Spinnereien

Bei wolkig bis windigem Wetter saßen wir heute Nachmittag mit Heidis Schwester Babsi und ihrem Sohn Luki auf der Terrasse, um die Fahrt Christi in den Himmel mit Milchschaum-Kaffee und selbstgebackenem Blechkuchen mit Zitronenglasur gebührend zu feiern. Als Wunder des Tages begriff ich aber nicht den Aufstieg von Gottes Sohn ins Himmelreich, sondern die Tatsache, dass der 13-jährige Luki sein ansonsten allgegenwärtiges, allerheiligstes Smartphone abgelegt hatte. Stattdessen balancierte er einen merkwürdigen Gegenstand in der Rechten, der aussah wie ein bunter Plastikpropeller, und den coolen Namen Fidget Spinner trägt.

Luki vollführte damit aus dem Handgelenk die abenteuerlichsten Figuren, balancierte den Kreisel 2.0 auf den Fingerspitzen und erzeugte durch geschickte Drehungen und Wendungen eindrucksvolle Lichteffekte. Ich ließ mir von Heidis Neffen erklären, dass der Fidget Spinner derzeit das angesagteste Toy in Wiens Klassenzimmern ist und jeder, wirklich jeder, bei diesem seltsamen Trend mitmacht. Obwohl ich etwas so Sinnloses seit der Markteinführung der Schokoladenpizza von Dr. Oetker nicht mehr gesehen habe, liegt es mir fern, mich über den Spinner lustig zu machen. Noch heute denke ich schmerzvoll an die Hartplastikkugeln „Klick-Klack“, mit denen wir uns Anfang der 70er Jahre begeistert die Handgelenke zertrümmerten. Und auch die Luki-Mama ist heilfroh, dass dieses geheimnisvolle, pickelige Mischwesen aus trotzigem Buben und coolem Jungmann eine Ablenkung gefunden hat, die ihn das Smartphone zumindest stundenweise vergessen lässt. Das englische „Fidget“ steht für Unruhe oder Zappelphilipp, „to spin“ für wirbeln oder kreisen. Und will man der Herstellerpropaganda und ersten mütterlichen Erfahrungsberichten Glauben schenken, hat das Spielzeug auch einen therapeutischen, beruhigenden Nutzen bei verhaltensauffälligen ADHS-Kindern. Die Beschäftigung mit dem Spinner beruhigt sie. Nun ist Luki nicht verhaltensauffälliger als andere 13-Jährige, ihn aber bei einer Beschäftigung mit einem Teil zu sehen, das keinen Strom braucht, hatte schon auf uns Erwachsene eine beruhigende Wirkung.

In meiner Jugend beschäftigte ich mich ebenfalls intensiv mit Spinnen, denn mein Hero war Spiderman – ein Superheld, dessen Fähigkeit darin besteht, durch ein paar gezielte Bewegungen des Handgelenks eine weiße, klebrige Flüssigkeit zu verspritzen. Und als ich Luki bei seiner fingerfertigen Kreisel-Akrobatik beobachtete, dachte ich, dass dieser Fidget Spinner eigentlich ein wunderbares Trainingsgerät für heranwachsende Teenager sei. Ich klopfte Luki auf die Schulter und sagte: „Großes Kino! Weiter so, Luki! Du wirst mal ein exzellenter Spinner!“ Durch meinen aufmunternden Klaps verlor der Junge aber die Herrschaft über den Kreisel und dieser landete in der klebrig-weißen Zuckerglasur des Kuchens. Um die friedliche Feiertagsstimmung nicht zu stören, behielt ich meine Assoziationen für mich.

Fake News

Ich gebe zu, dass mein vielleicht etwas ungewöhnlicher Antrag bei der Guatemalareise-Präsentation einigen Staub aufgewirbelt hat. Ich habe darauf bestanden, dass die Teilnehmer im Falle eines Flugzeugabsturzes verbindlich auf den Verzehr von Menschenfleisch verzichten, da ich keine Firmenkollegen verspeisen und verdauen möchte bzw. selbst nicht angeknabbert werden will. Dies sorgte für aufgeregte Tumulte und ist heute noch, Tage später, Gesprächsstoff unter den verstörten Bürohengsten und –stuten. Doch sobald ich mich so einem Grüppchen tratschender Kollegen nähere, verstummen die Gespräche schlagartig und ich werde aus den Augenwinkeln mit argwöhnischen Blicken gemustert. Ich hatte mit meinem Antrag eine wie mir scheint durchaus vernünftige Diskussion angestoßen, doch nun fühlte ich mich ausgestoßen.

Gestern erreichte das Moser-Mobbing einen neuen Höhepunkt: Als ich morgens den Aufzug bestieg, klebte da in Augenhöhe ein A4-Ausdruck, der mir die Zornesröte ins Gesicht trieb. Zu sehen war ein Foto von unserer Faschings-Betriebsfeier, wo ich mich mit gelackter Frisur, Scherzbrille und künstlichem Schuppenteppich auf den Schultern als Dr. Jonas Cerny verkleidet hatte. In diesem höchst originellen Outfit stand ich am Buffet, in der erhobenen Rechten hielt ich eine gebackene Hühnerkeule und grinste dämlich in die Kamera. Ein Foto, das es im Rahmen der Faschingsberichterstattung sogar in unsere Hauspostille „Konserviert!“ geschafft hatte. Nun hatte irgend so ein Spaßvogel dieses harmlose Bild digital bearbeitet und mittels Photoshop das Backhendl gegen eine bleiche, behaarten Männerwade mit schwarzer Socke ausgetauscht und folgenden reißerischen Text dazu geschrieben: Flugzeugabsturz in Guatemala: Moser verspeist Kollegen und mutiert zum Cerny! Fassungslos riss ich den entarteten Schund runter und stürmte Richtung Büro.

Unterwegs begegnete mir unsere Putzfrau Editha, die eben grinsend und mit verdächtig geröteten Augen die Herrentoilette verließ. Als sie mich erblickte, rief sie in Anspielung auf die erfolgreiche ZDF-Sendereihe Lafer, Lichter, Lecker: „Moser, Cerny, Lecker!“ Dazu schallte ihr ukrainisches Lachen laut über den Gang: Chua, chua, chua!! Ich schrieb den geschmacklosen Scherz ihrem THC-vernebelten Zustand zu und war ihr auch nicht weiter böse. Böse war ich auf den Idioten Cerny, der schon seit Monaten auf eine Gelegenheit lauerte, sich für meine Verkleidung zu revanchieren, und der wahrscheinlich als Urheber hinter diesen kannibalischen Fake News steckte.

