlich besoffen und ich fürchtete um meine Gesundheit. Mit blutunterlaufenen Augen musterte der bärige Schlagzeuger mein Outfit und spuckte noch ein geringschätziges „Du Schwuchtel!“ aus. Ich warf ein, dass ein Schwuler wohl kaum ein Mädchen küssen würde, was ihn aber noch mehr in Rage versetzte. Mit Gebrüll stürzte er sich auf mich, ich rief „Hilfe! Bitte keine wehrlose Frau schlagen! Polizei! Hilfe!“ und mein Bruder Bertl eilte samt Bandkollegen herbei, um den Bären niederzuringen. Es gab ein Riesen-Tohuwabohu, die Mädels kreischten, aber irgendwann beruhigte sich die Szenerie. Wir waren eben jung, unbekümmert und unbeschwert.

An den Rest dieser denkwürdigen Silvesternacht fehlt mir jede Erinnerung, auch das Tagebuch gibt darüber keinerlei Auskunft. Offenbar habe ich mir nach dem Gerangel mit Bärli ordentlich die Kante gegeben. Filmriss. Ich weiß noch, dass ich am späten Vormittag des nächsten Tages auf einer fleckigen Matratze in einer Ecke des Proberaums erwachte. Der modrige Kellergeruch durchsetzt mit Alkoholschwaden und abgestandenem Rauch war ekelhaft, mein Kopf war kurz vor dem Zerplatzen, mein Mund trocken wie die Wüste Gobi. Unendlich langsam rappelte ich mich auf und stellte fest, dass ich nur eine dunkelblaue Strumpfhose und Cowboy-Stiefel trug. Ich hatte einen mordsmäßigen gestiefelten Kater. Aber wir waren jung, und das Leben war schön. Mit Bärli habe ich mich bei einem Reparaturbier ausgesöhnt, seine Freundin Sabine habe ich nie wieder gesehen. Ein paar Monate später erzählte mir mein Bruder, dass sie jetzt mit Keyboarder Wingo zusammen ist.

Morgen steht wieder eine Silvesternacht an. Ich werde mit meiner lieben Heidi nicht in einem feuchten Keller feiern, sondern im liebevoll dekorierten Wohnzimmer unseres Reihenhäuschens, ein Fläschchen Sekt köpfen und bei „Dinner for one“ Fleischstücke in heißes Öl tauchen. Wir lieben Fondue. Um Mitternacht werden wir zu den Klängen des Donauwalzers ein paar unbeholfene Runden aufs Parkett legen, anschließend Blei gießen und uns im Garten das Feuerwerk über Wien ansehen. Wahrscheinlich werden wir um 1:30 schon im Bett liegen und am Neujahrstag ganz ohne gestiefelten Kater erwachen. Wir sind zwar nicht mehr jung und unbeschwert, das Leben ist trotzdem schön.

Lauter Fremde!

Wie der intime Kenner der Familie Moser längst weiß, sind meine Frau Adelheid und ich ein Herz und eine Seele. Wir verstehen uns quasi blind. Und taub. Und stumm. Über 20 Jahre Ehe unter einem Reihenhausdach haben uns zusammengeschweißt, unsere Herzen schlagen im verständnisvollen Gleichklang. Gut, bei der Wahl des abendlichen Fernsehprogramms (Actionthriller versus Quastenflosser-Doku) und bei Heidis Hang zur Überaktivität (Couch-Surfen versus Spaziergänge & Abstellraum entrümpeln) scheiden sich unsere sonst so verliebten Geister, doch keine Regel ohne Ausnahme. Bei der diesjährigen Bescherung unter der festlich in Rot und Gold geschmückten Nordmanntanne bestätigte sich die Moser´sche Verbundenheit auf eindrucksvolle Weise. Nachdem wir uns vielerlei Praktisches, Witziges, Wärmendes, Elektronisches und Unterhaltendes – mehr oder weniger liebevoll in buntes Geschenkpapier eingewickelt – begleitet von Küsschen und glänzenden Augen geschenkt hatten, waren noch zwei kleine Päckchen übrig. Eins für Heidi, eins für mich. Wie Form, Gewicht und Konsistenz vermuten ließen, ein Buch. Tja, dass man sich im Hause Moser gegenseitig ein Buch schenkt, mag noch nicht als das große Weihnachtswunder durchgehen. Dieses offenbarte sich erst, nachdem wir es ausgepackt hatten: Ohne es zu ahnen, ohne es vorher auch nur in einem winzigen Nebensatz angedeutet zu haben, beschenkten sich Herr und Frau Moser mit dem gleichen Buch. Ungläubig lachend hielten wir je ein Exemplar von „Lauter Fremde!“ in Händen. Und als wäre dies nicht Gag genug, hatten wir es beide nicht im Buchhandel gekauft, sondern bei der Autorin direkt erworben und mit persönlicher Widmung versehen lassen. Für Heidi – herzlichst Livia Klingl stand in ihrem Exemplar, Für Herrn Moser – herzlichst Livia Klingl in meinem. Bei dem Werk handelt es sich auch nicht um schnöde Belletristik, sondern um ein politisches Buch zur brisanten Flüchtlingsfrage und der vermeintlichen Überfremdung unseres Landes. Die mehrfach ausgezeichnete Journalistin und Buchautorin greift darin Vorurteile auf und analysiert in einfühlsamen Portraits, wie unterschiedlich Fremdheit wahrgenommen werden kann. Müßig zu erwähnen, dass meine Gattin und ich einen ähnlich humanistischen Standpunkt einnehmen wie Frau Klingl, der dem unserer rechten, fremdenfeindlichen Regierung diametral entgegengesetzt ist. Heidi und ich sind also nicht nur politisch auf einer Wellenlänge, wir haben auch ein treffsicheres Gespür für passende, literarische Geschenke.