Der junge Wirtschaftsdoktor saß harmlos tuend an seinem Schreibtisch und lauschte angestrengt in seine Kopfhörer. „Stecken Sie hinter diesem diskriminierenden Machwerk?“ rief ich und schleuderte das Blatt auf seine Tastatur. Cerny blickte hoch und sprach langsam und überdeutlich: „Mi nombre es Jonas, pero todo el mundo me iamma Cerny. Donde esta la iglesia?!“ Im ersten Moment verstand ich nur spanisches Gebrabbel, wie ich aber später erfuhr, bedeutet es ungefähr so viel wie Mein Name ist Jonas, aber jedermann nennt mich Cerny. Wo ist die Kirche? Jetzt lernte der Angeber in Vorbereitung auf Guatemala doch tatsächlich Spanisch, um vor unserer Reisegruppe mit der Landessprache brillieren zu können. So schnell wollte ich mich aber nicht geschlagen geben. In Windeseile rekonstruierte ich meine gesammelten Spanisch-Kenntnisse aus dem letzten Mallorca-Urlaub, hielt Cerny den Ausdruck unter die Nase und schrie ihn theatralisch an: „Buenas dias! Vamos a la playa! Una cerveza por favor! Grande! Si, aqua con gas, hola!“ Dank ausgefeilter Mimik, Betonung und Gestik sollte es klingen wie Jetzt geben Sie es doch zu! Diese geschmacklose Fälschung geht auf ihr Konto, Sie Schurke!

Scheinbar ist Cernys Spanisch-Studium noch nicht sehr weit gediehen, denn ich musste ihm meine Anklage ins Deutsche übersetzen, ehe er auf „inocente“ plädierte. Ich habe die Verhandlung vertagt.

Lady Mondegreen

Wie der aufmerksame Leser weiß, ist meine brave Adelheid ein höchst umtriebiges Persönchen. Selbst wenn das Tagwerk getan, alle Nudeln gekocht und der Staub von den Blättern des Benjaminus Ficus gewischt ist, sucht sie nach Beschäftigung. Stillsitzen gehört nicht zu ihrem Repertoire. Während Herr Moser als Anhänger des modernen Chillens gilt und seinen Bürohintern gerne auf die Couch bettet, um ein gepflegtes Nickerchen zu absolvieren oder ein Rätselheft zu studieren, widmet sich Heidi einer Aufgabe. Irgendeiner Aufgabe, denn Sinn oder Unsinn stehen gar nicht zur Debatte.

Vor ein paar Tagen war ich, gemütlich eingeringelt, in Michael Köhlmeiers mythologisch-philosophische Verführungen („Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?“) vertieft, als die bessere Moser-Hälfte unseren Plattenschrank ausräumte und begann, die in Vynil gepressten Jugenderinnerungen am Laminat des Wohnzimmers auszubreiten. Zärtlich hätschelte sie das eine oder andere Album, und erzählte mit belegter Stimme von Begebenheiten aus der Zeit, die sie mit der jeweiligen Musik verband. Heidi berichtete von ersten scheuen Küssen, von Konzertbesuchen und alkoholgeschwängerten Parties, und bekam feuchte Augen. Schließlich reichten die Erinnerungen nicht mehr und sie schmiss unseren alten Analog-Plattenspieler Marke Dual an, und versuchte sich als D-Jane. Schließlich landete der von ihr sehr verehrte britische Pop-Sir Paul McCartney auf dem Plattenteller. Da an konzentrierte Lektüre ohnehin nicht mehr zu denken war, stimmte ich lauthals in Adelheids Gesangsversuche ein und sang zur Textzeile „Hope of Deliverance“ inbrünstig „Hau auf die Leberwurst!“, weil ich es genau so verstand. Meine Frau fragte mich, ob ich derisch (Wienerisch für schwerhörig) sei, doch ich beharrte darauf, dass der Beatles-Pauli über Leberwurst sang. Überzeugen Sie sich selbst und Achtung auf den Refrain: Hau auf die Leberwurst!

Dann gestand Frau Moser, selbst schon Opfer einer solchen Sinnestäuschung geworden zu sein. Jahrelang hatte sie zum Snap-Hit „I´ve got the power!“ ihre Version „Agathe Bauer!“ geträllert. Und die Wendung „den Schritt zu wagen“ in der Roland-Kaiser-Schnulze „Santa Maria“ hatte sie unwissend zu „Schnitzelwagen“ umgetextet. Solche Hörunfälle, liebe Leute, nennt der Fachmann Mondegreen. Der Ausdruck geht zurück auf die Autorin Sylvia Wright. Im November 1954 hatte sie in einem Essay für die Zeitschrift „Harper’s Bazaar“ beschrieben, wie sie sich als Kind bei der schottischen Ballade „The Bonny Earl Of Murray“ immer verhört hatte. Einer der Verse endet mit „They ha’e slain the Earl O’Murray / And laid him on the green“ („Sie hatten den Earl of Murray erschlagen / Und legten ihn aufs Gras“). Wright hatte jedoch in der zweiten Zeile stets „… and Lady Mondegreen“ verstanden. Jahrelang war sie ganz gerührt gewesen vom tödlichen Schicksal des vermeintlichen Paares – bis sie eines Tages den Originaltext entdeckte. Daraufhin verfasste sie den Artikel, und der Begriff „Mondegreen“ fand seinen Weg in die Fachbücher. Nachdem wir noch ein Weilchen über Bob Dylans Ameisenfreunde („The ants are my friends, they´re blowin in the wind“) und den Dickschädel Blues („A deep shade of blue“) gescherzt hatten, zog ich mich ins Schlafzimmer zurück, um mein wohlverdientes Nachmittagsschläfchen nachzuholen.

Kurz vor Sonnenuntergang weckte mich Frau Moser mit den vorwurfsvollen Worten: „Warum hast du den Rasen nicht gemäht?“ Verdattert antwortete ich: „Wie kommst du darauf?“ „Bist du wirklich derisch? Ich hab vor zwei Stunden gesagt, du kannst jetzt Rasen mähen!“ empörte sich Heidi.

„Oh pardon, ich hab verstanden: Du kannst jetzt schlafen gehen! Das war wohl ein klassischer Mondegreen.“

The Butterfly Effect

Nach einem anstrengenden, nervigen (Cerny!) Arbeitstag im Fischkonserven-Management brauchte ich gestern dringend etwas Ruhe und Entspannung in unserem idyllischen Reihenhaus-Gärtchen. Ich schnappte mir einen Becher mit Schokopudding aus dem Kühlschrank und ließ mich im zitronengelben Liegestuhl nieder. Bereits nach ein paar Löffelchen des cremigen Genusses nickte ich, eingelullt vom Gesumse der braven Bienen, ein. Ich träumte von der reichhaltigen Insektenwelt Guatemalas, von eklig-weißen Larven, die ihre Eier unter der Haut ablegen, von riesigen Hornissen und juckenden Stichen, und von hubschraubergroßen Libellen.

Während ich im Traum von giftigen Waldameisen malträtiert wurde, verspürte ich plötzlich ein sehr reales Kitzeln um die Nase… und als ich die Augen aufschlug, starrte ich in die hässliche Fratze eines Zweibrütigen Würfel-Dickkopffalters (Pyrgus armoricanus), der sich flügelschlagend an meinen auf der Brust ruhenden Puddingbecher heranpirschte. In einer panischen Erstreaktion warf ich den Pudding wie eine scharfe Handgranate, begleitet von einem gellenden Warnschrei, weit von mir. Zu meinem Leidwesen landete die Schokobombe in Heidis frisch geföhnter Frisur. Meine ahnungslose Frau hockte gerade vor unserem neu angelegten Blumenbeet, und sprach mit den ersten bunten Wiesenblumen, die eben das grüne Köpfchen durch das dunkle Erdreich steckten. Ihr verschlug es vor Schreck im ersten Moment die Sprache, denn erst als die braune Pampe aus ihren Haaren auf die Blumenbabys tropfte, war sie zu einer Reaktion fähig, die ich hier nicht wortwörtlich wiedergeben möchte. Sinngemäß frug sie mich mit erhobener Stimme, ob ich noch ganz sauber ticke.

Nachdem ich ihre Frage wahrheitsgemäß mit JA beantwortet hatte, schlich ich reuig an Heidis Seite und leckte die Reste des Schokopuddings aus ihrem indianerschwarzen Haar. Sie tätschelte mir den Kopf wie einem Hund, der eben die Nachbarskatze ins Ohr gebissen hatte, und wollte wissen, was bloß in mich gefahren sei. „Der Schmetterlingseffekt!“ erklärte ich kleinlaut. „Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann einen Tornado in Texas auslösen. Und der Flügelschlag eines Schmetterlings in einem Wiener Reihenhausgarten kann auch Frauenhaar schokoladig schmecken lassen. Quod erat demonstrandum.“

Hü hott!

Nach einem etwas zu trocken geratenen Zwiebelrostbraten in einem muttertagsbedingt überfüllten Gastgarten mit überfordertem Servierpersonal entführten wir Heidis Mutter gestern zum Ausklang ihres Ehrentages in die Wiener City. Angeblich, um irgendwo einen Kaffee zu trinken oder ein Eis zu essen – über unsere wahren Pläne ließen wir Schwiegermama Inge vorläufig im Dunkeln. Heidi wollte ihr nämlich als Überraschung eine Fahrt im Fiaker spendieren, was ich ihr zunächst als Touristen-Nepp ausreden wollte, doch sie war überzeugt, ihre Mama damit in den siebten Muttertagshimmel katapultieren zu können. Und tatsächlich! Als wir Richtung Stephansdom spazierten und der Pferdedunst unüberriechbar die warmen Mailuft würzte, verriet Heidi das wahre Ziel unseres scheinbar zufälligen Spazierganges. Inge stieß einen spitzen Schrei aus, und bekleckerte vor Freude ihr blau-weiß gepunktetes Feiertagskostüm mit einer Kugel Malaga-Eis.

Wir näherten uns dem Standplatz der Kutscher und ich raunte Heidi zu: „Überlass das mir!“ Rasch schob ich mir noch einen Kaugummi in den Mund, um meinem texanischen Akzent mehr Glaubwürdigkeit und Ausdruck zu verleihen. Meiner lieben Frau schwante wahrscheinlich Böses, denn sie versuchte mich noch am Ärmel festzuhalten, aber ich stand schon beim nächstbesten Fiaker, der sich mit seinem „Küss die Hand, die Herrschaften! Mach ma a klane Rundfahrt? Mit da Mama?“ als waschechter Wiener zu erkennen gab. „Hi Sir! How much is a trip with your lovely horse-kutschn?“ spielte ich mit urigstem Amerikanisch den naiven Touristen aus Übersee. „Fiftyfive juro for twenty minutes, eighty juro for fourty minutes“, erläuterte der grinsende Kutscher und spielte mit einem messingfarbenen Pferdekopf, der um seinen Hals baumelte. „Frag ihn, ob auch Hofburg und Heldenplatz am Programm stehen“, mischte sich Schwiegermama Inge aus dem Hintergrund ein. Ich übersetzte pflichtgemäß. Nachdem wir die Eckpunkte der Route auf Englisch geklärt hatten, gab ich mich als Eingeborener zu erkennen: „We are not from Texas, mir san Eingeborene aus Wien-Floridsdorf. Was kostet die kleine Runde jetzt?“

„55 Euro“, antwortete der Kutscher ungerührt und streckte mir seine klobige Hand hin, wahrscheinlich um den Fahrpreis zu kassieren. Ich schlug ein, gab ihm *Five* und bestätigte: „Deal!“ „Gewusst wie“, zwinkerte ich meinen beiden Ladies zu. Dem braunen Ross, das bereits unruhig mit den Hufen scharrte, gab ich einen professionellen Klaps aufs Hinterteil, worauf es den Schweif hob und eine große Portion Pferdeäpfel spendierte.

Nachdem wir etwas umständlich in die enge Kutsche geklettert waren, bat ich unseren Pferdelenker: „Excuse me Sir, can you please take a selfie from us?“ „Schuuur“, gab er mir zu verstehen und meinte damit wohl sure, „oba erst noch da Tour und nochn Zoin.“ Jetzt erwartet der Kerl wahrscheinlich auch noch ein Trinkgeld, weil wir Einheimische sind.

Als Schwiegermama Inge mit Geduld, Spucke und mit Hilfe eines Taschentuchs endlich den Malaga-Fleck aus der Bluse entfernt hatte, konnte auch sie die klappernde Fahrt über das Kopfsteinpflaster unbeschwert genießen.