Nachdem alle weihnachtlichen Besuche abgestattet und empfangen waren, ereilte Adelheid eine veritable Erkältung. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, der in Österreich zum Gedenken des ersten Märtyrers Stephanus gemeinhin Stefanitag genannt wird, lag sie röchelnd, mit gerötetem Rachen und tropfendem Nasenhahn darnieder. Ich verordnete dem armen Weib strenge Bettruhe, presste für sie ein gutes Dutzend Orangen aus und schlüpfte aus Solidarität zu ihr unter die Decke. So verbrachten wir den Vormittag des 26. Dezember gemeinsam im Bett und lasen gleichzeitig „Lauter Fremde!“, jeder in seinem eigenen, persönlich gewidmeten Exemplar. Nach dem Trubel der vergangenen Tage genossen wir die wahren Worte von Livia Klingl in trauter Stille, nur unterbrochen von herzzerreißenden Niesattacken meiner maroden Gattin. Als sich die Mittagsstunde näherte, mischte sich noch mein Magenknurren zum Husten und Schnäuzen der Bettnachbarin, und ich frug: „Was möchtest du essen, mein Liebling?“ „Ach, ich hab keinen großen Hunger. Wärme mir bitte nur eine Kleinigkeit auf, es ist von Weihnachten ja noch eine Menge übrig!“

In unserem Kühlschrank sah es aus wie nach einer Tupperware-Party. Heidi hatte alles, was noch irgendwie genieß- und verwertbar erschien, in hübsche Plastikdöschen mit bunten Deckeln oder in Alufolie gepackt. Die Stapel reichten vom unteren Gemüsefach bis nach oben zu Käse und Joghurt, und ich fühlte mich überfordert. Was zur Hölle verbarg sich in welcher Dose, konnte ich der kranken Frau eine fette Gänsekeule mit Tafelspitz und Reis zumuten? Oder doch lieber etwas Leichtes? Ein Tiramisu von Heilig Abend? Zaghaft lüpfte ich den grünen Deckel einer Plastikbox und erblickte einen laschen, panierten Kabeljau, der es gestern nicht mehr in unsere überfüllten Mägen geschafft hatte. Nein! Eine erkältete Adelheid verdiente wahrlich besseres und frischeres, und so nahm ich den Stapel mit Flyern der umliegenden Lieferdienste zur Hand. Nachdem ich mit zahlreichen Anrufbeantwortern heimischer Gasthäuser telefoniert hatte, die mich über ihre weihnachtliche Betriebssperre informierten, landete ich bei La Enzo. Enzo heißt eigentlich Akyüz und ist ein junger Türke, der seinem Imbiss aus marketingtechnischen Gründen einen italienischen Anstrich verpasst hat. Neben Döner Kebap zählen asiatische Nudelgerichte zu seinen Spezialitäten.