Tumulte

Heute Vormittag hatte das Direktorenpaar Erwin und Svetlana Pfotenhauer zur offiziellen Verkündung der Guatemala-Reise in Besprechungsraum 2 geladen. Offenbar hatte die frischgebackene Marketingleiterin einen Powerpoint-Blitzkurs absolviert, denn nach den einleitenden Worten ihres Gemahls („Wie es sich vielleicht schon herumgesprochen hat, werden wir…blabla“) startete sie auf ihrem Laptop eine Präsentation, die jeder Reisebüroassistentin zur Ehre gereicht hätte. Untermalt von lateinamerikanischen Klängen überblendeten unter Einsatz sämtlicher verfügbarer Effekte touristisch wertvolle Fotos von Indio-Märkten, Maya-Pyramiden und bunter Flora. Dazu erzählte Lana über Land und Leute, und informierte uns über das geplante Reiseprogramm. Langeweile würde mit Sicherheit keine aufkommen, denn dicht an dicht reihte sich ein Programmpunkt an den nächsten. Als Frau Pfotenhauer ihren Vortrag beendet hatte, brandete sogar Applaus auf. Die rund 20 auserwählten Personen, die an dem Incentive teilnehmen dürfen, schienen voller Vorfreude und plapperten aufgeregt durcheinander. „Gibt es noch Fragen?“ frug Svetlana in die Runde und klappte ihren Laptop zu.

Mir brannte ein Anliegen auf der Seele und ich meldete mich zu Wort: „Herrschaften! Ich schlage vor, dass wir bereits jetzt im Vorfeld der Reise eine verbindliche Vereinbarung für den Fall eines Flugzeugabsturzes treffen! Sollten wir im Dickicht des Dschungels eine Bruchlandung hinlegen und als verschollen gelten, wird es unter den Überlebenden unweigerlich zur Nahrungsmittelknappheit kommen. Bitte legen wir hier und heute fest, dass wir uns selbst in dieser Notsituation nicht gegenseitig aufessen! Wer ist meiner Meinung? Ich bitte um Handzeichen!“ In Besprechungsraum 2 herrschte betroffenes Schweigen, ehe Marketingdirektrice Lana das Wort ergriff: „Malen Sie nicht den Teufel an die Wand, Herr Moser! Ich bitte Sie, was soll das jetzt!?“ Unbeirrt fuhr ich fort: „Denken wir an den Fall der Kannibalen von Flug 571. Das Flugzeug einer Rugby-Mannschaft stürzte 1972 in den Anden ab, die Überlebenden haben ihre toten Kollegen verspeist. Das möchte ich nicht!“ Nun schaltete sich auch Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer ein und versuchte, der Unruhe im Kreis unserer kleinen Guatemala-Gemeinschaft Herr zu werden. Frau Rotenhorst aus der Lohnbuchhaltung störte die Veranstaltung durch Schluchzen und trompetendes Schnäuzen. „Das ist nichts persönliches, Herr Direktor, aber ich würde keinen Bissen aus ihrer starken Schulter runterbringen! Und ich selbst will unter keinen Umständen angeknabbert werden! Heidi wäre außer sich, wenn sie einen filetierten Moser zurückbekommt.“ Plötzlich ließ sich Cerny aus der letzten Reihe vernehmen: „Also mich könnt ihr gern fressen, wenn ich tot bin. Wenn es euch hilft, ich spür dann ja eh nix mehr!“ Typisch für diesen Angeber. Spielt sich wieder mal als Held und Retter in der Not auf, um vor den anderen gut dazustehen. Zwei Controller und Produktionsleiter Novotny spendeten zögerlichen Beifall, Helga Rotenhorst spuckte hinter vorgehaltener Hand ein verächtliches „Pfui!!“ aus. Ich verspürte auch nicht die geringste Lust auf Spareribs à la Cerny und rief: „Sehen Sie, wie wichtig die Klärung dieser Frage ist! Selbst hier, in den sicheren Mauern unserer geliebten Fischkonservenfabrik, herrscht schon Uneinigkeit, ob wir Dr. Cerny verspeisen wollen oder nicht!“ Direktor Pfotenhauers Kopf nahm die Farbe unseres spanischen Flitzers an und er bat mich, unverzüglich Platz zu nehmen und den Mund zu halten.

„Wollen Sie diese lebenswichtige Abstimmung lieber zwischen Wrackteilen, blutrünstigen Insekten und Schlangen abhalten?“ gab ich empört zurück. „Da ist doch bei all dem Chaos und Blut kein vernünftiges Ergebnis zu erwarten.“ Die Diskussion unter den Reiseteilnehmern wurde immer heftiger und lauter, wurde immer emotionaler und zum Teil mit irrationalen Argumenten geführt. Lohnbuchhalterin Rotenhorst beschuldigte mich sogar, mit meinen kranken Horrorfantasien allen Mitarbeitern die Vorfreude auf diese tolle Reise verdorben zu haben. Unglaublich. Um unsere Schreiduelle zu übertönen und die aufgewühlten Gemüter ein wenig zu beruhigen, startete Svetlana nochmals ihre Powerpoint-Präsentation mit lateinamerikanischer Musik und bunten Bildern. Doch das schien niemanden mehr zu interessieren.

Um es kurz zu machen: Die Zusammenkunft war kurz davor, völlig aus dem Ruder zu laufen. Doch ich hatte in Vorbereitung auf das Meeting kleine Stimmzettel ausgedruckt: Ich bin damit einverstanden, im Falle eines Flugzeugabsturzes mein Fleisch und das meiner Mitarbeiter zum Verzehr freizugeben o JA  o NEIN  und rief nun laut: „Geheime Abstimmung!“. Schweigend und machtlos sah unser leitendes Direktorenpaar zu, wie ich wieder Disziplin in den kopflosen Haufen brachte und eine demokratische Wahl über Wohl und Wehe unserer Reisegemeinschaft abhielt. Ich hatte die Situation wieder mal gerettet. Ohne mein Zutun könnte man in dieser Firma nicht mal friedlich miteinander abstürzen.

Das Ergebnis der Abstimmung war ein einziger Triumph für mich: 3 Ja-Stimmen, 12 Nein und 5 Stimmenthaltungen. Wir können beruhigt nach Guatemala fliegen, ohne Angst haben zu müssen, dass wir uns gegenseitig auffressen.

Surprise: Guatemala

Wie Sie sich vorstellen können, war nicht nur meine Lesergefolgschaft von Svetlanas Ankündigung einer Incentive-Reise nach Guatemala überrascht. Auch mein unmittelbares Umfeld reagierte einigermaßen erstaunt, wenn auch ganz unterschiedlich in der ihr eigenen Art. Von drei der Reaktionen möchte ich Ihnen heute näher berichten.

Editha: Als ich Lanas Büro verließ, hätte ich beinahe unsere ukrainische Putzfrau Editha umgerannt. Sie hatte offenbar unser vertrauliches Vier-Augen- zu einem Sechs-Ohren-Gespräch gemacht und ganz unverhohlen an der Tür gelauscht. Ich konnte es ihr nicht mal zum Vorwurf machen, spionierte sie doch in meinem Auftrag in der Chefetage. „Wir fahren Urlaub, ja?“ flüsterte sie sichtlich erregt und schüttelte dabei eine Sprühflasche mit Glasreiniger. „Wohin? Ich nicht verstanden, schlechter Empfang. Guadeloupe?  Guantanamo? Guacamole?“ „Nein Editha, Guatemala. Und Sie fahren nicht mit, ist nur für leitende Angestellte, für Chefs in Büro. Verstehen?“ „Ach so, nur A-Team“, zeigte sich die treue Seele enttäuscht und stellte umgehend das Flaschengeschüttel ein. „Präsident Pfotenchauer mit Shopping Queen, Buchhaltung, Personalbiro, Moser und Cerny Goodbye Deutschland?“ „Ja, aber eher Goodbye Austria, und wir wandern auch nicht aus. Ist nur Incentive-Reise für eine Woche“, erklärte ich ihr. Editha wurde nachdenklich: „Intensiv-Reise? Wie intensiv? Was machen in Guakemola? Ficki ficki??“ „Um Gottes Willen Editha!“ rief ich und legte ihr rasch meine Hand auf den Mund. Mit möglichst einfachen Worten versuchte ich, ihr das Belohnungs- und Motivationsprinzip eines Incentives zu erklären. „Warum nur Leite von Biro? Editha auch besser und schneller putzt nach Intensiv-Reise!“ resümierte sie treffend mit hängenden Mundwinkeln. Darauf wusste ich keine Antwort und verschwand in mein Büro, um Cerny die Nachricht zu überbringen.

Cerny  Der verdächtig unverdächtige Kollege wetzte bereits ungeduldig auf seinem Drehstuhl hin und her, als ich mit steinernem Pokerface die Stätte unseres Wirkens betrat. „Was war bei der Pfotenhauer?“ wollte er gleich auf den letzten Stand gebracht werden. „Was hat die Alte vor?“ Unruhig schwammen seine Augen hinter den dicken Brillengläsern auf und ab. Ein sicheres Zeichen für seine Nervosität. Ich genoss noch einen Augenblick meinen Informationsvorsprung, ehe ich beiläufig sagte: „Wir werden bei 80% Luftfeuchtigkeit im Dschungel Guatemalas auf alte Steinhaufen steigen, um den Teamgeist zu stärken.“ „Ich… ich ver… ich verstehe nicht“, stotterte Cerny. „Das glaube ich“, gab ich zurück. „Die verehrte Geschäftsleitung lädt uns zu einer Incentive-Reise nach Guatemala. Teambuilding, Motivation und so Kram.“ Cerny blieb die Kinnlade offen: „Alter Verwalter!“ „Die können das ja als Werbeaufwand von der Steuer abschreiben“, relativierte ich die scheinbare Großzügigkeit der Pfotenhauers. „Guatemala!“ schüttelte Cerny noch immer ungläubig den Kopf. „Wahnsinn.“ Ich hoffe, das Reisebudget reicht für Einzelzimmer, denn eine Woche im Doppelbett mit dem Chaoten würden meine Nerven nicht durchstehen.

Heidi  Als ich nach diesem ereignisreichen Tag in unser idyllisches Reihenhäuschen zurückkehrte, wartete Adelheid bereits mit dem Abendessen auf den hungrigen Moser. Ich hatte mich auf deftige Wiener Hausmannskost gefreut, doch just an diesem Tag entdeckte Heidi ihre kulinarische Experimentierfreude und servierte mexikanisch Angehauchtes. Soft Tortillas, mariniertes Hühnerfleisch, schwarze Bohnen, Salsa picante und Guacamole. Welch Ironie des Schicksals! Ich hatte im Internet bereits gegoogelt, dass die Küche Guatemalas stark vom Nachbarland Mexiko geprägt ist und häufig Tortillas, Tacos und Enchiladas auf den Tisch kommen. „Du weißt es also schon und willst mich sanft auf mein Schicksal vorbereiten“ kommentierte ich Heidis Bemühungen resigniert. „Was weiß ich und welches Schicksal?“ frug mein Weib unschuldig. Das mexikanische Dinner war also purer Zufall. Ich goss mir einen Tequila ein und berichtete in dunkelstem Schwarz über die bevorstehende Reise ins Land der bunten Farben. „Ich wollte eigentlich nach Venedig oder Florenz, aber die Pfotenhauer besteht auf Zentralamerika. Weiß der Geier…“ schloss ich meine Ausführungen. „Ach wie schön!“ jubelte Heidi und fiel mir um den Hals. „Deine Glückssträhne geht also weiter. Eine Reise nach Guatemala, für lau!“ „Du weißt aber schon, dass Guatemala nicht ums Eck ist. 16 Stunden in einer fliegenden Konservenbüchse. Und wenn wir abstürzen, dann nicht in einem zivilisierten Land mit Krankenhausanbindung, sondern mitten in einem dampfenden Dschungel voll gefräßiger Viecher. Statt dir, geliebte Heidi, wird Cerny neben mir ins Gras beißen. Ein schrecklicher Gedanke. So habe ich mir mein Ende nicht vorgestellt.“ „Niemand wird ins Gras beißen, Moser!“ beruhigte sie mich und schaufelte mir noch einen Berg schwarze Bohnen auf den Teller. „Wann geht es los?“ „Wann ist Pfingsten?“ „Am 4. Juni!“ Ich erschrak. „Das ist in dreieinhalb Wochen, Heidi! Und ich bin nicht einmal geimpft!“ Ich schob den Teller zur Seite, denn eigentlich vertrage ich keine Bohnen. „Essen die in Guatemala nicht auch Meerschweinchen?“ frug ich meine allwissende Heidi. „Nein, nur in Peru.“ Egal. Montezumas Rache wird furchtbar sein.