„Halüü megü san halal Enzo hier! Bon giorno“, klingt es nuschelnd aus dem Telefonhörer. „Frohe Weihnachten! Moser hier. Meine Frau ist krank und wir haben Hunger. Was empfehlen Sie?“ „Ohh, krass krank. Bleibt in Bett und trinkt Tee. Is besser.“ „Waaas?“ „Pfeffermünz. Is gut.“ „Ja, ich möchte Essen bestellen!“ „Holst du ab oder Liefer?“ Akyüz-Enzo schien nebenbei noch Pommes zu frittieren, denn in der Leitung zischte und prasselte es beängstigend. „Liefer! Heidi ist krank und kann nicht kommen.“ „Ohh, Scheiße.“ „Ja, eine Nudelbox mit Hühnerfleisch für Frau und ein Döner mit alles und scharf für mich!“ „Döner auch Hühner oder Lamm?“ „Huhn. Nudeln und Döner mit Hühner. Bitte.“ „Magst du kein Lamm? Isch gut! Früsch.“ „Ist das Huhn nicht früsch, ist alt?“ „Naaa Kollega! Bei Enzo immer ollas früsch. Adresse?“ „Hier spricht Herr Moser! Sie haben meine Adresse, Reihenhaussiedlung, Haus 39. Wie immer. Wie lange dauert es?“ „Aaaah, Herr Moser! Wie geht´s? Alles gut?“ „Nein, meine Frau ist krank. Wir haben Hunger. Wann kommt Essen?“ „Oh, arme Frau Moser! Kommt in halbe Stunde. Ollas früsch, gell?! Bon giorno!“ Tüüüt. Tüüüt. Tüüüt.

30 Minuten später klingelte Akyüz´ Bruder Ali, der sich eigentlich Federico nennt, an der Tür. Neben einer Riesenportion Asia-Nudeln und dem prall gefüllten Dönerbrot überreichte er mir noch eine eiskalte 0,5 l Flasche Coca Cola. „Gratis! Von Enzo. Mit schöne Gruß für kranke Frau Moser.“ Ich gab Ali-Federico ein großzügiges Trinkgeld und wünschte ihm und seiner Familie frohe Weihnachten. Lauter Fremde! Und was für welche.

Das letzte Gefecht

Samstag Morgen, the Day before Christmas. Die liebe Heidi drückte mir eine dicht beschriebene A4-Seite in die Hand und meinte: „Beeil dich, es ist schon spät!“ Die Uhr zeigte 9:21. „Was ist das?“ „Der Einkaufszettel! Vergiss nichts und trödel nicht!“ Aha. Ich war also dazu bestimmt, die Nahrung für die kommenden Feiertage herbeizuschaffen. Aber gut, so ist das Leben. Der Mann geht auf die Jagd, die Frau hütet das Feuer. In unserem Fall bedeutete dies, Heidi reinigt die Dunstabzugshaube und das Backrohr, ich arbeite im Supermarkt die elendslange Liste ab. An einem Samstag vor Heilig Abend.

Im Lebensmittelmarkt unseres Vertrauens herrschte wie erwartet Krieg. Die Reihen der drahtigen Einkaufswagen waren bereits stark gelichtet, als ich kurz vor 10 beim Einkaufstempel eintraf. Beherzt schnappte ich mir gegen 1,- Euro Pfand einen der letzten verbliebenen, klapprigen Streitwagen und stürzte mich in die Schlacht. Vorsorglich hatte ich mir meine spitzesten Stiefel und jene nietenbesetzte Lederjacke angezogen, die ich normalerweise nur bei den seltenen Rockkonzerten meines Bruders Bertl anlege. Ich klappte das Visier  meines imaginären Kampfhelmes herunter und begab mich ohne Rücksicht auf Verluste in die Brotabteilung. Auf Position 1 des Einkaufszettels stand Baguette. Verbissen kämpfte ich mich vor bis zum Korbständer mit den französischen Stangenbroten, schnappte mir eines, rief „Touché!“ und galoppierte weiter zum Obst & Gemüse. Dass es ein Zwiebelbrot war, bemerkte ich erst als ein etwa dreijähriger Junge davon abbiss, während ich nach kernlosen Weintrauben suchte. Der Bub spuckte das Brot auf den Boden, rief „Bäääh, Zwiebel!“ und boxte seine Mama in den Wintermantel. Eine Rückkehr in die Brotabteilung erschien mir zu gefährlich, dort tobte inzwischen ein Krieg um die letzten Semmeln. Eine mutige Verkäuferin warf sich auf einen alten Fettwanst, der drauf und dran war, eine junge Frau mit einem Salzstangerl zu erstechen. Ich ignorierte die Hilfeschreie und schlug mich zur Milchabteilung durch. Mascarpone, Schlagobers, Kakao, Milch, Naturjoghurt, Sauerrahm, Eier, Schnittkäse lautete mein Marschbefehl und ich war zutiefst entschlossen, meinen Auftrag erfolgreich auszuführen. Zentimeter für Zentimeter kämpfte ich mich Richtung Kühlregal, als eine resolute Dame mit Wollhaube den Rechtsvorrang missachtete und mir mit Karacho in den Streitwagen preschte. Sie entschuldigte sich mit Hoppala! und wollte wissen, wo das Backpulver steht. Ich schickte sie ohne schlechtes Gewissen in den Gang mit Gewürzgurken, und schnappte mir triumphierend die letzte Packung Mascarpone, räumte 5 oder 6 Liter Milch und alles, was irgendwie nach Joghurt, Rahm und Schlagobers aussah, in den Wagen. Ich war gut unterwegs, der Wagen bereits dreiviertel gefüllt und ich hatte nur noch Weißwein, Sekt, Cola Zero und Tiefkühl-Pommes auf der Liste.

Vor dem Alkohol-Regal stritt ein Ehepaar darum, ob man sich an Heiligabend lieber mit Gin oder mit Wodka die Kante geben sollte; eine ältere gehbehinderte Dame räumte mit ihrem Krückstock die Aktions-Rotweine ab, ein robust wirkender Mann mit Vollbart im Gesicht und einer Palette Vollbier auf der Schulter hatte es offenbar eilig und kommentierte das Missgeschick mit „Geh schleich di!“. Die Supermarktradiosprecherin verkündete mit gefällig weicher Stimme, dass heute Damenbinden im Angebot seien und  sie uns weiterhin viel Spaß beim Einkaufen wünsche. Ich schnappte mir zwei Packungen Binden (2+1 gratis! Ein kleines Bonus-Weihnachtsgeschenk für Heidi konnte nicht schaden) und steuerte zur Kassa. Ein letzter Blick auf Heidis A4-Liste, nur so zur Sicherheit. Alles da. Mehr beiläufig als gewollt drehte ich den Zettel um und bemerkte, dass auch noch die halbe Rückseite beschrieben ist. Ich verspüre unweihnachtliche Gefühle und kämpfe mich gegen den Strom zurück in die Gemüseabteilung. Salatgurke, speckige Kartoffel, rote Zwiebeln. Na gut, ich bin der Mann und beschaffe die Nahrung.

Zu Hause räumte Adelheid, die inzwischen auf eine blank blitzende Küche verweisen konnte, die Einkäufe aus, während ich erschöpft und stolz auf die Verleihung des Shopping-Ordens 1. Klasse am goldenen Band pochte. „Und wo ist der Kabeljau?“ frug mein Eheweib leicht entsetzt. „Stand nicht auf der Liste!“ „Aber du weißt doch, dass ich den Weihnachtsfisch beim Fischhändler vorbestellt habe! Jetzt aber schnell, der sperrt zu Mittag!“ Die Uhr zeigt 11:45. Keine Minute später saß ich in unserem tomatenroten Flitzer. Während ich unserem Fischdealer mein letztes Bargeld in die Hand drückte, klingelte das Handy. Heidi. „Moser, beim Lotto gibt es einen 6-fach Jackpot, zum ersten Mal in Österreich! Geh, spiel doch einen Schein. Vielleicht haben wir Glück!“

Vor der Lotto-Annahmestelle hatte sich eine Schlange gebildet, die bis zur Bäckerei zurück reichte. Offenbar hatten mehrere Menschen die Idee, den Gabentisch durch die Glücksfee ein wenig auffetten zu lassen. Ich las die Tageszeitung inklusive Kleinanzeigen, kaufte mir in der Bäckerei eine Cremeschnitte und hoffte, dass der Fisch die Warterei unbeschadet überstehen würde. Nach knapp 30 Minuten drehte sich die Dame vor mir um und fragte: „Was machen Sie mit den vielen Millionen, falls Sie gewinnen?“ Ich antwortete ohne zu überlegen: „Ich leiste mir einen persönlichen Butler, der alle Weihnachtseinkäufe für mich erledigt!“