Teamgeist

In den letzten Tagen löcherte mich das p.t. Publikum mit der Frage nach der Marketing-Regentschaft unserer lieben Svetlana Pfotenhauer, die am 2. Mai unter der Protektion von Direktors Gnaden den Vermarktungsthron unserer Fischkonservenproduktion bestiegen hatte. Und ich meine, zwischen den Zeilen der neugierigen Anfragen der vorwiegend weiblichen Leserschaft eine gewisse Schadenfreude, wenn nicht gar Stutenbissigkeit herauszulesen. Sie Armer, schrieb man, wie ergeht es Ihnen unter Svetlana? Haben sich die Befürchtungen erfüllt, ist die Direktorsgattin tatsächlich so blond und unfähig? Ich vermute, dass die Moser-Getreuen auf eine nervige Schreckensherrschaft der Slowakin hofften, um in den Genuss zahlreicher abenteuerlicher Anekdoten zu kommen, die zum Schenkelklopfen verleiten. Marketingchefin Svetlana Pfotenhauer im Clinch mit Abteilungsleiter Moser – das ist der Stoff, aus dem die lachtränenfeuchten Träume meiner Leser sind.

Doch ich muss Sie enttäuschen. Seit ihrem Dienstantritt vor knapp einer Woche hat sich Svetlana nichts zuschulden kommen lassen. Keine voreiligen Marketing-Schnellschüsse, um sich zu profilieren; kein Von-oben-herab-Behandeln der Mitarbeiter, kein Tussi-Getue. Und was ich ihr besonders hoch anrechne: Sie bat mich gleich am ersten Tag  um ein Vier-Augen-Gespräch, es sei ihr an der persönlichen Meinung eines erfahrenen und langgedienten Mitarbeiters sehr gelegen. Sie empfing mich in einem eine Spur zu tief dekolletierten schwarzen Business-Hosenanzug, wohl um mich auf die Probe zu stellen, und bot mir gleich zu Beginn das Du-Wort an: „Ich bin Lana!“ Verdutzt antwortete ich: „Ich bin Herr Moser.“ „Jetzt, wo wir Kollegen sind, können wir uns doch duzen“, meinte sie mit einem aufreizenden Lächeln. Ich war auf der Hut und stellte klar, dass ich kein Freund von Ikea-Verhältnissen bin und innerbetrieblich das höfliche Sie bevorzuge. Ich erläuterte, dass ich schon als Kind meine Haustiere stets gesiezt habe, was sie mir mit Respekt und Folgsamkeit dankten. Wenn ich morgens meinem Goldfisch Flipper Trockenfutter ins Aquarium streute, begleitete ich dies mit den Worten: „Hallo Flipper! Haben Sie gut geschlafen? Ich wünsche Ihnen guten Appetit mit Tetra Pond Goldfish Premium Mix!“ Und wenn unser Familien-Rauhaardackel Wickie beim Gassi gehen minutenlang einen Kastanienbaum anknurrte (ich vermute, dass er etwas zurückgeblieben war), ermunterte ich ihn mit „Heben Sie die rechte Hinterpfote, lieber Wickie, und lassen Sie es laufen! Der Baum beißt Sie nicht ins Gemächt, ich schwöre!“ Der Dackel vertraute mir und sah mich dankbar aus seinen braunen Augen an, als er die Kastanienwurzeln nässte.

Svetlana lauschte interessiert meinen Ausführungen, gebot mir aber nach zehn Minuten mit erhobener Hand Einhalt: „Ich habe verstanden, Herr Moser! Nun zum Geschäftlichen. Was ist, Ihrer geschätzten Meinung nach, das wichtigste Marketinginstrument?“ Ich ließ meinen Blick aus dem Dekolleté zurückwandern zu ihren fragend erhobenen Augenbrauen und antwortete spontan: „Zufriedene Mitarbeiter. Loyale und motivierte Mitarbeiter sind die Basis jedes geschäftlichen Erfolges!“ Svetlana schien mit meiner Antwort einverstanden, denn sie nickte zustimmend: „Gut erkannt, lieber Moser. Erwin, also Herr Direktor Pfotenhauer, und ich haben uns dazu ebenfalls Gedanken gemacht…“ Ich witterte Prämien und Bonuszahlungen, doch die Marketingdirektorin überraschte mich mit der Feststellung: „Daher haben wir beschlossen, mit den leitenden Angestellten eine Incentive-Reise zu unternehmen. Teambuilding, Steigerung der Arbeitsmoral, Unternehmensbindung, Verringerung der Fehlzeiten von Mitarbeitern et cetera pe pe.“

„Eine sehr schöne Idee!“, beeilte ich mich zu versichern. „Ein Wochenende am Bodensee oder in Venedig  auf Firmenkosten wird die Arbeitsmoral sicher enorm steigern!“ „Nein, nein, mein werter Herr Moser! Die Reise geht nach Guatemala – wenn schon, denn schon!“ lächelte Lana. Ich war baff. „Sie meinen nach Guatemala, das Land der verheerenden Erdbeben, Vulkanausbrüche und der enormen Kriminalitätsrate? Eine Incentive-Reise mit gut 16 Stunden Flugdauer, und das bei meiner Flugangst?“ brach es aus mir heraus. „Das kann ich nicht annehmen. Danke, aber das ist viel zu teuer. Wie wäre es mit Florenz?“ „Jetzt machen Sie nicht die Pferde scheu“, winkte Frau Pfotenhauer ab. „Denken Sie an die Tempelstadt der Mayas im Dschungel, die alten Indio-Kulturen. Sie werden in eine völlig andere Welt eintauchen! Und jetzt gehen Sie und informieren Sie Ihren Kollegen Cerny!“ Oh mein Gott. Eine 16-Stunden-Flugreise in ein wildes Land Zentralamerikas an der Seite von Dr. Jonas Cerny. „Könnten wir vielleicht meine Frau Heidi anstatt den Cerny mitnehmen?“ frug ich schüchtern. Svetlana prustete laut lachend: „Sie Witzbold!“

Anscheinend muss ich meine ursprünglich positive Meinung über die neue Marketingdirektorin nochmals gründlich überdenken.

Senf & Chaos

Ich weiß nicht, ob ich es schon mal erwähnt habe, aber ich bin ein Ordnungsjünger, ein Verfechter und fanatischer Anhänger der Ordnung. Das meine ich jetzt nicht aus juristischer Sichtweise, sondern eher im symmetrischen, dem Auge gefälligen Sinne. Rechte Winkel, Abstände, Verhältnisse, Proportionen spielen in meinem Alltag eine nicht unbedeutende Rolle. Die sechs Stühle am heimatlichen Esstisch müssen sich exakt gegenüberstehen, ihr Abstand zur Tischkante sollte annähernd gleich sein (+/- 3 cm). Ein verrückter (sic!), leicht schräg stehender Sessel lässt mich nicht ruhen, ich muss von der Couch aufspringen und ihn gerade rücken. Ebenso verhält es sich mit Büchern, CDs und DVDs, die in unseren Regalen millimetergenau Rücken an Rücken Spalier stehen. Bei unserem Osterbrunch für Familie und Freunde verbrachte ich 45 Minuten damit, Teller, Gläser, Besteck, Servietten, Marmeladeschälchen, Brotkorb, Saftkaraffen und sonstiges Zubehör in eine optisch ansprechende Ordnung zu rücken, die auch praktikabel ist. Ich habe den Tisch wohl Dutzende Male um arrangiert, ehe Heidi meinen Rochaden mit den Worten „Moser, es reicht!“ Einhalt gebot.

Es versteht sich von selbst, dass auch der Schreibtisch in meinem Büro bis aufs kleinste Detail meinen hohen ästhetischen Anforderungen entspricht. Die Bleistifte sind nach Länge und Härtegrad geordnet, das Mauspad befindet sich in einem genau definierten Abstand rechtwinklig zur Computertastatur, und das silbern gerahmte Foto meiner Heidi steht in einem 45° Winkel zur unteren Schreibtischkante links vom Monitor. Auch der Inhalt der sechs Schubladen folgt einem eigens von mir entwickelten Ordnungsprinzip, das mir das Büroleben nicht nur erleichtert, sondern überhaupt erst ermöglicht.

Mein Kollege Cerny ist da aus gänzlich anderem Holz geschnitzt. Sein Schreibtisch ist das papiergewordene Chaos, das Sodom und Gomorra eines sorgfältigen Back Officers, der Super-GAU für Ordnungsfetischisten. Für Cerny mag es ordentlich sein, wenn er alle unerledigten Unterlagen auf einem Stapel sammelt, für mich bedeutet schon der Stapel an sich Unordnung. Als ich einmal wagte, ihn auf die anarchischen Zustände auf seinem Schreibtisch anzusprechen, entgegnete er mitleidig: „Ein Genie liebt das Chaos, nur der Dumme braucht Ordnung!“ „Ordnung ist das halbe Leben!“ gab ich entrüstet zurück. „Ich lebe in der anderen Hälfte“, war seine lakonische Antwort. Wie Sie sich vorstellen können, macht diese Einstellung eine friedliche Koexistenz in einem 20 m2 Büro nicht einfacher.

Letzten Donnerstag trieb es der Meisterchaot wieder mal besonders bunt. Seine braune Regenjacke landete bei der morgendlichen Ankunft völlig acht- und planlos, dem reinen Zufallsprinzip gehorchend, auf dem Garderobenhaken. Dort hing sie nun, ein Ärmel nach innen gestülpt und seltsam verdreht, wie ein verwundetes, überfahrenes Reh. Allein dieser Anblick trieb mich schon in den Wahnsinn, und es kostete mich einige Überwindung, nicht sofort zur Garderobe zu stürzen und die Jacke glatt zu streifen.  Wenig später suchte Cerny wild fluchend nach Heftklammern, riss eine Schublade nach der anderen auf und wühlte sich vergeblich durch das Tohuwabohu. Ich warf ihm ein Päckchen aus meinen sorgsam archivierten Beständen zu und lächelte: „Mit freundlichen Grüßen aus der ordentlichen Hälfte des Lebens!“

In der Mittagspause wärmte sich der werte Herr Kollege in der kleinen Etagen-Küche ein paar Frankfurter (im Rest der Welt Wiener genannt). Er hatte auch süßen Senf mitgebracht, und drückte nun einen großen braunen Haufen auf den Teller. Aber ich traute meinen Augen nicht! Cerny packte die Senftube wie einen Baseballschläger an, mit festem Griff irgendwo in der Mitte, und quetschte ohne Sinn und Verstand drauflos. Danach verschloss er die Tube mit dem kleinen grünen Schraubdeckel, und warf sie, erwürgt, ermordet und formlos, in die oberste Schublade (unterste Schublade hätte besser gepasst). Mit schreckensgeweiteten Augen und offenem Mund starrte ich Cerny an. Der fragte nur: „Was is?“ und biss in sein Würstchen. „You tube!“ stammelte ich Richtung Senf. „Kein Internet für private Zwecke!“ meinte der Kollege, schlug die Zeitung auf und legte die Beine auf das letzte freie Plätzchen seines vollgeräumten Schreibtisches.

Ich konnte dem Irrsinn nicht länger zusehen und verließ umgehend das Büro. Allerdings nicht ohne kurzen Zwischenstopp an der Garderobe, um den Ärmel von Cernys Regenjacke aus seiner misslichen Lage zu befreien. Auch wenn es zum aus der Haut fahren ist, manchmal kann man nicht aus seiner Haut.

Sternschnuppen, Teil III

Pünktlich um 6:13 trat die gute, alte Sonne ihren Dienst an, kämpfte sich tapfer aus den Dünen hoch und schickte ihre ersten, wärmenden Strahlen übers Land. Ein gewisser Ludwig Lanzengruber, der tief und traumlos im Sand geschlafen hatte, streckte seine verspannten Glieder und gähnte. Sein Mund fühlte sich so ausgedörrt an wie die Sahara selbst, und in seinem Kopf spielte eine ganze Armada von Hummeln verrückt. Er brauchte ein paar Momente, um zu realisieren, wo er war und was gestern geschehen war. Ein Lächeln, nein ein breites Grinsen überzog sein Gesicht. Er leerte die Wasserflasche mit gierigen Schlucken, dann ließ er seinen Blick über die endlosen Sandhügel schweifen und erneut durchzog dieses einzigartige Glücksgefühl seinen Körper. Ludwig packte den Rucksack und lief mit großen Schritten die Düne hinab, wo am Rande einer buckeligen Piste sein Land Rover wartete.