Haarsträubend

Wie es im Hause Moser althergebrachte Weihnachtstradition ist, lässt sich meine liebste Heidi vor den hohen Feiertagen die Haare machen. Wenige Tage vor dem Heiligen Abend verschwindet die brave Frau für gefühlte 6 oder 7 Stunden beim Coiffeur, um sich anschließend stolz im Kreise drehend und äußerlich nahezu unverändert  zu präsentieren: „Na? Was sagst du? Gefällt´s dir?“ Meist nicke ich anerkennend: „Super, wie immer!“ Adelheids dunkler Schopf wirkt zwar noch eine Spur schwärzer, die Haare um ein paar Millimeter kürzer und die gefönte Stirnlocke eine Kleinigkeit kecker, doch sonst bemerke ich nichts, das den stolzen Preis von 150,- Euro rechtfertigen würde. Um des lieben Weihnachtsfriedens willen darf ich ihr natürlich nicht verraten, dass ich das Preis-Leistungsverhältnis ihres Lieblings-Figaros für höchst unausgewogen halte. Also lobe ich den pfiffigen, modernen Stufenschnitt in höchsten Tönen, und bewundere die dezente rötliche Tönung, die besonders im Kerzenlicht ihre geheimnisvolle Wirkung entfaltet. Zärtlich schnuppernd streiche ich durch das Haar und tue so, als ob die 150,- Mäuse die beste Investition ihres Lebens waren: „Ooohh, mmmmhh, Vanille? Bratapfel mit Sternanis? Verführerisch dieses Shampoo! Ich rieche auch einen Hauch…. ähhh Sauerkraut??“ „Das ist unser Abendessen, Moser!“

Selbstverständlich schickt Heidi in der Adventszeit auch mich zum Friseur, damit ich neben der festlich geschmückten Tanne eine gute Figur mache, und auch bei mir merken nur die intimsten Kenner meiner Haartracht den kleinen, feinen Unterschied – doch bei mir dauert das Styling maximal 30 Minuten inklusive Kaffeetratsch mit Fräulein Manuela, und kostet wohlfeile 17,- Euro. Friseure sind ja ein höchst seltsames Völkchen, was sich nicht nur in der Preisgestaltung, sondern auch bei der kreativen Namensfindung bemerkbar macht. Erst gestern, als ich mir meinen diesjährigen Weihnachtsschnitt verpassen ließ, lobte ich meine Friseuse (oder Friseurin?) für den einfallslosen Namen ihres Ladens, der sich schlicht Die Haarprofis – Windsteig & Lahner OHG nennt. „Ich würde mich bei einem Haare Krishna niemals unter die Schere legen“, beschied ich Fräulein Manuela, die eben meine altersbedingt wuchernden Augenbrauen in Form brachte und kichernd erwiderte: „Ja, uns ist damals nichts originelleres eingefallen.“ „Gott sei Dank! Mit Haarbracadabra oder Sahaara hätten Sie mich niemals als treuen Kunden gewonnen. Von welchem wilden Affen sind Haarschneider gebissen, wenn sie ihren Salon Hair-Reinspaziert, Atmosfhair oder Liebhaarber nennen?!“ „Meine Freundin Katharina hat sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht und ihr Geschäft Cut-Haar-Ina genannt“, erzählte meine Friseurmeisterin kopfschüttelnd. „Ich fürchte, Ihre Zunft leidet am Zwang zur krankhaften Originalität“, bedauerte ich. „Selbst vor Anspielungen auf berühmte Filmtitel wird nicht halt gemacht, denken Sie an James Blond – License to cut oder Pony & Clyde.“ Manuela und Herrn Moser war diesbezüglich offenbar schon einiges untergekommen, denn wir spielten das Spiel im Ping-Pong-Modus bis zum finalen Ausrasieren des Nackens: Hair Berge – Kamm in – Chaarisma – Vier Haareszeiten – HairZstück – Vorhair, Nachhair – Hairport – Haarnarchie – Hair Gott – Komm Hair – Kamm 2 Cut – Haar? Genau! – Kopfsache – Über Kurz oder Lang – Haarmonie – Abschnitt – Ver-locke-nd – HaarCore – Schnittstelle oder Pasha´s Haare´m. Wie Sie sehen, kennt der vermeintlich kreative Schwachsinn keine Grenzen.

Daheim im Reihenhaus präsentierte ich Heidi meinen klassischen, geradlinigen Herrenhaarschnitt à la Haarprofis, drehte mein Abteilungsleiterköpfchen von links nach rechts und fischte mit einem fordernden „Na?“ nach Komplimenten. Heidi meinte bloß „Langweilig wie immer. Du könntest dir mal einen anderen Style zulegen. Etwas mehr Pepp und Schwung würde nicht schaden, ein bisschen Mut zur Kreativität!“

Mit dieser haarsträubenden Geschichte wünsche ich meiner treuen Leserschaft Hairy Christmas, eine hairliche Weihnachtszeit und Prosit Neuhaar!

Foto: fem.com

Jólabókaflóð

Bei Herrn Moser stehen die Dezembertage bis Weihnachten ganz im Zeichen der Adventkalender. Zu Beginn des täglichen Türchen-Marathons lüfte ich zwischen Schlafzimmer und Kaffeemaschine die geheimnisvollen Überraschungen unserer vier Kalender – ein Mini-Tütchen Chips aus dem Kelly´s Adventkalender, eine kleine Praline aus dem süßen Kalender eines Confiserie-Herstellers, eine selbstgebastelte Überraschung aus Heidis 24 Wundertütchen, und ein Bildchen im klassischen Kalender. Im Büro folgt noch vor dem ersten Kaffee Nummero 5, ehe ich mich an die diversen virtuellen Türchen und Fensterchen meiner lieben Bloggerfreunde mache. Wer auf sich hält, bietet seinen Lesern und Abonnenten in der Vorweihnachtszeit nämlich  einen Adventkalender an. Da gibt es Zitate aus Songtexten, witzige Bastelbögen, Filmtipps, geschmackvolle Keksrezepte, Gereimtes und Ungereimtes, Buchempfehlungen, tolle Fotos oder knifflige Rätsel. Es war 10:24, als ich heute auf meinem Smartphone das letzte Türchen öffnete und mit einem „Gefällt mir“ entsprechend würdigte. Erschöpft vom Kalendermarathon kippte ich die Lehne meines Bürodrehstuhls nach hinten, und im selben Augenblick schlossen sich meine Augen. Bin ich eine Puppe?

Vor meinem müden, geistigen Auge tanzten blühende Weihnachtssterne, Vanillekipferln und die aktuellen Buchneuerscheinungen in einer glitzernden Schneelandschaft zu „Jingle Bells“. Als Bücherwurm und Leseratte bin ich auch ein ambitionierter und engagierter Bücherschenker. Ich liebe es Bücher zu verschenken, und damit im Elektronik- und Gutscheinzeitalter ein bibliophiles Zeichen zu setzen. Ich bin ein häufiger und wohl gelittener Gast im On- und Offline-Buchhandel, stöbere mit Begeisterung in den Bücherbergen, und kann mich dabei in einen Thriller, in eine Biografie oder ein interessantes Sachbuch durchaus schockverlieben. Manchmal gerate ich in einen wahren Kaufrausch, sodass ich schon vermutete, im Grunde meines goldenen Wienerherzens eigentlich ein Isländer zu sein. Denn in und auf Island sind zur Weihnachtszeit drei Dinge omnipräsent: Bücher, Schnee und Schokolade. Alles begann vor etwa 75 Jahren: Im Zuge des Zweiten Weltkriegs wurde Island 1940 von den Alliierten besetzt, da der Inselstaat über kein eigenes Militär verfügte. Aus der grundsätzlichen Importnot, die in dieser Zeit vorherrschte, machte Island schnell eine Tugend: Man baute die heimische Buchproduktion aus. Wann immer ein Geschenk oder eine Freizeitbeschäftigung gesucht wurde, waren Bücher die Lösung. So arbeiteten 1950 beispielsweise zehn Prozent der Bevölkerung Reykjaviks in der Buchbranche.

Und auf genau diese Entwicklung geht die Jólabókaflóð, so der Name für die isländische Bücherflut zur Weihnachtszeit, zurück. Auch heutzutage schenkt man sich an Heiligabend nämlich vor allem Bücher … Bücher und Schokolade, um genau zu sein. Während der Nachmittag und der Abend noch ausgesprochen gesellig ablaufen, indem man gemeinsam isst und plaudert, wird nach der Bescherung und über Nacht ausschließlich gelesen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass der gesamte isländische Winter im Zeichen der Literatur steht: Fast alle Buch-Neuerscheinungen des Jahres werden zwischen dem frühen Oktober und Mitte November publiziert – und um eine entsprechende Übersicht zu bieten, druckt der Staat alljährlich einen Bücherkatalog, den Bókatíðindi, der alle Novitäten vorstellt. Das Besondere: Dieser Katalog wird kostenlos an sämtliche Haushalte des Landes verschickt! Ich finde dies sehr sympathisch und sinnvoll.