In der Oase befüllte er seine Wasser- und Benzinkanister, kaufte Fladenbrot und Datteln, blickte noch einmal hinüber zu den Dünen, wo ihm vielleicht so etwas wie „Gott“ begegnet war. Dann gab er Gas, Kurs Nordosten, Richtung Tunesien. Es war ein gänzlich anderer Mensch, der nun am Steuer saß. Fröhlich, fast ausgelassen, und voller Tatendrang. Die großartige Landschaft der algerischen Sahara zog am Fenster vorbei, hin und wieder kreuzte eine kleine Herde wilder Kamele seinen Weg. Kurz vor Ghudamis, der Grenzstadt zu Tunesien, standen drei Jungs mitten auf der Straße und winkten. Ludwig blieb stehen und schon standen die Burschen, vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt, französisch schnatternd am Wagenfenster. „Monsieur, Monsieur!“ riefen sie und hielten dabei wunderschön geformte, dunkelrote Steine – sogenannte Wüstenrosen – ins Innere. Er suchte sich ein besonders schönes Exemplar aus, das künftig auf seinem Schreibtisch Platz finden sollte. Den Jungs drückte er 500 Dinar in die schmutzigen braunen Finger, umgerechnet fünf Euro. Wahrscheinlich ein kleines Vermögen für sie, und sofort begannen sie lautstark gestikulierend die Scheine unter sich aufzuteilen. Lanzengruber drückte zwei Mal kurz auf die Hupe, winkte und setzte seinen Weg fort. Er fuhr entlang der tunesischen Küste über Gabes und Sfax, wo er sich ein paar Stunden am Strand und ein Bad im Mittelmeer gönnte. Dann ging es weiter Richtung Tunis, wo er mit der Fähre nach Sizilien übersetzen würde.

Und während dieser unbeschwerten Fahrt wälzte er Pläne. Zukunftspläne. Die Ideen sprudelten nur so aus ihm heraus. Eines war sicher: Das Reisebüro „Flamingo“ in seiner bisherigen Form war Schnee von gestern. Keine Pauschalreisen in irgendwelche All-inklusive-Clubs mehr, wo die Menschen mit Essen und Alkohol abgefüllt wurden, aber nichts von Land und Leuten mitbekamen. Kein Ballermann mehr mit „Deutshe Kuche“, keine Bettenburgen, keine überfüllten Strände. Lanzengruber wollte das Geschäft ganz neu aufziehen und sich auf exklusive und individuelle Reisen zu den schönsten Plätzen dieser Erde spezialisieren. Chichén Itza, die Mayaruinen auf der Halbinsel Yucatán, die Chinesische Mauer, die Felsenstadt Petra in Jordanien, der Grand Canyon, die Inka-Ruinenstadt Machu Picchu in den Anden…. und die Sahara. Die Welt war voll mit Reise-Juwelen. Er würde einen Kredit aufnehmen und das alte Geschäftslokal mit dem spröden Charme der 70er renovieren und modernisieren lassen. Auch der Internet-Auftritt musste künftig up-to-date sein, am Puls der Zeit, mit allen Schikanen. Und natürlich musste ein neuer Name her.

Während er im Hafen von Tunis auf die Fähre wartete, hatte er den entscheidenden Geistesblitz: „TRAVEL & SOUL – Reisen ist Leben“ würde der neue Laden heißen. Er würde tolle Anzeigen in Zeitungen und Reisemagazinen schalten und schon tauchten erste Ideen vor seinem geistigen Auge auf: Der Ayers Rock in Australien, bei Sonnenuntergang in orange-rotes Licht getaucht. Darüber der Slogan „Magic Moments – be part of it“, rechts unten sein neues Firmenlogo samt Internetadresse. Wie blind bin ich doch gewesen, dachte Ludwig und konnte es inzwischen nicht mehr erwarten, seine Pläne in die Tat umzusetzen.

Er fuhr den italienischen Stiefel hoch, ließ Kilometer um Kilometer auf der Autobahn hinter sich. Er war kurz vor Bologna, nur noch 550 km von zu Hause entfernt. Ein Blick auf die Armbanduhr: 23:34. In fünf oder sechs Stunden konnte er in München sein. Im Radio spielte der Oldie-Sender „Blowin´ in the wind“ von Bob Dylan, einer seiner absoluten Lieblingssongs, und Ludwig sang aus vollem Hals mit: „How many roads must a man walk down, before you can call him a man….“ Ein grünes Schild kündigte eine Raststätte in 3 km Entfernung an. Der künftige Geschäftsführer von „TRAVEL & SOUL“ überlegte, ob er sich vor der letzten Etappe noch einen Espresso und ein Sandwich gönnen sollte. „The answer my friend is blowin´ in the wind….“

Christoph Lanzengruber warf eine rote Rose auf den Sarg. „Servus Papa“, flüsterte er. „Mach´s gut.“ Dicke Tränen liefen über seine Wangen und er schämte sich nicht dafür. Als Mama damals starb, hatte er natürlich gemerkt, wie sehr der Tod seiner Frau dem Vater zusetzte. Wie jedes Leben aus ihm wich, wie er innerlich versteinerte. Doch er hatte ihn nie in den Arm genommen und getröstet, sondern sich in seinem Zimmer verschanzt und für die Schule gebüffelt – das war eben seine Art, mit dem schmerzlichen Verlust umzugehen. Und das tat ihm jetzt unendlich leid. Papa hätte ihn gebraucht, sie hätten einander gebraucht. Aber zu spät. Ein türkisfarbener LKW aus Rumänien, voll beladen mit Bauholz, durchbrach auf der Autobahn bei Bologna die Mittelleitschiene und zerquetschte kurz nach halb zwölf Uhr nachts den olivgrünen Land Rover wie eine leere Coladose. „Der LKW-Fahrer ist wahrscheinlich eingeschlafen, Sekundenschlaf“, hatte ihm die Polizei später mitgeteilt.

„Wenigstens hat er sich seinen Traum von der Sahara noch erfüllt“, dachte er. Es begann leicht zu nieseln und Christoph schlug den Kragen seines schwarzen Regenmantels hoch. Frau Wagner, ein zitterndes Häufchen Elend, hakte sich bei ihm unter und gemeinsam gingen sie langsam Richtung Ausgang.

Auf Sternschnuppen ist eben kein Verlass.

(ENDE)