Leider hat das Bücherschenken bei Herrn Moser einen entscheidenden Nachteil: Die Beschenkten kommen nur in den seltensten Fällen in den Genuss der liebevoll ausgesuchten Werke. Ich kann nämlich meine Neugier nicht zügeln, und lese mich bereits vorab in die gedruckten Weihnachtsgaben ein. Sobald mich das Gelesene einigermaßen fesselt, verspüre ich auch den Wunsch, das Buch zu besitzen, sodass die frischerworbene Literatur häufig in meinem Bücherregal anstatt unter dem Weihnachtsbaum landet.

Langsam erwachte ich wieder aus meinen Bücherträumereien, kippte mit der Bürostuhllehne nach vorne, sodass sich meine Augen automatisch öffneten (Ich bin doch eine Puppe!). Mein Blick fiel auf Cerny. Sollte ich dem ungeliebten Kollegen zu Weihnachten auch etwas schenken?? Warum nicht. Der neue Roman von Joachim Meyerhoff „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ würde mich interessieren. Soll ziemlich gut sein. Ich bin schon gespannt.

Klobrille, Drache & Sanddorn

Mein liebes Weib ist stets um ein heimeliges Ambiente bemüht, mit glänzenden Augen und voller Hingabe hat sie unser Wohnzimmer zu einer Kapelle der vorweihnachtlichen Besinnlichkeit dekoriert. Goldene Tannenzapfen, silbernes Reisig, tönerne Engel und Kerzen in allen Größen und Farbschattierungen künden von der nahenden Ankunft des Jesuskindes. Es duftet nach Wald, Honig und Zimt, unserem Reihenhaus strömt die Adventsidylle aus allen Poren. Als Perfektionistin achtet Heidi auf jedes noch so kleine Detail. Dazu gehören auch die beiden Klobrillen im Bad und auf der erdgeschossigen Gästetoilette, die in ihren gestrengen Augen nicht mehr den gebotenen hygienischen Standards entsprechen. Also brachte sie letzte Woche zwei nagelneue, anthrazitfarbene WC-Sitze aus dem Baumarkt mit und erteilte mir den Auftrag, diese möglichst zeitnah zu montieren.

Am Samstagmorgen – vor uns lag ein vermeintlich entspanntes, ruhiges Wochenende mit Kerzenduft, Lebkuchen und nostalgischen Fernsehfilmen – urgierte Heidi in mahnendem Tonfall die Montage der Klobrillen. Ich war etwas genervt und gab unwirsch zurück: „Heidi, ich hab dir doch schon gestern gesagt, dass ich das morgen mache! Ich möchte jetzt in Ruhe Der kleine Lord sehen.“ Meine Frau konterte mit „Aber heute ist morgen!“ Beruhigend tätschelte ich ihr das rabenschwarze Haar: „Jaja Heidilein, heute ist morgen. Und gestern ist heute. Du bist erschöpft vom Dekorieren, leg dich ein wenig hin und komm zurück in die Zukunft. Das wird schon wieder.“ Doch so leicht lässt sich eine Adelheid Moser nicht ins Bockshorn jagen, und sie stellte mich vor die Wahl „Entweder du montierst heute die neuen WC-Brillen, oder wir fahren mit meiner Mutter auf den Adventmarkt in Grafenegg!“

So kam es, dass wir gestern Schwiegermama Inge in den tomatenroten Spanier luden und bei klirrendem Frost und Hochnebel etwa eine Stunde nach Grafenegg in Niederösterreich fuhren. Der dortige Christkindelmarkt genießt einen ausgezeichneten Ruf, weit über die Grenzen der kleinen Gemeinde hinaus. Ein mittelalterliches Schloss und seine umliegenden Gärten sind Schauplatz des Weihnachtsspektakels, für das man sogar Eintritt zahlen muss, um in den Genuss von Glühwein und Spiralkartoffeln zu kommen. Der Markt hat auch nur an vier Tagen im Jahr (!!) geöffnet, und entsprechend groß ist der Andrang. Als wir um 14 Uhr eintrafen, war der gewaltige Parkplatz in Disneyland-Dimensionen bereits so gut wie voll und uns wurde von einem freiwilligen Helfer der Feuerwehr Grafenegg ein Stellplatz im letzten Abschnitt W zugewiesen. Dies bedeutet schon mal 15 Minuten Fußmarsch bis zum Eingang; eine Viertelstunde durch eisigen Wind und über morastigen Boden, ehe wir uns in die 30 Meter lange Menschenschlange an der Kasse einreihen durften. Plötzlich erschien mir der Tausch von Klodeckeln in unserem kuschelig warmen Heim wie eine unerreichbare Verlockung, ein Traum aus Zuckerwatte.

Neidlos muss ich anerkennen, dass der Weihnachtsmarkt in Grafenegg tatsächlich zu den Schönsten seiner Art gehört. In hunderten kleinen Holzhütten wird nur Handwerk vom Feinsten angeboten. Kein billiger Plastiktand, nur Teures und Originelles aus allen Materialien dieser Welt. Handgemacht von österreichischen Handwerksbetrieben, nicht von armen Kindersklaven in Fernost. Sehr löblich. Nachdem wir uns an in frischem Schmalz gebackenen Bauernkrapfen und heißem Flower-Power-Punsch gelabt hatten, interessierte ich mich berufsbedingt für einen Waldviertler Betrieb, der Geldbörsen, Täschchen und Gürtel aus feinstem Fischleder anbot. Dezent wies ich Heidi mehrmals darauf hin, dass eine Brieftasche aus bestem Karpfenleder dem Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik gar trefflich zu Gesicht stehen würde. Schließlich nahe Weihnachten und falls sie noch auf der Suche nach einem passenden Geschenk sei… Doch Heidi ignorierte meine Empfehlungen und kaufte einen kleinen grünen Drachen, aus dessen Nüstern Rauch einer Weihrauchpyramide drang. „Urliiiiieeb!“ Gottlob nicht für mich, sondern für unseren weihnachtlichen Adventsschrein am Esstisch. So streunten wir durch das weitläufige Areal, und alle 10 Meter erhielten die Tragetaschen von  Schwiegermama Inge und Heidi neuen Zuwachs. So süüüüß! Herzig! Ich spürte inzwischen meine Zehen nicht mehr, und kaufte bei einer Kärntner Filzwalkerei ein paar handgeklöppelte Einlagen für meine Stiefel. Ich ließ mich auf einen Stapel Lammfelle fallen und versuchte, meinen durch dicke Pullover und Daunenjacke unförmigen Körper in eine Position zu bringen, die es mir erlaubte, die Filzeinlagen in die kalten Lederschuhe zu schieben. Während ich fluchend auf den Fellen herumkullerte und dabei einen Ständer mit Wollhauben niederriss, dokumentierte Heidis Mama Inge lachend das unwürdige Schauspiel mit ihrem Smartphone für die Nachwelt.

Zu Hause stellten wir die Flasche Sanddornsirup neben die ungeöffnete Flasche aus dem Vorjahr, die Sanddorn-Gummibärchen landeten in der übervollen Lade mit ungeliebten Naschereien gleich neben den Lakritzschnecken, das kleine handgeschnitzte Zebra neben dem Elefanten aus dem Jahr 2016, der Weihrauch-Drache am Tischaltar neben der handgeschöpften Bienenwachskerze, die Tüte mit bunten Kartoffelchips in einer mundgeblasenen Glasschale aus dem Kaunertal, ein Strauß Mistelzweige über dem Eingang zur Küche, der Eierlikör im Alkoholschränkchen, das Notizbuch aus Schweinsleder mit den Initialien HM in der Schreibtischlade, und die Bio-Zitronenmelisse-Lavendel-Seife im Badezimmerspiegelschrank hinter der unangetasteten Bio-Schneeglöckchen-Enzian-Seife aus dem Jahr 2015. Alles in allem ein überaus erfolgreicher Einkaufsamstag. Laut aktuellem Kontostand haben wir nun alle Weihnachtsgeschenke bis 2023.

Jetzt müssen Sie mich entschuldigen, ich habe eine äußerst wichtige Montage von zwei Klobrillen auf meiner To-Do-Liste. Obwohl ich Heidi schon gestern gesagt habe, dass ich das morgen erledige.